Samstag, 24. Juni 2006

Heja Sverige!

Eigentlich habe ich die FiFa-Fußball-WM ziemlich satt, und die FiFa-Begleitumstände dieser Veranstaltung sind auch nicht geeignet, ungetrübten Spaß am Fußball-Gucken zu entwickeln. Und die von ein paar Fahnen (zuviel) angefeuerte Patriotismus-Debatte halte ich für schlicht albern. Aber einige Spiele sehe ich mir trotzdem an. Z. B. das Achtelfinale Deutschland-Schweden heute nachmittag. Nicht nur, weil die deutsche Nationalmannschaft endlich mal keinen "effizienzorientierten" Klotz-Fußball spielt könnte es interessant werden. Trotzdem stehe ich dem Team mit den "Tre Kronor" auf dem Trikot heute gefühlsmäßig näher.
Sverige
Das liegt nicht etwa daran, dass ich antideutsche Gefühle entwickelt hätte, oder auch nur eine Abneigung gegen die Nationalmannschaft. Auch nicht daran, dass gerade diese Nacht (von Freitag auf Sonnabend) midsommar (nach-)gefeiert wird. Oder an meinem gewissen Faible für den Norden Europas.

Der Grund, weshalb ich der schwedischen Mannschaft die Daumen drücke, liegt daran, dass vor auf den Tag genau vor 48 Jahren, am 24. Juni 1958, die deutsche Nationalmannschaft eine qualvolle Niederlage erlitt: 1:3 gegen Schweden im Halbfinale der Weltmeisterschaft 1958. Wobei das wirklich Schlimme nicht die Niederlage auf dem Platz war, sondern das häßliche deutsche Nachspiel.
süddeutsche.de: Ein Tag in der Hölle von Göteborg
Wenn Deutschland derzeit das Gesicht eines „fröhlichen Patriotimus“ (Teammanager Oliver Bierhoff) zeigt, dann war es damals die Fratze eines geifernden Nationalismus, in die die Welt blicken musste.

Nach der Vorrunde gegen Argentinien (3:1), die Tschechoslowakei (2:2) und Nordirland (2:2) war das Team der Trainer-Legende Sepp Herberger durch ein 1:0 über Jugoslawien unter die letzten Vier vorgedrungen. Ausgerechnet gegen Gastgeber Schweden sollte sie nun das „Wunder von Bern“ wiederholen.

Es erwartete sie die „Hölle von Göteborg“. Die Vorschauberichte der schwedischen Presse zielten darauf ab, diese Deutschen in eine Zeit zurückzuschreiben, die 13 Jahre davor zu Ende gegangen war.
Der gehässigen schwedischen Pressekampgne war allerdings eine nicht weniger hämische deutsche Pressekampagne gegen die schwedische Mannschaft vorausgegangen. Das Publikum in Göteborg war gegen die Deutschen voreingenommen und machte seiner Abneigung lautstark Luft. 90 Minuten lang brüllten die schwedischen Zuschauer „Heja, Sverige“ und anderes, was die Deutschen nicht verstanden. Aus Sicht der Fußballspieler ein lautes, aber nicht weiter störendes, Publikum, aus Sicht der deutschen Sportreporter gemein und unfair. Dazu provozierte der Schwede Hamrin eine Tätlichkeit des Düsseldorfers Juskowiak und damit dessen Platzverweis. Die deutsche Mannschaft verlor 1:3.

Darauf folgte ein wütender Aufschrei der deutschen Volksseele, 13 Jahre lang mühsam gebändigter Chauvinismus und unter dem Mantel des wirtschaftlichen Aufschwungs versteckter Fremdenhass brachen sich Bahn. Der damalige DFB-Präsident Peco Bauwens konnte seine Wut nicht zügeln:"Nie mehr werden wir dieses Land betreten, nie mehr werden wir gegen Schweden spielen!" - und ließ die deutsche Mannschaft, die noch am WM-Abschlußbankett hätte teilnehmen sollen sofort abreisen. Heute hätte dieses unsportliche Verhalten empfindlichen Sanktionen der FIFA nach sich gezogen.n24.de: DFB-Elf 1958: "Duschen, Land verlassen"

