Donnerstag, 3. September 2009

Pseudowissenschaftliche Mimikry: Entsäuerung

Neben der "Entschlackung" (als ob unser Stoffwechsel ein Hochofen wäre) ist die "Entsäuerung" eines der häufigsten pseudowissenschaftlichen Schlagworte, mit der Diäten und Nahrungsergänzungsmittel angepriesen werden.

Entsäuerung ähnelt in mancher Hinsicht dem inzwischen aus der Mode gekommenen "Biorythmus". Die Vertreter des "Biorhythmus" behaupten, dass sich die "gute und schlechte Tage" eines Menschen mit einem einfachen Rechenverfahren aus drei "Grundrythmen" zu 23, 28 und 33 Tage berechnen ließen. Der Aussagewert dieses Biorythmus entspricht etwas dem Versuch, durch Würfeln "gute" und "schlechte" Tage bestimmen zu wollen. Es gibt aber eine seriöse wissenschaftliche Disziplin, die Chronobiologie, die mit naturwissenschaftlichen Methoden die zeitliche Organisation von Lebewesen untersucht - die "biologischen Rhythmen". Der Hype um den "Biorythmus" in den 1980er Jahren ist ohne diese beabsichtigte Verwechslung kaum zu erklären. Die "innere Uhr" gibt es wirklich, nur läuft sie nicht so gleichmäßig, dass irgendeine Rechnung mit starren Zyklen Sinn machen würde.

Nach einem ähnlichen Prinzip, das man "pseudowissenschaftliche Mimikry" nennen könnte, funktioniert die "Entsäuerung". Sie beruht unter anderem darauf, dass wahrscheinlich jeder schon mal etwas vom wichtigen Säure-Basen-Haushalt in unserem Körper gehört hat, von der Übersäuerung der Muskulatur bei zu hartem Training und von den üblen Folgen eines zu hohen Harnsäurespiegels.
Anhänger der Idee der allgemeinen "Übersäuerung" unseres Körpers behaupten, dass unser Stoffwechsel ständig Säureattacken neutralisieren muss, damit die Zellen und der Stoffwechsel normal funktionieren. Unsere heute übliche Lebensweise und Ernährung wird für andauernde, heftige Säureattacken verantwortlich gemacht. Auf die Dauer führe das zu einer allgemeinen Übersäuerung in den Geweben. Glaubt man einige Anhängern der "Übersäuerungshypothese", die ich im Folgenden einfach "Entsäuerer" nenne, ist Übersäurung verantwortlich für nahezu alle Zivilisationskrankheiten und allgemeinen Befindlichkeitsstörungen.

Das erste "Original": Der Säure-Base-Haushalt
Der Säure-Base-Zustand im durchbluteten Körpergewebe entspricht dem des Blutes. (Die Oberhaut oder z. B. die Schleimhäute in Magen und Darm weichen davon ab, aber das spielt in diesem Zusammenhang keine Rolle.) Der "Laborwert", der den Säure-Base-Zustand des Blutes angibt, ist der pH-Wert. Je niedriger der pH-Wert ist, desto saurer ist das Blut - und je höher, desto basischer. Destilliertes Wasser ist neutral und hat einen pH-Wert von 7, Essig hat einen pH-Wert von etwa 2,5, Magensäure von 1,0 - 1,5, der von der Bauchspeicheldrüse abgegebene Darmsaft 8,3 und Seife einen von 9 - 10.
Unsere Körperzellen können nur in einem bestimmten, leicht basischen Bereich arbeiten, deshalb hat das Blut beim gesunden Menschen einen pH-Wert von 7,37 bis 7,45. Vor allem die Lunge, die Leber und die Nieren halten das notwendige Verhältnis von Säuren und Basen im Gleichgewicht.
Bei einigen Krankheiten, vor allem schweren Infektionen, aber auch bei Vergiftungen oder nach langem Hungern, kann sich das Gleichgewichts verschieben. Liegt der pH-Wert unter 7,37 (was chemisch gesehen immer noch im basischen, nicht im sauren Bereich wäre), spricht man von Übersäuerung (Azidose), bei einem pH-Wert über 7,45 von einer Alkalose. Menschen, bei denen das der Fall ist, sind in Lebensgefahr und müssen intensiv behandelt werden. Bei den meisten Krankheiten weicht der pH-Wert des Bluts - und damit der durchbluteten Gewebe - allerdings nicht vom Normalbereich ab.

Das zweite "Original": die Harnsäure
Ein zu hoher Harnsäurespiegel im Blut kann zu Gicht, zur Harnsäure-Nierensteinen und im Extremfall zu Harnsäureinfarkten führen. Der häufigste Grund für eine erhöhte Harnsäurekonzentration (mehr als 0,4 mmol/l) ist die unzureichende Harnsäureausscheidung über die Nieren. Der Harnsäurespiegel ist z. B. beim erblichen Lesch-Nyhan-Syndrom erhöht, tritt aber auch bei der Fettstoffwechselerkrankung Hypertriglyceridämie auf, die durch hohes
Übergewicht oder starken Alkoholkonsum begünstigt wird. Auch eine starke Bestrahlung durch Röntgen- oder Gammastrahlen, etwa bei einer Strahlentherapie, kann den Harnsäurespiegel erhöhen. Aber auch die Ernährung beeinflusst den Harnsäurespiegel, und zwar durch die Aufnahme von Purinen. In Fleisch - vor allem Innereien wie Leber und Niere - in Fisch und in Hefe sind viele Purine enthalten, aber auch in Hülsenfrüchten und Nüssen. Stark purinhaltig sind auch Bier und Cola. Die Purine in Kaffee, schwarzem Tee und Kakao werden übrigens nicht zu Harnsäure abgebaut, deshalb gilt der Rat "kein Bohnenkaffee bei Gicht" als veraltet. Der Harnsäurespiegel kann z. B. nach einer reichlichen Fleischmahlzeit mit viel Bier kurzfristig deutlich ansteigen, reguliert sich beim gesunden Menschen aber schnell wieder ein.

