Samstag, 19. September 2009

Aus der Wunderwelt der gut-doofen Filme - heute: "Piraten"

Arrrr, Seebären und Landratten - heute ist "Talk Like A Pirate Day!

Pirates (Piraten) aus dem Jahr 1986 war eine französische Produktion, die mit Blick auf den amerikanischen Markt auf englisch gedreht wurde.
Theoretisch hat "Pirates" alles, um ein ganz großer Film zu sein: Roman Polanski als Regisseur, Walter Matthau als Hauptdarsteller, eine hervorragende Besetzung bis in die Nebenrollen, und ein üppiges Buget von 40 Millionen US-Dollar, das erlaubte, den Film auf einem eigens nachgebauten Schiff und fast vollständig "on location", d. H. im westlichen Mittelmeer und an der tunesischen Küste, zu drehen.
Trotzdem war der Film kein großer Erfolg und trug zu dem Ruf der Piratenfilme bei, "Kassengift" zu sein. Meiner Ansicht nach zurecht: denn "Pirates" ist kein guter, sondern eben nur ein gut-doofer Film.
Pirates 1986
Während bei Regie, Besetzung und Ausstattung nicht gespart wurde, hob sich die Story herzlich wenig von den üblichen Klischees ab. Die Produktion ist aufwendig und hochprofessionell, das Drehbuch eher nicht: Es unterschiedet sich kaum von denen der billig produzierten italienischen "Süßwasser-Piratenfilmen" der 1950er und 1960er-Jahre, die reihenweise am Gardasee (deshalb "Süßwasser-Piraten") abgedreht wurden.
Roman Polanski hatte "Pirates" ursprünglich als Abenteuerfilm im "Mantel und Degen"-Stil nach dem Vorbild der Errol-Flynn-Piratenfilme der 1930er und 1940er Jahre geplant. Polanski wollte die Hauptrolle, den grimmigen Piraten Captain Thomas Bartholomew Red, der locker auf dem berühmten historischen Piraten Bartholomew Roberts (1682 - 1722) beruht, mit Jack Nicholson besetzen. Das scheiterte nicht nur an Nicholsons Gagenforderungen, sondern auch daran, dass Polanski wegen des Verdachts auf sexuellen Missbrauch im Jahre 1978 aus den USA floh (er soll die 13 Jahre alte Samantha Gailey unter Drogeneinfluss "gefügig gemacht" haben, und zwar in Jack Nicholsons Haus). Polanski lebte seitdem in Frankreich und konnte, da er die französischen Staatsbürgerschaft hat, nicht an die USA ausgeliefert weder. (Bemerkenswert ist, dass Samantha Geimer (geb. Gailey) sich heute für Polanskis einsetzt - der Fall wäre offensichtlich wegen der Voreingenommenheit der Staatsanwaltschaft und der Richter als "Vergewaltigung eines Kindes unter Drogeneinfluss" behandelt worden, während Geimer heute davon spricht, Polanski hätte lediglich einen Fehler gemacht.)
In Frankreich nahm er das Projekt später wieder auf, allerdings mit Walter Matthau in der Hauptrolle. Da Matthau keinesfalls ein Actionschauspieler ist, wurde das Drehbuch auf "komisch" umgearbeitet.

Zur Handlung: Captain Red (Walter Matthau) ist ein mit buchstäblich allen Piratenkapitän-Klischees, vom Brokatrock bis zum Holzbein, ausgestatteter Piratenkapitän. Seine prächtige Kleidung ist auch dann ein Rätsel, wenn man berücksichtigt, dass der Film absichtlich mit Klischees spielt, denn Captain Red hat immerhin vier Jahre gemeinsam mit dem jungen französichen Maat Jean-Baptiste, den er "Frosch" nennt (Cris Campion), auf einer einsamen Insel verbracht. Immerhin: "Frosch" ist angemessen abgerissen. Die beiden konnten der Insel mit einem Floß entkommen, allerdings ging der Proviant bald aus, und die beiden hungern. Red droht "Frosch" aufzufressen. Eine schwer bewaffnete spanische Galeone, die "Neptune", rettet die beiden. Sie werden zusammen mit zur Zwangsarbeit verurteilten Gefangenen eingesperrt. Zufällig, aber nicht überraschend, hat die "Neptune" einen Schatz an Bord, und "selbstverständlich" ist das nicht irgend ein Schatz, sondern der goldene Thron eines Aztekenkönigs. Es ist auch sonnenklar, dass Red das sehr schnell spitz bekommt, ebenso, dass einige der Gefangenen Piraten sind. Daraufhin zettelt er mühelos eine erfolgreiche Meuterei an und übernimmt das Kommando über die Schatzgaleone. Die Meuterer feiern auf einer Insel ihren Erfolg. Ebenso mühelos wie zuvor Red gelingt es dem spanische Kapitän Don Alfonso de la Torre (Damien Thomas) die Piraten zu überlisten, die "Neptune" zurückzukapern und zu fliehen. Allerdings bleibt Maria Dolores, die Nichte des Gouverneurs von Maracaibo, die sich (natürlich) in Jean-Baptiste verliebt hat, zurück. Mit ihr als Geisel macht sich Captain Red auf den Weg nach Maracaibo (wohin zufällig auch die "Neptun" fuhr). Obwohl Maracaibo schwer befestigt und gut bewacht ist, und obwohl die Wachen nach dem, was vorgefallen ist, eigentlich äußerst misstrauisch sein müssten, dringen Reds Männer nicht nur unerkannt in die Stadt ein, sondern gleich in die Schlafgemächer des Gouverneurs vor. Sie zwingen ihn, einen schriftlichen Befehl aufzusetzen, dass der goldene Thron Red auszuhändigen sei. Der Plan gelingt. Red und Jean-Baptiste versuchen in der Nacht mit einem Ruderboot den Thron aus dem Hafen zu schaffen, bleiben aber an der Absperrkette des Hafens hängen. Sie versuchen den Thron über die Kette zu heben, verlieren dabei ihr Boot und müssen die Nacht gemeinsam mit dem Thron auf der dicken Kette sitzend verbringen, wo sie am Morgen von den Spaniern festgenommen werden.
Selbstverständlich können die Piraten die zum Tode verurteilten Red und Jean-Baptiste befreien. Sie jagen anschließend der "Nepune" hinterher, die den Thron nach Spanien bringen soll. Die Piraten entern die "Neptune". Red kann den Thron wieder an sich bringen, verliert aber sein Schiff. Am Ende treiben er und "Frosch" wieder allein auf dem Meer, jedoch mit dem goldenem Thron, und Red will den nun "fett gewordenen" Frosch wieder auffressen.

