Samstag, 1. Juli 2006

Vor acht Sommern war die Luft ´raus - WM 1998

Photobucket - Video and Image Hosting©:Pixelquelle.de

(Sozusagen eine Fortsetzung zu Vor vielen Sommern - 1974)
Acht Jahre sind keine sonderlich lange Zeit. Dennoch war die Welt 1998 eine andere: das ominöse Datum 11.September 2001 lag noch über drei Jahre in der Zukunft, das Platzen der Dotcom-Blase noch gut zwei Jahre, der deutsche Kanzler hieß noch, aber nicht mehr lange Helmut Kohl, der US-Präsident Clinton. Bundestrainer war "Börti" Vogts.
Vor allem war der deutsche Fußball ein anderer als heute. Sehr "ergebnisorientiert", taktisch etwas altmodisch und spielerisch eher langweilig.
Der negative Höhepunkt der WM 98 waren deutsche Hooligans, die vor dem Spiel gegen Jugoslawien in Lens den französischen Polizisten Daniel Nivel zum Krüppel schlugen.

Auch wenn ich diese WM nur am Rande mitverfolgte, an den Tag, an dem die deutsche Mannschaft ausschied, kann ich mich sehr gut erinnern. Es war der 4. Juli, ein (halbwegs) sonniger Sonnabend.

An diesem Tag spielte die Band "Sparkling Starwater" in der "Motte", dem Stadteilteilkulturzentrum im Hamburger Stadteil Ottensen. Ein rein publikumsinteressetechnisch gesehen eher ungünstiger Termin, aber der Auftritt war Bestandteil einer schon länger geplanten Veranstaltung. Die Musikrichtung von "Sparkling Starwater" war schwer zu beschreiben, Etiketten wie "Neo-Hippie" oder "60er-Jahre Retro" klebten wegen der hörbaren Hardrock- und Punk-Einflüsse nicht richtig. Meistens wurde sie kurzerhand als
"Garage Band" bezeichet.
Außerdem hatte die Band zwei musikalische fitte und optisch attraktive Front-Frauen, eine blond, eine brünett, was bei einigen Anwesenden musikalisch eher fernliegenden Assoziationen in Richtung ABBA hervorriefen. Und sie hatte einen ausgezeichneten, aber ziemlich eigenwilligen Gitarristen, bei dem es sich zufällig um meinen Bruder handelte. (Spielt heute bei Cpt. Howdy)

Weshalb ich dann auch auf der Gästeliste stand und selbstverständlich gerne kam.

Immerhin, im Foyer stand ein Fernseher. Und der (mäßig besuchte) Auftritt der Band erfolgte erst nach erfolgtem Spiel. An dem ich, nach dem vorrangangenen öden Achtelfinalspiel, das Deutschland mit unverschämt viel Glück gegen die spielerisch weitaus stärkeren Mexikaner gewonnen hatte, eher wenig interessiert war.

Während der ersten Halbzeit machte ich einen kleinen Spaziergang durch den an normalen Sonnabendnachmittagen sehr belebten Kernbereich "Mottenburgs". Eine gespenstische Erfahrung: Die Straßen waren praktisch menschenleer. Eigentlich überraschend, angesichts des hohen Ausländeranteils und der bescheidenen Leistungen des deutschen Teams.

Damit versäumte ich den besten Teil des Spiel, denn anfangs soll Deutschland nicht schlecht gespielt haben. Eine rote Karte gegen Christian Wörns in der 40. Minute war praktisch schon das Ende.
Kroatien nutzte die Überzahl aus und kam zu einem 3:0-Sieg.
Was bemerkenswerterweise niemandem die Laune zu verderben schien. Tatsächlich herrschte eher ein Gefühl der Erleichterung.

Erstaunlich viele der im Zweifel eher linken "Motte"-Besucher zogen Parallelen zwischen dem Spiel der deutschen Mannschaft und dem Zustand der deutschen Politik. Was am Ende der Kohl-Ära sogar gestimmt haben mag ...