Das dritte "Original": der Milchsäurespiegel
Der "Milchsäurespiegel" wird normalerweise angegeben durch den Lactatwert. Bei starker Muskelbeanspruchung kann es zum Anstieg des Blut-Lactatgehaltes kommen, wenn dem Muskel nicht genügend Sauerstoff zugeführt wird. Dann spricht man von anaerobe Bedingungen. Steht den Muskelzellen zu wenig Sauerstoff zur Verfügung, stellen sie auf "Notbetrieb" um und gewinnen Energie durch eine Prozess, der der Milchsäuregärung entspricht. Die dabei anfallende Milchsäure (Lactat und H+) wird aus den Zellen geschwemmt und mit dem Blut abtransportiert. Früher vermutete man, dass dieser Vorgang die Ursache des Muskelkaters sei ("Muskel ist sauer geworden"). Beim "anaeroben Betrieb" macht der Körper sozusagen "Sauerstoffschulden", die anschließend mit tiefen Atemzügen "zurückgezahlt" werden müssen. (Gegensatz: aerobe Bedingungen, Muskeltätigkeit mit ausreichend Sauerstoff. Die bekannte Tanzgymnastik "Aerobic" hat ihren Namen danach, dass bei ihr immer genug Sauerstoff für aerobe Muskeltätigkeit eingeatmet wird. Beim Laufen gilt die Faustregel: "Aerobisch ist Laufen ohne Schnaufen.")

Die Mimikry: die Übersäurungshypothese
Glaubt man den "Entsäuerern", dann führen die vermutete Übersäuerungen im Gewebe zu einer erhöhten Infektanfälligkeit. Außerdem soll Übersäuerung angeblich Hauterkrankungen, Allergien, Cellulitis, Asthma, Tinnitus, Kopfschmerzen, Gelenkerkrankungen und Osteoporose, Erschöpfungszustände und chronische Müdigkeit verursachen. Einige "Übersäuerungs-Experten" führen sogar die Arteriosklerose, die über Durchblutungsstörungen zum Herz- und Hirninfarkt führen kann, auf Säureüberschuss zurück.
Gegen die vermutete Übersäuerung wird empfohlen, dass weniger Säuren und mehr Basen mit der Nahrung aufgenommen werden sollen. Außerdem soll die Ausscheidung von Säuren gefördert und deren Neubildung im Körper gehemmt werden. Daraus leiten die "Entsäuerer" ihre Ernährungsempfehlungen ab. Ungünstige Nahrungsmittel sind demnach Kaffee, schwarzer Tee, Cola, Alkohol, Fleisch, Hartkäse oder Süßigkeiten. Stattdessen sollen mehr frisches Obst und Gemüse und vor allem Kartoffeln auf dem Speiseplan stehen.
Für Menschen mit erhöhten Harnsäurespiegel ist das eine sehr sinnvolle Diät (abgesehen vom Verzicht auf Kaffee und Tee, deren Purine nicht zu Harnsäure abgebaut werden). Anderen Menschen kann sie zumindest gesundheitlich nicht schaden.
Ein anderer sinnvoller Rat der "Entsäuerer" ist es, regelmäßig, in Maßen und in Ruhe zu essen. Auch gegen den Rat, Stress zu vermeiden, Entspannungstechniken wie autogenes Training zu praktizieren und ausreichend zu schlafen, lässt sich schwerlich etwas sagen.
Um die Säureausscheidung zu verstärken, empfehlen die "Entsäuerer" viel Bewegung, Kneipp-Anwendungen und Saunagänge.
Auch wenn das den ph-Wert der Gewebe nicht erhöht, ist das bei den meisten Menschen gesundheitsfördernd.

Also ist "Entsäuern" zwar medizinischen gesehen Unfug, aber wenigstens ein Unfug, der nicht schadet, sondern eher nützt?
Das wäre der Fall, wenn die "Entsäuerer" nicht zusätzlich zu ihren sinnvollen oder wenigstens unschädlichen Gesundheitsratschlägen Nahrungsergänzungsmittel wie "Basentabletten" oder "Basenpulver" anpreisen würden. Diese Präparate sind unterschiedliche Mischungen aus Spurenelementen und anderen Mineralstoffen, oft auch in Kombinationen mit weiteren Stoffen wie Vitaminen. Diese Präparate sollen den Ausgleich des Säure-Basen-Haushalts unterstützen und werden außer im Esoterik-Handel auch in Reformhäusern und sogar in Apotheken angeboten.
Das Dumme ist nur, dass basische Mineralien schon im Magen mit einer starken Säure in Kontakt kommen und neutralisiert werden. Allenfalls steigt der pH-Wert der Magensäure etwas an.
Außerdem bestehen die Entsäuerungspräparate durchweg aus vergleichsweise preiswerten Zutaten, und werden zu manchmal abenteuerlich hohen Preise verkauft.

Was ist also vom "Entsäuern" zu halten?
Störungen des Säure-Basen-Haushalts sind unstrittig gefährlich, ein zu hoher Harnsäurespiegel kann zu Gicht, Harnsäure-Nierensteinen und Harnsäure-Infarkten führen, und beim Ausdauersport sollte man den Michsäurespiegel (Laktatspiegel) niedrig halten.

Hingegen gibt es die "Gewebeübersäuerungen", jedenfalls in der Form, in der sie von den "Entsäuerern" angenommen werden, wahrscheinlich überhaupt nicht. Außerdem reguliert der menschliche Organismus gerade den Säure-Basen-Haushalt enorm effizient.
Die Behauptung, dass nahezu alle Zivilisationskrankheiten durch eine allgemeine Übersäuerung verursacht oder wenigsten mitverursacht werden, ist wissenschaftlich nicht belegt und noch nicht einmal plausibel.

