Mittwoch, 20. September 2006

Ökologismuskritik und Anti-Ökologismus

Unverhofft kommt oft. So überraschte es mich etwas, dass im (nach meiner Einschätzung) konservativen Blog "Bierhalunken" ein Absatz aus einem meiner Artikel zitiert wurde: Ökologismus / Klimakonsens II.
Es überraschte mich, weil ich mit den in den anderen Zitaten dieses Artikel geäußerten Ansichten nicht so recht einverstanden bin.

Was ich unter "Öko-Totalitarismus" verstehe, wird aus meinem Zitat aus New Age und Ökospiritualität deutlich:
[…] In den 80er Jahren verbreitete sich in der Umwelt-Bewegung vor allem des deutschsprachigen Raums die Idee, dass die drohende Weltkatastrophe nur mit einer Öko-Diktatur abgewendet werden kann. Von ihrer ideologischen Herkunft her ging das Spektrum von Ökostalinisten wie Wolfgang Harich, über “bürgerliche Rechte” wie Herbert Gruhl bis zu Ökofaschisten der “Neuen Rechten” wie Karl Richter. Gemeinsam war ihnen allen, dass sie im liberalen, demokratische “Westen” mit seiner angeblichen Überbewertung des Individuums die eigentliche Ursache der drohenden Weltkatastrophe sahen. […]
In einem weiter unten stehenden, nicht zitierten, Absatz, erläutere ich die Haltung der "Ökospirituellen":
Wie die Öko-Totalitären trauen sie der Demokratie, mit den schwerfällig arbeitenden Parlamenten, höchstens Symptombekämpfung zu, aber keineswegs genügend effizientes Eingreifen. Im Gegensatz zu öko-totalitären Vorstellungen soll der weltweite Umbruch ohne Gewalt und Aggression durchgeführt werden. Der Mensch wird, gemäß ökospirituellen Vorstellungen, im Idealzustand autonom und frei sein, und dadurch zur Bedrohung für jede autoritäre Macht werden. Das soll eine Öko-Diktatur ausschließen. Der als notwendig angesehene asketische Lebensstil wird freiwillig, aus Einsicht in die Notwendigkeit, praktiziert.
Ich könnte in diesem Absatz auch "ökosprituell" gegen den Begriff "nicht-totalitär ökologistisch" ersetzen. Immer noch eine für einen liberalen Demokraten unannehmbare Ideologie, aber keine, die - anders als die Vorstellungen z. B. der "Ökofaschisten" - unmittelbar gefährlich wäre.

Der Punkt ist der, dass z. B. der wegen seines "Klima-Alarmismus" gescholtene Al Gore noch nicht einmal "ökologistisch" im Sinne der "Ökosprituellen" und ähnlicher Gruppierungen ist, ganz zu schweigen vom Öko-Totalititarismus. Er ist einfach ein Politiker, der sich mit ökologischen Themen profiliert und dem ich sogar abnehme, dass ihm es mit den Anliegen "Klimaschutz" völlig ernst ist. Seine publizistischen Methoden kann man kritisieren, sicher auch seine Aussagen - aber ein "Ökologist", im Sinne der von mir skizierten Ideologie, ist er nicht. Selbst die meisten Mitglieder der "GRÜNEN" dürften keine Ökologisten sein. Der Unterschied zwischen einem noch so hysterischen "Öko-Freak" und einem Ökologisten liegt daran, dass der Ökologist glaubt, ohne einen grundliegenden politischen und gesellschaftlichen "Systemwechsel" wäre der "Schutz der natürlichen Umwelt" nicht möglich.

