Freitag, 26. Juni 2009

Datenkraken aufdecken!

Lidl, Telekom und die Deutsche Bahn haben ihn schon. Aber es gibt leider noch viel mehr Datenkraken im Land, die den BigBrotherAward reichlich verdient hätten ...
Ist Ihnen als wache Bürgerin und verantwortungsbewusster Mensch ein Datenschutzübergriff aufgefallen, egal ob am Arbeitsplatz oder im sonstigen Leben? Sind Sie selbst betroffen? Wissen Sie von schwarzen Listen über unbequeme Arbeitnehmer? Werden Sie z.B. als IT-Experte zu Dingen verpflichtet, die sich mit Datenschutz und einem guten Gewissen nicht vereinbaren lassen? Haben Sie Kenntnis von geplanten Überwachungsmaßnahmen einer Behörde? Wie steht es mit der Datenverarbeitung im Ausland bei den Adressenhändlern?
Einsendeschluss für die BigBrotherAwards ist am 15. Juli 2009 (also in knapp drei Wochen!) - BigBrotherAwards Nominierungsaufruf

Fußballkrieg

Heute vor genau 40 Jahren, am 26. Juni 1969, fand in Ciudad de México ein folgenschweres Fußballspiel statt. Es war das Entscheidungsspiel der Nord- und Mittelamerikagruppe für die WM 1970, in dem El Salvador über Honduras siegte. Straßenkrawalle nach Fußballspielen sind leider nicht selten, dass aber eine "3. Halbzeit" zu einem Krieg eskalieren könnte, dem fast 3000 Menschen umgebracht wurden, ist ein aberwitziger Gedanke.
Dennoch war der "Fußballkrieg" zwischen Honduras und San Salvador blutige Realität.

Die nationalistisch aufgeladenen Spannungen zwischen den beiden kleinen mittelamerikanischen Staaten hatten sich schon beim zweiten Spiel der WM-Qualifikation in El Salvador am 15. Juni in Straßenunruhen entladen. Das Spiel endete 3:0 für El Salvador, nachdem eine Woche zuvor Honduras 1:0 gewonnen hatte. Die Ausschreitungen wurden von Militär und Polizei niedergeschlagen. Während des Spiels verbrannten einige Salvadorianer die honduranische Flagge und bewarfen die honduranischen Spieler mit Gegenständen.
Auch am Rande des dritten und entscheidende Spiel in Mexico am 26. Juni gab es Unruhen. Als Pipo Rodriguez in der Nachspielzeit das 3:2 für El Salvador schoss, war Honduras ausgeschieden. Kurz darauf kam es zu unkontrollierten Ausschreitungen, bei denen es auch Tote gab.
Am 14. Juli 1969 entschloss sich die salvadorianische Regierung dann zur militärischen Intervention. General Fidel Sánchez Hernández, Präsident von El Salvador schickte ohne Kriegserklärung Bomber nach Honduras. Natürlich war das Fußballspiel am 26. Juni weder der Grund für den Krieg, noch für die kriegsauslösenden Unruhen. So bitter ernst nimmt man selbst im fußballverrückten Lateinamerika eine WM-Qualifikation nicht.

Wie bei den meisten Kriegen waren es letzten Endes wirtschaftliche Ursachen, die zum "Fußballkrieg" führten. Ursachen, die man gerade im heutigen Europa ernst nehmen sollte. Es ging zentral um das Problem der "Wirtschaftsflüchtlinge".