Schwedische Autofahrer erhielten von deutschen Tankwarten kein Benzin mehr, schwedische Autos wurden demoliert, sogar die Schwedenplatte wurde von vielen deutschen Speisekarten getilgt. Die Presse war nicht besser; der Leitartikler der "Saar-Zeitung" ergoß sich in übelster nationalistischer Hetze:
Das offizielle Schweden hat hämisch genießend zugelassen, dass rund 40 000 Repräsentanten dieses mittelmäßigen Volkes, das sich nie über nationale und völkische Durchschnittsleistungen erhoben hat, den Hass über uns auskübelte, der nur aus Minderwertigkeitskomplexen kommen kann. Es ist der Hass eines Volkes, dem man das Schnapstrinken verbieten muss, weil es sonst zu einem Volk von maßlosen Säufern würde.
Gemessen an solchen Reaktionen ist der manchmal nervige deutsche "Fähnchenpatriotismus" dieser WM ein Zeichen der Normalität. Solche Reaktionen wie 1958 sind zum Glück nicht zu erwarten. Ich denke, ich könnte es sogar riskieren, heute die Schwedenflagge zum Fenster raushängen zu lassen.

superälgen

Nach dem Spiel:
Na, ja .... ich hatte gedacht, dass die Schweden so weiter machen würden, wie in der 2. Halbzeit gegen England. Außerdem vermutete ich, dass die Deutschen übermütig und nachlässig geworden wären.
Aber immerhin: Immer noch kein "Rumpelfußball" und auch kein "Beton" - also verdient weitergekommen!

Freitag, 23. Juni 2006

Cäsium-137, Jod-131, Strontium-90, Lüge-86 - Teil 4

Nach längerer Pause endlich der Abschluß dieser kleinen Serie.

Teil 1: Vor dem Unfall
Teil 2: Die sowjetische (Des-)Informationspolitik
Teil 3: Das deutsche Informationschaos
Teil 4: die Folgen
Angesichts der erheblichen Folgen der Nuklearkatastrophe von Tschernobyl für die Bevölkerung der Ukraine und Weißrußlands nehmen sich die Folgen für Deutschland vergleichseweise geradezu unscheinbar aus. Die durchschnittliche zusätzliche Strahlenbelastung lag in Westdeutschland bei 0,55 Millisivert pro Jahr. In Süddeutschland war die Strahlenbelastung deutlich höher als im Norden, die Bodenkontamination betrug in Bayern zwischen 20.000 und 80.000 Bequerel pro Quadratmeter. Wenn solche Werte z. B. in einem radiologischen Labor auftreten, muß das Labor sofort geschlossen und dekontamiert werden. Allerdings läßt sich aus dieser Tatsache keine unmittelbare Gefahr ableiten, entscheidend ist die effektive Dosis, die der einzelne Mensch aufnimmt.
Die deutsche Strahlenschutzkommision errechnete für das am stärksten betroffene Voralpengebiet eine durchschnittliche zusätzliche effektive Dosis von 1,2 Millisivert für das erste Jahr nach dem Unfall - in den stark kontaminierten Gebieten der Ukraine lag sie bei 10,8 Millisivert pro Jahr. (Zum Vergleich: Die mittlere natürliche Strahlenexposition liegt in Deutschland bei 2,1 Millisivert pro Jahr, mit ortsabhängigen Werten von ca. 1 mSv bis ca. 6 mSv pro Jahr.) Wenn es tatsächlich "Tschernobyl-bedingte" zusätzliche Krebserkrankungen und Mißbildungen bei Neugeborenen gegenben haben sollte, dann gehen sie bei derart niedrigen Dosen völlig in der normalen statistische Schwankungsbreite unter. Prognosen, die von zusätzlichen 25000 Krebtoten pro Jahr ausgingen, erwiesen sich als völlig unseriös, selbst jene Greenpeace-Studie, die mit 7000 zusätzlichen Schildrüsenkrebserkrankungen auf dem Gebiet der damaligen Bundesrepublik innerhalb eines Zeitraums von 30 Jahre rechnete, ist aus heutige Sicht bereits widerlegt.