Die allgemeinen Empfehlungen der "Entsäuerer" sind meistens gesundheitsförderlich oder wenigstens nicht schädlich. Aus der Sicht der Naturheilkunde sind richtige Ernährung, Bewegung, Entspannung und Kälte- und Wärmereize wichtige Säulen einer ganzheitlichen, ursächlichen, Behandlung von Krankheiten. Darüber hinausreichende spezielle "entsäuernde" Präparate sind dagegen sinnlos - (und meistens noch nicht einmal "gute" Placebos).
Schlimmer noch: stark mineralhaltige Präparate sollten grundsätzlich nur nach Rücksprache mit dem Arzt oder Heilpraktiker eingenommen werden, da bei Überdosierungen gefährliche Nebenwirkungen möglich sind.
Ein weiteres Risiko besteht darin, dass stark auf die "Übersäurungs"-Hypothese fixierte Patienten (und Heilpraktiker) unter Umständen die möglichen wirklichen Ursachen (Grunderkrankungen) für die Symptome übersehen. Das kann die Diagnose der Grunderkrankungen verzögern, zu Fehldiagnosen führen, oder sogar dazu, dass notwendige medizinische Behandlungen versäumt werden.

Montag, 31. August 2009

Zitate zur Lage der Nation

Drachen im Nordseewind 2

"Die meisten NPD-Wähler wählen nicht die NPD, obwohl es sich um Nazis handelt, sondern weil es Nazis sind."
NPD-Wahlerfolge im Osten: Die Mär von der Protestpartei

"Die rechnerisch stabilste Mehrheit in Thüringen bestünde übrigens aus CDU und Linken - absurd? Warum sollen die beiden großen konservativen Parteien im Osten nicht endlich mal öffentlich kooperieren?" Claus Christian Malzahn auf Spon

"Halten Sie die verrottete und verschuldete SPD (lange Pause) NPD aus dem Landtag heraus." SPD-Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier beim Wahlkampfabschluß der sächsischen SPD in Dresden. Quelle: Junge Welt.

"Wir haben die Gesetze zur Terrorabwehr nicht verschärft, wir haben sie gemeinsam weiter verbessert und damit den Erfordernissen einer wirksamen Terrorismusbekämpfung angepasst." Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU) im Interview im Hamburger Abendblatt. Lesenswert der Kommentar dazu auf Gulli.

"Wenn man die Anmerkungen hier so liest, erhält man den Eindruck, daß sich auf jedem Spielplatz, an jedem Strand pro Kind mindestens 4 Pädophile aufhalten würden:
Einer, der die Kinder lüstern betrachtet und phantasiert, ein weiterer, der in den Büschen masturbiert, der dritte fotografiert die Kleinen und Nummer vier versucht sie fortzulocken.

Vielleicht sollten die anwesenden Eltern mal für ein paar Wochen auf die bunte Presse und das Fernsehen verzichten, damit die Weltsicht wieder grade gerückt wird."
User "Johann" im Eltern.de Forum

"Der Kauder ist der katholischste Protestant, den ich kenne. Wenn´s ums C geht, wird der zur Dampfwalze." Georg Brunnhuber (MdB CDU) über seinen Fraktionsvorsitzenden Volker Kauder. Quelle: welt.de: "Evangelikale als eine Macht in der deutschen Politik".

Ergänzung: Deutschland im Sommer 2009 (Behindertenparkplatz)

Sonntag, 30. August 2009

Evolutionsbiologie in Deutschland - auch ein Trauerspiel

Wer hierzulande an Kreationisten denkt, denkt meisten an den "Bible Belt" der USA. Allerdings gibt es auch bei uns Kreationisten - und sie sind keineswegs einflusslos.

Der Kreationismus (eingedeutscht aus engl. creationism von creation = Schöpfung, nicht zu verwechseln mit Kretinismus, abgeleitet von frz. crétin = Idiot) hat mehrere Richtungen. Ihnen gemeinsam ist, dass sie die Evolutionstheorie des Lebens ablehnen, eine abrahamistischen Religion angehören und die Schöpfungsgeschichten des Buches Genesis als ihre Primärquelle ansehen. Dem "Schöpfungsbericht", wie sie die beiden Schöpfungsgeschichten (Gen.1 und 2,1-4 sowie Gen. 2 5-25) nennen, billigen sie den Wert einer (wissenschaftlichen) Tatsache zu. Daraus ergibt sich, dass längst nicht jeder, der an eine Schöpfung glaubt, Kreationist ist.
Seinen Ursprung hat der "moderne" Kreationismus tatsächlich im "Bible Belt" der USA, vor allem im südlichen Mittleren Westen, den Staaten Kansas, Missouri, Kentucky, Tennessee und Oklahoma, in denen gut 9/10 der Bevölkerung Baptisten, Methodisten oder Angehörige evangelikaler Freikirchen sind. Von dort aus breitete sich der Kreationismus auch auf die Angehörigen anderer Konfessionen und auf andere Regionen der USA aus. Während extreme Formen des Kreationismus, z. B. der "junge Erde Kreationismus" (dessen Anhänger glauben, die Erde sei nur rund 6000 Jahre alt) auf Fundamentalisten beschränkt sind, gibt es gemäßigtere Kreationisten (die nicht alles aus dem Buch Genesis wortwörtlich nehmen) auch unter nicht-fundamentalistischen Anhängern abrahamitischer Religion. Die wichtigste Spielart des um wissenschaftlich Plausibilität bemühten Neokreationismus ist "Intelligent Design". Neokreationisten legen Wert darauf, keine Fundamentalisten zu sein und nennen sich meistens nicht selbst Kreationisten. Gemäß dem auch als "Kreationismus light" verspotteten "Intelligent Design" (ID) soll ein "intelligenter Designer" (gemeint ist selbstverständlich Gott) die Evolution angeregt und gesteuert haben, wobei ID-Anhänger die Ansicht vertreten, dass Komplexitätskriterien zwingend beweisen oder sehr wahrscheinlich machen würden, dass das Leben auf ähnliche Weise entstanden sein muss wie vom Menschen für einen Zweck geschaffene Nutzgegenstände. Theologische Kritiker werfen dem ID vor, er reduziere Gott zum Lückenbüßer (meiner Ansicht nach zurecht), während Kritiker von naturwissenschaftlicher Seite die Wissenschaftlichkeit von I.D. bestreiten, weil sie ihre Behauptungen mit den Methoden der Wissenschaft nicht überprüft und gegebenenfalls falsifiziert werden können. (Womit sie meiner Ansicht nach voll und ganz Recht haben!)
science defenders
Wie sieht es in Deutschland aus? Wenn man dem Biologiedidaktiker Christoph Lammers folgt, trübe: Die gedankliche (Er)Schöpfung... (hpd). Achtzehn Prozent der Deutschen glauben nicht, dass es einen gemeinsamen Vorfahren von Menschen und Affen gäbe. Auch deutsche Kreationisten wollen, dass ihre Kinder auf evangelikalen Schulen unterrichtet werden, die sich vor allem an der Bibel orientieren (z. B. in der Georg Müller Schule in Bielefeld). Auch der Einfluss kreationistischer Bücher sei nicht zu vernachlässigen. Diese würden zuhauf an Schulen verschenkt, beispielsweise ein Biologiebuch von R. Junker und S. Scherer, welches an seriösen Schulbüchern orientiert sei und sich eines wissenschaftlichen Sprachduktus’ (ID) bedient. Im Vorwort der Ausgabe von 2002 hatte der heutige Thüringer Ministerpräsident Althaus ein positives Vorwort formuliert, welches allerdings bis zur nun 6. Auflage zurückgezogen wurde.
Gott oder Darwin? - Der Kreationismus auf dem Vormarsch (scinexx)
Im April 2007 brachte eine Umfrage unter Studienanfängern der Universität Dortmund erschreckendes zu Tage: 1.228 Lehramtsstudenten, darunter 148 angehenden Biologielehrer, sollten zu insgesamt 108 Aussagen pro und Kontra Evolution Stellung nehmen. Immerhin jeder achte Studienanfänger zweifelte daran, dass überhaupt eine Evolution der Arten stattgefunden hat und konnte sich nicht vorstellen, einen gemeinsamen Vorfahren mit den Schimpansen zu teilen.
Da Deutschland an und für sich nicht als Hochburg der christlichen Frömmigkeit gelten kann, und der Fundamentalismus in den großen Kirchen eher eine Randerscheinung ist, beruht der Vormarsch des ID hierzulande vermutlich eher auf einer Schwäche der Evolutionsbiologie in Deutschland als auf der Stärke der Kreationisten. Damit stellt sich die Frage:
Warum hat der "Darwinismus" in Deutschland einen so schlechten Stand?

