"Rote Linie" für Pflanzenheilkundler

Unter den naturheilkundliches Verfahren genießt die Pflanzenheilkunde (Phytotherapie) einen besonders guten Ruf. Wobei die Gründe dieses guten Rufes bei Fachleuten und bei heilungssuchenden Laien durchaus unterschiedlich sein können. Die Legende, dass "rein pflanzliche" Wirkstoffe automatisch verträglicher seien, als "Chemie" ist offensichtlich genau so wenig auszurotten, wie der konstruierte Gegensatz zwischen Naturheilkunde und "Schulmedizin" - tatsächlich ist die Pflanzenheilkunde, wie übrigens die meisten naturheilkundlichen Verfahren, Teil der wissenschaftlichen Medizin, also "Schulmedizin". Sehr viele in der etablierten Medizin verwendeten Arzneimittel sind pflanzlichen Ursprungs.
Naturheilkunde und "Alternativmedizin" sind übrigens, um einen weiteren populären Irrtum auszuräumen, nicht dasselbe. (Die Homöopathie z. B. ist kein Naturheilverfahren.)

Für die Pflanzenheilkunde gilt, wie für alle Heilverfahren, das Prinzip, dass Nutzen und möglicher Schaden für den Patienten in angemessenem Verhältnis stehen müssen.
Wenn "Kräuterheiler" ihre Grenzen und die Grenzen ihrer Heilverfahren nicht kennen oder nicht wahrhaben wollen, gefährden sie ihre Patienten.

Ein Pflanzenheilkundler, der seine Grenzen, die "Rote Linie", ab der er Menschen, die seinem Rat vertrauen, gefährdet, bis hin zur Lebensgefahr, deutlich überschreitet, ist der Ethnobotaniker und Kulturantropologe Dr. Wolf-Dieter Storl.

Storl halte ich auf seinem Fachgebiet, der Ethnobotanik, für einen ausgezeichneten Fachmann. Ich hege auch große Sympathien für die Lebensphilosophie des "Schamanen aus dem Allgäu".
Leider dilletiert Storl auch auf dem Gebiet der Pflanzenheilkunde herum, anders mag ich es nicht nennen.
Auf diesem Gebiet ist er kein Fachmann - Storl ist kein Arzt, er ist meines Wissens noch nicht einmal Heilpraktiker.
Das ist zwar kein Grund, weshalb er nicht über Heilpflanzen Bescheid wissen sollte - tatsächlich weiß er enorm viel darüber - aber das gleicht fehlende medizinische Kenntnisse natürlich nicht aus.
Storl neigt dazu, auf billige und undifferenzierte Weise gegen die "Schulmedizin" zu polemisieren. Das ist nach meiner Erfahrung ziemlich typisch für selbsternannte "Wunderheiler", während seriöse Naturheilkundler, selbst solche, die etablierte medizinische Verfahren scharf kritisieren, deutlich differenzierter argumentieren.
Selbst mir als medizinischen Laien fällt unangenehm auf, wie Storl über phytotherapeutische Themen schreibt: unpräzise und immer wieder fehlerhaft, dafür aber besserwisserisch und "guruhaft".

Besonders auf dem Kieker habe ich Storl, seitdem er seine merkwürdigen Behauptungen über Borreliose verbreitet. Karden-Therapie der Borreliose (auf EsoWatch) (Auch wenn ich Vieles, was auf EsoWatch steht, für eher dogmatisch antiesoterisch als skeptisch halte - im Falle Wolf-Dieter Storl hat EsoWatch meines Erachtens voll und ganz recht!)
Für Borreliosekranke sind Storls Ratschläge bestenfalls nutzlos und schlimmstenfalls lebensgefährlich. Er wird gerade von naturheilkundlich orientierten Ärzten scharf kritisiert. Dieses Buch kann Ihre Gesundheit gefährden: "Borreliose natürlich heilen" von Wolf-Dieter Storl, AT-Verlag 2007" - Kritik von Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Heilpflanzenkunde, Seminar für Integrative Phytotherapie, Winterthur.
Perdita (Gast) - 12. Jan, 14:02

Danke für die Warnung

Hallo Martin,

danke für den Artikel und Link. Du hast mich quasi in letzter Sekunde gewarnt das Buch zu kaufen.

Ich bin offen für jede neue Therapie. Mein Sohn hat Neuroborreliose, ganz übel und ist seit 2 Jahren krank zu Hause und dies mit erst 23 Jahren. Den Zeckenbiss hat er sich auf einem Truppenübungsplatz eingefangen, die Borelliose wurde erst Monate später erkannt.

Da greift Mensch gerne nach jedem Strohhalm, wobei er mit seinen Beschwerden eine Odyssee durch gemacht hat. Kaum ein Arzt war bereit ihn zu behandeln. Seine Beschwerden wurden als Macke bzw. psychosomatisch abgetan.

Nun ist er in einer sehr guten Neurologischen Klinik für 8 Wochen zur Reha und wir hoffen, dass er nun adäquat behandelt wird. Wir haben auch endlich einen neuen Hausarzt gefunden, der Borreliose behandelt.

Trotzdem möchte man auch gerne selbst etwas zur Genesung beitragen und da wäre das Buch gut gewesen. Ich selbst arbeite gerne mit Pflanzen und Kräutern im privaten häuslichen Bereich, bevor ich zu schärferen Geschützen greife.

Ich halte es da wie olle Paracelsius - allein die Dosis machts.

Aber dennoch Danke für die Warnung, wer weiss was ich meinem Sohn aus lauter mütterlicher Verzweiflung im Endeffekt noch alles angetan hätte. Nun warten wir erstmal die hoffentlich schon wirkungsvolle Reha ab und den neuen Hausarzt, der die Anschlußbehandlung übernehmen wird.

MMarheinecke - 12. Jan, 17:34

Nicht zu Danken! Gute Besserung für Deinen Sohn, Perdita!
ryuu - 13. Jan, 16:07

Kardentinktur kann bei Borreliose schon funktionieren - meine Mutter hat sich auch mal eine Borreliose eingefangen und sie damit wieder in den Griff bekommen. Aber sie hat die eben sehr früh erkannt, hatte (als alte Outdoorerin) das Thema auf dem Schirm und als Ärztin weiß sie, was sie tut. Sie hätte durchaus auch eine Antibiotikatherapie gemacht, wenn der Erregernachweis eine bestimmte Konzentration überschritten hätte.

Das problematische am Schulmedizinbashing von Leuten wie Storl ist m.E., daß es Leute von sinnvollen Behandlungen abbringen kann und unnötige Gräben aufreißt.

Ceterum censeo: Borrelien sind fiese Scheißdinger.

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