Freitag, 13. Februar 2009

Mobilfunk isoliert von Gott und der LHC ist ein Sternentor zur Hölle

Mobilfunk sorgt dafür, dass Gott uns nicht mehr erreichen kann. Das meint zumindest der (nach eigenen Angaben) Psychologe Ralf C. Maucher.
Ich hoffe ja sehr, dass es eine gut gemachte Parodie auf pseudoreligöse und pseudowissenschaftliche Scharlatanerien ist.
Auf jeden Fall ist es für Kenner pseudowissenschaftlicher und pseudoreligöser Spinnereien zum Schreien komisch:


Gefunden auf dem ScienceBlog - Gefahren des Elektrosmogs: Wie Mobilfunkmasten uns von Gott abschneiden.

Schon gewusst? Der LHC ist gar kein Teilchenbeschleuniger - sondern ein Sternentor, das ein Loch in den Van-Allen-Gürtel schießen soll, damit satanische Außerirdische - auch bekannt als gefallene Engel - auf der Erde landen können. Die bereiten dann alles für die Ankunft des Teufels vor.
Selbstverständlich stecken die Illuminaten und Freimaurern dahinter, die das CERN und die EU unterwandert haben:


In diesem Fall ist meine Hoffnung, dieses Potpourri aus der Hitparade der bescheuersten Verschwörungstheorien sei Satire, eher gering: allzu weit ist das nicht vom Weltbild Jan Udo Holeys alias Jan van Helsings entfernt, und der meint es ernst!
(ScienceBlog: LHC: Das Sternentor zur Hölle!)

Von wegen "Bekämpfung von Kinderpornographie"!

Er liest sich wie ein textgewordenes Placebo, der Entwurf für die vom Bundesfamilienministerium und BKA gewünschte Vereinbarung über die Erschwerung des Zugangs zu kinderpornografischen Inhalten im Internet (pdf). CCC veröffentlicht Vertragsentwurf zum Sperren von Kinderpornographie - BKA-Sperrliste soll geheim bleiben.
Ein Placebo - "wir tun was" - im Hinblick auf die Bekämpfung von Kinderpornographie. Den Verdacht des CCC, das Bundesinnenministerium hätte kein Interesse an einer Strafverfolgung gegen die Täter habe, sondern plane eine geheime Infrastruktur für das Zensieren von Internetseiten, mag ich nicht ohne Weiteres als Verschwörungstheorie abtun.

Eine peinliche Tatsache ist, dass ein Großteil der von den (gern als Vorbild gepriesenen) Skandinaviern gefilterten Domains in Deutschland liegen. Daraus folgt nicht unbedingt, dass Deutschland ein heimliches "KiPo-Paradies" sei. Auf den bekannt gewordenen Filterlisten - die ich nach wie vor für einen schlechten Witz halte - aus Schweden waren von über 1.000 Einträgen 7 KiPo, nicht besser sieht es in Dänemark aus - 3.600 Einträge, davon 9 KiPo. (Diese Zahlen belegen nebenbei meine Vermutung, dass die verbreitete Vorstellung, es gäbe "unzählige" Kinderpornoseiten im Internet" eine Legende ist.)
Chaos Computer Club: Ausblenden von problematischen Inhalten schützt nur die Täter.

Wie ich bereits vor einigen Wochen schrieb (Politikverständnis, deutsches), sieht es für mich durchaus so aus, als ob das politische Fernziel die Möglichkeit ist, das Surfverhalten "endlich" wirksam kontrollieren zu können - und bei "auffälligem Verhalten" präventiv einzuschreiten.

Kinderpornographie ist etwas selten widerliches. Kaum jemand mag sich auch nur dem Verdacht aussetzen, Kinderpornos auf die leichte Schulter zu nehmen. Deshalb ist sie ideal, um Eingriffe in die persönliche Freiheit durchzusetzen.