Kritik am Ökologismus als tendenziell totalitärer Ideologie ist das eine - diese Kritik jedoch zu einer mindestens genau so problematischen antiökologistischen Ideologie auszubauen , etwas anderes. Das Ökologisten “falsche Freunde” des Umweltschutzes sein können (!) stell ich gar nicht in Abrede. Ich beobachte nur, wie Kritiker der Ökologisten regelmäßig ins andere Extrem fallen - in das Extrem, dass im Großen und Ganzen alles in Ordnung sei. Ein relativ “harmloses”, weil sachkundiges und differenzierendes, Beispiel dieser Haltung sind die Aufsätze von Dirk Maxeiner & Michael Miersch. Vermutlich ungewollt liefern "Öko-Skeptiker" jenen Argumente, die behaupten “wir” könnten uns im Wettbewerb mit Ländern mit laxen Umweltvorschriften den “Überzogenen” (in meiner Sicht: immer noch unzureichenden) Umweltschutz nicht mehr leisten.
Man beachte auch den Kontext, in dem mein die "New Ager" und ihre Nachfolger leicht sarkastisch aufs Korn nehmender Aufsatz steht: Nämlich auf der Website einer Gruppe von Menschen, die sich (unter anderem) mit germanisch-heidnischer Spiritualität beschäftigen - einschließlich Naturmystik.
Aus meiner Perspektive als Mitstreiter der Nornirs Ætt wirkt die Kritik an der Weltanschauung des New Age und des Ökospiritualismus ganz anders, als die eines dieser "Szene" völlig fern stehenden "Hardcore-Skeptikers" bzw. "Esoteriker-Fressers" , der den ganzen Mystik-Quatsch in Bausch und Bogen ablehnt. Das gilt genau so für die Haltung zur Ökologie, die sich für uns nicht auf Umweltschutz, um den man sich kümmern kann, weil man sonst keine Sorgen hat (ich übertreibe ein wenig) reduzieren läßt.

Dienstag, 19. September 2006

Har, har - heute ist "Talk like A Pirate Day"

Persönliches Blogbuch Martin M., Kommandant der "Senfpott", auf Kaperfahrt im Webozean, derzeitige Position 53 Grad 30 Minuten Nord, 10 Grad 11 Minuten Ost:
Dreki "Cynx" auf Kurs Nord-Nord-West ausgemacht. Längsseits gegangen. Erfuhren von der
"Cynx" dass heute Talk like A Pirate Day" ist.

Trifft sich gut, denn die letztes Wochenende erfolgreich Jubliäum gefeiert habenden Rebellen des Hamburger Hafenrandes haben es ja auch ganz schwer und heftig mit den Piraten. Pirate Content ist sowieso schon regelmäßiger Törn auf meinem Blog-Ewer - hier: Pirate Content, hier Piratenflagge Schwarzrotgold und hier:Sozialromantische Piraten.

Confiance kapert Kent
Die "Confiance" kapert die "Kent"(Bild gekapert bei Wikipedia.)