1960 wurde, nach dem Vorbild des EU-Vorläufers EWG, der Zentralamerikanische gemeinsame Markt (MCCA) gegründet. El Salvador, das industriell am weitesten entwickelte Land der Region, profitierte zunächst am meisten vom gemeinsamen Markt. Allerdings stieß El Salvador schnell an Grenze des Integrationskonzepts, an die regionale Binnenmarktenge. Zwar gab es einen größerer Absatzmarkt für die sich entwickelnde Industrieproduktion, aber die für einen anhaltenden Wirtschaftsaufschwung nötigen kaufkräftigen Konsumentenschichten fehlten. Sowohl El Salvador wie Honduras wurden politisch von Agraroligarchien, von den "Kaffee-", "Zucker-", "Vieh-" und "Bananenbaronen", beherrscht, die weder am Übergang zu einer modernen Industriegesellschaft, noch am Wohlstand der Massen, geschweige den an einer Demokratisierung interessiert waren. (Außerdem standen - und stehen - beide Staaten stark unter dem Einfluss US-amerikanischer Unternehmen, die auf offene und verdeckte Rückendeckung der USA zählen konnten. Sie waren zwar am Erhalt des quasi-feudalen Status Quo der "Bananenrepubliken" interessiert, aber auch an Stabilität. Was übrigens auch für die offizielle US-Außenpolitik galt.)
Das salvadorenische Machtkartell aus Militär und Agraroligarchen versuchte die sich abzeichnende Wirtschaftskrise abzufangen, indem sie, entgegen den Integrationsbestimmungen des MCCA, auf den hondurenischen Markt expandierte. San Salvador exportierte aber nicht nur Industrieprodukte nach Honduras, sondern "exportierte" auch arbeits- und landlose Arme. Anders gesagt: sie förderte die bereits seit Jahrzehnten stattfindende Auswanderung der Unterschicht in die Nachbarländer, vor allem nach Honduras.

Die honduranische Militärregierung schob den "Wirtschaftsflüchtlinge" aus San Salvador ihrerseits die Schuld für die beginnenden wirtschaftlichen Probleme des Landes in die abgetragenen Schuhe. Sie führte, auch entgegen dem MCCA, protektionistische Maßnahmen ein, verlängerte den Migrationsvertrag zwischen Honduras und El Salvador nicht und ließ in Honduras lebenden salvadorenischen Siedler vertreiben. Das honduranische Regime versuchte, die sich seit 1967 zuspitzenden Landkonflikte durch eine Agrarreform unter Kontrolle zu bringen, bei der die von den salvadorenischen "illegalen Siedlern" besetzten Landstücke an arme Honduraner verteilt werden sollten. Etwa 300.000 Salvadorianer waren über die offene Grenze nach Honduras gekommen und hatten dort brachliegendes Land in Besitz genommen, ohne jedoch das Land rechtmäßig erworben zu haben.
Am 30. April 1969 forderten die honduranischen Behörden die "Squatter" auf, innerhalb von 30 Tagen nach El Salvador zurückzukehren.

In beiden Ländern wurden nationalistischer Stimmungen geschürt, um von internen Spannungen abzulenken. Die salvadorenische Regierung, die das für sie wichtige "Ventil" der Auswanderung der Armen zu verlieren fürchtete, nutzte die nationale Empörung über die Behandlung der "Squatter", um die Auseinandersetzungen mit Honduras zum Krieg eskalieren zu lassen.
Da es "um das Vaterland" ging, gelang es der salvadorenischen Regierung kurzfristig, selbst die politisch und gewerkschaftlich organisierten Teile der Bevölkerung, die in der zweiten Hälfte der 60er Jahre teilweise in direkter Konfrontation zu dem Staatsapparat gestanden hatten, mehrheitlich einzubinden und vorübergehend zu demobilisieren.
Die Unruhen und Ausschreitungen nach dem Fußballspiel lieferten den Anlass bzw. den Vorwand dafür, dass am 14. Juli salvadorenische Flugzeuge den Flughafen der honduranischen Hauptstadt Tegucigalpa bombardieren und salvadorenische Truppen nach Honduras einmarschierten. Das salvadorenische Kriegsziel war es, ein Bleiberecht für die "Squatter" aus El Salvador durchzusetzen. Die rasch vordringenden überlegenen salvadorenischen Streitkräfte konnte von den schlecht ausgerüsteten hondurenischen Truppen nur dank der bedeutender Hilfe der Zivilbevölkerung abgebremst werden - es wäre auf längere Sicht wohl zum Guerilla-Krieg gekommen. Die sich abzeichnende Niederlage der honduranischen Armee veranlasste die Organisation Amerikanischer Staaten (OAS) dazu, in den Konflikt einzugreifen und drohte mit Wirtschaftsanktionen. Der UN Generalsekretär schaltete sich als Vermittler ein. Am 18. Juli 1969 endeten die Kämpfe.

Am 29. Juli musste die salvadorianische Regierung dem Rückzug ihrer Truppen zustimmen, ohne dass ihre wichtigste Forderung erfüllt wurde. Am 4. August verließen die letzten Soldaten Honduras. Der Krieg kostete 3.000 Menschen das Leben, weitere 6.000 wurden verletzt. Der Krieg dauerte nur 4 Tage, aber der Konflikt schwelte weiter. Erst 1980 schlossen beide Länder endlich Frieden. Einen Streit um die Landesgrenzen im Golf von Fonseca legten Honduras und El Salvador erst 2006 bei.