Dittmar Graf, Professor für Didaktik der Biologie und Leiter der Dortmunder Umfrage ist der Ansicht, dass schon bei Schülern vielfach das Wissen über die Schöpfungslehre ausgeprägter als das über die Evolutionstheorie: "Wenn Schüler zum ersten Mal mit dem Thema Evolution konfrontiert werden, haben sie bereits eine Vielzahl eigener Konzepte generiert, die oft stark mit religiösen Ansichten durchdrungen sind." An den meisten Schulen wird die Evolutionstheorie erst ab der neunten, in vielen sogar erst in der elften Klasse, vorher wird die Thematik allenfalls gestreift. Mit der Folge, dass die nach der zehnten Klasse abgehenden Schüler ihre Schullaufbahn schlimmstenfalls "evolutionsfrei" beenden. Graf hofft, dass sich sich die Einstellung besonders bei den Biologie-Studenten während des Studiums noch ändert.

Womit wir bei einem weiteren Problem wären: Laut dem Aufruf der VolkswagenStiftung zum Ideenwettbewerb "Evolution heute" aus dem Jahr 2008 seien selbst viele Biologen beim Thema Evolution auf einem veralteten Wissensstand.
Ein Grund dafür könnte sein, dass es an deutschen Universitäten vergleichsweise wenige Evolutionsbiologen gibt.

Der Ruf des "Darwinismus" leidet in Deutschland immer noch sehr unter der biologistischen Ideologie der Nationalsozialisten. Ab 1933 konnte neben der biologistischen, aber biologisch nicht gestützten Rassenideologie der Nazis kaum noch seriöse Evolutionsforschung betrieben werden. Aber auch der brutale Sozialdarwinismus eines Adolf Hitlers, eines Alfred Rosenbergs oder Heinrich Himmler kam nicht aus dem Nichts: schon vor 1933 hatte die aufklärerische Haltung Darwins gegenüber den Sozialdarwinisten einen schlechten Stand. Zum Teil mag das daran liegen, dass die Evolutionstheorie im deutschen Sprachraum vor allem von Ernst Haeckel popularisiert wurde. Haeckel war ein hervorragender Biologe, er gilt als Begründer der Ökologie (auch der Begriff wurde von ihm geprägt), und erarbeitete er eine ausführliche embryologische Argumentation für die Evolutionstheorie. Allerdings vertrat er auch sozialdarwinistische Ansichten, neigte zum Rassismus, war ein Befürworter von Eugenik und "Rassehygiene" und sein Nationalismus wurde im Alter immer chauvinistischer und polemischer.
Auch wenn Haeckels Werke wohl zu "sperrig" für den ideologischen Gebrauch der Nazis waren, und es in Nazideutschland nicht zu einer einheitlichen festgelegten Einschätzung Haeckels kam, beriefen sich Nazi-"Rassehygeniker" oft auf ihn. Haeckel trieb den "naturalistischen Fehlschluss" auf die Spitze, indem er die Kulturgeschichte mit der Naturgeschichte gleichsetzte, da beide seiner Meinung nach den gleichen Naturgesetzen gehorchten. Damit dürfte er das Denken der Nazis beeinflusst haben. David Gasmann und unabhängig davon Richard Weikart sehen in Haeckel sogar einen Vordenker des Nationalsozialismus.
Wie auch immer: nicht nur Sozialwissenschaftler denken beim Wort "Darwinismus" sofort an "Sozialdarwinismus". Der für weite Teile der deutschen Gesellschaft typischen Hang zum "nachgeholten moralischen Widerstand" - je länger das nazideutsche Reich untergegangen ist, desto stärker wird es im heutigen Deutschland "bekämpft" - führt meines Erachtens dazu, dass Evolutionsbiologie und übrigens auch Genetik in Deutschland als "prolematisch" gelten.

