Samstag, 2. Dezember 2006

Noch mehr vøgeliges und etwas r´n´b-iges

Videos vom Live-Auftritt der Singvøgel in Wien bei clipfish unter
Sentense.
Seit dem Einstieg ihres Drummers Sven sind die Singvøgel deutlich rockiger geworden. Trotzdem dürfte es nach wie vor schwierig sein, sie in eine der gängigen Sparten einzuschubladisieren.

Und weil ich schon mal bei Musik-Promo und Videos von Life-Auftritten bin: Nicht nur den Fans "altmodischen" R´n´Bs wie er einst etwa von den frühen Stones gepflegt wurde, empfehle ich, mal bei Cpt. Howdy vorbeizuklicken: gleich zur Begrüßung gibt es, so man DSL-hat, ein sehr hörens- und sehenwertes Video eines Life-Aufritts im Hamburger "Molotow"-Club. Übrigens sind Cpt. Howdy alles andere als eine Retro- bzw. Nostalgieband - Stil ist auf seine Weise traditionell, aber sonst sind sie völlig von heute.
Natürlich ist Cpt. Howdy auch auf MySpace zu finden - sogar die Gästebucheintragungen sind Kunstwerke für sich: Cpt. Howdy Hamburg.
Cpt. Howdy-Sticker

Mittwoch, 29. November 2006

Ein Jahr ...

... lang ist es erst her, dass ich anfing, in diesem Blog zu senfen.
Es fühlt sich erheblich länger an.
Bisher zögerte ich. Da ich meinen Hang zur Selbstdarstellung kenne, fürchtete ich, den zahllosen belanglosen und langweiligen Online-Tagebüchern ein weiteres belangloses und langweiliges Online-Tagebuch hinzuzufügen.
Das hat sich zum Glück nicht bewahrheitet. Auch dank Eurer wirklich guten Resonanz, liebe Leser! Skaal!

Dienstag, 28. November 2006

"Freiheit heißt: Ich mach's!"

/>/>
(Von den Singvøgeln Die demnächst auch wieder live zu sehen sein werden.)

Die germanischen Runen - eine semitische Schrift?

Möglicherweise ist der Alptraum aller ariosophischen, nationalromatischen und inwändig brauner Germanenschwärmer wahr geworden: Die heiligen germanischen Runen, die "Urschrift der Arier", das Produkt des "Genies der nordischen Völker" stammen vermutlich direkt von einer semitischen Schrift ab, die eng verwandt mit der hebräischen ist.

Die Germanen haben ihre Runenschrift direkt von den Phöniziern / Kathagern gelernt, vermutet der Münchner Philologe Theo Vennemann. Damit widerspricht er der gängigen Annahme, die germanische Schrift gehe entweder auf das etruskische oder auf das römische Alphabet zurück, die ihrerseits vom Griechischen und damit indirekt auch vom Phönizischen abstammen. Vennemanns Ansicht nach besitzen die Runen jedoch eine Reihe von Besonderheiten, die eindeutig darauf hinweisen, dass sie sich unmittelbar aus dem phönizischen Alphabet herleitete. Voraussetzung dafür wären allerdings intensive Kontakte zwischen den kathargischen Phöniziern und den Germanen gewesen - und solche Kontakte sind nach den Angaben antiker Schriftsteller wie Phytheas von Massilia sehr wahrscheinlich.

Zwischen dem phönizischen Alphabet und der Runenschrift gibt es deutliche Übereinstimmungen, fand Vennemann heraus. So haben die Buchstaben in beiden Schriften im Gegensatz zu denen der Römer und Griechen immer auch eine zusätzliche Bedeutung, die über den reinen Zeichencharakter hinausgeht. Der erste Buchstabe des phönizischen Alphabets, "Aleph", bedeutete etwa soviel wie "Rind" und besaß ungefähr die Form eines F. Auch der erste Buchstabe der frühen Runenschriften, "Fehu", besaß diese Form, und seine Bedeutung "Vieh" entspricht ebenfalls der seines phönizischen Pendants.