Die Luft war ´raus. Bei der Regierung Kohl. Bei der Fußball-Nationalmannschaft. Und leider auch, selbst wenn es noch einige Zeit bis zur Bandauflösung dauerte, bei "Sparkling Starwater".

Freitag, 30. Juni 2006

Die wahren "Harz IV Abzocker"

Während lautstark gegen den (angeblichen) massenhaften Leistungsmißbrauch durch ALG II-Empfänger lamentiert wird, finden die echten "Harz IV-Abzocker" bemerkenswert wenig Beachtung.

"Ulysses", der im "wirklichen Leben" bei der Arbeitsagentur arbeitet, schildert, wie die "Abzocke" tatsächlich funktioniert:
Die Masche: Einen Arbeitslosen einstellen, Lohn für ein halbes Jahr von der Arbeitsagentur bezahlen lassen, den Arbeitslosen nach 5 Monaten und 29 Tagen wieder auf die Straße setzen, nächsten Arbeitslosen einstellen.

Der Effekt: Null Lohnkosten - für die Firma. Die daraus resultierenden Erfolge und Gewinne werden vom Staat - also von UNS bezahlt. Und wenn der Staat dann keine “Kohle” mehr hat, kann man wunderschön über den “Sanierungsfall Deutschland” referieren und den Volks-Reformwillen weiter zu ungeahnten Höhenflügen anspornen.
Ganzer Text (bitte lesen): Neues aus Abzockistan

Im Klartext: Subventionsbetrug mit Arbeitslosen. Kommt aber im
Paralleluniversum der Großen Koalition (im dem leider auch die Mehrheit der Journalisten und der zahlreichen "Berater" und "Wirtschafts-Experten" zu leben scheint) nicht vor. Auch wenn man durch die Bekämpfung dieser Abzocke noch so viel einsparen könnte.

Korrektur, am 1. Juli 2006:
Ich habe Ulysses Einleitung falsch verstanden. Er und die Arbeitsagentur haben nur die gleichen "Kunden". Und einer von denen hat die Abzock-Info von seinem Kundenberater/Arbeitsvermittler.

Donnerstag, 29. Juni 2006

Wirtschaftlicher Klimaschutz ist möglich - aber ...

Zur Abwechslung mal eine gute Nachricht. Oder eine, die gut sein könnte.
Umwelt-News: Studie: Wirtschaftlicher Klimaschutz ist möglich.
Etwa 70 technische Maßnahmen wurden unter seiner Projektkoordination detailliert analysiert. Ergebnis: Haushalte, Industrie, Gewerbe und Handel können insgesamt rund 40 % an Energie sparen und davon direkt profitieren. Investitionen in Endenergieeffizienz können mit Renditen von zumeist mehr als 10 %, in einzelnen Fällen über 100 % punkten. Eine staatliche Förderung ist jedoch notwendig für eine rasche Realisierung dieser Potenziale.
(Hervorhebung von mir.)

Was mich dabei ein wenig stört ist, dass die Studie des Wuppertal Instituts im Auftrag der E.ON AG erfolgte. Einem der Strom-Oligopolististen, die vermutlich einen großen Teil der geforderten Subventionen erhalten würden.

Urheberschlecht

Das neue Urheberrecht, dass zur Zeit (29.06.06.) in erster Lesung im Bundestag beraten wird, hat eine Reihe problematische Punkte. Viel diskutiert wurde die de facto Einschränkung des Rechts auf die Privatkopie. tagesschau.de: Urheberrecht: Was ist erlaubt, was ist verboten?

Nach Angaben der Bundesregierung sorgt das neue Urheberrecht für einen fairen Interessenausgleich zwischen den Kreativen, den Verwertern, der Geräteindustrie, den Nutzern sowie dem Kulturbetrieb und der Wissenschaft. Das sehen die Kreativen, Verwerter, Nutzer, der Kulturbetrieb und die Wissenschaft allerdings anders. netzeitung: Urheberrechtsnovelle scharf kritisiert. Es ist z. B. für den Wissenschaftsbetrieb nicht gerade förderlich, wenn elektronisch verfügbare Medien nicht z. B. in Universitäts-Instituten öffentlich zugänglich gemacht und wiedergeben werden dürfen. Dieses Recht wird im Gesetzentwurf nur öffentlichen Bibliotheken, Museen oder Archiven zugestanden. Völlig praxisfremd im Zeitalter der lokalen Netzwerke ist, dass in Bildungseinrichtungen der Zugang zu elektronisch verfügbaren Medien nur auf eigens eingerichtete Leseplätze beschränkt werden soll. Außerdem erhalten kommerzielle Anbieter praktisch ein gesetzliches Monopol zur Vervielfältigung und Übermittlung von digitalen Inhalten. Ein nicht unerheblicher Kostenfaktor.