Die politischen Folgen der Unfalls waren schwerwiegender. Nach "Tschernobyl" wünschten sich 2/3 der westdeutschen Bürger einen sofortigen Atomausstieg. Im August 1986 beschloß die SPD auf ihrem Parteitag mit wenige Gegenstimmen der Ausstieg aus der Atomenergie innerhalb von 10 Jahren, selbst in in der CDU sprach man noch von einer "Übergangenergie". Dessen ungeachtet wollte die Bundesregierung unter Helmut Kohl (CDU) nichts an ihrer Energiepolitik ändern, das Restrisiko sei vertretbar. Forschungsminister Riesenhuber (CDU) nennt eine Summe von einer Billion DM, die der Ausstieg aus der Kernenergie kosten würde - eine weitgehend frei erfundene Horror-Summe. Die Proteste an den Bauzäunen des KKW Brokdorf und der Wiederaufarbeitsanlage Wackersdorf eskalieren - die "Antwort" war eine bis dahin unvorstellbare Brutalität der "Ordnungskräfte" gegen erkennbar gewaltlose Demonstranten und selbst gegen Passanten, die zufällig "im Wege" standen. Es herrschte um Pfingsten herum geradezu Bürgerkriegsstimmung, der "Atom-Staat" schien Realität geworden zu sein.
In diesem Klima gediehen im Nachhinein kaum noch verständliche Panikreaktionen.
Die aufwändige Entsorgung der "Strahlenmolke" war dabei nur die Spitze des Eisbergs - es hätte völlig ausgereicht, das mit Molkepulver so lange liegen zu lassen, bis die Strahlung so weit abgeklungen war, dass man sie z. B. einfach kompostieren könnte. Nach heutigen Geldwert kostete die Entsorgung insgesamt ca. 50 Mio. €. Zu den Panikreationen gehörte es auch, dass selbst eindeutige Scharlatanerie geglaubt wurde, wenn sie die herrschende Strahlenangst bestätigte - und seriösen, sogar ausgesprochen "atomkritischen" Wissenschaftler schlicht nicht geglaubt wurde, wenn ihre Aussagen auch nur in die Nähe des Verdachts gerieten, die Gefahr zu verharmlosen. Tatsächlich brach die Kommunikation zwischen Sachverständigen und Laien völlig zusammen, mit der Folge, dass im öffentlichen Diskurs die Laien eindeutig das Sagen hatten. Noch heute neigen viele Journalisten dazu, Nichtfachleute für grundsätzlich glaubwürdiger zu halten als Fachleute. "Tschernobyl" verstärke über die Monate der Panik hinaus das ohnehin in der 80er Jahren stark angewachsene Mißtrauen gegen die "etablierte" Wissenschaft. Allerdings führte das auch dazu, dass sich eine "alternative" wissenschaftliche Infrastruktur bildete, zu der z. B. das fachlich solide Öko-Institut gehört.

Der massive Ausbau der Kernenergie war nach 1986 nicht mehr politisch durchsetzbar, obwohl vier damals im Bau befindliche Kernkraftwerke noch ans Netz gingen. Der bereits fertiggestellte schnelle Brüter in Kalkar wurde nicht in Betrieb genommen, die WAA Wackersdorf niemals gebaut. Auf der anderen Seite verlor das Thema Atomenergie recht schnell an politischer Relevanz, obwohl nach wie vor eine Mehrheit den Atomausstieg befürwortete, hatte es wenig Auswirkungen auf das Wählerverhalten. Ich vermute, dass die völlig überhitzte "Atompanik" zur "Atomgleichgültigkeit" der 90er Jahre Einiges beitrug.

Donnerstag, 22. Juni 2006

Klartext.

Heribert Prantl, Leiter der innenpolitischen Redaktion der Süddeutschen Zeitung, hielt auf der Auftaktveranstaltung des Gesellschafter-Projekts am 11. März 2006 in Berlin eine bemerkenswerte Rede. Bemerkenswert, weil er wohltuend phrasenarm Klartext redete, zu Bildung, Arbeitslosigkeit, Kinder- und Familie, den Umgang mit alten oder behinderten Menschen und vielem mehr an. Ein Haufen Text, aber er lohnt sich. Auch und gerade, wenn man nicht der selben Meinung wie Prantl sein sollte.

