Montag, 20. März 2006

Banküberfall mit der Wasserpistole

Manchmal kommt man mit einem billigen Bluff und reichlich Frechheit durch. Der derzeit wieder mal heftig grassierende "Abmahnkrieg" gegen Blogger und Foren - letzten Endes gegen die Meinungsfreiheit - funktioniert nach genau diesem Prinzip. Bis der Bluffer an den Richtigen gerät.

Z. B. an Jens Scholz (Ja, der mit der JvM-Klowand-Affäre). Er erhielt Post vom Anwalt der Firma Eurowerb. (Ja, die mit den billig zusammgehauenen Webseiten für teures Geld.)
...zeigen wir die Vertretung der rechtlichen Interessen der Euroweb Internet GmbH, Neumannstraße 02, 40235 Düsseldorf an.
(...) In verschiedenen Beiträgen und Kommentaren auf Ihrer Internetseite verbreiten Sie unwahre und beleidigende Behauptungen über unsere Mandantin, die diese auf das übelste herabwürdigen und verunglimpfen. Sie schwärzen unsere Mandantin unter Behauptung unwahrer Tatsachen an.
Natürlich steht auf
Jensens Blog
nichts, was den oben zitierten Behauptungen auch nur entfernt ähnelt. Weil es für eine noch so windige Abmahnung wohl nicht reichte, probierte es Euroweb mit einem ganz billigen Bluff. Etwa so überzeugend wie ein Banküberfall mit der Wasserspistole (wobei man sich so eine richtig knallbunte Plastikknarre vorstellen sollte).

Die Drohung gegen Jens ist kein Einzelfall. Laut Law Blog: bedrohte Blogger gingen im Laufe der letzten Woche an mehrere Blogger und Forenbetreiber Abmahnungen und Drohungen.

Jens reagiert - und zwar richtig, mit einer richtigen Abmahnung von seinem Anwalt.

Der Image-Schaden, den sich Euroweb mit seinem völlig irrealen Drohverhalten zugefügt hat, dürfte meiner Ansicht nach beträchtlich sein. Der Ruf des "seriöser Internetdienstleister" wird sich wohl nicht aufrecht erhalten lassen - wenn er nicht längst angesichts kläglicher Leistungen zu marktunüblich hohen Preisen restlos ruiniert ist. Ich vermute, dass Euroweb nur aufgrund der schlechten Internetkenntnisse seiner Kunden diese derart über den Tisch ziehen konnte. Schließlich sind die meisten von ihnen gestandene Kaufleute, die es sich schwerlich gefallen lassen dürften, dass ihr fehlendes Fachwissen derart schamlos ausgenutzt wurde.

Der Junge von Windeby

"Das Mädchen von Windeby" war in Wirklichkeit ein Junge! Eine genetische Untersuchung der kanadischen Anthropologin und Gerichtsmedizinerin Prof. Heather Gill-Robinson enthüllte das wahre Geschlecht einer der prominentesten Moorleichen Deutschlands. Die Todesursache des etwa 16-Jahrigen war Unterernährung und eine schwere Kieferinfektion.
Damit sind die meisten der gängigen Deutungen zur gut 2000 Jahre alten, im Windebyer Moor bei Eckernförde gefundenen Leiche hinfällig.
Schon längst ins Reich der Legende verbannt sind ältere, noch heute populären Deutungen von einer "rituellen Hinrichtung" an einer "Ehebrecherin": die angebliche Augenbinde war ein verutschtes Stirnband, die "obzöne Geste" ein Artefakt der Fundbergung 1952.

Ausführliche Berichte:
n-tv:"Das Mädchen von Windeby" ist ein Junge
Eckernförder Zeitung: Moorleiche ist ein "Windeboy"