Weitere Gemeinsamkeiten beider Schriften sind etwa das Fehlen von den im Lateinischen und Griechischen weit verbreiteten Doppelkonsonanten wie TT, KK oder LL oder die Gewohnheit, M und N nie vor einem anderen Konsonanten zu verwenden - Gewohnheiten, sich sich nicht aus der Sprachstruktur der germanischen Sprachen ableiten lassen, aber sehr wohl aus der der semitischen.

Auch könnte Vennemanns These erklären, warum die ersten Runenschriften nicht in der Nähe des römischen Reichs auftauchten, sondern bei den an die Nordsee angebundenen südskandinavischen Stämmen, und zwar zu einem relativ frühen Zeitpunkt, wohl um 350 v. u. Z. .
Für die engen Kontakte, die es bei diesem Szenario zwischen den karthagischen Phöniziern und den Germanen gegeben haben muss, gibt es Vennemann zufolge auch andere sprachliche und kulturelle Hinweise.

Die ganze Meldung beim Informationsdienst Wissenschaft (idw): Das karthagische Erbe der Germanen - Runenschrift geht direkt auf Phönizier zurück.

Samstag, 25. November 2006

Unsichtbare Sprachbarrieren und die Türsteher der Eliten

In der Publizistik und Medienwissenschaft wie auch in der Soziologie gibt es den Begriff des "Gatekeeper".

Wörtlich heißt das "Torwächter". Man könnte auch, von der Funktion her "Türsteher sagen". Wie ein Türsteher nach für Außenstehende oft rätselhaften Kriterien darüber entscheidet, wer in den Nachtclub darf und wer nicht, können Gatekeeper darüber entscheiden, welche Nachricht in den Medien erscheinen.
Andere Türsteher sind jene, die aufgrund ihrer Fähigkeiten (z. B. als Gutachter) und Positionen (z. B. als Vorgesetzter) die "soziale Mobilität" von Menschen beeinflussen können.

Besonders deutlich wird die Analogie zum Türsteher in der Arbeitswelt. Soziologische Untersuchungen weisen darauf hin, dass für Wirtschaftseliten zum überwiegenden Teil Menschen rekrutiert werden, die in der entsprechenden Elite aufgewachsen sind. Der Soziologe und Kriminalschriftsteller Horst Bosetzsky (-ky) lästerte einmal, über Bewerber für den gehobene und höheren öffentlichen Dienst würde so entschieden, als ob hervorragende Beamteneigenschaften erblich wären.
Noch ausgeprägter ist dieses quasi-aristokratische Denken in den Führungsetagen der "freien Wirtschaft". Ein "Aufsteiger" muss schon sehr tüchtig sein, um sich in der deutschen "Führungselite" etablieren zu können: Gut vier Fünftel der Vorstandsvorsitzenden der 100 größten deutschen Unternehmen kommen aus Familien größerere Unternehmer, leitender Angestellter, höherer Beamter und akademischer Freiberufler. Die soziale Eliten sind im heutigen Deutschland vor allem das (Groß-)Bürgertum und das Bildungsbürgertum, die "Mittelschichtgesellschaft" der BRD nach dem "Wirtschaftswunder" ist weitgehend passé.
Und die Abschottung nimmt zu: Wissenschaft und Politik waren bis in die 1980er Jahre noch sozial durchlässige Sektoren. Auch hier hat sich auch hier das Bürgertum durchgesetzt. Waren in der 1. großen Koalition von 1966 nur 2 von den 6 wichtigsten Regierungsämtern mit Repräsentanten des Bürgertums besetzt, sind es heute 5 von 6. Der Anteil der "Bürgerkinder" unter den Professoren beträgt etwa 50% - gemessen an der Bevölkerung ist der Anteil des Bürgertums (ohne das "Kleinbürgertum") 3,5%, der des Großbürgertums 0,5%.

Das dieser Effekt tatsächlich auf sozialer Abschottung und nicht etwa auf Leistungen beruht, zeigt eine Untersuchung des Institutes für Soziologie an der TU Darmstadt: Wer aus der Familie eines leitenden Angestellten kommt, hat eine 10 mal so gute Chance, in die Führungsetage eines Großkonzerns aufzusteigen, als ein fachlich gleichguter Kommilitone aus einer Arbeiterfamilie. Wer einen Geschäftsführer oder ein Vorstandsmitglied zum Vater hat, dessen Aussichten sind 17 mal besser als die als "Kind kleiner Leute".

