Wie man "irgendwie immer" stimmende Zeitungshoroskope schreibt

In einem sind sich überzeuge Anhänger der Astrologie und Ablehner der Sterndeuterei fast immer einig: Darin, dass Zeitungs- und Zeitschriftenhoroskope blanker Unfug sind.
Obwohl "doch jeder" weiß, dass man über die manchmal ohne jede astrologische Berechnung erstellten "Horoskope" höchstens amüsiert lächeln kann, sind es doch nach einer repräsentativen Allensbach-Umfrage rund 80 % der Bevölkerung in Deutschland über 16 Jahren, die regelmäßig oder manchmal in Zeitungen und Zeitschriften ihr Horoskop lesen.
Nach eine nicht repräsentativen Umfrage unter ertappten Horoskoplesern in meiner Umgebung ist die häufigste Begründung für diesen auffälligen Widerspruch: "Ist zwar Humbug, aber irgendwie stimmt das schon."

Um dem Rätsel der "irgendwie immer" stimmenden Pressehoroskope auf die Spur zu kommen, hat die Germanistin Katja Furthmannaus 24 verschiedenen deutschsprachigen Zeitungen und Zeitschriften 2.880 Einzelhoroskope untersucht. Ihr besonderes Interesse als Sprachwissenschaftlerin lag in der Frage, wie die Presseastrologen es schaffen, dass die Horoskope in Massenauflagen gedruckt werden und sich dennoch so viele Menschen individuell angesprochen fühlen.

In einem Vortrag am vergangenen Dienstag an der Universität Greifswald hat Katja Furthmann dem interessierten Publikum Einblicke in die Formulierungskünste dieser Kleintexte gegeben, denn einfach mal so nebenher eines schreiben, das würde wohl nicht funktionieren. Sie dürfen nicht zu allgemein sein, dann würden sich die Einzelnen nicht angesprochen fühlen, und sie dürfen nicht zu spezifisch sein, weil sich der Leser dann auch nicht darin erkennen würde.

Sieben sprachliche Tricks muss ein Schreiber der Pressehoroskope beherrschen, damit das Pressehoroskop funktioniert.
1. Die Themen müssen umfassend präsentiert werden
Das gelingt am einfachsten durch die Verwendung aufzählender, gegensätzlicher oder alternativer Konjunktive: aber, auch, ob, zwar ... Beispiel: „Sie lieben zwar Harmonie, aber vor Stillstand fürchten Sie sich so sehr, dass Sie ständig für neue Impulse sorgen."
Ebenfalls geeignet sind variable Bezüge: Viele erreichen dies, andere tun das, manche jenes ... oder auch: könnte, vielleicht, nicht auszuschließen.
Der Grundsatz lautet: Keine klaren Zuordnungen, sondern Vermischung verschiedener Beschreibungen und Möglichkeiten.

2. Allgemeinheit durch „umbrella terms"
Durch die Verwendung von möglichst abstrakten und allgemeinen Begriffen können diese auf eine Vielzahl von individuellen, spezifischen Lebenssituationen übertragen werden. Es ist also die Rede von Projekten, Personen, Chancen, Risiken, Vorteilen, Problemen, Entscheidungen etc. ... - allesamt Mehrdeutigkeiten, mit denen der Leser seine konkreten Bezüge beinahe automatisch verbindet.
Dazu gehören auch Rahmenwörter, die unscharf bleiben, aber gerade deshalb in ihrer Mehrdeutigkeit beliebig konkret zu füllen sind. „Sie haben Sinn für Humor." Was heißt das? Dass man lacht oder dass man Witze erzählt? Ebenso funktioniert: „Es gibt Spannungen." Was bedeutet das? Krach, Streit, Schweigen? Jede Füllung passt.

3. Skala der Relativität
Eigenschaften sind stets relativ. Wichtig, neu, schnell, groß, klein, schnell, langsam, leicht schwer etc. Jeder hat seine individuellen Maßstäbe, und positive Werte haben zudem keinen eindeutigen Grenzwert. Wie wichtig ist „wichtig" und wie neu ist „neu"?
Ebenso relativ sind Formulierungen wie „manchmal", „alles", die mehrdeutig sind.