Einen weiteren, überraschenden, Grund für die Unbeliebtheit der Evolutionsbiologie gaben in "Bild der Wissenschaft"-Beilage bdw-plus zum Thema "Evolution" gleich zwei der befragten Forscher an: Es gäbe in Deutschland so wenige Evolutionbiologen, weil es so viele Neurobiologen gäbe.
Nico Michiels, Professor für Evolutionsökologie in Tübingen, meint, das läge daran, dass die Deutschen technikbesessen seien, und entsprechend mechanistisch gedacht würde. Professor Manfred Milinski vom Max-Plank-Institut für Evolutionsbiologie in Plön, verwies auf die Dominanz der Neurophysiologie in Deutschland und deren mechanistische Sicht.
Ob Neurobiologen wirklich mechanistisch denken, sei einmal dahingestellt. Für einen angehenden Biologen, dem oder der es auf großes Prestige ankommt, ist die Neurobiologie jedenfalls attraktiv, und nicht nur, weil da die tollen High-Tech-Geräte benutzt werden, während Evolutionsbiologen der Ruf, ihre Arbeitszeit mit "Käfersammlern", "Blättervergleichen" und "Bakterienzählen" zu verbringen, anhaftet. Über einen Genforscher, der das "Schwulen-Gen" entdeckt haben will, empören sich - zurecht - große Teile der deutschen Öffentlichkeit. Nicht minder fragwürdige Ergebnisse der Neurobiologie, etwa über den Sitz soziophatischer Neigungen im Gehirn, werden nach meiner Beobachtung deutlich freundlicher aufgenommen.

Samstag, 29. August 2009

Prognosen: Prinzip "Astro-TV"

Eine der wenigen Fragen, bei denen ernsthafte Esoteriker und noch ernsthaftere Skeptiker einer Meinung sind, ist die nach der Seriosität von Astro-TV (hier die herrliche Parodie von Harald Schmidt). (Wobei diese Beraterin keine Parodistin ist.)
Astro TV ist ein Fernsehprogramm für "esoterische Telefon-Beratung" und wäre meiner Meinung nach ganz amüsant, wenn ich nicht das dumme Gefühl hätte, dass dort naive Ratsucher über den Tisch gezogen würden. Schadenfreude über Naivität (nicht Dummheit!) ist nicht mein Ding. Weshalb ich auch Schmidts Autoquartett-Tarot oder seine "essbaren Runen" umso amüsanter finde.

Sieben sprachliche Tricks stellte ich in diesem Beitrag vor: Wie man "irgendwie immer" stimmende Zeitungshoroskope schreibt. Schon damals hatte ich den Eindruck, dass diese 7 Regeln auch bei "seriösen" Prognosen angewendet werden, egal, ob sie die Börsenkurse in der nächsten Woche, die Konjunktur im nächsten Jahr, die demographische Entwicklung der nächsten 20 Jahre oder das Weltklima der nächsten 100 Jahre vorhersagen.

Über die rein sprachlichen Tricks hinaus erinnern mich vor allem Wahlprognosen lebhaft an Astro-TV. Die bei Wahrsagern beliebte Methode, sich selbst erfüllende Prophezeihungen zu machen, ist laut dieser Pressemiteilung der "Piratenpartei" (Wahlumfragen wertlos) auch bei "Emnid" Gang und Gebe.

"Nicht nur die Zahlen sind wichtig, sondern die beabsichtigte Wirkung und der Mechanismus" meint Prof. Dr. Gerd Bosbach, Spezialist für Statistikmissbrauch. Einige der Beispiele aus einem Vortrag, den er an der VHS Köln hielt (Die verschaukelte Bevölkerung) scheinen eher aus dem Umfeld der Jahrmarkts-Wahrsager, Zeitungsastrologen und des Telefon-Tarot zu stammen, als aus dem, was man als naiver Bürger für "seriöse Wissenschaft" halten würde - ginge es nicht um so ernste Thema wie Arbeitslosenzahlen, Gesundheitsausgaben oder die Sicherheit der Renten. Dabei kommt ein auch von TV-Wahrsagern gern benutztes Prinzip zum Tragen, das Voltaire so auf den Punkt brachte:
Je häufiger eine Dummheit wiederholt wird, desto mehr bekommt sie den Anschein von Klugheit.
(Die daraus von Robert A. Heinlein abgeleitete Faustregel lautet: "Was jeder weiß, stimmt garantiert nicht!")
Ein aktuelles Beispiel einer Täuschung mit Statistik, die gelingt, weil "jeder weiß", dass Geld etwa Reales sein soll, hat die Sargnagelschmiede aufgespießt.

Manchmal wird sogar auf Spon deutlich, wie sehr Wirtschaftsprognosen den Ereignissen hinterherhecheln. Oder wie es Euckens Erbe ausdrückt:
Die Schätzung des Wirtschaftswachstums weist genau das selbe Phänomen auf. Ständig muß korrigiert werden, weil die Erwartungen nicht eintreffen. Die Vorhersagen für das Jahr 2009 wechselten um satte sieben Prozent zwischen 1 Prozent Wachstum im vergangenen Sommer und minus sechs im Frühjahr. Mittlerweile wird schon wieder angehoben: Muster ohne Wert und Verlässlichkeit.
Auch wenn er speziell den Spezialdemokraten Peer Steinbrück auf's Korn nimmt - mir fällt bei Prognosen, deren Urheber nach deren Fehlschlagen immer noch geglaubt wird, zuerst Professor Sinn ein, was Steinbrücks selektives Erinnerungsvermögen keineswegs entschuldigt - er hat darin recht, dass etwa für die Schätzung der Staatseinnahmen oder das prognostizierte Wirtschaftswachstums eines gewiss ist: Die genannten Zahlen treffen nicht ein.
Dass den "Öchsperten", wie Chat Atkins sie nennt, dennoch immer wieder geglaubt wird, hat wohl ähnliche Ursachen wie die, aus denen es Astro-TV-Stammanrufer gibt, oder die, aus denen nach einer repräsentativen Allensbach-Umfrage rund 80 % der Bevölkerung in Deutschland über 16 Jahren regelmäßig oder manchmal in Zeitungen und Zeitschriften ihr Horoskop lesen. Wobei ich dieser Allensbach-Umfrage auch nicht über den Weg traue ...