"Naturvölker": mehr Morde als in der Bronx

Entgegen dem Klischee vom "Edlen Wilden" sind in Jäger-Sammler-Kulturen Gewalttaten mit tödlichem Ausgang häufiger als in heutigen US-Großstädten.
Das berichtet bild der wissenschaft in ihrer aktuellen Ausgabe. (Thorwald Ewe: "Todschlag im Paradies, bild der wissenschaft 4/2006, S.34.)
Selbst etliche Enthnologen halten bis heute daran fest, dass Gewalttaten in Jäger-Sammler-Kulturen äußerst selten seien. Jürg Helbig, Professor für Ethnologie an der Uni Zürich, wertete die Berichte von Ethnologen, Forschungsreisenden und Missionaren aus, die längere Zeit bei Wildbeutern gelebt hatten. Helbig legte Listen über die Zahl und die näheren Umstände von Gewalttaten an und rechnete die gewonnenen Daten auf jewails 100.000 Personen um. So wurden die Angaben statisch vergleichbar. Selbst die friedfertigste der untersuchten Gemeinschaften, die BaMbuti, kamen auf statisch 40 Tötungsdelikten auf 100.000 Menschen, deutlich mehr als die übel beleumundeten US-Großstädte.

(Allerdings ist die Statistik wegen der kleinen absoluten Fallzahlen in einigen Fällen mit Vorsicht zu genießen: die erschreckenden hochgerechneten 419 Totschläge pro Jahr bei den Copper-Innuit im Beobachtungzeitraum 1900-1920 beziehen sich auf eine Gemeinschaft von einigen hundert Menschen. Real kam in den meisten Jahren niemand um.)

Die Ursachen waren meistens eskalierende Konflikte um den Lebensunterhalt. Normalerweise gehen die normadischen Wildbeuter Konflikten durch Ausweichen aus dem Wege. In bestimmten Situation, etwa bei der winterlichen Robbenjagd der Inuit, ist es ihnen nicht möglich, einander auszuweichen. Streitigkeiten können bis zu Mord und Totschlag eskalieren.
Da wird den Wildbeutern ihre egalitäre Gesellschaftsform zum Verhängnis", erklärt der Züricher Forscher. "Es gibt keinen Häuptling oder eine andere Autoritätsperson, die solche Konflikte unblutig entschärft."
Ganz falsch ist das Klischee von den "friedlichen Naturvölkern" nicht: zwischen Jäger-Sammler-Gruppen finden keine Kriege statt. Das ist erst bei sesshaften Stammesgesellschaften der Fall: Für sie wäre es zu verlustreich, durch Wegzug auf Ressourcen zu verzichten. Sie verteidigen sich. Der eigentliche "Brennstoff" für Stammeskriege ist allerdings die kollektive Rache. Bei den weniger organisierten Wildbeutern ist Rache eine persönliche Angelegenheit, die weder die Sippe noch den Stamm zur Blutrache verpflichtet.

Nicht von ungefähr geht es im preisgekrönten Film Atanarjuat um mörderische Auseinandersetzungen innerhalb einer Inuit-Gemeinschaft vor der Ankunft der "Weißen", und nicht von ungefähr wurde dieser realistische Film von Inuit produziert.

Samstag, 18. März 2006

Altona bleibt dänisch!

Mir fiel beim Besuch der bis 1863 zweitgrößten Stadt Dänemarks auf, dass zahlreiche Verkehrschilder usw. zu Danebrogs (dänische Nationalflagge) umgestaltet waren.

Die erwähnte Stadt ist natürlich Altona, heute Bezirk - nicht etwa Stadtteil! - der Freien und Hansestadt Hamburg. Die Zeit, in der Altona dänisch war, wird gerne als "goldenes Zeitalter" der Stadt verklärt - wie ich finde, nicht ganz zu Unrecht.

Der Hintergrund: der Bezirksbürgermeister von Hamburg-Altona, Hinnerk Fock (FDP) wollte keine dänische Fahne auf seinem Rathaus hissen. Was zu bestimmten Anlässen durchaus schon gemacht wurde (z. B. letztes Jahr anläßlich des Altonale Sommerfestes) schließlich: siehe oben.
Nicht etwa, weil ein solcher bestimmter Anlass (historischer Gedenktag z. B.) nicht vorläge, sondern weil er fand, das heize den Tatendrang beleidigter Muslime nur noch zusätzlich an. (Ja, ja, der Karrikaturenstreit!) Altona ist schließlich auch eine der größten türkischen Städte Deutschlands.

