Donnerstag, 31. August 2006

"Pirate Content"!

Wie Volkmar so schön sagt: "Selbst Jack Sparrow ( (Verzeihung: ich meinte natürlich CAPTAIN Jack Sparrow :-) ) würde diesen Bücherbrief lesen": Bücherbrief Piraten

Die aktuelle Ausgabe des "phantastischen Bücherbriefes" beschäftigt sich mit unbedingt lesenswerten Klassikern des lange etwas vergessenen, aber durch den Erfolg der Piratenfilmparodien um CAPTAIN Jack Sparrow wieder ins Gespräch gekommenen Seeräuber-Genres. Zwei der besprochenene Bücher, Robert Louis Stephensons "Die Schatzinsel" und Rafael Sabatinis "Captain Blood" sind nicht nur die Klassiker des Piratenromans, sondern zählen auch zu meinen persönlichen Lieblingsbüchern.

Ich möchte diesen Bücherbrief um einige kurze Buchtipps ergänzen:

Nicht nur für Hobby-Köche, pardon -Smutjes, interessant ist
"Das Piratenkochbuch" von Wolfram zu Mondfeld.
Wäre es ein übliches Kochbuch, wäre es wahrscheinlich unter dem Titel "Bord- und Hafenküche aus aller Welt" erschienen. Aber es ist auch ein amüsant und fachkundig geschriebenes Buch über die Geschichte der Kaperfahrerei. Kein Wunder, von Mondfeld ist ein namhafter Autor seefahrthistorischer Sachbücher und Bücher über den Bau historischer Schiffsmodelle. Die Gerichte sind manchmal solide Haus- bzw. Seemannskost, manchmal sehr exotisch, und gut nachkochbar. (Koehler, Herford, 1994)

Ein echter Klassiker des Piratenromans ist
"Captain Singleton" von Daniel Defoe
Die 172O verfassten "Lebenserinnerungen" des Abenteurers und Seeräubers Bob Singleton stehen zu Unrecht etwas im Schatten der berühmteren Romane Defoes, wie "Robinsons Crusoe", "Moll Flanders" oder "Roxane".
Er schildert das Leben eines Engländers, der als Kind aus einer wohlhabenden Familie gestohlen und schließlich nicht ganz freiwillig Seemann wird. Haupthema der ersten Buchhälfte ist Singletons Durchquerung Afrikas - eine verzweifelte Wanderung einiger auf Madagaskar ausgesetzter Seeleute, die sich zu einer europäischen Kolonie an der Westküste des damals für Europäer fast unbekannten Kontinents durchschlagen wollen. Interessant sind einige geographischen Details, die um 1700 "eigentlich" noch gar nicht bekannt gewesen sein dürften. Später steht Singletons Piratenkarriere - in der er sich bis zum Kommandanten eines großen ehemaligen Kriegsschiff "aufentert" - im Mittelpunkt. Schließlich schließt er eine bizarre Männerfreundschaft zu einem Quäker und Arzt, der an Bord eines der gekaperten Schiffe fuhr und freiwillig auf das Schiff Singletons wechselt. Am Ende wird der Piratenkapitän zu einem ehrlichen Leben "bekehrt". Wegen der außerordentlichen Sachkenntnis Defoes ist "Captain Singleton" trotz der die spannende Handlung "bremsenden" erklärenden Passagen ein, wie ich finde, sehr interessantes Buch.

Ein literarischer Klassiker ganz anderer Art ist
"Der Freibeuter" von Joseph Conrad
Conrad (eigentlich Teodor Josef Korad Korzeniowksi) - ein auf englisch schreibender polnischer Ex-Seemann - war einer der Pioniere des "literarischen Abenteueromans". "Der Freibeuter" ( 1922) ist letzte Roman, den Conrad vollendete. Held des Romans ist Peyrol, ein ehemaliger Freibeuter und "Küstenbruder", der später Geschützführer bei der französischen Kriegsmarine war. Er lebt zurückgezogen in der Nähe von Toulon, wo er auch seinen erbeuteten Goldschatz verborgen hat. Während der Kontinentalsperre Napoleons wird der alte Seebär noch einmal aktiv: es gelingt ihm Nelsons Flotte irrezuführen, damit Napoleon zum Sieg und Liebenden zum Glück zu verhelfen - um den Preis seines Selbstopfers. Ein sehr "romantisches", etwas melancholisches Buch, mit gut gezeichneten, interessanten Charakteren.