Ähnlich wie später "Pirates of the Caribbean" spielt "Piraten" mit zahlreichen Genre-Klischees, und beide Filme haben Lücken von der Breite einer Meerenge in der Handlungslogik, einer Meerenge, die man durchsegeln könnte, ohne auch bei bester Sicht die beiden Küsten der Plausibilität im Fernrohr erkennen zu können. Aber "Pirates of the Carribean" spielt in einer Fantasy-Welt, in der buchstäblich alles passieren kann, und ist ohnehin eher Piratenfilm-Parodie als Abenteuerkomödie. Die Logikbrüche kommen unerwartet und wirken verblüffend. In "Pirates" kommen sie eher "mit Ansage" daher, denn auch wenn die Klischees handbreit aufgetragen werden, bleiben sie vorhersehbare Klischees. Anders gesagt: "Pirates" ist streckenweise langweilig. Außerdem sind viele der Gags in "Pirates" müde: Wenn Captain Red etwa mit dem Holzbein in einer Gräting steckenbleibt, steckt darin so wenig Situationskomik, dass selbst ein erprobter Kommödiant wie Matthau das nicht wirklich witzig darstellen kann. Das Niveau von "komischen" Szenen, in der zum Beispiel ein Pirat einem anderen ins Badewasser pinkelt, ist unterste Bilge. Überhaupt spielt "Fäkalhumor" bei den sichtbar nachträglich eingeschobenen Gags eine unangenehm große Rolle. Der Film ist weder Parodie noch leichtfüßige Abenteuerkommödie. Tatsächlich kämpfen gute Schauspieler und Polanskis Regie vergeblich gegen das schwache Drehbuch von Gérard Brach an. Brach ließ sich offensichtlich stark vom "Tim und Struppi" Abenteuer "Der Schatz Rackham des Roten" "inspirieren".
Einige gute Einfälle und Szenen dümpeln unverbunden nebeneinander her und der Spannungsbogen hängt schlaff durch wie ein Schot bei totaler Flaute. Der Film wurde beim Endschnitt um 20 Minuten gekürzt und ist trotzdem mit seinen gut zwei Stunden zu lang.

"Pirates" ist zwar besser inszeniert und wenige "trashig" als die meisten Gardasee-Piratenfilme, allerdings fehlt wegen der guten Besetzung, der guten Regie und vor allem der guten Ausstattung das Element der unfreiwilligen Komik. Piratenheulern wie "La scimitarra del Saraceno" ("Der Sohn des Roten Korsaren") (1959) oder "Il segreto dello sparviero nero" ("Der schwarze Brigant") (1961) verleihen gerade die lächerlichen Kulissenschiffe, die selbst auf dem meist spiegelglatten Gardasee so wirken, als würden sie im nächsten Augenblick in Seenot geraten, unverkennbar norditalienische Landschaften, vor Kitsch triefende Handlungen, krasse Anachronismen und stümperhafte Kampfszenen die gewisse Würze.

"Pirates" ist trotzdem sehenswert, und zwar im wörtlichen Sinne. Für die Kostüme von Anthony Powell erhielt der Film eine verdiente "Oscar"-Nominierung und auch den "César" für "beste Kostüme" und "beste Ausstattung" erhielt "Pirates" zurecht. Die Schauwerte sind also beachtlich.
Die meisten Piratenfilme wurden komplett im Studio gedreht, z. B. The Sea-Hawk (Der Herr der sieben Meere) (1940), es wurden einfache Kulissenschiffe gebaut (wie bei den Gardasee-Piraten) oder vorhandene Schiffe verwendet und allenfalls umgebaut, z. B. für The Crimson Pirate (Der rote Korsar) (1952) und u. A. auch für die Filmtrilogie Pirates of the Caribbean (Fluch der Karibik) (2003 - 2007).
Pirates, Roman Polanski, boat Genova 2
Die "Neptune" im Hafen von Genua. Quelle: Wikimedia, Foto: Zil

Nicht so bei Polanskis "Piraten": Der Hauptschauplatz und eigentliche Star des Filmes ist die Galeone "Neptune", 1983 - 1985 eigens für den Film gebaut. Die "Neptune" soll ein Schiff des 17. Jahrhunderts darstellen - die Schiffsglocke trägt die Jahreszahl 1627. Zwar ist die "Neptune" nicht wirklich authentisch - die Gallionsfigur ist z. B. viel zu groß, aber immerhin seetüchtig und kann mit einer Geschwindigkeit bis zu 5 Knoten (ca. 9 km/h) fahren. Der Bau hat 8,2 Millionen Dollar gekostet.
Nach den Dreharbeiten hat die Gesellschaft "Carthago Films" beschlossen, die "Neptune" zu einer ständigen Ausstellung zu machen. Sie liegt jetzt am Kai des Alten Hafens von Genua.