Es wird zwar viel über Kinderpornographie geredet wird, aber es ist klar, dass eine Reihe weiterer Interessengruppen ebenfalls an Filtern (im Klartext: Zensur) interessiert ist. Die Erfahrung zeigt, dass einmal implementierte Filter-Technik auch für weitere Filter-Interessen genutzt wird.
Dass das keine wilde Spekulation ist, zeigt z. B. die Bundestags-Anhörung zu den Kinderpornografie-Sperren, bei der schon nach 12 Minuten über Urheberrecht geredet wurde.

Wobei selbst der Begriff "Urheberrecht" die tatsächliche Interessenlage verschleiert: es geht um Verwertungsrechte, und um die Interessen von Medienkonzernen, nicht etwa um die die der gern vorgeschobenen Kulturschaffenden. Weshalb z. B. selber komponierende und textende Musiker herzlich wenig von der Verlängerung der Schutzfrist des Copyrights für Tonaufnahmen halten.

Nachtrag 15. Februar:
Auf bestimmte Mechanismen ist eben verlass: CDU: Gegner von Internetsperren fördern Kinderpornografie.

Dienstag, 10. Februar 2009

Klischees

Eine beinahe selbst zum Klischee gewordener Aussage in vielen Buch- oder Film-Renzensionen ist die, dass der renzensierte Text oder Film zu viele Klischees enthalten würde.

Das wirkt manchmal so, als ob Klischees etwas ganz schlimmes sein müssten. Und in der Tat gibt es Texte und Filme, deren Autoren so eifrig, ja krampfhaft, Klischees vermeiden, dass ihre Werke - nun, sehr verkrampft wirken. Klischees gelten nun einmal als Merkmal der Trivialliteratur - obwohl auch die Werke z. B. Thomas Manns oder Heinrich Bölls Klischees enthalten, und die "Klischees bei Günter Grass'" schon zu meiner Schulzeit, in der Grass so klischeereiche Bücher wie "Ein weites Feld" und im "Im Krebsgang" noch gar nicht geschrieben hatte, ein beliebtes Thema für Deutsch-Klassenarbeiten waren.
Sich von der pöbelhaften Trivialliteratur abzugrenzen, ist vor allem im deutschen Sprachraum immer noch eine relativ einfache Methoden, vornehm ausgedrückt, Distinktionsgewinne zu erzielen. Weniger vornehm: die Nase hoch zu tragen.

Klischees sind an sich nichts Schlimmes. Man mag sich an den "abgedroschenen Klischees" über z. B. Journalisten, Computerfreaks, Professoren oder Polizisten etwa in Krimis stören oder nicht: in den meisten Fällen sind sie immerhin recht treffende Karikaturen eines Journalisten, Computerfreaks, Professors oder Polizisten. Problematisch ist es nur, wenn sich die Charakterisierung etwa eines Journalisten auf diese Klischees beschränkt. Wenn eine Figur oder Situation mehr enthält als nur das Klischee, halte ich es für akzeptabel, manchmal sogar angebracht, auf ein Klischee zurückzugreifen.
Wirklich schlimm sind Klischees dann, wenn sie unzutreffend und diskriminierend sind - und dann, wenn nicht mehr Differenziert wird.
Ein schon morgens seinen Whisky trinkende Journalist ist ein Klischee, das insofern zutrifft, da Journalisten tatsächlich überdurchschnittlich oft Alkoholprobleme haben. Die Aussage "alle Journalisten sind Säufer" oder "die meisten Journalisten schreiben im Suff" trifft nicht zu und setzt einen ganzen Berufstand herab.

