Dienstag, 10. Oktober 2006

Das Ende eines Verkehrsmittels?

Schon bald nach dem tragischen Unglück auf der Transrapid-Erprobungsstrecke im Emsland hieß es, nach dem 22. September 2006 wäre die Magnetschwebebahn am Ende. Parallelen zum Absturz des Zeppelin "Hindenburg" 6. Mai 1937, der angeblich das Ende der Luftschiffe bedeutete, und zum Concorde-Unglück am 25. Juli 2000 wurden gezogen.
Mit einigem Abstand zu Katastrophe wage ich die Antwort: ob der Transrapid eine Zukunft hat oder nicht hängt nicht von diesem schweren Unfall ab.

Nach dem katastrophalen ICE-Unfall in Eschede war von einem Ausstieg aus der "Risikotechnologie Hochgeschwindigkeitszug" keine Rede. Ebensowenig waren nach dem Untergang der "Estonia" Stimmen zu hören, die zum Verschrotten aller Fährschiffe aufforderten - obwohl sie als sog. Roll-On / Roll-Off-Schiffe tatsächlich ein erhöhtes Unfallrisiko gegenüber konventionellen Schiffe ohne Heck- oder Bugtore und mit durch wasserdichte Schotten unterteiltem Laderaum haben. Weiter zurück in der Geschichte führte der Untergang der "Titanic" zur verschärften Sicherheitsvorschriften, aber nicht zum Ende des Baues großer, schneller Passagierschiffe.
Ich bin der Ansicht, dass Verkehrsmittel nur dann aussterben, wenn sie keinen wirtschaftlichen oder anderwertigen realen Nutzen haben.

Dabei sollte man zwischen einer "Basistechnologie" (etwa der Eisenbahn) und den jeweiligen technischen Lösungen (etwa Dampflok, E-Lok, Diesellok) unterscheiden. Technische (Problem-)Lösungen werden, wenn es zeitgemäßere Lösungen gibt, ohne Weiteres aufgegeben, das liegt in der Natur des technischen, ökonomischen und gesellschaftlichen Wandels. Rein ideeller Nutzen verhindert nicht das Verschwinden einer bestimmten Verkehrstechnik aus dem Alltag, sichert aber immerhin fast immer einen "Museumsgebrauch". (Beispiel: Dampflok.)
Tatsächlich ist es so, dass bisher kein Verkehrsmittel, im Sinne einer Basistechnologie, das sich einst etabliert hatte, jemals völlig aufgegeben wurde. Weder die Pferdekutsche noch das Segelschiff noch der Hundeschlitten sind "ausgestorben" oder nur noch in Museen zu finden.
Allerdings ist es fraglich, ob der Transrapid, der ja eine mit anderen Verkehrssystemen inkompatible Technologie ist, wirklich als "etabliert" gelten kann.

Der Transrapid - eine Lösung auf der Suche nach dem passenden Problem
Transrapid
Bildquelle: PixelQuelle

