Dienstag, 25. Juli 2006

Blicke in den Hintergrund des "Nahostkonflikts"

Che 2001 (liebe Nicht-Linke, nicht gleich stöhnend wegklicken!) beschreibt in seinem Blog gern vergessene, verdrängte oder gar nicht gewußte wichtige Tatsachen zum sozioökonomischen Hintergrund von Hamas, Fatah und andere Palästinenserorganisationen.
Mal kurz nachgedacht
Und nochmal zum sozioökonomischen Hintergrund von Hamas & CO

Die Fakten sind zwar nicht neu (jedenfalls nicht für mich), aber so kompakt und verständlich aufbereitet, dass sich die meisten "Nahostexperten" in den Medien da eine ganz dicke Scheibe abschneiden können.

Montag, 24. Juli 2006

Hamburg - künftiger Sitz der ökospirituellen Weltregierung

Entschuldigung für die boulevardeske Titelzeile, aber besser kann man die derzeitige Hamburger Sommerlochfüllung nicht umschreiben.
Leider erst heute entdeckt: Die Zeit: Rat für die Welt
Warum Hamburgs konservative Regierung einen grün angehauchten Think Tank unterstützt
Die Welt als Gelehrtenrepublik, formal regiert von gewählten Parlamentariern, in Wirklichkeit aber vom Weltzukunftsrat mit Sitz in Hamburg – so etwa scheint von Uexkülls Vision auszusehen. Kein Wunder, das dies Projekt aus Hamburger Perspektive einen gewissen Reiz hat.
(Aus meiner Hamburger Perspektive jedenfalls nicht!)

Investmentbanker und Öko-Spiritu-Lobbyist Claus Grosser ist jedenfalls der Ansicht, dass die Leute, auf die es in Hamburg ankommt, sich bei ihm, Claus Grossner, zu treffen pflegen, während "die Politiker ja zum großen Teil gar nicht mehr die Machthaber" seien. Es lebe die erleuchtete Weltenretter-Elite! Demokratie? Im Angesicht der ökologischen Probleme nicht so wichtig. Eines ist nicht untypisch für Lobbybuden: Der Bürger soll entmündigt werden.

In einem Punkt irrt "Die Zeit" allerdings: Der Think-Tank ist eher "violett" als "grün". Einiges zum Begriff "Ökospirituell" und zum ökospirtuellen Netzwerk "HOLON" hier:
New Age und der Ökospiritualismus
und hier: Netzwerk HOLON - wer liegt mit wem im ökospirituellen Bett?

(via: Flötenfuchs)

Nachtrag, zum besseren Verständnis:
Es ist nun nicht so, dass Grosser oder von Uexküll schräge New-Age-Esoteriker seien - dann würden sie vermutlich auch nicht von an sich konservativer Seite so ernst genommen. Es ist eher so, dass die ökospirituellen Esos auf die Ideen und Heilslehren von Uexkülls voll abfahren. Wobei ich von Uexküll ohne Weiteres dem "Post-New-Age" zuordnen würde - aber eben in "seriöser" Erscheinung.
Das "Holon"-Netzwerk / "Dynamik 5" berufen sich auf von Uexküll und unterstützen ihn und die Idee des "Weltzukunftsrates", es ist aber meines Wissens nicht "seine" Organisation.

Hakenkreuze

In Malmö, Schweden, demonstrierten am Sonntag Palästinenser gegen den Krieg im Libanon - und trugen dabei Plakate mit Hakenkreuzen. (Das Hakenkreuz ist als Symbol in Schweden nicht verboten.) Politiker fordern, dass die staatliche Beihilfe für den Malmöer Palestinenserverein eingefroren werden muss.
Die Reaktion des Sprechers der Palästinenser: "Sie waren für die Meinungsfreiheit, als es um die Mohammed-Karrikaturen ging, aber in diesen Fall nicht. Weshalb nicht?"

Die Meldung auf Schwedisch: Sydsvenskan: Hakkors (mit einer Reihe weiterführender Artikel - ist im Moment Thema Nr. eins in Südschweden) und zusammengefaßt auf Englisch: The Local: Liberals condemn demo swastika

Hinweis: Inger Sveinsson - Englische Meldung via fdog (War auch gut, mein Schwedisch ist nicht so toll.)