Trotzdem gibt es Klischees, die einfach nur auf die Nerven gehen. Abgegriffene Klischee-Handlungen zum Beispiel. Die Stellen, bei denen ich weiß: "Ach, nun kommt das schon wieder!" und je nach dem ein paar Seiten umblättere, vorspule, ein Bier aus dem Kühlschrank hole oder mal kurz aufs Klo gehe.
Um in diesem Sinne abgegriffen zu sein, muss ein Klischee gar nicht mal alt sein. Anje Schrupp nimmt in Hollywood im Vaterkompex ein relativ neues, aber trotzdem schon abgegriffenes Klischee aufs Korn: den "Vaterschwulst-Dialog", der seit einige Jahren sogar in Filmen auftritt, in denen es sonst gar nicht um Vaterkonflikte geht.
Womit ein anderer Grund, weshalb ein Klischee auf den Geist gehen kann, schon angeschnitten wäre: mangelnde Plausibilität.

Smog gehört - zumindest in Deutschland - zu den weitgehend gelösten Umweltproblemen. Trotzdem gehört er nach wie vor zum Inventar vieler Romane mit Umweltproblematik, und das nicht nur, weil diese buchstäblich atemraubende Mischung aus Abgasen und Nebel z. B. in China leider noch Alltag ist. Er taucht sogar da auf, wo er von der inneren Logik des Szenarios her längst verschwunden sein sollte.
Zum Beispiel im klischeereichen, aber trotzdem (manchmal beunruhigend) realistisch wirkenden Shadowrun-Universum.
Über den Ballungsgebieten (Metroplexen oder Sprawls) liegt in der Shadowrun-Zukunft typischerweise eine dichte Dunstglocke, die sich ohne Atemmaske kaum ertragen lässt. Anderseits erfährt man aus dem Hintergrundmaterial zum Rollenspielsystem, dass fast die gesamte elektrische Energie aus Fusionsreaktoren oder Solarkraftanlagen stammt. Autos fahren, zumindest in der "Allianz Deutscher Länder", mit Elektromotoren. Koksbetriebene Hochöfen gehören ebenfalls der Vergangenheit an. Das Zeitalter der fossilen Energieträger ist, da es kaum noch kostengünstig erschließbare Erdöl-, Erdgas- oder Steinkohlevorkommen gibt, und Kosteneffizienz im erzkapitalistischen und durch den buchstäblich mörderischen Konkurrenzkampf der Konzerne gekennzeichneten Shadowrun-Universum das oberste Gesetz ist, längst Geschichte.

Das heißt, für eine richtig "dicke Luft", egal, ob als klassischer rauchiger Wintersmog oder Sommersmog mit reichlich Ozon, fehlen die "Rohstoffe". Das Klischee stimmt nicht, obwohl es um den Umweltschutz, eben wegen des manischen Kosteneffizienzdenkens, eher schlecht bestellt ist, z. B. was die Sondermüllentsorgung angeht (die erfolgt nach dem Motto "Deckel drauf und vergessen", mit entsprechenden Folgen).

Warum also dieses "abgegriffene Smog-Klischee"? Es wird, nicht nur im "trivalen" Shadowrun, deshalb verwendet, weil es sich längst verselbständigt hat. Smog ist in unserer Kultur eine allgemein verständliche Metapher für Umweltzerstörung geworden - deshalb gibt es auch Wortprägungen wie "Elektro-Smog".

Umweltzerstörung ist eine Grundeigenschaft der kaputten Shadowrun-Welt - in Form von lecken Giftmülldeponien, katastrophalen Klimaveränderungen, zerstörten Kernkraftwerken usw.. Hinzu kommt, als charakteristische Besonderheit Shadowruns, die "magische Umweltverschmutzung".
Smog - mit Kratzen im Hals, schlechter Sicht, Hustenanfällen, brennenden Augen und Atemnot - ist eben eine "sinnliche" Form des Umweltdrecks, während man erhöhte Radioaktivität oder Dioxine im Salat nicht spürt - jedenfalls nicht sofort. Daher ist das Smog-Klischee eine einfache Methode, um beim Spieler oder Leser das Gefühl einer bedrohlich dreckigen Umwelt zu erzeugen.

Wieder verallgemeinert: dem Leser, Zuschauer oder Spielers geläufige Klischee erleichtern das Einfinden in die Situation. Was dann auch der Grund dafür ist, Klischees absichtlich und wohlbedacht zu verwenden.