Als 1970 die Entwicklung der Magnetschwebebahn begann (und die öffentliche Forschungs- und Entwicklungsförderung einsetzte) und noch 1978, als das Konsortium "Magnetbahn Transrapid" gegründet wurde, war viel von der "Geschwindigkeitslücke" zwischen der Bahn und dem Flugzeug die Rede. Als Zielgruppe visierte man Geschäftsreisende an, die noch am selben Tag von ihren Terminen zurückkehren wollten. Heute ist diese Geschwindigkeitslücke dank schnellerer Züge sehr viel kleiner geworden. Außerdem war die Größe der Zielgruppe der eligen Geschäftsreisenden von anfang an gelinde gesagt sehr optimistisch geschätzt. Überoptimistische Schätzungen ziehen sich durch die gesamte Geschichte des Transrapides. So legte das Konsortium "Magnetbahn Transrapid" für die geplante Strecke Hamburg-Berlin Fahrgastzahlen zugrunde, die fünf mal höher sind, als die der heutigen ICE-Verbindung, bei Fahrpreisen, die ein Drittel höher gewesen wären, als die Fahrkarte 1. Klasse im ICE. (Ein Vergleich der Zahlen legt den Verdacht nahe, dass das Konsortium einfach den gesamten Personenverkehr - PKW, Bahn, Bus, Flugzeug - zwischen Hamburg und Berlin planerisch auf die Magnetbahn verlegt hätte.)
Die Entwicklung des Transrapid erfolgte nahezu ausschließlich mit öffentlichen Mitteln. Bis zum Jahr 2000 flossen ca. 1,2 Milliarden Euro Steuergelder in die Entwicklung des Transrapid. Das schafft natürlich öffentlichen Druck, die so teuer bezahlte Magnetbahn auch in Deutschland zu realisieren. Aber: bisher sind alle Projekte, von der Strecke Hamburg-Berlin bis zum "Metrorapid" im Ruhrgebiet schon in der Planungsphase gescheitert, und zwar stets aus wirtschaftlichen Gründen. Diese Gründe sind systembedingt: auf kurzen Strecken kann der Transrapid seine hohe Geschwindigkeit - über 500 km/h - kaum ausspielen. Z. B. stünde im Fall der geplanten Transrapid-Strecke zwischen München-Haupbahnhof und dem Flughafen der Zeitgewinn gegenüber einer Express-S-Bahn der Zeitgewinn (10 min Fahrzeit im Transrapid gegenüber 20 min in der Schnellbahn) in keinen Verhältnis zu den erheblich höheren Bau- und Betriebskosten. Die Strecke könnte wohl, ähnlich wie 30 km lange Strecke in Shanghai, nur als dauersubventionierte "Vorzeigebahn" betrieben werden. Auf langen Strecken könnte der Transrapid hingegen vermutlich wirtschaftlich betrieben werden - etwa als Verbindung zweier Ballungsräume, zwischen denen es noch keine modernen Schienenverbindungen gibt, bei gleichzeitig stark angestiegenen Flugpreisen. Allerdings sind in Deutschland diese Bedingungen nirgendwo gegeben - im Gegensatz zu China. Wo auch die Bereitschaft größer sein düfte, ein Projekt allein wegen seines Prestigewertes durchzuziehen.
Die Suche nach dem passenden Verkehrproblem für den Transrapid führte zu zahlreichen Machbarkeitsstudien, und alle Machbarkeitsstudien führten zum Ergebnis: zu teuer fürs Geleistete und nicht vernünftig ins vorhandene Eisenbahnnetz zu integrieren. Die Alternative, die vorhandene Eisenbahn zu modernisieren und zu erweitern, führte zu einer sehr viel günstigeren Relation aus Preis und Leistung.
Hierzu, in auf FAZ.net: Der wahre Fluch des Transrapid
So lange sich an den wirtschaftlichen Rahmenbedingungen nichts ändert, hat der Transrapid keine Zukunft. Egal, wie sicher er ist.

Ín den Fällen "Zeppelin" und "Concorde" waren die schweren Unfälle nur die letzten Sargnägel zweien Verkehrstechnologien ohne wirtschaftliche Zukunft. Obwohl die "Hindenburg" in den 1930er Jahren profitabel fuhr, war schon damals abzusehen, dass Verkehrsluftschiffe keine Chance gegenüber den viel schnelleren Langstreckenflugzeugen hätten. Der Abschied vom "Zeppelin" fiel deshalb den beiden einzigen Nationen, die 1937 noch große Luftschiffe hatten, Deutschland und den USA, leicht. Daran änderte auch die Tatsache nichts, dass ein Unfall wie der der "Hindenburg" mit heliumgefüllten Luftschiffen gar nicht vorkommen kann.
Das Luftschiff überlebte als "Nischentechnologie" - auch der Zeppelin NT zielt eindeutig nicht in Richtung Massenverkehrsmittel.

Die Concorde war in gut 25 Betriebsjahren niemals wirklich wirtschaftlich, Air France und British Airways konnten sich den Betrieb nur deshalb leisten, weil sie die tatsächlichen Kosten für Anschaffung und Ersatzteile nicht tragen mußten - also dank Subventionen. Nach dem Unfall war das Image der Concorde, nicht nur sehr schnell, sondern auch sehr sicher zu sein, dahin, obwohl Ermittlungen ergaben, dass ein ähnlicher Schaden an einem anderen Verkehrsflugzeug ebenfalls zum selben katastrophalen Ausgang geführt hätte. Wichtig für die Einstelllung des Flugbetriebs war auch, dass der Ersatzteilehersteller EADS die Preise für die Ersatzteile den tatsächlichen Kosten anpassen wollte.