Sonntag, 23. Juli 2006

Ein Krieg, den zu kommentieren mir nicht zusteht

Weil ich die genaue Situation in Israel, Jordanien und Gaza nicht kenne. Und weil ich den Verdacht habe, dass unsere Medien nicht viel dazu beitragen, dass ich die wirkliche Situation kennenlerne. Weil ich weitab vom Schuß bin - in der wörtlichen Bedeutung. Weil ich nur schwer nachvollziehen kann, wie es ist, wenn um einen die Raketen einschlagen.
Weil ich die viele selbsternannten "Nahost-Experten" satt habe. Und die billigen Patentrezepte und noch billigeren Patent-"Erklärungen". ("Geht doch nur ums Öööööl!" - leider keine Satire: Der Fuchsbau: Presseclub nachgefragt.)

Und was mich besonders stört:
Es bestätigt sich mal wieder, dass man bei Vielen, zu Vielen, die zu diesem Krieg ihre Kommentare abgeben, nur mit dem Nagel zu kratzen muss - und schon kommen die antisemitischen Klischees, die Weltverschwörungsparanoia, die Selbstgerechtigkeit der Enkel der Wehrmachtskriegsverbrechergeneration, zum Vorschein. Und: Viele von ihnen wissen nicht - oder wollen nicht wissen - dass ihre "Argumente" aus der Giftkiste der Nazis stammen.

Deshalb: Macht Euch ein Bild bei Menschen, denen es zusteht, diesen Krieg zu kommentieren. Weil sie mitten drin stecken. Auf beiden Seiten der Grenze. Bei Jens fand ich eine Linkliste: Make up your own mind.

Samstag, 22. Juli 2006

Pragmatische Fundsache

Wie es so geht, ich suchte mittels Google nach etwas ganz Anderem und stolperte über das hier:Selected Works of William James.
James, der sich auch als Psychologe einen Namen machte, gilt als Begründer des (amerikanischen) Pragmatismus, einer von mir geschätzten philosophischen Richtung. William James schätze ich auch deshalb, weil er Nietzsches Misstrauen gegen den Monotheismus und die Metaphysik (genauer: die Metaphysik des Absoluten) teilte, nicht aber Nietzsches Misstrauen gegenüber der Demokratie. (Es gibt auch einen deutschen Pragmatismus, der sich eng an Kant anlehnt, und z. B. von F. A. Lange und Hans Vahinger vertreten wurde, aber im Gegensatz zur amerikanischen Richtung wenig gesellschaftliche Resonanz fand.)
Ganz pragmatisch setzte ich einen Bookmark auf diese Website, denn bisher kannte ich James' Philosophie vor allem aus der Sekundärliteratur und aus Auszügen.

Besonders interessant finde ich übrigens dieses Kapitel aus Pragmatism: A New Name for Some Old Ways of Thinking: Lecture 8: Pragmatism and Religion.
Und da wir schon mal dabei sind - Texte von James' gibt es auch an anderer Stelle, z. B. bei Authorama und z. B. das: The Varieties of Religious Experience II.
Oder beim Project Gutenberg, z. B. A Pluralisic Universe.

Tacheles

Henryk M. Broder gab der "Tacheles" ein (trotz einiger schmerzhafter broderscher Pauschalisierungen) sehr lesenswertes Interview über historischen Masochismus, arabische Logik und die "Entarisierung" Europas. Es ist auch auf Hagalil online: "Europa wird anders werden".

Was die Einschätzung des Geschichtsmasochismus angeht, stimme ich Broder völlig zu (das ist in letzter Zeit nicht immer der Fall) :
Es ist nichts wie 1933, und ich finde es vollkommen albern, wenn die Leute auf die Strasse gehen und sagen: Nie wieder 1933. Das sind Leute, die für mich eine fatale Fixierung, eine Zwangsfixierung auf die Vergangenheit zu Tage legen. Da gibt es zurzeit in der Bundesrepublik Aufregung über die Weigerung der Bundesbahn, auf den Bahnhöfen eine Ausstellung über die Deportationen jüdischer Kinder in die KZs zu zeigen. Ich bin hier voll auf der Seite der Bundesbahn – Bahnhöfe sind keine historischen Gedenkstätten. Ich finde, dass es ein paar holocaust- und völkermordfreie Zonen geben sollte, unter anderem die Nahverkehrsmittel. Ich möchte auf einem Bahnhof keine Ausstellungen über die Massaker an den Kurden, Armeniern oder Juden sehen. Das ist wirklich eine Form von historischem Masochismus, den ich nicht teilen kann.

Woher kommt so was?