Klönen wir mal ´n bischen über Piratenschiffe. Da ist mir neulich was aufgefallen, in der Wikipedia. Da steht:
Will man Filmen und Abenteuerliteratur glauben, so führten die Piraten Fregatten oder Linienschiffe.
(Kommt schon vor, aber da hat der Autor wohl andere Bücher gelesen als ich.)
Im allgemeinen waren die Schiffe der Piraten aber tatsächlich fast lächerlich klein.
Das stimmt allerdings, von einigen Staatspiraten, pardon Kaperfahrern, und den ganz dicken Haien mal abgesehen.
Schnelligkeit und Wendigkeit eines Schiffes nehmen ab, je größer das Schiff wird.
Ja, und das ist falsch! Bei Seglern heißt es nicht umsonst "Länge läuft". Aus gleich zwei Gründen: Die theoretische Rumpfgeschwindigkeit nimmt mit der Wasserlinienlänge zu. Sie beträgt bei einer Wasserlinienlänge von 40 m (z. B. einer Fregatte) etwa 15,4 Knoten bzw. 28,5 km/h - in der Praxis kann ein "klassischer Verdränger" etwas, aber nicht viel, schneller sein - die schnellsten Segelfregatten schafften bei sehr gutem Wind 16 Knoten. Ein typisches Kaperschiff, z. B. eine Brigantine, ist vielleicht halb so lang - 20 m - und hat eine Rumpfgeschwindigkeit von großzügig gerechnet knapp 11 Knoten (etwas über 20 km/h). Der andere Grund ist, dass lange Schiffe ein schlankeres Längen-Breitenverhältnis haben können, ohne die gerade für Segelschiffe so wichtige Formstabilität zu gefährden. Schlankere Schiffe sind im Verhältnis zu Gesamtgröße schneller.
(In der Praxis habe ich das vor Jahren an Bord der "Seute Deern II" erlebt. Dieser ehemaliger Frachtsegler überholte locker reihenweise schnittige Sportyachten. (Theoretische Rumpfgeschwindigkeit der "Seute Deern" ca. 13 kn, theoretische Rumpfgeschwindigkeit einer 12m-Yacht ca. 8,4 kn, Längen-Breitenverhältnis der SD ca. 5 : 1, der Yacht 3 - 3,5 : 1 .) Die "Seute Deern" lief damals übrigens 9 Knoten, und in der Praxis hat sie niemals mehr als 12 Knoten bei besten Bedingungen geschafft (eher weniger) - aber von 9 Knoten kann eine kleine Einrumpf-Yacht nur träumen.)
Was stimmt: kleine Schiffe sind wendiger, was ihnen auf Kreuzkursen durchaus Geschwindigkeitsvorteile verschafft. Aber ein Handelsschiffkapitän wird bestimmt nicht gegen den Wind kreuzen, wenn er ein Piratenschiff im Kielwasser hat.

So, Leudde, mit diesem Wissen im Hinterkopf wird's amüsant:
Die Piraten gaben den Segeleigenschaften und der Beweglichkeit im Manövrieren den Vorzug. Der Korsar Robert Surcouf zum Beispiel hätte als einer der reichsten Männer Frankreichs durchaus das Geld gehabt, sich ein Linienschiff mit 100 Kanonen bauen zu lassen. Aber dieses Schiff hätte bestenfalls 7 Knoten gemacht.
Har - Nelsons "HMS Victory" schaffte nachweislich über 9 Knoten. Ein in etwa baugleicher, aber zugunsten der Fracht nur leicht bewaffneter Ostindienfahrer - Surcoufs bevorzugte Beute - war etwa genau so schnell.
Stattdessen fuhr er lieber mit einer leichten Korvette mit 18 Kanonen und extrem hoher Takelage und war damit schneller als seine Gegner oder Opfer.
Surcoufs "Confiance" war für ein Kaperschiff schon außerordentlich groß - 57 m Länge über Bugsprit, 39 m Länge über alles, gut 35 m Wasserlinienlänge, damit über 14 kn Rumpfgeschwindigkeit - mit so einem Schnellsegler konnte er die Taktik der Verfolgungsjagd anwenden, die sich Otto Normalpirat mit seiner ollen Schaluppe verkneifen mußte. Aber vor den noch schnelleren und vor allem mit 32 - 46 Kanonen bewaffneten britischen Fregatten mußte auch ein Surcouf sich hüten. (1805 wurde die "Confiance" von der britischen Fregatte HMS "Loire" aufgebracht.)
Zum Bild: es stammt vom französischen Marinemaler Ambroise Louis Garneray und wurde 1816, 16 Jahre nach dem Gefecht, angeblich nach Augenzeugenberichten, gemalt. Die "La Confiance" ist korrekt wiedergegeben, der Ostindienfahrer "Kent" im Großen und Ganzen auch (er war aber weniger hochbordig) aber die Größenverhältnisse sind herorisierend verzerrt. (Die "Kent" war "nur" etwa doppelt so groß wie die "Confiance".) Außerdem wirkt der Frachtsegler "Kent" auf dem Bild wie ein sich heftig wehrendes schwer bestücktes Kriegsschiff. Entgegen französischen Angaben, die der "Kent" 40 Kanonen und 400 Mann Besatzung andichteten, hatte das Schiff "nur" 26 Kanonen und dürfte rund 150 Mann Besatzung gehabt haben - die "La Confiance" immerhin 18 (nach anderen Quellen: 20) Kanonen und 160 Mann Besatzung. Surcouf war schon ein toller Hecht, aber ein so toller Kaperfahrer, wie es die französische Legende will, auch wieder nicht.
La Confiance und Kent
Dieses in der französischen Wikipedia gefundene Bild gibt die Größenverhältnisse besser wieder - die Windverhältnisse hingegen wohl nicht. (Man beachte die Richtungen, in die die Flaggen auswehen.)

