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Donnerstag, 12. Januar 2012

"Rote Linie" für Pflanzenheilkundler

Unter den naturheilkundliches Verfahren genießt die Pflanzenheilkunde (Phytotherapie) einen besonders guten Ruf. Wobei die Gründe dieses guten Rufes bei Fachleuten und bei heilungssuchenden Laien durchaus unterschiedlich sein können. Die Legende, dass "rein pflanzliche" Wirkstoffe automatisch verträglicher seien, als "Chemie" ist offensichtlich genau so wenig auszurotten, wie der konstruierte Gegensatz zwischen Naturheilkunde und "Schulmedizin" - tatsächlich ist die Pflanzenheilkunde, wie übrigens die meisten naturheilkundlichen Verfahren, Teil der wissenschaftlichen Medizin, also "Schulmedizin". Sehr viele in der etablierten Medizin verwendeten Arzneimittel sind pflanzlichen Ursprungs.
Naturheilkunde und "Alternativmedizin" sind übrigens, um einen weiteren populären Irrtum auszuräumen, nicht dasselbe. (Die Homöopathie z. B. ist kein Naturheilverfahren.)

Für die Pflanzenheilkunde gilt, wie für alle Heilverfahren, das Prinzip, dass Nutzen und möglicher Schaden für den Patienten in angemessenem Verhältnis stehen müssen.
Wenn "Kräuterheiler" ihre Grenzen und die Grenzen ihrer Heilverfahren nicht kennen oder nicht wahrhaben wollen, gefährden sie ihre Patienten.

Ein Pflanzenheilkundler, der seine Grenzen, die "Rote Linie", ab der er Menschen, die seinem Rat vertrauen, gefährdet, bis hin zur Lebensgefahr, deutlich überschreitet, ist der Ethnobotaniker und Kulturantropologe Dr. Wolf-Dieter Storl.

Storl halte ich auf seinem Fachgebiet, der Ethnobotanik, für einen ausgezeichneten Fachmann. Ich hege auch große Sympathien für die Lebensphilosophie des "Schamanen aus dem Allgäu".
Leider dilletiert Storl auch auf dem Gebiet der Pflanzenheilkunde herum, anders mag ich es nicht nennen.
Auf diesem Gebiet ist er kein Fachmann - Storl ist kein Arzt, er ist meines Wissens noch nicht einmal Heilpraktiker.
Das ist zwar kein Grund, weshalb er nicht über Heilpflanzen Bescheid wissen sollte - tatsächlich weiß er enorm viel darüber - aber das gleicht fehlende medizinische Kenntnisse natürlich nicht aus.
Storl neigt dazu, auf billige und undifferenzierte Weise gegen die "Schulmedizin" zu polemisieren. Das ist nach meiner Erfahrung ziemlich typisch für selbsternannte "Wunderheiler", während seriöse Naturheilkundler, selbst solche, die etablierte medizinische Verfahren scharf kritisieren, deutlich differenzierter argumentieren.
Selbst mir als medizinischen Laien fällt unangenehm auf, wie Storl über phytotherapeutische Themen schreibt: unpräzise und immer wieder fehlerhaft, dafür aber besserwisserisch und "guruhaft".

Besonders auf dem Kieker habe ich Storl, seitdem er seine merkwürdigen Behauptungen über Borreliose verbreitet. Karden-Therapie der Borreliose (auf EsoWatch) (Auch wenn ich Vieles, was auf EsoWatch steht, für eher dogmatisch antiesoterisch als skeptisch halte - im Falle Wolf-Dieter Storl hat EsoWatch meines Erachtens voll und ganz recht!)
Für Borreliosekranke sind Storls Ratschläge bestenfalls nutzlos und schlimmstenfalls lebensgefährlich. Er wird gerade von naturheilkundlich orientierten Ärzten scharf kritisiert. Dieses Buch kann Ihre Gesundheit gefährden: "Borreliose natürlich heilen" von Wolf-Dieter Storl, AT-Verlag 2007" - Kritik von Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Heilpflanzenkunde, Seminar für Integrative Phytotherapie, Winterthur.

Freitag, 6. Januar 2012

Vorsicht Kanalarbeiter!

Es ist ein uraltes Phänomen, und es ist seit einigen Jahren Mode in der Esoterikszene: das Canneln oder Channeling.

Früher, vor der "New Age-"Welle, nannte man diese Form der Kontaktaufnahme zu andersweltlichen Wesenheiten "Durchsage". Dabei ist das Medium in Trance, aber es ist "es selbst", es wird nicht wie bei einer Invokation von der Wesenheit "besessen" oder, wie im Voodoo, "geritten", und es reist, anders als z. B. ein Schamane, auch nicht in eine "nichtalltägliche Wirklichkeit". Es dient also als Übermittler oder "Kanal" für eine Wesenheit.

Die Medien verweisen oft auf ein einschneidendes Erlebnis in ihrem Leben, seit dem sie nach eigenen Angaben zu andersweltlichen Intelligenzen Kontakt haben – beispielsweise zu Engeln, zu Geistwesen, zu Göttern, zu den Seelen Verstorbener, aber auch zu außerirdischen Raumfahrern. (Stichworte: Kryon und Ashtar Sheran.)
Bemerkenswert ist, dass nicht nur Menschen, die bereits vorher durch Medialität aufgefallen sind, zum "Kanal" werden. Es scheint auch sonst keine besonderen persönlichen Merkmale zu geben, die einen für diese Funktion qualifizieren. Oft werden die Medien völlig überrascht oder überwältigt.
Auch mir selbst ging es so. Ja, ich bin auch so etwas wie ein "Channel-Medium", wenn man so will. An anderer Stelle in diesem Blog kann man darüber bei Interesse einiges Lesen, z. B. hier, hier oder hier. Nein, ich stehe nicht für irgendwelche spirituellen Dienstleistungen zur Verfügung, schon gar nicht für Fremde und erst recht nicht gegen Geld! Ja, ich bin schon gefragt worden. Nein, ich habe keine schizoide Persönlichkeitsstörung.