Dieser Geschichtsmasochismus wird von Leuten betrieben, die keine Verbindung zur Gegenwart herstellen. Diese Leute halten Darfur wahrscheinlich für eine Kaffeesorte. Sie regen sich wahrscheinlich nicht darüber auf, dass im Kongo inzwischen vier Millionen Menschen niedergemacht wurden und der iranische Staatspräsident Israel mit Vernichtung droht. Sie fixieren sich auf die Geschichte, weil sie sich damit selbst einen Bonus geben.
Ich ergänze: sie fixieren sich auch deshalb auf vergangenes Unrecht, weil es bequemer ist, als neues Unrecht zu bekämpfen oder auch nur öffentlich beim Namen zu nennen.

Eine brodersche Pauschalisierung, die mich wirklich ärgert, ist diese:
In der arabischen Welt ist schon der Kompromiss ein Gesichtsverlust.
Das gilt für eine bestimmte Sorte Araber im politischen Kontext. Wäre ein Kompromiss immer ein Gesichtsverlust, müßte z. B. (sorry für das Klischee) ein Basarhändler, ja überhaupt jeder Kaufmann in der arabischen Kultur ein wenig geachteter Mensch sein - Verkaufsverhandlungen, besonders in der Form des Feilschen, sind das Musterbeispiel einer Kompromissfindung. (Es sei denn, der Händler zieht seinen Kunden völlig über den Tisch. Dürfte auf einem orientalischen Basar sehr selten vorkommen, unerfahrene Touristen als "Opfer" mal ausgenommen.) Tatsächlich genießen Kaufleute in der traditionellen arabischen Kultur ein hohes Ansehen, was auch mit dem "Zivilberuf" Mohammeds zusammenhängen dürfte. Das Problem liegt m. E. darin, dass die "modernen" Islamisten eine totalitäre "faschistische" "Alles oder nichts"-Ideologie vertreten - und nicht, wie oft fälschlich angenommen wird, ultra-konservative islamische Traditionalisten sind. Mit Traditionalisten kann man wenigstens verhandeln, auch Broder räumt ein, dass es einen "arabischen Pragmatismus" gibt. Mit Islamofaschisten wie der Hamas sind Verhandlungen zwecks Bildung eines politischen Kompromisses meines Erachtens sinnlos. (Schließt Verhandlungen auf Alltagsniveau nicht aus, sehr wohl aber die Beteiligung an einer Friedenskonferenz, die diesen Namen verdient.) Und mit Terroristen verhandelt man gründsätzlich nicht.

Jerusalem - "Wiege der drei monotheistischen Religionen"?

Der Anlaß für diesen Beitrag ist aber diese Passage aus Broders Interview mit "Tacheles" "Europa wird anders werden".:
Und eine zweite wäre vielleicht, dass Tschetschenien nicht die Heimat der drei Weltreligionen ist?

