Samstag, 18. Juni 2011

"Cyber-... äh, Attrappe"

"Das Internet" ist irgendwie bedrohlich. Jedenfalls, wenn es nach den öffentlichen Aussagen der meisten sich zu diesem Thema äußernder Politiker und sehr vielen Artikeln in Presse, Funk- und Fernsehen (sowie deren Internet-Ablegern) geht.

Vor wenigen Tagen wurde das deutsche Nationale Cyberabwehrzentrum offiziell eröffnet (gulli.de). Nimmt man den Namen dieser Einrichtung beim Wort, verrät sie, worum es unseren politischen Entscheidern womöglich wirklich geht. "Cyber-" leitet sich bekanntlich vom Wort "Cybernetics" ab, also der Kybernetik. Vielleicht sind es ja die Erkenntnisse etwa der Management-Kybernetik, die Politikern und Top-Managern Angst einjagen - zeigen sie doch, dass die linear-kausalen Management- und Politik-Modelle, in denen eine Organisation nach bewusst vorgefassten Plänen gesteuert wird, in Krisensituationen nicht funktionieren können. Allerdings lässt sich mit einfachen linear-kausalen Modellen, die komplexe Vorgänge auf wenige einfache Ursachen reduzieren, so schön Schuldzuweisung betreiben und Angst machen. Für den Wahlkampf, für Public-Relation und für Propaganda sind solche schlichten Modelle gut brauchbar - was so ziemlich das Einzige ist, wozu sie taugen. Kein Wunder also, dass deutsche "Entscheider" Angst vor Kybernetik haben.
Wahrscheinlicher ist aber, dass die meisten unserer "Entscheider" noch weniger von Management-Kybernetik verstehen, als vom Internet - was einiges heißen will.
Dass deutsche Politiker - vor allem die konservativen unter ihnen (also die meisten) - Angst vor allem haben, was sie nicht verstehen, und diese Ängste dann auf ihr Wahlvolk projizieren, ist unter aufmerksamen Bürgern eine Binsenwahrheit. Da heißt es: "Unsere Wähler wollen das nicht!" bzw. "Die Bürger wollen das nicht!" - seltsam nur, dass die Meinung eben dieser Bürger so wenig gefragt ist - womit ich wohl gemerkt weder Meinungsumfragen noch Volksausfragungen ("Volkszählungen") meine.

Die aus ganzen 10 Mitarbeitern bestehende Einrichtung mit dem bombastischen Namen soll sicherheitsrelevante Vorfälle im Bereich der Informationstechnologie (IT) analysieren und an Behörden und Unternehmen Empfehlungen abgeben. Ob es das überhaupt leisten kann, ist fraglich. Dr. Sandro Gaycken als ausgewiesenen Experte für IT-Sicherheit jedenfalls zweifelt am neuen Cyber-Abwehrzentrumt (tagesschau.de).
Zweifelhaft sind vor allem die Horrorszenarien von einem "Cyberterrorismus" (Innenminister Friedrich sprach einiger Zeit von "virtuellen Bomben" - was er damit eigentlich wirklich meint, ist unklar, klar ist nur, dass er für die Vorratsdatenspeicherung ist).
Es kann natürlich sein, dass der Minister keine Ahnung von dem hat, worüber er redet. Auf seine Berater und Zuarbeiter wird das allerdings nicht zutreffen. Also ist davon auszugehen, dass solche Bedrohungsszenarien die gleiche Funktion haben, wie der "Millardenmarkt Kinderpornographie" vor rund zwei Jahren - eine Drohkulisse, die so schrecklich ist, dass selbst einschneidende Eingriffe in die Bürgerrechte gerechtfertig erscheinen.

Es gehört schon ein gerütteltes Maß an Naivität und technischer Unkenntnis dazu, anzunehmen, kritische Infrastruktur - vor allem Wasserwerke und Kraftwerke - würden direkt "am Internet" hängen, und ein Hacker könne sich, wie in einem schlechten Unterhaltungsfilm, mal eben da "einhacken". Selbstverständlich sind solche Systeme autonom, und auch Stuxnet konnte nicht "übers Internet" in die Rechner iranische Atomanlagen eingeschleust werden.

Sandro Gaycken im Interview auf tagesschau.de:
Um eingebaute Sicherheitsmechanismen zu umgehen und mehrere Systeme langfristig zu stören, braucht man viele, sehr gute Experten. Man muss mit den Herstellern der Systeme oder deren Ex-Personal kooperieren, um zu verstehen, wie sie intern funktionieren. Man braucht Nachrichtendienste zur Unterstützung, weil die Systeme oft nicht am Internet hängen. Das alles sind Dinge, die organisierte Kriminelle mit viel Aufwand leisten könnten. Aber ich halte es für unwahrscheinlich, dass sie so viel Geld ausgeben würden, um in irgendwelche Kraftwerke einzubrechen. Außerdem ist ihnen das zu gefährlich. Das sind Dr. No-Erpresservisionen!
Diese realitätsfernen Dr. No-Szenarien können nur dann als Drohkulisse funktionieren, wenn die Medien brav bei der Panikmache mitziehen und, vor allem, die Bürger es nicht besser wissen. Was bekanntlich schon beim "Massenmarkt Kinderpornographie im Internet" nicht funktionierte.

Das "Cyber-Abwehrzentrum" ist meiner Ansicht nach in ersten Linie dazu da, zu demonstrieren, dass "etwas getan" wird - Aktionismus, wie Politik und Boulevardmedien ihn lieben. Ob die an die Wand gemalte Bedrohung überhaupt real ist, ist Nebensache, ob das "Cyber-Abwehrzentrum" auch etwas gegen diese Bedrohung, wäre sie dann real, ausrichten könnte, erst recht.
Eine Attrappe, die Handlungsfähigkeit vortäuscht. Handlungsfähigkeit gegen eine Bedrohung, die es in der von den verantwortlichen Politikern behaupteten Form gar nicht gibt.

Die in einem Artikel auf telepolis geäußerte Vermutung, der wirkliche Zweck des "Cyber-Abwehrzentrum" sei es, die Trennung zwischen Polizei und Geheimdiensten weiter aufzuweichen, ist meiner Ansicht nach völlig plausibel.

Außerdem sollte man nie vergessen, dass es auch in der Politik einen Placebo-Effekt gibt. Die Bundesregierung verweigert Informationen über Onlinedurchsuchung. Warum brüskiert sie das Parlament?
Die nicht nur für mich am nächsten liegende Antwort: Mit dem "Bundestrojaner" ist es gar nicht so weit her.
In allen bekannt gewordenen Fällen, etwa der Spyware des bayrischen LKAs, die alle 30 Sekunden einen Screenshot des Browsers aufnahm und übermittelte, wurde mit "konventionellen" Methoden, in diesem Fall: bereits verfügbarer Software, gearbeitet.
Ganz abgesehen davon, dass das LKA geltende Gesetze brach.
Von Experten wird bezweifelt, ob eine "echte" Online-Überwachung, d. h. ohne physischen Zugriff auf den Zielrechner, überhaupt praktisch umsetzbar wäre. Selbst wenn: es benutzt nicht jeder Windows oder ein Apple-OS, um nur das größte Hindernis für eine Online-Durchsuchung zu nennen.
Für kriminalistische Zwecke ist Spyware aller Wahrscheinlichkeit nach ineffizient und für den Masseneinsatz ungeeignet. Psychologisch wirkt die Angst davor, dass der digitale "Große Bruder" alles registriert, was ich auf meinem Rechner anstelle, allemal.

Montag, 13. Juni 2011

Gedankensplitter über NULL-Nachrichten

Wer aufmerksam die traditionellen und "neuen" Medien beobachtet, kennt sie: die Null-Nachrichten.
Null-Nachrichten sind Nachrichten über etwas, das weder neu, noch irgendwie hilfreich, noch näher besehen in irgend einer Weise sensationell wäre - aber trotzdem das Interesse vieler Menschen weckt und sich manchmal zum medialen Sturm im Wasserglas entwickelt.
Um es mit einem abgenutzten, aber treffenden Vergleich zu sagen: "Hund beißt Mann" ist keine Nachricht, "Mann beißt Hund" ist eine Nachricht und "Mann beißt vielleicht etwas, was möglicherweise ein Hund sein könnte" eine Null-Nachricht. Null-Nachrichten sind also nicht irrelevante Klatschgeschichten oder inhaltslose Pressemeldungen, sondern etwas, was auf den ersten Blick tatsächlich interessant, vielleicht sogar sensationell oder wirklich wichtig aussieht - oder wenigstens so verpackt wird, dass es interessant, sensationell oder wichtig erscheint.

