Sonntag, 1. Oktober 2006

Noch eine Begriffsklärung zum "Kampf der Kulturen"

In der Debatte um die angeblich islamfeindlichen Passagen im Vortrag Benedikts XVI. steht im Allgemeinen das Zitat eines mittelalterlichen Kaisers im Vordergrund. Allerdings ist für Aiman al Sawahiri, der allgemein als Vizechef von Al Qaeda gilt, etwas Anderes von zentraler Bedeutung:
netzeitung: Sawahiri beschimpft den Papst und Bush
"Dieser Hochstapler hat die rote Linie überschritten, als er sagte, dass sich der Islam nicht mit der Vernunft vereinbaren ließe», sagte Sawahiri. Er meinte damit offenbar jene Stelle in dem Vortrag Benedikts XVI., in der dieser über die islamische Lehre sagte, dass für diese «Gott absolut transzendent» sei. «Sein Wille ist (im Islam) an keine unserer Kategorien gebunden und sei es die der Vernünftigkeit.»
Swahiri liefert damit ein gutes Beispiel für eine streng fundamentalistische Religionsauffassung - und bestätigt interessanterweise die Darstellung des Papstes. Swahiri fühlt sich beleidigt (oder gibt es zumindest vor), eben weil Gott seiner Auffassung nach an keine menschlichen Kategorien gebunden ist - sondern die transzendente Quelle aller Werte und Kategorien ist. Gott ist in fundamentalistischer Auffassung (auch christlich-fundamentalistischer übrigens) per Definion "absolut vernünftig", der Koran (oder die Bibel) nicht nur "göttlich inspiriert", sondern das Wort Gottes - in jedem Komma und jedem I-Tüpfelchen. Egal, wie unvernünftig das einem sterblichen Menschen auch erscheinen mag.

Die Weltsicht eines Fundis vom Kaliber Swahiri könnte man so wiedergeben:
"Egal, wie er auf sterbliche Menschen wirken mag, der Islam ist die unverfälschte Widergabe der absoluten Vernunft Gottes. Wer also behauptet, Gott wäre im Islam über die Kategorie der Vernunft erhaben, lästert Gott, den ER ist die Vernunft (die Liebe, der Frieden, die Gerechtigkeit).

Wenn ein Katholik vom "unerforschlichen Ratschluß Gottes" redet, dann meint er in aller Regel: "Was uns Menschen vielleicht unvernünftig erscheint oder ungerecht, das sieht aus der Perspektive der überlegenen Vernunft, Weisheit und Gerechtigkeit Gottes ganz anders aus." Ein Fundamentalist meint damit: "Was Gott beschließt, das ist vernünftig, und damit Basta! Wer als Mensch an der Vernünftigkeit der Ratschlüsse Gottes auch nur eine Sekunde lang zweifelt, der lästert wider Gottes." Außerdem wird ein Fundamentalist darauf beharren, dass sich Gott klar, eindeutig und für alle Menschen verständlich offenbart hat. Wer diese klare Offenbarung nicht versteht, der ist eben böse, verstockt oder bestenfalls irregeleitet.

Einen guten Eindruck dieses Denkens bekommt man, wenn man versucht, mit Missionaren einer fundamentalistischen Sekte zu diskutieren. Wobei es völlig egal ist, ob besagte Sekte "christlich", "islamisch", "theosophisch",usw. ist. Selbst bei völlig abgespaceten UFO-Sekten läßt sich dieses Denkmuster wiederfinden. "Ashtar Sheran hat uns klare, unmissverständliche Botschaften übermittelt". Alien
(Es gibt sogar jemanden, der nach eigenen Angaben das "traditionelle germanische Heidentum" vertritt und auf fundamentalistische Weise "argumentiert". Womit er es im Laufe der Jahre geschafft hat, sich vom enfant terrible über die persona non grata zum unfreiwilligen Clown des deutschsprachigen Neuheidentums emporzuarbeiten. Das nur am Rande.) anbeten
Hinter Fundamentalismus aller Art steckt eine Weltsicht wie in diesem alten Witz: "Achtung, auf der A24, zwischen Börnsen und Geesthacht, kommt Ihnen ein Fahrzeug entgegen!" - "Wie bitte, ein Fahrzeug? Tausende!"