Nur die Geräteindustrie und - in Teilbereichen - die "Großen" der Musik- und Filmindustrie sowie einige Großverlage dürften mit dem Gesetzentwurf zufrieden sein.

Nach dem Gesetzentwurf soll die Vergütung für die Urheber zwischen den Verwertungsgesellschaften und den Herstellern von Geräten, mit denen Kopien gefertigt werden können, ausgehandelt werden. Der Entwurf schreibt als Obergrenze fünf Prozent des Verkaufspreises des jeweiligen Gerätes fest. Bisher sind die auf den Kaufpreis aufgeschlagenen Abgaben gesetzlich detailliert geregelt.
Das klingt liberal, nach dem Abau überflüssiger Regelungen, nach Vertragsfreiheit.
Wegen der vorgeschriebenen(!) Obergrenze von 5% des Gerätepreises kann von "Vertragsfreiheit" keine Rede sein. Die starre Obegrenze hat bei erfahrungsgemäß eher fallenden Gerätepreisen auch fallende Vergütungen zufolge. Ein weiterer Unterschied zwischen liberaler Theorie und "Friss- oder Stirb"-Praxis liegt darin, dass die Verhandlungsposition der Verwertungsgesellschaften gegenüber der Industrie schon aus technischen Gründer sehr schlecht ist. Was unter Umständen zur Folge hat, dass noch nicht einmal die maximal möglichen 5% erreicht werden.

Nach Angaben der VG Wort drohen den von ihr vertretenen Autoren und Verlegern (das sind praktisch alle in Deutschland) Einnahmeverluste von mindestens 40 Prozent. Bei den Komponisten und Musikverlagen ist die Lage sogar noch heikler: tagesschau.de: Musikautoren befürchten Millionenverluste
tagesschau.de: Unternehmerinteressen vor Urheberrechten?
netzeitung:Bündnis gegen neues Urheberrecht.

Ein weiterer Punkt, der mich (und meine Website) persönlich stark betrifft, und in dem Verleger und Autoren im Gegensatz zur Kopievergütung auf unterschiedlichen Seiten stehen, sind die Zweitverwertungsrechte.
Das sind Rechte der eigentliche "Urheber", nämlich der Autoren gegenüber den Rechteverwertern, etwa den Verlagen, auf ihr eigenes Werk. Bisher ist es etwa üblich, das nach einer angemessenen Frist, etwa einem halben Jahr, der Autor seinen z. B. in einer Zeitschrift veröffentlichten Artikel auf seine persönliche Website stellen kann. Grundsätzlich bleiben die Urheberrechte beim Autoren, auch wenn anderes vereinbart werden kann.
Nach der neuen Regelung gehen die "Urheberrechte" im Regelfall (wenn nicht anderes vereinbart wird) vom eigentlichen Urheber auf den Verwerter über. Kostenlose "Altartikel" im Internet wird es dann wohl kaum noch geben.

Das ist vor allem für die Wissenschaft wichtig. Wenn z. B. ein Student eine Tabelle zu einer Studie aus einen Zeitschriftartikel übernehmen will, dann wendet er sich bisher an das Institut, das die Studie und die Tabelle verfaßt hat. In aller Regel erhält er die Genehmigung ohne Probleme und kostenfrei.
Gemäß der neuen Regelung muß sich der Student an den Verlag zu wenden. Ob eine unkomplizierte und kostenfreien Verwendung "urheber"-rechtlich geschützten Materials dann noch möglich sein wird, darf bezweifelt werden. Verlage sind nun einmal Wirtschaftsunternehmen.