"Pirates" war ein finanzieller Flop, und trug viel zu der Vorstellung bei, dass Piratenfilme "Kassengift" seien. (Was 1995 durch den noch größeren Flop Cutthroat Island (unpassender deutscher Titel "Die Piratenbraut") scheinbar bestätigt wurde. Ich halte "Cutthroat Island übrigens für weniger doof und inhaltlich besser als "Pirates".)

Freitag, 18. September 2009

Warum ich kein "Pirat" bin

Ja, ich mache Wahlwerbung für die "Piraten", und ich werde diese Partei auch wählen. Aus gutem Grund. Weil nämlich ein Abbau bürgerlicher Freiheitsrechte unübersehbar ist, und wir um längst auf dem Weg in eine Überwachungsgesellschaft befinden. Und weil das Internet nicht etwa ein separater virtueller "Raum" ist (und schon gar kein "rechtsfreier Raum"), sondern ein mittlerweile unentbehrliches Medium. Weil ich außerdem weiß, dass das Problembewusstsein dafür in den etablierten Parteien eher spärlich entwickelt ist - wenn sie nicht nicht sogar offen für mehr Überwachung sind und in strengeren gesetzliche Regelungen / mehr Verboten offensichtlich ein Allheilmittel sehen.

Aber ganz wohl ist mir dabei nicht. Das hängt mit der "piratischen" Mischung aus abenteuerlichem Dilettantismus und gruppenbezogenen Populismus zusammen. Mag sein, dass ich arrogant bin - aber wenn Andreas Popp sein Interview mit der "neurechten" "Jungen Freiheit" damit rechtfertigt, dass ihm die Zeitung überhaupt nicht bekannt gewesen sei, dann zeigt das aus meiner Sicht nur eines: dass er gefährliche politische Bildungslücken hat und seltsam recherchefaul ist. Schon der (m. E. viel zu rosige) Wikipedia-Artikel Junge Freiheit zeigt, dass die JF zumindest problematisch für ein Vorstandsmitglied einer Bürgerrechtspartei sein sollte. Und wenn sich Popp als "armes Opfer" darstellt - nicht etwa seiner eigenen Naivität, sondern der bösen Umstände - dann hat er sich schon verdammt stark den üblichen Verhaltensmustern eines deutschen Durchschnittspolitikers angenähert.

Ich weiß, dass, wenn ich für "Open Acess", das Recht auf die Privatkopie und für stärkere Rechte des Urhebers zulasten der Verwertungsindustrie bin, eben nicht "Legalisierung von Diebstahl" oder gar "Enteignung von Urhebern" befürworte, und ich weiß auch, dass viele Piraten darin einer Meinung mit mir sind.
Aber ich weiß leider auch, und zwar nicht aufgrund irgendwelcher Gerüchte, sondern weil die Betreffenden das selbst schreiben oder sagen - dass so manche "Piraten" ein sehr lockeres Verhältnis zum Urheberrecht haben. Dass meine Texte und meine Bilder unter "CC-Lizenz" stehen, liegt nicht nur an meinem Idealismus - sondern auch daran, dass sie erkennbar die Produkte eines Amateurs sind, und den professionellen Qualitätsansprüchen nicht entfernt entsprechen. (Dass viele journalistische Texte in der Praxis diesen professionellen Maßstäben auch nicht gerecht werden, steht auf einem anderen Blatt.) Um als Künstler - egal, ob als Schriftsteller, Dichter, Musiker, bildender Künstler, Schauspieler, Regisseur oder Computerspiel-Programmierer - wirklich gut zu sein, braucht man nämlich außer Begabung (ohne Talent geht da meiner Ansicht nach gar nichts) sehr viel Fleiß. Ständiges Lernen und üben, üben, üben. Keine andere Regel der Kreativitätsforschung ist so gut bestätigt, wie die, dass zur Meisterschaft auf einem Gebiet mindestens 10000 Stunden Erfahrung nötig sind. (Das sind 1250 8-Stunden-Vollzeitarbeitstage oder gut fünf Vollzeitarbeitsjahre. Was erklärt, warum "Professionelle" in der Regel bessere Leistungen erbringen, als "Amateure", und weshalb es so schwer ist, neben einem "Vollzeit-Brotjob" ein guter Künstler zu sein.)
Deshalb steht einem Kreativen eine angemessene Bezahlung einfach zu. (Das richtet sich sowohl gegen in der Medienindustrie immer noch übliche Verwertungsmodelle, in denen der eigentlich Urheber, der Künstler, mit "Peanuts" abgespeist wird, wie auch an Menschen, die einfach geschützte Werke downloaden ohne zu fragen, geschweige denn, zu bezahlen.)

Die "Piraten" sind noch weit davon entfernt, die Bürgerrechts-Partei zu sein, der ich ohne zögern beitreten würde.
Aber es ist trotzdem gut, dass es sie gibt.