Eine Beinahe-Null-Nachricht ist meiner Ansicht der Fall einer Lesbischen syrischen Bloggerin, die sich als Vierzigjähriger aus Georgia entpuppte.
Der Spruch "In the internet no one knows you are a dog" ist fast 20 Jahre alt. Wer "net-affin" ist, für den sind "Sockenpuppen", Fake-Blogs, Täuschungen und Selbsttäuschungen (wie die schier unausrottbare Story von den Heilkräutern, die die EU angeblich abschaffen will) alltägliche Erfahrungen. Daher war ich, obwohl ich die Bloggerin für authentisch hielt, auch nicht weiter schockiert oder enttäuscht, als ich erfuhr, dass sie eine Kunstfigur ist. Keine große Überraschung, keine Sensation.

Null-Meldungen sind fast immer Gerüchte und Spekulationen, die nicht mehr als Gerüchte und Spekulationen wahrgenommen werden. Eine typische Null-Meldung der letzten Wochen beruhte im Kern auf Überlegungen der Deutschen Fußball-Liga (DFL), möglicherweise Bundesliga-Spiele künftig über mobiles TV, also das Streaming im Internet und über mobile Endgeräte (iPad, iPhone) zu übertragen. Wie aus dieser "Mücke" der "Elefant" wurde, dass die ARD-"Sportschau vor dem Aus" stünde, dokumentiert Bildblog.

Ich will nicht behaupten, dass ich Null-Nachrichten immer als solche durchschauen würde.
Eine Null-Nachricht, auf die ich "anbiss", war die Nachricht, neu gefundene Dokumente könnten ein neues Licht auf die Geschichte der Raketenentwicklung in der Heeresversuchsanstalt Peenemünde auf der Ostseeinsel Usedom werfen. Neues Licht auf Rolle Wernher von Brauns?". Von Braun paktierte mit den Nazis, gilt aber als einer der größten Raumfahrtpioniere und als geistiger "Vater" der ersten Großrakete (und Terrorwaffe) A4 bzw. V2. Zwei Wissenschaftler der TU Cottbus legten in einer Pressemeldung nahe, dass von Braun vielleicht gar nicht der "geniale Konstrukteur" der V2 gewesen wäre - "ohne die genauere Erforschung vorschnell vorwegnehmen zu wollen", wie sie schreiben.

Sie stützen sich auf das Dossier Dr. Paul Schröders, eines früheren Mitarbeiters von Brauns, aus dem ihrer Ansicht nach hervorginge dass dieser bei der V2 nach einigen Misserfolgen "von jeglicher Planung ausgeschlossen war". Uta Mense, Denkmalpflegerin an der Universität, spürte die Papiere im Rahmen einer Arbeit über die frühere Heeresversuchsanstalt Peenemünde im Militärhistorischen Bundesarchiv in Freiburg auf.
Dr. Schröder war in der" Heeresversuchsanstalt Peenemünde" als Mathematiker an der Entwicklung der Flugsteuerung beteiligt. Anfang der 50er-Jahren wandte er sich mit dem Schriftsatz in den USA an die Presse und an Regierungsstellen, um, wie es in der Pressemeldung heißt"
die US-Behörden auf diverse Inkompetenzen des ehemaligen Technischen Direktors aus Peenemünde aufmerksam machen wollen, weil seiner Ansicht nach die Weiterentwicklung der Raketentechnologie in den USA behindert wurde
Warum sprach ich auf diese Meldung an, und hielt sie für substanziell und wichtig?
Für "wichtig" hielt ich sie grundsätzlich schon deshalb, weil ich mich für Raumfahrt, und für Technikgeschichte interessiere.
Der zweite Grund lag darin, dass Wernher von Braun eine der ambivalentesten Konstukteure in der an ambivalenten Charakteren nicht eben armen Geschichte der Großraketen ist. Ich traue "des Teufels Ingenieur" buchstäblich alles zu, während ich bei einem integeren Forscher oder Konstrukteur sofort vermutetet hätte, dass Dr.Schröder ihn nur anschwärzen wollte.
Drittens war von Braun am größten Verbrechen der Menschheitsgeschichte beteiligt und profitierte von ihm - ohne Zwangsarbeiter schon in der A4-Vorserienproduktion, ohne die sich zu Tode schuftenden Sklavenarbeiter in der unterirdischen Waffenfabrik hätten die A4 nicht gebaut werden können.
Viertens, und am wichtigsten, war er eine Schlüsselfigur sowohl für die Entwicklung für die militärischen Großraketen der USA wie für die Raumfahrt der USA gewesen. Denkt man sich von Braun aus der Geschichte des 20. Jahrhunderts weg, wäre sie anders verlaufen.
Der fünfte Grund, dass es mich erstaunte, dass es über Wernher von Braun überhaupt noch neue wichtige Erkenntnisse geben könne, ist dagegen eher eine meine Neugier verstärkender Faktor.

Wieso ist die Nachricht über den angeblich jahrelang von jeder technischen Entwicklung ausgeschlossenen Wernher von Braun in Peenemünde eine Null-Nachricht? Weil das, was von ihr neu ist, reine Spekulation auf extrem wackeliger Grundlage ist.

Schon der Umstand, dass gemäß Michael Neufelds anerkannter und gründlichen Biographie von Brauns, "Wernher von Braun: Visionär des Weltraums - Ingenieur des Krieges (Rezension in der "Welt", Rezension von Dr. Stefan Schulze, Rezensionen auf Buch.de) Dr. Schröder von Braun für arrogant und anmaßend, von Braun dagegen den Mathematiker für unerträglich pessimistisch hielt, und Schröder mit Billigung des Leiters der Heeresversuchsanstalt, Dornberger, 1939 abschob, weckt Misstrauen an Dr. Schröders Darstellung.

Entscheidend ist aber Dr. Schröders Darstellung der Dissertation Wernher von Brauns: Sie bestünde aus einer "Bildersammlung" sowie einem Text, der "etwa dem Niveau eines Studenten im zweiten Semester entspricht". Man habe dem Kandidaten dafür den Doktor der Philosophie verliehen, nicht den für Naturwissenschaften. Den Doktorgrad habe von Braun allein den guten Beziehungen seiner Familie zu verdanken.

Wernher von Braun promovierte 1934 in der Tat zum Dr. phil. (ein Titel, der bis heute noch an einige Universitäten auch für Doktoren der Naturwissenschaften vergeben wird) bei Erich Schumann, Ordinarius und Direktor des Zweiten Physikalischen Institutes der Universität Berlin und Karl Becker, Honorarprofessor für den Bereich Wehrwissenschaft an der Universität Berlin und ordentlicher Professor für Technische Physik an der TH Charlottenburg (heute Technische Universität) Berlin. Seine Dissertation Konstruktive, theoretische und experimentelle Beiträge zu dem Problem der Flüssigkeitsrakete war zwar in Nazideutschland Geheimsache, wurde nach dem Krieg aber publiziert, in Deutschland 1959 bei der "Deutsche Gesellschaft f. Raketentechnik u. Raumfahrt e.V." als Sonderheft der Fachzeitschrift "Raketentechnik und Raumfahrtforschung". 2007 erschien ein Reprint beim Elbe-Dnjepr-Verlag, ein Faksimile der Dissertation als pdf kann nach vorheriger Anmeldung von der Website Aggregat 2 des
"Sächsisches Verein für historisches Fluggerät e.V." heruntergeladen werden.
Ich kann also selbst nachsehen, ob von Braun tatsächlich eine "Dünnbrettbohrer-Diss" ablieferte, wie Dr. Schröder behauptete.

Von Braun mit "cum laude" benotete Dissertation hat in der Zeitschriften-Ausgabe einen Umfang von 48 Seiten, das Typoskript ist ca. 150 Seiten lang. Das mag wenig erscheinen, ist ist bei Arbeiten der Experimentalphysik allerdings keineswegs ungewöhnlich. Von einer "Bildersammlung" kann schwerlich die Rede sein, es sei denn, man nennt die seitenlangen Diagramme und Formeln so. Mir jedenfalls vermittelt sie den Eindruck einer typischen Dissertation im Bereich der experimentellen Naturwissenschaft, wo die Arbeit in erster Linie im Labor oder auf dem Prüfstand, und nicht am Schreibtisch geleistet wird.
Soweit ich es beurteilen kann, leistete von Braun echte Pionierarbeit. Er kannte und zitierte zwar die theoretischen Vorarbeiten Hermann Oberths, aber sonst war er bei seiner Arbeit auf sich und seine unmittelbaren Mitarbeiter gestellt. Es gibt zwar noch die entfernte Möglichkeit, dass jemand anders für ihn die Arbeit gemacht hat, aber 1934 gab es auf der ganzen Welt nur eine handvoll Menschen, die dazu überhaupt in der Lage gewesen wären.
Promotionsbetrug ist also extrem unwahrscheinlich, und eine "Arbeit auf dem Niveau eines Studenten im zweiten Semester" ist sie nun wirklich auch nicht. Vielleicht vermisste Dr. Schröder als Mathematiker bei den Differenzialgleichungen die mathematische Eleganz - Mathematiker halten Physiker, vor allem Experimentalphysiker, in dieser Hinsicht bekanntlich gern für schludrig und unbeholfen. Vielleicht meinte er ja, dass die verwendete Mathematik von Mathe-Studenten spätestens nach dem zweiten Semester beherrscht würde. Für erheblich wahrscheinlicher halte ich es, dass Dr. Schröder die Arbeit Dr. von Brauns nie selbst gelesen hatte, was, da er ja als Steuerungsfachmann arbeitete, und sein Fachgebiet die in von Brauns Dissertation untersuchten Verbrennungsvorgänge in Raketentriebwerken nur am Rande berührte, nicht verwunderlich wäre.