Ich gebe gern zu, dass ich in parteisch bin. Aber ich halte meine Interessen und die der wirklich "Kulturschaffenden" für äußerst legitim. Von den Interessen der "Kultur", der "wissenschaflichen Welt" oder der "Bildung", um nur einige der von mir sehr geschätzten Konstrukte zu nennen, ganz abgesehen.

Mittwoch, 28. Juni 2006

Die NPD und ihr "großes Vorbild"

Eigentlich müßte es sich herumgesprochen haben:
Von Nazi-Deutschland lernen, heißt verlieren lernen!

Immer wieder frappierend, wie direkt die National"demokraten" an alterprobte Rezepte der NSDAP anknüpfen. Wie ihr "großes Vorbild" schleimt sich die NPD bei der katholischen Kirche an, wenn es taktisch geboten erscheint. NDP-Blog: NPD zwischen Jesus und Odin.

Übrigens dürften auch die von anderen NPDlern angeschlagenen neuheidnischen und anti-christlichen Töne im Zweifel taktisch motiviert sein - auch wieder wie beim “großen Vorbild”. Und da Heiden in der großen Mehrheit zwar keine Nazis, aber oft geradezu selbstmörderisch politisch naiv sind, gehen solche Taktiken von "Rechtsaußen" gerade bei ihnen allzuoft auf. (Wobei nur graduelle Unterschiede zwischen NPD, DVU und "intellektuellen" "Neuen Rechten" bestehen.) Ich möchte zu gern die Gesichter der "Odin statt Jesus!"-T-Hemd-Träger sehen, wenn die mitbekommen, dass der selbe Bursche, der ihnen gestern noch was von "Wüstenreligionen", die naturgesetzlich nicht zu den Nordeuropäern passen würden, erzählte, heute einen Bischof bittet, einen Gottesdienstbesuch der Nationaldemokraten zuzulassen, damit diese demonstrieren könnten, dass es sich bei der NPD "um keinen Dämon" handle.

Auch übrigens, auch im NPD-Blog: Nazis umd WM: Volksgemeinschaft statt Party-Patriotismus. (Entlarvend, wie offen sich der NPD-Landtagsabgeordneter Jürgen Gansel zum Nationalsozialismus bekennt.)
Wenn die schwarzrotgoldene Fähncheneuphorie ein Gutes hat, dann dass das beliebte Propagandathema der angeblich vom Ausland (nationalistische Variante) oder von den Juden (Hardcore-Nazi-Variante) gegängelten Deutschen, die keinen Nationalstolz zeigen dürften, vorerst jede Glaubwürdigkeit verloren hat.

Aus Sicht der NS-Nostalgiker passiert übrigens am Rande der WM der reine Horror:
Did you ever think you'd see the same people waving Israeli flags and singing "Deutschland über alles"?
Aus: Winds of Change: Soccer semiotics - sehr lesenswert - auch die Kommentare! via: extrablog

Dienstag, 27. Juni 2006

Der Piratenjäger, der Astronom und die nationale Identität

Dieser vielkommentierte Thread beim Don: Deutsch als Deppenbegriff, in dem der Don übrigens sehr anschaulich den Nationalitätsbegriffs als Konstrukt entlarvt, regt mich an, ein wenig über den Begriff "Ausländer" und den verbreiteten Hang, heutige Sichtweisen in frühere Epochen zu projezieren.

