Dienstag, 22. August 2006

Passende Nazivergleiche

Längst nicht jeder "Nazivergleich" ist unangemessen, und manchmal ist die "Faschismuskeule" das treffenste Instrument der politischen Auseinandersetzung.

Zum Beispiel, wenn es um "Islamofaschisten" geht. (Womit, das sei hier nochmals betont, nicht der Islam als solcher oder der Moslem als solcher gemeint ist. Sondern eine ganz spezielle totalitäre, antidemokratische, antiwestliche und stark antisemitische Ideologie, die mit mit dem Koran etwa zu viel zu tun hat wie die Hexenverbrennungen mit dem Markus-Evangelium.)

Wie bei Liza üblich sehr lang, aber vor allem wegen der Übersetzung des Artikels "Die Endlösung der Hizbollah" von Alan M. Dershowitz aus dem Front Page Magazine, 11. August 2006, sehr lohnend. Auch - oder gerade - wenn man Lizas und Dershiwitzes zornigen Äußerungen nicht völlig zustimmen mag. Wesensverwandtschaften

Ich bin nicht immer einer Meinung mit Liza, selbst nicht in allem, was er in diesem Artikel schreibt. Aber hierin stimme ich ihm völlig zu:
Es wäre also nicht von einem Islamfaschismus zu sprechen, sondern besser von einem Islamnazismus oder islamischen Nationalsozialismus, denn in diesen Termini ist – auch wenn sie sperriger klingen – besser aufgehoben, was den Terror der Hamas und Hizbollah, die Staatsideologie vor allem des Iran und Syriens und die suicide attacks ausmacht: ein auf vollständige Vernichtung zielender, also eliminatorischer Antisemitismus. Dieser Wesenszug ist von so großem Gewicht, dass er die Unterschiede zum deutschen Vorbild deutlich überlagert. Denn die Parallelen stechen hervor: Eine alle Bereiche der Gesellschaft bis das zutiefst Private durchdringende Ideologie, deren Welterklärungs- und -herrschaftsanspruch infolge einer angenommenen Überlegenheit der eigenen Anschauungen, die totale Bereitschaft zum Selbstopfer, die Kriegserklärung an die zum Gegenprinzip Erklärten – die auf dieser Welt lebenden Juden nämlich –, das heißt deren Vernichtung um ihrer selbst willen inklusive der Mobilisierung aller verfügbaren Reserven auf dieses Ziel hin, kennzeichnen sowohl den deutschen NS als auch den Islamismus.
(Siehe auch mein älterer Beitrag Demokratie-Dilemma mit einem Zitat aus der Hamas-Charta, das eigentlich alle Illusionen über den Charakter dieser Organisation zerstreuen sollte.)

Gegen den Begriff Islam-Faschismus hat sich laut Tagesspiegel auch Daniel Pipes ausgesprochen. Der Faschismus glorifiziere den Staat, betone rassische Reinheit, plädiere für den Sozialdarwinismus und lehne organisierte Religion ab – alles im Gegensatz zum Islamismus.
Nun, wie war das noch mal? Die "rassische Reinheit" ist eine Spezialität der Nazis, die man bei anderen Formen des Faschismus vergeblich sucht (und mit der es selbst die SS nicht immer so genau nahm, wenn es strategisch klug erschien), und ob Nationalismus und Sozialdarwinismus wirklich allen (durchaus divergenten) Richtungen des Islam-Faschismus abgeht, wage ich - mit Seitenblick auf die Hamas-Website - durchaus zu bezweifeln. Völliger Blödsinn bzw. (un-) fromme Legende ist, dass "der Faschismus" die organisierte Religion ablehnte. Der italienische Faschismus klüngelte offen mit der katholischen Kirche, und bei Franco war der ausgeprägte rechte Flügel des spanischen Katholizismus Stütze des Systems ("Klerikalfaschismus"). Die Nazis schließlich schlossen ein Konkordat mit dem Vatikan und biederten sich beiden Großkirchen mit Erfolg an - allem "germanischen" Bimborium und aller Anleihen bei der Ariosophie zum Trotz. Tatsächlich waren die meisten Nazis durchaus religiös und sahen sich als Christen oder wenigstens als "gottgläubig". Die NSDAP erwartete, dass ihre Mitglieder sich zu Gott bekennen und nicht Agnostiker oder Atheisten wurden. Das Ziel des NS war nicht die Zerschlagung der organisierten Religion, sondern ihre Unterordnung unter den NS-Staat - bis hin zur geplanten Gründung einer von "jüdischen Elementen" gereinigten Staatskirche.

Dass der radikale Islam historisch und philosophisch vielmehr Verbindungen mit dem Marxismus-Leninismus hätte, ist meines Erachtens eine These, die auf oberflächlichen Gemeinsamkeiten, wie dem Antikapitalismus und "Antiimperialismus" und Zweckbündnissen / Lippenbekenntnissen während des Kalten Krieges beruht.