Hinter diesem Hintergrund ist auch klar, was der "Vize" des Terrornetzwerks Al Qaeda meint, wenn er über den Papst sagt:
Dieser Mensch mit paradoxen Ansichten tut so, als hätte er vergessen, dass sein Christentum von einem gesunden Verstand nicht begriffen werden kann.
Klar, denn einen "gesunden Verstand" hat nur der, der genau das Selbe glaubt, was Swahiri glaubt. ;-)

Noch eine notwendige Anmerkung: die wenigsten Fundamentalisten sind gewaltbereit - die, die es sind, sind aber schlimm genug. Davon abgesehen bin ich der Ansicht, dass sich jede Religionsgemeinschaft ihre Fanatiker und religiös Verdrehten selbst kümmern muß. (Hierzu, in der Sagnagelschmiede: Self fulfilling prophecies).

Ich bin außerdem der Ansicht, dass der religiöse Fundamentalismus für "Hassprediger" und Al Queda-Terroristen nur den Charakter einer Rechtfertigungsideologie hat - in den mir bekannten Hasspredigten und Äußerungen radikaler Islamisten steht nämlich eindeutig die Politik im Vordergrund, die "Religion" beschränkt sich auf einige Phrasen.
Ich bin mir sogar ziemlich sicher, dass die Attentäter vom 11 September 2001 keine "islamischen Fundamentalisten" waren. Eher politische Fanatiker mit einem dem islamischen Fundamentalismus entlehnten "Betäubungsspritze für aufkommende Skrupel": "Wenn wir dabei Unschuldige töten, wird Gott die Seinen schon erkennen und ihnen den Weg ins Paradies bahnen."

Begriffsklärung (zum "Kampf der Kulturen")

In der Debatte um Evolutionstherie und "Intelligent Design" geht gern unter, dass der, sich durch und durch wissenschaftlich gebende, "bescheidene" Kreationismus des "Intelligent Desing" eben keine naturwissenschaftliche Theorie ist. Sehr klar und in einfachen Worten hat das Volkmar hier dargestellt: Evolutionstheorie und Kreationismus.
Es geht dabei übrigens nicht darum, dass alle realen wissenschafliche Theorien mehr oder weniger durch metaphysische Annahmen "verunreinigt" sind - und man deshalb fairerweise dem immerhin die empirisch und experimentell ermittelten Fakten nicht ignorierenden "Intelligent Design" den Rang eine wissenschaftliche Theorie zugestehen müsse. Im "Intelligent Design" findet sich an zentraler Stelle eine nicht hinterfragbare religiöse Aussage - hinter allem steht ein Schöpfergott. Dabei ist es völlig unerheblich, ob es tatsächlich einen Schöpfergott gibt und ob er die Entwicklung des Lebens verantwortlich ist - es ist nur so, dass sich diese möglichen Tatsachen dem naturwissenschaftlichen Erkenntnisapparat entziehen. Genau so, wie die - emminent wichtigen! - Fragen nach dem "freien Willen", dem Bewußtsein, der Existenz einer Seele, nach dem Wesen der Liebe, der Schönheit, nach Moral und Ethik - alle diese wichtigen metaphysischen Fragen - sich nicht (natur-) wissenschaftlich untersuchen lassen.
"Intelligent Design" gehört ebensowenig in ein Biologielehrbuch, wie künstlerische Reflexionen über die Schönheit eines Regenbogens in ein Lehrbuch der Optik.