Kein "Geschichtsbuch", sondern eher ein "Geschichtenbuch" ist
"Das Bordbuch des Satans - die Geschichte der Piraterie (Auch als Die Geschichte der Piraterie - 3000 Jahre Freibeutertum erschienen) von Hans Leip
Hans Leip war Schriftsteller, Maler, Zeichner, Bildhauer und Poet. Sein bekanntestes Werk ist der Text des Liedes "Lilly Marlene", seinen literarischen Durchbruch erzielte er 1925 mit dem Seeräuberroman "Godekes Knecht", einem der besten der zahlreiche Romane um die "Vitalienbrüder", ein Thema, das er später in "Störtebeker" wieder aufnahm.
"Das Bordbuch des Satans" schildert in kurzen, fabulierfreudig und unterhaltsam erzählten Episoden die Taten von gut 150 Piraten, Kosaren, Freibeutern, vom Altertum bis heute. Trotz seines locker-ironischen, fesselnden Stils ist es ein ernstzunehmendes, historisch fundiertes Sachbuch. Sein - eigentlich ernüchterndes - Fazit lautet: Unsere Vorstellungen des Piratendaseins beruhen auf sentimentalen und romantischen Vorstellungen, die mit der Realität nicht viel zu tun hatten. Trotzdem - oder gerade deshalb - gewinnen die "guten und bösen Helden des Meeres" bei der Lektüre des Buches an Farbe und Leben, hin und wieder sogar an Sympathie.
Ein Buch zum genüßlichen Schmöckern, an keiner Stelle langweilig oder "schulmeisterisch".

Bei Amazon: Das Piratenkochbuch, Captain Singleton, Der Freibeuter, Bordbuch des Satans

Mittwoch, 30. August 2006

Zum Geyer!

Zum Thema: Bauernkriege - ein paar Gedanken über dieses schöne Lied:
Bauernaufstand

Wir sind des Geyers schwarze Haufen
Hei a ho ho!
Und wollen mit Tyrannen raufen,
Hei a ho ho!
Refrain:
|: Spieß voran,
Drauf und dran,
Setzt aufs Klosterdach den roten Hahn! :|

2. Als Adam grub und Eva spann,
Kyrieleis!
Wo war denn da der Edelmann?
Kyrieleis!
Refrain:

3. Uns führt der Florian Geyer an,
Heia hoho!
Den Bundschuh führt er in der Fahn',
Heia hoho!
Refrain:

4. Bei Weinsberg setzt' es Brand und Stank,
Heia hoho!
Gar mancher über die Klinge sprang,
Heia hoho!
Refrain:

5. Des Edelmannes Töchterlein,
Heia hoho!
Wir schicken es in die Höll' hinein,
Heia hoho!
Refrain:

6. Geschlagen ziehen wir nach Haus,
Heia hoho!
Unsre Enkel fechten's besser aus,
Heia hoho!
Refrain:
Ein altes Volkslied, ein Schlachtgesang aus der Zeit der Bauernkriege? Nein, dieses Lied ist unter Verwendung zweier Bauernaussprüche aus dem 15. Jahrhundert erst 1885 von Heinrich von Reder gedichtet worden. Der Ausspruch "Als Adam grub und Eva spann, wer war denn da der Edelmann?" ("When Adam delved and Eve span, pray, who was then the nobleman?") stammt aus der Zeit des großen englischen Bauernaufstandes von Wat Tyler 1381.
Die mitreißende Melodie wurde 1919 von Fritz Sotke geschrieben, einem "deutsch-nationalen" Komponisten und Literaten. Später war Sotke Hitler-Jugend-Führer. Sein Lied "Wilde Gesellen vom Sturmwind durchweht" lieh dem HJ-Liederbuch seinen Titel. Allerdings fehlte der "Bauernaufstand" in dieser Sammlung, weil nämlich die sozialistische Jugend sich dieses Liedes angenommen hatte. (Noch heute ist es eines der beliebtesten Fahrtenlieder der "Falken".) Rein textlich hätte das Lied auch schlecht zur HJ gepaßt - ungeachtet dessen, dass der Bauernkrieg und Florian Geyer stark von der NS-Propaganda instrumentalisiert wurden. Die 8. Kavallerie-Division der Waffen-SS trug den Namen Florian Geyer.

Auch dass Florian Geyer der Anführer des "Taubertaler Haufens", eines sich im Raum um Rothenburg ob der Tauber im Winter 1524-25 sammelnden Bauernheeres, gewesen wäre, stimmt nicht. Geyer war ein geschickter Diplomat und erfahrener Heerführer, war überzeugter Anhänger Luthers, strebte ein auf Bauern- und Bürgertum gegründetes "Neues Reich" ohne Privilegien an, verzichte freiwillig auf ein Leben im Luxus und stand selbstlos für seine Überzeugungen ein. Aber da er ein Adliger war, mißtrauten ihm viele Bauern. Die Taubertaler wählten ihn weder in ein militärisches Oberkommando noch in eine politische Führungsposition. Er war eher ein Art "Sonderbotschafter" und Berater. Mit dem im Lied erwähnte Weinberger Bluttag hatte er nichts zu tun, er lehnte, wie der "Bauernkanzler" Wendel Hipler politisch und strategisch unkluge Gewalt- und Racheakte ab.