Freitag, 18. August 2006

“Todesurteil für UV-süchtige Teenager“

Auch wenn von einem nachrichtarmen Sommerloch kaum die Rede sein kann, schlägt der Boulevard mal wieder zu. Besonders ärgerlich sind sensationsmacherischer Halbwahrheiten, wenn es um Gesundheitsthemen geht.
Zum Beispiel in der online-Ausgaben der B. Z.: Die neue Frauen-Krankheit Tanorexie - "Hilfe, ich bin solariumsüchtig"

Der Artikel mixt nämlich auf engsten Raum unterschiedliche Dinge zusammen: "Tanorexie" - wie in den USA analog zur "Anorexie" (Magersucht) eine Störung der körperlichen Selbstwahrnehmung genannt wird, bei der sich die betroffenen stets leichenblass vorkommen, egal, wie dunkel gebräunt sie in Wirklichkeit sind, die Erkenntnis, dass UV-Bestahlung "Glückshormone" wie Serotonin freisetzt, die (möglichen) Gefahren übermäßiger Solariumsnutzung und die (in dieser Form nicht zutreffende) Aussage:
Jährlich erkranken in Deutschland über 10 000 Menschen an bösartigem Hautkrebs. Für jeden Fünften von ihnen ist die Diagnose das Todesurteil.
Heutzutage wird das Melanom überwiegend in sehr frühen Stadien erkannt: Etwa 50 % der in Deutschland vom Hautarzt festgestellten malignen Melanome sind dünner als 0,75 mm. (Wahrscheinlich ist ein großer Teil der "alarmierende Zunahme" der Melanome schlicht auf verbesserte Früherkennung zurückzuführen, siehe: Was jeder weiß ... ) Die Heilungsrate eines dünnen Melanomes (Tumordicke kleiner 0.75 mm) beträgt etwa 95 Prozent.
Wikipedia: Malignes Melanom - In diesem Artikel heißt es auch:
Manche Experten halten daher die Sonnenexposition, besonders vor dem 20. Lebensjahr, ebenfalls für einen externen Risikofaktor für die spätere Entstehung eines malignen Melanoms, weil dadurch erhöht zunächst gutartige melanozytäre Neubildungen entstünden. Gesichert ist ein solcher Zusammenhang für das Melanom im Gegensatz zur Entstehung anderer Hautkrebsarten jedoch nicht.
Wobei man auch für die Entstehung "gutartige melanozytäre Neubildungen" (vulgo: neuer Muttermale) ziemlich heftig "braten" muss, normalerweise sind wiederholte Sonnenbrände dafür nötig.

Die jungen Frauen riskieren, wenn sie sich wirklich mehrmals wöchendlich in den "Tussi-Toaster" legen sollten (dafür sehen sie aber noch vergleichsweise "normal" aus) wahrscheinlich vorzeitige Hautalterung, vielleicht ein Basalzellkarzinom (das nur sehr selten tödlich verläuft) und, wenn sie sich ohne Rücksicht auf Sonnenbrände grillen, unter Umständen eine erhöhte Melanomrate.

Auch wenn es von "Photomed" (Fachverband der Solariumsbetreiber) kommt, also gelinde gesagt parteisch ist, lesens- und bedenkenswert, da die Methodologie, nach der immer neue "Süchte" entdeckt werden, bloßlegt wird: Was ist Tanorexie?
Auch auf dieser Website: Daten zur Entwicklung von Hautkrebserkrankungen

Antisemitismus in den Evangelien?

Wie ich weiter unten erwähnte, habe ich mir "Die katholische Kirche und der Holocaust" von Daniel Jonah Goldhagen, angestoßen durch eine Diskussion auf
B.L.O.G, erneut vorgenommen.

Goldhagen ist der Ansicht, dass die christliche Bibel (das "Neue Testament") sei in weiten Passagen ein antisemitscher Text, woraus sich eine antisemitische Grundhaltung der christlichen Kirchen ergäbe.
(...) Es ändert auch nicht an dem Schaden, den die Struktur der Bibel anrichtet, dass nämlich Juden der onthologische Feind Jesus und Gottes seien. Die Botschaft der christlichen Bibel ist dieselbe geblieben, seitdem ihr Text kodifiziert worden ist: Die Juden haben Gottes Sohn getötet, der zugleich Gott ist. An diesem Verbrechen sich alle Juden schuld. (...) Viele Religionen sind ethnozentrisch, feiern ihre eigene Gruppe, sind unduldsam gegen andere. Der Angriff der christlichen Bibel auf die Juden ist jedoch qualitativ etwas anderes. Dieser Angriff übertrifft diejenigen anderer Religionen an verleumderischen Inhalten, an Häufigkeit der Wiederholungen und an emotionaler Intensität. Die Missbilligung der Juden ist keine Äußerlichkeit der christlichen Bibel und ihrer religiösen Behauptungen und Wahrheiten. Sie ist ein konstitutiver Bestandteil des biblischen Christentums. Dieser konzentrierte biblischen Angriff auf die Juden veranlaßte Christen (..) reale, lebende Juden in einer Weise ungerecht zu behandeln und zu schädigen, die auch im historischen Vergleich mit allen anderen bedeutenden Religionen ohnegleichen ist.
(Goldhagen: Die katholische Kirche und der Holocaust, Berlin, 2002, S. 353.)