Freitag, 29. September 2006

Interessante Begründung

Neonazis stoppen!
Bestimmt schon gehört oder gelesen: netzeitung «Die NPD klatscht in die Hände»:
Empörung über Hakenkreuz- Urteil


Tief blicken läßt die Begründung des Urteils: Es gehe um die grundsätzliche Tabuisierung von NS-Symbolen, unabhängig von den Beweggründen. Richter Küllmer begründete das Urteil damit, dass es keinen Ausnahmefall geben dürfe. „Es besteht die Gefahr der Gewöhnung". Dies Begründung entspricht nur auf dem ersten Blick dem "Null Toleranz"-Prinzip, denn eine böse Absicht oder auch nur eine Nachlässigkeit ist dem nun verurteilten Jürgen Kamm nicht anzulasten.
Eher scheint mir ein anderes Prinzip wirksam zu sein: Das Prinzip "Ruhe ist die erste Bürgerpflicht". Bloß nicht öffentlich laut werden. Auch nicht, wenn der Gegner politisch kackbraun ist.

Der leitenden Oberstaatsanwalt Bernhard Häußler, dessen Antrag das Gericht folgte, will keine Hakenkreuze in der Öffentlichkeit sehen. Egal, in welcher Form. Das ist alles. Sein Argument, er wolle nicht, dass Hakenkreuze wieder in der Gesellschaft salonfähig werden, ist absurd - wenn das HK in durchgestrichener, zerschmetterter, in den Mülleimer geworfener Form "salonfähig" werden sollte, freut das die Neonazis vermutlich am wenigsten. Ja, und was wäre, wenn ausländische Besucher die Piktogramme missverstehen? Angesichts der aktuellen Diskussion könnte ich glatt vermuten, da hätte sich ein fundamentalistischer Hindu darüber aufgeregt, dass das ehrwürdige Symbol der Swastika in Deutschland ersten verkehrt herum und zweitens durchgestrichen abgebildet würde.
Was wäre, wenn die neue Rechte die Zeichen für ihre Zwecke missbrauchte? Äh - wie sollte das gehen? Vielleicht, weil die "neue Rechten" gerne der Ruf los wäre, sie wären schlecht getarnte Neonazis, und die Tarnung mit durchgestrichenem HK verbessern könnte?
Schwerer wiegt wohl, was Häußler in einem Fernsehinterview sagte: er wolle nicht, dass das Hakenkreuz Bestandteil von politischen Auseinandersetzungen würde. Das legt nahe, dass ihn in Wirklichkeit die Form der Auseinandersetzung mit Rechtsextremisten, wie sie die "Antifa" praktiziert, stört.

Vielleicht überinterpretiere ich da etwas, aber dahinter scheint mir in etwa folgende Gesinnung zu stehen: "Die Verbrechen der Nazis waren ungeheuerlich. Aber das ist lange her. Heute gibt es keine Nazis mehr, und auch Besucher aus dem Ausland sollen nicht auf den Gedanken kommen, es gäbe in Deutschland noch Nazis (denn wenn es keine Nazis gibt, muß auch niemand mit durchgestrichenen Hakenkreuzen gegen sie demonstrieren)."

Was meine Meinung zu dem Thema angeht: Ich will den Nazis und ihresgleichen kein Einziges der von ihnen mißbrauchten Symbole überlassen. Denn damit überlasse ich ihnen die Deutungshoheit. Der Urteilsspruch nützt, auch auf der metapolitischen Ebene, den Interessen der Rechtsextremisten.

Hierzu: Verbotene Symbole
und auch das: Sonnenrad-Song

Weltraumreisen zu Mini-Preisen

Einer Studentengruppe in Cambridge gelang ein erster Pilotversuch für einen unbemannten Billigflug ins All. Bei dem Fluggerät handelt es sich um eine Kombination aus Heliumballon und Rakete - der Ballon trägt die Nutzlast in 23 Kilometer Höhe, wo die Rakete zündet. Strenggenommen handelt es sich zwar um eine Höhenforschungsrakete, da keine Erdumlaufbahn erreicht wird, aber 1.500 Euro Kosten sind selbst für einen Suborbitalflug geradezu außerirdisch billig.