Wie dem auch sei: Das Lied ist ein schönes Stück Rebellionsromantik, immer noch mehr als nur ein wenig provokativ, ein Gegengift zu all der weichgespülten und sacharinsüßen "Volksmusik" oder eigentlich "volkstümlichen Musik" oft genug "volkstümelden Musik" (nicht zu verwechseln mit "Volksliedern")!
Als einer der (zu wenigen!) wirklich "politischen Köpfe" der Bauernkriege verdient Florian Geyer seinen Platz im Geschichtsbuch. Auch wenn er kein "Bauerngeneral" war.

Nachtrag: Ich habe noch mal nachgeschlagen, was es mit dem von Geyer befehligten "schwarzen Haufen" auf sich hatte: Die Hauptleute des "Fränkischen Haufens" "engagierten" den Söldnerführer Götz von Berlichingen als fachkundigen Befehlshaber. Florian Geyer war nicht damit einverstanden und trennte sich mit einige Hundert auf seine Kosten ausgerüsteten Männern, der "Schwarzen Schar" vom Haufen, durchstreifte auf eigene Faust zuerst die Neckargegend, dann das Würzburgische. Später, bei der Belagerung Würzburgs, schloßen sich Geyers Männer wieder den anderen "Haufen" Frankens an.
Nach der Darstellung Friedrich Engels war es Geyer, der die Erstürmung Weinsbergs anführte, nach Leo Sievers war Jäcklein Rohrbach der Anführer des Bauernheeres, das Weinsheim einnahm. Beide stimmen darin überein, dass für die anschließende "terroristische Rache" (Engels) Rohrbach verantwortlich war.

Dienstag, 29. August 2006

"Recht geht vor Nächstenliebe"

Ein entlavender Satz eines sich christlich nennenden Politikers! (Er fiel zwar schon im Mai und erntete seinerzeit durchaus Widerspruch in der CDU, aber weil ihm neulich eine bezeichnendeVerwechslung unterlaufen ist, durchaus interessant.)

Friedbert Pflüger, Spitzenkandidat der CDU für die Wahlen zu Berliner Abgeordnetenhaus äußerte ihn im:Tagesspiegel.
Pflüger tritt dafür ein, dass eine immerhin seit 17 Jahren in Deutschland lebende türkische Familie abgeschoben werden soll, die übrigens, wie auch er einräumt, hervorragend integriert ist. Das Motiv hinter der buchstäblich gnadenlosen Anwendung der Gesetze: wieder einmal die Angst vor Mißbrauch.
Was wäre das Signal, wenn sich die dauernden Rechtsbrüche der Familie am Ende „auszahlen“ würden! Wie viele würden das nachahmen?
(Einige interessante Überlegungen zum Thema bei Sven.)

Iranischer Präsident setzte braune Schleimbombe ein

Für alle, die immer noch glauben, die Aussagen des Iranischen Präsidenten Ahmadinejad würden von den "westlichen Medien" "böswillig verzerrt" oder "fehlerhaft übersetzt" : Auf der offiziellen Website des Iranischen Staatspräsidenten kann man seit Kurzem jenen Brief lesen, den der iranische Staatspräsident an die deutsche Bundeskanzlerin geschrieben hat. http://president.ir/eng/ahmadinejad/cronicnews/1385/06/06/index-g.htm
(Übrigens gibt es dort auch die offiziellen englischen Übersetzungen der Reden Ahmaninejads - für alle, die immer noch glauben, er sei doch gar nicht aggressiv und schon gar kein Antisemit, das sei doch alles nur "hineininterpretiert".)
Es fängt schon peinlich schleimig an:
"Sehr geehrte Frau Bundeskanzlerin, seien Sie herzlich gegrüßt!