Montag, 18. September 2006

Jubiläum

Ich hätte es über all den Wahl-Trubel fast versäumt, aber vorgestern gab es ein wichtiges Jubiläum:
Die legendären Häuser in der St. Pauli Hafenstraße in Hamburg sind jetzt seit 25 Jahren von den Menschen (und ihren Nachfolgenden) bewohnt, die sie 1981 bestzt haben. Zunächst als Besetzer, dann (widerwillig) geduldet, ab 1995 dann als genossenschafliche Hausbesitzer, als alternatives Wohnprojekt. Die einstige Abbruchmeile ist weitgehend saniert und eine Touristenattraktion.
Die "Hafenstraße" ist trotz alledem eine Erfolgsgeschichte - manchmal, mit etwas Realismus, lohnt sich Rebellion schon.
taz:Mythos Hafenstraße
taz:Antikleinbürgerstraße 25
taz: Chronologie des Widerstandes

Sonntag, 17. September 2006

Die Gegenwart kann ich nicht ignorieren

und die Neonazis auch nicht. Vor allem, wenn sie satte 7,3 % der (weniger) Wähler Meckpomms abgreifen.
Übrigens: Wer die Nazis wählt, ist ein Nazi - und kein armes Opfer!
Ist es kontraproduktiv, über die Umtriebe von NPD und Co. ausführlich zu berichten und ihnen damit die heiß ersehnte Medienpräsenz zu verschaffen? Sollte man die "Braunen" nicht besser totschweigen?
Meine bereits mehrfach geäußerte Ansicht:
Von Fällen offensichtlicher Medieninszenierung abgesehen ist "Totschweigen" nicht angebracht.

Am besten ist es vielleicht, die Neonazis wie alle anderen Politiker zu behandeln. Wenn man den Medienforschern glauben kann, verändern Aussagen in den Medien kaum politische Meinungen, sie verstärken hingegen die schon vorhandene Einstellung. Abgesehen davon ist es, im Gegensatz zu dem was Werbefuzziesprofis vom Schlage J. M. von Matts meinen, keineswegs egal, wie die Aufmerksamkeit aussieht. Es ist daher gut für die Demokratie, wenn Journalisten, Blogger, Demonstranten und vor allem Politiker den Kackbraunen ordentlich öffentlich kontra geben.
Natürlich kann man mit Argumenten nichts viel gegen Rassisten, Antisemiten, extreme Nationalisten und ähnliche Knalltüten ausrichten - wer es schafft, solchen Ideologien anzuhängen, dürfte in der Regel längst gegen Tatsachen und Vernunft immun sein. Es ist aber hilfreich, rassistische, antisemitische, extrem nationalistische und ähnlich knalltütige Aussagen deutlich als rassistisch, antisemitisch, extrem nationalistisch und ähnlich knalltütig zu benennen - gerade wenn sie in wohlklingende und plausibel wirkende Phrasen eingebettet werden oder wenn sie durch sprachliche Modernisierung "getarnt" werden. "Ethnopluralismus" ist in fast allen Fällen ein Euphemismus für "Rassentrennung", "Metagenetik" einer für "Rassismus", "Bioregionalismus" ist nicht selten mit "Blut und Boden" zu übersetzen - und "US-Westküste", "zionistisch beeinflußte Politik", "pro-zionistische Medienmacht" usw. stets mit "jüdische Weltverschwörung".