Eliten orientieren sich am "Stallgeruch". Sie bevorzugen ihresgleichen. Wenn der familiäre Hintergrund z. B. eines Bewerbers bekannt ist, vielleicht sogar "Vitamin B" im Spiel ist, überrascht das nicht. Im Alltag z. B. eines Einstellungsverfahrens ist das allerdings nicht die Regel. Hier greifen subtilere, den Gatekeepern oft nicht einmal selbst bewusste Mechanismen. Die Gatekeeper erkennen anhand ihrer sozial, von Kind auf eingeübten Kenntnis der Untertöne die Zugehörigkeit von Bewerbern zu einem ihnen selber entsprechenden sozialen Milieu. Sie "spüren", ob jemand "dazugehört".

In der "guten alten" Zeit ließen sich solche Milieuunterschiede noch relativ einfach an der Kleidung oder den Manieren erkennen. Das dürfte in der Zeit des sorgfältigen Bewerbertrainings und einer doch ziemlich nivellierten Alltagskultur nur noch in Extremfällen relevant sein. Das wichtigste Indiz für den richtigen "Stallgeruch" ist die Sprache. Damit sind nicht nur offensichtliche und leider reale sprachliche Defizite der "Unterschicht" gemeint, auch nicht die Fachsprache, in der ein Bewerber sattelfest sein muss.

Ein sehr schönes und historisch interessantes Beispiel für eine subtile Sprachbarriere findet in der Autobiographie des Wissenschaftspublizisten Hoimar von Ditfurth "Innenansichten eines Zeitgenossen", eine Episode aus dem Jahre 1931: das Hausmädchen der v. Ditfurths hatte im Überschwang politischer Gefühle einen Brief an Hitler geschrieben, und sogar einen "persönlichen" Anwortbrief erhalten (wahrscheinlich ein Standardtext, bei dem nur die Anrede personalisiert war - in solchen Dingen waren die Nazis ihren politischen Konkurrenten weit voraus).
Da aber war ein Punkt, der mich stutzig machte. Ich verschwieg es Hertha, um ihre offensichtliche Freude nicht zu trüben. Der Eindruck jedoch, den ich bei dieser ersten Gelegenheit von Hitler gewann, war, ich kann es nicht anders sagen, ausgesprochen ungünstig. "Wertes Fräulein ..." das schrieb ein Herr einfach nicht. "Sehr geehrtes..." oder einfach "Geehrtes ..." das wäre in Ordnung gewesen, ebenso so auch "Verehrtes...", meinetwegen auch noch "Liebes Fräulein Mehrling". Aber "Wertes...", das war spießig und unmöglich. Soviel war auch mir als Elfjährigem mit absoluter Gewißheit klar. Denn mochten wir auch noch so arm sein, die vielfältigen kleinen sprachlichen und Verhaltensmerkmale, die dem Eingeweihten die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Klasse signalisierten und die jemand, der nicht dazugehört, in aller Regel nicht registriert, die hatte man uns so eingedrillt, daß sie uns in Fleisch und Blut übergegangen waren.
(Bemerkenswert übrigens, dass die Familie, obwohl auf "kleinbürgerliche" Vermögensverhältnisse verarmt, ein Hausmädchen hatte: Adel verpflichtet.)
Ein Brief mit der Anrede "Werter Herr ..." ist im kaufmännischen Schriftverkehr tabu. Ich kenne "Werter Herr, Werte Frau usw." fast nur in ironisch-warnender Bedeutung, im Sinne von "Freundchen": "Werter Herr, da gehen Sie aber zu weit!" Ähnlich ist es mit der Grußformel "Hochachtungsvoll" - So unterschreibt man als Kaufmann nur Mahnungen oder "böse Briefe". Offensichtlich ist es im "alten Adel" ähnlich wie bei den "ehrbaren Kaufleuten".