Wobei ich meistens einer Meinung mit Prantl bin. Z. B. hier:
Vielleicht sind dafür andere Gaben notwendig als diejenigen, die man braucht, um zu „rationalisieren“. In den vergangen Jahren sind nicht nur Wirtschaftsbetriebe, sondern auch Universitäten, Schulen, Kinderläden, Schwimmbäder und Bibliotheken rationalisiert worden. Es gibt einen blauäugigen Glauben daran, man könne auch noch aus einem Gefängnis ein Profit-Center machen. Rationalisierung bedeutet üblicherweise, dass man das Geld für zehn, hundert oder tausend Leute spart, wenn man zehn, hundert oder tausend Leute „freisetzt“. Eine Massenentlassung gilt jedenfalls den so genannten Analysten als unternehmerische Leistung. Betriebswirtschaftliche Rationalität ist an die Stelle der Ratio, an die Stelle der Vernunft der Aufklärung getreten.
Rede Heribert Prantl

via Sven Scholz

"Ich habe meine Zweifel, ob die Selbstkontrolle funktioniert"

meint Niedersachsens Innenminister Uwe Schünemann. Ich habe meine Zweifel, ob der Realitätssinn Uwe Schünemanns funktioniert.

Jedenfalls nach dem ich diesen Artikel von Jens Scholz im "Gamesblog" gelesen hatte: "Ich habe meine Zweifel, ob die Selbstkontrolle funktioniert"

Der Realitätssinn des Herrn Innenminister arbeitet nämlich etwa so: die Verbotsregelungen für "Killerspiele" müssen verschärft werden und die Zuständigkeiten dafür irgendwie geändert werden. Die wissenschaftliche Diskussion darüber, ob "Killerspiele" langfristige Auswirkungen auf das Verhalten von Jugendlichen haben, kann er nicht nachvollziehen. (Die ist auch überflüssig denn wer so was spielt, läuft irgendwann mal mit der Pumpgun Amok, das versteht sich von selbst - und wer das anders sieht, ist entweder spielsüchtig oder Mitglied der Killerspiele-Mafia. Jedenfalls kenne ich eine ältere Frau aus dem Waschhaus, die felsenfest davon überzeugt ist. Sie glaubt übrigens auch, dass die US-Regierung von Außerirdischen unterwandert ist. Letzteres glaubt Uwe Schünemann vermutlich nicht.)
Die Ansicht, dass die USK ihre Arbeit nicht tut, untermauert Schünemann quantitativ: Seiner Ansicht nach stuft das Kontrollgremium einfach nicht genügend Spiele als nicht für Jugendliche geeignet ein und macht sich damit unglaubwürdig. Die Selbstkontroll-Organisation habe bislang 3500 Spiele geprüft und dabei nur die Verbreitung von 23 untersagt.
Frappierende Logik. Das wäre so, als ob Lebensmittelprüfer bei 3500 Proben nur in 23 Fällen Pestizidrückstände entdeckt hätten, und man den Kontrolleuren deshalb schlechte Arbeit vorwerfen würde - weil man ja weiß, dass "überall Pestizide drin sind". Davon abgesehen stimmen noch nicht mal die Zahlen:
Die USK-Vorsitzende Christine Schulz nennt folgende Zahlen: Geprüft wurden mehr als 15.000 Spiele, davon haben 91 "keine Kennzeichnung" erhalten, letztes Jahr waren es 40.
Erschreckend. Es gibt offenbar gar nicht so viele "Killerspiele". Da müssen doch dringend die Maßstäbe verschärft werden, damit auch genügend Spiele zum öffentlichkeitswirksamen Verbieten zusammenkommen. Außerdem wird es wirklich Zeit, diese brutalisierenden Wasser-Pump-Guns, verharmlosend "Soaker" genannt, unter das Kriegswaffenkontrollgesetz zu stellen.

Mittwoch, 21. Juni 2006

DDT und ökologischer Pragmatismus

Zugegeben, mir ist bei solchen Meldungen nicht wohl: Pestizidrekord in Obst und Gemüse. Ein Unbehagen darüber, dass die Pestizidrückstände in Lebensmitteln den höchsten Stand seit dem Start des EU-Monitorings im Jahr 1996 erreicht haben, bleibt. Es bleibt auch dann, wenn man den typischen Greenpeace-Stil der Meldung in Rechnung stellt, und wenn man zumindest ungefähr weiß, wie stark belastet viele Lebensmittel z. B. in den heute von manchen verklärten 60er Jahren waren.