Munkelmann mit Kaputze und Trinkhorn
Frater M:M im inspirierten Kontakt mit der Entität Methorn (nicht zu verwechseln mit Metatron)

Channeling ist leider auch Geschäftemacherei. Kein Massengeschäft für Telefon-Hotlines und Online-Portale wie Tarot-Legungen, Pendeln, Horoskope usw. Eher verdienen "Kanalarbeiter" Geld in Einzelsitzung und durch Bücherschreiben.
Es ist, etwas Charisma und Menschenkenntnis und ein elastisches Gewissen vorausgesetzt, ziemlich einfach, sich als Channel-Medium auszugeben, man muss, anders als ein Plastikschamane, nicht einmal trommeln können.
Ein "echtes" Medium könnte man theoretisch daran erkennen, ob die Inhalte der Botschaften die alltäglichen Möglichkeiten des Übermittlers übertreffen. Das ist z. B. dann der Fall, wenn ein Medium mit normalerweiser mäßiger Ausdrucksfähigkeit in Trance stundenlang komplizierte Sachverhalte in druckreifer Sprache ausführt. Noch überzeugender wirken Menschen, die in einer Sprache "channeln", die sie eigentlich nicht beherrschen. Aber auch so etwas kann inszeniert werden.

Auch bei ehrlichen Medien kann es für Ratsuchende gefährlich werden. Das Problem liegt darin, dass Channeling-Klienten stärker als etwa Astrologie-Klienten dazu neigen, die Durchsagen als unumstößliche Wahrheiten zu werten. Das liegt meiner Ansicht nach nicht an größerer Leichtgläubigkeit, sondern an der geringer Distanz, sowohl zwischen dem Klienten und dem Medium, als auch zwischen dem Medium und seiner andersweltlichen Quelle. Es stehen keinen astrologischen Berechnungen, keine Tarot-Karten und noch nicht einmal eine Kristallkugel dazwischen.
Selbst die vergleichsweise distanzierten Astrologie-Klienten neigen dazu, von Horoskopen abhängig zu werden. Ein abhängig gewordener Ratsuchender traut sich keine eigenen Entscheidungen mehr zu und muss immer wieder das Orakel, die Karten, die Sterne, das I-Ging usw. befragen. Beim Channeln und beim Spiritismus, der psychologisch gesehen ähnlich wirkt, ist dieses Risiko besonders groß.
Kommerziell orientierte Medien nutzen dieses Abhängigkeitsverhältnis eiskalt aus. Manche "Kanalarbeiter" fördern diese Abhängigkeit absichtlich, indem sie bei regelmäßiger Teilnahme einen spirituellen Aufstieg versprechen. Ein "Geschäftsprinzip", das die kommerzielle Channel-Szene sich offensichtlich bei "Psycho-Sekten" wie Scientology abgeguckt hat.

Eine weitere Gefahr, auch bei ehrlichen Medien und für ehrliche Medien, besteht darin, abzuheben, den Kontakt mit der Alltäglichen Wirklichkeit zu verlieren und sich in wahnhafte Vorstellungen hineinzusteigern.
Der Psychologe und Esoterik-Gegner Colin Goldner geht so weit, schon den bloßen Glauben an die Existenz von Geistwesen, auch innerhalb der etablierten Kirchen, für riskant zu halten. Er hält es für jederzeit möglich, dass Geister- oder Engelgläubige in psychotische Wahnvorstellungen abgleiten. Wobei Goldner die Medien selbst, soweit sie nicht ohnehin Betrüger sind, für von wahnhaften Vorstellungen beherrscht hält. Grundsätzlich begrüße ich Goldners skeptische Haltung, und auch seinen betont materialistischen Ansatz kann ich gut nachvollziehen. Allerdings halte ich ihn auch für einen selbstgerechten und verbohrten Fanatiker.

Mit "gechannelten" Büchern kann man ohne Weiteres ganze Bibliotheken füllen. Der Begriff "Channeling" ist relativ neu, Autoren, die nach eigenen Angaben Kontakt mit "jenseitigen" Wesenheiten hatten, deren Botschaften sie aufschrieben, nicht.
Bekannte historische Buchschreib-Medien sind z. B. Jakob Lorber, der "Schreibknecht Gottes", Helena Petrovna Blavatsky, die Mitgründerin der "Theosophischen Gesellschaft", Emanuel Swedenborg und, hinsichtlich der Produktivität auch unter den notorisch produktiven medialen Autoren herausragend, auch Rudolf Steiner. Großzügiger definiert sind auch alle offenbarten religiösen Texte "gechannelt", z. B. der Koran und das meiste in der Bibel.