Für mich, als Neuheiden, ist Goldhagens Position verlockend. Wenn das Christentum strukturell antisemitisch ist, dann kann ich die - nicht immer sachliche - Kritik von christlicher Seite am (angeblichen) strukturellen Antisemitismus inbesondere des germanisch orientierten Heidentums (Asatrú) locker und wirksam kontern. (Den tatsächlich bei vielen Heiden vorhandenen latenten, bei "völkisch" orientierten Heiden auch offen zu Tage tretenden Antisemitismus möchte ich an anderer Stelle behandeln.)

Ohne Zweifel gibt es in der christlichen Bibel (alias "Neuem Testament") zahlreiche antijüdische Textstellen. Dass Goldhagen diese als antisemitisch bezeichnet, ist insofern legitim, da er einen Begriff des Antisemitismus zugrunde legt, der sehr radikal bzw. konsequent ist: jeder, der schlecht von Juden denkt, Animosität oder feindliche Gefühle gegen Juden hegt oder Juden hasst, nur weil diese Juden sind, oder der dem Judensein und damit den Juden insgesamt schädliche Eigenschaften zuschreibt, ist Antisemit. Eine Differenzierung zwischen antijüdisch, antijudaistisch (gegen die jüdische Religion gerichtet) und antisemitisch lehnt er als unsinnig bzw. haarspalterisch ab.
Gemäß dieser Definition ist der eigentliche Begründer des Christentums, Saulus bzw. Paulus, obwohl er sich selbst Jude war, ab dem Augenblick "antisemitisch", in dem er "die Juden" für den Tod Jesus schuldig hielt und sie verdammte, weil sie Gott nicht verstünden. Ein nicht ganz unproblematischer Standpunkt. Ich gewinne bei der Lektüre der Paulusriefe und der Apostelgeschichte eher den Eindruck, dass Paulus ein typischer "Sektierer" war, der seine von Judentum abgespaltete religiöse Sondergruppe nach Kräften sowohl gegen die "Mutterreligion" (das traditionelle Judentum) wie gegen die konkurrierende Gruppe der Judenchristen der "Urgemeinde", die sich um Jesus Bruder Jakob gebildet hatte, abgrenzte. Judenchristen waren Juden, die sich von anderen Juden im wesendlichen nur dadurch unterschieden, dass sie in Jesus den "Messias" sahen. Die Ebioniter und Nazoräer waren Judenchristen, sie galten für die entstehende "heidenchristliche" Kirche ab dem 2. Jahrhundert nicht mehr als "richtige" Christen. Die Idee, dass Jesus mit Gott wesendsgleich war, kam erst viel später auf - die "Dreieinigkeit" sogar noch später, nämlich um 300 "nach Christus".)

Goldhagen zufolge gibt es im Evangelium des Matthäus rund achtzig ausdrücklich antisemitische Verse.
(...) Es ist denn auch nicht erstaunlich, dass Matthäus zufolge ein solches Volk und seine Religion als null und nichtig überwunden, ersetzt wurden durch ein anderes. Jesus erklärt: "Darum sag ich euch: Das Reich Gottes wird euch [Juden] weggenommen werden und einem Volk gegeben werden, das die erwarteten Früchte bringt [den Christen]."
Es trifft zu, dass die christliche Kirchen den Anspruch, "die Christen" hätten "die Juden" als "auserwähltes Volk Gottes" abgelöst (Sukzessionslehre) auf diese und ähnliche Bibelstellen gründeten. Allerdings ist fraglich, dass Matthäus (der lange nach der Hinrichtung Jesus schrieb und ihn wahrscheinlich nicht kannte), das bei der Niederschrift seines Evangeliums auch meinte. Matthäus schrieb, wie die beiden anderen "Synoptiker" nämlich noch nicht von "den Juden", sondern von "den Schriftgelehrten", "den Pharisäern" usw. - erst das (eindeutig judenfeindliche) Johannisevangelium ersetzt diese Ausdrücke sehr oft einfach durch "die Juden". Da das Matthäusevangelium eindeutig "judenchristlich" ist, ist eher anzunehmen, dass es sich hier um eine innerjüdische Auseinandersetzung handelte: die Anhänger des weitgehend auf pharisäisches Gedankengut zurückgreifenden Rabbis Jesus gegen die "Altpharisäer", die sich ihrer Ansicht nach in kleinlichen Gesetzesauslegungen und vordergründiger Frömmigkeit verzettelten - wobei die "Dissidenten" (Jesus-Anhänger) heftig gegen die "Traditionalisten" polemisierten. Diese Textpassagen wurden, anders als Goldhagen nahelegt, also erst nachträglich im antijüdischen Sinne interpretiert.
Noch problematischer ist, was Goldhagen weiter unten auf derselben Seite schreibt:
Dieser Darstellung der Juden aus dem Munde eines Mannes, der als der Sohn Gottes präsentiert wird, folgt bald Matthäus' berüchtigte, fiktive Kreuzigungsszene, in der das ganze jüdische Volk die Schuld am Tode Jesus bereitwillig auf sich und seine Nachkommen nimmt, also auf die Juden aller Zeiten. War "das ganze [jüdische] Volk" das mehrere Millionen zählte, dort? Haben sie alle wunderbarerweise unisono die ihnen zugeschriebenen Worte gerufen: "Sein [Jesu] Blut komme über uns und unsere Kinder"? Wie kann jemand eine solche Szene, fünfzig bis siebzig Jahre nach dem Tode Jesus von einem Feind der Juden erdacht, der Juden als "Schlangenbrut" bezeichnet, für eine getreuliche Darstellung historischer Tatsachen halten?
Kein Zweifel, es gab und gibt Christen, die die Kreuzigungsszene genau so interpretieren - und immer noch christliche Fundamentalisten, die die Evangelien für die Darstellung historischer Tatsachen halten.
Aus dem Wortlaut des Matthäus-Evangeliums geht diese Lesart keineswegs zwangsläufig hervor - es erfordert sogar einige Anstrengungen, sie in den Text hinneinzuinterpretieren. In einer neueren, auf Genauigkeit großen Wert legenden Bibelübersetzung ("Die heilige Schrift im heutigen Deutsch", Spitzname: "die Fußnotenbibel") heißt es:
Als Pilatus merkte, daß seine Wort nichts nützten und die Erregung der Menge noch größer wurde, nahm er Wasser und wusch sich vor allen Leuten die Hände. Dabei sagte er: "Ich habe keine Schuld am Tod dieses Mannes. Das habt ihr zu verantworten". Das ganze Volk schrie: "Wenn er unschuldig ist, dann komme die Strafe für seinen Tod über uns und unsere Kinder!" Da gab Pilatus ihnen Barabbas frei. Jesus ließ er auspeitschen und gab Befehl, ihn ans Kreuz zu nageln.
Es liegt auf der Hand, dass mit "dem Volk" keineswegs "alle Millionen Juden" gemeint sein können. Gemeint ist offensichtlich eine aufgebrachte Menge sadduzäischer Juden, die einen missliebigen Kritiker ihrer religiösen Praktiken den römischen Besatzern ans Messer (bzw. Kreuz) liefert. Wobei auch das schwerlich den realen historischen Begebenheiten entspricht, aber Matthäus schrieb ja keine Chronik, sondern eine Bekenntnisschrift.

