Gedankenfutter

Dienstag, 17. November 2009

Die Tücken der Nulltoleranz

Es hat sich in der Kriminalitätsprävention praktisch bewährt, es ist nicht unproblematisch, es wird immer wieder falsch verstanden und noch häufiger politisch instrumentalisiert: das Prinzip der "Null Toleranz".

Der bizarrsten Blüten treibt das Prinio "Zero Tolerance" seit einiger Zeit im Vereinigten Königreich. Einem Mann, der eine Schrotflinte fand und persönlich zur Polizeiwachen brachten, drohen fünf Jahre Haft Ex-soldier faces jail handing in gun (surrey twoday) . (Via Uwe Vetters Lawblog).
Der Grund für das dem üblichen Gerechtigkeitsempfinden Hohn sprechendes Urteil des "Guildford Crown Court" liegt darin, dass der britische Gesetzgeber das Prinzip der "Zero Tolerance" - hier: dass jeder illegale Waffenbesitz bestraft wird, egal, aus welchen Gründen: "The intention of anybody possessing a firearm is irrelevant" - mit der beliebten Idee der "abschreckenden Strafe" kombiniert hat - Mindeststrafe für illegalen Waffenbesitz fünf Jahre. Es ist sehr zu hoffen, dass das Urteil vor höheren Instanzen kein Bestand hat.

Eine weitere britische Zero-Toleranz-Regelung ist nicht so leicht unter "schwerer handwerklicher Fehler bei der Gesetzgebung, geboren aus Aktionismus, Populismus und Hysterie" abzuhaken:
Scouts banned from carrying knives (times online) (Via Cynx.) Ich persönlich finde diese Regelung nicht gut, weil sie die jungen Pfadfinder im Grunde unter einen fast immer unberechtigten Generalverdacht stellt. Anderseits ist das Messertrageverbot aber moralisch legitim und wahrscheinlich aus praktischen Gründen geboten.
Ein Fahrtenmesser kann ein Werkzeug sein, aber am Gürtel als Teil der Kluft getragen, überwiegt doch m. E. der Waffencharakter. Das Messer-Verbot mag zwar eine übertrieben strenge Regelung sein - aber sie ist, anders im Fall des Waffenfinders, immerhin gerecht - denn es ist nicht einzusehen, mit welchem Recht Pfadfinder Messer im Gürtel tragen dürften, andere junge Menschen jedoch mit so einem Fahrtenmesser sofort als "Messerstecher" verdächtigt werden würden.

Es gibt ja auch sinnvolle Verbote, die durch Ausnahmen für "harmlose Fälle" undurchsetzbar werden würden. Zum Beispiel ist Alkoholgenuss in den "Metronom"-Zügen ab sofort verboten:
Das Verbot gilt in jedem Metronom zu jeder Tages- und Nachtzeit, an allen Wochentagen, für alle Fahrgäste und für alle Varianten von Alkohol, also auch das Feierabend-Bier oder das Hausfrauen-Sektchen. Die Metronom Eisenbahngesellschaft gestaltet das Verbot so umfassend, um gerecht zu bleiben und Diskussionen vor Ort zu vermeiden.
Metronom startet Alkoholverbot (taz-nord).

Das ist ein Beispiel dafür, dass eine "Null-Toleranz"-Regelung auch ganz pragmatische Gründe haben kann - auch wenn das Feierabend-Bier niemanden weh tut und die Regelung damit streng genommen über das Ziel hinaus schießt.

Samstag, 3. Oktober 2009

Die Herrschaft der '82er

Typisch für die aktuelle Politikergeneration ist nun einmal Beratungsresistenz, Unfähigkeit in der Realität zu leben und die Vorliebe Schwächere zu quälen und zu beleidigen.
Elternforum

Es ist viel, zu viel, über die angebliche kulturelle Hegemonie der "´68er" die Rede. Abgesehen davon, dass es nur verhältnismäßig wenige '68er gibt und dass längst nicht alle, die von konservativer Seite zu den "´68er" gezählt werden, wirklich welche (oder überhaupt "links") sind, sind die meisten "´68er" längst im Rentenalter oder kurz davor.
Die heute tatsächlich tonangebene Generation wurde in den 1980er und frühen 1990er Jahren politisch sozialisiert. Für "Westdeutschland" bedeutet das: in der Ära Helmut Kohl.
Wobei es eine Überschätzung des eher gemäßigten und pragmatischen Politikers Helmut Kohl wäre, die einschneidenden kulturellen Veränderungen, die es im "Westen" gab, "seiner" "geistig-moralische Wende" im Jahr 1982 zuzuschreiben.
Der "Kanzler der Einheit" wäre 1989 beinahe von den eigenen Leuten gestürzt worden. Wenn nicht, wäre es fraglich gewesen, ob er die Bundestagswahl 1990 gewonnen hätte. Er hatte Glück und nutzte die Gunst der Stunde aus: der politischen Umbruch in Osteuropa, die "Wende" (politische, nicht "geistig-moralische") in der DDR, rettete ihn vom politischen Abstellgleis und sicherte dem geschickten und oft unterschätzten Machtpolitiker den Platz in der deutschen Geschichte. Dass er überschwänglich "blühende Landschaften" in den neuen Ländern versprach, wird wahrscheinlich sogar ehrlich gemeint gewesen sein. Der Mann neigte nun einmal zum Überschwang.

Der entscheidende Faktor für "´82" liegt meiner Ansicht nach nicht etwa in der "Ökonomie", sondern im Wandel der tonangebenden "westlichen" ökonomischen Lehre. Anlass zum Bruch der SPD-FDP-Koalition war ein Strategiepapier der FDP, das von Otto Graf Lambsdorff ausgearbeitet worden war und marktradikale Positionen, heute würde man sie wohl "neoliberal" nennen, zur Reform des Arbeitsmarkts enthielt. (Es entbehrt nicht der historischen Ironie, dass das, was damals Lambsdorf-Papier vorgesehen war, gut 20 Jahre später unter einer SPD-Grünen-Koalition ziemlich getreu vollendet wurde.) Die "Wende" der vorherrschenden ökonomischen Lehrmeinung, hin zu einem "klassischen Kapitalismus" und einer angebotsorientierten Wirtschaftspolitik verlief in anderen westlichen Ländern noch weitaus heftiger - etwa unter der Regierung Thatcher in Großbritannien oder unter Reagan in den USA ("Reganomics"). Für derart massive Reformen waren die deutschen Marktradikalen noch zu schwach - und der Kanzler zu konservativ.