Samstag, 7. Februar 2009

Der heimliche Welthit

Er gehörte sozusagen zum Soundtrack meiner Kindheit und meiner Jugend. Lange wusste ich nicht, wie er heißt. Das erste Mal hörte ich ihn bewusst in einem Film über Überschall-Flugzeuge, weshalb ich ihn bei mir den "Überschallflugzeug-Titel" nannte. Dass es gerade Überschallflugzeuge waren, war purer Zufall, denn der Titel wurde zwischen den späten 60ern und frühen 80ern sehr oft, jedenfalls sehr viel öfter als andere Instrumental-Stücke zum Unterlegen oder Drübersprechen verwendet. Egal, ob unter wichtigen Ansagen in der Disco ("Der Fahrer des Wagens mit dem Kennzeichen ... "), ob als Kaufhaus-Musik, als Hintergrundsoundteppich auf Steh- und Quassel-Parties, ob in Werbespots, Spielfilmen, Dokumentationen - er war beinahe allgegenwärtig.
Die Rede ist von "Early Bird", aufgenommen 1965, interpretiert vom belgischen Organisten André Brasseur an der Hammond-Orgel und seiner Combo:


Was ich lange Zeit nicht wusste: Brasseurs Interpretation von "Early Bird" (zur Unterscheidung von anderen Stücken mit gleichem Titel auch "Satellite Early Bird" genannt) war ein Cover. Das Original, ebenfalls von 1965, stammte von den Tornados und wurde von dem ebenso exzentrischen wie genialen britischen Produzenten, Songwriter und Soundbastler Joe Meek geschrieben. Der größte kommerzielle Erfolg, den Joe Meek und die Tornados hatten, war Telstar aus dem Jahr 1962, eines der erfolgreichsten Instrumentalstücke aller Zeiten. Telstar war eine Hymne auf den in diesem Jahr gestarteten ersten aktiven Kommunikationsatelliten Telstar 1, über den die erste Live-Fernsehsendung zwischen Europa und den USA erfolgte. Es lag vielleicht an der Euphorie über angebrochene Zeitalter der Satelliten-Kommunikation, dass es den Tornados mit diesem für damalige Pop-Verhältnisse sehr "experimentellen" Song als erster britischen Band gelang, einen Nummer-Eins-Hit in den USA zu landen.

"Early Bird" war der Spitzname des ersten kommerziellen Kommunikationsatelliten Intelsat I. Wie zuvor Telstar inspirierte er Meek zu einem Instrumentalstück, das allerdings den Erfolg von "Telstar" nicht wiederholen konnte. Zum "heimlichen Welthit" wurde der Titel erst in der Version von André Brasseur.
KSC-65PC-0020
Start des Satelliten Intelsat I auf einer Trägerrakete vom Typ Delta-D am 6. April 1965.

Was war der "Treibstoff", der "Early Bird" zum vielseitig verwendeten musikalischen Dauerbrenner machte?
Der erste Grund ist sicher die zugleich eingängige wie interessante Melodie Joe Meeks. Seine eigenwilligen Arrangements lagen aber oft etwas "quer im Gehörgang", strengten an. Brasseurs Party-Orgel-Stil ist hingegen typischer "Easy Listening", unaufdringlich und sanft - der ideale Klangteppich. Wie wenige andere Stücke eignet sich "Early Bird" dazu, als "Endlosschleife" gespielt zu werden - was ihn für das Unterlegen von gesprochenem Text besonders geeignet macht. "Early Bird" ist außerdem ein zugleich entspannendes und anregendes Stück Musik - etwa das akustische Gegenstück zu einer Tasse Kaffee oder Tee.
Nicht zuletzt ist es die "Neutralität" des Stückes, die seinen Erfolg ausmachte. Es stößt weder Jazzenthusiasten, noch Schlagerfreunde, noch Rockfans vor den Kopf. Dass es in "Early Bird" um einen Satelliten geht, wird, anders als bei "Telstar", einem betont "explosiven", treibenden Stück, nicht deutlich - er klingt zwar "flott" und im damaligen Verständnis modern, was aber ebensogut auf Autos, Flugzeuge oder Schnellzüge passt - aber auch zu Modeschauen.