In Hamburg gibt es eine Simon-von-Utrecht-Straße, die in etwa parallel zur einer erheblich bekannteren Straße, der Reeperbahn, verläuft. Der Name Simon von Utrechts ist mit der eines erheblich bekannteren Mannes verknüpft, nämlich mit dem Klaus Störtebekers. Wobei van Utrecht, im Gegensatz zu seinem gleichnamigen Sohn, dem Schiffshauptmann und nachmaligen Bürgermeister Simon van Utrecht, keinesweg selbst Flotten gegen Piraten führte. Der wohlhabende niederländische Tuchhändler Simon van Utrecht hatte um 1400 das Hamburger Bürgerrecht erhalten und sozusagen als "Einstand" zwei Kriegsschiffe zur Bekämpfung der in der Nordsee den hansischen Handel störenden "Vitalienbrüder" finanziert. Diese Schiffe gehörten zu jener Flotte, die 1401 den legendären Seeräuber Klaus Störtebeker, gefangennahm. Wohl in Verwechslung mit van Utrecht jr. galt er in der Legende als "Piratenjäger" und "Bezwinger Störtebekers".
Nun gibt es Menschen, die der "Ausländerfeindlichkeit" entgegen treten wollen und deshalb betonen, der "berühmte Hamburger Seeheld" van Utrecht (schließt wohl beide Simons ein) wäre ein Ausländer bzw. ein Einwanderer gewesen.

Welch ein Anachronismus! Und das nicht nur, weil der "moderne" Nationalitätsbegriff sich erst um 1800 herausbildete.

1401 gab es ein Gebilde irgendwo zwischen Staatenbund und Bundesstaat namens "Heiliges Römisches Reich", später auch "Heiliges Römisches Reich deutscher Nation" genannt, wobei "Nation" nicht ganz dem entspricht, was wir seit dem 19. Jahrhundert darunter zu verstehen pflegen. Aber lassen wir das. Enstscheidend ist, dass die Städte Hamburg und Utrecht, mutmaßlicher Heimatstadt des Simon, beide zum diesem "Heilige Römischen Reich" gehörten. Außerdem gehörte beide Städte zu einem wirtschaftlich und politisch bedeutsamen Städtebund, der Hanse. Politisch gesehen kam der Tuchhändler Simon also aus einer befreundeten Stadt des selben lockeren "Reiches", zum dem auch Hamburg gehörte.
Aber gehörte nicht trotzdem einem anderen "Volk" an, als die deutschen Hamburger? Ein Hamburger um 1400 wird darüber nur den Kopf geschüttelt haben. Ob jemand Landsmann war, entschied sich damals erst einmal danach, wessen Untertan er war. Das hieß im Falle Hamburgs: in dem Moment, in dem jemand Bürger war, war er auch Landsmann. Ob er zum selben "Volk" gehörte, entschied sich daran, welche Sprache er sprach und welchen Sitten er im Alltag folgte. Nun sprach man in Hamburg damals Niedersächsisch und in Utrecht Niederfränkisch. Nach heutigen Begriffen ist beides "Plattdeutsch" - noch heute kann jemand, der modernes Niederländisch spricht, modernes Plattdeutsch verstehen, obwohl sich beide Sprachen auseinanderentwickelt haben. Damals sprach ein Utrechter für einen Hamburger nur eine andere Mundart der eigenen Muttersprache. Anderseits: wenn ein Hamburger Kaufmann seinem Geschäftsfreund in Augsburg schreiben wollte, dann schrieb er nicht selten auf Latein (oder ab Mitte das 15. Jahrhunderts Italienisch - deshalb die vielen italienischen Lehnwörter im Handelsdeutsch, von Filiale über Netto und Konto bis Bankrott).
Ein Plattdeutsch sprechender Hamburger konnte sich, ohne die Fremdsprache "bayrisches Hochdeutsch" gelernt zu haben, nicht mit einem Augsburger unterhalten! Tatsächlich galten die Augsburger Fugger den hansischen Kaufleuten in Lübeck, Hamburg, Danzig usw. im 16. Jahrhundert als lästige ausländische Konkurrenz. Der Hansekaufmann aus Stockholm, Riga oder Utrecht war dagegen "einer von uns".