Zum Alltag. Eine ungemein typische Erscheinung in der Jugendkultur der frühen '80er Jahre waren die "Popper". Eine Jugendkultur, die sich sowohl vom traditionellen Konservativismus wie von den zur selben Zeit ihren Höhepunkt erreichenden "Protestkulturen" ("Alternativler", "Ökopaxe" aber auch Punks) abgrenzten. Die meist aus "gesicherten Verhältnissen" stammenden Popper zelebrierten demonstrativen Hedonismus und unverhohlenen Egoismus. Wichtig war ihr materialistisches Imponiergehabe - sie legten es darauf an, beneidet zu werden. Es gelang ihnen. Obwohl die ehemaligen Popper ihre Allüren später ablegten, setzten sich jene Teile ihrer "Weltsicht", die sozusagen mit den "bürgerlichen Sekundärtugenden" wie Fleiß, Disziplin und Gewinnstreben kompatibel waren, fest. Leicht überspitzt kann man sagen, dass die heutige Führungsriege der FDP und weite Teile der CDU, so wie große Teile der Medienlandschaft von Ex-Poppern und von Menschen, die einst die Popper beneideten, dominiert werden.

Ebenfalls in die frühen 80er-Jahre fällt der Beginn der "neuen Prüderie" - die AIDS-Epidemie war für die Gegner der sexuellen Befreiung und der Schwulen-Emanzipation quasi ein "Geschenk des Himmels". Ironischerweise wurde die neue Prüderie flankiert von einer zeitgleich einsetzenden Fitness- und Body-Styling-Welle, und einem zunehmend auch in sexueller Hinsicht voyeuristischen Boulevardjournalismus. Es entbehrt nicht der bitteren Ironie, dass ein seltsames Zweckbündnis von religiös Konservativen und einer bestimmten Sorte Feministinnen der "neuen Prüderie" Vorschub leistete (Stichwort "Por-NO!").

Es gibt aber auch ganz praktische "Langzeitprägungen". Denn die ´80er waren nicht nur die Zeit der angehenden "Generation C 64", sondern, im Falle der etwas älteren Jahrgänge, auch die Brutstätte der heutigen "Internetausdrucker" und "Computeranalphabeten". Noch von meiner eigenen Ausbildung zum Datenverarbeitskaufmann (heute: IT-Kaufmann) kenne ich die "Faustregel", dass jemand, der den Tag am Computer arbeitet, in der Freizeit ebenso wenig Neigung verspüren würde, sich mit dem PC zu beschäftigen, wie ein Tischler zuhause eine Werkbank hätte. Folgerung: der private Sektor sei für die Computerbranche uninteressant - abgesehen von der Nische der "jugendlichen Spieler". Nicht alle begriffen, dass das Bild des Arbeiters in der Autoindustrie, der selbstverständlich privat Auto fährt, die tatsächliche Situation besser beschrieb. Für viele meiner Altersgenossen galt: Computer gehören ins Büro, und zwar nicht das des Chefs!
Es gab damals "Ratgeber", die Unternehmern dringend davor abrieten, sich einen PC auf den Chefschreibtisch zu stellen. Das würde Verhandlungspartner fragen lassen: "Hat der denn keine EDV-Abteilung?" Der Computer wurde in den 80er von vielen Geschäftsleuten als Nachfolger von Schreibmaschine und Buchungsautomat angesehen - etwas für Sekretärinnen und Buchhalter, aber nicht fürs Management - oder Menschen, deren Karriereziele in Richtung Management gingen.

Bei den "´82ern" wirkt diese Anschauung bis heute nach. Ironischerweise sind jene, die damals zu den "technikfeindlichen" Grünen und Alternativen gehörten, heute oft stärker "internetaffin" als die an der "technologischen Führungsrolle des Wirtschaftsstandortes Deutschland" interessierten Kohl- und Lambsdorf-Anhänger von damals.

Freitag, 11. September 2009

"Die Zukunft ist auch nicht mehr das, was sie früher mal war"

Dieser Ausspruch, der schon vor Jahrzehnten wahrscheinlich von Karl Valentin geprägt wurde, fiel mir ein, als ich diesen Artikel auf "Telepolis" las: Die Zukunft für uns heute ist nur noch Bedrohung. Viele der Überlegungen und Einsichten des interviewten Historikers Philipp Blom sind bedenkenswert, obwohl praktisch nichts davon neu ist. Fast habe ich den Eindruck, dass Bloms Aussage:
Wir haben uns bereits musealisiert, und damit machen wir uns irrelevant.
auf ihn selbst gemünzt sein könnte. Oder allgemeiner formuliert: dass Blom sicher einiges zum aktuellen Zeitgeschehen sagen kann, man aber dabei nicht vergessen sollte, dass er als Historiker, also "rückwärts gewandter Prophet", bestenfalls Erfahrungswerte für künftige Entwicklungen angeben kann. Ich vermute, dass einer der wesentlichen Gründe für die heute weit verbreite "Angst vor der Zukunft" darin zu suchen ist, dass es für viele aktuelle Probleme keine historischen Präzedenzfälle, keine Erfahrungswerte gibt.
Diese Jahre um 1900 waren nicht nur eine Zeit voller Unsicherheit, sondern auch voller Zukunft; eine Zeit voller Utopien, voller Hoffnungen, voller Versuche, die Zukunft zu gestalten. Wir haben inzwischen gesehen, wie die meisten dieser Versuche in der Zwischenzeit tragisch an die Wand gefahren wurden. Aber es bedeutet auch, dass die Zukunft für uns heute nur noch Bedrohung ist.
Ich würde das positiver formulieren: Wir haben, auf die harte Tour, gelernt, dass utopisches Denken immer einen Zug ins Totalitäre hat. Faktisch laufen politische Utopien ja stets darauf hinaus, dass eine "perfekte Welt" sozusagen am Reißbrett entworfen wird, in der die Menschen dann plangemäß zu funktionieren haben. Notfalls postuliert man dann einen noch zu schaffenden "neuen Menschen", wenn die schöne utopische Gesellschaft mit real existierenden Menschen einfach nicht gelingen will. Das schmälert den Wert etwa der literarischen Utopien in keiner Weise. Oder den von Zukunftsvisionen. Nur misstrauen heute mehr Menschen "Patentrezepten", die man "nur" realisieren müsste, damit alle Menschheitsprobleme für immer gelöst wären. Aus gutem Grund.
Zukunft ist Verschlechterung, Zukunft ist Klimaerwärmung, Zukunft ist Zusammenbruch von Gesundheitssystemen, Zukunft ist Überfremdung, Zukunft ist, was auch immer Sie da reinsetzen wollen. Zukunft ist nie etwas Gutes.
Das hat meiner Ansicht nach nur am Rande mit dem Abschied vom "utopischen Denken" zu tun. An andere Stelle bemerkt er sehr richtig:
Heute, wenn jemand wagt, Utopist zu sein, dann heißt er Barack Obama, und verbindet das mit einer ausgesprochen pragmatischen Politik.
Etwas anderes wäre eher Tagträumerei als Politik - oder eben tendenziell totalitär. Ich bin ja der Ansicht, dass es so etwas wie "die Zukunft" gar nicht gibt. Es gibt allenfalls mögliche Entwicklungen. Weniger radikal, aber das selbe meinend, formulierte Karl Popper: "Die Zukunft ist offen". Die Zeit ist kein Eisenbahngleis, wir sind zu Fuß unterwegs und können daher Hindernissen ausweichen. Sogar einen drohenden Abgrund kann man, wenn man gut klettern kann, überwinden. Aber da wir zu Fuß gehen, können wir die Entwicklung nur stückweise beeinflussen. Das ist aber grundsätzlich eine optimistische Einstellung, so wie Obamas pragmatischen Vorstellungen von einer einer besseren Welt von einem Optimismus seiner Anhänger getragen werden, wie es ihn in den USA vielleicht seit den Tagen Präsident Kennedys nicht mehr gegeben hat.
Wenn "die Zukunft" nur noch aus Ängsten und Befürchtungen zu bestehen scheint, dann liegen die Ursachen dafür am wenigsten beim Verlust der "ganz großen" politischen Zukunftsentwürfe.