Und übrigens, zu den nun wieder zu hörenden Sprüchen "einfach verbieten" / "darum soll sich die Polizei kümmern" / "hart durchgreifen"und sonstiges in der Preislage:
Roland Roth: Unter Wissenschaftlern gibt es den Konsens, dass die Repressionsmaßnahmen ausgereizt sind. Da sind keine positiven Effekte zu erzielen. Das heißt nicht, dass an vereinzelten Orten Richter und Staatsanwaltschaften sowie die Polizei nicht noch Fortbildung benötigen würden. Es gibt aber bei der Politik eine größere Bereitschaft, das Problem Rechtsextremismus anzuerkennen. Allerdings sind viele Politiker hilflos: Die Zahl der Gewalttaten hat deutlich zugenommen, gleichzeitig gibt es Wahlerfolge und bieder auftretende NPD-Leute. Mit dem Nebeneinander von Normalisierungs- und zivilgesellschaftlichen Strategien sowie dem Straßenkampf im Wahlkampf, mit diesem Nebeneinander können die wenigsten umgehen.

Es wird vergessen, dass Rechtsextremismus von der Ideologie bereits Gewaltbeladen ist, da man bestimmten Gruppen die Menschenrechte abspricht und Gewalt als Form der Auseinandersetzung nicht ausschließt. Männliche Gewalttätigkeit gehört sogar zum Selbstbild. Die latente und in der eigenen Subkultur gepflegte Gewaltbereitschaft ist ein Potenzial der rechtsextremen Politik, mit dem man immer wieder rechnen muss.
Aus tagesschau.de "Die NPD transportiert Stimmungen der Bevölkerung" via NPD-Blog
Hervorhebung von mir. Unbedingt lesen!

Mit der Zukunft der Vergangenheit ...

... lenke ich mich gerade von der unerfreulichen Gegenwart ab.
Heute vor 40 Jahren starte zum ersten Mal der Schnelle Raumkreuzer ORION VII zu seinem "Patrouilliendienst am Rande der Unendlichkeit" - als erste deutsche Science Fiction-Fernsehserie und einer der ersten SciFi-Serien überhaupt. (Näheres siehe Im September vor 40 Jahren begann die Zukunft).

Wie immer man zu "Raumpatrouille" steht, über einige Tatsachen kann man leider nicht hinwegsehen: ein konservatives bis reaktionäres Gesellschafts- und Menschenbild, eine selbst für SciFi-Verhältnisse bemerkenswerte Häufung an Logikfehler und ein selten konfuses und allen wissenschaftlichen Tatsachen Hohn sprechendes Technobabble - und die Tricks sind läppisch (auch nach Stand der 60er Jahre).
Aber "Orion" ist mit all seinen Mägeln und Macken trotzdem gut und relevant. Oder vieleicht gerade deshalb einfach knorke. (Ein ein wenig außer Gebrauch gekommener berlinerischer Ausdruck, der's besser trifft als "kultig", "geil" oder "cool".)

Samstag, 16. September 2006

Geiselnahme

Mal einen Punkt, bei dem sich echte Liberale und richtige Sozialisten einig sein werden: Oligopole / Monopole sind äußerst unangehm. (Dass die Rezepte, wie man diesen Mißstand beenden kann, sich drastisch unterscheiden, lassen wir mal beiseite.)
Und wenn ein "enges" Oligopol a) so eng ist, dass es sich ökomisch gesehen nicht mehr von einem Monopol unterscheidet und b) ein Gut anbietet, das jeder braucht und auf das niemand verzichten kann, dann ist es nicht nur stark genug, um zu Erpressen zu können, sondern sogar so stark, dass der Erpresste sich hüten wird, die Erpressung auch Erpressung zu nennen.
SpOn: Stromversorger drohen mit Investitionsstopp
Handelsblatt: Versorger schüren Stromausfall-Ängste
Darauf kann man nur noch sarkastisch reagieren - wie z. B. Hokey:
Deutschland in Würgegriff