Freitag, 28. August 2009

Kackbraune Terroristen?

Man vergleiche das mediale Echo auf diesen kackbraunen "Hobbychemiker und Waffensammler" mit dem auf die dilettantischen Möchtegern-Djihadisten der "Sauerlandgruppe":
Gegen den 22-jährigen Neonazi aus Südbaden, der möglicherweise Bombenanschläge geplant hat, ist laut Medienberichten mittlerweile Haftbefehl erlassen worden. „Mit den bei einer Hausdurchsuchung entdeckten Chemikalien hätte der Mann innerhalb weniger Stunden explosionsgefährliches Material herstellen können“, sagte ein Polizeisprecher bei einer Pressekonferenz in Lörrach.

Außerdem stellte die Polizei zwei Gewehre und drei Pistolen, Messer, Dolche und Bajonette sicher. „Bei seiner Festnahme führte er zwei Messer im Rucksack und eines im Gürtel mit sich“, teilte ein Polizeisprecher weiter mit.
Haftbefehl gegen JN-Funktionär: Anschläge auf Antifas geplant?

Damit will ich nicht dazu aufrufen, wieder einmal die Gefahr des Rechtsterrorismus an die Wand zu malen. Das übernehmen zuverlässig unsere Innenpolitiker und "Sicherheitsexperten". Günther Beckstein, damals bayrischer Innenminister, warnte vor gut fünf Jahren vor einer “Braunen-Armee-Fraktion”. Seit mindestens 20 Jahren wird die Gefahr des Rechtsterrorismus immer wieder herbeigeredet. Es ist auch nicht das erste Mal, dass ein Neonazi beim Bombenbasteln erwischt wurde. Allerdings erwiesen sich manche von ihnen als V-Leute des Verfassungsschutzes.

Es gibt einen "Terror von rechts", allerdings sind seine Waffen keine Bomben, sondern Schlagringe, Baseballschläger und Benzin. Die Blutspur der inwändig braunen Schläger ist unübersehrbar und breit. Angriffe gegen Immigranten, sozial Schwache oder (vermeintlich oder tatsächlich) Linke und selbst Morde sind keine Einzelfälle. Opferverbände geben über hundert Tote an, die in den letzten Jahren auf das Konto der Ultrarechten gingen.
Das ist allerdings nicht das, was gemeinhin unter Terrorismus verstanden wird. Die meisten dieser Anschläge entwickelten sich "spontan", ohne große Planung - aber durch Täter, die fest davon überzeugt sind, dass ihre brutalen Taten bei "den Leuten" gut ankämen. Womit sie leider oft recht haben. Gegen spontan und lustvoll handelnden Gewälttäter helfen weder die Infiltration durch V-Leute noch hoher Überwachungsaufwand.

Dass die Ursachen rechter Gewalt in der "Mitte der Gesellschaft" zu suchen seien, ist längst eine Binsenwahrheit. Tatsächlich ist es so, dass es aus der Sicht eines Rechtsextremisten so erscheinen muss, dass "die Politik" insgeheim im Großen und Ganzen so denken würde wie er, nur nicht den "Mut" hat, so "konsequent durchzugreifen", wie es die Rechtsextremen gerne hätten.
Beispiele für eine Politik nach dem Herzen der Rechtsextremisten ist die "Festung Europa". Abschotten, auch mit Gewalt, gegen dunkelhäutige "Untermenschen" aus Afrika, das ist nach Unmenschens Geschmack. Wenn zum Beispiel selbst Kinder in Flüchtlingslagern interniert werden, dann sagt er "recht so!".
Es ist offensichtlich, dass die deutschen Gesetze gegen Einwanderung, die Abschiebeknäste und die de-facto Abschaffung des Asylrechtes Anfang der 1990er Jahre nicht ohne ein entsprechendes Weltbild und auch nicht ohne die Vermutung, dass man damit Wahlen gewinnen oder zumindest nicht verlieren würde, politisch erklärbar sind. Unser Rechtsextremist wird auch die immer noch weit verbreiteten rassistischen Vorurteilen der Bevölkerung beifällig zu Kenntnis nehmen, und auch nichts dagegen haben, dass öffentlich gegen "Faulenzer und Schmarotzer" gehetzt wird - das "gesunde Volksempfinden" funktioniert noch!
Auch an die fixe Idee, beispielsweise in der CDU, Deutschland besäße ein kulturell definierbares Volk, die regelmäßig "Leitkultur"-Debatten nach sich zieht, kann die rechtsextreme Gesinnung bequem anknüpfen.
Selbst der Ruf nach dem Obrigkeitsstaat, der von den unermüdlichen Warnern vor einer "abstrakt erhöhten Terrorgefahr" ausgeht, dürfte den Beifall unseres Rechtsextremen finden. Selbst wenn es zufällig gegen ihn gehen sollte: das versteht er, so denkt er auch: Hart durchgreifen, der Staat muss Flagge zeigen, Null Toleranz!

Warum also das unterschiedlich starke Echo auf Bombenbastler mit islamistischen und mit rechtsextremen Hintergrund? Ich vermute, das psychologische Prinzip, Schuld immer bei den "Anderen" zu sehen, spielt dabei eine Rolle: der Islamofaschismus - anders kann ich die Ideologie der Djihadisten schwerlich nennen - ist das "ganz Andere", die rassistische Paranoia "moderner" europäischer Rechtsextremisten "neurechter" und "klassisch" neonazistischer Bauart ist, jedenfalls in einige Aspekten, nicht allzu weit vom "politischen Mainstream" entfernt.