Etwas näher an die Gründe für den weit verbreiteten Pessimismus kommt meiner Ansicht nach ein Buch, dass vor Kurzem auf Spektrum.de besprochen wurde:
Wider den Katastrophen-Konsens. Es geht dabei um das Buch "Frohe Botschaften" von Dirk Maxeiner und Michael Miersch. Zwei Wissenschaftsjournalisten, die ich für etwa die Hälfte ihrer in diesem Buch zusammengefassten Kolumnen küssen könnte - und für fast alle anderen ohrfeigen.
Ich halte M & Ms Optimismus bei manchen Entwicklungen für doch zu rosa gefärbt, mag ihren "antigrünen" Polemiken nicht unbedingt beipflichten, und kann ihnen den Vorwurf nicht ersparen, dass z. B. ihre (durchaus berechtigte) Skepsis hinsichtlich der Gültigkeit von Klimaprognosen sie vom "Katastrophen-Konsens" ins andere Extrem kippen ließ: sie zeigen sich immer wieder als "Klimaskeptiker", die den menschlichen Einfluss auf's Klima als solchen kleinreden. Dennoch liege ich ihren Gedankengängen nicht ganz fern, wie z. B. mein 2005 verfasster Essay “Rachegöttin Natur” Apokalyptisches Denken in der Umweltbewegung verrät. (Interessanterweise trägt "Frohe Botschaften" das selbe Titelfoto, übrigens unabhängig voneinander - als ich meine Aufsatz schrieb, war das Buch noch nicht einmal geplant, umgekehrt ist es so gut wie ausgeschlossen, dass M & M meinen Essay und sein Titelbild kennen.)
M & M zufolge würden Moralaktivisten eine einmal begonnene Sache ohne Ansehen der Realität bis zum Ende durchziehen. Also ideologisches Denken, dass dem utopischen Denken mancher Endzeitpropheten von vor 100 Jahren gar nicht einmal unähnlich ist.
Weiter Gründe sind in dem tief in der abendländischen Kultur verankertem apokalyptischen Denken zu suchen. Dass das "Ende der Welt nahe" sei, haben selbst ausgemachte Atheisten "im Hinterkopf" - allerdings ohne den Glauben an einen gerechten Gott.

Ein weiterer Grund dürfte im Schulddenken und dem sich daraus ergebenden Prinzip der Schuldzuweisung zu suchen sein. Traurige Praxis ist das "Schwarze-Peter-Spiel", in dem jeder potentiell Verantwortliche auf den seiner Meinung nach "Schuldigen" verweist, ohne die Frage nach eigener Mitverantwortung zu stellen. (Inzwischen fließen weiterhin ungeklärte Abwässer in den Fluss, wird der Regenwald abgeholzt oder fahren kaum noch seetüchtige Tanker Rohöl über die Ozeane.) Ist dann ein Schuldiger, z. B. für einen Giftmüllskandal, gefunden, ist der Fall scheinbar erledigt – aber der Giftmüll ist damit noch nicht aus der Welt.
Mit der Erkenntnis, dass die ungehemmte Ausbeutung der Erde das Leben künftiger Generation gefährdet und dem vorherrschenden Denken in Kategorien der Schuld entstand die weltliche Vision des göttlichen Strafgerichts: Die Welt geht unter, die Menschheit wird vernichtet, und wir alle, zumindest wir alle in den Industrienationen sind daran Schuld! (Wenn alle Schuld haben, ist niemand verantwortlich, auch kein noch so skrupelloser Konzernmanager, Behördenchef, Politiker!)
Ein Faktor der Zukunftsangst ist sicherlich die "Aufmerksamkeitsökonomie" – nur schockierende Sensationen schaffen es noch in die Massenmedien, "nur schlechte Nachrichten sind gute Nachrichten".

Ein ganz entscheidender Grund für die Angst vor "der Zukunft" ist schlicht und einfach Angstmache. Zu den Erfahrungen des letzten Jahrhunderts gehört auch die Erkenntnis, wie wirksam sich mit Angst Menschen manipulieren lassen. Wer Angst hat, muckt nicht auf.
Autoritär-obrigkeitsstaatliche "Lösungen" tatsächlicher oder vermeintlicher Probleme sind ohne Bedrohungen schier apokalyptischen Ausmaßes als "sinnstiftendem" Noch-nicht-Ereignis nicht zu vermitteln. Ich halte es nicht für einen Zufall, dass die Angst vor Kriminalität entgegen den Fakten (wie sie z. B. aus der Polizeilichen Kriminalstatistik ersichtlich sind), derart gesellschaftlich bestimmend ist. Wobei man sich vor dem Missverständnis hüten sollte, etwa angstmachende Politiker für kalt berechnende Manipulatoren zu halten. Gerade die "politischen Entscheider" werden von Ängsten geplagt. Die "wirksamsten" Angstmacher sind selber ängstlich. Was es weder besser macht, noch die Angstmacher entschuldigt.
Werden rostige Ideen aufpoliert zu neuem Glanz,
Und von Angst genährtes Gift in eure Köpfe eingepflanzt

Mittwoch, 26. August 2009

Zeichen der Hoffnung

Ein kleiner Trost, in Zeiten, die lausig scheinen:
Kommandieren ... Damit hatte sie es nun sonst nicht leicht. Denn wo sich die Schweden beugen, verbeugen sie sich höflich, weil sie es so wollen. Sie gehorchen nur, wenn sie eingesehen haben, daß es hier und an dieser Stelle nötig, nützlich oder ehrenvoll ist, zu gehorchen ... sonst hat einer, der in diesem Lande herrschen will, wenig Gelegenheit dazu. Man verstände ihn gar nicht; man lachte ihn aus und ginge seiner Wege.
aus: Kurt Tucholsky, Schloss Gripsholm
Als Tucholsky dies 1931 schrieb, da stellte er die - etwas idealisierte - Haltung der Schweden zum Gehorsam dem damals in Deutschland wahrlich nicht nur in extrem rechten Kreisen als "Tugend" verklärten "unbedingten Gehorsam" gegenüber.
Es ist, bei allen neuen obrigkeitsstaatlichen Tendenzen, erfreulich, dass der Untertanengeist, den Tucholsky so fürchtete und unter dem er so litt, nur noch in wenigen deutschen Köpfen spukt.
Meine Hoffnung für die deutsche Demokratie und für die offene Gesellschaft, liegt nicht darin, dass die Politiker heute besser oder auch nur weniger skrupellos wären als Anfang der 1930er Jahre.
Sie liegt in den Menschen, die dem "schwedischen" Ideal Tucholskys ein gutes Stück näher gekommen sind.