Anderseits: Pestizide können Leben retten. Die "Stockholm Convention on Persistent Organic Pollutants" verbietet die Anwendung des chemisch sehr beständigen und sich in der Nahrungskette anreichernden Kontaktgifts DDT - außer für Zwecke der Seuchenbekämpfung.
Auf internationalen Druck hin verbot Südafrika 1996 generell die Anwendung von DDT, auch für die Bekämpfung der Malaria-Mücken - in der Landwirtschaft wurde DDT schon lange nicht mehr angewendet. Allerdings zeigte sich schnell, dass andere Insektizide weniger wirksam waren, weil die Mücken sehr schnell resistent wurden. Deshalb hob Südafrika 2000 das allgemeine DDT-Verbot wieder auf - gezielte Sprühaktionen gegen die Anopheles-Mücke sind seitdem wieder möglich.
Vergangene Woche gab die südafrikanische Gesundheitsministerin bekannt, dass die Anzahl der Malariaerkrankungen seit dem Jahr 2000 um 88%, die Zahl der Todesfälle durch Malaria um 86% zurück gegangen seien.
Reuters: S.Africa says DDT helping to slash malaria rate

Via: die Achse des Guten

(Übrigens auch eine fast völlig "untergegangene" Meldung.)

Ab heute bin ich ein "bissiger Liberaler"

Wahrscheinlich sehr zur Verwirrung als jener, die die "Bissigen Liberalen ohne Gnade" für eine Tarnorganisation der Jungliberalen halten, werde ich von nun an gelegendlich "bissigen Senf" bei B.L.O.G. verbreiten. Bekanntlich bin ich weder sonderlich jung noch sonderlich FDP-nah, aber die Einstufung als "Link(s)liberaler" habe ich längst akzeptiert.
Da man mir Mangel an Biß auch niemals nachsagen konnte, habe ich die freundliche Einladung zum Mittun dankbar akzeptiert.

Dienstag, 20. Juni 2006

Untergegangene Meldungen

In Zeiten der Fußball-Euphorie gehen leider einige wichtige Meldungen unter. Zum Beispiel diese (aus der taz via B.L.O.G.)
Studentenunruhen in Zhengzhou
Nach tagelangen Protesten tausender Studenten in Zentralchina ist die Polizei laut Augenzeugen mit mehreren Hundertschaften auf das Universitätsgelände der Stadt Zhengzhou vorgerückt. Etwa 15.000 junge Leute hätten gestern einen Sitzstreik vor dem Hauptgebäude der Uni begonnen, berichtete ein Augenzeuge. Laut Berichten hatten etwa 7.000 Studenten am Donnerstag begonnen, aus Protest gegen eine Änderung der Diplomregelung das Unigelände zu verwüsten.
Hintergrundinformationen in EastWestSouthNorth:The Zhengzhou University Riot Bürgerkriegsähnliche Zustände, würde ich sagen.

Und noch eine ernüchternde Nachricht für all jene, die so gern von der "bewundernswerten chinesischen Selbstdiziplin", der "ost-asiatischen Opferbereitschaft", der angeblichen "unerschütterlichen Ruhe" der Chinesen und natürlich (trotz geradezu frühkapitalistischer Ausbeutung) vom "chinesischen Wirtschaftswunder" (Produktionsbedingungen von Apples iPod in der Kritik) schwärmen:
Einzigartiges China: Selbsttötungen von Frauen

Montag, 19. Juni 2006

Drei Jahre Gefängnis für “schwere Gotteslästerung”?

Manchmal sind die unfreiwilligen Scherze des Stoi-Bärs gar nicht zum Lachen:
Stoiber will Gotteslästerung härter bestrafen
Stoiber nannte die derzeit geltende Gesetzgebung «völlig stumpf und wirkungslos», weil der entsprechende Paragraph 166 des Strafgesetzbuches eine Bestrafung nur dann vorsehe, wenn der «öffentliche Frieden gefährdet» sei und «Aufruhr» drohe.