Goldhagen erkennt sehr richtig, dass die Evangelien keine historischen Texte sind. Mit den meisten modernen christlichen Theologen ist er der Ansicht, dass die Autoren der christlichen Bibel Konflikte zwischen dem sich vom Judentum zunehmend abgrenzenden frühen Christentum und dem traditionellen Judentum in die Zeit Jesus zurückverlagerten. Ebenso ist ihm darin zuzustimmen, dass die Evangelisten die Rolle der Römer und vor allem des Prokurators Pilatus bei der Hinrichtung Jesu zulasten der saduzäischen Kollaborateure (bei Matthäus) bzw. "der Juden" (bei Johannes) verharmlosen. (Aus außerbiblischen Quelle geht eindeutig hervor, dass Pontius Pilatus ein korrupter und brutaler Besatzungs-Gouverneur war, der nicht erst lange bedrängt werden mußte, um mal eben einen "Rebellen" "standrechtlich" zum Tode zu verurteilen.)
Es gibt in der Tat unzählige antijudaistische (gegen die jüdische Religion gerichtete) Stellen in der christlichen Bibel. Und es besteht auch gar kein Zweifel daran, dass der "christliche Antisemitismus" bis heute aus dem "neuen Testament" schöpft. Wenn Goldhagen aber die christliche Bibel als solche für eine antisemitische Schrift hält, die im Interesse des gedeihlichen Miteinanders zwischen Juden und Christen umgeschrieben werden sollte, dann interpretiert er diese Textsammlung meines Erachtens in ahistorischer Weise.

Donnerstag, 17. August 2006

"Null Toleranz" an Schulen bringt nichts

"Zero Tolerance" ist eine manchmal verblüffend wirksame, manchmal versagende, oft aus Sicht der Bürgerrechte problematische Strategie zur Verbrechensbekämpfung. (Hierzu mehr in meinem Artikel in "Odins Auge": Exkurs: Null Toleranz.)
Seit den Erfolgen bei der Bekämpfung der Alltagskriminalität in New York Anfang der 90er Jahre gilt "Null Toleranz“ als Patentrezept gegen Kriminalität aller Art und wird entsprechend gerne als Schlagwort verwendet.
Konservative und autoritäre Politiker kamen, zuerst wieder in den USA ab Mitte der 90er Jahre, auf die Idee, das z. B. Ladendiebstählen bewährte Prinzip, nichts, aber auch nichts, durchgehen zu lassen, auch auf andere Bereiche des Lebens auszudehnen. Aufgeschreckt durch Gewalttaten unter Schülern wurde beispielsweise eine "Zero Tolerance"-Politik an vielen öffentlichen Schulen durchgesetzt: hart durchgreifen, hart strafen. Disziplinarstrafen, Schulverweise und eine niedrige Schwelle für die Anwendung des Strafrechts. (Von nicht wenigen deutschen Politikern wird das als vorbildlich für deutsche Schulen angesehen.)