Nachtrag: Klar, der Einwand liegt nahe: Warum trittst Du dann nicht den “Piraten” bei und sorgst dafür, dass sie eine reifere und effektivere Bürgerrechtspartei werden?
Weil das sehr viel mehr Engagement erfordern würde, als mal Plakate kleben oder mal was zu Bloggen. Wenn ich einer Partei beitreten - überhaupt irgend einer Vereinigung beitrete - dann nur unter der Maßgabe, dass ich mich voll und ganz für die Parteiarbeit engagiere. Was nebenbei auch Grundvoraussetzung dafür ist, in einer Partei etwas zu bewirken. Dafür fehlt es mir an Nervenstärke - ich fürchte, mich in der Parteiarbeit aufzureiben. Dass es mir an der für politische Arbeit nötigen Sozialkompetenz mangelt - was in einer Partei mit einem hohen Anteil ebenfalls wenig sozialkompetenter "Nerds" besonders wichtig ist. Und einfach Mitglied und nicht Aktivist zu sein, widerspricht meiner (Arbeits-)Ethik.

Donnerstag, 17. September 2009

Ein wichtiger Preis, der leider etwas untergeht

Der Deutsche Umweltpreis der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU) geht 2009 an zwei Unternehmer, die eine umweltfreundliche Heizmethode für die Industrie entwickelten, an einen Wissenschaftler für seine Forschungsarbeiten zum Verständnis mikrobieller Vorgänge im Meer und an die Ehrenvorsitzende des Bundes für Umwelt- und Naturschutz Deutschland (BUND) für ihrem ehrenamtlichen Einsatz zum Schutz der Umwelt. Der Preis ist mit 500.000 Euro Preisgeld die höchstdotierte Umweltauszeichnung Europas und wird am 25. Oktober in Augsburg verliehen.

Deutscher Umweltpreis 2009 vergeben (scienexx)

Besonders bemerkenswert finde ich, dass die DBU den Mut hatte, eine so "exotische" High-Tech wie die Verwendung von Hochtemperatursupraleitern für eine umweltfreundliche Heizmethode auszuzeichnen.
Vielleicht imponierte der DBU der unternehmerische Mut der Geschäftsführer des Maschinenbauunternehmens Bültmann und des Hochtechnologieunternehmens Zenergy Power und das technische Können ihrer Mitarbeiter, denen es gelang, einen Heizer auf Basis von Hochtemperatursupraleitern (HTS) zu entwickeln. Er kommt in der Industrie zum Einsatz, um etwa Metallblöcke zur Weiterverarbeitung auf die erforderliche Temperatur zu erhitzen, ein bisher sehr energieintensiver Vorgang: Drei Prozent des weltweiten Stromverbrauchs entfallen darauf, allein in Deutschland 2007 rund 15 Milliarden Kilowattstunden, die Stromproduktion von vier Steinkohlekraftwerken. Mit dem neuartigen HTS-Heizer lässt sich davon mehr als die Hälfte einsparen.

Piratenpatei: Brief an die Nichtwähler

Gefunden und gekapert beim Terrorpeuten. Piratenpartei: Brief an die Nichtwähler.

Weil es, obwohl Wahlwerburg, trotzdem sehr wichtig und richtig ist, hier als Raubmordkopie Vollzitat:
Liebe Nichtwähler,

wir schreiben euch diesen Brief, weil ihr die stärkste politische Kraft in diesem Land seid. Bei der Europawahl habt ihr mit 46,7% alle Parteien weit hinter euch gelassen. Bei der kommenden Bundestagswahl werdet ihr voraussichtlich zum ersten Mal stärker als CDU und SPD sein. Herzlichen Glückwunsch!

Wir können es sehr gut verstehen, dass ihr nicht zur Wahl geht. Wir haben von der Politik in diesem Land auch die Nase voll. Alle vier Jahre dürfen wir Bürger unser Kreuzchen für Kandidaten und Landeslisten machen, die von Parteifunktionären in Hinterzimmern aufgestellt werden. Dafür wird uns vor der Wahl in professionell gestalteten Werbekampagnen das Blaue vom Himmel versprochen. Nach der Wahl werden diese leeren Versprechen dann eiskalt wieder einkassiert. Die Sachzwänge sind dann schuld, oder die leeren Kassen.

Zwischen den Wahlen haben wir Bürger ruhig zu sein. Die Politiker wollen bei ihrer wichtigen Arbeit nicht gestört werden. Sie bekommen schließlich von den Lobbyverbänden eine Menge Geld dafür, deren Entwürfe zu Gesetzen zu machen. Von den knappen Diäten kann man ja kaum leben, und es ist auch viel bequemer, die Vorlagen der Lobbyisten zu verwenden, als selbst nachdenken zu müssen.

Kein Wunder, dass dabei oft Gesetze herauskommen, die nichts als Schaden anrichten. Nach dem elften September 2001 wurden zum Beispiel viele Gesetze beschlossen, die uns angeblich vor dem Terrorismus schützen sollen. In Wirklichkeit beschneiden sie unsere bürgerlichen Freiheitsrechte immer mehr. Unsere Daten werden gespeichert, unsere E-Mails gelesen, unsere Computer heimlich durchsucht. Die Politiker behaupten, sie hätten nicht die Absicht, einen Überwachungsstaat zu errichten. Dennoch bauen sie so fleißig daran, dass George Orwell *) oder die STASI ihre Freude hätten.