Dienstag, 25. August 2009

Einige Gedanken dazu, dass es "nach Apollo" nicht weiterging

"Hat man eine Erde gesehen, hat man alle gesehen."
Harrison Schmitt (Apollo 17) über den Anblick der Erde aus dem All.

"Es" steht hierbei nicht für die Raumfahrt - die ja weiterging, wenn auch in weitaus bescheidenerem Maße, als dies 1969 allgemein erwartet wurde. "Es" steht für eine technologische, kulturelle und allgemein-gesellschaftliche Aufbruchstimmung der später 1960er Jahre, deren spektakulärstes Symbol die bemannten Mondlandung war.
Karan schrob anlässlich des Apollo-11-Jubiliäums:
Die Grundhaltung war damals: alles ist möglich. Unbegrenzt wie der menschliche Forschungsdrang erschienen die Mittel und Gelegenheiten. Und ich frage mich bis zum heutigen Tag, wann genau das eigentlich gekippt ist. Es war wohl ein gradueller Prozeß…
Am einfachsten lässt sich diese Frage noch in Hinblick auf die Raumfahrt selbst beantworten. Ich sehr das von John F. Kennedy angeschobene Mondlandeprojekt einerseits als den Versuch, der Welt die technische und organisatorische Überlegenheit der USA zu demonstrieren - und zwar ohne die Gefahr einer militärische Auseinandersetzung mit der UdSSR. Anderseits war es der clevere Versuch, ein staatliches Technologieförderungsprogramm in einem Land durchzusetzten, in dem solche Programme traditionell auf starken Widerstand stoßen. "Apollo" regte, anders als die großen Rüstungsprojekte, die beteiligten Unternehmen zur Transparenz und Zusammenarbeit an. Erfindungen, die für "Apollo" gemacht wurden, verschwanden nicht erst mal wegen der militärischen Geheimhaltung, für einige Jahre im Panzerschrank, sondern der "Spin-Off" konnte sofort an die Zivilwirtschaft weitergegeben werden. Bei "Apollo" wurde nicht nur neue Technologien erprobt, sondern auch neue Managementmethoden.
Für die Militärtechnologie war und ist der Mond uninteressant - daran ändern auch Mondflug-Projekte unter militärischer Leitung wie Horizon (US Army) oder Lunex (US Air Force) nichts, die schon in ihrer Definitionsphase starben, weil die Frage, was das Militär auf dem Mond will, nicht zu schlüssig zu beantworten war.
Für das Militär reichen Raketen, die Satelliten für die Spionage, für die militärische Kommunikation in die Umlaufbahn bringen, aus. Auch für "Killersatelliten", die andere Satelliten stören oder zerstören, braucht man weder Mondflüge, noch Sonden, die andere Planeten erreichen. Man braucht, wie die US Air Force, die 1969
entsprechende Pläne
aufgab, im Verlauf der 1960er Jahre merke, dafür auch keine bemannten Raumstationen.
Es ist daher nicht weiter verwunderlich, dass der ausgeprägte Militärisch-industrielle-Komplex der USA Apollo nur so lange unterstützte, solange das Ziel "es die Russen zu zeigen", also die Propagandawirkung und die Demonstration technischer (auch indirekt: waffentechnischer) Überlegenheit klar im Vordergrund stand. Mit der geglückten Mondlandung wurde das Apollo-Projekt uninteressant.
Übrigens dachten auch viele Menschen abseits des Militärisch-industriellen-Komplexe ähnlich. Erinnert sei an den Ausspruch des CBS-Anchorman Walter Cronkite, dass das Geld für das Apollo-Programm verschwendet gewesen sei, weil "die Russen niemals im Rennen gewesen waren." (Siehe: Die echte "Mondlandungslüge".)

Indirekt wirkten die Mondflüge über das Bild der Erde aus dem Weltraum, das nicht zufällig zur "Ikone" der Umweltbewegung wurde:
NASA-Apollo8-Dec24-Earthrise
Wenn man so will, kam erst mit der Raumfahrt die "kopernikanische Wende" im Alltagsbewusstsein an: die Erde ist nicht die "große, weite Welt", sie eine winzige, blaue Oase vor dem immensen schwarzen Hintergrund des Weltalls. Erst seit Ende der1960er Jahren gibt es so etwas wie eine geistige Globalisierung - neben der ökonomischen, die es schon spätestens seit dem 19. Jahrhundert gibt.
Wo es eine "geistige Revolution" gibt, die Hinwendung zum globalem Denken - verbunden mit den ebenfalls etwa vor 40 Jahren populär gewordenen "Graswurzel-Bewegungen, dem "lokalen Handeln", da gibt es auch Gegenkräfte. So wie es heute politische Kräfte gibt, die das Internet (übrigens auch einem "Kind" des bewegten Jahres 1969) im Sinne der "bestehenden Ordnung" zu bändigen versuchen. Nicht alle diese Gegenkräfte kamen "von oben", der Natur und Umweltschutz war lange Zeit stark konservativ (bis reaktionär) und "antitechnisch" geprägt. Es ist m. E. kein Zufall, dass eine Umweltbewegung, in der gesellschaftlich progressiv gedacht wurde, und die in moderner Technik auch Chancen und nicht nur Gefahren sah, sich erst gut zehn Jahre nach "Apollo" und "Woodstock" etablieren konnte. Vorher dominierten noch Menschen, die mit der Vorstellung, für eine florierende Wirtschaften seinen nun einmal "rauchende Schlote" notwendig, und die natürlich Ressourcen seien im Prinzip unerschöpflich, aufgewachsen waren, Politik und Wirtschaft. (Umgekehrt wurde der Natur- und Umweltschutz lange Zeit von einem starken antitechnologischen Affekt beherrscht, der selbst heute noch spürbar ist.) Auch das Denken, dass Kriege "da hinten" in Ostasien oder Hungersnöte "da drunten" in Afrika "uns" nicht angingen, ist seit der geistige Globalisierung, die in den 1960er Jahren begann, "von gestern".
Unsere heutige Kommunikation ist weltumspannend. Was immer in einem Winkel der Erde geschieht, der Rest sieht es. Kein Despot kann mehr machen was er will, ohne dass die Bilder in alle Länder gehen. Dass das den wenigsten Mächtigen und sich für mächtig haltenden, nicht passt, sollte nicht überraschen.