Dr. Paul Schröder hat, was die Dissertation von Brauns angeht, also gelogen oder, was auch nicht viel besser ist, aufgrund von Gerüchten drauflos spekuliert, was kein gutes Licht auf ihn wirft!

Eine weitere Unstimmigkeit ist, dass der Projektleiter Walter Dornberger von Braun jahrelang alle Kompetenzen entzogen hätte. Schröder schließt das aus der angeblichen Abwesenheit von Brauns bei wichtigen Sitzungen. Allerdings gehörte Schröder nach 1939 nicht mehr zum Entwicklungsteam, konnte also gar nicht aus erster Hand wissen, an welchen Sitzungen von Braun, immerhin technischer Direktors der Versuchsanstalt, seitdem teilnahm.

Was von der "Sensation" bleibt, sind altbekannte Tatsachen. Von Braun war kein herausragender Experte, kein Spitzenwissenschaftler oder -techniker auf einem bestimmten Gebiet. Er war Generalist, ein technischer Manager, der den Überblick über das Projekt behielt und Detailfragen delegierte. Es ist also nichts Besonderes, wenn er sich auf dem Gebiet etwa der Steuerung weit weniger gut auskannte als seine Mitarbeiter. Ich könnte mir sogar vorstellen, dass von Braun von seinem Vorgesetzten und Freund Dornberger zurückgepfiffen wurde, weil er dazu neigte, sich zu viel um technische Details zu sorgen. Es ist eine erst recht banale Feststellung , dass von Braun Fehler machte und Irrwege (auch technische, politische und ethische sowieso) einschlug.
"Niemand hat behauptet, von Braun hätte die Flüssigkeitsrakete erfunden oder die V2 allein entwickelt."
Jesco von Puttkamer in Dieser Mann - ein Schwindler? ("Die Welt").

Der Archivfund von Schröders Dossier ist eine zeitgeschichtliche Marginalie. Die Geschichte der V-Waffenentwicklung muss nicht einmal in Details nicht neu geschrieben werden.

Samstag, 11. Juni 2011

Baureihe 23 - oder: die Lokomotive der Rätsel

Roger Murmann besuchte The original Darmstädter STEAMpunk-Convention. (Bei viel Steam ging da echt der Punk ab... :-) )
Das gerade 35 gewordene Eisenbahnmuseum Kranichstein birgt eine Lokomotive, die bei Science-Fiction-Fans ein wissendes Lächeln, und bei Verschwörungstheoretikern ein eiskaltes Gefühl in der Magengrube hervorruft - die (Trommelwirbel):
ILLUMINATISCHE ANTWORTLOK:
Steam Locomotive # 23 042
Während es bei den "Einheitsdampflokomotiven" der deutschen Bahnen immer nur eine Baureihe 01, 03, 24, 43, 50 usw. gab, gab es gleich drei sehr ähnliche, aber sich in technischen Details unterscheidende deutsche "Einheitslokomotiven" BR 23.

Noch seltsamer mag es erscheinen, dass die unmittelbare Vorgängerin der Baureihe 23 die Baureihe 38 (Ex-preussische P 8) war. Schließlich wurden die letzten 23er und 38er fast gleichzeitig Anfang der 70er Jahre außer Dienst gestellt - die "Vorgängerin" fuhr also so lange wie ihre "Nachfolgerin".

Die ursprüngliche Baureihe 23 der Deutschen Reichsbahn war eine Einheitsdampflokomotive, die als Ersatz für die Preußische P 8 von den Schichau-Werken konzipiert wurde. Das schreibt sich einfach dahin, tatsächlich war es gar nicht so einfach, eine Dampflokomotive zu konstruieren, die der P8 überlegen war. Die P8, genannt "Mädchen für alles", war eigentlich eine Personenzuglok, zog aber in der Praxis so ziemlich alles, außer den wirklich schnellen Schnellzügen und den ganz schweren Güterzügen. Außerdem war die P 8 eine sehr sparsame und robuste Maschine, die einfacher zu warten, zu reparieren und zu fahren war als vergleichbare Lokomotiven.
Daher ist es nicht erstaunlich, dass Friedrich Witte schon 1937 bei den ersten Entwürfen für die Baureihe 23 eine Lokomotive mit der Achsfolge 1'C1' und Verbrennungskammerkessel anstrebe. Der Entwurf wurde jedoch von seinem Vorgesetzten Richard Paul Wagner abgelehnt.
Da Wagner sein Amt als Dezernent für die Bauart der Dampf- und Motorlokomotiven im Reichsbahn-Zentralamt wie ein "kleiner Diktator" ausübte, und, trotz allen Charmes, der ihm nachgesagt wurde, abweichende Ansichten von Untergebenen und Kollegen nicht ertrug, ist das nicht weiter erstaunlich. Von Reichsbahndezernent Wagner wird berichtet, dass er in den 1930er Jahren die Technik eines Lokomotiventwurfes einer deutschen Lokomotivfabrik nach dem Vorbild des "Großmeisters des Dampflokomotivbaus" André Chapelon, als "eines deutschen Ingenieurs nicht für würdig" befand. Ob das daran gelegen hat, dass Chapelon Franzose war, oder daran, dass Wagner, als Theorieverächter, den ausgefeilten thermodynamischen Berechnungen nicht traute, oder er es einfach nicht möchte, wenn Maschinen anders konstruiert wurden, als er es für richtig hielt, ist fraglich. Wagner war wahrscheinlich auch deshalb so engstirnig, da er offensichtlich mehr an Macht als an Technik interessiert war - womit er "hervorragend" in diese Zeit passte. Sein Nachfolger, Witte, war zwar auch machtbewusst und nazi-freundlich, allerdings eher vom opportunistischen Typ, und hatte, zumindest was die technische Seite betraf, einen weiteren Horizont.

Zurück zur 23. Auch wenn Witte sich mit seinem Verbrennungskammer-Kessel nicht durchsetzte, erhielten die beiden Prototypen der 23 die Achsfolge 1'C 1', was bessere Laufeigenschaften als bei der "ruppigen" und bei Rückwärtsfahrt ausgesprochen unruhig laufenden P8 sicherstellte. Sie erhielte den gleichen Kessel und den gleichen Tender wie die parallel entwickelte Güterzuglok der Baureihe 50 und hatte auch sonst viele konstruktive Gemeinsamkeiten. Es bliebt aber bei den 1941 gebauten beiden Prototypen. Es war zwar geplant 800 Lokomotiven anzusschaffen, aber im Zweiten Weltkrieg hatten die für den Nachschub wichtigen Güterzugloks absoluten Vorrang.

Die Konstruktion der Lokomotiven diente nach dem Krieg als Grundlage für die ebenfalls als Baureihe 23 eingeordneten Neubaulokomotiven der Deutschen Bundesbahn und der Deutschen Reichsbahn der DDR. Damit stellt sich ein weiteres Rätsel: Wieso wurden zu einer Zeit, als es schon leistungsfähige Dieselloks gab, noch neue Dampflokomotiven gebaut?