Einige Bestsellerautoren unter den "Kanalarbeitern" verdienen mit Hilfe ihres "gutes Geistes" Millionen.
Dem Erfolg des heute fast vergessenen "Autorenteams" aus Jane Roberts und einer sich Seth nennenden Wesenheit in den 1970er Jahren folgten unzählige Nachahmer. Allerdings hielt Jane Roberts selbst es immer für möglich, dass Seth eine Personifizierung eines überbewussten Teils ihrer normalen Persönlichkeit sein könnte, also ihrem Unterbewusstsein entstammen könnte. Diese selbstkritische Haltung ist unter den "Channelern" nach meinem Eindruck eine seltene und löbliche Ausnahme. Davon abgesehen ragt die anspruchsvolle Metaphysik im "Seth-Material" auch inhaltlich aus der Masse der "gechannelten" Botschaften heraus. Egal, ob aufgestiegene Meister aus Atlantis, Nostradamus, Albert Einstein, Metatron, Jesus, Außerirdische vom fünften Planeten des Aldebaran oder nur die verstorbene Großmutter gechannelt werden, oder ob ein Medium Einblick in die Akasha-Chronik oder das Buch mit den sieben Siegeln zu haben behauptet - kanalisierte Botschaften laufen nach meinem Eindruck fast immer auf dasselbe hinaus: Wir gehen schweren Zeiten entgegen, und wie müssen uns dringend ändern, wenn wir uns weiterentwickeln oder, bei den nicht seltenen Weltuntergangspropheten unter den gechannelten Wesenheiten, überleben wollen. Die Texte der Wesenheiten unterscheiden sich bei den konkrete Aussagen, im Weltbild und, bei den Apokalyptikern unter der Kanalarbeitern, in der Art der finalen Katastrophe. Gemeinsam ist den meisten eine tiefe Belanglosigkeit, verbunden mit ausgeprägtem Wortreichtum. Das Ganze garniert mit dem in der esoterischen Literatur üblichen Licht- und Liebe-Zuckerguss.
Da frage ich mich doch, wozu man für solche Banalitäten den Kontakt zu Wesenheiten aus der nichtalltäglichen Wirklichkeit braucht!

Es mag unfair sein, und ich räume ein, dass meine Stichprobe an gelesenen kanalisierten Schriften für valide Aussagen zu klein ist, aber mir liegen bei neun von zehn "gechannelten" Botschaften Stoßseufzer wie "schade um das Papier","dafür mussten Bäume sterben" oder, wenn die "Botschaften von oben" in elektronischer Form vorliegen, "spiritueller Spam" auf der Zunge, und meistens noch die quälende Frage: "Verdammt, warum ich verschwende meine Zeit, um diesen Blödsinn zu lesen?"
(Um einige Namen von Kanalarbeitern zu nenne, die ich besonders nervig finde: Judith Z. Knight, Thomas Nagel und natürlich Lee Carroll und Barbara Bessen.)

Dabei möchte ich mediale Durchsagen nicht in Bausch und Bogen ablehnen, und nicht nur deshalb, weil ich mir damit sozusagen ins eigene Fleisch schneiden würde. (Was mir nebenbei auch egal wäre.)
Der Übergang zwischen Inspiration und medialem Kontakt ist fließend.
Künstler, darunter natürlich auch Schriftsteller, sind meistens sehr spirituell, selbst wenn sie überzeugte Atheisten sind. Ich gehe so weit, zu behaupten, dass Kunst, die diesem Namen verdient, eine spirituelle Tätigkeit ist: In dem Moment, in dem so etwas wenig Fassbares wie Inspiration oder Intuition ins Spiel kommt, ist der schöpferische Prozess spirituell, inspiriert.
Dabei ist es für das Werk völlig egal, ob die Künstler sich nur von einer Muse geküsst fühlen oder einen "Geistesblitz" haben, oder den Eindruck, mit einer realen, mit eigener Persönlichkeit versehenen Wesenheit im Kontakt zu stehen. Auch Wissenschaftler oder Erfinder können inspiriert sein.
Egal, ob Götter, Daimonen, Engel, aufgestiegene Meister, das kollektive Unbewusste oder das persönliche Unterbewusstsein die Quelle der Inspiration ist, kommt es auf das inspirierte Werk selbst an. Nicht jeder, der Inspiriert ist, schafft großartige Kunstwerke, geniale Erfindungen, oder tiefsinnige Einsichten, und nicht jeder Künstler, Denker oder Erfinder ist inspiriert.
Ich bin sogar der Ansicht, dass es ohne Inspiration keine wirkliche Kreativität gibt, und das ungeachtet der alten Faustregel, dass kreatives Schaffen zu 99 % Transpiration und nur zu 1 % Inspiration ist. Es geht meiner Ansicht nicht ganz ohne Inspiration von "außerhalb" der Alltagspersönlichkeit, jedenfalls dann nicht, wenn das Endergebnis in irgend einer Weise originell sein soll.
Es fällt mir jedoch immer wieder auf, dass sehr religiöse bzw. fromme Menschen, vor allem Fundamentalisten, oft auffallend phantasielos und unkreativ sind. Das gilt übrigens auch für dogmatische Esoteriker. Es gilt auch für Möchtegerns, Wichtigtuer und die meisten Scharlatane. Die Einfallslosigkeit der meisten angeblich gechannelten Botschaften spricht meiner Ansicht nach für sich.

Wer channelt oder sich sonstwie als Medium betätigt, sollte niemals die Selbstkritik und die Fähigkeit, Kritik zu akzeptieren, über Bord geben. Zu viel Skepsis tötet die Inspiration, aber ein völliger Mangel an Skepsis macht sie regelmäßig wertlos.