Nun hat die American Psychological Association eine Studie veröffentlicht, die die Zweifel vieler Bürgerrechtler an der populären "Zero Tolerance" an Schulen bestätigen: solche eine Politik funktioniert nicht nur nicht, sondern könnte im Gegenteil Schüler sogar zu undiszipliniertem Verhalten ermutigen.
USA Today (August 9, 2006): Zero Tolerance

Die "Zero Tolerance Mode" führte zu absurden Ergebnissen:
- In Colorado wurde ein Sechsjähriger vom Unterricht ausgeschlossen, weil er die Anti-Drogen-Bestimmungen der Schule verletzt hatte, indem ein einen Zitronenbonbon mit einem Freund geteilt hatte.
- In New Jersey wurde zwei Kindergarten-Kinder ausgeschlossen, weil sie gegen Waffenbestimmungen verstoßen hatten, indem sie mit den Fingern aufeinander gezeigt hatten und dabei "Peng, Peng" riefen.
- In Georgia wurde ein High School Schüler von Unterricht ausgeschlossen, weil er seine Freundin auf dem Flur auf die Stirn geküßt hatte: der Kuss verstieß gegen die Vorschriften der Schule gegen "unsittliche Berührungen".
- In Virginia wurde acht Schüler ausgeschlossen, nachdem beim Schnupfen von Kool-Aid erwischt worden waren. Sie wurden wegen des "Besitzes von verbotenen Substanzen" angezeigt, weil sie das Brausepulver "in einer Weise benutzten, die den Gebrauch illegaler Drogen imitierte", wie Schulvertreter erläuterten.
- In Maryland wurde ein Neunjähriger ausgeschlossen, weil er auf ein Gewehr auf einem Stück Papier zeichnete.

Selbstverständlich tragen solche hysterische Überreaktionen auf ganz normales kindliches Verhalten nicht wirklich zur Sicherheit an Schulen bei.
Die American Psychological Association (APA) forderte deshalb laut USA Today mehr Flexibilität und gesunden Menschenverstand bei den Anwendung der Vorschriften. Null Toleranz sollte allein für die die Sicherheit an Schulen ernsthaft gefährdenden Verstöße vorbehalten bleiben.
Ein APA Sprechen sagte, dass der alles-über-einen-Kamm Ansatz nicht funktioniert. Aspirin zur Schule mitzubringen, ist nicht das selbe wie Kokain mitzunehmen. Ein Plastikmesser ist nicht das selbe wie eine Pistole.
Schlimmer noch, Null-Toleranz Vorschriften könneten sogas den Lernerfolg beeinträchtigen. Studien zeigen, dass Schüler an Schulen mit starkem sozialen Druck oder hohen Verweis-Raten laut APA weniger akademischen Erfolg haben. Außerdem brechen Schüler, die vom Untericht suspendiert wurden (selbst bei geringfügigen Vergehen) häufiger die Schule ab als andere Schüler.

Ich denke, dass sollte Anlaß genug für jene Bildungspolitiker sein, die "mehr Diziplin" an Schulen im Sinne der Null-Toleranz fordern, einmal den Blick auf die amerikanischen Erfahrungen zu werfen. Und Anlaß zum Nachdenken für geplagte Eltern und Lehrer, die resigniert meinen, nur noch konsequentes hartes Durchgreifen könne die Schüler dazu bringen, endlich "vernünftig" zu lernen. Offenbar ist das Gegenteil der Fall.

Mittwoch, 16. August 2006

Kulturelles Stöckchen

Aufgelesen bei karan

Was liest du gerade?
Daniel Jonah Goldhagen: Die katholische Kirche und der Holocaust. (Ich habe es erneut aus dem Regal geholt, weil mir Goldhagens These, die christliche Bibel sei in weiten Passagen ein antisemitscher Text, aus aktuellem Anlaß keine Ruhe läßt. Und zwar nicht, weil ich diese These ablehnen würde. Eher schon, weil sie für mich verlockend bequem ist.)

Welches Buch hat dich zuletzt stark beeindruckt?
Auch wenn es nach bildungsbürgerlicher Angeberei klingt: William James - Pragmatism: A New Name for Some Old Ways of Thinking (war einfach überfallig).

Sammelst du irgendetwas?
Es fällt mir schwer, bestimmte Dinge einfach wegzuwerfen. Systematisch sammeln? Früher mal Romanhefte.

Schreibst du Widmungen in Bücher?
Nein. (Außer vielleicht in selbstgeschriebene.)

Schreibst du deinen Namen in deine Bücher?
In solche, die ich verleihe und gerne mal wiedersehen würde, sonst nicht.

Welches Buch hast du doppelt?
Doppelte Bücher habe ich vor einer Weile aussortiert; ich habe aber einige Bücher in unterschiedlichen Ausgaben bzw. Übersetzungen, z. B. von "Stranger in a Strange Land" oder "Call of the Wild" (In beiden Fällen: deutsche Übersetzung, Original, ungekürztes Original nach dem Manuskript des Autoren.)

Von wem würdest du dir gern was vorlesen lassen?
Komisch, mir fällt jetzt jemand ein, von dem ich mir auf keinen Fall etwas vorlesen lassen möchte. Nein, mir fällt niemand Bestimmtes ein, der mir vorlesen könnte.

Sitzt du im Kino lieber am Rand oder in der Mitte?
In der Mitte. Und zwar so mittig wie möglich.

Welche ist deine liebste Romanfigur?
Als Kind waren das Pippi Langstrumpf und wenig später Käpt'n Konnie. Aber heute? Schwer zu sagen, denn einige der interessantesten Romanfiguren wären Menschen (und mitunter Nicht-Menschen) die ich auf keinen Fall persönlich kennenlernen möchte. Eine der gelungensten Romanfiguren: Smilla (besser gelungen als das Buch, das sie als Ich-Erzählerin erzählt). Würde sie auch gern mal treffen, wenn es sie gäbe. Aber das Buch ist bei weitem nicht mein Lieblingsroman, bei weitem nicht.