Liebe Nichtwähler, wir respektieren es, wenn ihr diesmal wieder nicht zur Wahl geht. Aber wisst ihr eigentlich, dass jede Nichtwählerstimme vor allem den großen Parteien zugute kommt? Wer nicht wählen geht, stärkt die Große Koalition. Wollt ihr das wirklich? Die gute Nachricht: Es gibt bei dieser Wahl eine echte Alternative für Nichtwähler – die Piraten. Wenn ihr eure Stimme nicht an die Altparteien verschenken wollt und ein deutliches Zeichen setzen möchtet, dass sich in diesem Land etwas grundlegend ändern muss, solltet ihr am 27. September Piratenpartei wählen. Wir versprechen euch, dass wir nie etwas versprechen werden, das wir nicht halten können.

Unser Programm ist absichtlich so schlank gehalten, dass ihr genau wisst, wofür wir stehen:

● für die Stärkung der Bürgerrechte und gegen den Überwachungsstaat
● für einen transparenten Staat und gegen den „gläsernen Bürger“
● für eine bessere Demokratie, bei der die Bürger die Politik aktiv mitgestalten können
● für freien Zugang zu Kultur und Bildung

Für diese Ziele werden wir kämpfen. Einen Gemischtwarenladen aus leeren Versprechungen wie die Altparteien bieten wir bewusst nicht an.

Dienstwagen und Pensionen aus der Staatskasse interessieren uns nicht. Wir können unser Geld woanders besser verdienen. Wir gehen nur deswegen in die Politik, weil wir es uns nicht mehr leisten können, sie Menschen zu überlassen, die außer Parteipolitik nichts gelernt haben. Die Lobbyisten werden natürlich versuchen, uns genauso zu bearbeiten wie die Altparteien. Doch wir sind Piraten – wir sind unbestechlich.

Liebe Nichtwähler, ihr habt es in der Hand, etwas in der deutschen Geschichte noch nie Dagewesenes zu schaffen. Wenn ihr bei dieser Wahl ausnahmsweise nicht zu Hause bleibt, sondern die Piratenpartei wählt, wird ein Ruck durch dieses Land gehen.

Wir stehen bei euch im Wort. Wenn wir uns korrumpieren lassen sollten wie die Altparteien, dürft ihr uns abwählen und beim nächsten Mal wieder zu Hause bleiben. Gebt uns dieses Mal eure Stimme und wir werden euch nicht enttäuschen!

Wir sehen uns am 27. September in der Wahlkabine!

Eure Piraten
Weitersagen!

*) Hier wurde offensichtlich George Orwell mit seinem Großen Bruder verwechselt.


Piratenpartei



Hier gibt's den Offenen Brief an alle Nichtwähler zum ´Runterladen als pdf. Ihr könnt ihn ausdrucken, in Briefkästen stecken, an schwarze Bretter hängen und hinter Autoscheibenwischer klemmen.

Montag, 14. September 2009

1000 mal MMsSenf - und kein Grund zum Feiern

Dies ist der eintausendste Beitrag auf "MMs Senf".

Aus diesem Anlass ein Video zu einem Thema, das in den nicht einmal vier Jahren, die ich jetzt blogge, immer drängender wurde:


Nachtrag: Hier mehr zum Projekt: RetteDeineFreiheit.de

Karan kommentierte meinen ersten Blogbeitrag mit
"Laß' es einfach wachsen..."
Und es wuchs!

Danke an alle Leser!

Polizist droht Journalisten mit Erschießung

Im Schatten dieser Berichte über die Polizeiübergriffe am Rand der "Freiheit statt Angst"-Demo, aber nicht weniger verstörend, steht ein Vorfall aus Hamburg.
Am 11.September fand dort eine NPD-Demonstration (ca. 100 kackbraune Kameraden) und eine dazu gehörende Gegendemonstration (ca. 3500 Teilnehmer) statt - dazwischen ca. 1400 Polizisten. Bei allem Verständnis für die unangehme Situation der Beamten, die z. T. heftig von der "Testosteron-Antifa" attackiert wurden: ein Polizist drohte einem Video-Journalisten mit Erschießung. Geht's noch?

Leider wurde das Video lt. "youtube" vom Nutzer entfernt.

(Übrigens von "Welt-TV". An und für sich sind "Die Welt" und ihre Ableger nicht gerade als übermäßig polizeikritisch bekannt.)

Sonntag, 13. September 2009

Wie geht's dem Wald?

Erinnert sich noch jemand ans Waldsterben? Jedenfalls in Deutschland sieht es für den Wald nicht schlecht aus. Das heißt zwar nicht, dass alles in bester Ordnung wäre, und es kaum noch kranke Bäume gäbe: Der Flächenanteil der Bäume mit deutlichen Nadel- oder Blattverlusten der Baumkrone beträgt 26 Prozent. Der Zustand der Wälder hat sich 2008 deutschlandweit, über alle Baumarten hinweg betrachtet, kaum verändert. Laut Waldbericht des Bundesminsteriums für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz (BMELV) nahm die deutsche Waldfläche in den vergangenen 40 Jahren um ca. 10000 km2 zu. Waldzustand 2008 (BMELV) Seit 1981 - dem Jahr, in dem das Waldsterben erstmals Schlagzeilen machte - wuchs z. B. in Bayern die Waldfläche um 150 km2 an. Obwohl der Holzeinschlag in den letzten Jahren gesteigert wurde, liegt er immer noch weit unter dem Zuwachs - die Waldnutzung ist damit nachhaltig. Etwa 30 Prozent der Bodenfläche Deutschlands sind mit Wald bedeckt.
Der Einsatz von Anlagen zur Rauchgasentschwefelung und von Katalysatoren zur Bekämpfung des "Sauren Regens" hat offenbar Wirkung gezeigt. Die Schwefelbelastung der Waldböden ging deutlich zurück. Waldböden geht es etwas besser. In Deutschland wie überhaupt in Europa (außer dem Mittelmeeraum) wachsen die Wälder.
Wald-Moor-08
Natürliches Baumsterben an einem jungen Versumpfungsmoor