Obwohl fast die Hälfte des rollenden Materials der Reichsbahn in der Kriegs- bzw. unmittelbaren Nachkriegszeit verloren ging, hatte die Deutsche Bundesbahn bei ihrer Gründung zwar, wegen des "Übergangs-Kriegslok-" und "Kriegslok-"Bauprogramms, ausreichend viele relativ neue Güterzuglokomotiven. Da viele hochwertige Lokomotiven aus den ostdeutschen (heute polnischen) Bahnbetriebswerken nach Westdeutschland verbracht worden waren, und auch Loks aus der späteren sowjetischen Besatzungszone vor der vorrückenden Roten Armee "in Sicherheit" gebracht wurden, gab es auch ausreichend viele Schnellzuglokomotiven - ausreichend wenigstens für den geringen Bedarf der Nachkriegszeit.
Nach dem Krieg musste man mit dem leben was man hatte, außerdem war die Neuentwicklung von Lokomotiven gemäß den Bestimmungen des Potsdamer Abkommens eingeschränkt, und so wurden neue Lokomotiven in Deutschland erst Ende der 1940er / Anfang der 1950er Jahre konstruiert, als an sich schon abzusehen war, dass die Dampflok keine große Zukunft mehr haben würden. Da aber die Elektrifizierung auch nur der Hauptstrecken auch unter günstigen Voraussetzungen Jahrzehnte dauern würde (tatsächlich ist sie selbst heute noch nicht ganz abgeschlossen), und da die "heimische Kohle" als einziger sicher verfügbarer Energierohstoff galt, rechnete man bei der jungen Bundesbahn noch damit, dass neu gebaute Dampfloks noch die bei der Konstruktion zugrunde gelegte Nutzungsdauer von 40 Jahren überstehen würden.
Was der Bundesbahn 1949 vor allem fehlte, waren vielseitige Personenzuglokomotiven - sie fehlten so sehr, dass sogar an einen Nachbau der alten P8 nachgedacht wurde. Daher wurde die BR 23 wieder aktuell.
Die Baureihe 23 der Deutschen Bundesbahn, zu der die illuminatische Antwortlok gehört, stammte allerdings nicht direkt von der BR 23 der Reichsbahn ab. Friedrich Witte, der 1948 die Leitung der Lokomotivbau- und Einkaufsabteilung der Bahn in den westlichen Besatzzungszonen übernahm (ab 1949 Deutsche Bundesbahn) setzte weitgehend "seine" Bauform mit geschweißtem Hochleistungskessel und Verbrennungskammer durch, die er bereits 1937 geplant hatte. Dank des effizienteren Kessels war die neue BR 23 um 300 PSi stärker als die alten Prototypen, bei etwa dem gleichen Brennstoffverbrauch.
Ab 1950 wurden 105 Lokomotiven der neu konstruierten Baureihe gefertigt. Das Fahrzeug mit der Betriebsnummer 23 105 war im Dezember 1959 die letzte Dampflok, die bei der Deutschen Bundesbahn ihren Dienst aufnahm.
Grundsätzlich war die 23 für den mittelschweren Personenzug- und den leichten Schnellzugdienst konzipiert - was man schon an der Größe der Räder, die für die Beschleunigung eines schweren Güterzuges nicht optimal wären, sehen kann. Wie ihre "Vorgängerin", die P8, war sie trotzdem "Mädchen für alles", allerdings war die Zughakenleistung der moderneren Lok mit 1480 PSe um mehr als 50 % höher als bei der P8, was die 23 noch vielseitiger machte.
Typischerweise zog die BR 23 Nahverkehrs- und Eilzüge, aber auch Postzüge und Leichtgüterzüge im Stückgut-Schnellverkehr ("Leig-Einheiten") gehörten zu ihrem Einsatzgebiet. In den 1950er Jahren wurde sie sogar planmäßig vor hochwertigen Fernschnellzügen eingesetzt. Ebenfalls planmäßig wurden die "23er" vor einem Schnellgüterzug aus Bremerhaven, dem "Fischzug", ab Würzburg als Vorspann vor Loks der Baureihe 50 eingesetzt.
"Unplanmäßig", dass heißt, beim Ausfall der regulären Loks, konnte man die "23er" noch in den 1960er Jahren vor D-Zügen sehen. Nach Angaben ehemaliger Mitarbeiter des Bahnbetriebswerks Kaiserslautern wurden noch um 1970 die Pariser Schnellzüge zwischen Kaiserslautern und Frankfurt/Main durch das Alsenz- und Nahetal mit "23ern" befördert, wenn die planmäßigen Dieselloks der Baureihe 220 (V 200) "mal wieder" ausgefallen waren. Trotz Ihrer relativ geringen Höchstgeschwindigkeit von 110 km/h hätten die Dampfloks dabei problemlos die planmäßigen Fahrzeiten halten können. Das muss kein "Bahnerlatein" sein, denn einerseits konnten die 23ern durch ihre gute Beschleunigung einiges wettmachen, anderseits waren die Leistungsreserven dieser Loks, wenn Lokführer und Heizer ihr Handwerk verstanden, groß genug, um deutlich schneller fahren zu können, als offiziell möglich war.
Anders als der unproblematische Kessel der P8 brauchte der Hochleistungskessel der 23er sorgfältige und erfahrene Heizer - weshalb es mit diesen Loks durchaus auch Probleme gab. Vor allem aber brauchte die 23er den richtigen Brennstoff, wenig schlackende Steinkohle, während die P8 notfalls so ziemlich mit "allem, was brennt", betrieben werden konnte (die minderwertige Braunkohle, "Blumenerde", auf die die Reichsbahn der DDR zurückgreifen musste, verlangte dem Heizer allerdings körperliche Höchstleistungen ab - der konnte kaum so schnell schaufeln, wie die Feuerung die Kohle weg fraß). Eine weitere "Macke" der 23er war ihr störanfälliger neu entwickelter Heißdampfregler. Nach dem Einbau von bewährten Nassdampfreglern erwies sich die BR 23 als sehr zuverlässig.

Gegen Ende ihrer Nutzungszeit wurde die 23, die ab 1968 mit der Einführung des neuen Baureihenschema der DB im Januar 1968 die Baureihennummer 023 trug, häufiger vor Güterzügen eingesetzt. Auch in diesem Einsatzgebiet schaffte die Lok "Heldentaten", für die sie eigentlich nicht konstruiert worden war, z. B. diese (nach Ebel, Die Neubau-Dampflokomotiven der Deutschen Bundesbahn, Kohlhammer, 1982): Die Strecke vom Ruhrgebiet zum "Eisenerz-Hafen" Emden war bis 1972 nur bis Münster-Nevinghoff elektrifiziert. Ein 200-achsiger leerer Zug aus Erzwagen stand am 21.2.1971 zur Weiterbeförderung nach Emden bereit, die planmäßige schwere Güterzuglok der Baureihe 043 hatte Überhitzerschaden. In Münster stand nur noch eine 023 bereit. Kurzfristig entschied man sich, dass die 023 102 den Erzzug - der mit ca. 1100 t auch leer "an sich" viel zu schwer für die Personenzuglok war - nach Rheine, wo eine schwere Güterzuglok bereit stand, bringen, dann nach Münster zurückfahren und ihren planmäßigen Personenzug nach Emden übernehmen sollte.
Nachtrag: die BR 23 war dafür konstruiert, einen 600 t schweren Zug in der Ebene mit 110km/h zu befördern, und keineswegs für einen 1100 t-Zug bei 60 km/h (was rechnerisch die gleiche Leistung "am Haken" erfordert).
Die 023 102 hatte offensichtlich einen Könner an den Reglern: die Lok setzte den aus 50 schweren Fad-Waggons bestehenden Zug langsam und ohne Schleudern (Durchdrehen der Antriebsräder), was wohl das Liegenbleiben bedeutetet hätte, in Bewegung. Zwei Stunden später war 023 102 wieder in Münster, um den planmäßigen Personenzug zu übernehmen. Probleme hat es also anscheinend nicht gegeben. Wenn ich von solchen "Heldentaten" höre oder lese, kann ich die nostalgischen Stoßseufzer älterer Bahnkunden angesichts wegen eher banaler Störungen ausgefallener Züge gut verstehen.

Obwohl sich also die Lokomotiven der Baureihe 23 gut bewährten, blieben sie nur wenig länger als die "alten Preußinnen" P8 im Dienst, die sie eigentlich ablösen sollten. Der Traktionswandel hin zu Diesel und Elektroloks ging, dank "Wirtschaftswunder" und damals billigem Öl schneller vonstatten, als 1949 vorhergesehen werden konnte. Zuletzt waren die Lokomotiven in den Bahnbetriebswerken Crailsheim, Saarbrücken und Kaiserslautern beheimatet. Der planmäßige Einsatz endete am 27. September 1975. Als letzte Lokomotive wurde im Dezember 1975 die 23 058 im Bw Crailsheim ausgemustert - nur ziemlich genau 13 Jahre nachdem die letzte 23 in Dienst gestellt worden war.