Ich hätte diesen Brief nicht geschrieben, wenn Deutschland nicht der Mittelpunkt der großen Entwicklungen in Wissenschaft, Philosophie, Literatur, Kunst und Politik gewesen wäre und keine wichtige positive Rolle bei internationalen Interaktionen zur Förderung des Friedens gespielt hätte; wenn manche Weltmächte und bestimmte Gruppen ständig mit einem starken Willen das große Deutschland nicht als Verlierer und „Schuldner“ des Zweiten Weltkrieges dargestellt und es ständig erpresst hätten; wenn Sie nicht eine weltoffene Politikerin wären, die mit bitteren und guten Erfahrungen in zwei Gesellschaften mit unterschiedlichen Staatsformen, Normen, Sitten und Bräuchen an der Spitze Deutschlands steht mit Privilegien, die lediglich Frauen vorenthalten sind, wie z.B. einer stärkeren menschlichen Emotionalität mit Erscheinungsformen göttlicher Barmherzigkeit im Dienste des Volkes und mit gemeinsamer Verpflichtung aller Gläubigen Menschen zur Wahrung der Menschenwürde und -rechte mit der Überzeugung, dass wir alle die Ergebenen des erhabenen Gottes sind, der uns allen eine Würde geschenkt hat und kein Mensch höher und erhabener ist als der andere und unter keinem Vorwand eine Gesellschaft entrechtet, eingeschränkt, erniedrigt und beim Fortschritt verhindert werden darf; und schließlich wenn es die - zwar unterschiedliche - Niedergedrücktheit unserer Völker und unsere gemeinsame Verpflichtung zur Förderung der Gerechtigkeit als die wichtigste Grundlage zur Sicherung von Frieden, Sicherheit und Gleichheit der Menschen nicht gäbe.
(Ja, richtig, ein Satz! Na, vielleicht gelten Bandwurmsätze und plumpe Schmeicheleien im Persischen als "guter Stil".)
Von da ab hat der Brief verblüffende Ähnlichkeit mit NPD-Wahlkampfpropaganda, z. B. hier:
Die propagandistischen Bemühungen nach dem Zweiten Weltkrieg sind dermaßen umfassend gewesen, dass manche geglaubt haben, eine historische Schuld zu tragen und die Sünden ihrer Vorfahren über Generationen und auf unbestimmte Zeit entschädigen zu müssen. (...) Vor ungefähr 60 Jahren ging der Zweite Weltkrieg zu Ende. Aber bis heute leiden die Welt und manche Länder noch unter den verheerenden Nachwirkungen des Krieges. Nach wie vor werden manche Länder von manch anderen gewaltorientierten Staaten und macht- und kriegsüchtigen Gruppen, die als Siegermächte auftreten, als besiegte Länder betrachtet und behandelt.

Die Erpressungen dauern an und niemend darf sie in Frage stellen. Die Menschen dürfen nicht einmal den Ursachen dieser Erpressungen nachgehen oder sich darüber Gedanken machen, weil ihnen in diesem Fall die Haftstrafe drohen würde. Wie lange noch soll die Erniedrigung des Volkes und die Erpressung andauern? 60 Jahre, ein Jahrhundert, 10 Jahrhunderte, bis wann? Es tut mir leid, daran erinnern zu müssen, dass heute die ständigen „Kläger“ des großen deutschen Volkes manche gewaltbesessene Länder und die Zionisten sind, die das Besatzungs-Regime durch Waffengewalt im Nahen Osten errichtet haben.
Nun ist wohl dem Letzten klar, wieso deutsche Neonazis so sehr von Ahmadinejad begeistert sind. Denn so etwas öffentlich zu sagen traut sich nicht mal dle NPD:
Verehrte Frau Bundeskanzlerin,
Ich habe nicht vor, der Frage des Holocausts auf den Grund zu gehen. Aber spricht das gegen die menschliche Vernunft, wenn man die Tatsache für möglich hält, dass manche Siegermächte des Zweiten Weltkrieges vorhatten, einen Vorwand zu schaffen, um damit das Volk des besiegten Landes dauernd zu erniedrigen, ihre Motivation und Vitalität zu schwächen und ihren Fortschritt und ihre verdiente Souverenität zu verhindern? Neben dem deutschen Volk sind auch die Völker im Nahen und Mittleren Osten und sogar die Menschheit durch die Thematisierung des Holocausts zu Schaden gekommen.
Angela Merkel hat den Brief nicht beantwortet (kein Wunder, mir hätten auch die Worte gefehlt). Sie wollte ihn ihn auch nicht öffentlich machen. Das kann ich verstehen, angesichts folgender Überlegung: Ich halte Ahmadinejad nicht für so weltfremd und dumm, dass er erwartet hätte, Frau Merkel würde ihm freudig zustimmen.
Der wahre Adressat des Briefes dürften aber die deutsche Öffentlichkeit sein (weshalb sonst hat er den Brief jetzt auf deutsch veröffentlicht). Offenbar glaubt Ahmadinejad, dass es in der deutschen Öffentlichkeit eine nicht unbeträchtliche Bereitschaft dazu gibt, die Welt und die Lage von Deutschland und Iran so zu sehen, wie er es in seinem Brief darstellt. Bei den deutsche Rechtsextremisten hat er damit wohl Recht, bei vielen Deutschen außerhalb der rechten Szene leider auch. Diese Sympathisanten könnten dann wiederum innenpolitisch Druck auf die Bundesregierung ausüben. Außerdem zielt der Brief offensichtlich auch nach innen - eine schroffe Ablehnung statt schlichtem Schweigen wäre eine Steilvorlage für die iranische Propaganda gewesen: da ist man so freundlich zu der deutschen Kanzlerin, und dieser anti-islamische und anti-iranische Schlampe beantwortet das mit einer Abfuhr. Eine weitere Überlegung, die gegen eine Veröffentlichung des Briefes spricht, sind die im Bereich "Nahostpolitik" besonders eifrigen Verschwörungstheoretiker, die den veröffentlichten Brief ohne Zweifel als plumpe anti-iranische Fälschung bezeichnet hätten.