Inzwischen hatte El Salvador ein anderes, noch viel größeres Problem: Der soziale Konflikt zwischen der Agraroligarchie und dem ihm verbundenen Militär und den landlosen Armen war 1970 zum offenen Bürgerkrieg eskaliert, der volle zwölf Jahre dauerte, mindestens 80 000 Menschenleben kostete und das Land praktisch ruinierte.
Der Fußballkrieg bedeutete zugleich das Ende des 1960 gegründeten Zentralamerikanischen gemeinsamen Marktes (MCCA).

Auch wenn das Fußballspiel am 26. Juni 1969 nur der Anlass für Unruhen war, die wiederum der Vorwand für den Krieg waren, stellt der "Fußballkrieg" die oft geäußerte Behauptung von der "völkerverständigenden Kraft des Sports" infrage.

Wikipedia: Fußballkrieg
Uni Hamburg: El Salvador / Honduras ("Fußballkrieg")

Süddeutsche.de: WM Qualifikation: Der Fußballkrieg - Spiel mit hohem Risiko.

WDR.de: Vor 40 Jahren: Fußballkrieg zwischen Honduras und El Salvador

Dienstag, 23. Juni 2009

Was bedeutet eigentlich "MMsSenf"?


Mechanical Machine Skilled in Scientific Exploration and Nocturnal Fighting

Get Your Cyborg Name

Deutsche Zensurtechnik im Iran

Schon vor gut zwei Monaten bloggte Joachim Steinhöfel über einen Skandal, dessen volle Tragweite erst jetzt deutlich wird:
Das iranische Regime hat mit Hilfe von Nokia/Siemens eine der modernsten Abhörinfrastrukturen der Welt geschaffen, die es ihm gleichzeitig ermöglicht, das Internet vollständig zu zensieren und zu kontrollieren. (Siehe auch dieser Bericht des "Wall Street Journal": Iran's Web Spying Aided By Western Technology.)
Dass heißt, dass (auch) mit deutscher Hilfe den Demonstranten, die für ihre Freiheit ihr Leben riskieren, die Kommunikation untereinander sowie mit der Aussenwelt schwer gemacht wird.

Im Lichte der Haltung der deutschen Regierung, die Jens mit Der Freiheitskämpfer im Ausland ist der Terrorist im Inland treffend charakterisiert, befürchte ich, dass die "Ängstlichen alten Männer" beiderlei Geschlechts und jeglichen kalendarischen Alters auf die Idee kommen könnten, bei Siemens die "technische Unterstützung" mit ja nun im Ausland "bewährter Technik" bei ihrem Kampf gegen Kinderpornoraubkopierkillerspielerterroristen einzufordern.

Montag, 22. Juni 2009

Song "Stasi 2.0" zum kostenlosen Download (CC-Lizenz)



Dieser Song ist CC-lizensiert und darf frei kopiert und genutzt werden zu folgenden Bedingungen: Namensnennung - Keine kommerzielle Nutzung Download Stasi 2.0.

Donnerstag, 18. Juni 2009

Nu(h)r ein Lied über Zensur



Von den Ärzten und gefunden bei WirrLicht

Anti-Netz-Ideologie

Herfried Münkler, Professor für Politik an der Humboldt-Universität Berlin, in einem Kommentar in der Frankfurter Rundschau:
Es ist eine eigentümliche Schar, die sich unter dem Banner der Netzfreiheit versammelt hat. Einerseits kriminelle Geschäftemacher, die das Internet benutzen, um verbotene Produkte an den Mann zu bringen, und andererseits ein Ensemble von Freiheitskämpfern, die ihre anarchistischen (kein Staat!) oder kommunistischen Ideen (kein Eigentum) in der virtuellen Welt des Internets realisieren wollen.
Netz-Anarchos und trojanische Pferde gefunden über netzpolitik.org.