Wahrscheinlich sind sehr viele, wenn nicht die meisten angeblich gechannelten Botschaften schlicht Täuschung.
Wenn sie keine Täuschung sind, können sie Selbsttäuschung sein. Das müssen keine wahnhaften Vorstellungen sein - manchmal reichen Wunschdenken oder starke Erwartungshaltungen aus.
Wenn Täuschung und Selbsttäuschung ausgeschlossen werden kann, sollten Medien und ihre Klienten es wie seinerzeit Jane Roberts machen und immer an die Möglichkeit denken, dass die "anderweltlichen" Botschaften aus dem Unterbewusstsein stammen könnten. Das macht sie keineswegs wertlos, wenn die Botschaften selbst inhaltlich wertvoll sind.
Was Medien und ihre Kunden regelmäßig übersehen, ist, dass selbst wenn die kanalisierten Botschaften von "drüben" oder "oben" stammen sollten, nicht gesagt ist, dass der jeweilige "aufgestiegene Meister", Engel, verstorbene Urahn oder verstorbene große Mensch der Weltgeschichte auch derjenige ist, für den er sich ausgibt: "Jaaaa, selbstverständlich bin ich Napoleon (unterdrücktes astrales Kichern)."
Am ehesten räumen noch religiös denkende Medien diese Möglichkeit ein - nur meistens leider nicht bei sich selbst. Die Warnung, dass eine konkurrierende und womöglich abweichende Offenbarung vom Teufel komme, gehört zum Standardrepertoire religiöser Propheten.
Es ist auch seltsam, wie viele Medien und Medien-Klienten vor allem aus dem spiritistischen Umfeld daran glauben, dass ein dummer oder bösartiger Mensch nur dadurch zum Quell der Weisheit oder der Güte und Liebe würde, indem er stirbt.

Am einfachsten - wenn auch oft frustrierend (siehe oben!) - ist es, sich mit dem übermittelten Material selbst auseinanderzusetzen. Ist das Niveau hoch, lohnt es eine nähere Beschäftigung, selbst bei so notorisch wenig selbstkritischen Medien wie Rudolf Steiner oder zwielichtigen Gestalten wie dem genialen Hochstapler Aleister Crowley.

Dienstag, 3. Januar 2012

Das möchte ich auf keinen Fall versäumen ...

*aufsteh*
*Horn mit Met heb*

"The Professor!"

*ansetz*
*trink*

Tolkiensociety - 2012 birthday toast

Den Kommentar zum unpräsidentalen Verhalten C. Wulffs

... überlassse ich einem, der es wissen muss. Und es vor fast sechs Jahren im "Spiegel" aussprach, so dass es unser immer peinlicher werdender Bundespräsi es auch hätte wissen können:
Döpfner: Größer als die Schlagzeilen der "Bild"-Zeitung ist gelegentlich nur die Heuchelei mancher Prominenter, wenn sie sich als Opfer stilisieren. Erst wollen sie von der Plattform profitieren, und hinterher, wenn's mal unangenehm wird, kritisieren sie, dass "Bild" immer noch da ist. Wer Privates schützen will, kann das in der Regel auch. Oder haben Sie etwa über Schily, Künast, Trittin oder Köhler irgendwelche Homestorys gelesen? Aber wer mit dem Privatleben Wahlkampf macht, der muss auch damit leben, dass die Boulevardpresse da ist, wenn der Haussegen schief hängt. Für die "Bild"-Zeitung gilt das Prinzip: Wer mit ihr im Aufzug nach oben fährt, der fährt auch mit ihr im Aufzug nach unten. Diese Entscheidung muss jeder für sich selbst treffen.
Wir Deutschen sind unberechenbar Springer-Vorstandschef Mathias Döpfner debattiert mit Literaturnobelpreisträger Günter Grass über die Medienmacht des Verlags, das Amerika-Bild der Deutschen sowie Verdienste und Fehler der 68er (DER SPIEGEL, 25/2006 vom 19.06.2006)

Samstag, 31. Dezember 2011

Aus tiefster Raunachtsruhe - Jahresabschluss

Wenn ich vor 25 Jahren, zu Silvester 1987, einen Blick in das Jahr 2011 hätte werfen können, dann hätte ich, als Science Fiction und Fantasy-Fan, die heutige Welt wahrscheinlich als "Cyberpunk" beschrieben, und mein heutiges Leben der "Urban Fantasy" zugeordnet.
Dass wir in einer Welt leben, die jedes Jahr mehr Elemente des Cyberpunks aufweist, ist kaum zu übersehen. Dass die Welt sich in eine ähnliche Richtung bewegt, wie sie z. B. William Gibson in den 80er Jahren beschrieben hat, liegt nicht daran, dass Gibson die Zukunft richtig "hochgerechnet" hätte - gerade da, wo er es wirklich tat, liegt er ziemlich daneben. Die Technik in "Neuromancer" wirkt heute streckenweise fast altmodisch, jedenfalls im einem für die Handlung so zentralen Element wie der mobilen Kommunikation. Ich denke an ausgedruckte "Newsfaxe" und die z. B. in "Count Zero" erwähnten Telefonzellen. Ähnliche lässt sich über die politischen Machtverhältnisse sagen. Das ist allerdings nicht entscheidend.
Die Spekulationen des Gibsonschen "Cyberpunk" beruhen auf zwei Grundvoraussetzungen:
1. Was wäre wenn der Staat (die Staaten) von großen Konzernen kontrolliert würden, die die staatliche Monopol-Macht für ihre Zwecke instrumentalisieren?
2. Was wäre wenn praktisch die gesamte Kommunikation und alle ökonomischen Transaktionen in einem weltweiten, nicht hierachischen Datennetz ablaufen würden?
Weil diese Annahmen mittlerweile zutreffen, treffen auch andere Elemente der Cyberpunk-Romane von Gibson und seinen Mitstreitern zu. Das andere Element, dass zur Glaubwürdigkeit beträgt, trifft im Grunde für jede Art der Literatur zu: gerade in einem (noch) phantastischen Umfeld sind plausible Geschichte mit glaubwürdigen Protagonisten wichtig.