Nun sind, dank Ahmadinejad, diese Überlegungen hinfällig geworden. Übrigens zeigt dieser Brief und zeigen auch die anderen Texte auf seiner Website, dass sich sein Standpunkt nicht auf "Islamismus" verkürzen läßt - klassische islamische Fundamentalisten argumentieren anders, auch wenn sie sich an "westliches" Publikum richten.

Montag, 28. August 2006

virtuelle Gefahr "Antifa"

In der "Tageszeitung", 28.08.2006, berichtet Gabriele Goettle über die "Antifaschistin" und Rechtsanwältin Katja Herrlich, die sich in Frankfurt am Main mit den sich immer besser organisierenden Neonazis herumschlägt. (Auch online "Wie war es möglich?".)

Nun mag die Weltanschauung, die hinter Teilen der (politisch gesehen äußerst vielfältigen) Antifa steht, nicht immer mit der liberalen Demokratie verträglich sein. Hingegen sollte eigentlich jedem Beobachter der Szene klar sein, dass die Gefahr für die liberale Demokratie nicht von der Antifa ausgeht.
Eigentlich. Denn die politische Praxis sieht oft anders aus: Da wird munter und undifferenziert von einer "Bedrohung von Rechts und Links" gesprochen, ungeachtet der Tatsache, dass man zum Terror bereite Linke (die es durchaus gibt) schwerlich in der Antifa finden wird. Wenn es eine "Gefahr von Links" für die liberale Demokratie gibt - "linke" Feinde der "offenen Gesellschaft" gibt es ja tatsächlich überreichlich - dann geht sie nicht von jenen "gewaltbereiten" Antifas aus, die meinen, dass man mit "braunen Schlägern" in der einzigen Sprache reden müßte, die sie verstünden, nämlich der (Gegen-)Gewalt.
In diesem Falle ging es um eine "gemeinsame Gewaltverzichtserklärung", die "Linke" und "Rechte" unterzeichnen sollten. (Eine geradezu rührend wirklichkeitsfremde Idee.)
Wir als Linke sahen gar keinen Anlass, eine solche Erklärung abzugeben. Wir ziehen ja nicht los, um andere Leute zusammenzuschlagen. Wir wehren uns lediglich gegen die Nazis. Hier sollte rassistische Gewalt und antifaschistische Gegenwehr gleichgesetzt werden, das ganze Gespräch konnten wir nur als Farce betrachten. Den Vertretern der Stadt, die auch dabei waren, ging es eigentlich gar nicht um die Gewalt und die Opfer, sondern nur um den ,Standort', um den Imageschaden für die Stadt. Dass hinter dieser störenden Gewalt eine Ideologie steht von Rassismus und Intoleranz, die man nicht tatenlos hinnehmen kann, das interessierte die Stadt wenig.
Und wieder die Debatte um "Standorte" und "Imageschäden". Politik reduziert auf BWL und PR für Anfänger - Motto "heile Welt verkauft sich gut". Als ob Demokratie, Bürgerrechte, Menschenrechte keine Werte an sich, sondern nur "abgeleitete" Werte seien - ausschlagebend ist allein, was sie im "Wettbewerb der Standorte" angeblich bringen. Klar, Neonazis sind schlecht fürs Geschäft. Aber Leute, die nicht bereit sind, das Rechtsextremismus-Problem unter den Teppich zu kehren, offensichtlich auch. Nach dem alten Prinzip, dass es einfacher ist, sich gegen denjenigen zu wenden, die auf Mißstände aufmerksam machen, als die Mißstände zu bekämpfen.