Mehr auf wissenschaft.de: Für 1.500 Euro in den Weltraum

Donnerstag, 28. September 2006

Krampf der Zivilisationen

"Derjenige, der zum ersten Mal anstatt eines Speeres ein Schimpfwort benutzte, war der Begründer der Zivilisation."
Jean Paul

Ich setzte mich gern und leidenschaftlich mit dem - angeblichen - Kampf der Kulturen bzw. Zivilsationen auseinander. Ein Thema, das mich fasziniert - weil ich die dahinter stehende Ideologie für ebenso dumm wie gefährlich halte. Obwohl Samuel Huntington, Autor von "Clash of Civilizations" weder dumm noch als Person gefährlich ist.
Aber ich kann ich keinen heimliche Kulturkämpfer meine Sicht aufdrücken. Ich fordere lieber zum Selbstdenken auf. Ein bewährtes Mittel gegen Ideologien der dümmeren Art. (Einige Zitate zum "Kampf der Kulturen")

Dennoch, hier meine Ansichten & Einsichten:
Ich bin der Ansicht, dass die "Fronten" im mutwilligen herbeiinszenierten "Kampf der Kulturen" etwas anders verlaufen, als es uns manche "Hüter der Werte des Abendlandes" weismachen wollen. Sie verlaufen nämlich innerhalb der angeblichen "Blöcke" "Abendland" und "islamische Umma".

Im "Kulturkampf" unterscheide ich eine Richtung (zu der ich mich ohne Einschränkung zähle), die ich rational-humanistisch nennen, zu der ich übrigens (mit Einschränkungen) sogar Papst Benedikt zähle. Kennzeichnend für diese Richtung ist die Auffassung, dass "Vernunft" und "Glauben" kein Widerspruch sind, sondern zusammengehören und das Religion, Wissenschaft, Metaphysik, Politik usw. letzten Endes für den Menschen da sind, und nicht der Mensch für die Religion, Wissenschaft usw. usw..
Auf der anderen Seite, der des "Fundamentalismus" verorte ich Menschen, die genau der gegenteiligen Ansicht sind: "Göttliche Offenbarung" hat gegenüber menschlicher Vernunft stets den Vorrang, und der Mensch ist für die Religion da. Wobei es durchaus auch "weltliche" Fundamentalisten gibt, für die sekuläre Ideologien an Stelle der "göttlichen Offenbarung" treten - was einen ideologischen Materialismus oder eine ideologische "Wissenschaftsgläubigkeit" einschließt.

Und dazwischen gibt es, wie üblich, die breite Mehrheit all jener, die das alles nicht kümmert - womit sie in der Praxis den besonders eifrigen Ideologen Vorschub leistet.
Politisch sehe ich die "fundamentalistische" Richtung auch im "Westen" stärker werden, und zwar in dem Sinne, dass die humanistisch-rationalen Werte, die für den "Westen" zertral sind - Bürgerrechte, Menschenrechte, Individuelle Freiheit usw. - bereitwillig einem - kulturalistischen - "Abwehrkampf" gegen die äußeren Feinde - fundamentalistische Islamisten - geopfert werden.

Ernst Lohhoff sieht in der "Jungle World" Gott kriegt die Krise die "geistige Frontstellung" wie ich nicht in einen Konflikt "Orient gegen Okzident", sondern er macht sowohl im "Westen" wie in der "islamischen Welt" eine kulturalistische Identitätspolitik aus - es sei Aufgabe der Linken, diese auf beiden Seiten anzugreifen. Was seinen Essay trotz "tradionslinker" Positionen lesenswert macht, ist die Analyse des eher traurigen Ist-Zustandes der westlichen Zivilgesellschaft, besonders der realen Linken.

Nachtrag: Christliche Fanatiker auf dem Vormarsch auf TP.
In einer Szene erläutert Becky Fischer ihr Programm im Umgang mit der Jugend. Da der Feind (gemeint ist in diesem Fall der Islam) seine Kinder nicht nur mit ideologischem Rüstzeug ausstatte, sondern auch mit Handgranaten und Gewehren, sei es nur richtig, die eigene Jugend auf die Ernsthaftigkeit der kommenden Auseinandersetzung vorzubereiten. Die Faszination der Turbochristen für den islamischen Dschihad ist unverkennbar, sie scheinen es als Herausforderung zu begreifen, einen christlichen vorzubereiten.
Noch gibt es keine "christlichen" Selbstmordattentäter. Noch.