Nicht ganz so einsichtig ist es, dass mein heutiges Leben aus der Sicht des Jahres 1987 "Urban Fantasy" sein könnte. Schließlich gibt es in meinem Umfeld z. B. keine Vampire, keine Elfen, keine Orks usw..
Als ich in den letzten Tagen darin ging, ein Szenario für eine Reihe Urban-Fantasy-Geschichten zu entwickeln, da bemerkte ich aber, dass einige Dinge, die für mich in den letzten Jahren selbstverständlich geworden sind, nach "normalen" Maßstäben nicht nur ziemlich exotisch, sondern buchstäblich unglaublich sind. (Das fängt schon damit an, dass es manchen Menschen gar nicht so leicht zu vermitteln ist, dass ich es mir mit meiner Selbstbeschreibung "Heide" vollkommen ernst ist.)
Damals, vor 25 Jahren, war ich zwar ziemlich "nerdig", aber ich hatte trotzdem recht konventionelle Vorstellungen davon, was "Wirklichkeit" ist - und was "Spinnerei".
Dass z. B. Stadtschamanen, die direkt aus dem "Shadowrun"-Universum stammen könnten, zu meinem engen Freundeskreis gehören könnten, hätte ich mir damals jedenfalls nicht vorstellen können. Auch hätte ich es mir nicht vorstellen können, dass ich nur eine, sondern mehrere, nicht-alltägliche Wirklichkeiten "bereisen" könnte - nicht als Drogenrausch oder Traum wohlgemerkt, und bestimmt nicht als Realitätsflucht. (Übrigens bin ich tatsächlich mal - aus Versehen - im Shadowrun-Universum gewesen. Wahnsinn? Wenn ich dort "hängen geblieben" wäre, sicherlich. Amüsant war für mich dieser Kurzausflug, den ich als völlig real erlebte, jedenfalls nicht.)
Phillip K. Dick schrieb, die Wirklichkeit sei das, was nicht verschwindet, wenn wir aufhören, daran zu glauben. So gesehen ist vieles, was uns gemeinhin als "phantastisch" erscheint, Wirklichkeit - und vieles, was uns ganz real erscheint, unwirklich. Was würde mit dem Geld passieren, wenn niemand mehr an seine Kaufkraft glaubt? Keine hypothetische Frage, denn es ist schon einige Male passiert, dass Menschen massenhaft das Vertrauen in ihre Währung verloren haben.
Viele Dinge, die wir gemeinhin für völlig real halten, sind tatsächlich Konstrukte, die nirgendwo eine Realität haben, außer in unseren Vorstellungen. "Nationalstaat" oder "Börse" zum Beispiel.
Gerade das wurde im Jahr 2011 mehrmals unübersehbar deutlich. Außerdem war 2011 ein Jahr, in dem laufend Dinge passierten, die "eigentlich", nach dem, "was jeder weiß", niemals hätte geschehen können. Dinge, mit denen "niemand" rechnete. Das haben die Guttenberg-Affäre, der "arabische Frühling", die Katastrophe von Fukushima, die Occupy-Bewegung und vieles mehr gemeinsam.
Sie zeigen, wie eng der Realitätstunnel, die Prägungen, Konzepte, geistigen Haltungen und Realitätskonstruktionen, die uns vor allem durch die Massenmedien vorgegeben werden, ist. Welche Scheuklappen sogar Menschen, die es besser wissen müssten, tragen.

Bilanz meines Jahres: Gemischt. Allerdings, rein vom Gefühl her waren für mich persönlich die letzten Monate des abgelaufenen Jahres eine der erfolgreichsten und glückhaftesten Zeiten, an die ich mich erinnern kann. Ich meine damit nicht "Erfolge" in Sinne von "beruflichem Weiterkommen" oder "Glück" im Sinne eines Lottogewinns oder so etwas. (Mein größtes Glück ist sowieso, dass ich echte Freunde habe.)
Nein, ich habe das Gefühl, dass mir besonders viel gelungen sei, dass Dinge geklappt haben, bei denen ich mich längst daran gewöhnt habe, dass es große Schwierigkeiten gibt.

Mal sehen, ob das so weiter geht.

Was das kommende Jahr angeht, hoffe ich das Beste und erwarte ich das Schlimmste. Aber das ist ja immer so.

Gruß aus den Raunächten. Die für mich noch nicht zuende sind.

Ich wünsche Euch allen ein glückliches neues Jahr!

Martin

Samstag, 24. Dezember 2011

Aus tiefster Raunachtsruhe (oder Weihnachtsruhe, je nachdem)

Es gibt unangenehme Themen, denen man für einige Tage aus dem Weg gehen kann und gehen sollte.
Leider gehört das Thema "Alltagsantisemitismus" nicht dazu. Der hält sich an keine Feststagssruhe.
Und er kommt auch nicht nur aus dem Mund der "üblichen Verdächtigen", der "Rechtsextremisten", "Völkischen", NS-Nostalgiker usw. . Sondern manchmal aus dem an und für sich netter, toleranter, rechtsradikaler Umtriebe unverdächtiger Mitmenschen.
Mit dem Alltagsantisemitismus ist es so wie mit seinen Verwandten, dem Alltagsrassismus und dem Alltagssexismus. Der Alltagsantisemit ist sich in der Regel gar nicht einmal darüber klar, wie antisemitisch seine Äußerungen sind. (Gilt sinngemäß auch für Alltagsantisemitinnnen).
Aus Rücksicht auf die Privatsphäre der es gar nicht böse meinenden Alltagsantisemiten verzichte ich darauf, den konkreten Vorfall zu beschreiben. Dafür bringt Marina Weisband (ja, die Frau, die von unserer Qualitätspresse so gern die "hübsche Piratin" genannt wird, unter weiträumiger Umgehung aller politisch relevanter Themen) ein "schönes", selbsterfahrenes, Beispiel wie Alltagsantisemitismus funktioniert.