Dabei bedeutet "progressiv", obwohl dieser Begriff gern von (extremen) Linken gekapert wurde und wird, nicht dasselbe wie "sozialistisch". In der BRD konnte man sich dem Vernehmen nach Ende der 1960er in "linken Kreisen" schnell zum Außenseiter stempeln, wenn man im "Apollo"-Projekt einen tieferen Sinn sah. Das überstieg offensichtlich den Horizont der damals tonangebenden "linken" Kräfte. Den der Konservativen sowieso.

Vielleicht sollte man das "Apollo-Projekt" aus Ausdruck des "Unbewussten einer Organisation" sehen.
Der Ausdruck stammt vom Physiker
Richard Feynman, und wurde von ihm während der Untersuchungen zur Challenger-Katastrophe im Jahr 1986 geprägt. (Bekannt wurde sein öffentlicher Auftritt, in dem er die Folgen von Frost an den Dichtringen der Feststoff-Treibstofftanks mit einem Glas Eiswasser vorführte.) Sein von der Mehrheit abweichender Bericht äußerte sich kritisch zur bürokratischen Organisation der NASA.
Feynman wusste innerhalb einer Woche, dass ein Dichtungsring die technische Ursache des Unfalls war. Hingegen verbrachte er sechs Monate damit, herauszufinden, wie es möglich war, dass einer Organisation wie der NASA so ein haarsträubender Fehler unterlaufen konnte. Seine Erklärung:
Vor der Mondlandung stand die ganze US-amerikanische Gesellschaft hinter den Raumfahrt-Projekten. Aus durchaus unterschiedlichen Gründen, im Zweifel war es reines Prestigedenken: man wollte "vor den Russen" auf dem Mond sein. Aus politische Gründen wurde das Raumfahrtprogramm schon während der Apollo-Flüge drastisch eingeschränkt. Die Folge: in den 1970er Jahren war die NASA eine 5 Milliarden-Bürokratie, die nicht ausgelastet wa.
Also erfand sie sich einen Arbeitsauftrag, den sie der Politik (und ich ergänze: dem Militärisch-industriellen-Komplex) "verkaufen" konnte - das "Space Shuttle"-Programm. Der Shuttle-Orbiter sollten, entgegen der ursprünglich Planung, so groß sein, dass er Satelliten nicht nur starten, sondern auch bergen und zur Erde zurückbringen konnte. Außerdem versprach man, dass die Raumfahrt mit einem teilweise wiederverwendbaren System wirtschaftlicher werden würde als mit "Wegwerf-Raketen" - eine schon damals umstrittene Ansicht. Folge: das Projekt wurde, anders als Apollo sozusagen "auf Kante genäht": man musste ja zugleich "wirtschaftlich" sein wie andererseits die hohen Erwartungen der Air Force und des CIA erfüllen. Die NASA musste außerdem trotz der Vorbehalte in der Bevölkerung (die es aus verschiedene Gründen und aus verschiedene Richtungen gab) sicherstellen, dass die Gelder weiterhin vom Parlament genehmigt würden.
Feynman sagte, die NASA hätte sich sozusagen in zwei Hälften gespalten: Das obere Management war damit beschäftigt, das Space-Shuttle-Projekt der Nation zu verkaufen und wollte von Sicherheitsfragen deshalb nichts wissen. Es verdrängte die Probleme in das "Unbewusste der Organisation".

Was Feyman für die NASA feststellte, gilt, dessen bin ich mir ziemlich sicher, auch für "westlichen Gesellschaften" als Ganzes: "Von unten", in der Bevölkerung, kam nach der Aufbruchstimmung der späten 1960er Jahre (die sowieso nur einen Teil der Bevölkerung mitriss - in Westdeutschland wollte längst nicht alle mit Bundeskanzler Willy Brandt "mehr Demokratie wagen") spätestens nach der "Ölkrise" 1973 die Ernüchterung. Zudem rächte es sich in dieser Zeit, dass in den 1950er und 1960er Jahren, der Begriff "Fortschritt" (Wandel zum Besseren) in der medialen Öffentlichkeit zumeist auf "technischen Fortschritt" und dieser wiederum auf "technische Neuerungen" reduziert worden war. Wer etwas gesellschaftlich bewegen wollte, musste sich anpassen - die Umweltschützer etwa an die oft stockkonservativen Naturschützer, während die "68er" (und noch mehr "69er"-Nachläufer) beim "Marsch durch die Institutionen" das Klüngeln und den Opportunismus lernten. Andere lernten, sich und ihre Idee zu verkaufen - so gut, dass am Ende oft nur nur heiße Luft als "Idee" verkauft wurde.

Freitag, 31. Juli 2009

Über Opportunismus, Technik und die Illusion des "Unpoltischen"

Nachdem ich zwei Mal über einer der größten Triumphe der Technik, die Mondlandung von Apollo 11 bloggte, geht es dieses Mal um eine Schattenseite dieses Projektes. Sie personifiziert sich im Projektleiter, Wernher von Braun.
Don't say that he's hypocritical,
Say rather that he's apolitical.
"Once the rockets are up, who cares where they come down?
That's not my department,"
Says Wernher von Braun.
(Zitat aus Tom Lehrers Spottlied "Wernher von Braun".)
Sag' nicht, er sei scheinheilig,
sag eher, er ist unpolitisch.
"Wenn die Raketen erst mal oben sind, wen kümmert's wo sie ´runterkommen? Das ist nicht meine Abteilung", sagt Wernher von Braun.

Es geht mir nicht darum, Wernher von Braun als bösen, menschenverachtenden Naziwissenschaftler zu dämonisieren.
Dass war er nämlich ebenso wenig, wie er der unschuldig ins Nazisystem, in die Produktion einer Terrorwaffe und deren Produktion unter Bedingungen der "Vernichtung durch Arbeit" verstrickte "Nur-Raketenkonstrukteur" und Technokrat war, als der er bis in die 1960er in den USA "verkauft" wurde.