Noch ein Nachtrag, unbedingt lesen:
Vorläufige Diagnostik, noch etwas wirr MomoRules ist darin anderer Ansicht als ich, wobei ich seine Ansicht für durchdachter und philosophisch fundierter halte als meine. (Obwohl: überzeugt hat er mich noch nicht.)

Mittwoch, 27. September 2006

Erderwärmung: Was untergeht ...

Heute ging eine alarmierende, wenn auch schon vertraute, Meldung durch Nachrichtenagenturen (hier aus dem Newsticker der "Welt"):
Neuer Höhepunkt der Erderwärmung erreicht
Der Meldung zufolge hat die Erwärmung den Höhepunkt der vergangenen 12 000 Jahre erreicht.

Auch auf "Die Welt online" erschien vor zwei Tage ein Artikel, der
anscheinend in eine ganz andere Richtung weist:
Hurrikans: Es stürmt nur der Alarmismus
Entgegen den Vorhersagen, die von einer ähnlich stürmischen Hurrikansaison wie im vergangenen Jahr ausgingen, herrschte dieses Jahr vergleichsweise Flaute: fast zwei Dritteln der Hurrikan-Saison sind vorbei, bisher gab es im atlantischen Raum keine Hurrikans und drei relativ schwache tropische Stürme, die die Küsten erreichten. (Insgesamt gab es dieses Jahr bisher acht tropische Stürme und vier Hurrikans.)
Nach einer gängigen Hypothese werden die Ozeane immer wärmer, es steckt mehr Energie im System, die Stürme werden infolge dessen immer heftiger. Allerdings: kein erstzunehmender Meteorologe stellt einen direkten Zusammenhang zwischen der Zunahme von Hurrikans und der globalen Erwärmung her, dazu ist die Entstehung von Wirbelstürmen zu komplex.

Messungen des Projektes ARGO, eines Systems aus 2000 in allen Ozeanen treibenden Messflößen (ARGO) kamen zu einem überraschenden Ergebnis: die Messergebnisse deuten auf eine Abkühlung der Weltmeere hin. Der tropische Atlantik, "Brutstätte" der Hurrikans, hat sich anscheinend zwischen 2003 und 2005 um bis zu eineinhalb Grad Celsius abgekühlt. Recent Cooling of the Upper Oceans (PDF).

Zeigen diese Meßergebnisse, dass es mit der "globalen Erwärmung" doch nicht so weit her ist? Nein. Sie zeigen vor allem, wie wenig wir eigentlich über das Klimasystem der Erde wissen - überraschende Entdeckungen aller Art sind nicht auszuschließen. Wenn man sich ansieht, wie mager die Datenbasis ist, ist es meines Erachtens fahrlässig, zu melden, auf der Erde sei es heute wärmer als je zuvor in den letzten 12 000 Jahren. Es gibt nicht einmal wirklich befriedigende Aussagen über das globale Klima vor 1600! (Über lokale und regionale Klimate schon.) Übrigens räumt Dr. James Hansen, auf dessen Veröffentlichung für das Goddard-Institute die Alarmeldung beruht, die Unsicherheit der Daten vor 1600 ein und bezeichnet die Schlußfolgerungen von Mann, die 1990er Jahre seien das wärmste Jahrzehnt der letzten 1000 Jahre, als noch unsicherer. Global Temperatur Change(PDF). Wenn Hypothesen, so seriös der Wissenschaftler, der sie aufstellt, auch sein mag, von den Nachrichtenagenturen und Medien quasi als Tatsachen "verkauft" werden, ist das ganz schlechter Journalismus.