Noch ein Fallbeispiel, und zwar eines, über das sich Polen und Deutsche noch heute in die Haare geraten können: Die Nationalität des berühmstesten aller Astronomen, Nicolaus Copernicus. War er Pole oder Deutscher?
Seine Heimatstadt Thorn war einerseits Hansestadt, andererseit hatte sie sich kurz vor seiner Geburt unter die Herrschaft des polnischen Königs begeben - Kopernikus (so die deutsche Schreibweise) war also polnischer Untertan. Im Polnischen wird er Mikołaj Kopernik genannt. Anderseits ist die verbeiteteste nicht lateinisierte Form des Namen Copernicus Koppernigk - schon wegen der in slawischen Sprachen nicht vorkommenden Konsonantenverdopplung ein "deutscher" Name. Kopernikus schrieb fast ausschließlich lateinisch, es existieren aber auch einige Briefe in deutscher Sprache, aber keine in Polnisch. Auf der anderen Seite handelte Kopernikus sein Leben lang wie ein polnischer Kirchenmann. Er verhandelte für den König von Polen mit dem Hochmeister der Deutschritterordens und war bereit, die Burg von Allenstein gegen die Deutschritter zu verteidigen. Andererseits verkehrte er hauptsächlich mit deutschen Gelehrten.

In "modernen" Begriffen war Kopernikus vermutlich ein Pole deutscher Muttersprache, der möglicherweise nicht einmal polnisch sprach. Was in den Begriffen des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts ein Unding war, zumindest bei einem "Mann von Stande". Der Nationalitätsstreit beruht darauf, dass ein Begriff von Nationalität in das 16. Jahrhundert zurückprojeziert wurde, in dem er noch gar nicht existierte.
Hätte man Kopernikus selber nach seinem Heimatland gefragt, hätte er wahrscheinlich "ich bin Ermländer" geantwortet. Denn das Fürstbistum Ermland war seine Heimat - und das Land seines unmittelbaren Landesherren. "Polen" war der Herrschaftsbereich des polnischen Königs und "Deutsch" eine Sprache.

Gedanken anläßlich eines erlegten Bären

Braunbär
Symbolfoto ©Pixelquelle.de

Nun ist er tot: Man kann es politisch sehen, wie Marian Wirth: Mein Freund, der Problembär
Es geht hier nicht um den Umgang mit Bären, wie Herr Lapide bei S&W meint, sondern um den Bär als Symbol für die Schwierigkeiten der Politik, Probleme anders als maximalinvasiv zu lösen.

Nun ist er also in den Ewigen Jagdgründen, der Problembär Bruno. Und wir sind wieder mit unseren Problempolitikern allein.
Man kann es unter Artenschutzgesichtspunkten sehen "Problembär" Bruno ist tot . Oder über die Boulevardisierung der Medien räsonieren, denn eigentlich ist die Jagd auf "Bruno" ein "klassisches Sommerlochthema" - wir haben zwar Sommer, aber beleibe keine nachrichtenarme Zeit.

Wenn ich daran denke, wie gelassen man in Skandinavien (und vermutlich auch in Norditalien, wo Bruno herkam) mit Bären - einschließlich Schafe reißenden “Problembären” umgeht, dann wirkt die deutsche Reaktion hysterisch. Was bestimmt nicht allein daran liegt, dass es bei uns normalerweise keine Braunbären mehr gibt.
Ich weiß noch genau, wie mir zumute war, als in einem mittelschwedischen Wald Beeren (die mit "ee") sammelte und plötzlich frische Bärenspuren (mit "ä") entdeckte. Verdammt große Tatzen! Aber nach dem ersten Schrecken war mir klar, dass das Tier mehr Angst vor mir hatte, als ich vor dem Bären. Von da an war teilte ich die Gelassenheit der Einheimische in Bezug auf "wilde Tiere". Bären haben Angst vor Menschen. Selbst "Bruno", der ja angeblich "die Scheu vor den Menschen verloren hatte":
Gegenteilig äußerte sich der Wirt des 1700 Meter hoch gelegenen Rotwandhauses, wo der Bär am Sonntagabend gegen 20.30 Uhr wenige Meter an der Hütte vorbei marschiert war. Die Gäste hätten gerade beim Abendessen gesessen, sagte Hüttenwirt Peter Weihrer der dpa. "Ich habe die Leute beruhigt und gebeten, nicht aus dem Haus zu gehen." Schließlich sei er selbst vor die Türe gegangen und habe den Bären angeschrien, der daraufhin geflüchtet sei. "Er hat vor uns Angst gehabt."
Die Ausnahme sind Bärenmütter, die aus gutem Grund wirklich agressiv sind: Bärige Taktik der Bärenmütter.
Vor Wildschweinen habe ich mehr Respekt. Das bisher einzige Mal, dass ich wirklich Angst vor wildlebenden Tieren hatte, war, als zwei Bachen mit ihren Frischlingen vor mir einen Waldweg überquerten. Selbst ein einzelner Keiler kann, wenn er einen schlechten Tag hat, erhebliche "wirtschaftliche Schäden" anrichten. Wie ein Garten nach den "Besuch" einer Wildschweinrotte aussieht, konnte ich ganz bei mir in der Nähe bewundern: wie ein Schlachtfeld. Selbst den Geräteschuppen hatten die lieben Tierchen flachgelegt.
Trotzdem stellt sich kein, äh, Ministerpräsident vor die Presse und stammelt etwas von "Problemschweinen" ins Mikro.