Es ist überraschend, ausgerechnet bei einem Politologen auf ein so klassisches Beispiel ideologischen Denkens zu stoßen. (Bei Politikern und Journalisten ist man es ja gewohnt.)
Zugegeben, auch viele Aktivisten der Netzfreiheit neigen dazu, ideologisch zu denken. Etwa dazu, den ungehinderten Informationsaustausch im Internet für die Lösung aller Probleme der Menschheit zu halten. Oder dazu, jenen, die eine unbeschränkte Netzfreiheit, aus welchen Gründen auch immer, skeptisch sehen oder gar ablehnen, stets egoistische und böswillige Motive zu unterstellen.

Blankes, unverholenes ideologisches Denken finde ich zur Zeit allerdings eher auf Seiten jener, die für mehr staatliche Eingriffe und Beschränkungen "im Internet" eintreten. Ganz extrem findet man es im Umfeld der "Stoppschild"-Befürworter, die Zugangsbeschränkungen für ein wirksames Mittel im Kampf "gegen Kinderpornographie im Internet" halten.

Zur Begriffsklärung, was mit "ideologischem Denken" gemeint ist, nun ein längeres Zitat :
Ideologen verschließen sich dem unaufhebbarem Widerspruch zwischen Anspruch und Wirklichkeit, indem sie einen Teilaspekt totalisieren. Wir haben es also mit zwei innerlich zusammengehörenden Momenten zu tun: dem der Ausklammerung und dem der Totalisierung. Aus der Verschränkung dieser beiden Momente ergibt sich für den Außenstehenden der Eindruck eines fehlenden Gefühls für Proportionen und Konsequenzen beim Ideologen. Der Betreffende selber hingegen ist von der Gewissheit erfüllt, eine Wahrheit von universeller Gültigkeit zu besitzen, alle Phänomene erklären zu können und ein Heilmittel für alle Leiden der Menschen zu besitzen, und zwar aus einem System, das sich durch Tatsachen nicht mehr widerlegen läßt und auch keines Beweises mehr bedarf, weil es aus sich selbst heraus für sich spricht.
Der Anspruch des Ideologen an sein System ist genau so maßlos wie an seine Umgebung. Dabei ist er persönlich aber weder zu wechselseitiger Anerkennung noch zu wechselseitiger Kritik willens oder fähig. Beides würde den Anspruch des Ideologen, daß die ganze Wirklichkeit in seinem Kalkül aufgehen müsse, gefährden.
Seinen Egoismus kann er jedoch bei sich selber nicht erleben, sondern muß ihn auf die Außenwelt projizieren. So kommt es, daß er jede Kritik an seinem System dadurch entkräftet, daß er sie auf die subjektive Motivation des Kritikers verlagert, dem er seinerseits Egoismus und Böswilligkeit unterstellt.
(aus: Werner Huth, Glaube, Ideologie und Wahn, Frankfurt/M: Ullstein, 1988, S. 233 u. bis S. 234 o. - Hervorhebungen im Original.)

Ein ungemein typisches Merkmal für ideologisches Denken ist das Vereinheitlichen von Feindbildern und das Verschwörungsdenken - unterschiedliche Gegner der Ideologie, die ansonsten völlig unterschiedliche, ja sogar gegensätzliche Interessen haben, stecken "in Wirklichkeit" (also im ideologischen Denken) unter einer Decke.

Prof. Münkler unterstellt nicht, dass (kriminelle) Geschäftemacher, Kommunisten und Anarchisten in Hinblick auf "Kinderporno"-Seiten gemeinsame Interessen hätten. Aber irgendwie raufen sich diese gegensätzlichen Gruppen zusammen, wenn es gegen ein Gesetzesvorhaben der Bundesregierung geht, dass tatsächlich die Interessen dieser drei Gruppen gar nicht berührt - jedenfalls dann nicht, wenn es wirklich auf KiPo-Seiten beschränkt bliebe.
Tatsächlich bringt Prof. Münkler in seinem Aufsatz das Thema "Urheberrecht", das mit der KiPo-Problematik an sich nichts zu schaffen hat, außer, dass das Mittel der Netzsperren von manchen Vertretern der Inhabern von Verwertungsrechten als probates Mittel gegen "Raubkopierer" gesehen wird. Erst wenn der "Kampf gegen Urheberrechtsverletzungen" mit einbezogen wird, geht die ideologische Gleichung (zumindest aus Sicht des Ideologen) auf: erst damit haben nämlich "Geschäftemacher, Kommunisten und Anarchisten" ein gemeinsames Interesse, das ihnen (halbwegs plausibel) unterstellt werden kann.
Aus der Sicht einer ideologischen Gegners der Netzfreiheit ist es "selbstverständlich" klar, dass es sich bei den "Zensursula"-Gegner nur um aus egoistischen oder böswilligen Motiven handelnde Menschen handeln kann.