Ja, das stimmt sicher auch. Leibowitz wurde einmal darauf angesprochen, dass Israel die Wiege der drei monotheistischen Weltreligionen sei. Seine wunderbare Antwort war, dass es nicht die Wiege von Judentum und Islam sei, die seien woanders entstanden, sondern die Wiege des Christentums, und dieses sei keine monotheistische Religion. Das hat eine Symbolik. (...)
Leibowitz hat Recht - auch wenn diese Antwort ein Stich ins Herz vieler Christen ist. (In geringerem Ausmaß auch auch mancher Juden und Moslems, insofern sie den Mythos Jerusalems als "ihrer" heiliger Stadt hoch halten.) Wobei ich über Leibowitz hinnausgehe: auch das Christentum enstand nicht in Jerusalem. Dort entstand nur eine kleine jüdische Sekte, die in Jesus den Messias sahen, ansonsten aber dem Judentum in jeder Hinsicht treu blieben. (Diese "Judenchristen" waren die Vorgänger der Ebioniten und Nazoräer, die von der späteren christlichen Kirchen ausdrücklich nicht als "echte" Christen anerkannt wurden.) Der eigentliche "Religionstifter" des nichtjüdischen (und zu guten Teilen antijüdischen) Christentums ist Paulus, und der lebte und wirkte bekanntlich nicht in Jerusalem.
Zuzustimmen ist Leibowitz darin, dass das Christentum keine monotheistische Religion ist. Evident wird das im Vergleich zu den zentralen Aussagen des Islams und des Judentums. Im Islam ist das ganz einfach: "Es gibt keinen Gott außer Gott". Bei den frühen Juden ist das nicht ganz so klar, denn es heißt im 2. Buch Mose: "Ich bin der Herr, dein Gott! Ich habe dich aus Ägypten herausgeführt, ich habe dich aus der Knechtschaft befreit. Du sollst keine anderen Götter außer mir haben. (...) Wirf dich nicht vor fremden Götter nieder und diene ihnen nicht. Denn ich, dein Herr, bin ein eifersüchtiger Gott.(...)"
Daraus ergibt sich, das es für die alten Israeliten sehr wohl andere Götter gab. Das folgt auch aus einer Episode im Buch der Könige, in dem der Prophet Elijah ausgesandt wird, um Juden zu warnen, die "zsätzlich" dem alten semitischen Gott Baal dienen. In 1. Könige 18:21 sagt Elijah zu ihnen: „Wie lange wollt ihr auf zwei Ästen sitzen? Wenn der Her der Gott ist, so folget ihm; wenn aber Baal, so folget ihm.“ Man ist also entweder ein Jude oder ein Verehrer Baals, beides geht nicht. Aber nirgendwo ist zu lesen, dass Baal, Aschera, El und andere Götter nicht existieren würden oder keine Macht hätten. Damit war das frühe Judentum streng genommen kein Monotheismus, sondern eine Monolatrie. Vermutlich in der Zeit des babylonischen Exils entwickelte er sich zu einem echten Monotheismus weiter. Im Zentrum des Judentums steht ein unnennbarer, körperloser und völlig abstrakter Gott, der sich in Gesetzen offenbart.
Ganz anders im Christentum. Man kann endlos darüber debattieren, ob die Trinität (Vater, Sohn, Heiliger Geist) der Glaube an drei Gottheiten ist oder nicht. Die Tendenz, sich Gott konkret vorzustellen und in verschiedene Aspekte zu unterteilen, unterscheidet das Christentum deutlich vom Gotteskonzept sowohl der Juden wie der Moslems. In der christlichen Praxis weichte sich der Monotheismus der "Urchristen" weiter auf - z. B. wandelte sich die Vorstellung des Teufels als Beauftragtem und Untergebenen Gottes ("Satan" heißt "Ankläger", im Sinne des Anklagevertreters vor Gericht) zu einem dualistisch gesehenen "Widersacher" (Antigott). (Entsprechende Tendenzen gibt es auch im Islam, besonders populär sind sie bei politischen Islamisten.) Im Katholizismus und im orthodoxen Christentum (und sogar in manchen Richtungen des Protestantismus) übernehmen zahlreiche Heiligen, Engel und Dämonen die Funktion von rangniederen Gottheiten. Nimmt man noch die katholische Marienverehrung hinzu, die auffällig und bis ins Detail hinnein der antiken Isisverehrung entspricht, dann ist die größte Konfession des Christemtum kein Monotheismus sondern allenfalls Henotheismus. Und selbst die streng protestantischen Richtungen, die ohne Heilige und "personal" gedachten Teufel auskommen, sind allerhöchstens inkonsequent monotheistisch, gemessen an den jüdischen und islamischen Standards sogar nur pseudo-monotheistisch.

Jerusalem ist also keineswegs "die" heilige Stadt, so wie Israel keineswegs das "heilige Land" ist.

Im Namen der Mutter, der Tochter und der heiligen Extase!

Donnerstag, 20. Juli 2006

Von der Freiheit eines Künstlers

für das gute Gewissen der Spießbürger am Hungertuch zu nagen.
Einige sehr bittere, sehr zutreffende Gedanken über das Thema "arme Künstler, Ideologie und angebliche Kommerzialisierung" fand ich auf Karans Blog: Was ist Kunst wert?
(Bitte auch die Kommentare lesen :-D)