Auch wenn es hier schwerpunktmäßig um die 23er der Bundesbahn geht, soll ihr Gegenstück bei der Reichsbahn der DDR nicht vergessen werden. Tatsächlich wurde die DR-Baureihe 23.10 mit 113 Exemplaren etwas häufiger gebaut und war deutlich länger im Dienst (bis 1991) als die "West-23er".
Die 23.10 der DR wurde ab 1955 gebaut. Anders als die 23 der DB stammt die 23.10 direkt von den Prototypen der 23 der Vorkriegs-Reichsbahn ab und hat deren Abmessungen, technisch weist sie aber viele Parallelentwicklungen zur Schwesterbaureihe der Deutschen Bundesbahn auf. Wie diese hat sie z. B. einen geschweißten Blechrahmen (statt des geschmiedeten Barrenrahmens der Prototypen), einen geschweißten Hochleistungskessel mit Verbrennungskammer und ein nach ergonomischen Grundsätzen neu gestaltetes Führerhaus. Anders als bei der BR 23 der DB wurden ihre Feuerung und ihr Kessel für die in der DDR notgedrungen verwendete Braunkohle optimiert - was bedeutet, dass sie, wie die meisten Maschinen mit Neubaukesseln aus DDR-Produktion, mit hochwertigen Brennstoffen (Steinkohle oder Ölfeuerung) wahre "Dampfleistungsungeheuer" sind. Regulär erbrachte die 23.10 eine induzierte Leistung von 1.250 kW (gegenüber 1.312 kW induzierter Leistung der DB 23), mit hochwertiger Feuerung soll die "Ostlok" jedoch die stärkere sein.
Die 23.10 war ebenfalls eine sehr vielseitig eingesetzte Maschine, die im Laufe ihrer Einsatzzeit praktisch alles zog, was sie ziehen konnte. In der Regel zog sie etwas "hochwertigere" Züge als die DB 23er, ihr Einsatzschwerpunkt war der leichte bis mittelschwere Schnellzugdienst.
Eigentlich sollte die ab 1970 auf die Betriebsnummern 35 1001–1113 umgezeichneten Lokomotiven 1977 abgestellt werden, aber die Ölkrise sorgte dafür, dass einige Loks bis 1985 eingesetzt wurden. Ab dieser Zeit bleib die 35-1113 als Traditions- und Reservelok im Dienst, bis sie 1991 offiziell außer Dienst gestellt wurde.


23042 wird umgespannt. Kamera: Londo42

Ganz interessant, aber wenig rätselhaft ist vielleicht der "Lebenslauf" der 23 042.
Die 23 042 wurde bei Henschel in Kassel gebaut und am 21.12.1954 beim Betriebswerk Mön­chengladbach in Betrieb genommen. Bis 1965 war sie dort im Personen- und Eilzugdienst eingesetzt. Bei einer Ausbesserung im Ausbesserungswerk Nied erhielt sie 1964 den Tender der 23 034. Von 1965 bis 1971 war die 23 042 im Betriebswerk Bestwig beheimatet. Im Ausbesserungswerk Trier wurde ihr der auf Nassdampfregler umgebaute Kessel der bereits verschrotteten 23 043 eingebaut. In Crailsheim bis 1975 im Personenzugdienst eingesetzt. Am 25.10.1975 fuhr sie mit eigener Kraft ins Museum nach Darmstadt-Kranichstein, wo sie noch heute beheimatet ist. Bei der Deutschen Bundesbahn hatte sie bis dahin 1.580.000 km zurückgelegt. Nach längerer Standzeit wurde sie im Jahre 2005 mit Hilfe der Eisenbahnstiftung Joachim Schmidt wieder betriebsfähig hergerichtet.

Übrigens: Die 23 042 bietet auch etwas für Fantasy-Freunde.

Montag, 30. Mai 2011

Hobbys und Amateurpsychologen

Es gibt Hobbys, über die es viele Klischees und Vorurteile gibt. Das wäre nicht weiter der Rede wert, wenn nicht diese Klischees und Vorurteile nicht diversen Amateurpsychologen Anlass gäben, messerscharf zu erkennen, welche tieferen Gründe ansonsten doch ganz vernünftige Menschen dazu veranlassen würde, sich auf so merkwürdige Art die Zeit zu vertreiben. Und natürlich haben solche Schlüsse gar nichts mit Vorurteilen gegenüber den so charakterisierten Menschen zu tun! Man wisse doch genau, dass (hier die bevorzugte pop-psychologische Annahme einsetzen).

Was beim streichholzschachtelettikettensammelnden Großvater, der spinnenden (gemeint ist Wolle MM) Nachbarin oder dem seine Wochenenden als Ork verkleidet auf LARP-Events verbringenden Arbeitskollegen gilt, dass gilt auch z. B bei Politikern: sagt mir, welches Steckenpferd ein Minister reitet, dann sag ich dir, wie er z. B. zur Vorratsdatenspeicherung steht! (Eher ist der umgekehrte Schluss zulässig: Datenspeicher-Fans dürften in den seltensten Fällen einem Hobby nachgehen, das mit Computern und diesem Internetzdingens zu tun hat.)

Die Hobbys analysierenden Hobby-Psychologen dürften einer der Gründe sein, wieso Personalberater empfehlen, auf die Nennung von "Hobbys" im bei Bewerbungen zu verzichten. Auch wenn Nina Anika Klotz auf FTD.de ganz richtig feststellt, dass solche Angaben oft nichtssagend (Reisen, Lesen, Sport - gähn!) oder gelogen sind. Sie macht sich in ihrem Artikel Stirb, Steckenpferd, stirb! Gedanken darüber, wieso anscheinend immer weniger Deutsche ein klassisches Hobby (Kürbisse züchten, Buddelschiffe bauen, Mineralogie ... ) haben.
Die These: "Neue Medien" ersetzen traditionelle Hobbys. (Oder, so verstehe ich es: die Leute haben heute oft andere Hobbys als früher. Welche Überraschung - ich hätte noch von 15 Jahren schwerlich Blogger sein können.)
Nebenbei zeigt der Artikel, dass sogar richtige Psychologen nicht über die oben erwähnte vorurteilsgestützte Küchenspsychologie erhaben sind. Psychologe Peter Zellman findet:
"So gut war das Hobby früher ja nicht, es hat sehr viel Zeit in Anspruch genommen. Eigentlich war es ein Abkapseln. Sich Zeit für ein Hobby zu nehmen hatte etwas Egoistisches und Egozentrisches." Viele Familien und Freundschaften seien an übertriebenem Zeitaufwand für das Hobby zerbrochen.
Da stellen sich natürlich die Fragen: a) ob solche Besessenheit von einer Freizeitbeschäftigung wirklich oft vorkam, b) ob nicht "Workoholics", die keine Hobbys, sondern nur ihre Arbeit kennen, nicht mehr Familien und Freundschaften auf dem Gewissen haben, und c) moderne Freizeitbeschäftigungen wirklich in dieser Hinsicht harmloser sind als Briefmarkensammeln oder Modellbahnen. Facebook-Profile pflegen soll immerhin geselliger als die Spielerei mit einer Märklin (Schleichwerbalarm!) sein.
Wenn Modellbahnspielen ein ungeselliges Hobby ist und auf die Dauer in die Selbstisolation führt - wozu gibt es die vielen Modellbahnclubs, Modellbahnerstammtische, Modellbahnforen - und inzwischen auch Modellbahngruppen auf Facebook?

Ich bin selbst kein Modellbahner (jedenfalls nicht mehr), kenne aber welche und könnte mir gut vorstellen, diesem Hobby nachzugehen.

Wahrscheinlich, weil ein Hobby wie Modelleisenbahn mit so vielen küchenpsychologischen "Erkenntnissen" besetzt ist (wahrscheinlich haben nur die Computerspieler mit mehr "psychologischen" Klischees über sie zu kämpfen), wählte René Pfister in seiner Reportage über Horst Seehofer dessen Modellbahnanlage als Einstieg. (Das soll kein Einstieg über einen weiteren überflüssigen Kommentar zu fiktiven Elementen in Reportagen sein - bliebe es dabei immer bei Modellbahnen, die der Reporter nie selber sah, wäre es um den Journalismus erheblich besser bestellt.) Seehofer hat also einen "Spieltrieb" und "Lust am Herrschen". Letztere Aussage ist klassische Hobby-Psychologie oder wäre es, wenn man Seehofer nicht ohnehin als sehr machtbewussten Politiker kennen würde. Ein anderes, weit verbreitetes Modellbahner-Klischee, nämlich, dass Menschen, die an Modelbahnanlagen basteln, sich in eine selbst geschaffene heile Welt zurückziehen würden, trifft auf den bayrischen Ministerpräsidenten eher nicht zu.