Es ist aber auch fahrlässig, aufgrund der überraschenden Abkühlung der Meeresoberfläche anzunehmen, die Erde sei als Ganzes wieder etwas kühler geworden.
Der "Welt"-Artikel ist auch nicht gerade ein Musterbeispiel für guten Wissenschaftsjournalismus, dafür verteilt er zu viele polemische Seitenhiebe auf die angeblichen "Klima-Alarmisten".

In einem hat der "Welt"-Artikel aber völlig recht: "Man stelle sich vor, die mittlere Jahrestemperatur im Atlantik hätte sich innerhalb zweier Jahre um eineinhalb Grad Celsius erhöht anstatt gesenkt. Ob diese Meldung ebenso untergegangen wäre? Wohl kaum."

Dienstag, 26. September 2006

Die "sanfte Tour" gegen Rechtextremisten - und die Folgen

Zum Thema "erschreckende Wahlerfolge der NDP" gibt es viele pathetische Sprüche, dieselben Textbausteine, dieselben abgedroschenen Phrasen, wie seit Jahren gehabt. Ich frage mich ernstlich, auf welchem Planeten Uwe-Carsten Heye die letzten 15 Jahre verbracht hat, wenn er sagt:
Nun ist es wohl endgültig nicht mehr zu übersehen: Die Republik hat ein Rechtsradikalen-Problem.
Zur Erinnerung: Gab es nicht damals die Brandanschläge und Morde von Solingen und Mölln, oder das Pogrom von Hoyerswerda, oder den tobenden, brandstiftenden Mob in Rostock-Lichtenhagen? Von den vielen weniger spektakulären Mordanschlägen, Brandstiftungen, Körperverletzungen mit rechtsextremem Hintergrund ganz zu schweigen. Sind Nazis nur dann ein Problem, wenn sie in die Parlamente einziehen?

Es gibt viele Fehler, Versäumnisse und leider auch machtpolitische Klüngeleien, die den Erben Adolfs das Leben allzu leicht machen. Einer der wichtigsten heißt "Verständnis". Verständnis für weltanschauliche Positionen, für die es seitens eines halbwegs demokratisch denkenden Menschen mit halbwegs intakter Verantwortungs-Ethik kein Verständnis geben kann!
Dafür, dass die Neonazis zusehens populärer werden, gibt es allenfalls Erklärungen. Entschuldigungen, NDP zu wählen oder den "Kameradschaften" wohlwollend zu begegnen, gibt es nicht!
Statler schrieb dazu:
Das Muster des Täterverstehens ist universell, man kann es in der Innenpolitik genauso anwenden wie in der Außenpolitik, und vom Verständnis zum Appeasement ist es nur ein winziger Schritt.
Ganzer Beitrag: Appeasement - unbedingt auch die Diskussion lesen!

Trotz eindeutiger Mißerfolge ist die "sanfte Tour" gegenüber Neonazis immer noch nicht aus dem politischen Alltag verschwunden. (Vom "verständnisvollen" Kuschelkurs gegenüber de facto ebenfalls rechtsextremen islamischen Fanatikern will ich hier gar nicht anfangen.) Immer noch gibt es "Verständnis" für jene Idioten, die den "Braunen" und ihren primitiv-brutalen "Rezepten" gerne auf den Leim kriechen. Arbeitslosigkeit hin, Strukturschwäche her und bei allem Verständnis für die Leute in Vorpommern und anderswo, die mit Recht enttäuscht, frustriert, zornig sind:
Wer die Nazis wählt, ist ein Nazi - und kein armes Opfer!

Das hat sich leider bei einigen "Politprofis" noch nicht herumgesprochen, oder wie kommen sonst solche Sprüche zustande?
Soziale Kälte dürfte die überwiegende Empfindung der verbliebenen Jugendlichen sein und Zuwendung das letzte, was sie kennen oder erwarten können. Daher fahren sie ab auf die NPD.
(Auch Uwe-Carsten Heye.)