Der Space Shuttle blieb trotz zweier schwerer Unfälle und seiner Unwirtschaftlichkeit in Betrieb, weil es keine Alternative zu ihm gab, wenn die USA nicht völlig aus der bemannten Raumfahrt aussteigen wollte.

Montag, 9. Oktober 2006

Den Teufel mit dem Belzebub

Biokraftstoff ist mitnichten eine Patentlösung für Umweltprobleme, vor allem, wenn in den Tropen angebautes Palmöl verwendet wird - hier ein älterer Beitrage zum Thema: Biokraftstoff ist schlecht für den Regenwald

Die RWE will nun im britischen Kent ein Kraftwerk mit Palmöl betreiben - was unter anderem von der Umweltorganisation "Rettet den Regenwald" (RdR) scharf kritisiert wird.

Neue Palmölplantagen werden vor allem im Tieflandregenwald von Indonesien und Malaysia angelegt. Der Tieflandregenwald ist, im Gegensatz z. B. zu dem auf "mageren" Böden wachsenden Regenwald des Amazonasgebietes, ein Torfwald, und als solcher ein riesiger Kohlendioxid-Speicher.
Um Platz für neue Palmöl-Plantagen zu schaffen, wird üblicherweise Brandrodung verwendet. Nach Angaben der RdR werden durche die Waldbrände allein in Indonesien in manchen Jahren mehr als eine Milliarde Tonnen Kohlendioxid frei gesetzt, etwa 15 Prozent der weltweit von Menschen verursachten Emissionen mit Kohlendioxid.

Unter diesen Umständen ist das Argument vom "CO2-neutralen" Biobrennstoff natürlich ein Hohn.

Info: "Rettet den Regenwald" via ngo onlinie
Hierzu auch: Zeit online Klimakiller in Grün
Und auch das, einige Tage alt, bei Yahoo: CDU-Minister sieht in Biokraftstoff Gefahr für den Regenwald Gemeint ist der Umweltminister des Saarlandes, Stefan Mörsdorf, der fordert, das das geplante Gesetz zur Einführung einer Quote für Biokraftstoff in der vorgesehenen Form nicht in Kraft treten soll. Er forderte auch das Gesetz für erneuerbare Energien zu ändern, damit nicht die durch Raubbau gewonnene Biomasse auch noch subventioniert werden müsse.

Persönliche Anmerkung: mich stört ein Wenig, dass der Wert des Ökosystems tropischer Regenwald gegenüber der hysterisch aufgeladenen Kohlendioxid-Debatte in den Hintergrund tritt. Aber anscheinend ist ein ökologisches Problem "da unten" ohne Angstvisionen kaum noch medial zu vermitteln.

Sonntag, 8. Oktober 2006

Vom Aussterben bedrohte Art

Der am Freitag verstorbene Heinz Sielmann gehörte zu jenen Tierfilmern, deren Filme ich mag. Ein Tier-Dokumentarfilmer, sehr sachkundig, dabei immer gut verständlich, ohne Verniedlichung auf der einen, ohne pentrant erhobene Zeigefinger auf der anderen Seite - und vor allem: ohne gepflegte Langeweile. (Es gibt durchaus Tierfilme und Tierfilmer, die ich verabscheue.) Ich schätzte ihn auch als engagierten Umweltschützer. Leitsatz der von ihm gegründeten Heinz-Sielmann Stiftung ist "Naturschutz als positive Lebensphilosophie". Ein Schwerpunkt dieser Stiftung ist die Kinder- und Jugendarbeit - das ist sehr wichtig, denn die Naturentfremdung (nicht nur) junger Menschen ist erschreckend weit fortgeschritten. Ein Drittel aller Schüler zwischen 12 und 15 Jahren soll noch nie einen Käfer oder Schmetterling auf der Hand gehabt, jeder Vierte noch nie ein Reh in der Natur beobachtet haben. Die Folge ist eine "bambihafte Verniedlichung" der Natur:
Unter Natur verstehen junge Menschen eine vorzugsweise belebte, vom Menschen unbeeinflusste Welt. Im spontanen Naturbild Jugendlicher kommt auch der eigene Körper nicht vor. Natur ist etwas menschenfremdes, das durch Berührung mit dem Menschen denaturiert wird. Folglich werden weder Nutz- noch Haustiere und -pflanzen der Natur zugerechnet. Dahinter steht die abendländische Vorstellung, dass der Mensch ein Besonderes, außerhalb bzw. oberhalb der Natur existierendes Wesen sei. Natur definiert sich aus dieser Perspektive als Restgröße des jeweiligen Menschenbildes.
Rainer Brämer: Varianten der Naturentfremdung.