Der Vorschlag kam übrigens von Aram Ockert, einem Altonaer Dänemarkfreud, der auf die antidänischen Ausschreitungen im Zuge des Karrikaturenstreits mit dem Hissen des Danebrog reagierte. Einige andere Altonaer taten es ihm gleich. (Übrigens erfreuten sich die dänischen Farben auch vor der Kulturkampfposse in Altona einiger Beliebtheit - wieder: siehe oben.) Es ist vielleicht nicht die sinnvollste Reaktion, und ich kann verstehen, dass Bezirksbürgermeister Fock da nicht mitziehen wolte, aber die Begründung, die er gab, gibt mir zu denken. Immerhin gilt Fock als "liberales Urgestein".

Für seinen Vornamen kann Hinnerk Fock übrigens nichts, auch wenn er paßt. ("Werner"-Leser wissen mehr!)

Hier ein Beispiel:
Einbahn, danisiert

Außerdem sind etliche der in HH signalroten Papierkörbe danisiert worden:
Muelleimer

"Schlimmer" noch, die Fotografin Bianca Ludewig hat die ebenfalls seit Neuestem das Hamburger Stadtbild bereichernde Mohammed-Grafittis dokumentiert: moffitto
Trotz dieser Provokation sind die von Hinnerk befürchteten bürgerkriegsähnliche Zustände bisher ausgeblieben. Die Reaktion von "Achmed Normal" ist in dieser Hinsicht ähnlich gelassen wie von "Otto Normal". Provokationen dieser Art ziehen nur bei Leuten, die provoziert werden wollen.

Die Reaktion der links-alternativen "Kiezmiliz" im Schanzenviertel und ümto auf die Graffitis ist übrigens uneinheitlich. Die einen, die neuerdings wieder gern mit den in den 80ern populären Pali-Feudeln unterwegs sind, schreien natürlich "Rassismus", "Öl ins Feuer gießen", "Islamophobie" und "Solidarität mit Palestina" (als ob das damit auch nur das Mindeste zu tun hätte). Die anderen, mehr so die Anarcho-Ecke, erfreuen sich eher an solchen Plakaten:
Lattenjupp bei Hafenklang

Bisher bleiben die Landesvertretungen Hamburgs von empörten Christenmobs verschont. Auch von christlichen Boykottaufrufen gegen in Hamburg hergestellte Produkte ist bisher nichts bekannt.

Ein diskussionswürdiger Artikel hierzu in "Lizas Welt" (ja, die pösen Linkzionisten ... ) Mofitti

Freispruch 1. Klasse für Antifa-Symbole

Gute Nachricht:
Ein absurdes und kontraproduktives Urteil hat keinen Bestand!

Das meldete gestern die Taz:
HAKENKREUZ
Durchstreichen okay
Bürger dürfen mit durchgestrichenen Hakenkreuzen ihre Meinung ausdrücken. Das urteilte das Landgericht Tübingen in einem Berufungsprozess gegen einen Studenten. Er wurde frei gesprochen. Er habe eindeutig seinen Protest gegen Rechtsextremismus ausgedrückt und nicht verfassungsfeindliche Symbole verwendet. (dpa)

taz vom 17.3.2006, S. 6, 12 Z. (Agentur)

Na bitte, geht doch - auch in Tübingen!

Ausführliche Meldung im "Tübinger Tagblatt": Ein Freispruch erster Klasse

Meldung & Diskussion bei "Indimedia": Freispruch im Tübinger Hakenkreuz-Prozess

Donnerstag, 16. März 2006

Supergau im Kino

Bald jährt sich zum 20. Mal die Katastrophe von Tschernobyl. Nach Schätzungen der IAEA kann sie bis zu 4000 Menschen das Leben gekostet haben. (Nach anderen sogar mehr, die Horrorzahlen von bis zu 250.000 Opfern sind aber mit Sicherheit zu hoch.)

Der absurde Leichtsinn, die Konstruktionsfehler, die Fehlentscheidungen, die zum folgenschwersten Reaktorunfall in der Geschichte der Atomenergie führten, die Vertuschungspolitik der Sowjetunion, die Panik, die in halb Europa herrschte, die Hilflosigkeit der Helfer, aber auch Beispiele von Mut und Hilfsbereitschaft - eigentlich böte es sich an, einen ganz großen Dokumentarspielfilm über Tschernobyl in die Kinos zu bringen.