Mittwoch, 26. August 2009

Zeichen der Hoffnung

Ein kleiner Trost, in Zeiten, die lausig scheinen:
Kommandieren ... Damit hatte sie es nun sonst nicht leicht. Denn wo sich die Schweden beugen, verbeugen sie sich höflich, weil sie es so wollen. Sie gehorchen nur, wenn sie eingesehen haben, daß es hier und an dieser Stelle nötig, nützlich oder ehrenvoll ist, zu gehorchen ... sonst hat einer, der in diesem Lande herrschen will, wenig Gelegenheit dazu. Man verstände ihn gar nicht; man lachte ihn aus und ginge seiner Wege.
aus: Kurt Tucholsky, Schloss Gripsholm
Als Tucholsky dies 1931 schrieb, da stellte er die - etwas idealisierte - Haltung der Schweden zum Gehorsam dem damals in Deutschland wahrlich nicht nur in extrem rechten Kreisen als "Tugend" verklärten "unbedingten Gehorsam" gegenüber.
Es ist, bei allen neuen obrigkeitsstaatlichen Tendenzen, erfreulich, dass der Untertanengeist, den Tucholsky so fürchtete und unter dem er so litt, nur noch in wenigen deutschen Köpfen spukt.
Meine Hoffnung für die deutsche Demokratie und für die offene Gesellschaft, liegt nicht darin, dass die Politiker heute besser oder auch nur weniger skrupellos wären als Anfang der 1930er Jahre.
Sie liegt in den Menschen, die dem "schwedischen" Ideal Tucholskys ein gutes Stück näher gekommen sind.

Dienstag, 25. August 2009

Einige Gedanken dazu, dass es "nach Apollo" nicht weiterging

"Hat man eine Erde gesehen, hat man alle gesehen."
Harrison Schmitt (Apollo 17) über den Anblick der Erde aus dem All.

"Es" steht hierbei nicht für die Raumfahrt - die ja weiterging, wenn auch in weitaus bescheidenerem Maße, als dies 1969 allgemein erwartet wurde. "Es" steht für eine technologische, kulturelle und allgemein-gesellschaftliche Aufbruchstimmung der später 1960er Jahre, deren spektakulärstes Symbol die bemannten Mondlandung war.
Karan schrob anlässlich des Apollo-11-Jubiliäums:
Die Grundhaltung war damals: alles ist möglich. Unbegrenzt wie der menschliche Forschungsdrang erschienen die Mittel und Gelegenheiten. Und ich frage mich bis zum heutigen Tag, wann genau das eigentlich gekippt ist. Es war wohl ein gradueller Prozeß…
Am einfachsten lässt sich diese Frage noch in Hinblick auf die Raumfahrt selbst beantworten. Ich sehr das von John F. Kennedy angeschobene Mondlandeprojekt einerseits als den Versuch, der Welt die technische und organisatorische Überlegenheit der USA zu demonstrieren - und zwar ohne die Gefahr einer militärische Auseinandersetzung mit der UdSSR. Anderseits war es der clevere Versuch, ein staatliches Technologieförderungsprogramm in einem Land durchzusetzten, in dem solche Programme traditionell auf starken Widerstand stoßen. "Apollo" regte, anders als die großen Rüstungsprojekte, die beteiligten Unternehmen zur Transparenz und Zusammenarbeit an. Erfindungen, die für "Apollo" gemacht wurden, verschwanden nicht erst mal wegen der militärischen Geheimhaltung, für einige Jahre im Panzerschrank, sondern der "Spin-Off" konnte sofort an die Zivilwirtschaft weitergegeben werden. Bei "Apollo" wurde nicht nur neue Technologien erprobt, sondern auch neue Managementmethoden.
Für die Militärtechnologie war und ist der Mond uninteressant - daran ändern auch Mondflug-Projekte unter militärischer Leitung wie Horizon (US Army) oder Lunex (US Air Force) nichts, die schon in ihrer Definitionsphase starben, weil die Frage, was das Militär auf dem Mond will, nicht zu schlüssig zu beantworten war.
Für das Militär reichen Raketen, die Satelliten für die Spionage, für die militärische Kommunikation in die Umlaufbahn bringen, aus. Auch für "Killersatelliten", die andere Satelliten stören oder zerstören, braucht man weder Mondflüge, noch Sonden, die andere Planeten erreichen. Man braucht, wie die US Air Force, die 1969
entsprechende Pläne
aufgab, im Verlauf der 1960er Jahre merke, dafür auch keine bemannten Raumstationen.
Es ist daher nicht weiter verwunderlich, dass der ausgeprägte Militärisch-industrielle-Komplex der USA Apollo nur so lange unterstützte, solange das Ziel "es die Russen zu zeigen", also die Propagandawirkung und die Demonstration technischer (auch indirekt: waffentechnischer) Überlegenheit klar im Vordergrund stand. Mit der geglückten Mondlandung wurde das Apollo-Projekt uninteressant.
Übrigens dachten auch viele Menschen abseits des Militärisch-industriellen-Komplexe ähnlich. Erinnert sei an den Ausspruch des CBS-Anchorman Walter Cronkite, dass das Geld für das Apollo-Programm verschwendet gewesen sei, weil "die Russen niemals im Rennen gewesen waren." (Siehe: Die echte "Mondlandungslüge".)