Tatsächlich ist nichts so verräterisch wie der Sprachgebrauch, nicht einmal die neuerdings wieder gefragten Tischmanieren. Übrigens ist ein wichtiger Punkt bei allen "verräterischen Kleinigkeiten" Souveränität, das heißt, dass man mit all den Regeln und Maßstäben gelassen umgeht. Wer immer sich streng nach Benimmbuch benimmt, fällt auf die Dauer auf. Meistens nicht einmal bewusst: "Gute Manieren hat er ja, aber irgendwas stimmt mit ihm nicht ..."

Dass selbst mein Sprachgebrauch verrät, dass ich "nicht dazugehöre" wurde mir klar, als ich für eine "Frauenzeitschrift" (Klatsch, Mode, Kochrezepte - eben Regenbogenpresse, "Yellow Press") als freier Mitarbeiter einige Artikel schrieb, die seltsamerweise von der zuständigen Redakteurin sehr stark redigiert wurden. Nun ist "redigiert werden" in der Presse völlig normal, der sprachliche Perfektionismus dieser noch jungen Dame (aus einer alten Adelsfamilie - so was ist in der Regenbogenpresse offensichtlich gefragt) war aber schon einigermaßen befremdlich. Mir wurden z. B. alle "technisch-fachsprachlichen" Ausdrücke, wie "Anmoderation" und alles, was auf lässige Umgangssprache hinwies, glatt gestrichen, in der Attitüde einer strengen Deutschlehrerin.
Erst im Nachhinein wurde mir klar: das besagte Blatt betrieb systematisch sprachliche Mimikry. Es täuschte Seriosität vor, in dem es auf sprachliche Feinheiten acht gab. Tenor: "Wir sind schließlich die Neue Goldene Freizeit (Titel geändert) und nicht die BILD". Es überwand dank "gewählter Sprache" und einiger anderer Tricks erstaunlich erfolgreich die Türsteher der "besseren Gesellschaft", bis hin zu Königshäusern. Zugleich gab das "gute Deutsch" den Leserinnen die Illusion, eine Zeitschrift mit Niveau und keine "Proletenillustrierte" zu lesen.

Es ist also möglich, "Türsteher" zu überlisten, und zwar durch das Setzen der richtigen Kennzeichen und durch "schleimen" - anbiedern und schmeicheln. Die vor dem Nachtclub genau so wie die vor der "guten Gesellschaft". Die Frage ist allerdings, ob das für den Einzelnen immer sinnvoll ist. Und ob das auch für die "Eliten" sinnvoll ist - das Beispiel aus der Klatschpresse ist bezeichnend. Es gibt, vertrauen die Gatekeeper auf die "verräterischen Kleinigkeiten", eine offene Flanke für Karrieristen, die nichts so gut können wie sich gut selbst in Szene zu setzten.

Die zweite Frage ist die, ob wir durch solche Abschottungsmechnismen nicht auf die Dauer zu einer Klassengesellschaft im alten Stil werden, einer "geschlossenen Gesellschaft", einer Art Ständestaat. Soziale Mobilität, übrigens auch die nach "unten", zeichnet dynamische, anpassungsfähige, liberale Gesellschaften aus. Ständegesellschaften, in denen die richtige "Kinderstube" über den Status entscheidet, sind strukturell stockkonservativ und lassen zu viele Talente der "breiten Bevölkerung" ungenutzt.

Freitag, 24. November 2006

And he can see no reasons 'cause there are no reasons

Gerade im Radio gehört - zugleich ein Kommentar darauf, was ich vorhin im Radio gehört hatte: dem Ausspruch eines Experten, Amokläufe in Schulen seien ganz klar männliche Delikte, ihm sei kein einziger Fall bekannt, in der ein Mädchen dergleichen getan hätte ...
Auf YouTube: Boomtown Rats: I Don't Like Mondays

Zum Hintergrund des Songs: I Don't Like Mondays

Imagepflege per Zensur

Direktvergleich zwischen dem orignalen Wortlaut des Abschiedsbriefs, den der Amok-Läufer von Emsdetten hinterlassen hat und der zensierten Fassung bei RTL und BILD bei leckse: Ich will Z.E.N.S.U.R.. (via: karan.)