Wie kann es sein, dass Menschen, die nach eigener Einschätzung sogar Juden schätzen, Alltagsantisemiten sind?
Das Schrecklichste nach dem Antisemitismus ist der Philosemitismus
schrieb der jüdische Publizist Egon Schwarz. Selbstverständlich bringen Philosemiten keine Juden um und legen ihnen noch nicht einmal Steine in den Weg. Es ist mit dem Philosemitismus so wie mit dem Positivrasssismus - es ist z. B. für einen Schwarzen nicht unmittelbar gefährlich, aufgrund seiner Hautfarbe für einen temparamentvollen Tänzer mit "Rhythmus im Blut", guten Leichtathleten oder einen total coolen und relaxten Typen gehalten zu werden. Es kann aber reichlich nerven, so etikettiert und verschubladisiert zu werden. Und allzu oft schlägt ein enttäuschtes Positivklischee ins Negative um - manchmal schon wenn der besagte Schwarze ein miserabler 100-Meter-Läufer sein sollte.
Philosemitismus ist aber nach meiner Einschätzung doch etwas mehr als eine Sonderform des nervigen Positivrassismus. Speziell deutschen Philosemiten sind oft von Schuldabwehr oder schlechtem Gewissen gegenüber "den Juden" motiviert. Der Schuldabwehrphilosemitismus ist meiner Ansicht nach eng mit dem Schuldabwehrantisemitismus, dem sekundären Antisemitismus, verwandt. Und mit überhohen Ansprüchen an "die Juden" verbunden, an ihre Moral, Intelligenz, Toleranz. Ein Philosemit sieht in Juden "etwas Besonderes" - Juden sind für ihn irgendwie keine normalen Menschen.
Wenn jemand mir Eigenschaften zuschreibt, oder mich mag / nicht mag, einzig WEIL ich jüdisch bin, das ist Antisemitismus
twittert Marina Weisband (Afelia)

Warum das Thema für mich so wichtig ist. obwohl ich kein Jude bin? Weil es immer die Sache der Nichtjuden ist, Antisemitismus zu bekämpfen, nicht die der Juden.

Ich wünsche allen Juden ein fröhliches Rest-Chanukka!

Mittwoch, 14. Dezember 2011

"Bruder Gianluca Casseri" - oder: was macht einen Menschen zum Killer-Nazi?