Ich finde es ist manchmal erstaunlich, wie sehr anpsychologisierte Erklärungen für eine bestimmte Eigenart von Hobbyisten selbst nahe liegenden anderen Erklärungsmodellen vorgezogen werden. Es wirkt richtig erfrischend, wenn ein Modellbahner in seinem Blogs auf die Frage, wieso die Modellbahnbranche in Schwierigkeiten steckt, ganz pragmatische und nachvollziehbare Gründe nennt, anstatt lang und breit über Mentalitätswandel, Wertewandel oder sonst einen -wandel zu räsonieren.
Eine - anscheinende - "Binsenwahrheit" kommt aber auch in diesem Artikel vor: Die "Epoche III" (vom Ende des 2. Weltkriegs bis 1968 oder 1970 in der ehemaligen DDR und in Österreich und der Schweiz) hat den größte Anteil an Modellbahnen in Deutschland, da das die Zeit wäre, in der die meisten Modellbahner ihre Kindheit hatten.
Es ist wahrscheinlich etwas an der Vermutung dran, dass viele Modellbahner ihre Kindheitserinnerungen nachspielen. Aber sie ist nicht die ganze Wahrheit. Auch meine Modellbahn, die ich als Jugendlicher besaß, war eine "Epoche III"-Bahn - was auch daran lag, dass diese Epoche noch nicht lange vorbei war, als ich meine erste Lok zu Weihnachten geschenkt bekam. Der Hauptgrund war aber, dass ich gern sowohl "nostalgische" Dampfloks wie Loks wie jene, die ich selbst am Bahnhof "in echt" zu sehen bekam, auf meiner Anlage haben wollte. Anfangs störten mich Anachronismen wenig, als ich ansatzweise begann, mich darum zu kümmern, stellte ich fest, dass bis auf einige Container-Wagen mein "rollendes Material" mit einigen kleinen Kompromissen (Beschriftung) recht gut in die Epoche III passen würde - wobei allenfalls meine frühe Kindheit in diese Zeit fällt.
Wäre ich beim Modellbahnhobby geblieben, wäre ich wohl auch bei Epoche III geblieben. Und warum nicht? Immerhin war das die Zeit, in der alle drei Traktionsarten (Dampf-, Elektro-, Dieselloks) nebeneinander bestanden. In der Epoche II gab es noch praktisch keine Dieselloks, in der Epoche IV nur noch einige Jahre einige wenige Dampfloks. Die Typenvielfalt war sehr groß - in Epoche IV setzte eine "Flurbereinigung" der Baureihen ein, aus Rationalisierungsgründen wurden "Splitterbaureihen", auch wenn sie noch recht neu waren, ausrangiert. Es gab noch viele Nebenbahnen, ein dankbares Thema für Modellbahnen (das betrifft mehr die "Westbahner" wie mich, bei der Deutschen Reichsbahn der DDR gab es kein so einschneidendes "Nebenbahnsterben" wie bei der Deutschen Bundesbahn).
Würde ich heute wieder mit dem "Modellbahnen" anfangen, würden mich auch die Epochen VI mit den ganz modernen Zügen und I - die Länderbahnzeit vor 1923 - reizen. Hingegen wäre die Epoche IV, in die der größte Teil meiner Kindheit und Jugend fällt, für mich wenig attraktiv.

Zurück zum Thema: Ich habe mich oft darüber geärgert, wenn ich als Science-Fiction- und Fantasy-Fan als "unreifer Spinner" bezeichnet wurde, und mir andererseits anhören musste, dass Maler und Zeichnen doch typische "Rentnerhobbys" seien. Diesen und ähnlichen "Menschenkennern" widme ich diesen Artikel!

Samstag, 21. Mai 2011

Es sind keine Zufälle!

Wie langjährigen Lesern meines Blogs bekannt sein dürfte, habe ich für "Verschwörungstheorien" nichts übrig.
Das heißt aber noch lange nicht, dass ich Vorfälle wie diese: Tödlicher Schuss im Jobcenter (Süddeutsche.de) für eine reine Verkettung unglücklicher Umstände halten würde.
Es gab schon viele Fälle, denen Jobcenter-"Kunden" durchdrehten und gewalttätig wurden bzw. "amokliefen". Tatsächlich wundert es mich eher, wie wenig eigentlich in Jobcentern passiert.
Polizisten, die auf fatale Weise falsch reagieren - hätte die Angreiferin nicht anders gestoppt werden können, als mit einem tödlichen Schuss? - gibt es auch nicht gerade selten.
Wobei: unter Umständen könnte es sogar verständlich sein, dass die Polizistin geschossen hat. Nicht bestreiten will ich, dass die Situation war für den angegriffenen Polizisten gefährlich war.
Der Skandal ist, dass die Situation überhaupt so weit eskalieren konnte. (Und damit fordere ich jetzt nicht, dass Jobcenter-“Kunden“ künftig einem Sicherheits-Check im Flughafen-Stil unterworfen werden sollten – dieser Vorschlag kommt garantiert.) Leider überaus typisch war der Grund des Streites. Die Nigerianerin wollte eine Barauszahlung, der Sachbearbeiter bestand auf einer Überweisung. Eine gesetzlich zulässige Barauszahlung hätte die Situation deeskaliert - es ging um ganze 50 Euro - und vermutlich ein Menschenleben gerettet.
Ich verstehe auch nicht, warum die Polizisten auf die Angabe der Personalien bestanden, nachdem die Frau ausgerastet war, denn die Identität der Frau war im Jobcenter bekannt. Ja, ich weiß, solche Fragen sind reine Routine. Allerdings dachte ich bisher, dass Polizisten eigentlich wissen müssten, dass sie mit solchen Fragen einen Menschen, der buchstäblich von Sinnen ist, nur in die Enge treiben und die Rage geradezu anheizen.

Das Problem liegt in der Struktur des Betriebes "Jobcenter". Und zwar nicht beim kleinen Sachbearbeiter. Sondern auf der politischen Ebene. Und im (auch nicht vom Himmel gefallenen) gesellschaftlichem Klima.

Genau da liegt sich auch hier: Ausländerbehörde: “Ich mache dich alle, du russisches Schwein!”. Klar, es sind die Beamten und Angestellten, die Flüchtlinge bedrohten, beleidigten und nötigten. Und die juristische Schuld liegt voll und ganz und auch zurecht bei ihnen.
Aber wieso kommen kleine Sachbearbeiter überhaupt auf die Idee, solche Methoden anzuwenden - und offensichtlich für legitim zu halten? Ein möglicher Hinweis: ein Opfer gibt an, in der Befragung als "Asylbetrüger" beschimpft worden zu sein.

Zu wünschen wäre eine Diskussion über Amtsfehler und falsche Reaktionsmuster, über fehlende Deeskalation und gefährliche Klischees.

Aber was erwarte ich, wenn sogar die deutsche Bundeskanzlerin sich mit rechtspopulistische Behauptungen über die Faulheit von Südeuropäern, von denen sie weiß, dass sie nicht stimmen, profiliert?

Montag, 16. Mai 2011

Immer noch der "Sozialismus der dummen Kerle"

Die Ruhrbarone stießen mit ihrem Bericht über ein antisemitisches Flugblatt auf einem Server der Duisburger Linkspartei eine, meiner Ansicht nach lange überfällige Diskussion an: "Linkssein" - also eine politische Haltung, die an und für sich Nationalismus oder gar Faschismus strikt entgegengesetzt sein sollte - schützt nicht vor Antisemitismus.
Vor kurzem folgte bei den Ruhrbaronen ein interessanter Debattenbeitrag: LAL Shalom: Antisemitismus, Antiamerikanismus und die LinkeDer Landesarbeitskreis Shalom der Linksjugend sagt darin:
Antisemitismus, Antizionismus, Antiamerikanismus und regressiver Antikapitalismus sind keine Alleinstellungsmerkmale einer bestimmten politischen Richtung, sondern in der gesamten Gesellschaft verbreitete Geisteskrankheiten, deren Symptome zwar vielfältig sind und sich immer auch, man verzeihe uns die blöde Phrase, “ein Stück weit” nach dem Weltbild der befallenen Person richten, jedoch immer die gleiche Wahnvorstellung vermitteln: ein Unvolk parasitärer, global agierender Wesenheiten, das für sich die Weltherrschaft beanspruche und unschuldige Völker ihres Blutes, ihres Bodens und ihrer Reichtümer beraube.
Die Bezeichnung "Geisteskrankheit" für die aufgezählten Formen der gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit ist grundfalsch, denn erstens kann ein psychisch Kranker für seine Krankheit nichts - Antisemiten usw. hingegen sind für ihre Ansichten selbst verantwortlich - und zweitens ist ein Begriff wie "Geisteskranker" für Antisemiten z. B. den "Heuschrecken" für eine bestimmte Form von Kapitalisten unangenehm nahe: es ist eine Metapher individueller Pathologie, die dazu verführen könnte, die Analyse des gesellschaftlichen Missstandes aus den Augen zu verlieren.

Abgesehen davon halte ich es für sehr wichtig, dass der LAK Shalom
in klaren Worten darstellt, was Begriffserklärung: Regressiver Antikapitalismus aus ausdrücklich sozialistischem Blickwinkel.