Ein Faktor beim Waldwachstum in Europa dürfte der Klimawandel sein: Vor allem durch die mildere Winter verschiebt sich die Baumgrenze nach Norden und in höhere Gebirgslagen. Bäume wachsen in Regionen, in denen sie früher nicht existieren konnten.
Wesentlich wichtiger als das mildere Klima ist für die beobachtete Ausdehnung der Gebirgswälder in den Alpen jedoch ein wirtschaftlicher Faktor: Landwirtschaft in Hochgebirgslagen lohnt sich immer weniger, Almen werden aufgegeben und Wiesen aufgelassen. Dort wird im Interesse des Lawinenschutzes oft aufgeforstet, aber auch dort, wo ehemalige Wiesen nicht aufgeforstet werden, rücken Bäume vor. Zwar nimmt der Skitourismus viel Fläche in Anspruch, und Landschaftsschäden durch Skipisten sind im Sommer kaum zu übersehen, aber insgesamt ist der Flächenbedarf für den Tourismus weitaus geringer als der der traditionellen Landwirtschaft.
Wald-Moor-03
Artenreicher Laubmischwald

Im "Norden" - in Europa, Russland, Kanada und die USA - wächst der Waldbestand an. In China gibt es - nach jahrhundertlangem Raubbau - ein gewaltiges Aufforstungsprogramm.
Trotzdem sieht es global gesehen nicht gut aus. Die weltweite Entwaldungsrate ist laut dem letzten FAO-Statusbericht nach wie vor erschreckend hoch, wenn auch etwas geringer als in den 1990er-Jahren: Zwischen 2000 und 2005 gingen 73.000 km2 Wald verloren, vor allem in den Tropen. Besonders dramatisch ist die Entwaldung in Indonesien; die Insel Sumatra verlor zwischen 1985 bis 2007 die Hälfte ihrer Waldfläche - und damit Lebensraum von Orang-Utans, Tigern und Sumatranashörnern. Ein besonders trauriger Aspekt ist, dass indonesischer Regenwald für riesige Ölpalmen-Plantagen gerodet wird. Das Palmöl aus diesen Plantagen wird als angeblich klimafreundlicher Treibstoff in Europa und Nordamerika verfeuert. Ein Hohn, da neue Palmölplantagen vor allem im Tieflandregenwald von Indonesien und Malaysia angelegt werden. Der Tieflandregenwald ist ein Torfwald, und als solcher ein riesiger Kohlendioxid-Speicher. Um Platz für neue Palmöl-Plantagen zu schaffen, wird üblicherweise Brandrodung verwendet. Durch die Waldbrände allein in Indonesien wird in manchen Jahren mehr als eine Milliarde Tonnen Kohlendioxid frei gesetzt, etwa 15 Prozent der weltweit von Menschen verursachten CO2 Emissionen. Den Teufel mit dem Belzebub ...
Interessant und erfreulich ist, dass verstärktes Baumwachstum aus einer Region der Erde berichtet wird, die noch vor einige Jahren Gefahr lief, zur Wüste zu werden: Die Sahel-Region am Südrand der Sahara. Satellitenbilder und Luftaufnahmen, die über Jahrzehnte die Vegetationsentwicklung dokumentieren, zeigen ein Vorrücken von Büschen und Bäumen nach Norden. Die Niederschlagsmengen in dieser Region nahmen zu. Leider wird die neue Vegetation an vielen Orten durch Überweidung wieder zerstört.
Der Globus wird grüner (Welt.de).

Samstag, 12. September 2009

"Vergessene Welt": Riesenratten und Zwergpagageien in erloschenem Vulkankrater

Es könnte ein Science Fiction- / Abenteuer-Schmöker in der Art von Arthur Conan-Doyles "Lost World" sein - aber es ist Realität.
Eine Forschungsexpedition, die einen erloschenen Vulkan in Papua-Neuguinea erkundete, fand dort mehr als 40 bisher unbekannte Tierarten, darunter Ratten von der Größe einer Hauskatze, Frösche mit Fangzähnen, echte Papageien, die kleiner als Wellensittiche sind, tarnfarbene Geckos, Spinnen, die ein Netz auf ihre Beute fallen lassen und Fische, die mit ihrer Schwimmblase grunzen.

Mount Bosavi im Regenwald Papua-Neuguineas ist ein 2,7 km hoher erloschener Vulkan mit einem einen Kilometer tiefen und vier Kilometer durchmessendem Krater. Das Leben entwickelte sich dort 200.000 Jahre lang isoliert von der Außenwelt, denn so lange liegt der letzte Ausbruch zurück.
Die silbergraue Bosavi-Wollratte ist eine der größten Rattenarten der Welt, wiegt 1,5 kilogramm und ist mit Schwanz über 80 cm lang. Da sie niemals Menschen begegnet ist, hat sie, wie der Tierfilmer Gordon Buchanan sagt, überhaupt keine Angst. Im Vulkankrater gibt es weder Katzen noch Affen, die natürlichen Feinde der Nagetiere in Neuguinea, deshalb konnten sich die Ratten zu dieser Größe entwickeln. Das größte Raubtier im Krater ist ein Riesenwaran.
Das Filmteam der Expedition konnte auch erstmals den kleinsten Papageien der Welt in freier Wildbahn aufnehmen. Der stumpfgesichtige Pygmäen-Papgei kommt zwar auch außerhalb des Kraters vor und wurde schon 1866 beschrieben, aber es ist sehr wenig über ihn bekannt. Die im Bosavi-Krater lebende Unterart ist etwa neun Zentimeter lang und wiegt weniger als 12 Gramm.