Statt dessen entstand, unterstüzt von der der staatlichen Filmförderung, "Die Wolke", nach dem Roman von Gudrun Pausewang. Natürlich, wie es sich für einen ordentlichen Katastrophenfilm nach "Titanic" gehört, mit einer rührseligen Liebesgeschichte, die man im Roman vergeblich sucht. Mit aus unerfindlichen Gründen 38.000 (Film-)Toten, statt, wie im Buch, "nur" 18.000 Toten. (Die an akuter Strahlenbelastung sterben, bei den Tschernobyl-Operzahlen sind z. B. Krebstote aufgrund von Langzeiteffekten eingeschloßen. Es gab in Tschernobyl 28 "Soforttote", Verbrennungsfälle eingerechnet. 140 Menschen waren akut strahlenkrank.)
Der Roman der ehemaligen Lehrerin Pausewang entstand in unübersehbar erzieherischer Absicht. Seine Stärken sind die erschreckend präzise geschilderten Abgründe menschlichen Verhaltens, der brutale Realismus menschlichen Leids. Seine größte Schwäche ist der selbstgerechte Unterton, der warnend erhobene volkspädagogische Zeigefinger: "So wird es euch ergehen, wenn ihr nicht auf die Atomkraftgegner hört." Gut und Böse sind scharf getrennt. "Jetzt werden wir nicht mehr sagen können, wir hätten von nichts gewusst" ist dem Buch als Motto vorangestellt. Dieser Satz hat mich schon damals, als ich ihn zum ersten Mal las, gestört. Er stellt eine falsche Parallele her. Es geht im Roman um eine gefährliche Technologie, nicht um systematischen, planmäßigen Massenmord.
Dagegen ist eine andere Schwäche, nämlich der Mangel an Sachkenntnis, weniger gravierend. Schließlich ist sie weder Physiklehrerin noch Ärztin.
Unübersehbar auch, wie ihre desillusionierenden Erlebnisse im und nach dem Zweiten Weltkrieg die Art und Weise prägten, wie sie das Verhalten von Menschen in Krisensituationen schildert: das Muster einer Zweiklassengesellschaft, in der die "Bonzen", die "Mächtigen" oder auch nur die nicht ganz so schlimm Betroffenen brutal gegen die Opfer, die Flüchtlinge, die Widerstand Leistenden, vorgehen. In einer Katastrophe "geht die ganze Zivilisationstünche ab", dann denkt jeder nur an sich - von den wenigen idealistischen, alternativen, bunten "Guten" abgesehen. Dieses Schema zieht sich durch alle Pausewang-Romane, die ich kenne. Was bei realen Katastrophen zum Glück nicht so ist. Selbst nicht im organisatorischen Chaos des überfluteten New Orleans, in dem es wirklich schlimme Szenen und üble Willkür gab.

Sehr lesenswerter "Zeit"-Artikel über Gudrun Pausewang: Lehrerin der Angst
Tobias Kaufmanns ätzende, aber treffende, Überlegungen zum Film im Kölner Stadtanzeiger (ungekürzte Fassung des Artikels): Böser, schwarzer Edelpulli
(Kaufmann war übrigens als Zivildienstleistender in der Tschernobyl-Region gewesen.) Eine erweiterte Fassung, die Kaufmann nach Ansehen des Films schrieb: Böser, schwarzer Edelpulli
Ein Blick zurück auf Gudrun Pausewang, die Grünen und den Super-GAU

Auch zum Thema Tschernobyl, bei Distel: the death zone

Mittwoch, 15. März 2006

Hilfe, ich sterbe aus!

Ich gehöre nämlich zu jenen egomanen Hedonisten, die finanziell bestraft werden müssen, weil sie es versäumt haben, Kinder in die Welt zu setzen. Wobei es ja völlig unerheblich ist, welche äußeren Umstände mich dazu gebracht haben, keine Familie zu gründen - es kommt ja schließlich gesamtgesellschaftlich gesehen nicht darauf an, ob man sich in der Lage fühlt, Kindern ein guter Vater zu sein und erst recht nicht, ihnen ein selbstbestimmtes und glückliches Leben zu sicher. Hauptsache, es sind produktive künftige Beitragszahler - was allerdings vorausetzt, dass sie nicht dauerarbeitslos sein werden.