Was Katja Herrlich zu behördlichen Repressionen gegen "Links" zu sagen hat, wirft ein Schlaglicht auf eine bei Strafverfolgern offensichtlich weit verbreite Denkweise:
Es herrscht ein kompletter Verfolgungsdrang, man meint irgendwie, unbedingt Täter beibringen zu müssen. Und obwohl die linke Szene ja schon seit so vielen Jahren observiert wird, haben sie nichts verstanden. (...) In meiner Studienzeit bin ich bei der Polizei in so eine Schublade getan worden, in der ich jetzt immer noch stecke. Eben weil ich mal ein paar Demos angemeldet habe, wird bis heute davon ausgegangen, dass ich diejenige bin, die antifa-mäßig hier was zu sagen hat, Einfluss auf die Szene ausübt. Was ja nicht so ist, weil's eben hier nicht irgendwelche Führer gibt, die die Richtung vorgeben. Sie haben nicht verstanden, dass Antifa an sich schon immer ein Zusammenhang von Leute war, wo jeder alles zu sagen hatte.
Die Klischees sind offenbar stärker als die erkennbare Realität. Der Strafverfolger denkt in hierachischen, zentralistischen Systemen - und geht promt davon aus, dass die Antifa ebenfalls zentralistisch und hierarchisch organisiert sein müsse. In Wirklichkeit ist sie das nicht. Übrigens geht man auch "rechtsaußen" dezentral vor. (Und das "Terrornetzwerke" ohne militärische Befehls- und Gehorsamsstrukturen auskommen, sollte sich nach 5 Jahren "Krieg gegen den Terror" auch langsam herumgesprochen haben.)

Es gibt offensichtlich zwei völlig verschiedene Antifas: die Antifa, wie sie sich aufgrund erkennbarer Fakten darstellt - nämlich: dezentral, politisch uneinheitlich, ohne ausgeprägte Hierarchien, im Grundsatz pro-demokratisch, in der Regel nicht gewaltätig, und wenn, dann nur nach Provokation - und die Antifa aus der Sicht bestimmter "Sicherheitsexperten", Innenpolitiker, Polizeibeamter: zentralistische Kaderorganisation, politisch stramm kommunistisch, stets gewaltbereit gegen das "System".

Sonntag, 27. August 2006

Das Erbe der Bauernkriege

Der größte Fehler in der deutschen Geschichte ist, daß die Bewegung des Bauernkriegs nicht durchgedrungen ist.
Alexander von Humboldt

Vor kurzen besuchte ich die Mühlhausen in Thüringen. Eine Stadt, in der es zur Zeit des "großen Bauernkrieges" ein demokratisches Gemeinwesen gab - und von der aus der charismatische, hochintelligente, aber leider religiös verblendete, Volksführer, Revolutionär und Reformator Thomas Münzer 1556 ein Bauern- und Bürgerheer unter der Regenbogenflagge gegen die Truppen der Fürsten führte - das bei Frankenhausen regelrecht abgeschlachtet wurde. Die Folgen dieser Niederlage, der vielen Niederlagen im großen Bauernkrieg wie der zahlreichen Volkaufstände der beginnenden Neuzeit, sie reichen bis heute.
Fast vor meiner Haustür kann ich anhand alter Bauernhäuser, die es zum Glück in meiner Gegend noch gibt, zwei sehr unterschiedliche bäuerliche Kulturen unterscheiden. Da gibt es, im Lauenburgischen, in Ostholstein, in West-Mecklenburg, prachtvolle Herrenhäuser - manchmal richtige Schlössser - zu bewundern - und die ärmlichen Katen der Pächter und die noch ärmlicheren Gesindehäuser der Landarbeiter. Ganz anders das Bild in den Vier- und Marschlanden, überhaupt in der Marsch an der Unterelbe, wie auch an der Nordseeküste: hier bestimmen prachtvolle Bauernhöfe das Bild, Dokumente bäuerlichen Reichtums und Selbstbewußtseins.