Der Mensch böse, die Natur immer gut, am Besten, der Mensch zieht sich aus "der Natur" so weit wie möglich zurück. Eine Haltung, die für echte Umwelt- und Naturschutzarbeit äußerst kontraproduktiv ist (während "Öko-Apokalyptiker" davon eher profitieren). Wir stehen nämlich der Natur nicht gegenüber, sondern sind ein Teil von ihr. Natur pur.

Es wird manche überraschen, aber Heinz Sielmann war das erklärte Vorbild des bei einem Unfall bei Dreharbeiten umgekommenen australischen Tierfilmers Steve Irwin ("Crocodile Hunter"). Zum Gedenken an einen Tierfilmer .... Wenn man sich Irwins Dokumentarfilme außerhalb der actionbetonten "Crocodile Hunter"-Serie ansieht, z. B. seinen Film über die Wüstenfauna am Ayers Rock, erkennt man das Vorbild des sielmannschen Stils deutlich wieder. Rein von Inhalt her ist übrigens auch "Crocodile Hunter" fundiert und seriös. Seriöser als so manches, was unter Umwelt-Dokumentarfilm läuft.
Ich fürchte interessante und fachlich seriöse Tierfilme sind eine vom Aussterben bedrohte Art. Im unwirtlichen Milieu der deutschen Fernsehlandschaft können sich die belanglosen, an das "Bambi"-Klischee bestens angepaßte, Tier-Doku-Soaps und mit die Grabesstimme und mahnend erhobenem Zeigefinger vorgebrachten Öko-Katastrophen-Szenarios hingegen erschreckend vermehren.

Radio-GaGa - leicht gemacht!

Als Redakteur eines typischen Dudelfunk-Senders hat man es nicht leicht.
Das mag angesichts des homogenen Breis aus Werbung und seichter Unterhaltung, euphemistisch "Programm" genannt, überraschend klingen. Das Problem ist folgendes: die Werbung wird nur dann gebucht, wenn der betreffende Sender auch genügend Hörer hat. Verläßt man sich, wie die meisten Dudelfunk-Sender, auf das Musikformat Mainstream-Pop ("Das Abgenudelste aus den 80ern und 90ern und das Ödeste von Heute"), gibt es absolut keinen Grund, nicht anstelle des Radios den CD- oder MP3-Spieler zu aktivieren - und die Musik werbefrei zu genießen.
Also braucht man wohl oder übel "Serviceleistungen": Kurznachrichten, Wetter, Verkehr, damit der Hörer bei der Stange bleibt. Und, da der fröhliche Moderator nicht immer nur abgestandene Witzchen machen kann, auch mal interessante aktuelle Beiträge. Das Problem: die Dinger machen sich nicht von allein bzw. sie können nicht mal eben von der Praktikantin zwischen Kaffeekochen und Fotokopieren zusammengehauen werden. Dazu muß man äh, wie heißt das noch mal, re... re... (im Duden nachschlag) ah, recherchieren. Schlimmer noch, man braucht Reporter. Es wäre auch nicht schlecht, mal einen Experten vors Mikro zu bekommen. Umsonst ist das nicht zu haben.