Auffällig: sämtliche Passagen, in denen Gesellschafts- oder Medienkritisches steht, sind in der zensierten Fassung entfernt. Es könnte ja jemand kommen, der die Frage nach der Mitverantwortung (auf keine Fall zu verwechseln mit "Mitschuld") der Medien und der Politik stellt ...

Donnerstag, 23. November 2006

Ich, der verhinderte Amokschütze

Gedanken zum Abschiedsbrief des "Amokschützen" Sebastian B: TP. "Ich will R.A.C.H.E".

Was es auf der politischen, gesellschaftlichen und "medien-technischen" Seite zu sagen gibt, dass haben andere schon gesagt.

Besonders treffend sagte es Jens Scholz, dem kann ich mich nur anschließen:
Der Junge war fertig. Und diesmal wars kein dummer Mensch, er hat alles aufgeschrieben, was er fühlte. Er hat zwei Jahre versucht, gehört zu werden. Die damals schon nicht stattgefundene Diskussion darüber, wie sehr Kinder in diesem Land unter Druck gesetzt werden findet auch diesmal nicht statt. Die Standardreaktion der üblichen Verdächtigen werden gesendet, die Computerspieler werden sich wieder dagegen wehren müssen, daß sie zum Sündenbock hochstilisiert werden und schon ist das eigentliche Thema wieder vergessen.
Weiterlesen:Das ist ja so ermüdend

Der Brief geht mir nahe. Das Gefühl aus lavierender Depression, ohnmächtigem Zorn, aber auch größenwahnsinnigen Rachephantasien kenne ich allzu gut.
Auch in hatte mal, vor über 20 Jahren, einen ähnlichen Abschiedsbrief geschrieben. Auf die genaue Situation, die mich dazu gebracht hat, gehe ich hier nicht ein; das ist zwar ein persönliches Blog, aber Details aus meinem Intimleben gehören nicht in Netz. Wichtig nur: ich war fix und alle, vieles im Leben haute nicht hin.
Wenn schon Selbstmord, dachte ich, dann kein Abgang mit Wimmern oder Röcheln, sondern mit "Knall". Wenn man schon verliert, dann wenigstens "im Kampf" sterben und ein paar von "Ihnen" Mitnehmen. Erweiterter Suzid, wie die meisten soganannten Amokläufe. Nein, Waffen hatte ich nicht. Aber ich wußte, wie man hochbrisante Sprengstoffe herstellt.

Es blieb - zum Glück - bei der Planung. Ich hatte nämlich Menschen die mich auffingen. Die mitbekamen, dass mit mir was nicht stimmte. Und mir nicht einfach sagten: "Reiß dich zusammen" oder "Akzpetiere gefälligst deine Lage" oder "Hör auf mit Deiner albernen Selbstinszenierung.". (Wobei - solche Sprüche gab es leider auch.) Die mir eine Alternative zum "erweiterten Suizid" aufzeigten. Die Menschen, die Sebastian B. fehlten.

Was ich auch zum Glück hatte, war eine etwas ausgegorenere Weltanschauung. Ein wenig mehr politisches Denken, ein paar Gedanken mehr über Ethik und Moral, ein bißchen mehr Einfühlung und Ein-Denken in andere Menschen. Deshalb stilisierte ich mich nicht zum "Einsamen Rächer", suchte keine Ersatz für fehlendes Selbstwertgefühl in eine matialischen Selbstdarstellung. Das war nicht mein Verdienst. Das verdanke unter anderem meiner Schule, meinen Lehrer. Ich hatte großes Glück mit meiner Schule. Weshalb sich mein Amoklauf auch nicht in der Schule abgespielt hätte. Sebastian B. hatte das Glück nicht. Nicht, dass seine Schule schlecht gewesen wäre. Der Fehler liegt "im System".