Die LAK Shalom spricht eine offenkundige, aber auch offenkundig wahre, Erkenntnis aus, die allerdings, nicht nur von "Linken" sehr ungern ausgesprochen wird:
Das größte Problem der Linken also, wie schon angedeutet, ist ihr manichäisches Weltbild. Gut und Böse sind klar definiert, und da alles, was das Gute tut, gut sein muss und alles, was das Böse tut, böse, kann vom Guten nichts Böses und vom Bösen nichts Gutes ausgehen.
Der Ausdruck"der Linken" lässt sich mühelos gegen die andere Überzeugungen z. B. "der Konservativen", "der Umweltschützer", "der Marktwirtschaftler", "der Vertreter westlicher Werte" usw. und vor allem, und da kommt der Manichäismus her, "der Christen" - aber auch "der Heiden" - austauschen.

Natürlich liefert die LAK Shalom keine tiefgreifende Analyse des Antisemitismus und verwandter Phänomene, was von einem Arbeitskreis einen Jugendorganisation einer Partei auch nicht zu viel erwartet wäre.

Das weit verbreitete manichäistische Denken zieht allerdings Beifall von der falschen Seite nach sich, der dann auch schon in den Kommentaren auftaucht. Wer die "Linken", in der es uneingestandenen Antisemitismus gibt (den gibt es übrigens in allen deutschen Parteien), z. B. mit der NPD gleichsetzt, für die Antisemitismus und regressive Kapitalismuskritik unverzichtbare weltanschauliche Grundlagen sind, hat gar nichts begriffen.
Auch rationale Kapitalismuskritik wird gern unter Antisemitismusverdacht gestellt, was meiner Ansicht nach nicht immer rein taktische Gründe, im Sinne einer "Antisemitismuskeule" hat. Manichäistisches Denken macht es eben einfach, der Gegenseite Schuld zuzuweisen, und sich selbst nicht für die eigenen Fehler und auch die eigene Mittelmäßigkeit verantwortlich zu fühlen. Deshalb ist es ja auch so beliebt.

Samstag, 14. Mai 2011

Die frühen Jahre der bemannten Raumfahrt: Erfolgsrezept R7

50 Jahre bemannte Raumfahrt sind auch 50 Jahre Mentalitätsgeschichte.

Teilt man die 50 Jahre seit den ersten bemannten Raumflügen in zwei Epochen, dann fand das "Abenteuer Raumfahrt" fast ausschließlich in den ersten 25 Jahren statt.
Allerdings hätte man das 1986 wohl nicht so gesehen. Vor fünf Jahren schrieb ich in diesem Blog über den Unfall des Space Shuttle "Challenger". Darin erwähnte ich, dass der Unfall der "Challenger" eine öffentliche Diskussion über den Sinn der bemannten Raumfahrt nach sich zog, die ungleich tiefgreifender und erbitterter war, als die nach dem Absturz des Space Shuttles "Columbia" am 1. Februar 2003, als ebenfalls sieben Astronauten umkamen. Den Hauptgrund vermutete ich darin, dass 1986 die Space Shuttles noch "High Tech"-Symbole waren. 2003 war das nicht mehr der Fall, sie waren nur noch "Arbeitspferde", ihr Einsatz Routine, ein Totalverlust war kein nationales und internationales Schockereignis mehr. Dass "Tschernobyl" und "9-11" zwischen "Challenger" und "Columbia" lagen, trug sicher auch dazu bei, dass Raumfährenunglücke keine Mentekel-Funktion mehr hatten. Ein weiterer Faktor: der in den 1980ern befürchtete "Krieg im All" und die erbitterte Systemkonkurrenz im "Kalten Krieg" war nach 1989 kein brisantes Thema mehr.
Beide Unfälle zeigen, dass auch "Routine-Raumfahrt" gefährlich ist. Dass man in der Tat von Routine in der bemannten Raumfahrt sprechen kann, wird vielleicht am Besten daran deutlich, dass seit dem 31. Oktober 2000 7:52:47 UTC sich immer Menschen im Orbit befanden, und die vorangegangene "Epoche" ohne Menschen im All gerade einmal die sechs Tage zwischen der Landung von STS-92 und dem Start von Sojus-TM-31 dauerte.

Aus heutige Sicht wurde in den Anfangsjahren der Raumfahrt ungeheuer viel riskiert. Juri Gagarin hatte nur eine 50 zu 50 Chance, seinen Raumflug zu überleben. Die US-Amerikaner waren etwas "vorsichtiger".
Bis Mitte der 1960er Jahre hatte die UdSSR mit ihren Wostok-Raumschiffen gegenüber dem US-amerikanischen Mercury-Programm die Nase weit vorn.
Der UdSSR gelangen folgende Erstleistungen:
  • der erste bemannte Raumflug: Wostok 1 (April 1961)
  • der erste Gruppenflug: Wostok 3 und Wostok 4 (August 1962) Die Bahnen waren sorgfältig so berechnet worden, dass sich die beiden Raumschiffe bis auf 6 km näherten. Die Annäherung erfolgte nicht durch aktive Steuerung der Raumschiffe, das schafften zuerst die US-amerikanischen Raumschiffe Gemini 7 und Gemini 6 (Dezember 1965)
  • die erste Frau im All, Walentina Tereschkowa, Wostok 6 (Juni 1963)
  • das erste mehrsitzige Raumschiff: Woschod 1 (Oktober 1964)
  • der erste Ausstieg in den Weltraum: Woschod 2 (März 1965)
Außerdem dauerte der längste sowjetische Wostok-Raumflug 4 Tage, 23 Stunden und 8 Minuten (Waleri Bykowski mit Wostok 5), Der längste Flug eines Mercury-Raumfahrzeugs, Gordon Cooper mit Mercury-Atlas 9 "Faith 7" dauerte gerade einmal 1 Tag, 10 Stunden und 19 Minuten, und beanspruchte die Reserven des Raumfahrzeugs bis aufs Äußerste.

Es ist heute bekannt, dass das Wostok-Raumschiff beim Flug Juri Gagarins technisch noch nicht voll ausgereift war, wofür der Ausstieg des Kosmonauten per Schleudersitz vor der eigentlichen Landung nur das auffälligste Zeichen war. Der Hochleistungsfallschirm und das Bremsraketensystem, die bei späteren sowjetischen Raumflügen eine Landung auf festen Land möglich machten, kamen erst 1964, bei Woschod 1 zum Einsatz.
Woschod 1, bei dem sich drei Kosmonauten regelrecht in eine Kapsel hineinquetschten, die genau so groß war wie die vorher eingesetzten einsitzigen Wostok-Kapseln, gilt als "Stuntflug", der allein deshalb durchgeführt wurde, um den US mit ihrem zweisitzigen Gemini-Raumschiff zuvor zu kommen. Dass die Woschod nur eine modifizierte Wostok war, blieb der Öffentlichkeit erst einmal verborgen, genau so, wie die vielbeachtete Tatsache, dass die Kosmonauten keine Raumanzüge trugen, nicht der behaupteten "großen Zuverlässigkeit" des Raumfahrzeugs, sondern der Enge der Kabine geschuldet war.
Die zweisitzige Woschod 2 war kein reiner Propagandaflug, mit dem ersten Außenbordeinsatz wurden wertvolle Erfahrungen für spätere Flüge gesammelt - allerdings Erfahrungen, die Alexei Leonow fast das Leben gekostet hätten, da sich sein Raumanzug so stark aufgebläht hatte, dass er große Schwierigkeiten mit dem Wiedereinsteigen in die Luftschleuse hatte. Da die Kapsel undicht war, musste der Flug vorzeitig abgebrochen werden, Woschod 2 landete etwa 2000 Kilometer vom vorgesehenen Landeplatz entfernt im Ural, und zwar in einem tief verschneiten, dichten und völlig unzugänglichen Wald. Die Bergung der Kosmonauten dauerte doppelt so lange wie der Flug. Der nächste bemannte Raumflug der UdSSR, Sojus 1, endete mit einer Katastrophe: Wladimir Komarow starb, als seine Rückkehrkapsel nach einem an Pannen reichen Flug hart auf dem Boden aufschlug, da der Hauptfallschirm sich nicht richtig geöffnet hatte.