Oder? Schließlich gibt es, notdürftig als "Pressemitteilungen" getarnte, fertig konfektionierte Beiträge, als MP3-Datei zum kostenfreien Runterladen, mit denen man gleich live auf Sendung gehen kann.
Hier ein besonders gelungenes Beispiel der "CMA - Bestes vom Bauernfänger":
O-Ton-Beitrag: Date mit dem Herbst!
Was, wer redet da von "unzulässiger Vermischung zwischen redaktionellen Inhalten und Werbung"? Das ist doch Public Relations, keine Produktwerbung, das ist was ganz anderes! Es wird ja keine Werbung für Molke der Meiereigenossenschaft Ochsenwerder oder der Großmeierei "Meier-Milch" gemacht, sondern PR für das Informationsbüro Deutsche Molke. Damit die Leute endlich kapieren, dass Molke kein Meierei-Nebenprodukt mit begrenzter Anwendungsmöglichkeit ist, sondern unentbehrlich für Gesundheit, Schönheit, Erfolg. ("Generation Molkepulver".)
via: sargnagelschmiede Kieck moal an!

Man glaube nicht, so etwas beschränke sich auf den Dudelfunk. Oder wie kommen wohl die vorabendlichen Fernsehdokus a la "Wie wird original Harzer Magermilchkäse (fettarm, aromatisch und die Darmflora vitatalisierend) gemacht?" oder "So sauber ist unser neues Braunkohlekraftwerk" zustande?

Samstag, 7. Oktober 2006

Aua, bin von einem Stöckchen getroffen worden

Es kam von Rayson von den B.L.O.G. und betrifft "5 Dinge".

Fünf Dinge, die ich habe, aber nicht will:
  1. schlechte Nerven
  2. Streitigkeiten (aber richtig) - zum Glück so gut wie vorbei
  3. einen fusseligen Stubenteppich
  4. Chaos auf meinem Schreibtisch
  5. Übergewicht
Fünf Dinge, die ich will, aber nicht habe:
  1. robuste Gesundheit
  2. einen gewissen Wohlstand
  3. eine Gefährtin, die mich erträgt
  4. öfter mal eine lange Urlaubsreise
  5. Erfolg als Schriftsteller
Fünf Dinge, die ich nicht habe und auch nicht will:
  1. Abmahnungen
  2. Besuch von Nazis
  3. "Ordnung" im Leben
  4. Luxusauto (mögliche Ausnahme: Wohnmobil)
  5. Job bei Jung von Matt (hat damals zum Glück nicht geklappt)
Nun möchte ich niemanden mit einem Stöckchentreffer verletzen. Aber die Spielregeln sind nun mal so - wobei: ein aussersehenes Wurfopfer hat es schon.
Das Stöckchen trifft, plötzlich und unerwartet:
zatanna, Naseweis - ja und Dauerstöckchenopfer Distel entkommt mir auch nicht!

Freitag, 6. Oktober 2006

Wie faschistisch war Roosevelts "New Deal"?

Ein gekoppelter Linktipp: Auf eine sehr lesenwerte Besprechung von Walfgang Schivelbuschs Buch Entfernte Verwandtschaft: Faschismus, Nationalsozialismus und New Deal 1933-1939 von statler (liberaler Volkswirt) Entfernte Verwandtschaft und die sehr treffende und kenntnisreiche Entgegnung ches (autonom-linker Historiker): Die historische Notwendigkeit von Keynes.

Odin - Gott der Rechtsextremisten?

Es ist eine alte Masche: Man schreibe ein Sachbuch voller kühner Behauptungen, sensationeller Theorien und erschreckender Enthülllungen, die sich zufällig mit alten und weit verbreiteten Vorurteilen und Klischees decken.
Es gilt außerdem die Regel, dass sich ein Buch über zeitgeschichtliche Themen gleich doppelt so gut verkauft, wenn irgendein Bezug zu den Nazis besteht. Besonders gilt dies übrigens für den britischen Buchmarkt.

Ein Buch, das offensichtlich nach beiden Maschen gestrickt ist, wurde von David V. Barrett in der englischen Zeitung "The Independant" verdientermaßen verrissen: Pagan Resurrection, by Richard Rudgley - Norse mythology and its (dubious) links with modern-day extremists

Der Anthropologe und Rundfunkautor Richard Rudgley stellt "Pagan Resurrection" eine provozierende These voran: Odinismus hatte einen größeren Einfluß auf das moderne westliche Denken als das Christentum.
Allerdings geht es in Rudgleys Buch überhaupt nicht darum.
Rudgley beginnt mit dem Psychonalytiker Jung, der den Nationalsozialismus in Verbindung mit dem nordisch / germanischen Gott Odin / Wotan brachte und behauptete, dass der Archetypus Odins immer noch sehr mächtig sei.