Ich stelle mir vor, was gewesen wäre, wenn ich meinen ebenso dummen wie verzweifelten Plan in die Tat umgesetzt hätte. Schlagzeilen hätte ich mit Sicherheit gemacht. Und bestimmt hätte es üblichen Politikersprüche und Journalisten-"Weisheiten" gegeben, hätten die üblichen Fachleute ihre üblichen Ansichten vertreten. "Ego-Shooter" gab es noch nicht, damals waren Horrorvideos der große Verderber der Jugend. Das ich gar kein so großer Fan von Horrorstreifen war, wäre egal gewesen - wichtig wäre nur: ich habe nachweislich mal so was gesehen.
Irgend eine Patentursache hätte man bestimmt gefunden. Science-Fiction- und Fantasy-Fan? "Ja, dahin führt diese Realitätsflucht!" - Kontakte zur Hausbesetzerszene? "Da sieht man es mal wieder, diese Chaoten machen junge Leute zu Selbstmordbombern!" Vermutlich wäre selbst meine damalige Vorliebe für Räucherstäbchen, germanische, keltische und antike Mythologie, meine "Kraftwerk"-Platten, meine Romanversuche, meine bescheidenen politischen Aktivitäten, also kurz: alles was auch nur ein bißchen "auffällig" ist, thematisiert worden. Ob man mich damals der links- oder der rechtsextremen "Szene" zugeordnet hätte, wäre reiner Zufall gewesen. Hauptsache nur: ich wäre "Außenseiter" gewesen. Gut angepaßte, gebildete und nicht völlig erfolglose junge Leute laufen nicht Amok. Tun sie es dann doch, dann müssen sie doch irgend einer finsteren Subkultur zugehört haben! Ach, sieh' da, ein Pentagramm! Klar, der junge Mann war Satanist (zumindest hätte das in der BILD so gestanden).

Entschuldigt bitte, dass ich mich hier ausheule. Und das ich Mitgefühl für einen "Killer" zeige. Mit etwas weniger Glück hätte nämlich ich damals ein "Killer" sein können.

Auch lesenswert, zu politischen "Diskussion": Sven Scholz: The Return of the Volksschädling
und Medienvermeidung 2
Und bei Cynx, zum "Sinn", den es macht, die pösen, pösen Ego ShooterKilerspiele "endlich zu verbieten": Schmalspurdenken

Mittwoch, 22. November 2006

"Deutschland sucht den Super-Erfinder"

Heute (22. November 2006) und morgen abend berichtet das ZDF über ein Ereignis, das aufgrund seine medialen Aufbereitung gut und gerne "Deutschland sucht den Super-Erfinder" heißen könnte: Am 23. 11. wird zum 10. Mal der vom damaligen Bundespräsidenten Roman "Ruck" Herzog initiirte "Deutsche Zukunftspreis" verliehen.

Deutscher Zukunftspreis

Trotz der Show drumherum, trozt wahrer Fluten aus Politikersprech und PR-Kleister halte ich den "Zukunftspreis" für einen der wichtigsten Preise, der in Deutschland vergeben wird. Denn er lenkt die Aufmerksamkeit auf die Orte, an dem die technologische und ökomische Zukunft buchstäblich gemacht wird: die Forschungslabors und Entwicklungsabteilungen. Wie viele und welche Erfindungen gerade gemacht werden, und ob und wo sie sich durchsetzen, das ist meines Erachtens ungleich wichtiger für die Welt, in der wir den Rest unseres Lebens leben werden, als z. B. Fragen zum demographischen Wandel, zu Lohnnebenkosten, zur Kriminalitätsbekampfung (reines Hype-Thema übrigens, die Kriminalitätsrate ist in den meisten Bereichen seit Jahren rückläufig), zur Gesundheitsreform, zur Überfemdung (wird nicht so genannt, aber gemeint) und was auch immer als "drängende Zukunftsfragen" auf die Agenda gesetzt wird.
Ich drücke es mal so aus: Von interessierter Seite (sind mehrere, durchaus miteinander konkurrierende, Verbände, Stiftungen und Lobbybuden) wird in etwa folgendes Bild vom "Standort Deutschland" gemalt: Vergreisende, sich auf längst verwelkten Lorbeeren ausruhende, tendenziell faule, zu Neuerungen unfähige Gesellschaft, zu höhe Löhne, zu wenig Arbeitsbereitsbereitschaft, zu wenig Flexibilität - und zu viel "Orchideenfächer", zu viel "nicht anwendungsorientierte Forschung", zu lange Studienzeiten an den Unis. Dass die "wirklich wichtigen Erfindungen" seit Jahren "woanders" (USA, Japan, neuerdings auch China und Indien) gemacht werden, und die "einstige Erfindernation" Deutschland sich auf "Technologien von gestern" ausruhen würde, das ist inzwischen weitgehend Konsenz. Da setzt der Zukunftspreis ein kleines Gegengewicht. Denn Erfinder sind im allgemeinen weniger prominent als selbst die C-Promis im Showgeschäft. Fragt mal irgendjemanden, wo z. B. das MP3 Verfahren erfunden wurde und wer die Entwicklung leitete. Selbst Computerfreaks müssen da meistens passen.