In den US gab es von Anfang an Stimmen (darunter auch von aktiven Astronauten), die meinten, die USA wären, im Vergleich zu den UdSSR, bei ihren ersten Raumflügen viel zu vorsichtig gewesen, und hätten so Ersterfolge "verschenkt".
Die erste unbemannte erfolgreiche Erdumkreisung eines Mercury-Raumfahrzeugs, Mercury Atlas 4, fand aber erst am 13. September 1961 statt - noch so große Tollkühnheit hätte nichts daran ändern können, dass der ersten Mensch, der die Erde in einem Raumschiff umkreiste, ein Sowjetbürger gewesen wäre.
Ein Dauerrekord, der die fast fünf Tage von Wostok 5 überboten hätte, war mit Mercury nicht möglich - mit vielen Modifikationen wären maximal drei Tage Flugzeit möglich gewesen.
Die Erstleistung "erste Frau im All" hat die NASA wohl tatsächlich "verschenkt". Es gab schon eine Auswahl von 13 geeigneten Astronauten-Anwärterinnen: die Mercury 13. Die NASA bestand aber darauf, dass Astronauten Erfahrungen als Testpiloten haben mussten, und damals gab es praktisch keinen weiblichen Testpiloten.
Doppelflüge waren erst bei "Gemini" geplant, da der logistische Aufwand für zwei Raumfahrzeuge im All, die sich nicht aktiv annähern konnten, den Aufwand nicht Wert erschienen. Tatsächlich waren die beiden Doppelflüge der UdSSR eher von propagandistischem Wert, beide "Weltraummächte" hatten längst bewiesen, dass sie Satelliten in die dafür nötigen präzisen Bahnen bringen konnten.

Bleibt also noch der "erste Mensch im All" - und das scheint mir tatsächlich der einzige Fall gewesen zu sein, wo die USA die Nase hätte vorn haben können, hätte die NASA mehr riskiert. Beim suborbitalen Flug Mercury-Redstone 2 am 31. Januar 1961 war ein Schimpanse an Bord, der den 16 Minuten 39 Sekunden kurzen "Raumsprung" überlebte. Allerdings verlief der Flug alles andere als glatt, das Risiko wäre vielleicht mit dem Gagarins vergleichbar gewesen. Hinzu kommt als Begründung, weshalb Mercury-Redstone 2 besser bemannt geflogen wäre, dass die "Affenflüge" nach Ansicht der Astronauten ihre Leistung in den Augen der Öffentlichkeit abqualifizierten, nach dem Motto: "eine Mercury fliegen kann doch jeder Affe".

Der tatsächlich Grund, wieso die UdSSR bis Mitte der 1960er Jahre "im All die Nase vorn" hatte, war nicht in erster Linie die größere Risikobereitschaft, sondern die R7 - genannt "Semjorka". Über diese vielleicht wichtigste Rakete der Raumfahrtgeschichte, die in modernisierter Form noch heute als Grundstufe der Sojus-Trägerrakete dient, schrieb Eugen Reichl einen hervorragenden Beitrag in seinem Astras Spacelog: Die Semjorka - Juri Gagaris Trägerrakete Teil 1 - Teil 2.
Semyorka Rocket R7 by Sergei Korolyov in VDNH Ostankino RAF0540
Eine "Semjorka" R7 mit Wostok-Oberstufe
(Foto: Sergei Arssenev - CC Attribution-ShareAlike 3.0 Unported)

Die R7 war die erste Interkontinentalrakete, ihr Zweck war es, abgefeuert vom Territorium der UdSSR eine Wasserstoffbombe von 5,5 Tonnen Masse zu Zielen in den USA zu bringen. Da damals die USA eine erdrückende Überlegenheit bei der Anzahl schwerer Bomber hatte, und es angesichts der ebenfalls starken Luftabwehr der NATO ungewiss war, dass sowjetische Bomber die USA mit ihren tödlichen Fracht erreichen könnten, waren schwere Raketen aus Sicht der damaligen UdSSR-Führung der einzige Weg, die USA von einem atomaren Erstschlag gegen ihr Land oder eine von sowjetische Generälen bis zum Ende der UdSSR befürchtete Invasion der NATO-Truppen abzuschrecken.

Allerdings war die R7 eine militärisch kaum brauchbare Rakete. Bis die UdSSR tatsächlich eine jederzeit einsatzfähige, aus Silos abgefeuerte Interkontinentalrakete hatte, schrieb man 1963. Etwa gleichzeitig waren die USA so weit - das "Gleichgewicht des Schreckens" - "wer zuerst schießt, stirbt als Zweiter, und zwar totsicher" war geschaffen und die Menschheit in kollektive Geiselhaft genommen.

Das US-Gegenstück zur R7 war die Atlas, die 1959 einsatzbereit war. Da die USA eine relativ leichte Wasserstoffbombe entwickelt hatten, waren die Anforderungen an die Atlas deutlich geringer als an die R7.
Der "Sputnik-Schock" im Jahr 1957 rührte nicht zuletzt daher, dass die UdSSR ihre Interkontinentalrakete eher als die USA einsatzbereit hatte, und diese offensichtlich auch noch erheblich stärker als die Atlas war.
Eines hatte die Atlas aber mit der R7 gemeinsam: sie war eine lausige Waffe und eine großartige Trägerrakete. Eine Weiterentwicklung der Atlas, die Atlas V, ist heute noch im Dienst - ein interessantes Detail: die Atlas V ist mit einem russischen RD-180 Triebwerk ausgestattet. Während aber die Atlas V kaum mehr etwas mit der originalen Atlas gemeinsam hat, entsprechen die Zentralstufe der 1. Stufe und die vier seitlichen Booster der heutigen Sojus-Trägerraketen von der Konstruktion her noch der alten R7 - im Detail verfeinert und verbessert, aber immer noch unverkennbar Koroljows Konstruktion aus den 50er Jahren. Die Vorteile dieser "Oldtimer-Rakete": sie ist preisgünstig in der Fertigung, verwendet relativ preisgünstige Treibstoffe (Kerosin und Flüssigsauerstoff), kann, je nach geforderter Nutzlast, mit den unterschiedlichsten Oberstufen geflogen werden und ist sehr zuverlässig.

Zurück zur den Anfangsjahren der bemannten Raumfahrt. Die R7 mit der Wostok-Oberstufe konnte eine Nutzlast von ca. 4700 kg in eine niedrige Erdumlaufbahn bringen. Die Atlas D, in der im für die Mercury-Raumflüge verwendeten Konfiguration, schaffte lediglich eine Nutzlast von ca. 1400 kg für die niedrige Erdumlaufbahn.

Die kegelförmige Mercury-Kapsel hatte eine Gesamthöhe (mit Bremstriebwerkteil) von 3,51 m, einen Durchmesser von 1,89 mm, der Innenraum hatte ein Volumen von 1,7 m³. Im Orbit hatte sie eine Masse von 1,3 t. Die Mercury-Raumkapsel war so eng, dass die Astronauten witzelten, man flöge nicht in ihr, sondern zöge sie an.

Die Wostok war dagegen beinahe "groß" zu nennen - jedenfalls von außen. Sie bestand der kugelförmigen Landekapsel (Durchmesser: 2,3 m, Kabinenvolumen: 1,6 m³, Masse: 2,46 t) und dem doppelkegeligen Geräteteil (Durchmesser: 2,43 m, Länge: 2,25 m, Masse: 2,27 t), welcher im wesentlichen das Bremstriebwerk samt Treibstoffen beinhaltete.

Obwohl die Wostok-Kapsel erheblich größer war, war ihr Innenraum also etwas kleiner als der der Mercury-Kapsel! Das lag vor allem am in die Wostok eingebauten voluminösen Schleudersitz, und dem Umstand, dass bei einer kugelförmigen Wiedereintrittskapsel die ganze Oberfläche mit einem bis zu 13 cm starken Hitzeschild umgeben werden muss - die Mercury-Kapsel hatte nur an der stumpfen Seiten einen Hitzeschild. Außerdem konnte nur etwa die Hälfte des Innenvolumens der Wostok-Kapsel für die Kabine ausgenutzt werden - was in dieser Graphik der Wostok gut zu erkennen ist.
Allerdings waren die Instrumente und das Lebenserhaltungssystem in der Mercury sozusagen um den Astronauten herum eingebaut, weshalb die Wostok doch weniger beengt war als die US-Kapsel. (Die Woschod muss, obwohl der Schleudersitz fehlte, unglaublich eng gewesen sein!)
Entscheidend war aber, dass die Wostok sehr viel mehr Vorräte aufnehmen konnte, und daher eine größere Ausdauer hatte: sie konnte zehn Tage im Orbit bleiben, die Mercury gerade einmal zwei!
Man kann die Wostok als "genial-einfach" bezeichnen, tatsächlich war sie im Vergleich zur Mercury (und erst recht zu ihrem Nachfolger, der tatsächlich genial konstruierten Sojus) eher "primitiv" zu nennen.
Ihre größere Leistungsfähigkeit gegenüber der Mercury verdankte sie dem erheblich höheren Gewicht, was sie wiederum der der leistungsfähigen R7 verdankt.

Das Erfolgsrezept der bemannten Raumfahrt der UdSSR und Russlands ist bis heute Koroljows Rakete!

Mehr über die ersten Raumschiffe (eher wohl: Raumboote) in Michael Khans Artikel mit dem bezeichnenden Titel Klaustrophobie gefällig? Die ersten Raumschiffe

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