Nach einem kurzem Blick auf die Mythen um Odin und die Entwicklungsgeschichte der Runen behandelt er das Interesse zahlreicher Nazi-Vorgänger an dieser Mythologie und den Runen-Symbolismus, den die Nazis sich zueigen machten.
So weit, so unstrittig. Dann aber betrachtet der Autor ultra-rechte Vereinigungen in Amerika, angefangen beim Ku Klux Klan, und behauptet, dass auch sie Odins archetypischen Lenden entsprungen seien.

Damit ignoriert er die Tatsachen. Die heutige amerikanische extreme Rechten sind (fast ausschließlich) weiße Protestanten.
Rassistische Gruppen wie "Christian Identity" zeichnen sich dadurch aus, dass sie in einer Hand die Waffe, in der anderen die Bibel, und nicht die Edda, halten.

Ist der 168-fache Mord Timothy McVeighs, sein Sprengstoffanschlag 1995 in Oklahoma, wirklich einer der "Schrecken", der von der "unbewußten Manifestation des odinistischen Archetypus" erzeugt wurde? Natürlich nicht. Aber für Rudgley ist er es, so wie etliche andere Anschläge amerikanischer Rechtsextremisten auch.

NIrgendwo scheint sich Rudgley bewußt zu sein, dass Archetypen, wie Tarot-Karten und die Götter der meisten polytheistischen Religionen, in sich Gegensätze und Widersprüche vereinen. Der starke, wohltätige Anführer und der Tyrann sind zwei Seite der selben Medallie. Durch das ganze Buch hindurch konzentriert er sich auf die dunkle Seite Odins. Dabei verübt er die schlimmste wissenschaftliche Sünde, die ein Anthropologe oder Historiker begehen kann: er montiert sorgfältig ausgewählte Beispiele moderner Barbarei in ein Zerrbild der mythologischen Vergangenheit.

Nur auf den letzten 45 Seiten versucht er, einen Blick auf die positive Seite zu werfen, auf die "lebende Religion" des Odinismus, Asatru, oder auf die heutigen nordischen Traditionen.
Auch dabei kümmert er sich kaum um die Glaubensinhalte und Praktiken tausender moderner Heiden.
Rudgley beginnt sein Buch damit, dass er es "die Biographie eines Gottes" nennt und beendet es mit der Behauptung, es sei "eine Ethnographie ... eine Untersuchung der Kulturgeschichte der Mythen des nordeuropäischen Geistes". Es ist weder das eine noch das andere, sondern ein Katalog rassistischer Menschen und Organisationen, die sich nur über sehr fragwürdige Zwischenglieder, die eher Behauptungen als Fakten sind, mit Odin in Verbindung bringen lassen.

(Via: Witchvox.)

Mittwoch, 4. Oktober 2006

Mal eine gute Nachricht aus dem wilden Osten

Vorweg eines: Normalerweise habe ich etwas gegen Selbstjustiz. Und normalerweise halte ich auch nichts davon, das "Spiel" nach den Regeln eines gewalt-liebenden Gegners zu spielen und ebenfalls gewaltätig zu werden.
In diesem Fall war es allerdings einfach Selbsthilfe. Auch weil die Polizei offenbar hilflos war.

Am vergangenen Samstag haben rund 100 beherzte Bewohner der nordthüringischen Stadt Artern eine Gruppe von 20 rechtsextremen Schlägern vom Stadtfest "Zwiebelmarkt" vertrieben und anschließend durch den Ort gejagt.
Zunächst gab es nur Wortgefechte zwischen den Festbesuchern und den Neonazis. Gegen 0.30 Uhr schlugen vier "Nasen" dann einen 21-Jährigen zusammen, woraufhin die Situation eskalierte. Rund 100 Festbesucher forderten die Schläger demnach auf, den Festplatz zu verlassen. Da sich diese weigerten, verwiesen die Arterner die Kackbraunen handgreiflich des Platzes und scheuchten sie durch die Innenstadt. Drei der 20 Rechten suchten Zuflucht in der Polizeiwache. Die 17 anderen wurden während der Jagd durch die Innenstadt von ihren Verfolgern geschnappt und verprügelt.