Nebenbei, aber wichtig: "Kinderpornographische" Websites machen nur einen winzigen Teil des gesellschaftlichen Problems "Kinderpornographie" aus, die wiederum nur ein winziger Teil des schweren gesellschaftlichen Problems "Gewaltverbrechen gegen Kinder" (alias "Kindesmissbrauch" - cetero censeo: dieses Wort unterstellt, es gäbe einen "korrekten Gebrauch" von Kindern) ist.

Nachtrag: Was bin ich - Krimineller, Anarchist oder Kommunist? fragt sich der Wirtschaftsinformatiker Christian Reinboth in seinem Sci-Blog

Dienstag, 16. Juni 2009

Wie steht es mit den Fakten?

Die polizeiliche Kriminalstatisk 2008 ist da (mogis) und Schäuble hat ja auch öffentlichkeitswirksam den Rückgang der Kriminalität präsentiert. (Man sollte ihn bei seinen künftigen öffentlichen Panikattacken an seine Worte erinnern - im Wahlkampf wird reichlich Gelegenheit sein.)

Allerdings sollte man sich davor hüten, dass Fakten, zumal solche, die nicht ins Konzept passen, irgendeinen Einfluss auf Politiker im Wahlkampf hätten. Der Rückgang der Sexualdelikte gegen Kinder, vor allem der Kinderpornografie, perlt an einer dicken Fettschicht aus Empörung, Ignoranz und der Freude darüber, politische Gegner so richtig moralisch diskreditieren zu können einfach ab.
(Wie gut das moralische Diskreditieren klappt, vor allem, wenn man die "Bild" mit im Boot hat, konnte man auf dem außerordentlichen Parteitag der Schisser-Partei Deutschlands am letzten Sonntag sehen, wo der Antrag Löschen statt Sperren echt rückratlos-spezialdemokratisch mit "Die Antragskommission hat vorgeschlagen, den Antrag für erledigt zu erklären, da die Diskussion medial unerwünscht ist". "Medial unerwünscht" bedeutet: "BIld-Hetze funktioniert!")

Deutlicher, woran man bei der "großen Koalition" ist, kann man ein kaum noch machen: Es mag Zufall sein, dass das Sperren an dem Tag beschlossen wurden, an dem die Petition gegen die Netzsperren den Rekord bricht - aber es ist kein Zufall, dass das Gesetz noch ganz schnell vor der Sommerpause durchgewunken wird. Die CDU macht inzwischen mit einer Pressemitteilung klar, dass es um mehr als nur um Kinderpornographie geht:
Die SPD wäre dadurch Gefahr gelaufen, Straftaten im Internet Vorschub zu leisten, von der Vergewaltigung und Erniedrigung kleiner Kinder bis hin zu Urheberrechtsverletzungen in breitestem Ausmaß gegenüber Künstlern und Kreativen.
Nimmt man das beim Wort, sind Raubkopierer viel schlimmer als Kinderschänder. Zwar gibt es am Ende der Mitteilung die Ankündigung keine Mauer bauen zu wollen die Zensurinfrastruktur auf Kinderpornographie beschränken zu wollen, aber es widerspricht allen vorangegangenen Erfahrungen, dass so ein Gesetz nicht mehr oder weniger geräuschlos auf andere Anwendungsgebiete ausgedehnt wird.

Aufruf: Demonstrationen "Löschen statt Sperren - Stoppt die Zensur" am 20. Juni 2009 um 12:00 Uhr in mehreren deutschen Städten. (Wo genau, erfahrt ihr hier.)

Ankündigung: Mahnwache gegen #zensursula - Zeit: Donnerstag 9:00 Ort: Berlin - vor dem Reichstagsgebäude (Ort unter Vorbehalt)

Sonntag, 14. Juni 2009

Volk 1.0?

verlierer

"Verlierer des Tages" am 12.Juni.2009 war, laut BILD, Björm Böhning:
Der Sprecher der SPD-Linken, Björn Böhning (31), will den Gesetzentwurf der Großen Koalition zur Sperrung von Kinderporno-Seiten im Internet zu Fall bringen. Der Entwurf sieht vor, dass solche Websites durch Stoppschilder gekennzeichnet werden. Wer sie trotzdem aufruft, wird strafrechtlich verfolgt. Für Böhning ist das laut "Spiegel Online" nur "Alibi-Politik".