Indirekt wirkten die Mondflüge über das Bild der Erde aus dem Weltraum, das nicht zufällig zur "Ikone" der Umweltbewegung wurde:
NASA-Apollo8-Dec24-Earthrise
Wenn man so will, kam erst mit der Raumfahrt die "kopernikanische Wende" im Alltagsbewusstsein an: die Erde ist nicht die "große, weite Welt", sie eine winzige, blaue Oase vor dem immensen schwarzen Hintergrund des Weltalls. Erst seit Ende der1960er Jahren gibt es so etwas wie eine geistige Globalisierung - neben der ökonomischen, die es schon spätestens seit dem 19. Jahrhundert gibt.
Wo es eine "geistige Revolution" gibt, die Hinwendung zum globalem Denken - verbunden mit den ebenfalls etwa vor 40 Jahren populär gewordenen "Graswurzel-Bewegungen, dem "lokalen Handeln", da gibt es auch Gegenkräfte. So wie es heute politische Kräfte gibt, die das Internet (übrigens auch einem "Kind" des bewegten Jahres 1969) im Sinne der "bestehenden Ordnung" zu bändigen versuchen. Nicht alle diese Gegenkräfte kamen "von oben", der Natur und Umweltschutz war lange Zeit stark konservativ (bis reaktionär) und "antitechnisch" geprägt. Es ist m. E. kein Zufall, dass eine Umweltbewegung, in der gesellschaftlich progressiv gedacht wurde, und die in moderner Technik auch Chancen und nicht nur Gefahren sah, sich erst gut zehn Jahre nach "Apollo" und "Woodstock" etablieren konnte. Vorher dominierten noch Menschen, die mit der Vorstellung, für eine florierende Wirtschaften seinen nun einmal "rauchende Schlote" notwendig, und die natürlich Ressourcen seien im Prinzip unerschöpflich, aufgewachsen waren, Politik und Wirtschaft. (Umgekehrt wurde der Natur- und Umweltschutz lange Zeit von einem starken antitechnologischen Affekt beherrscht, der selbst heute noch spürbar ist.) Auch das Denken, dass Kriege "da hinten" in Ostasien oder Hungersnöte "da drunten" in Afrika "uns" nicht angingen, ist seit der geistige Globalisierung, die in den 1960er Jahren begann, "von gestern".
Unsere heutige Kommunikation ist weltumspannend. Was immer in einem Winkel der Erde geschieht, der Rest sieht es. Kein Despot kann mehr machen was er will, ohne dass die Bilder in alle Länder gehen. Dass das den wenigsten Mächtigen und sich für mächtig haltenden, nicht passt, sollte nicht überraschen.

Dabei bedeutet "progressiv", obwohl dieser Begriff gern von (extremen) Linken gekapert wurde und wird, nicht dasselbe wie "sozialistisch". In der BRD konnte man sich dem Vernehmen nach Ende der 1960er in "linken Kreisen" schnell zum Außenseiter stempeln, wenn man im "Apollo"-Projekt einen tieferen Sinn sah. Das überstieg offensichtlich den Horizont der damals tonangebenden "linken" Kräfte. Den der Konservativen sowieso.

Vielleicht sollte man das "Apollo-Projekt" aus Ausdruck des "Unbewussten einer Organisation" sehen.
Der Ausdruck stammt vom Physiker
Richard Feynman, und wurde von ihm während der Untersuchungen zur Challenger-Katastrophe im Jahr 1986 geprägt. (Bekannt wurde sein öffentlicher Auftritt, in dem er die Folgen von Frost an den Dichtringen der Feststoff-Treibstofftanks mit einem Glas Eiswasser vorführte.) Sein von der Mehrheit abweichender Bericht äußerte sich kritisch zur bürokratischen Organisation der NASA.
Feynman wusste innerhalb einer Woche, dass ein Dichtungsring die technische Ursache des Unfalls war. Hingegen verbrachte er sechs Monate damit, herauszufinden, wie es möglich war, dass einer Organisation wie der NASA so ein haarsträubender Fehler unterlaufen konnte. Seine Erklärung:
Vor der Mondlandung stand die ganze US-amerikanische Gesellschaft hinter den Raumfahrt-Projekten. Aus durchaus unterschiedlichen Gründen, im Zweifel war es reines Prestigedenken: man wollte "vor den Russen" auf dem Mond sein. Aus politische Gründen wurde das Raumfahrtprogramm schon während der Apollo-Flüge drastisch eingeschränkt. Die Folge: in den 1970er Jahren war die NASA eine 5 Milliarden-Bürokratie, die nicht ausgelastet wa.
Also erfand sie sich einen Arbeitsauftrag, den sie der Politik (und ich ergänze: dem Militärisch-industriellen-Komplex) "verkaufen" konnte - das "Space Shuttle"-Programm. Der Shuttle-Orbiter sollten, entgegen der ursprünglich Planung, so groß sein, dass er Satelliten nicht nur starten, sondern auch bergen und zur Erde zurückbringen konnte. Außerdem versprach man, dass die Raumfahrt mit einem teilweise wiederverwendbaren System wirtschaftlicher werden würde als mit "Wegwerf-Raketen" - eine schon damals umstrittene Ansicht. Folge: das Projekt wurde, anders als Apollo sozusagen "auf Kante genäht": man musste ja zugleich "wirtschaftlich" sein wie andererseits die hohen Erwartungen der Air Force und des CIA erfüllen. Die NASA musste außerdem trotz der Vorbehalte in der Bevölkerung (die es aus verschiedene Gründen und aus verschiedene Richtungen gab) sicherstellen, dass die Gelder weiterhin vom Parlament genehmigt würden.
Feynman sagte, die NASA hätte sich sozusagen in zwei Hälften gespalten: Das obere Management war damit beschäftigt, das Space-Shuttle-Projekt der Nation zu verkaufen und wollte von Sicherheitsfragen deshalb nichts wissen. Es verdrängte die Probleme in das "Unbewusste der Organisation".

Was Feyman für die NASA feststellte, gilt, dessen bin ich mir ziemlich sicher, auch für "westlichen Gesellschaften" als Ganzes: "Von unten", in der Bevölkerung, kam nach der Aufbruchstimmung der späten 1960er Jahre (die sowieso nur einen Teil der Bevölkerung mitriss - in Westdeutschland wollte längst nicht alle mit Bundeskanzler Willy Brandt "mehr Demokratie wagen") spätestens nach der "Ölkrise" 1973 die Ernüchterung. Zudem rächte es sich in dieser Zeit, dass in den 1950er und 1960er Jahren, der Begriff "Fortschritt" (Wandel zum Besseren) in der medialen Öffentlichkeit zumeist auf "technischen Fortschritt" und dieser wiederum auf "technische Neuerungen" reduziert worden war. Wer etwas gesellschaftlich bewegen wollte, musste sich anpassen - die Umweltschützer etwa an die oft stockkonservativen Naturschützer, während die "68er" (und noch mehr "69er"-Nachläufer) beim "Marsch durch die Institutionen" das Klüngeln und den Opportunismus lernten. Andere lernten, sich und ihre Idee zu verkaufen - so gut, dass am Ende oft nur nur heiße Luft als "Idee" verkauft wurde.

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