Montag, 17. Juli 2006

Summertime Blues

Ich liebe den Hochsommer nicht - sehr im Gegensatz zum Frühsommer, der dieses Jahr - trotz (oder wegen?) der FiFaFussball-WM - eine überaus angenehme Zeit war. Es ist, als wären alle angenehmen Seiten des Sommers mit dem Ende der großen Party weggezogen und hätte eine Ödnis aus schwüler Luft, trockenem Rasen, Schlaflosigkeit und Kopfschmerzen hinterlassen. Und ungeheurer Reizbarkeit. Meine Toleranzschwelle senkt sich so weit, dass sie mit einer empfindlichen Fingerspitze gerade noch ertastet werden könnte. Und irgendwie kommen nur noch schlechte Nachrichten und schlechte Musik im Radio. Tage wie eine warme, graue, feuchte Gummiwand. Klar, dass ich, kaum das ich den Rechner an haben, planloses Zeug absondere.
Und der blanke Horror im Hochsommer - Busfahren!
Letzte Woche, ein gewittrig-schwüler Tag, kurz nach 15 Uhr. Unterwegs aus der stickigen Innenstadt nach Hause. Der Bezug des Sitzes klebt an meiner Jeans, der muffige Geruch eines gut besetzten Stadtbusses klebt in meiner Nase: Diesel, vermischt mit altem Schweiß und vergossenem Bier. Die Gesichter der Menschen gleichen in ihrer Muffigkeit der abgestandenen Luft im dreckigen Bus. Graue Gesichter, grauer Himmel, graue Häuser, selbst die noch üppig grünen Bäume des Parks erscheinen staubig-grau. Eine dünne Wolkendecke wie oxidiertes Blei liegt über Hamburg. Der Bus hält an der vertrauten Haltestelle mit dem Wartehäuschen aus verkratztem und beschmiertem Glas. Ich steige aus. Feucht-warme Luft umfängt mich, drückend schwül, aber nach dem Mief im schlecht gelüfteten Bus („Fenster zu, es zieht!“) ein wahres Labsal.

Und nun ein "Klassiker", vor einigen Sommern ausgerotzt:
Schwermetall-Strand
Die Sonne sengte, ohne Gnaden, von einem Himmel in der Farbe geschmolzenen Bleis. Ihre Hitzestrahlen erreichten alle schweißnassen Winkel der Körper und kochten sie. Die Menschenmassen dämmten das Meer ein, hielten es durch ihre bloße Zahl vom Sand fern.
Sie schleppten sich den Strand entlang, mit ihren Matten und Taschen, dem Sonnenschirm, der Kühlbox - alles fühlte sich so an, als würde es sich unter ihren Händen in ein Schwermetall verwandeln, ein wirklich schweres Metall - Uran zum Beispiel.
Sie wollten sich nur auf dem Strand auszustrecken. Aber sie fanden keine Platz. Nun standen sie da, ein verlorenen Haufen, knöcheltief im schmuddeligen Sand, voller Abfälle, zurückgelassen von rücksichts- und sorgloser Strandbesuchern. Umgeben von kreischenden Bälgern und Teenagern, die sich zankten wie die Mitglieder einer Newsgroup oder eines belebten Online-Forums - leider nicht am Computer, sondern life und lautstark. Dazwischen Frauen, die ihre Körperfülle in Bikinis gequetscht hatten, die ihren magersüchtigen Töchtern passen könnten, und Männer, die haarige Bierbäuche in der Sonne krebsrot grillen ließen. Irgendwo kämpfte ein übersteuerter Ghetto-Blaster mit lautstarkem Heavy Metall die quäkenden Schnulzen, die aus einem altertümliche Kofferradio quollen, nieder, assistiert vom Proleten-Rap aus dem "Geiz ist geil, Qualität ist egal"-Sonderangebots CD-Spieler mit angeschlossenen Brüllwürfeln vom Grabbeltisch. Und die unvermeidlichen Bengel in Schlappershorts und Basecaps, die ihre schlechten Tattoos, ihre schlechte Haltung und ihr schlechtes Benehmen zur Schau stellten. Spannend, gaffend, spottend, primitive Macho-Witze reißend, Kippen rücksichtlos in den Sand fallen lassend.
Es gibt nichts Entspannenderes als einen Samstagnachmittag am Strand.

Es könnte aber auch anders sein. Meine ich mich erinnern zu können. Blauer Himmel über einem breiten Strand, zwischen hohen Dünen und der Brandung des Meeres. Sauberer, weicher Sand, kühles klares Wasser, erfrischende Brise. Keine plärrenden Radios, nur wenige Menschen. Freundliche Familien plantschen mit ihren Kindern nackt in den Wellen. Strandfußball, Federball, Volleyball. Kühle Apfelschorle und frischer Obstkuchen im Schatten bunter Sonnenschirme. Idyll.

Ich vermute, ein Fall von "False Memory Syndrome".

Sonntag, 16. Juli 2006

Im Schatten des Integrationsgipfels

... wurden im Innenministerium Pläne ausgearbeitet, Ausländer, die in Deutschland gearbeitet haben, und dann arbeitslos werden, sollen künftig abgeschoben werden, sobald sie auf ALG2 kommen (also in der Regel nach einem Jahr Arbeitslosigkeit). AlG2- bzw. Sozialhilfeempfänger sollen keine ausländischen Ehepartner mehr nehmen dürfen.
Beide Vorschläge verletzen an sich selbstverständliche Bürgerrechte.
Die NDP hätte es kaum "besser" hingekriegt.
Via che: Die neuen Rassegesetze sind bald da.