BILD meint: Stoppt Böhning!
Wer ist schon gegen Kinderporno-Gegner? (bildblog)

Offensichtlich wähnt sich BILD - mal wieder - auf der Seite der "schweigenden Mehrheit". Womit BILD, trotz Petition gegen Internetsperren und fühlbarem Gegenwind, der Bundesminsterin von der Leyen entgegenweht, leider nicht ganz unrecht haben dürfte. Bei Themen wie "Kinderpornographie" setzt nicht nur in Deutschland bei vor lauter Empörung vielen Menschen der kritische Verstand aus - sonst wären die Sperren in den skandinavischen Ländern und in Großbritannien nicht so reibungslos durchgesetzt worden.
Für Kenner der deutschen Mentalität ist die Internet-Bürgerrechtsbewegung, wie ich sie mangels eines besseren Begriffs nenne, keine Selbstverständlichkeit.

Daniel Kulla meinte 2007 in einem Kommentar für die "Jungle World" (Volk 1.0), dass Schäuble keine neue Stasi aufbauen wolle: er würde nur das verwirklichen, was sich die Deutschen wünschen.
Das ist, angesichts des Eifers, mit dem im Innen-, Wirtschafts- und Familienministerium, unterstützt u. A. von der BKA-Leitung, immer schlimmere Bedrohungen an die Wand gemalt werden, gegen die immer härter und mit immer mehr Kompetenzen für den Innenminister bzw. das ihm unterstellte BKA durchgegriffen werden muss, eine etwas überraschende Feststellung.

Andererseits: der "deutsche autoritäre Beißreflex" (nach Burks "Härter durchgreifen! Melden, durchführen und verbieten!") ist ja nicht nur in der BILD und ähnlichen Boulevardmedien (also gefühlten 90% der deutschen Medienlandschaft) und auf dem "rechten Flügel" der Unionsparteien sehr präsent. Der Eindruck, den Deutschen sei mehrheitlich "mehr Sicherheit" so viel Wert, dass sie dafür Freiheitsrechte und Privatsphäre willig opfern, oder ihnen seien Bürgerrechte einigermaßen schnuppe, solange sie "ihre Ruhe" hätten (und sie selber hätten natürlich nichts zu verbergen), ist angesichts dem, was Kulla zurecht feststellt, kaum zu zerstreuen:
Wer sich in Deutschland für das Recht auf Privatsphäre einsetzt, vertritt eine Minderheitenposition und kann sich auf keine Civil Liberties Union stützen, nicht auf libertäre Fraktionen in den Regierungsparteien oder auf eine starke Bürgerbewegung, die wie in Irland Biometrie in den Ausweisen verhindern könnte.
Es gab auch in der BRD und zwar schon lange vor "1968" Ansätze zu einer breiten Bürgerrechtsbewegung. Es darf auch nicht die Rolle der DDR-Bürgerrechtler beim Sturz des "Kasernenhof-Sozialismus" unterschätzt werden. Aber breiter Konsens wurden die Bürgerrechte in der angeblichen deutschen "Konsensgesellschaft" nicht.
Seit einigen Jahren gibt es, von beflissenen Medien unterfüttert, einen deutlichen "Rollback" der Bürger- und Menschenrechte. (Übrigens ein europaweit zu beobachtendes Phänomen.) In dieser Sichtweise stehen die "alten 68er" für Werteverfall, Gruppenegoismus, heimliche Herrschaft über gesellschaftliche Diskurs. Die "Internetrebellen" und "Piraten" von heute sind, aus dieser Perspektive, in jeder Hinsicht die Nachfahren der langhaarigen Gammler und Haschrebellen von damals: Menschen, deren Motive und Ziel "man", nicht nur in der BILD, nicht versteht oder nicht verstehen will, und denen man alles, aber nur nichts Gutes, zutraut.

Ein zweiter Punkt trägt sehr zum Eindruck des "Volkes 1.0" bei: die schnelle Resignation.