Es ist eine jene Tatsachen, die mich in Selbstzweifel stürzen - und die mich zugleich befürchten lassen, dass ich in das Profil eines "potenziellen faschistischen Gewalttäters" passe.
Gianluca Casseri – der “italienische Breivik” (publikative.de).
Gianluca Casseri war jener ultrafaschistische Rassist, der am 13. Dezember 2011 in Florenz zwei senegalesische Immigranten abknallte, drei weitere Schwarze anschoss und sie wahrscheinlich für den Rest ihres Lebens an Leib und Seele verkrüppelte, und sich dann feige durch Suizid der irdischen Gerechtigkeit entzog.
Einer jener Menschen, die nur hassen kann. Die mich an meiner Menschlichkeit zweifeln ließe, wenn ich sie nicht hassen und verabscheuen würde.
Aber - ich sehe in den Spiegel - und mein Spiegelbild zeigt mir einen Menschen, der dem faschistische Killer, der aufgrund einer irren Weltanschauung zum irren Mörder wurde, unangenehm ähnlich sieht:
Beschrieben wird der 50-jährige Buchhalter aus der Provinz Pistoia als introvertierter Einzelgänger, fasziniert von keltischen Riten, Neopaganismus, Tolkiens Fantasy und arischen Herrenrassen, der in seinen Schriften auch gern Fantasy-Einschläge mit faschistischem Gedankengut verwickelte. Im Umfeld des Casa Pound wurde der Mann mit dem rundlichen Gesicht eher als “einsamer Wolf” gesehen als als Mitglied neofaschistischer Schlägertrupps. Ein intellektueller Ideologe der Herrenrasse, Kenner der neofaschistischen Bewegungen und Analytiker von deren Gründungsmythen. Als großer Comic-Liebhaber referierte er im Casa Pound wiederholt über seine Lieblingscharaktere Tex und Tin Tin.
Sehr viel davon trifft auch auf mich zu. Was mich von Cassiri unterscheidet, dass ist das, was in unseren Köpfen ist. Etwas, was sich der Überprüfung durch Außenstehende entzieht.
In einer (möglichen) Gefährderdatei wären (oder sind schon?) naturgemäß nur die beobachtbaren Fakten über mich gespeichert. Dass ich politisch völlig anders eingestellt bin, als der sich selbst irre gemacht habenden Killer-Fascho, das dürfte, angesichts der diskursbestimmenden Extremismustheorie, mit der fixen Idee einer "guten Mitte" und "bösen Rändern" der Gesellschaft, in der "Extremismus von rechts und links" gleichgesetzt und gleich gewichtet werden, irrelevant sein.
Ja, so wird man argwöhnisch, pessimistisch und am Ende paranoid.
Wo es doch so einfach wäre: unauffällig im "Mainstream" mitschwimmen, als lauer Christ oder halbherziger Atheist, mit anständigen, erwachsenen, Interessen - z. B. Fernsehn - apolitisch, bis auf alle vier Jahre brav Kreuzchen bei SPD, CDU, FDP oder allenfalls GRÜN machen, der Comics für "Kinderkram", Fantasy für ""Fluchtliteratur" und Heiden und Hexen für "abgedrehte Spinner" hält. Ja, und wer es mit "den Germanen" hat, kann doch nur Nazi sein.
Wenn ich ernsthaft vor hätte, Verbrechen zu begehen, dann würde ich mir Mühe geben, nach außen genau so unauffällig - angepasst bis spießig - zu wirken.
Aber die Parallelen zwischen mir und Casseri gehen weiter:
Autobiografisch beschreibt sich der Mann, der gern in der dritten Person von sich spricht, so:
“Er wird 1961 in Ciriegio (PT) geboren, während der Mensch in den Weltraum fliegt und der Himmel sich in der größten Sonnenfinsternis des XX. Jahrhunderts verdunkelt. Im Alter von 12 Jahren, überwältigt von der Begegnung mit H.P. Lovecraft, entfernt er sich endgültig aus dem ihn umgebenden geordneten Kosmos. Seine vielfältigen Interessen im Bereich Fantasy, alle rigoros nicht aktuell, reichen von Flash Gordon bis zum Sci-Fi-Kino der 50er Jahre, von den Autoren der Weird Tales bis zu Val Newtons Filmen und darüber hinaus. Im Jahr 2001, zu Zeiten des endgültigen Durchbruchs des Internets, hat er die geniale Idee, eine Printzeitschrift herauszubringen, La Soglia, wo er seine multimedialen Manien auslebt. Um sich von den ernsten Dingen des Lebens abzulenken scheint es, als wäre er Buchhalter.”
Ich bräuchte nur wenige Vokabeln auszuwechseln, und es wäre eine biographische Skizze über MartinM. Immerhin: ich schreibe nur selten in der dritten Person über mich selbst, und ich schätze auch aktuelle SF und Fantasy.
Es ist eine reichlich peinliche Verwandtschaft. Ich will trotzdem die Augen nicht davor schließen, denn nochmals: besser, aufrichtiger, heiterer und produktiver als der Haß ist das Sich-wieder-Erkennen.
So leitete Thomas Mann seinen berühmten Aufsatz Bruder Hitler ein. In Hitler erkenne ich mich nicht wieder, was nicht mein Verdienst ist, sondern allein dem Umstand geschuldet ist, dass ich zu einer anderen Zeit geboren wurde, und unter anderen Verhältnissen aufwuchs. Thomas Mann drückte mit seiner Gleichsetzung aus, dass es sich beim Politiker Adolf Hitler im Kern um einen Künstler handelt, einen gescheiterten und verkommenen Künstler. Eine Beschreibung, die auf mich (obwohl sicher kein Politiker) sicher eher zutrifft, als auf den Erfolgsschriftsteller und Literaturnobelpreisträger Mann. Aber Hitler, das war das frühe 20. Jahrhundert.
In einigen der heutigen Faschisten, da erkenne ich mich durchaus stärker wieder. Zum Beispiel auch in dem Hamburger Berufs-Neonazi Christian Worch, einen Mann, der recht lesbare (und interessanterweise nicht rassistische) Fantasy-Geschichten geschrieben hat, jemanden, mit dem ich mich gut verstehen könnte - wenn er nicht unzufällig Nazi und unzufällig ein schlauer Machtstratege und Strippenzieher wäre. Wie ich ist Worch ein wenig erfolgreicher "Schreiberling". Wie es auch Casseri war.

Selbstmitleid oder gar Selbstviktimisierung sind jedenfalls nicht angebracht. Eher scharfe Selbstkritik.
Ich darf jedenfalls niemanden übel nehmen, dass er oder sie mich nach flüchtiger Betrachtung für einen "Fascho" hält.

Ein Versuch einer Antwort auf meine Frage: "Was macht einen Menschen zum Killer-Nazi?"
Wahrscheinlich sind es nicht das Milieu, die bevorzugte Literatur, der persönliche Geschmack, oder die spirituelle, religiöse oder philosophische Grundeinstellung. Und schon gar nicht das intellektuelle Niveau. Auch wenn der "typischen Nazi" eher eine Hohlbratze ist, schützen weder Bildung noch Intelligenz vor Menschenfeindlichkeit.
Ich vermute - und der "Fall Casseri" spricht dafür - dass es nur wenige Faktoren sind, die jemanden nach "rechts außen" abbiegen lassen.
Einer dieser Faktoren ist ein Weltbild, das klar zwischen "schwarz" und "weiß", "gut" und "böse", "wir und die" unterscheidet. Also ein sehr weit verbreitetes, sozusagen "normales", Weltbild. Das ist jedenfalls der entscheidende Unterschied zwischen meiner und Casseris Ansicht:
Obacht, Romualdi und Casseri meinen das durchaus ernst, eine “neue europäische Spiritualität”, basierend auf den (germanischen) “Wurzeln Europas” soll die Volksgesundung herbeiführen. Durch Abwehr der “von außen” eindringenden feindlichen Kräfte selbstverständlich.
Auch ich meine es durchaus ernst mit meiner "neuen europäischen Spriritualität", unter anderem auf germanischen Wurzeln basierend. Aber: ich bin mir klar darüber, dass ich, und auch das Europa bzw. "der Westen" auch weitere Wurzeln haben. Mit Reinheitsdiskursen habe ich nichts am Hut. Ich weiß, was "der Westen" Arabien, Persien, Indien und sogar China verdankt. Ich weiß, was ich, was meine persönliche Spiritualität, dem westafrikanischen und karibischen Vodun, der sibirischen, koreanischen und amerikanischen Schamanen, aber auch den jüdischen Kabbalisten verdankt.
"Der Westen", das ist für mich ganz wesentlich Humanismus, Aufklärung, die französische und die amerikanische Revolution, Emanzipation, kritische Wissenschaft. Das sind "Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit" (letztere bitte um "Schwesterlichkeit" ergänzen).
Wenn diese Zivilisation, die ich schätze, bedroht wird, dann nicht von außen, sondern von innen. Von der (vermeintlich) "guten" Mitte her.