Donnerstag, 5. Februar 2009

Raubfischerei boomt - Fischerei-Verhaltenskodex wird oft ignoriert

Dass die Überfischung der Meere ein ernstes Problem ist, dürfte allgemein bekannt sein. Dennoch wird der Fischerei-Verhaltenskodex der UN weitgehend ignoriert.

Mindestens 28 der 53 wichtigsten Fischerei-Nationen beuten das Meer auf unverantwortliche und umweltschädigende Weise aus. Sie sind für 40 Prozent des weltweiten Fischfangs verantwortlich. Die restlichen Länder sind auch keine Musterknaben, sondern fischen lediglich nach gerade noch akzeptablen Standards. Nicht ganz überraschend ist, dass Island, Norwegen, Kanada, Australien und die USA einigermaßen gut abschnitten. Bezeichnenderweise machten die EU-Länder durchweg eine schlechte Figur, auch Deutschland hat nur knapp bestanden.
wissenschaft.de: Vergessener Fischer-Knigge.
Da der freiwillige Kodex so wenig Beachtung findet, soll er gegen ein verpflichtendes Abkommen ersetzt werden. Fragt sich, wie diese Verpflichtungen in der Praxis durchgesetzt werden sollen.

Mittwoch, 4. Februar 2009

"Sichere" E-Mail - das hängt davon ab, wie man "Sicherheit" definiert

Es klingt erst mal gut - aber die versprochene "Sicherheit" ist relativ:
heise: Bundeskabinett verabschiedet Bürgerportalgesetz
tagesschau.de: Gesicherter Datendienst "De-Mail" ab 2010.
Nötig ist das aufwendige Verfahren aus Sicht von Experten, weil die normale E-Mail relativ leicht "geknackt" und mitgelesen werden kann. Sie sei "so sichtbar wie eine Postkarte", sagte der Sprecher des IT-Branchenverbands Bitkom, Christian Hallerberg, der Nachrichtenagentur AP.
Ein wunderschönes Beispiel für eine unauffällig in eine wahre Aussage untergeschobene Behauptung.
Es stimmt zwar, dass die normale E-Mail so sichtbar wie eine Postkarte ist, aber das stimmt nur, wenn sie nicht verschlüsselt und signiert ist - z. B. mit PGP oder GNUP. Damit ist das "aufwendige Verfahren" D-Mail völlig überflüssig. (Vielleicht ist das Herrn Hallerberg nicht klar, und er sagt subjektiv die Wahrheit, deshalb schreibe ich nicht "Lüge".)

Weshalb die Bitkom dennoch für De-Mail eintritt, ist zwanglos aus unternehmerischem Eigeninteresse erklärbar: Sie - die IT-Branche - will damit Geld verdienen.

Was will aber das Bundesministerium des Inneren, das die "D-Mail" öffentlich so
So einfach wie E-Mail, so sicher wie Papierpost: Eine neue Infrastruktur ermöglicht vertraulichen, zuverlässigen und sicheren elektronischen Versand per „De-Mail“
bejubelt?
Das Stichwort ist "sicher wie Papierpost" - die ist nämlich nur solange sicher, solange niemand sie durchsucht. Richtervorbehalt? Datenschutz? Für eine Postkontrolle durch die Polizei erwies sich das schon damals, im Umfeld der Proteste gegen den G8-Gipfel von Heiligendamm, als "irrelevant" - die Terrorismusbekämpfung ist offensichtlich der Zweck, der jedes Mittel "heiligt". Jedes.