"Unwort des 21. Jahrhunderts"

Diesen Beitrag auf BooCompany: Ein-Euro-Jobs sind moderne Sklaverei
ist absichtlich provokativ. Eine Provokation, die ich für notwendig halte.
Ich halte Ein-Euro-Jobs nicht für moderne Sklaverei, aber: das Menschenbild, dass dahinter steht, gefällt mir gar nicht.
Der meiner Ansicht nach entscheidende Punkt, an dem klar wird, was an diesem Menschenbild faul ist, ist dass der Mensch
2.: als Sache behandelt wird
Diese im wahrsten Sinne des Wortes inhumane Einstellung drückt das Unwort des 20. Jahrhunderts knapp und treffend aus: Menschenmaterial
Neben dem »Unwort des Jahres 1999« wählte die Jury auf der Grundlage der mehrjährigen Sammlung von Unwort-Vorschlägen und wortgeschichtlicher Untersuchungen mit dem Begriff »Menschenmaterial« auch das »Unwort des 20.Jahrhunderts«. »Menschenmaterial« ist zwar bereits im 19. Jahrhundert aufgekommen und spielt u.a. schon bei Karl Marx (1867) eine Rolle, (Allerdings benutzte Marx diesen Begriff in kritischer Absicht! MM) hat aber im 20.Jahrhundert seine besonders zynische Bedeutung gewonnen, nicht zuletzt als Umschreibung von Menschen, die als Soldaten im 1. und 2. Weltkrieg »verbraucht« wurden. Dieser zeiten- und ideologienübergreifende Begriff steht exemplarisch für die weitgediehene Tendenz, Menschen nur noch nach ihrem »Materialwert« einzuschätzen. Er ist gleichsam der Vater für ebenfalls zynische Begriffe wie »Schüler-, Lehrer- oder Spielermaterial«, aber auch für Unwörter wie »Patienten-, Geburten- oder Häftlingsgut«. Das Medizinern immer noch geläufige Wort vom »Patientengut« wurde 1999 durch einen süddeutschen Klinikchef noch unterboten, der Todkranke gar als »morbides Patientenmaterial« umschrieb. Dem Ungeist, der solchen Wortschöpfungen zugrunde liegt, entsprechen denn auch zahlreiche andere Materialisierungen des Menschen wie »Biorohstoffe«, »Organgewinnung«, »weiche Ziele« (im Artilleristenjargon), »Humankapital« und »Bodyleasing« sowie die Abfallmetaphern »Belegschaftsaltlasten«, »Personalentsorgung« und »Wohlstandsmüll«.
Der Trend dazu, Menschen zu "verdinglichen" setzt sich im beginnenden 21. Jahrhundert fort. Er ist der menschenverachtende gemeinsame Nenner zwischen den Ideologien der "Staatsgläubigkeit" und denen der "Marktgläubigkeit" - wobei es ja durchaus Ideologen gibt, die zugleich an den "starken Staat" und den "freien Markt" glauben - dazu muß man nicht mal nach China sehen.
Das Schlimmste dabei ist, dass sich mehr und mehr Menschen mehr und mehr selbst als "Material" wahrnehmen! - "freiwillig" - etwa der als Lebenssinn erlebten Karriere, aus Spießigkeit oder Sozialängsten heraus - "was sollen denn die Leute von mir denken?" - "die Leute" sind dabei nicht etwa konkrete Menschen, sondern die Personifizierung der Angst vor dem Prestigeverlust - oder unter massivem Druck - wie im Falle der Langszeitarbeitslosen, die sich wie abgeschriebene Maschinen auf ihre "Buchwert" (einen Euro) und ihren "Restnutzen" reduziert sehen (was zu der Bürokratien immanenten Neigung, Menschen auf ihre Akteneinträge zu reduzieren, noch hinzu kommt).