Er war ein Opportunist mit wenig Skrupeln. Er war jemand, der für sich trennte, was nicht zu trennen ist: die Verantwortung der Technikers und Managers für das Projekt von der politischen Verantwortung für das, was mit den Produkten dieses Projektes gemacht wurde. (Ein Grund, weshalb ich so wenig davon halte, sich, etwa als Verein oder als religiöse Gruppe, unpolitisch zu geben. Das bedeutet nämlich oft: sich vor politischer Verantwortung zu drücken.) Er fragte nicht: "Für wen produziere ich?" oder "Wozu produziere ich?" Ihm ging es um den technischen Durchbruch. Fixiert auf den Bau der Rakete, zeigte er sich bereit zu fortwährenden Konzession an die "Umstände" - also letzten Endes an das Regime. Bis hin zum Beitritt zur SS.
Dabei war seine Motivation schwerlich nationalistisch: die von ihm um 1950 verantwortlich konstruierte Redstone-Raketen hätten, wäre sie zum Einsatz gekommen, ihren Atomsprengköpfe vor allem in deutsche Städte getragen. Er hätte, wenn es sich angeboten hätte, auch für die UdSSR gearbeitet - es arbeiteten tatsächlich mehr "Ex-Penemünder" für "die Russen" als für die "Amis", auch wenn es die USA geschafft hatten, sich die viele "führende Köpfe" für ihre Rüstungsindustrie zu sichern.
Und er war einer von vielen. So wie er dachten tausende, wenn nicht zehntausende, "NS-belastete"-Fachleute.

Die Technik und die technischen Fachleute gedeihen in fast allen denkbaren gesellschaftlichen Systemen gleich gut: Demokratie, Faschismus, Nationalsozialismus, Stalinismus, Kapitalismus, Planwirtschaft - das spielt alles keine Rolle, die Technik funktioniert überall, und die Mathematik ist auch überall die gleiche. Daher zahlt sich politischer Opportunismus für Ingenieure und techniknahe Naturwissenschaftler aus.
Schon in den Naturwissenschaft kann das anders sein. In der UdSSR war zum Bespiel die Genetik gut 30 Jahre lang als "bürgerlich-idealistische" Wissenschaft verpönt. (Mit Folgen, an denen Russlang noch heute leidet.) Theokratien tuen sich schwer mit dem Darwinismus. In Nazi-Deutschland wurde die Relativitätstheorie eine Zeit lang als "jüdische Physik" diffamiert (was später stillschweigend geändert wurde - es war allzu weltfremd für ein nach industrieller Überlegenheit und Wunderwaffen gierendes System).
Das ist wohl der Grund, weshalb sind Naturwissenschaftler häufiger "politischer" sind als Ingenieure.
Geisteswissenschaften, Kunst und Kultur haben es am schwersten. Die gedeihen nur in Freiheit wirklich gut. Leider folgt daraus nicht, dass jeder Geisteswissenschafler oder Künstler überzeugter Demokrat wäre.

Donnerstag, 16. Juli 2009

Mit sich trugen sie die sechzehnhundert Jahre alte Offenbarung

“Mit sich trugen sie die sechzehnhundert Jahre alte Offenbarung, auf der ihre Religion und ihre Hoffnung begründet waren und ebenso der Zivilisationsauftrag, an den sie glaubten.”
(Imogen Seger: Wenn die Geister wiederkehren, Ullstein, Frankfurt/Main, Berlin, Wien, 1984)

Bitte Ring2s Anweisung befolgen:

Schnappe Dir das erstbeste Buch in Deiner Nähe,
Jetzt,
Schlage Seite 56 auf.
Und suche den fünten Satz.

Poste diesen Satz als Deinen Status UND poste diese Anweisungen als Kommentar.
Bedenke: Nimm nicht das coolste oder Dein Lieblings-Buch, das erste in Reichweite!

Via: Metalust & Subdiskurse

Montag, 8. Juni 2009

Warum Schule in Deutschland so ist, wie sie ist

Er machte vor einiger Zeit Schlagzeilen, der Fall einer mutigen Grundschullehrerin in Bayern, die ihre Schüler mit guten Unterricht nicht nur zufrieden machte, sondern offenbar auch besonders lernfreundig. Sie vergab entsprechend gute Noten - zu gute Noten, wie die Schulbehörden fanden, die sie strafversetzte. "Sie hat die gängige Art der Leistungsbewertung und die damit verbundene Klassifikation von Kindern in Frage gestellt", steht in der Urkunde ihres Courage-Preises der Bayerischen Pfarrbruderschaft: Grundschul-Rebellin erhält Courage-Preis (SpOn)

Es ist ein offenes Geheimnis: das deutsche Schulsystem ist ein Aussieb-Schulsystem, und zwar in der Konsequenz noch nicht einmal kapitalistisch-leistungsfixiert, sondern von einem geradezu ständischen Gesellschaftsverständnis geprägt. Bayerischen Schulen regeln den Übergang der Kinder auf die weiterführenden Schulen traditionell besonders rigide - übrigens im auffälligen Widerspruch zur im Vergleich zu anderen Bundesländern geradezu vorbildlichen Förderung des wissenschaftlichen und technischen Nachwuchses. Im Prinzip hat man in Bayern schon früh erkannt, dass eine auf HighTech setzende Industrienation auch entsprechenden Nachwuchs braucht. Leider oft nur im Prinzip.
Nicht nur in Bayern, dort allerdings besonders offen, lassen Schulbehörden keinen Zweifel daran, dass die Lehrer nicht nur einen Bildungsauftrag, sondern auch einen Sortierauftrag haben - die Grundschullehrer als Türwächter des Gymnasiums. Das kollidiert natürlich heftig mit dem Auftrag, dass möglichst alle Schüler die Lernziele erreichen oder sogar übertreffen sollen.

Vor einige Jahren habe ich es kaum glauben können, als mir ein frustrierter Lehrer erzählte, in seiner Schule (übrigens in Berlin) gäbe es nicht nur die auch mir noch von meiner eigenen Schulzeit her übel vertraute Regelung, dass ein Lehrer das Notenspektrum voll ausschöpfen soll, sondern darüber hinaus, dass die Notenverteilung nach Möglichkeit der Normalverteilungskurve entsprechen sollte. Der Lehrer unterrichtete vor allem Mathe, und stand vor dem Dilemma, dass in einer Klasse "lauter faule Hunde" saßen, während es in der Parallelklasse einige echte Mathe-Überflieger gab, die ihre "normalen" Mitschüler außerdem zu regerer Unterrichtsbeteiligung mitrissen. Die Regelung hätte bedeutet, dass eine "2" in der "schlechten" Klasse für eine deutlich schwächere Leistung steht, als eine "3" in der "guten" - wohlgemerkt: beim selben Lehrer, auf der selben Schule, im selben Jahrgang.
Die Auswirkungen angesichts der "Notengläubigkeit" vieler Eltern, aber auch vieler Arbeitgeber, kann man sich nicht übel genug ausmalen.

Dass Politiker so weltfremd beziehungsweise so Klientelbezogen denken, ist leider relativ normal. Aber warum unterstützen Lehrer dieses offensichtlich den Interessen der Kindern und dem pädagogischen Auftrag zuwiderhandelnde System? Warum sind nicht mehr Lehrer daran interessiert, möglichst viele "gute Schüler" zu haben? Warum, um einen anderen Misstand anzusprechen, gibt es in Deutschland immer noch das "Drama um das hochbegabte Kind", den offiziellen Forderungen nach Begabtenförderung und dem weit verbreiteten Motto: "Leistung muss sich lohnen" zum Trotz?