Ja, wenn die jungen Leute sozial frieren, werden sie eben zu Rassisten und Antisemiten - und schmeißen Brandsätze (gegen die Kälte?!?) Wobei ich nicht in Abrede stelle, dass es hilfreich wäre, wenn sich die demokratischen Pateien, der Staat, die Kirchen, die freien Wohlfahrtverbände nicht "aus Kostengründen" flächendeckend aus Jugendarbeit in den "strukturschwachen Regionen" verabschieden würden.

Wie im Großen, so im Kleinen. Es gibt wohl keine religiös-sprituelle Szene, die so sehr im öffentlichen Ruf steht, "braun" zu sein, wie die der germanisch orientierten Neuheiden (Ásatrú, Forn Siðr). Was leider nicht "nur" am Gebrauch gemanischer und pseudo-germanischer Symbolik durch alte und neue Nazis liegt, und auch nicht durch unter diesem Namen firmierenden Rassisten-Sekten wie Jürgen Riegers "Artgemeinschaft". Es liegt auch an der Heidenszenene selbst.
Man sollte meinen, dass demokratisch gesonnenen germanische Neuheiden alles Menschenmögliche tun, um sich umissverständlich und nicht nur verbal, sondern gerade durch ihr Handeln, gegen Nazis und Geistesverwandte abzugrenzen. In der traurigen Praxis beitreibt aber der nicht-rechtsextreme, "unpolitische", von der Satzung her sogar demokratische und antirassitische “Verein für Germanisches Heidentum e.V.” (ex. ORD) einen verantwortungslosen "Kuschelkurs" nach rechtsaußen.
Schlimmer noch, er erlaubt es aus falsch verstandener Toleranz, dass ein Funktionär einer rechtsextremen Patei den VfGH in mehreren Bundesländern repräsentiert - wohl, weil er im "unpolitischen" Verein selbst nicht politisch agitiert.
Mehr hierzu: Gefährliche Naivität gegenüber Rechtsextremismus in der germanischen Heidenszene.
Die "Heidenszene" mag manchen wie eine besonders skurile Subkultur erscheinen, aber tatsächlich ist sie ein ziemlich genauer Spiegel der Gesamtgesellschaft. Und sie ist hat unbestreitbar ein besonders großes "Naziproblem".

(Der Ordnung halber nachgeliefert: die Quelle der Heye-Äußerung: SpOn Heye legt Anti-NPD-Programm vor)

Sonntag, 24. September 2006

Ausgegraben

Drei wertvolle Fundstücke zum Thema "einheimische Archäologie", ausgegraben aus Nachrichtenseiten, die ich hier verlinke, weil so etwas allzuleicht im Internet verschüttet wird.

Walsroder Zeitung: Archäologen im Glück: Hemmoorer Eimer
Bei dem "Hemmoorer Eimer" handelt es sich um ein rund 1800 Jahre altes römisches Messinggefäß, das von Germanen als "Sarg" zweckentfremdet worden ist. Eine Grabung nahe der Fundstelle bei Grethem (südliche Lüneburger Heide) förderte nicht nur einen weiteren "Eimer" zutage, sondern auch kostbare Grabbeigaben, die sonst nur in Fürstengräbern vorkommen. Ob der Acker Teil eines größeren Gräberfeldes ist oder ob Spuren von Hölzern und einem Brunnen auf eine Siedlung hindeuten, und wie die römischen Gefäße tief ins "freie Germanien" kamen, konnte noch nicht geklärt werden - für weitere Grabungen fehlt (die alte Leier) das Geld.

Oberpfalznet: Eine wissenschaftliche Sensation.
Eine Grabung in einem Brunnen aus slawischer Zeit bei Dietstätt, in der Nähe von Nabburg, beweist, dass die Slawen im sechsten bis achten Jahrhundert schon ausgefeilte Fachwerktechniken beherrschten, die denen des 19. Jahrhunderts entsprechen. Funde wie diese weisen die gängige Vorstellung, auf die zivilisierte Epoche der Spätantike wäre ein "dunkles Zeitalter" gefolgt, mehr und mehr in das Reich der Legende. Ebenfalls ins Reich der Legende verweisen sie die Vorstellung einer permanenten Rivalität zwischen Slawen und Germanen im frühen Mittelalter - die Funde weisen auf ein harmonisches Nebeneinander in der "Kontaktzone", des heutigen Oberpfälzer- bzw. Böhmerwaldes.