Daher ist mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit davon auszugehen, dass D-Mail aus "Sicherheitsgründen" ein Hintertürchen für staatliche Dienste offen halten wird, wie es auch Bundesdatenschutzbeauftragter Peter Schaar befürchtet.

Mehr noch: mit der Begründung, es gäbe doch die sichere D-Mail, könnte künftig die Verwendung von PGP oder GNUP kriminalisiert werden. Wer verschlüsselt, macht sich verdächtig. So einfach ist das, wenn man Sicherheitsexperte ist.

Es ist irgendwie schade, dass Märklin Insolvent ist

Warum die Märklin-Eisenbahn aus der Spur geriet - damit zerschlägt sich möglicherweise eine Zukunftsperspektive des Noch-Bahnchefs Mehdorn. Aber es gibt zum Glück noch andere Modellbahn-Hersteller, deren Erzeugnisse Mehdorn auch künftig das Gefühl geben könnten, Bahnchef zu sein - er könnte damit sogar die Bahn gegen die Wand fahren lassen, ohne dass es jemanden außer vielleicht seiner Frau stört.
Übrigens weist der Fall Märklin (sozusagen im Maßstab 1:85) einige Parallelen zum Fall Deutsche Bahn AG auf ("Sanierung ist schief gelaufen") - hoffentlich endet mit der Ära Mehdorn auch die Vorbildtreue.

Nachtrag: Allerdings wird auf der Modellbahn nicht bespitzelt. Ich finde es auch nicht ganz unerfreulich, dass der Führungsetage der Deutschen Bahn nicht zuletzt eine Veröffentlichung in einem Medium zu schaffen macht, das von der Mehrheit der deutschen Entscheider in Wirtschaft, Politik und Medien bislang etwa so ernst genommen wird wie eine Modellbahn: "Blogger? Schick denen 'ne Abmahnung und die Sache ist gegessen!" - Von wegen! Die Welle nach der Abmahnung.

Dienstag, 3. Februar 2009

Zum 100. Geburtstag einer verkannten Denkerin

Heute wäre Simone Weil 100 Jahre alt geworden. Sie starb leider viel zu früh im Alter von nur 34 Jahren.

Einen - wie ich finde - sehr guten Aufsatz über die Anarchistin, Philosophin und Mystikerin schrieb Antje Schrupp: Zum 100. Geburtstag von Simone Weil. Antje Schrupp arbeitet das heraus, was auch mich an dieser Denkerin immer fasziniert hat - z. B. ihren politischen Durchblick, ihre Offenheit, ihre Zähigkeit - und stellt einige Dinge richtig, die mich bisher an Simone Weil gestört hatten. Z. B. wird sie sehr stark von der katholischen Kirche "beansprucht", sie wurde sogar "ungetaufte katholische Mystikerin" genannt - wobei es angeblich ein "Bekehrungserlebnis" oder wenigstens eine "Buch" im Leben gegeben hätte - erst Anarchistin und Revolutionärin, danach Christin und Mystikerin. Antje Schrupp stellt das richtig und sieht eine logische Entwicklung:
Was Simone Weil an der Religion interessiert, das ist die Möglichkeit einer Lebenshaltung angesichts eines Unglücks, das nicht zu beheben zu sein scheint. Sie interessiert sich für Gott, weil das sozusagen die einzige Hoffnung ist, die bleibt, wenn man ihre Analyse der politischen Verhältnisse zu Ende denkt, die keine Hoffnung mehr bereit halten.
Dabei führte sie ihre Hinwendung zum Christentum nicht geradewegs zum herkömmlichen Katholizismus - ganz und gar nicht:
Simone Weil glaubt aber nicht, dass nur die christliche Religion dieses Wahre kennt, sondern sie entdeckt es in allen möglichen philosophischen Denkrichtungen, von Platon über altägyptische Volksmythen, vor allem bei den Katharern, im Buddhismus, im Taoismus und eben auch im Christentum. Die Worte Gott, Christus und Krishna benutzt sie in ihren Briefen sozusagen synonym. Sie glaubt, dass diese philosophisch-spirituellen Traditionen jede auf ihre Weise einen Blick auf das Wahre, auf Gott bereithalten, und zwar auch in langen Zeiten der Düsternis auf der Welt.
Sie lehnte, trotz Interesse am Katholizismus, die Taufe ab, weil sie fürchtete, dass ihr Denken mit den kirchlichen Dogmen nicht vereinbar sei.