Donnerstag, 14. September 2006

"Nahtlos braun"

1. Ein leicht ironischer Ausdruck für "am ganzen Körper sonnengebräunt sein". Kam um 1960 auf, in Anspielung auf die wenige Jahre zuvor eingeführten nahtlosen bzw. nahtfreien Nylonstrümpfe. Strümpfe mit Naht kennt man heute kaum noch, aber der Ausdruck "nahtlos braun" hat sich, wohl wegen der Werbung für Solarien, für Selbstbräuner und für FKK-Urlaub, bis heute gehalten.
Nivea-Werbung, 1932
Das Schönheitsideal, das sich mit dem Begriff "nahtlos braun" verbindet - "knackig braun, nicht eine einzige blasse Stelle auf dem ganzen Körper" ist allerdings älter. Es ist ein eher harmloser Fall jener "perfektionistischen" Schönheitideale, denen es allein auf "Makellosigkeit" ankommt - kein Gramm Fett zuviel, ja keine Falten usw. Viele "lebensreformerische" FKKler blickten mit milder Verachtung auf jene nackten Sonnenanbeter, denen es dabei offensichtlich ausschließlich auf auf die Ganzkörperbräune ankam.
Das "perfektionistische" Schönheitsideal "hochgewachsen, schlank, muskulös-durchtrainierter Körper, Ganzkörperbräune" kam der Ästhetik der Nazi-Propaganda entgegen - während die FKK-Vereine verboten wurden. Das soll nun nicht heißen, dass Tussitoaster-Dauerkarteninhaber es mit den "politisch Braunen" hätten - und auch nicht, dass das "perfektionistische" Schönheitsideal an sich "faschistisch" sei. Real existierende Faschos werden ihm ohnehin so gut wie nie gerecht - in der Tradition von: "Blond wie Hitler, groß wie Goebbels, schlank wie Göring".

2. "Nahtlos braun" ist ein 1984 veröffentlichter Kriminalroman von Werner Schmitz, in dem es um die Nazi-Vergangenheit der Stadt Bochum und einiger ihrer Repräsentanten geht. Der Roman verwebt recherchierte Fakten mit einer Krimihandlung und sorgte seinerzeit für einige Aufregung. Der Titel spielt auf den "nahtlosen" Übergang alter Nazis in die Nachkriegsgesellschaft der Bundesrepublik Deutschland an.
Emil Strothkämper, Kommunist und Bergarbeiter im Ruhrgebiet, wird vorsätzlich von einem weißen Mercedes gerammt und dann im Krankenhaus von einem Unbekannten getötet. Seine Enkelin, ihr Freund sowie ein aus dem Exil zurückgekehrter Rechtsanwalt entlarven als Täter einen Sylter Gastronomen, der als SA-Mann nach der Machtübernahme in einem "wilden KZ" politische Gegner - unter ihnen Strothkämper - quälte und zu Tode prügelte. Bemerkenswert sind die Hilfsmittel und Hilfskräfte, die den Ermittlern zu Verfügung stehen. Es hilft ihnen nicht nur ein alter, nach dem Kriege von den britischen Besatzungsbehörden eingesetzter Kriminalpolizist, sie können auch auf eine neue Generation von Stadtarchivaren zurückgreifen, die bereitwillig ihr Wissen und ihre Akten zu Aufklärung zur Verfügung stellen und sogar begonnen haben, die alten Widerstandskämpfer zu interviewen und diese Gespräche auf Tonband aufzuzeichnen. Diese Dokumente der Oral History versetzen die Detektive in die Lage, den Täter, dem bereits der Großvater auf der Spur gewesen war, schließlich dingfest zu machen.
Aus literaturkritik.de

3. "Nahtlos braun" ist eine inoffizielle Parole diverser Nazi-Kameradschaften. Gemeint ist wohl, dass sich diese Kameradschafter als "echte" Nazis sehen, im Gegensatz zu Mitläufern und Opportunisten.