Es gibt auch sachliche Kritik am Zukunftspreis. Zum Beispiel die, dass sich viele der preisgekrönten Erfindungen und Entwicklungen als saftige Flops erwiesen hätten - "Deutscher Hypepreis". Oder dass unter den Nominierten fast nur Konzerne vertreten sind. "Eigenlob der Großindustrie".

Sehen wir uns einmal die bisherigen Zukunftspreisträger an:
  • 1997 Christian Deter (Laser Display Technologie. Gera) für die Laser-Großbildprojektion. Der meistzitierte "Flop": Aufwand und Kosten der Entwicklung wurden unterschätzt, die Anwendungsmöglichkeiten überschätzt. Die Schneider-Rundfunkwerke, die auf diese Entwicklung setzten, gingen darüber in den Konkurs. Bis heute gibt es kein Laser-TV - es wäre schlicht viel zu teuer. Allerdings: bei Planetarien und Flugsimulatoren setzt sich die Laserprojektionstechnik durch.)
  • 1998 Peter Grünberg (Forschungszentrum Jülich) für die Entdeckung des GMR-Effekts. Der GMR-Effekt ermöglich den Bau hochempfindlicher Magnetfeldsensoren, die eine 200-fache Steigerung der Speicherdichte in Computerfestplatten möglich machen. Schon 1998 hatten sich GMR-Festplatten weitgehend durchgesetzt, heute gibt es kaum noch andere.
  • 1999 Peter Gruss, Herbert Jäckle (Max Plank-Institut für Biophysikalische Chemie, Göttingen) für Molekularbiologische Verfahren für innovative Therapie. Ein neuer Ansatz zur Therapie z. B. von Diabetis. Wegen der langen Entwicklungzeiten und Zulassungsverfahren bei Medikamenten ist der Erfolg heute erst in Ansätzen überschaubar. Ein "Flop" ist die Entwicklung jedoch auf keinen Fall.
  • 2000 Karlheinz Brandenburg, Bernhard Grill, Harald Popp (Fraunhofer-Institut für Integrierte Schaltungen, Illmenau) für MP3-Komprimierung von Audiosignalen in HiFi-Qualität für Internet und Rundfunk. Der größte Erfolg, bis heute eine Goldgrube für die Fraunhofer-Gesellschaft, die damit ein großes Stück Unabhängigkeit errang. Dass die industrielle Umsetzung in Deutschland eher verschlafen wurde, ist nicht den Erfindern anzulasten.
  • 2001 Wolfgang Wahlster (Deutsches Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz, Saarbrücken) für Sprachverstehende Computer als Dialog- und Übersetzungsassistenten.Sichere, aber konservative Wahl der Jury. Denn Wahlster ist nur einer von vielen, die auf diesem Feld arbeiten. Der Zweitplazierte, Theodor Hänsch mit seinem laserbasierten Präzisionsmikroskop, erhielt 2005 für seine Entdeckung den Nobelpreis für Physik ...
  • 2002 Martina-Regina Kula, Martina Pohl (Institut für Enzymtechnologie der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf) für Sanfte Chemie mit biologischen Katalysatoren.Biokatalysatoren ermöglichen dass Sytheseprozesse in der chemischen Industrie bei Normaldruck und Zimmertemperatur ablaufen, die im herkömmlichen Verfahren Hochdruck-Reaktoren und hohe Temperaturen benötigen. Die Energieeffizienz steigt enorm, das Unfallrisiko reduziert sich stark. Vielleicht gelten Kula und Pohl in ein paar Jahren als "Retterinnen des Chemiestandortes Deutschland"
  • 2003 Kazuaki Tarumi, Melanie Klasen-Memmer, Mathias Bremer (Merck, Darmstadt) für die Entwicklung von Flüssigkristallen, die Blickwinkelabhängigkeit, Kontast und Reaktionszeiten in Flüssigkristall-Displays (LCD) entscheidend verbessern. Diese Innovation sichert dem Darmstädter Unternehmen die weltweite Markführerschaft, alle namhaften LCD Hersteller sind dort Kunden, der Weltmarktanteil der Merck-Flüssigkristalle beträgt 70 %. Ohne die verbesserten Kristalle wären großformatige LCD-Flachbildschirme gar nicht machbar.
  • 2004 Rainer Hintsche (Frauenhofer-Institut für Siliziumtechnologie, Itzehoe), Walter Gumbrecht (Siemens,Erlangen), Roland Thewes (Infenion, München) für Labor auf dem Chip - Elektronische Biochiptechnologie. Die neuartigen Biochips, die anders als bisher gebäuchlich Biosensoren mit elektrischem Strom arbeiten, ermöglichen sehr kompakte, preiswerte, schnelle und zuverlässige Analysegeräte für Proteine, Krankheitserreger und biologische Giftstoffe.
  • 2005 Friedrich Boeking (Robert Bosch, Stuttgart), Klaus Egger, Hans Meixner (Siemens VDO, Regensburg) für Piezo-Injektoren Eine neue Einspritz-Technik, die saubere und sparsame Diesel- und Benzinmotoren ermöglicht. Eher konservative Jury-Entscheidung. Ob sie sich am Weltmarkt durchsetzt, ist noch nicht sicher..
Fazit: Ein "Teilversager", ausgerechnet beim ersten vergebenen Preis, drei ganz große Erfindungen und drei Entwicklungen, deren wirtschaftlicher Erfolg noch nicht voll überblickt werden kann. Und die viel geschmähten öffentlichen Forschungseinrichtungen schnitten weitaus besser ab, als es die "konservativ-liberale" Standort-Propaganda glauben machen will.