Zu diesen Thema fand ich einen sehr melancholisch stimmenden, im besten Sinnne augenöffenenden Beitrag im "rebellmarkt":
Bessere Geburtenrate?. Ein Blick in die real existierende Tristesse eines Altersheims für "gehobene Ansprüche", wo die Leistungsträger ihre beim Erwerbsstreben hinderlichen
älteren Verwandten auf den Tod warten lassen. Der Schlußabsatz ging mir unter die Haut:
Ich hasse es, da rein zu gehen. Aber es ist meine Pflicht, und ich tue es gern für diejenige, zu der ich gehe. Ich erlebe dort jeden Tag, wie meine christlichen Ohnemenschen mit ihren Eltern umgehen. Ich wünsche keinem von denen, dass er mal so endet. Aber es wäre nett, wenn all die Klugscheisser mal in Bezug auf Geburtenraten die Fresse halten würden. Deutschland ist ohnehin völlig übersiedelt. Und das Ende wird so oder so scheisse.

Ich weiss das. Wir werden in einer Umgebung enden, die unendlich weit entfernt ist von der Talkshowrealität. Niemand wird uns besuchen, egal wie wie karnickelt haben. Und da hilft es auch keinem, wenn er viel zu vererben hat. Frau B. gehört ein halber Strassenzug in der Altstadt. Geschätzter Wert über 50 Millionen. Frau B. sitzt den ganzen Tag an der Tür, auf einer Bank, wo sie nicht sitzen sollte, weil sie die Zugluft krank macht, eine Grippe wird sie kaum überleben. Sie wartet auf die Angehörigen ihres grossen Clans, von denen jeder einzelne nach ihrem Tod Millionär sein wird. Keiner kommt. Niemand. Geburtenrate? Sie hat 6 Kinder.

und das ist jetzt ausnahmsweise mal nicht von einer kunstfigur don alphonso geschrieben
Der ideale deutsche "Leistungsträger" und Beitragszahler ist, (pop-)ökonomisch gesehen, jemand, der in seinem Beruf bis an die Leistungsgrenze geht, seine Freizeit sinnvoll dazu nutzt, die Arbeitskraft zu regenerieren und die infolge der (Selbst-)Ausbeutung angeschlagene Gesundheit zumindest soweit zu reparieren, dass er die Krankenversicherung nicht zu sehr beansprucht und beruflich voll belastbar bleibt. Pünktlich zum 65. (oder in ein paar Jahren 67.) Geburtstag kriegt der "ideale" Leistungsträger dann seinen tödlichen Herzinfarkt und entlastet so die Rentenversichrung. Das geht ja nicht an, dass diese egomane Hedonisten womöglich immer länger leben wollen!

Zu diesem Thema auch unbedingt das hier lesen - weil es um ein trauriges gesellschaftliches Phänomen im Zusammenhang mit dem kinderkriegen geht, das man kennen sollte. Denn nur gesunde und leistungsfähige Kinder sind das, was "wir" uns wirklich wünschen:
Die Spitze des Eisbergs

Und noch was, allen populistischen Politikern, nationalistischen Panikschiebern und Boulevard-Gammel-Journalisten ins Stammbuch geschrieben:
Selbst wenn jede Frau in Deutschland ab sofort jene 2,1 Kinder zur Welt brächte, die rechnerisch zum Erhalt einer Bevölkerung notwendig sind, würde es über 70 Jahre dauern, bis sich die Einwohnerzahl stabilisiert. Die Berechnung ist von Professor Herwig Birg, Direktor des Instituts für Bevölkerungsforschung und Sozialpolitik der Universität Bielefeld. Von dem auch das ist:
Bevölkerungsentwicklungen (...) sind Prozesse von großer Trägheit, die auf Jahrzehnte hinaus kaum mehr umgelenkt werden können, wenn sie erst einmal eine bestimmte Richtung eingeschlagen haben.
Heißt also: auch "Wurfprämien", Ehestandsdarlehen und Mutterkreuze werden nichts mehr ändern können (außer, dass sie das ramponierte Sozialklima endgültig ruinieren).