Es war auch ein Wildschwein, dass mir das gestörte Verhältnis einiger meiner Mitmenschen zu Fragen wie "Wildtieren" und "Jagd" zeigte. Ein mir bekannter Revierförster erzählte mir davon. Er wurde von der Polizei zur Hilfe gerufen; ein angefahrener und verletzter Keiler "belagerte" regelrecht das Auto, dass ihn angefahren hatte, die Insassen konnte ihr Fahrzeug nicht verlassen. Der Förster fuhr zur Unfallstelle, sah, dass in dieser Situation nichts anderes half, nahm eine schwerkalibrige Büchse und erlegte den Keiler.
Zur seiner Verwunderung versuchte die Fahrerin des Autos ihn wegen "Tierquälerei" anzuzeigen. Da half auch kein Hinweis auf die Gefährlichkeit des verletzten und wütenden Tiers und darauf, dass der Schuß ihn nur von seinem Leiden erlöst hätte. Eine sentimentale "Tierliebe" hinderte die Frau, die Situation realistisch zu sehen.

Vielleicht war es vernünftig, als "letzte Möglichkeit" den Bären zu schießen. Auch der WWF akzeptierte diese Entscheidung.
Nicht vernünftig war die Selbstinszenierung einiger Problem-Politiker als unverzichtbare “Retter aus höchster Not”, die bei Lichte besehen gar nicht so groß war. Weil aber jede pragmatische und unaufwendige Lösung die die Illusion des “Notfalls” zerstören würde, muß mit a) maximalem Mitteleinsatz (finnische Bärenjäger) und b) mit maximaler Rücksichtlosigkeit (abschießen) gehandelt werden.
Und völlig durchgeknallt sind Morddrohungen gegen Jäger. Sie verraten ein extrem gestörtes Naturverständnis - und blanke Menschfeindlichkeit.

Montag, 26. Juni 2006

"Gestürmte Festung Europa"

Ein neues Sachbuch über einen gern verdängten humanitären Skandal: die europäische Einwanderungspolitik.
Nach Schätzungen des Roten Kreuzes sind rund 20.000 Menschen in den vergangenen zehn Jahren bei dem Versuch gestorben, Europa zu erreichen.
Die hässliche Seite Europas
Es dürfte harter Stoff sein, aber ich werde es lesen. Weggucken hilft am wenigsten.

Bei amazon:Corinna Milborn: Gestürmte Festung Europa. Einwanderung zwischen Stacheldraht und Ghetto. Das Schwarzbuch. Mit Farb- und S/W-Fotos von Reiner Riedler. Styria, Wien-Graz-Klagenfurt 2006. 248 Seiten, 19,90 Euro

Sonntag, 25. Juni 2006

Hartz-IV-Ombudsratsbericht, Politiker und Medien

Es ist bemerkenswert und bezeichnend. Vorgestern erschien der Bericht des Ombudsrates für Grundsicherung über die Auswirkungen der Hartz IV-Reform. Darin wurde festgestellt, dass es ein Kompetenzwirrwarr in den ARGEs gibt, das ein effizientes Arbeiten nahezu unmöglich macht. Außerdem macht der Bericht deutlich: der Missbrauch beim Arbeitslosengeld II ist kein Massenphänomen. Die Agentur für Arbeit selbst beziffert ihn auf unter 3%.