"Reicher Böden, reiche Bauern" könnte die erste Schlußfolgerung sein. Allerdings: nicht überall in der Marsch sind die Böden fett, und der Bau und die Instandsetzung der zahlreichen Deiche und der vielen Entwässerungsgräben, -Siele, -Pumpen waren (und sind) aufwändig. Einer einziger Deichbruch kann den Erträge eines Jahres vernichten, eine schwere Sturmflut bedeutet Lebensgefahr. Landwirtschaft in der Marsch - das ist ständiger Kampf.
Der Kampf gegen den "blanken Hans" und die gemeinschaftlicher Arbeit an den Deichen und Sielen befähigten offensichtlich die Marschbauern sich gegen die Interessen landhungriger Feudalherren durchzusetzten - und verhinderten zugleich, dass ein reicher Großbauer sich zum Herrn über andere, zum Feudalherren entwickelte.
Auch wenn z. B. die Dithmarscher Bauernrepublik, das prominenteste Beispiel bäuerlichen Freiheitswillens, nach jahrhundertenlangen erfolgreichen Kämpfen, 1559 den dänisch-schleswig-holsteinischen Truppen unter dem Feldherrn Johann Rantzau doch noch unterlag - die Dithmarscher konnte sich einige Privilegien sichern. Norder- und Süderdithmarschen wurden "Landschaften" mit einer eigenen Landschaftsordnung und einem Landvogt bzw. Statthalter an der Spitze. Dieser war nicht nur der Obrigkeit, sondern auch den "Kirchspielsleuten" - also dem Volk - verpflichtet. Das Grundeigentum der eingesessenen Bauern bliebt, zumindest teilweise, erhalten.
In gewisser Hinsicht haben die Marschbauern in "ihren" Bauernkriegen zumindest nicht alles verloren. (Auch wenn die Geschichte nicht überall so kriegerisch verlief wie in Dithmarschen.)
Nur in wenigen Landstrichen Deutschlands, z. B. in Westfahlen, gab es nach dem 16. Jahrhundert überhaupt noch "freien Bauern".

Die ökonomische Folgen der totalen Niederlage wahren schlimm, schlimmer aber war, denke ich, die bis heute nachwirkende Deformation der deutschen Mentalität. Das Rechtsbewußtsein wurde zerstört - bei den Mächtigen wie bei den Ohnmächtigen. Den geschlagenen Revolutionären blieb nur die Flucht in die Demutshaltung. Damals entstand - unter Mithilfe der Kirchen, auch der anfangs revolutionär gewesenen lutheranischen Kirche - der deutsche Untertan, der bereit war, das Unerträgliche hinzunehmen und nicht mehr Sinn unverständlicher Anordnungen zu fragen. Der deutsche Untertan gewöhnte sich daran, gedemütigt zu werden, vor seinem Herrn, aber auch vor fremden Herren. Sie lernten, ihre Ketten zu lieben. Der "typisch deutsche" Ehrgeiz beschränkte sich darauf, ein "großer Knecht" zu werden, jemand, der nicht nur getreten wird, sondern auch treten darf.

Hätten die Bauern die totale Niederlage abwenden könnten, vielleicht nicht militärisch, aber in der Sinne, dass ihr Selbstverständnis ungebrochen blieb, ein Widerspruchsgeist, der in den Nachbarländern des deutschen Sprachraums letzten Endes den Absolutismus beseitigte (oder zumindest, wie die Polen, nie die Demütigungen willig hinnahm)?
Ich bin der Ansicht, dass die deutschen Reformatoren, ein Luther, ein Sickingen, und - auf andere Weise - auch ein Müntzer politisch versagt haben. Die Reformation war ein Apell zum selber denken, die Wiederentdeckung der Erkenntnis, dass Religion gut ohne Priesterhierarchie, Dogmen, Inqusistion, kurz ohne "von Gott eingesetzte Obrigkeit" funktionierte. Mit einem Leitbild, einem gemeisamen, pragmatischen, ereichbaren Ziel (nicht etwa einer Utopie - Utopisten gab es in der Reformationszeit eher zu viele) wäre die Bewegung nicht in Ziellosigkeit und Maßlosigkeit erstickt. Die Marschbauern hatten politische Ziele, die Regenbogenkrieger Müntzers Visionen.
Luther wandte sich gegen die aufständischen Bauern. Er und Sikingen begriffen nicht, dass sie hätten das Volk anführen müssen. Und jene, die es versuchten, Bauern, Bürger, Ritter, Landsknechte, Schankwirte (erstaunlich oft!), die brachten oft die Gaben, auch Bildung und Charisma mit, aber sie blieben eingebunden in lokale Bedingungen, begrenzt von engen landschaftlichen Horizonten.
Ideale Bedingungen für machthungrige Territorialfürsten.

Science Fiction oder Realiltät?

Über die PRTF-Mailingliste erfuhr ich, dass in der "Aviation Week" (einer seriösen Flugzeugbau-Fachzeitschrift) ein Artikel über einen Flugzeugentwickler steht. Das ist an sich nicht Besonderes, allerdings unterscheidet sich die Website der STAVATTI inc." doch erheblich von der eines "normalen" Flugzeugbauers. Die Entwürfe sehen aus wie aus einem gut gemachten SciFi-Film oder -Computerspiel. Dazu paßt eine Unternehmensphilospie, die aus einem SF-Roman der 40er Jahre stammen könnte - etwa von Doc E. E. Smith und Edmond Hamilton, beraten von A. E. van Vogt und Robert A. Heinlein. Wobei - so super-patriotisch gaben sich die besagten Schreiber normalerweise nicht.