Was auch heißt: ohne Einwanderung geht es, rein demographisch gesehen, nicht. Wobei selbst massivste Einwanderung die "Alterspyramide" nicht wieder auf die "gesunde Basis" stellen kann, von der so viele Politiker sonntags nachmittags so gerne reden.
Global gesehen ist diese Entwicklung, die auch in anderen Ländern besteht, übrigens sehr zu begrüßen. Es sieht nämlich ganz so aus, als ob die restlost überbevölkerte Erde, die z. B. vom Club of Rome prognostiziert wurde, auf Dauer eine alptraumhafte Dystropie bleiben wird.

Nachtrag: Zum Thema passender wichtiger Beitrag auf Sven Scholzens Blog: Die demographischen Kaffeesatzleser sind wieder unterwegs. Der "Rentenkollaps" folgt nämlich keineswegs zwangsläufig aus der demographischen Entwicklung, eher ergibt sich der Verdacht, dass mit der "demografischen Katastrophe" von einem ganz anderen Schauplatz gesellschaftlicher Auseinandersetzungen abgelenkt werden soll. Es werden nämlich die Löhne und Gehälter der Arbeitnehmer langsam, aber sicher von der Teilhabe am Produktivitätsfortschritt abgekoppelt. Eine eine bewusste politische Entscheidung hinsichtlich der Verteilung des gesellschaftlichen Reichtums, "getarnt" und gerechtfertigt als unausweichliche Konsequenz der "alternden Gesellschaft". Hinzu kommt auch noch der "ganz normale", kommerziell motivierte Deal zwischen Versicherungsunternehmen und Medien wie der BILD, die aus der Angst vor der Altersarmut Kapital schlagen. (Bericht in "Monitor", am 16. März, 21:45, ARD "BILD und die Rentenangst - harte Interessen, weiche Zahlen.)

Dienstag, 14. März 2006

Sinnvoller Test

Da die "reale" Welt mittlerweile (oder schon seit eh und je?) weitgehend nach den Prinzipien des "Monty Python Universums" funktioniert, ist dieser Test für das tägliche Leben und Überleben überaus sinnvoll.
Mein Ergebnis überrascht mich übrigens nicht im Geringsten.

Well, u-- um, can we come up and have a look?

What Monty Python Character are you?
brought to you by Quizilla

Via statler, der übrigens auch König Arthur ist.

Das Vorbräun-Rätsel ("Was jeder weiß ...")

Und wieder ein Beitrag aus der lockeren Reihe "Was jeder weiß, stimmt garantiert nicht". Dieses Mal geht es ums "Vorbräunen" und das Prinzip "Trau schau wem".

Aktueller Anlaß ist die Frage einer Bekannten, die im April für satte drei Wochen nach Gran Canaria fliegen möchte. Sie hatte vorgehabt, im Sonnenstudio ihre Haut an die mutmaßlich am Urlaubort herrschenden sonnigen Bedingungen zu gewöhnen. Nun hätte sie gelesen, dass Solariumsbräune überhaupt nicht vor Sonnenbrand schützen würde. Anderswo hieße es aber, das "Vorbräunen" eine sinnvolle Urlaubsvorbereitung sei. Wer hätte nun recht?

Gibt man nun "Google" vorbräunen solarium ein, ist die Verwirrung komplett. Ganz grob lassen sich die gefundenen Antworten in zwei Kategorien einteilen:
Die Werber (vor allem Sonnenstudiobetreiber).
Da heißt es etwa:
Vorbräunen ist sinnvoll. Wir müssen die Haut auf die kräftige Sonne im Urlaub vorbereiten und ihr Zeit geben, den Lichtschutz aufzubauen, den sie am Urlaubsort benötigt. Das funktioniert am effektivsten auf modernen Sonnenbänken mit natursonnenähnlichem Licht.
Die Warner (vor allem Gesundheitsseiten). Berufen sich in aller Regel auf die "Deutsche Krebshilfe":
Ein Vorbräunen im Solarium ist weder möglich noch wünschenswert. Da auf den Sonnenbänken fast ausschliesslich UV-A Strahlen verabreicht, die schützenden Lichtschwielen aber ausschliesslich von den UV-B Strahlen produziert werden, ist der Schutzeffekt der Solarienbräune gleich Null. Außerdem ist der Solariumsbesuch eine zusätzliche und überflüssige Belastung der Haut mit UV-Licht, auch UV-A fördert die Hautalterung und die Entstehung bösartiger Tumore.
Wem also glauben? Nach konventioneller Weisheit den "Warnern" - denn die Befürworter sind ganz überwiegend Solarien-Hersteller oder -Betreiber, oder berufen sich auf "Photomed", den Verband der Solariumsbetreiber. Hingegen sind die "Warner" anscheinend unabhängig von Interessenvertretern.