Ich fürchte, der alte Hermann Hesse hat immer noch recht:
Für die Lehrer sind Genies jene Schlimmen, die keinen Respekt vor ihnen haben. (...) Ein Schulmeister hat lieber einige Esel als ein Genie in seiner Klasse und genau betrachtet hat er ja recht, denn seine Aufgabe ist es nicht, extravagante Geister herauszubilden, sondern gute Lateiner, Rechner und Biedermänner. (...) wir haben den Trost, dass bei den wirklich Genialen fast immer die Wunden vernarben, und dass aus ihnen Leute werden, die der Schule zum Trotz ihre guten Werke schaffen und welche später, wenn sie tot und vom angenehmen Nimbus der Ferne umflossen sind, anderen Generationen von ihren Schulmeistern als Prachtstücke und edle Geister vorgeführt werden.
Herman Hesse, 1972

Mit dieser bequemen Mentalität klappt das mit der "Normalverteilung". Gut, dass es mutige Lehrer gibt, die das anders sehen.

Mittwoch, 6. Mai 2009

Piraten - Anmerkungen zu einem rebellionsromantischen Begriff

Piraterie ist wieder im Kommen. Sowohl als Seeraub wie im übertragenen Sinne.
Mein Mitleid mit den Piraten vor Somalias Küsten hält sich in Grenzen - die chaotischen Zustände in Somalia, für die die Somalis am wenigsten können, hin, die Raubfischerei in somalischen Gewässern (nebenbei: auch eine Form der Piraterie) her.
Geiselnahme zulasten einfacher, oft jämmerlich bezahlter, Seeleute, verdient keine Gnade, da ist einfach die Grenzen dessen, was noch als "Notwehr" durchginge, überschritten.

Die "Piraterie" in übertragenen Sinne, nämlich Urheberrechtsverletzung, ist natürlich nicht damit zu vergleichen. Ein Kavaliersdelikt ist sie nicht. Geistiges Eigentum, und darum geht es beim Urheberrecht, gehört, zumindest nach deutschem Recht, nur den Autoren.
Aus Sicht der Autoren kann man tatsächlich vom "Diebstahl" sprechen, auch wenn niemand sie mit der Pistole bedroht und nicht etwa das Manuskript oder die Noten verschwinden, sondern Text, Bilder oder Musik "nur" kopiert werden. (Aus juristischer Sicht ist z. B. illegaler Download deshalb kein Diebstahl.)
Autoren, die von ihrer Arbeit leben müssen, tut das schon weh - und macht sie zu zurecht wütend. Denn jede illegale Kopie ist entgangenes Geld - bei Büchern (Hardcover) ist der Autorenanteil bei Autoren mit gutem Vertrag etwa 10 % des Verkaufspreises, bei Taschenbüchern sind es um die 5 % - oft weniger. Das bedeutet, dass nur einige wenige Bestsellerautoren durchs Bücherschreiben reich werden können.
So, wie Musiker im Allgemeinen ein lausig schlecht bezahlter Beruf ist.

2007 wurde das Urheberrecht verschäft, allerdings hat es den Autoren, den Urhebern, tatsächlich nichts viel gebracht. Im Gegenteil, Schriftsteller oder Komponisten verdienen heute in der Regel weniger als zuvor!
Wer verdient, sind die Inhaber der Verwertungsrechte, also die Medienindustrie, die im Kernbereich eine Kopier- und Verbreitungsindustrie ist.
Neben der legalen Kopierindustrie gibt es auch eine illegale Kopierindustrie - "gewerbsmäßige Raubkopierer" bzw. "Verwertungsrechts-Piraten". Ein höchst profitträchtiges Unternehmen, für das mir jedes Verständnis fehlt.
Wenn sich aber die Medienindustrie als "Hüterin der Urheberrechte" darstellt, ist das bestenfalls eine Halbwahrheit.
Leider ist es auf Seiten der Medienindustrie - und damit auch der Presse - in Sachen Verwertungsrechte durchaus üblich, Sachverhalte in einem Atemzug zu nennen, die nichts miteinander zu tun haben. Ich finde es in der Tat bemerkenswert, wie sehr die Medienindustrie den öffentlichen Diskurs bestimmt, und undifferenzierte Gleichsetzung etwa von "Download" mit "illegalen Download" und dieses mit "Diebstahl" etabliert.
Ein aktuelles Beispiel für die Gleichsetzung ungleicher Sachverhalte ist die Berichterstattung über den "Heidelberger Appell": Google Books, YouTube, The Pirate Bay und Open Access - aus urheberrechtlicher Sicht sehr verschiedene Plattformen, so verschieden wie Apfel, Orangen und Kürbisse, werden sozusagen zu einen grausigem Obstbrei verrührt. Der ungünstigste Fall im Einheitsbrei wird dann zum Regelfall erklärt. Damit wird dann die Forderung nach politischen Maßnahmen zur "Wahrung von Urheberrechten" begründet.
Open Access ist z. B. alles andere als eine Beschränkung der Urheberrechte. Wissenschaftler, die ihre Forschungsergebnisse in Fachzeitschriften publizieren, erhalten in der Regel kein Honorar. Hingegen erzielen die Verlage dieser teurer Zeitschriften durchaus gute Gewinne. Bei einer Veröffentlichung unter Open Access bekommt der Wissenschaftler zwar auch kein Honorar, aber wenigstens verdient niemand an seiner schöpferischen Arbeit - und die Öffentlichkeit, die vor allem aus Wissenschaftlerkollegen besteht, kommt kostenlos an aktuelle Forschungsergebnisse. Das ist legitim, denn Universitäten und öffentlich unterstützter Forschungseinrichtungen werden teilweise oder ganz vom Steuerzahler bezahlt.
Übrigens halte ich Medienindustrie nicht für überflüssig. Schon aus dem Grunde, dass Autoren, dass Künstler nicht unbedingt gute Unternehmer sind. Dienstleister wie Verleger, Manager oder Agenten werden nach wie vor gebraucht. Aber das Geschäftsmodell einer Kopierindustrie, das einst darauf aufbaute, dass z. B. Plattenpresswerke das einzige Mittel waren, Musik massenhaft zu verbreiten, ist meiner Ansicht nach technisch veraltet.