Stoiber will dagegen Gotteslästerung schon dann mit bis zu drei Jahren Gefängnis bestrafen, sofern jemand bewusst auf den religiösen Empfindungen anderer Menschen herumtrampele. «Es darf nicht alles mit Füßen getreten werden, was anderen heilig ist», sagte Stoiber. Wohin die Verletzung religiöser Gefühle führen könne, habe der Streit um die Mohammed-Karikaturen in diesem Jahr «auf alarmierende Weise» gezeigt, mahnte der CSU-Chef.
(Hervorhebungen von mir M.M.)
Den letzten Satz kann man so verstehen, dass sich Äh-dmund auf die Seite der sich durch die Karrikaturen beleidigt fühlenden Moslems stellt. Wobei es einiger Aufhetzung, Lügen, entstellenden Darstellungen und Fälschungen bedurfte, bis besagte Momlems sich wirklich empört zeigten (und auch dann waren es nicht so schrecklich viele). Wie dem auch sei: Die mit der medienwirksamen Empörung über die Mohammed-Karikaturen auf die Tagesordnung geratene Debatte um den Schutz religiöser Symbole heitzt Stoiber regelmäßig an.

Das unfreiwillig komische Element: Noch vor gut zwei Wochen meinte Stoiber, eine Neuauflage das früheren Gotteslästerungsparagrafen (der auch ohne Gefährdung des öffentlichen Friedens griff) sei aber sei "keine wünschenswerte Option". "Wir haben das drei Mal versucht und sind drei Mal gescheitert."

Was muß man eigentlich so alles anstellen, um für 3 Jahre in den Bau zu wandern? Beleidigung reicht dafür jedenfalls nicht aus. Denn schlimmstenfalls stellt eine Gotteslästerung eine Beleidigung dar. Im Regelfall ist sie schlicht Kritik oder Satire.

... sofern jemand bewusst auf den religiösen Empfindungen anderer Menschen herumtrampele.
Wenn man das so sieht, gäbe es eine nette juristische Handhabe für Asatrúar, etwas Wirksames gegen inwändig braune Hohlköppe zu tun, die die Namen der Götter und die germanische Mythologie für üble Nazipropaganda mißbrauchen. Oder für Wicca und andere Hexen, gegen offen hexenfeindliches "Brauchtum" - zu dem sogar stillisierte Hexenverbrennungen auf Volksfesten gehören - vorzugehen. Aber leider scheint Stoiber das nicht so gemeint zu haben. Sein erklärtes Hauptziel ist: Mehr Schutz für die angeblich gefährdeten christliche Empfindungen. Als Machtmensch und angesichts der traditionell engen Bindungen zwischen CSU und den großen Kirchen käme ihm die Rückkehr traditionell "christlicher Werte" ins Herz der Gesellschaft zupaß.

Nachtrag: Gotteslästerung: Kirchen gegen härtere Strafen Mit Ausnahme des Sprechers des Erzbistums München und Freising, Winfried Röhmel, der den Vorstoß Stoibers begrüßte.
Was wiederum ganz gut ins Schema paßt.

Sonntag, 18. Juni 2006

Japan hat nicht gewonnen ...

Damit meine ich nicht etwa die Fußball-WM, sondern die Internationale Walfangkommission (IWC). Japans Anträge, Kleinwale und deren Erhaltung von der Tagesordnung zu streichen sowie die Einführung geheimer Wahlen, wurden mit jeweils einer knappen Mehrheit abgelehnt. Umweltschutz-News: Walschützer gewinnen erste Runde

Erstaunlich ist allerdings Japans massiver Lobbyismus - einschließlich Stimmenkauf - für die Wiederaufnahme des kommerziellen Walfanges, angesichts der real geringen wirtschaftlichen Bedeutung. Weniger erstaunlich ist die Enthaltung Dänemarks, weil von einem gelockerten Walfangverbot Grönland und die Faröer klare wirtschaftliche Vorteile hätten - andererseits eine weitgehende "Liberalisierung" im Sinne der japanische Delegation dem auch dort gut verankerten Naturschutzgedanken widerspäche. Hier sei ein Hinweis auf die scheinbar paradoxe Haltung der "traditionellen Walfangnation" Norwegen angebracht, zugleich für einen (begrenzten) Walfang und für Walschutz-Programme zu sein.