Bisher argwöhnte ich, dass sie sozusagen ein "klassisches" Beispiel für eine judenfeindliche Ex-Jüdin gewesen wäre. Tatsächlich scheint es so gewesen zu sein, dass der im "Alten Testament" (richtiger: der jüdischen Bibel) beschriebene grausame und rachsüchtige Gott sie abschreckte. (Mir geht es genau so. Allerdings bin ich der Ansicht, dass die Auseinandersetzung mit diesen schrecklichen Mythen die Entwicklung der jüdischen Religion zu einer sehr abstrakten, sehr "intellektuellen" Gesetzesreligion und auch die Entwicklung der pragmatischen jüdischen Humanität - Grundsatz: "Liebe deinen Nächsten wie dich selbst, alles andere ist Kommentar" - förderte.)

Außerdem hatte ich bisher den Eindruck, sie sei überspannt und mitunter weltfremd gewesen. Auch da hat mich der Aufsatz eines Besseren belehrt.

Aber was schreibe ich hier so viel - lest lieber selbst den Aufsatz!

Samstag, 31. Januar 2009

Radikale Therapie gegen Multiple Sklerose

Im doppelten Sinne "radikal" - nämlich im Sinne von "bei der Wurzel ansetzend" und "bereit, drastische Mittel einzusetzen" - ist ein Therapieansatz, der im Rahmen einer kleinen Studie mit 21 MS-Patienten verfolgt wird: ihr hyperaktives Immunsystem wurde absichtlich zerstört und anschließend mit ihren eigenen blutbildenden Stammzellen wieder neu aufgebaut.

Multiple Sklerose ist eine bösartige Autoimmunerkrankung, bei der das Immunsystem die Myelinscheiden (eine Schicht, die die Fortsätze der Nervenzellen in Gehirn und Rückenmark umgibt) angreift. Fehlen die Myelinscheiden, arbeiten die Nervenzellen nicht mehr richtig, es kommt zu Lähmungen, aber auch Sehproblemen oder Sprachstörungen. Multiple Sklerose gilt bis heute als unheilbar, bisher übliche Immuntherapien können den Verlauf lediglich verzögern.
Seit Jahren versuchen Forscher, die "fehlgesteuerte" Körperabwehr sozusagen umzuprogrammieren – mit bescheidenem Erfolg.

Im Gegensatz zu den meisten bisherigen Ansätzen konzentrierten sich Richard Burt und sein Team nun jedoch nicht auf Fälle, in denen die Nervenzellen bereits irreversibel geschädigt waren, sondern setzen die radikale Therapie des Zerstören und Wiederaufbauens bei relativ jungen Patienten in sehr frühen Stadien der Krankheit ein.
wissenschaft.de: Mit eigenen Stammzellen gegen MS
Die Ergebnisse waren insgesamt positiv. So ging es 17 der 21 Teilnehmer noch drei Jahre nach der Transplantation messbar besser als vorher, lediglich bei zweien war keine Besserung aufgetreten. Fortgeschritten war die Krankheit abgesehen von kurzen Rückfällen, die sich unter medikamentöser Behandlung vollständig zurückbildeten, bei niemandem.

Die Forscher wollen als nächstes größere Patientengruppen mit besseren Kontrollsystemen untersuchen, halten ihren Ansatz jedoch bereits jetzt für sehr vielversprechend.

Abstract bei Sciencedirect.com: Autologous non-myeloablative haemopoietic stem cell transplantation in relapsing-remitting multiple sclerosis: a phase I/II study

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