Nach welchem System ordnest du deine Bücher daheim?
Ich habe es mal versucht. Das einzige, das von diesem Versuch geblieben ist, ist eine grobe Unterscheidung zwischen Sachbüchern und belletristischen Büchern. Ganz grob und nicht konsequent.

Lesen: Vor dem Ins-Bett-Gehen oder nach dem Aufstehen?
Wenn ich gerade Lust und Gelegenheit habe. Je nach dem.

Welches Buch würdest du deinem größten Feind schenken?
Meinen Feinden schenke ich keine Bücher.

Hardcover oder Paperback?
Auf den Inhalt kommt es an.

Zeitung aus Papier oder im Netz?
Tageszeitungen lese ich inzwischen nur noch im Netz.
Bei Wochenzeitungen bin ich konservativ: Papier. (Und für die "Zeit" sollte man sich Zeit nehmen.)

Von welchem Buch bist du zum ersten Mal so richtig gefesselt worden?
Vermutlich von dem ersten, das ich lesen konnte. Ein Kinderbuch namens "Spuren in der Hafenstraße". Fand ich schon ein Jahr später nur noch affig.

Deine liebste Literaturverfilmung?
"Blade Runner" nach Philip K. Dicks "Do Androids Dream of Electric Sheeps?"

Tägliche oder wöchentliche Pflichtlektüre?
An sich: jede Menge Handbücher, Dokumentationen, Fachzeitschriften. Ich vermisse sie nicht. Obwohl es vielleicht besser wäre, in Zeiten der Arbeitslosigkeit beruflich "am Ball" zu bleiben.

Bevorzugte Urlaubslektüre?
Jede Menge Science Fiction, Fantasy, Krimis, Seeabenteuerschmöker. Und zwar durchweg der "leichteren" Sorte. Ich bin nicht der Typ, der Bücher, die ich "immer schon mal lesen wollte" auf Reisen mitnimmt.

Bester Romantitel ever?
Ich verstehe nicht: Bezieht sich das auf das Buch oder den Wortlaut des Titels?

Vom Titel her finde ich "Neuromancer" von William Gibson wegen seiner Mehrdeutigkeit genial - wobei jede Bedeutung das Buch treffend beschreibt.

Einen "besten Roman" zu nennen, traue ich mir nicht zu, da einige meiner erklärten Lieblingsromane (definiert als Romane, die ich mehr als zweimal gelesen habe) literarisch eher "schwach" zu nennen sind. Auf der anderen Seite gibt es Romane, die genial geschrieben sind, auf turmhohen literarischen Niveau stehen, Bücher, die mit einem Wort hervorragend sind - und die ich vergesse, wenn ich sie durch habe.
Außerdem käme ich mir komisch vor "Lord of the Rings" mit "Der Untertan", "Brave New World" mit "Kein Reihenhaus für Robin Hood" oder "Das Boot" mit "Star Rover" zu vergleichen. Äpfel und Birnen sind da ähnlicher. Gut finde ich sie, auf ihre Art, alle. (Und noch hunderte hier nicht genannte Bücher mehr.)

Welches Buch sollte jeder Mensch gelesen haben?
Die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte ist kein Buch für sich, sonst würde ich Karans Beispiel folgen.
"Das ungeschriebene Buch des Lebens" vielleicht?

Montag, 14. August 2006

Wirksame Aids-Therapie ist auch in "Buschkliniken" möglich

Ein Hoffnungsschimmer aus Afrika: Offensichtlich sind nicht unbedingt nach dem neuesten Stand der Medizintechnik eingerichtete Kliniken notwendig, um Aids wirksam bekämpfen zu können.
wissenschaft.de: Mediziner vermelden Erfolge bei Aids-Therapien in Afrika
Eine Studie in Sambia belegt, dass Programme zur Behandlung von HIV-Positiven und Aidskranken in Afrika südlich der Sahara ähnliche Erfolge erzielen können wie die Aidstherapie in westlichen Industrieländern.
Bisher galt in Sambia, einen der am stärksten von Aids betroffenen Ländern der Erde, das Prinzip: Wer arm ist, stirb eher, denn bislang hatten nur die Reichsten Zugang zu einer antiretroviralen Therapie gegen eine HIV-Infektion.
Im Jahr 2002 begann das sambische Gesundheitministerium ein Programm, bei dem alle Patienten ohne Bezahlung mit Medikamenten gegen die Krankheit behandelt wurden. Auch die Laboruntersuchungen waren fortan gratis. In den folgenden dreieinhalb Jahren wurde das Programm auf 18 weitere Kliniken und Gesundheitszentren ausgeweitet.
Anfangs bestand eine große Unsicherheit darüber, ob die komplizierte und lang dauernde HIV-Behandlung an technisch und personell eher bescheiden ausgestatteten Kliniken erfolgreich durchgeführt werden könnte.
Glücklicherweise zeigte sich bei den sambischen Patienten ein ähnlicher Therapieverlauf wie in Kliniken westlicher Industrieländer. Auch die Sterberate in den ersten 90 Tagen nach Behandlungsbeginn war vergleichbar mit der entwickelter Länder.