wissenschafts-news: Frühmenschen erstaulich groß
Die Vormenschen, Frühmenschen und Urmenschen waren teilweise bereits erstaunlich groß. Auf diese wenig bekannte Tatsache weist der Wissenschaftsautor Ernst Probst aus dem Wiesbadener Stadtteil Mainz-Kostheim in seinem Taschenbuch "Rekorde der Urzeit" hin.
Der Artikel enthält eine Leseprobe aus diesem Buch.

Samstag, 23. September 2006

Heuchler

Nachdem ich sie ob ihres gelegentlichen Hanges, bei der Kritik an tatsächlichen oder vermeindlichen Ökologisten ins andere Extrem zu fallen tadelte, muß ich sie dieses Mal loben: Maxeiner & Miersch schrieben in ihrer "Welt"-Kolumne über eine heuchlerische Form des "Öko-Marketings", anhand des Beispiels BP. Auf der einen Seite öffentlichwirksame Sorge um Klimawandel, CO2, und Imagekampagnen in Richtung "grüner Ölmulti" - auf der anderen Seite verursachte z. B. eine defekte BP-Pipeline in Alaska die zweitgrößte Ölverschmutzung seit der Havarie des Öltankers Exxon Valdez, weil BP trotz Rekordgewinnen nicht genug Geld in die Wartung investierte. (Gefunden bei dadg: Die Missionare von der Tankstelle.)

Eine ganz andere, noch widerlichere, Form der Heuchelei (oder des Zynismus) ging mit einem traurigen Jubiläum einher, auf das Che hinweist: Gedenken. Vor 25 Jahren wurde Klaus-Jürgen Rattay bei einen Polizeieinsatz gegen Berliner HausbesetzerInnen getötet. taz: Der Tod in der Bewegung. Damals - ich war noch Schüler - war's für mich nur irgendeine Meldung in den Nachrichten - wenn da nicht der sichtbare Triumpf des damaligen Berliner Innensenators Heinrich Lummer gewesen wäre, der die "gelungene" Räumung als Sieg des Rechtsstaates feierte. Das ging mir nicht mehr aus dem Gedächtnis - und bei der nächsten Demo "besser instand-besetzen als kaputt-besitzen" der Hausbesetzer und Sympatisanten war ich dabei.

(Hierzu auch: Artikel Lummer, Heinrich im IDGR-Lexikon Rechtsextremismus.)

User Status

Du bist nicht angemeldet.

Aktuelle Beiträge

Geheimauftrag MARIA STUART...
Krisenfall Meuterei Der dritte Roman der Reihe "Geheimauftrag...
MMarheinecke - 9. Apr, 19:42
Urlaubs-... Bräune
Das "Coppertone Girl", Symbol der Sonnenkosmetik-Marke...
MMarheinecke - 1. Aug, 08:34
Geheimauftrag MARIA STUART...
Ahoi, gerade frisch mit dem Postschiff eingetoffen. Der...
MMarheinecke - 26. Mär, 06:48
Kleine Korrektur. Man...
Kleine Korrektur. Man kann/sollte versuchen die Brille...
creezy - 11. Nov, 11:29
strukturell antisemitisch
Inhaltlich stimme ich Deinem Text zwar zu, aber den...
dummerle - 5. Jun, 11:12

Suche

 

Status

Online seit 7361 Tagen
Zuletzt aktualisiert: 15. Jul, 02:08

Credits


doof-aber-gut
Gedankenfutter
Geschichte
Geschichte der Technik
Hartz IV
Kulturelles
Medien, Lobby & PR
Medizin
Persönliches
Politisches
Religion, Magie, Mythen
Überwachungsgesellschaft
Umwelt
Wirtschaft
Wissenschaft & Technik
Profil
Abmelden
Weblog abonnieren