4. Allgemeine und zeitlose Wahrheit
Sprichwörter und Allgemeinplätze sind nicht widerlegbar und eignen sich besonders für unspezifische Aussagen, die der Leser spezifisch füllt. „Alles zu seiner Zeit!", „Alles hat zwei Seiten" etc. Ebenso ist eine Aussage wie „Sie haben einen heimlichen Verehrer" nicht zu widerlegen. Falls es möglich wäre, dann wäre er ja nicht mehr heimlich.

5. Anschaulichkeit und scheinbare Präzisierung
Unspezifisches lässt sich in Horoskopen auch über Phrasen und Metaphern transportieren, die vom Leser gefüllt werden. Man solle „den Ball flach halten" kann alles Mögliche bedeuten, ebenso wie „nach den Sternen greifen" u. a. m.
Metaphern sind auffüllbare Konzepte. Das Leben ist als Weg beschrieben und schon ist der Leser unterwegs im Veränderlichen. Ebenso sind Krieg und das Wetter geeignete Konzeptmetaphern, denn dass Leben „Kampf" bedeutet, das hat jeder irgendwie schon erlebt, gegen was und wen bleibt dann der Deutung des Lesers überlassen, ebenso wie „sonnige Aussichten" oder eine „trübe Zeit".

6. Pseudowissenschaftliche Evidenz
Durch die vorgebliche Berechnung von Planetenkonstellationen „Venus und Uranus im Quadrat" wird eine Fremdbestimmung suggeriert, die durch Personifizierung der Planeten noch direkter wird: „Venus flüstert Ihnen zu ..."
Geleitet von kosmischen Kräften fühlt sich der Leser in der kosmischen Einheit geborgen. Diese Verknüpfung von Pseudo-Religion und pseudowissenschaftlicher Argumentation dürfte ein wesentlicher Grund für die erfolgreiche Verbreitung der Pressehoroskope sein.

7. Inszenierung von Nähe und Beteiligung
Durch die direkte Ansprache der Leserin: „Verabreden Sie sich doch mal: Sie sind doch kein Mauerblümchen!" wird eine Nähe zur Leserin suggeriert und eine emotionale Beteiligung vorgegaukelt, als würde das Horoskop mit einem reden. Diese Absicht wird gelegentlich noch durch eine zielgruppenorientierte Einfärbung des Sprachstils abgerundet.

Diese Formulierungsprinzipien agieren nicht einzeln, sondern sind zusammenwirkende Elemente, die jede Zeitschrift für ihren eigenen Stil anders mischt. Grundsätzlich bleibt jedoch die subtile Verbindung von vage - allgemein - anschaulich, die für diese Pressehoroskope die vermeintliche Individualisierung ermöglicht, und die deshalb immer irgendwie zu stimmen scheinen.

Zum Abschluss des Vortrages sorgte Katja Furthmann für aufkommende Heiterkeit, als sie ankündigte, jedem der Zuhörer/-innen ein persönliches Horoskop für das Jahr 2007 zu stellen: „Das Jahr steckt voller Chancen. Sie müssen nur noch lernen, sie zu erkennen - und zu ergreifen."

Die umfangreiche Untersuchung, die dem Vortrag zugrunde lag, ist die Doktorarbeit der Referentin und wurde mit dem Promotionspreis der Commerzbank Stiftung an der Universität Greifswald ausgezeichnet.
Wer Genaueres wissen möchte, dem sei diese Arbeit als Buch empfohlen. Katja Furthmann: „Die Sterne lügen nicht. Eine linguistische Analyse der Textsorte Pressehoroskop." 1. Auflage 2006, 546 Seiten mit 42 Abb., gebunden. 67,90 € [D]. ISBN 3-89971-323-0; unipress.

Via: hpd-online

Übrigens habe ich den Eindruck, dass diese 7 Regeln auch bei "seriösen" in der Presse veröffentlichten Prognosen angewendet werden, egal, ob sie die Börsenkurse in der nächsten Woche, die Konjunktur im nächsten Jahr, die demographische Entwicklung der nächsten 20 Jahre oder das Weltklima der nächsten 100 Jahre vorhersagen.

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