Die Expeditionsmannschaft bestand aus Biologen der Universität Oxford, des Londoner Zoos und des Smithsonian Institute (Washington D.C.) und wurde von einem Filmteam der BBC begleitet.

Das Team wählte Mount Bosavi als Expeditionziel, da über das Tierleben im Krater sehr wenig bekannt ist, und vergleichbare Ökosysteme in Papua-Neuguinea zerstört werden. Die Regenwälder des Landes werden nach Angaben der Biologen mit einer Rate von 3,5 % jährlich zerstört. Nur 30 Kilometer südlich des Kraters sind schon großflächig Holzfäller am Werk.

Giant rats, tiny parrots found in 'lost world' (cbc)

Seite der BBC zur die dreiteilige Reihe über die Expedition (mit Video): Lost Land of the Volcano

Zusammenfassender Forschungsbericht (vom 1. September 2009): Report 2009 Scientific Expedition to Mount Bosavi: Dr George McGavin (PDF)

Freitag, 11. September 2009

"Die Zukunft ist auch nicht mehr das, was sie früher mal war"

Dieser Ausspruch, der schon vor Jahrzehnten wahrscheinlich von Karl Valentin geprägt wurde, fiel mir ein, als ich diesen Artikel auf "Telepolis" las: Die Zukunft für uns heute ist nur noch Bedrohung. Viele der Überlegungen und Einsichten des interviewten Historikers Philipp Blom sind bedenkenswert, obwohl praktisch nichts davon neu ist. Fast habe ich den Eindruck, dass Bloms Aussage:
Wir haben uns bereits musealisiert, und damit machen wir uns irrelevant.
auf ihn selbst gemünzt sein könnte. Oder allgemeiner formuliert: dass Blom sicher einiges zum aktuellen Zeitgeschehen sagen kann, man aber dabei nicht vergessen sollte, dass er als Historiker, also "rückwärts gewandter Prophet", bestenfalls Erfahrungswerte für künftige Entwicklungen angeben kann. Ich vermute, dass einer der wesentlichen Gründe für die heute weit verbreite "Angst vor der Zukunft" darin zu suchen ist, dass es für viele aktuelle Probleme keine historischen Präzedenzfälle, keine Erfahrungswerte gibt.
Diese Jahre um 1900 waren nicht nur eine Zeit voller Unsicherheit, sondern auch voller Zukunft; eine Zeit voller Utopien, voller Hoffnungen, voller Versuche, die Zukunft zu gestalten. Wir haben inzwischen gesehen, wie die meisten dieser Versuche in der Zwischenzeit tragisch an die Wand gefahren wurden. Aber es bedeutet auch, dass die Zukunft für uns heute nur noch Bedrohung ist.
Ich würde das positiver formulieren: Wir haben, auf die harte Tour, gelernt, dass utopisches Denken immer einen Zug ins Totalitäre hat. Faktisch laufen politische Utopien ja stets darauf hinaus, dass eine "perfekte Welt" sozusagen am Reißbrett entworfen wird, in der die Menschen dann plangemäß zu funktionieren haben. Notfalls postuliert man dann einen noch zu schaffenden "neuen Menschen", wenn die schöne utopische Gesellschaft mit real existierenden Menschen einfach nicht gelingen will. Das schmälert den Wert etwa der literarischen Utopien in keiner Weise. Oder den von Zukunftsvisionen. Nur misstrauen heute mehr Menschen "Patentrezepten", die man "nur" realisieren müsste, damit alle Menschheitsprobleme für immer gelöst wären. Aus gutem Grund.
Zukunft ist Verschlechterung, Zukunft ist Klimaerwärmung, Zukunft ist Zusammenbruch von Gesundheitssystemen, Zukunft ist Überfremdung, Zukunft ist, was auch immer Sie da reinsetzen wollen. Zukunft ist nie etwas Gutes.
Das hat meiner Ansicht nach nur am Rande mit dem Abschied vom "utopischen Denken" zu tun. An andere Stelle bemerkt er sehr richtig:
Heute, wenn jemand wagt, Utopist zu sein, dann heißt er Barack Obama, und verbindet das mit einer ausgesprochen pragmatischen Politik.
Etwas anderes wäre eher Tagträumerei als Politik - oder eben tendenziell totalitär. Ich bin ja der Ansicht, dass es so etwas wie "die Zukunft" gar nicht gibt. Es gibt allenfalls mögliche Entwicklungen. Weniger radikal, aber das selbe meinend, formulierte Karl Popper: "Die Zukunft ist offen". Die Zeit ist kein Eisenbahngleis, wir sind zu Fuß unterwegs und können daher Hindernissen ausweichen. Sogar einen drohenden Abgrund kann man, wenn man gut klettern kann, überwinden. Aber da wir zu Fuß gehen, können wir die Entwicklung nur stückweise beeinflussen. Das ist aber grundsätzlich eine optimistische Einstellung, so wie Obamas pragmatischen Vorstellungen von einer einer besseren Welt von einem Optimismus seiner Anhänger getragen werden, wie es ihn in den USA vielleicht seit den Tagen Präsident Kennedys nicht mehr gegeben hat.
Wenn "die Zukunft" nur noch aus Ängsten und Befürchtungen zu bestehen scheint, dann liegen die Ursachen dafür am wenigsten beim Verlust der "ganz großen" politischen Zukunftsentwürfe.