Sonntag, 13. August 2006

Ehrenamtliche Widerspüche

Es ist in mittlerweile gewohntes Spiel: Auf der einen Seite wird, von Seite der Bundes-, Landes, Kommunal-Regierungen, bei jeder passenden und vielen unpassenden Gelegenheiten das "ehrenamtliche Engagement" der Bürger gelobt und "mehr Engagement" gefordert. (Weil ohne die unbezahlte Arbeit in vielen Bereichen - Soziales, Kultur, Unweltschutz - kaum noch etwas ginge.) Auf der anderen Seite werden (scheinbare und tatsächliche) "Steuerprivilegien" für Ehrenämter abgebaut - ohne zu fragen, ob diese (eher geringen) Einsparungen nicht an anderer Stelle erheblich höhere Aufwendungen hervorrufen.

Ein neues und vielleicht besonders folgenschweres Beispiel dieser inzwischen gewohnten Praxis trifft die Umwelt- und Naturschutzverbände: Volle Breitseite gegen Umweltverbände: Gemeinnützigkeitsrecht soll reformiert werden In der Tat wären die von den "unabhängigen" (kicher!) Gutachtern vorgeschlagenen Änderungen verheerend, auch wenn man in Rechnung stellen muß, dass auch Umweltschutz-Verbände die PR-Technik des "lautstarken Jammerns" zuweilen trefflich beherrschen.

Samstag, 12. August 2006

Staatsgläubigkeit - eine alte Tradition der deutschen Linken

Die "Staatsgläubigkeit" gilt geradezu als die "deutsche Zivilreligion" - oder ist mindestens ein wichtiger Bestandteil des Weltverständnisses der meisten deutschen Politiker und nicht weniger ihre Wähler. Das mehr oder weniger nationalistische Kreise "staatsgläubig" sind, ist, international gesehen, der Normalfall. Auch ist es relativ normal, dass "Linke", von den autonomen Linken, den Anarchokommunisten, konsequenten Marxisten und ähnlichen Gruppierungen außerhalb der etablierten Richtungen des Sozialismus und des Kommunismus abgesehen, zum Etaismus neigen.
Exkurs, zur Begriffsklärung: Etatismus (von frz. État = Staat) ist ein Überbegriff für politischen Richtungen, die dem Staat eine große Bedeutung im wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Leben zumessen. Nicht mehr und nicht weniger. Etaistische Systeme können autoritär bis totalitär sein, müssen es aber nicht. Der Etaismus der schwedischen Sozialdemokratie z. B. geht mit einen starken Mißtrauen gegenüber "Obrigkeiten" einher, was zu Institutionen wie dem "Ombudsmann" oder dem sehr weit reichenden Recht auf Akteneinsicht führt. Das nur, weil "Etaismus"
von Liberalen, Anarchisten und ganz besonders gern von "Libertären" (Anarchokapitalisten) als abwertendes und undifferenziertes Schlagwort gegenüber ihren politischen Gegnern verwendet wird.

Dass Sozialdemokraten und Sozialisten mehr oder weniger etaistisch sind, ist normal. Dass sie "den Staat" geradezu vergöttern, gar der Meinung sind, der einzelne Mensch sei für den Staat da, und nicht der Staat für den Menschen, ist allerdings "typisch deutsch" - zumindest auf der politisch "linken" Seite. (Die "Staatsvergötterung" des Leninismus nehme ich ganz ausdrücklich aus.) Der Glaube an "den Staat" ist hierzulande sogar ausgesprochenen Anti-Nationalisten zu finden.