Übrigens: allen "Whale Huggern" sei folgendes Video empfohlen. (Via martin hagen, mit dem ich übrigens nicht ganz einer Meinung bin.)
Das "natürliche Gleichgewicht" ist nun mal keine harmlose Idylle und Sentimentalität keine gute Grundlage für wirksamen Natur- und Umweltschutz. Wahrscheinlich ist Whale-Hugging noch nicht mal eine gute Grundlage für Greenpeace-Kampagnen, wenn es wirklich um mehr als Spendeneinnahmen gehen soll. Und PeTA halte ich nach wie vor für die dümmste aller NGOs.

Ergänzung, 19. Juni:
dpa: Teilsieg für Walfangnationen
Ein nicht ganz unerwarteter Teilsieg:
Die wesentlichen Bestandteile der Deklaration sind: Die Nutzung von Walen trägt zur Reduzierung von Armut bei. Es gibt keine weitere Notwendigkeit für den Fortbestand des kommerziellen Walfangverbotes. Des weiteren wird die IWC scharf kritisiert, es nicht vollbracht zu haben, das Bewirtschaftungsverfahren für Walbestände fertigzustellen und einzusetzen. Dieses ist nach Ansicht von Nicolas Entrup von der Umweltschutzorganisation WDSC gleichzusetzen mit der Wiederzulassung des kommerziellen Walfangs.
Ein wesendlicher Fehler der Walschützer war es meines Erachtens, die berechtigten ökonomischen Interessen kleiner, armer Inselstaaten am Walfang außer Acht gelasssen zu haben. Eine offene Flanke für die japanische Walfanglobby, der ich solche berechtigten Interessen nicht zubilligen mag, aber unberechtigte Interessen können, wenn genügend Geld dahintersteht, ebenso wirksam sein. Die Anti-Walfang Politik der IWC seit 1986 ging von einer "alles oder nichts" Politik aus, die gerade zwei legale Schlumpflöcher für den Walfang lies: den Walfang für wissenschaftliche Zwecke (eine von Japan eifrig mißbrauchte Klausel) und die traditionelle Jagd auf Kleinwale "indigener Völker" (zur Erbitterung z. B. der norwegischen Fischer: "Warum dürfen die Grönländer etwas, was uns verboten ist?"). Norwegen ist ohnehin ein Sonderfall, der wahrscheinlich auch sehr stark von der ausgepägten Angst weiter Teile der norwegischen Bevölkerung vor äußerer Einmischung in "ureigenste" Angelegenheiten geprägt wird. "Wenn schon Walschutz, dann nur auf der Grundlage nationaler Gesetze".
Außerdem wird in dem Dokument festgestellt, dass Wale große Mengen Fisch fressen. Dementsprechend habe das "Management von Walen" große Bedeutung für die Ernährung von Küstenregionen.
Ein - ökologisch dummes - Argument, das allerdings auch in den selbsternannten Hochburgen ökologischen Denkens gängig ist. Es besteht nämlich grundsätzlich kein Unterschied zwischen einem Fischer, der darüber klagt, dass ihm die (Zahn-)Wale "seine" Fische wegfressen würden, und einem Fischer, der über Kormorane und andere fischfressende Vögel klagt. In Schleswig-Holstein führte das dazu, dass die geschützten Tauchvögel in unbegrenzter Zahl und ohne förmliche Genehmigung geschossen werden dürfen. Feuer frei auf den Naturschutz
Wobei man Kormorane noch nicht einmal essen kann ...

Ich habe den dummen Verdacht, dass die mehr auf "starke Gefühle" als auf ökologische und ökonomische Sachargument ausgerichteten "Walknutscher"-Kampagnen sehr zur Spaltung der IWC beigetragen haben und letzten Endes dem Walschutz einen Bärendienst erwiesen haben.

"Gesunder Patriotismus" und die dunklen Seiten der WM

Anmerkung: hier stand ein längerer Artikel. Ich habe ihn "versehendlich" beim Editieren gelöscht. Dieses "Versehen" sehe ich als Zeichen (meines Unterbewußtsseins? Eher meines Daimonions ...) an, bei bestimmten Themen besser kluge Zurückhaltung zu üben.

Deshalb nur ein Hinweis auf einen schockierenden Beitrag bei So Why: Eine Nacht in München oder Die dunklen Seiten der WM.

via: Hokeys Blog

Es ist soweit, Sir Paul!

When I´m Sixty-Four.
Herzlichen Glückwunsch - und danke für viele großartige Songs!
Paul McCartneys einsamer Geburtstag

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