Etwas näher an die Gründe für den weit verbreiteten Pessimismus kommt meiner Ansicht nach ein Buch, dass vor Kurzem auf Spektrum.de besprochen wurde:
Wider den Katastrophen-Konsens. Es geht dabei um das Buch "Frohe Botschaften" von Dirk Maxeiner und Michael Miersch. Zwei Wissenschaftsjournalisten, die ich für etwa die Hälfte ihrer in diesem Buch zusammengefassten Kolumnen küssen könnte - und für fast alle anderen ohrfeigen.
Ich halte M & Ms Optimismus bei manchen Entwicklungen für doch zu rosa gefärbt, mag ihren "antigrünen" Polemiken nicht unbedingt beipflichten, und kann ihnen den Vorwurf nicht ersparen, dass z. B. ihre (durchaus berechtigte) Skepsis hinsichtlich der Gültigkeit von Klimaprognosen sie vom "Katastrophen-Konsens" ins andere Extrem kippen ließ: sie zeigen sich immer wieder als "Klimaskeptiker", die den menschlichen Einfluss auf's Klima als solchen kleinreden. Dennoch liege ich ihren Gedankengängen nicht ganz fern, wie z. B. mein 2005 verfasster Essay “Rachegöttin Natur” Apokalyptisches Denken in der Umweltbewegung verrät. (Interessanterweise trägt "Frohe Botschaften" das selbe Titelfoto, übrigens unabhängig voneinander - als ich meine Aufsatz schrieb, war das Buch noch nicht einmal geplant, umgekehrt ist es so gut wie ausgeschlossen, dass M & M meinen Essay und sein Titelbild kennen.)
M & M zufolge würden Moralaktivisten eine einmal begonnene Sache ohne Ansehen der Realität bis zum Ende durchziehen. Also ideologisches Denken, dass dem utopischen Denken mancher Endzeitpropheten von vor 100 Jahren gar nicht einmal unähnlich ist.
Weiter Gründe sind in dem tief in der abendländischen Kultur verankertem apokalyptischen Denken zu suchen. Dass das "Ende der Welt nahe" sei, haben selbst ausgemachte Atheisten "im Hinterkopf" - allerdings ohne den Glauben an einen gerechten Gott.

Ein weiterer Grund dürfte im Schulddenken und dem sich daraus ergebenden Prinzip der Schuldzuweisung zu suchen sein. Traurige Praxis ist das "Schwarze-Peter-Spiel", in dem jeder potentiell Verantwortliche auf den seiner Meinung nach "Schuldigen" verweist, ohne die Frage nach eigener Mitverantwortung zu stellen. (Inzwischen fließen weiterhin ungeklärte Abwässer in den Fluss, wird der Regenwald abgeholzt oder fahren kaum noch seetüchtige Tanker Rohöl über die Ozeane.) Ist dann ein Schuldiger, z. B. für einen Giftmüllskandal, gefunden, ist der Fall scheinbar erledigt – aber der Giftmüll ist damit noch nicht aus der Welt.
Mit der Erkenntnis, dass die ungehemmte Ausbeutung der Erde das Leben künftiger Generation gefährdet und dem vorherrschenden Denken in Kategorien der Schuld entstand die weltliche Vision des göttlichen Strafgerichts: Die Welt geht unter, die Menschheit wird vernichtet, und wir alle, zumindest wir alle in den Industrienationen sind daran Schuld! (Wenn alle Schuld haben, ist niemand verantwortlich, auch kein noch so skrupelloser Konzernmanager, Behördenchef, Politiker!)
Ein Faktor der Zukunftsangst ist sicherlich die "Aufmerksamkeitsökonomie" – nur schockierende Sensationen schaffen es noch in die Massenmedien, "nur schlechte Nachrichten sind gute Nachrichten".

Ein ganz entscheidender Grund für die Angst vor "der Zukunft" ist schlicht und einfach Angstmache. Zu den Erfahrungen des letzten Jahrhunderts gehört auch die Erkenntnis, wie wirksam sich mit Angst Menschen manipulieren lassen. Wer Angst hat, muckt nicht auf.
Autoritär-obrigkeitsstaatliche "Lösungen" tatsächlicher oder vermeintlicher Probleme sind ohne Bedrohungen schier apokalyptischen Ausmaßes als "sinnstiftendem" Noch-nicht-Ereignis nicht zu vermitteln. Ich halte es nicht für einen Zufall, dass die Angst vor Kriminalität entgegen den Fakten (wie sie z. B. aus der Polizeilichen Kriminalstatistik ersichtlich sind), derart gesellschaftlich bestimmend ist. Wobei man sich vor dem Missverständnis hüten sollte, etwa angstmachende Politiker für kalt berechnende Manipulatoren zu halten. Gerade die "politischen Entscheider" werden von Ängsten geplagt. Die "wirksamsten" Angstmacher sind selber ängstlich. Was es weder besser macht, noch die Angstmacher entschuldigt.
Werden rostige Ideen aufpoliert zu neuem Glanz,
Und von Angst genährtes Gift in eure Köpfe eingepflanzt

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