Da finde ich ein Beispiel aus einem immer noch ziemlich autoritär geprägtem Land ermutigend, Widerstand ist zweckmäßig:
Im Jahr 1950 unterzeichneten die Philippinen das Abkommen von Florenz, das den Import von Büchern aus dem Ausland jeglicher Zollgebühren enthebt. Entgegen dieses Vertrages wurden aber in den letzten Jahren Zölle auf importierte Bücher erhoben - ein nicht zu vernachlässigendes Hindernis für die Bildung der Massen. Seit Beginn dieses Jahres eskalierte die Situation. Die Buchhändler, mit massiven Verkaufsrückgängen konfrontiert, zahlten die Zollgebühren zähneknirschend. Eine "Sturzflut von Kritik und Widerstand" brachte Präsident Arroyo dazu, das Finanzministerium anzuweisen, keine Zölle mehr auf importierte Bücher zu erheben.

Ich hoffe, dass der noch lauer Gegenwind, der den regierungsamtlichen Verfassungsgegnern ins Gesicht weht, zum Sturm wird, auf dass auch hier eine Sturzflut von Kritik und Widerstand den sich abzeichnenden neuen Obrigkeitsstaat hinwegspült.

Dabei darf ein Hindernis nicht aus den Augen verloren werden:
Vielleicht täte eine Kampagne gut, die diesem Schlag von Blockwarten klarmacht, dass die Grundlage ihrer Häme darin besteht, dass niemand etwas über sie selbst herausfindet.
Also: JEDER hat etwas zu verbergen - und sei es vor den neugierigen Nachbarn, dem Chef, dem Finanzamt - oder gegebenenfalls den hartnäckigen BILD-Reportern!

Donnerstag, 11. Juni 2009

... und wieder so ein tolles Städteranking

Nach einer Studie, über die die Zeitschrift "The Economist" berichtete, ist die kanadische Westküstenmetropole Vancouver die lebenswerteste Stadt unter
140 untersuchten Metropolen. In Europa schnitt Wien mit Platz zwei am besten ab. Beste deutsche Stadt ist Hamburg (Platz 14, gleichauf mit Stockholm), und auch Frankfurt am Main (Platz 19, gleichauf mit Tokio) zählt dieser Studie zufolge zu den 20 lebenswertesten Städten der Welt. Schlusslicht bildet, nicht wirklich überraschend, Harare, die Hauptstadt von Simbabwe.

In die Rangliste flossen 39 Faktoren aus den fünf Bereichen Gesundheitswesen, Stabilität, Kultur und Umwelt, Erziehung und Infrastruktur ein. Studie zur Lebensqualität - Frankfurt gehört zur Weltspitze (hr-online)

Was ich von solchen Städterankinks halte, schrieb ich bereits. Rankings: Wie bastel ich mir eine Spitzenposition?. Zugegeben, Rankings sind amüsant. Etwa so wie Zeitungshoroskope. Wer so was allerdings ernst nimmt, ist aber reichlich naiv - oder, im Falle der Rankings, PR-Mensch oder Politiker.

Bemerkenswert erscheint mir weniger das gute Abschneiden Wiens, als dass München, der Dauerspitzenreiter deutscher Städterankings, weit abgeschlagen auf Platz 28 liegt. Das verrät weniger über die Qualitäten Münchens, als über die Gewichtungen in deutschen Städterankings, mit denen ja durchaus Politik gemacht wird. "Lebenqualität" ist ein sehr schwammiger Begriff, der sehr unterschiedlich mit Inhalt gefüllt werden kann.
(Die Top 10 sind Vancouver, Wien, Melbourne, Toronto, Perth, Calgary, Helsinki - Genf, Sydney und Zürich teilten sich punktgleich den 8. Platz.)

Ein Fan der Stadt Seattle (USA, Westküste, Bundesstaat Washington) hat einmal eine Rangliste aufgestellt, die Städte nach der Ähnlichkeit mit der Heimat von Boeing und Microsoft sortiert. Ich habe sie nicht im Gedächtnis und finde sie auch nicht per Internet-Recherche, aber ich könnte mir vorstellen, dass auch auf dieser Liste Vancouver ganz vorne läge. Ich vermute aber, dass im "Seattle-likeness-ranking" nicht Wien, sondern Hamburg gleich hinter Vancouver läge. Der Aussagewert für politische oder wirtschaftliche Entscheidungen, sogar der für die Auswahl als Tourismus-Ziel wäre jedenfalls beim "Seattle-likeness-ranking" nicht wesentlich schlechter, als bei der von "The Economist" veröffentlichten Studie.

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