Trotzdem wird die "Schmarotzerlegende" weiterverbreitet. Zum Beispiel vom Fraktionsvorsitzenden der SPD, Dr. Peter Struck. In der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung vom 25.6. meinte er:
Das Menschenbild, das wir hatten, war vielleicht zu positiv. Es war zu optimistisch anzunehmen, dass Menschen das System nur in Anspruch nehmen, wenn sie es wirklich brauchen.
Dieser Satz, wäre angemessen, wenn es wirklich eine unerwartete Kostenexplosion durch massenhaften Leistungsmißbrauch geben würde. Auch die bizarren (und grundgesetzwidrigen) Vorschläge des CSU-Abgeordneten Stefan Müllers, die eine Art "Arbeitsdienst" vorsehen, sind nur vor dem Hintergrund der Massenmißbrauchs-Legende verständlich.
Diese Legende ist bequem, sie erspart es den verantwortlichen Politikern, schwere handwerkliche Fehler bei der Reform und illusionäre wirtschaftpolitische Vorstellungen zugeben zu müssen. Diese Legende kommt natürlich auch bestimmten, konservativen und (pseudo-)wirtschaftliberalen, Interessenvertretern zupaß. Und sie ist populär, denn primitives Kostenstellendenken ist hierzulande genau so Massenerscheinung wie Sozialneid. ("Ich muß für meine paar Kröten ohne Ende malochen, und die da kriegen fürs faul Rumsitzen fast dasselbe" - die Aussagen Strucks und Becks ziehen genau auf dieses Klientel, so wie Müllers Arbeitsdienstidee bei autoritär gestrickten Kleinbürgern gut ankommen dürfte.)

Ärgerlich - und bezeichnend - ist auch die Berichterstattung über den Ombudsratbericht in den Medien. Die Erkenntnisse des Ombudsrates im Bezug auf den angeblichen Missbrauch beim ALG II scheinen eher totgeschwiegen zu werden. Man findet im Internet hauptsächlich gekürzte Artikel, in denen zwar das Kompetenzwirrwarr bei den ARGEs ausführlich behandelt wird, aber Informationen über den geringen Umfang des ALG II Missbrauchs fehlen.
Das ruft natürlich Verschwörungstheorien auf den Plan:
Es scheint so, als wäre einigen Menschen daran gelegen die Tatsache, daß der Missbrauch beim ALG II eben nicht wie von einigen behauptet katastrophal hoch ist, möglichst totzuschweigen. Diese Menschen scheinen über solch große Macht zu verfügen, daß die gängigen Onlinemedien am heutigen Tage nicht mehr darüber berichten.
(auf indimedia).
In solchen Fällen gilt die Faustregel:
Versuche nie durch Konspiration zu erklären, was auf Chaos oder Inkompetenz zurückgeführt werden muss. (J.Joffe)
Die Legende vom massenhaften ALG II Missbrauch paßt sehr gut zum allgemein boulevardisierten Journalimus - dem Drang, spannende Unterhaltung auch dort zu liefern, wo sie nicht hingehört, dem Zwang zur Kürze und Vereinfachung, dem Hang, Themen zu personalisieren, und der Neigung, die Vorurteile der Zuschauer und Leser zu bestätigen. Rechnet man den tatsächlichen Einfluß von Lobbyisten, Seilschaften und Parteienfilz hinzu, überrascht es nicht, dass die Schmarotzerlegende von "Stern" bis "Bild", von "Christiansen" bis "taff" so verbreitet ist.

Nun verpaßt der Bericht des Ombudsrates nicht nur Politikern, sondern auch vielen, sehr vielen, Journalisten eine schallende Ohrfeige: "Ihr habt die ganze Zeit Unsinn verbreitet". Es überrascht mich nicht, dass diese peinliche Tatsache gern vertuscht wird. Zumal sich mit Stories über Sozialschmarotzer so schön Auflage und Quote machen läßt.

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