Örtliche Politiker bekundeten den "Nazijägern" ihre Sympathie. Ich hiermit auch.

taz: Selbsthilfe gegen Rechts

(via: sargnagelschmiede)

Dienstag, 3. Oktober 2006

"Ja tvoi sluga! - Ja tvoi rabotnik!"

(Bitte nicht persönlich nehmen, das ist ein Zitat. Danke!)

"Fernsehsendungen, die man nie vergißt". Gibt es eher weniger. Die ziemlich seichte, eher biedere ZDF-Show "Rock Pop" aus den späten ´70ern / frühen ´80ern gehört wohl nicht dazu. Tatsächlich gibt es nur einen einzigen Beitrag aus zahllosen beiläufig verfolgten "Rock Pop"-Sendungen, der mir wirklich im Gedächtnis geblieben ist. Der hat sich dafür aber richtig in meinen Hirnwindungen festgebissen. Jetzt habe ich ihn glücklicherweise auf YouTube entdeckt:


Ich hatte so etwas niemals zuvor gehört. Es gab zwar schon Synthesizer-Musik,sogar in den Hitparaden. Auch "Kraftwerk" hatten bereits große Erfolge gehabt, Hits wie "Autobahn", "Radioaktivität", und das von Rappern so geschätzte, gecoverte, gesampelte, geklaute "Trans Europa Express". (Gäbe es ohne "Trans Europa Express" überhaupt Rap?)
Als dieser unvergleichliche TV-Auftritt am 29. März 1978 im ZDF lief, da steckte der Rap noch in den Kinderschuhen. In der Disco liefen vor allem die "Disco-Stampfer" - 4-Viertel-Takt, ca. 120 - 130 bpm, Basedrumm auf jeder Viertelnote - "Four to the Floor", gnadenlos monotoner Rhythmus. Kritiker nannten das "Disco-Marschmusik". Der Einfluß auf "Roboter" ist deutlich. Disco konsequent zuendegedacht. New Wave, Sythie-Pop, House, Goa, Techno, "neue Deutt-sche Härrtte" ("Rammstein") - alles noch Zukunftsmusik. Musikrichtungen, die es ohne MenschMaschine, das Album, dessen erste Singleauskopplung "Wir sind die Roboter" war, nicht geben würde.
Kaum ein Musikstück wurde so oft zitiert wie "Wir sind die Roboter" - ein paar Takte "Roboter" stecken in "Mr. Roboto" von Styz, im "BORG"-Thema von Star Trek - The Next Generation, in zahlreichen Techno-Stücken, sogar in Pop-Liedchen von Kyle Minogue.

Lesenswerter Artikel in der Reihe 50 moderne Musikklassiker: Zeit online: Ganz dein Diener

Unbedingt lesen: dieser Artikel auf der Website des "TCE", eines kleinen, aber sehr aktiven Science Fiction und Fantasy-Clubs:
Kraftwerk- Pioniere der elekronischen Musik

Übrigens, heute ist nicht nur der Tag der deutschen Einheit

sondern auch der erste internationale Tag gegen den Kopierschutz:
netzpolitik: Digital Rights Management.

"Digital Rights Management" (DRM) oder "Technological Protection Measures" (TPM) sollen, glaubt man ihren Befürwortern, Urheberrechtsverletzungen verhindern. Das Dumme dabei ist aber, dass diese Technik, um wirksam zu sei, die Nutzer eines Computers oder anderen Geräte nach dem Willen Dritter drastisch beschränkt - mit oder ohne Einwilligung des Nutzers. DRM erfordert massive Eingriffe in Gesetzgebung, Verbraucher- und Bürgerrechte und in die die Infrastruktur - der Schaden für den freien Informationsaustausch überwiegt den Nutzen durch etwas, was gern als "ausgefeilter Kopierschutz" verkauft wird, bei weitem.

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