Ich glaube nicht, dass man die Firma wirklich ernst nehmen kann, und auch nicht, dass die coolen Entwürfe wirklich flugfähig wären. Allerdings gibt mir zu denken, dass diese bizarren Entwickler bizarrer Flugzeuge offensichtlich doch zumindest von Einigen ernst genommen werden -und sei es wegen ihrer genau auf das Weltbild US-amerikanischer "Superfalken" abgestimmten vollmündigen Versprechungen.

Freitag, 25. August 2006

Paaanik: Anleitung zum Bau einer "schmutzigen Bombe" im Internet gefunden!

Ja, unsere stets um ihren möglichen Verlust an Kontrolle nee, ihre Geschäftsinteressen in der Security & Biometrie-Branche also ich meine Wählerstimmen vom rechten Rand ach, jetzt hab ich's, unsere Sicherheit besorgten Innenpolitiker haben Recht: man kann ohne Mühe im bösen, bösen Internet ganz böse Sachen finden, und zwar natürlich bei den bösen Bloggers:
pantoffelpunk: Anleitung zum Bau einer schmutzigen Bombe.

Übrigens, auch erschreckend im Zusammenhang mit den "Kofferbombenbauern": Hier in meiner Nachbarschaft habe ich eine Rentnerin getroffen, die tatsächlich Materialien zum Bau von Koffern (schreck!) bei sich zu Hause aufbewahrt!!! Den Kofferbau sollte man nicht als "Hobby einer älteren Frau" verharmlosen, denn schließlich ist es vom Bau eines Koffers zu dem einer Kofferbombe nur ein winziger Schritt!

Sachdienliche Hinweise zum Thema bei Planet Hop: Studenten, Koffer und der Tod

Mittwoch, 23. August 2006

Leider völlig vorhersehbar

ist die Reaktion unsere Bundesinnenministers auf die glücklicherweise verhinderten Bombenanschläge auf die Bahn. Interview in der "Zeit online": Mehr Kontrolle!
Egal, wie die Bedrohung konkret aussieht, ob Terrorismus, organisierte Kriminalität, Neo-Nazi-Propaganda oder Kinderpornos - die vorgeschlagenen "Lösungen" sind immer die selben: "Mehr Kontrolle!"
Schäuble: Aus diesem Fahndungserfolg abzuleiten, wir brauchten nicht mehr zu tun, wäre unverantwortlich. Wo es sinnvoll ist, sollten zusätzliche Videokameras eingesetzt werden. Wir müssen die Kontrolle des Internets verstärken. Dafür brauchen wir mehr Experten mit entsprechenden Sprachkenntnissen. Wir müssen auch die Kontrollen bei der Bahn und die Luftsicherheitskontrollen intensivieren. Insofern müssen wir auch in Haushaltsberatungen darüber nachdenken, was man zusätzlich tun kann.
Fehlt eigentlich nur der "Dauerbrenner": Bundeswehreinsatz im Inneren.
Wobei um drei an sich wohl bekannte Tatsachen ein weiter Bogen geschlagen wird: 1. Wer sogar zum Selbstopfer entschlossen ist, läst sich auch durch eine Strafverfolgung nicht abschrecken. (Im Nachhinein lassen sich dann mittels Videoaufzeichnungen die Täter identifizieren, die schon längst von der eigenen Rucksackbombe zerrissen als blutige Fleischfetzen zwischen den blutigen Fleischfetzen ihrer Opfer liegen). 2. Was Terroristen wollen, ist panische Angst erzeugen (das ist die Definition von Terror). Die beste Reaktion:
Sich keine Angst machen lassen.
Die Aufregung und der Aktionismus seitens der Medien, aber auch und gerade der Politik, kommt den Zielen der Terroristen weit entgegen. 3. Schon das reine Bewußtsein überwacht zu werden führt zu Verhaltensänderungen im Sinne einer eingeschränkten Freiheit. Durchaus im Sinne einer (vielleicht erwünschten?) "sozialen Kontrolle" - "Bohr dir nicht in der Nase, es sieht jemand zu" - "Lese nicht den Playboy in der U-Bahn, du wirst beobachtet" - aber den geschickten Taschendieb stört die Kamera nicht, denn er kennt die toten Winkel.

Wobei Schäuble im internationalen Vergleich beinahe noch "liberal" zu nennen ist - Sven Scholz: Was nicht mehr da ist muss man nicht mehr schützen

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