Die Worte Manns treffen auch auf mich und mein Verhältnis zu "intellektuellen" Faschisten zu:
Ein Künstler, ein Bruder. Aber die Solidarität, das Wiedererkennen sind Ausdruck einer Selbstverachtung der Kunst, welche denn doch zuletzt nicht ganz beim Wort genommen werden möchte.

Donnerstag, 8. Dezember 2011

Hypermoral

Hin und wieder benutze ich den Ausdruck "Hypermoral", für eine Haltung, ein "Ethos", das ich für sehr problematisch halte.

Jemand, der hypermoralisch ist, ist nicht etwa, wie man vielleicht von Wortsinn her meinen könnten, jemand, der oder die besonders viel Wert auf moralisch einwandfreies Verhalten legt. Es gibt hypermoralische "Moralapostel", aber nicht jeder eifernder Moralprediger ist hypermoralisch.
Die meisten hypermoralischen Menschen haben ein manichäistisches, "schwarz/weiß", "ja/nein", "gut/böse" Weltbild. Aber auch davon gibt es Ausnahmen.

Hypermoral ist eine übersteigerte Form gesinnungsethischer Grundsätze, bei denen der Realitätsbezug und die praktische Anwendbarkeit nebensächlich ist. Für einen Hypermoralisten sind menschlichen Handlungen im wesentlichen durch gute oder böse Absichten bzw. "das Gute" und "das Böse" an den Absichten motiviert. Eine pragmatisch-moralische Auffassung, wie sie Goethes Mephisto in die Worte "Ich bin ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft" fasst, ist für Hypermoralisten nicht akzeptabel - aus einer böse Absicht kann für sie nichts Gutes erwachsen!
Ein entsetzliches Beispiel für Hypermoral sind jene Abtreibungsgegner, die so weit gehen, das ungeborene Leben auch auf Kosten des Lebens der Schwangeren zu schützen.
In der Politik ist "Moralhypertrophie" eine Einstellung, die alle Probleme in Staat und Gesellschaft als moralische Probleme auffasst.

Geprägt wurde der Begriff der "Hypermoral" 1968 im Essay Moral und Hypermoral des konservativen bis reaktionären Philosophen Arnold Gehlen. Diese Schrift ist durchaus danach, die philosophisch-anthropologischen Überlegungen Gehlens treten gegenüber der polemischen Zeitkritik deutlich ins Hintertreffen. Mit seinem Rundumschlag gegen so ziemlich alles, was ihm politisch und gesellschaftlich in der Bundesrepublik der 1960er-Jahre nicht gefiel (und ihm gefiel vieles nicht), ist Gehlen sozusagen der Prototyp aller "68er-Basher".
Obwohl ich völlig anderen Ansicht bin, halte ich die von Gehlen geprägten Begriffe "Humanitarismus" und "Hypermoral" für brauchbar.
Unter "Humanitarismus" versteht Gehlen die "zur ethischen Pflicht gemachte unterschiedslose Menschenliebe", eine Erweiterung des Familienethos auf die ganze Menschheit. "Fremde" Menschen, die nicht Familienangehörige, Freunde, Kollegen usw. sind, sollten genau so geliebt werden wie Menschen aus diesen "Nahgruppen". Also anstatt des alttestamentarischen "Liebe deinen Nächsten wie dich selbst" die Forderung: "Liebe deinen Fernsten wie deinen Nächsten". (Wobei Selbstliebe gerade nicht als "Tugend" gesehen wird, sondern als Laster - was die bei Hypermoralikern nicht seltene Haltung "Verachte deinen Nächsten wie dich selbst" folgerichtig nach sich zieht.)
Im Sinne des Humanismus muss die Menschenwürde eines Straftäters auch dann gewährt bleiben, wenn seine Tat aufs Tiefste missbilligt wird. Das wäre für Gehlen - aber nicht für mich! - schon hypermoralisch.
Humanitarismus sei ein Mittel ideologisch zweckmäßiger Fremdtäuschung zum Vorteil bestimmter (Herrschafts-)Gruppen mit gleichzeitiger öffentlicher Geltungssteigerung der Intellektuellen. Humanitarismus im Sinne Gehlens ist eine Form des übersteigerten Humanismus, die kein überzeugter Humanist ernsthaft vertreten würde.
Trotzdem ist der Begriff kein "Strohmann", denn entsprechende moralische Forderungen gibt es ja wirklich. Wenn auch eher selten seitens der von Gehlen gescholtenen Intellektuellen, als eher aus dem Lager religiöser oder ideologischer Fanatiker.

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