Einen treffenden Kommentar zum tief staatsgläubigen, ultra-etaistischen Politikverständnis der deutschen Sozialdemokratie ausgerechnet zur Zeit der bismarkschen Sozialistenunterdrückung im stramm autoritären Kaiserreich schrieb Karl Marx.
1875 verfasste er seine berühmten "Randglossen zum Programm der deutschen Arbeiterpartei", dem Vorgänger der SPD. Über das Lippenbekenntnis zum "Internationalismus" der deutschen Arbeiterpartei schrieb Marx u. A.:
In der Tat steht das internationale Bekenntnis des Programms noch unendlich tief unter dem der Freihandelspartei. Auch sie behauptet, das Ergebnis ihres Strebens sei "die internationale Völkerverbrüderung". Sie tut aber auch etwas, um den Handel international zu machen, und begnügt sich keineswegs bei dem Bewußtsein - daß alle Völker bei sich zu hause Handel treiben.
Zum Staatverständnis, das aus diesem Programm sprach, merkte Marx an:
Zunächst nach II erstrebt die deutsche Arbeiterpartei "den freien Staat".
Freier Staat - was ist das?
Es ist keineswegs Zweck der Arbeiter, die den beschränkten Untertanenverstand losgeworden sind, den Staat "frei" zu machen. Im Deutschen Reich ist der "Staat" fast so "frei" als in Rußland. Die Freiheit besteht darin, den Staat aus einem der Gesellschaft übergeordneten in ein ihr durchaus untergeordnetes Organ zu verwandeln und auch heute sind die Staatsformen freier und unfreier im Maß, worin sie die "Freiheit des Staates" beschränken.
Die deutsche Arbeiterpartei - wenigstens, wenn sie das Programm zu dem ihrigen macht - zeigt, wir ihr die sozialistische Ideen nicht einmal hauttief sitzen, indem sie, statt die bestehende Gesellschaft (und das gilt von jeder künftigen) als Grundlage des bestehenden Staats (oder künftigen, für künftige Gesellschaft) zu behandeln, den Staat vielmehr als ein selbstständiges Wesen behandelt, das seine eignen "geistigen, sittlichen, freiheitlichen Grundlagen" besitzt.
Besonders stößt sich Marx an dem "wüsten Mißbrauch, den das Programm mit den Worten heutiger Staat und heutige Gesellschaft treibt". Denn offensichtlich waren die damaligen Sozialdemokraten bereit, sich mit dem "Militärdespotismus" bismarkscher Prägung (der ihr erklärter Feind war) nicht nur zu arrangieren, sondern ihn geradezu als Grundlage des zu schaffenden "künftigen Staates" ansahen.
Seine politischen Forderungen enthalten nichts außer der aller Welt bekannten demokratischen Litanei: allgemeines Wahlrecht, direkte Gesetzgebung, Volksrecht, Volkswehr, etc. Sie sind ein bloßes Echo der bürgerlichen Volkspartei, des Friedens- und Freiheitsbundes. Es sind lauter Forderungen, die, soweit nicht in phantastischer Vorstellung übertrieben, bereits realisiert sind. Nur liegt der Staat, dem sie angehören, nicht innerhalb der deutschen Reichsgrenze, sondern in der Schweiz, den Vereinigten Staaten etc. Diese Sorte "Zukunftsstaat" ist heutiger Staat, obgleich außerhalb "des Rahmens" des Deutschen Reichs existierend.
Aber eines hat man vergessen. Da die deutsche Arbeiterpartei ausdrücklich erklärt, sich innerhalb des "heutigen nationalen Staats", also ihres Staates, des preußisch-deutschen Reichs, zu bewegen - ihre Forderungen wären ja sonst auch größtenteils sinnlos, da man nur fordert, was man noch nicht hat -, so durfte sie die Hauptsache nicht vergessen, nämlich das all jene schönen Sächelchen auf Anerkennung der sog. Volkssouveränität beruhn, daß sie daher nur in einer demokratischen Republik am Platze sind.
(...)
Daß man in der Tat unter "Staat" die Regierungsmaschine versteht oder den Staat, soweit er einen durch Teilung der Arbeit von der Gesellschaft besonderten, eignen Organismus bildet, zeigen schon die Worte: "Die deutsche Arbeitpartei verlangt als wirtschaftliche Grundlage des Staats: eine einzige progressive Einkommenssteuer etc." Die Steuern sind die wirtschaftliche Grundlage der Regierungsmaschinerie und von sonst nichts. Im dem in der Schweiz existierenden Zukunftsstaat ist diese Forderung ziemlich erfüllt. Einkommenssteuer setzt die verschiednen Einkommensquellen der verschiednen gesellschaftlichen Klassen voraus, also die kapitalistische Gesellschaft. Es ist also nichts Auffälliges, daß die Financial Reformers von Liverpool - Bourgeois mit Gladstones Bruder an der Spitze - dieselbe Forderung stellen wie das Programm.
(Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie und wird liberale Leser erfreuen ;-), dass ausgerechnet Karl Marx die damaligen Liberalen für fortschrittlicher und demokratischer hielt, als die damaligen deutschen "Sozis". Teufel)

Einen deutlichen Bruch mit diesem "organischen" und paternalistischen Staatsverständnis, das lezten Endes auf die "Nationalromantik" und "Staatsphilosophen" wie Fichte oder Hegel zurückgeht, gab es im "Hauptstrom" der deutschen Sozialdemokratie, soweit ich das beurteilen kann, nicht. (Darin unterscheiden sich die deutschen Sozialdemokraten übrigens nicht von den meisten Deutschen andere politischer Ausrichtung.) Die - in Frankreich, Großbritannien, den USA und selbst Skandinavien beinahe selbstverständliche Einsicht, dass der Staat ein menschengemachtes Konstrukt ist, dass für den Bürger da sein sollte, ist in Deutschland, obwohl sich in den letzten 40 Jahren hier einiges zum Besseren entwickelte, immer noch nicht konsensfähig.

Es war u. A. dieses schon von Marx bemängelte "preußisches-deutsche" Staatsverständnis, welchen "im Staat an sich" einen Wert sahen, das in der Revolution von 1918/1919 den Sozialdemokraten Ebert dazu verleitete, die "staatstreuen", aber demokratiefeindlichen Feikorps gegen die nicht "staatsloyalen", aber demokratischen und fast ausschließlich von Sozialdemokraten getragenen und entgegen der Legende keineswegs "bolschewistischen" Arbeiter- und Soldatenräte" einzusetzen. Auch bei der blutigen Niederschlagung des angeblichen "Spartakistenaufstands" in Berlin stellt sich die Frage, ob die "Medizin" (Einsatz der Reichswehr einschließlich der rechtsgerichteten Freikorps gegen die Aufständischen) nicht weitaus schlimmer als die "Krankheit" (der Aufstand) war.

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