Anmerkung:
Der "Nivea"-Hersteller, die Beiersdorf AG gehörte nicht zu den Unternehmen, die mit den Nazis auf gutem Fuß standen - im Gegenteil - taz-archiv: Kampagne gegen "Juden-Creme". "Nivea" blieb in der Werbung nach 1933 komplett unpolitisch - im Gegensatz zu anderen Kosmetikherstellern: Reklame aus der NS-Zeit für Schampoo (pdf) - Reklame aus der NS-Zeit für Rasiercreme (pdf).
Die oben abgebildete Anzeige von 1932 soll den "Körperkult" der 20er und 30er Jahre illustrieren, sie hat keinerlei Bezug zur NS-Propaganda.

Dienstag, 12. September 2006

"Ich aber nicht" - Zum Tode Joachim Fests

Zugegeben, ich habe am Werk Joachim Fests Einiges auszusetzen: er war mir zu konservativ - und leider de facto Unterstüzer eines Historikers, den ich für einen gefährlichen deutsch-nationale Geschichts-Relativisten bzw. Revisionisten halte. Auch wenn Fest Noltes Thesen nicht für richtig hielt und ihn nur aus Gründen der Fairness gegenüber der abweichenden Meinung veröffentlichte. Aber seine Hitlerbiografe aus den frühen 1970ern habe ich sehr gern gelesen, seine Speerbiographie ebenfalls, auch wenn er den Selbstfreisprüchen, Lügen, Heucheleien des Top-Managers der Mordmaschinerie auf eine Weise auf den Leim kroch, dass mir kein anderes Wort dafür einfällt als: Speer hat Fest verarscht. Es ehrt Fest, dass er das, als neue Dokumente auftauchten, die Speers Lügen aufdeckten, unumwunden zugab.

Matussek Nachrufs auf Joachim Fest auf SpOn Der stolze Einzelgänger wird Fest überaus gerecht. Mehr noch - Matussek geht auf Fests noch nicht erschienene Autobiographie ein, ein Werk, auf das ich im Gegensatz zu Grass' Zwiebelschalen tatsächlich gespannt bin.
(...)Nun weiß man, dass die Arbeit an diesem Buch die Arbeit an seinem Testament bedeutete. Das wollte er den Deutschen noch hinterlassen: die Erzählung darüber, dass es möglich war, anständig zu bleiben. Und dass eine gute Erziehung - eine bürgerliche, katholische, preußische - dabei wesentlich war.
(...)
Heute kann Fests Buch als Gegenentwurf zu den koketten Grass'schen Waffen-SS-Enthüllungen und vergleichbaren Elaboraten gelten. Wenn Günter Grass, der derzeit Pfeife stopfend und schmauchend über die Theaterbühnen des Landes zieht, sagt: Ich war dabei, Kumpel, jeder war dabei, selbst der Papst irgendwie, so sagte Fest: Ich aber nicht.

Freiheit statt Angst!

Für den 20. Oktober ruft der "Arbeitskreis Vorratsdatenspeicherung"
zu einer Kundgebung gegen den "Sicherheits- und Überwachungswahn" in Bielefeld auf. Sie wollen mit der Demonstration vor der Verleihung der Big Brother Awards 2006 ein Zeichen für den Erhalt der Grundrechte auch in Zeiten der verstärkten Terrorismusbekämpfung setzen.
Aufruf zur Demo "Freiheit statt Angst

Via heise: Neue Demo gegen den Überwachungsstaat im Herbst und antibürokratieteam: Freiheit statt Angst

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