Nachtrag:Der deutsche Zukunftspreis 2006 geht an den Göttinger Physikprofessor Dr. Stefan Hell, Direktor des Max-Planck-Instituts für Biophysikalische Chemie. Hell hat ein verbessertes Lichtmikroskop entwickelt, das eine Bildauflösungs im Nanometer-Bereich erreicht, was bisher nur mit Elektronenmikroskopen möglich war. Das hellsche Mikroskop erlaubt, im Gegensatz zum Elektronenmikroskop, die Untersuchung lebender Zellen, was z. B. in der Krebsforschung wichtig ist. Ich gratuliere!

User Status

Du bist nicht angemeldet.

Aktuelle Beiträge

Geheimauftrag MARIA STUART...
Krisenfall Meuterei Der dritte Roman der Reihe "Geheimauftrag...
MMarheinecke - 9. Apr, 19:42
Urlaubs-... Bräune
Das "Coppertone Girl", Symbol der Sonnenkosmetik-Marke...
MMarheinecke - 1. Aug, 08:34
Geheimauftrag MARIA STUART...
Ahoi, gerade frisch mit dem Postschiff eingetoffen. Der...
MMarheinecke - 26. Mär, 06:48
Kleine Korrektur. Man...
Kleine Korrektur. Man kann/sollte versuchen die Brille...
creezy - 11. Nov, 11:29
strukturell antisemitisch
Inhaltlich stimme ich Deinem Text zwar zu, aber den...
dummerle - 5. Jun, 11:12

Suche

 

Status

Online seit 7360 Tagen
Zuletzt aktualisiert: 15. Jul, 02:08

Credits


doof-aber-gut
Gedankenfutter
Geschichte
Geschichte der Technik
Hartz IV
Kulturelles
Medien, Lobby & PR
Medizin
Persönliches
Politisches
Religion, Magie, Mythen
Überwachungsgesellschaft
Umwelt
Wirtschaft
Wissenschaft & Technik
Profil
Abmelden
Weblog abonnieren