Seitens der an den herkömmlichen Verbreitungswegen interessierten Medien werden gern und oft unkonventionelle Verbreitungswege, bei denen die Urheber (zur Erinnerung: das sind die Autoren bzw. Künstler und niemand sonst!), sehr wohl auf ihre Kosten kommen, mit "Online-Piraterie" gleichgesetzt.
Da liegt es nahe, wenn eine Partei, die ein neues Verständnis von der Rolle des kreativen Schöpfungsprozesses und von der Nutzung technischer und kultureller Errungenschaften hat, und die sich abzeichnenden Überwachungsgesellschaft ablehnt, Die Piratenpartei nennt.
piratin02
"Die Piraten" nennen sich also aus ähnlichen Gründen "Piraten", aus denen sich Homosexuelle "Schwule" nennen, oder, noch nicht so etabliert, Schwerbehinderte "Krüppel", Einwanderer "Kanaken" - oder aus denen ich es vorziehe, mich "Heide" zu nennen, anstatt etwa "Naturreligiöser" (was sowieso nicht ganz hinhaut). Negativ gemeinte Begriffe lassen sich, um im Bild zu bleiben, kapern.
Wobei "Pirat" wegen der Rebellions- und Sozialromantik des Piratentums ohnehin nicht rein negativ besetzt ist: Sozialromantische Piraten?.

In seinem, meiner Meinung nach in seinem Kulturpessimismus sehr "deutschen", Artikel Deutschland degeneriert in ein Entwicklungsland meint Marcel Weiss:
Was gar nicht hilft, ist, in Deutschland eine Partei Piratenpartei zu nennen.

Eine Partei, die sich ganz offiziell nach Kriminellen benennt, wird genau so viel Einfluss auf die deutsche Gesellschaft haben: Null.

Wer sich so nennt, hat schon verloren. Albern? Ja. Aber das ist nun mal die Diskurs-Realität in Deutschland.
Mit anderen Worten: Marcel Weiss vermutet, dass jemanden der sich selbst bewusst (und selbstbewusst) "Pirat" nennt, viele Menschen viele Argumente nicht abkaufen.
So, wie ich die deutsche Medienrealität kenne, ist das nicht ganz falsch.

Dennoch teile ich seine Einschätzung, dass eine Partei, die sich "Piratenpartei" nennt, in Deutschland niemals irgendeine gesellschaftlich relevante Rolle spielen wird, nicht.
Denn erst einmal ist die "Piratenpartei" eine Protestpartei, was auch im provokanten Namen zum Ausdruck kommt. Auf Regierungsbeteiligungen ist sie bisher nicht angelegt, sollte das geschehen, wird sie sich sicher umbenennen - und eine völlig andere Partei werden.
Zum anderen besteht die deutsche Öffentlichkeit nicht nur aus den "etablierten", kulturell konservativen, Kreisen. Noch nicht einmal in den "alten" Medien.
Der dritte Grund, warum der Name "Piratenpartei" keine Dummheit ist, dass, wie schon erwähnt, "Pirat" nicht eindeutig negativ besetzt ist. "Pirat" bezeichnet zwar einen Kriminellen, aber der durchschnittliche Deutsche dürfte beim Wort "Pirat" nicht automatisch an somalische Seeräuber denken. Eher schon an Filmpiraten wie Captain Jack Sparrow, an "Die Schatzinsel" und "Der rote Korsar", oder an legendäre Gestalten wie Klaus Störtebeker - der bekanntlich entgegen der mutmaßlichen historischen Wirklichkeit im Norden Deutschlands einen sehr guten Ruf hat. Zumindest der fußballinteressierte Teil der deutschen Bevölkerung wird beim Anblick des "Jolly Roger", der Totenkopfflagge, eher an den FC St. Pauli als an Raub und Geiselnehmer denken.
Der vierte Grund ist der, dass das Klischee des humorlosen, für Ironie unempfänglichen Deutschen nur für eine Minderheit der Deutschen zutrifft. Dass diese Minderheit noch den einen oder anderen medialen Diskurs beherrscht, heißt ja nicht, dass das immer so bleiben muss.

Alles in allem: Deutschland ist weniger spießig als Marcel Weiss befürchtet.

7. Mai: Einige Grammatik-Fehler ausgebügelt - und einen Link nach St. Pauli eingefügt.

Ergänzung - 7. Mai:
Zum Selbsttest: Pirat-O-Meter.

Dienstag, 28. April 2009

Sind Blogs abgetriebene Gedanken?

Autorin und Moderatorin Else Buschheuer will nach zehn erfolgreichen Blogger-Jahren aufhören. Was mich an sich nicht stören würde, denn an und für sich sind die Gründe dafür allein ihre Sache. Leider sieht Frau Buschheuer das nicht so und legt im Spiegel-Interview auf diese Gründe öffentlich dar. "Erfolgsautorin Buschheuer "Blogs sind abgetriebene Gedanken".
Buschheuer:: Ich bin mir sicher, dass ich mein bestes Buch noch nicht geschrieben habe - und dass mein Internet-Tagebuch einer der Vorwände war, mich davon abzuhalten. Ich hab' mir dort die Seele aus dem Leib geschrieben: Bloggen, das sind viele kleine Fehlgeburten, abgetriebene Gedanken, aber eine Geschichte zu einer großen, geschlossenen Form zu bringen, das hat Majestät.
Nebenbei: ich lese ihr Blog schon lange nicht mehr. Weil es mich schlicht langweilte. Das Bloggen ist nun einmal nicht immer die angemessene Form, sich mit einem Thema auseinanderzusetzen. Politische Themen - im weitesten Sinne - funktionieren in Blogs, Hobbies sicher auch, aber literarische Tagebücher? Ich denke: Eher nicht. Wer über Alltagserfahrungen Bücher schreiben will, der tut in der Tat gut daran, nicht alle Alltagserfahrungen sofort ´rauszuhauen. Die müssen erst mal lagern und später mit Abstand reflektiert werden, damit da guter Lesestoff draus wird. Da aber die wenigsten Schriftsteller über ihre Alltagserfahrungen schreiben, haben sie dieses Problem logischerweise nicht.

Was die gute Frau im Interview sagt, gilt also für sie persönlich und für ihre Art zu schreiben und zu bloggen.
Andere bloggende Schriftsteller trennen sorgsam zwischen Inhalten: die "für den Buchdruck" vorgesehenen, die dann allenfalls auszugsweise als Leseprobe auftauchen, und den Blog-Inhalten, die einer "kommerziellen Nutzung" entzogen sind. Dass große Verlage keine Texte wollen, die schon im Netz stehen, und dass sie deshalb bereits gebloggte Texte nicht mehr dort unterbringen kann, das weiß schließlich jeder Schriftsteller.

Dass sie sich in ihrem Internet-Tagebuch "die Seele aus dem Leib" geschrieben hat, und sie daher, das vermute ich, zu wenig unveröffentlichtes Material für das noch zu schreibende beste Buch im (vielleicht nur virtuellen) Zettelkasten hat, ist auch kein Problem der bloggenden Schriftsteller an und für sich. Wobei sie ja angibt, mehr als genügend Ideen zu haben.

Um die Frage in der Titelzeile zu beantworten: Für Autoren wie Else Buschheuer und ihre Art zu schreiben und zu bloggen, mag das richtig sein, aber verallgemeinern lässt sich diese Einsicht nicht.
Bestimmt trifft sie nicht auf mich zu - aber ich bin schließlich auch kein Erfolgsschriftsteller.

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