Ergänzung:
Netzeitung: Schäuble will Aufenthaltsgesetz verschärfen

WamS:Nur einen Tag nach dem Integrationsgipfel schon wieder Streit ums Ausländerrecht
Nur einen Tag nach dem ersten Integrationsgipfel der Bundesregierung ist ein heftiger Streit über die Zuwanderungspolitik entbrannt. Anlaß ist ein interner Prüfbericht des Innenministeriums. Darin wird eine Verschärfung des Ausländerrechts empfohlen.

Laut “Spiegel” heißt es in dem Papier, Deutsche, die von Sozialhilfe lebten, sollen künftig keine ausländischen Ehepartner mehr ins Land holen könnten. Außerdem wolle das Ministerium die Möglichkeit schaffen, Ausländer, die zu Hartz-IV-Empfängern würden, künftig ausweisen zu können.
Schäuble testet, vermute ich, einfach aus, wie weit er gehen kann - und wie viel Beifall er in seiner Partei und bei potenziellen Wählern für diesen nationalistischen und autoritären Kurs findet.

Und das hier stammt leider nicht von einem NDP-Mitglied:
"Wer Deutscher werden will, muss sich auch zur deutschen Schicksalsgemeinschaft und damit zur deutschen Geschichte bekennen", sagte Unionsfraktionschef Volker Kauder (CDU).

Gedanken werden töten können

Sie ist ein beliebter Bestandteil vieler Science-Fiction Stories: die Steuerung von Fahrzeugen und Anlagen mittels bloßer Gedanken; die direkte Verbindung zwischen Mensch und Maschine. Ansätze dergleichen zu realisieren gibt es schon länger, und sie zeigen anwendbare Ergebnisse: Den Computer durch Gedanken steuern US-Forschern ist es gelungen, behinderten Menschen die Möglichkeit zu geben, einen Rechner mit Gedanken zu steuern. Langfristig sollen die Gelähmten damit wieder gehen und zugreifen können.
Der entscheidende Nachteil für Anwendungen, die über die Hilfe für schwerst Gelähmte hinausgeht: Es muß eine Hirn-Sonde implantiert werden. Für eine Fahrzeugsteuerung oder ein direktes Gehirn-Computer-Interface ist so eine "Schädelbuchse" eher von Nachteil. Hier wäre ein System, dass aus einem Helm, einem aufsetzbaren Netz oder einer Haube bestehen würde und ohne Implantate auskommt, von Vorteil. Ein Schritt in diese Richtung ist das Projekt Berlin Brain-Computer Interface an der Charite mit oberflächlich angebrachten Elektroden statt eines implantiertes Chips. Es hat allerdings den Nachteil, weniger zielgenau als ein Neuro-Implantat zu sein:Gelähmter steuert Geräte mit Gedanken.)
Wie ich aus der aktuellen Ausgabe der "bild der wissenschaft", Heft 8/2006 erfuhr, scheint auch ein völlig "unblutiges" Hirn-Interface technisch machbar zu sein.
Japanische Wissenschaftler von den ATR Computational Neurocience Laboratories in Kyoto haben eine Roboterhand, die durch Gedanken bewegt wird, entwickelt. Dazu mussten zunächst Propanden im Magnetresonanz-Tomographen bestimmte Handbewegungen ausführen. Die dabei gemessenen Gehirnaktivitäten rechnete ein Computer so um, dass die Kunsthand die Bewegungen genau nachahmte.
Ein MRT ist immer noch ein recht unhandliches Gerät, allerdings ist schon jetzt absehbar, dass es in einigen Jahren auf die Ausmaße einer Trockenhaube geschrumpft sein wird - damit wird die SERT-Haube zur Raumschiffsteuerung aus "Perry Rhodan" einige Jahrhunderte eher als beschrieben technisch möglich geworden sein.

Bei aller Begeisterung über die zahlreichen segensreichen Anwendungsmöglichkeiten der "Gedankensteuerung": die meisten dieser Projekte werden von der Rüstungsindustrie vorangetrieben, das Ziel ist eine reaktionschnellere Steuerung von Kampfflugzeugen.

Es heißt immer noch: "Wenn Gedanken töten könnten". Sie werden es können!

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