Allerdings kontert die "Pro-Solarium"-Fraktion mit Argumenten, die sich nicht mit einem Handwedeln beiseite schieben lassen:
Das Strahlenspektrum der Solarienröhren hat sich über die Jahre immer stärker dem Spektrum der natürlichen Sonnenstrahlen angenähert und enthält heutzutage genug UV-B, um eine echte Schutzwirkung zu erzielen.
Die Angaben über die Zusammensetzung des Strahlungsspektrums modernen Solariumsröhren lassen sich prüfen, die Angaben über den UV-B-Anteil stimmen. Damit ist es völlig plausibel, dass in solchen Solarien die Haut genau so reagiert wie in der "echten" Sonne, einschließlich der Schutzwirkung. Untermauert wird das durch klinische Studien, die die sonnenbrand-vorbeugende Wirkung der Solariumsbräune belegen:
Forscher der Universität Bochum untersuchten 3 Wochen lang bei Freiwilligen, die in dieser Zeit 6 Besonnungen auf der Sonnenbank erhielten, welche Wirkungen das UV-Licht auf die
Verdickung der Hornschicht der Oberhaut hat.

Dazu wurden spezielle Stellen der Haut für die UV-Bestrahlung freigegeben, andere abgedeckt, so dass kein UV-Licht an diese Kontrollstellen kommen konnte.

Die Hornschichtdicke der Hautstellen, an die UV-Licht herankam,war nach der UV-Expositionszeit gegenüber den Kontrollstellen messbar dicker geworden. Als Ergebnis formulierten die Forscher, dass die Photoadaptation (Anpassung der Haut an die UV-Strahlung) nicht nur durch die Pigmentbildung, sondern durch die Verdickung der Hornschicht der Oberhaut erfolgt.
(Die Studie wurde veröffentlicht in Photodermatology Photoimmunology & Photomedicine, Februar 2004)

Es sieht so aus, als hätte die eigennützigen Lobbyisten in diesem Punkt recht - und nicht die uneigenützigen Warner.
Das gilt natürlich nicht für die übergeordnete Frage, ob Sonnenbaden an sich gesundheitsschädlich ist. Ist es immer gesundheitsschädlich, ist jede zusätzliche Belastung zu vermeiden. Also auch das Vorbräunen.
Zur Sonnen-Hautkrebs-Problematik: Was jeder weiß ...
... stimmt garantiert nicht!

Sonntag, 12. März 2006

Die EMMA ruft zum Widerstand

Bravo, EMMAnzen! So klare Ansagen ohne irgendwelche Seitenhiebe wünsche ich mir auch von anderen Medien:
Nachdem die Welt den Faschismus, den Nazismus und den Stalinismus überwunden hat, sieht sie sich nun einer neuen totalitären, globalen Bedrohung gegenüber: dem Islamismus. Wir – Schriftsteller, Journalisten, Intellektuelle – rufen darum zum Widerstand gegen den religiösen Totalitarismus auf und zur Unterstützung der Freiheit, Chancengleichheit und säkularen Werte für alle. (...)
(...) Wir weisen jeden Kulturrelativismus zurück, der es hinnimmt, dass Frauen und Männern aus der muslimischen Kultur im Namen einer Rücksichtnahme auf “andere” Kulturen und Traditionen ihr Recht auf Gleichheit, Freiheit und säkulare Werte vorenthalten wird. Wir weigern uns, unseren kritischen Geist aus der Furcht zu verleugnen, der Islamophobie bzw. des Rassismus beschuldigt zu werden.(...)
Der ganze Text: Manifest: Gemeinsam gegen den neuen Totalitarismus

Inhaltlich knüft das Manifest an das am 1. März vom französischen Satiremagazin Charlie Hebdo veröffentlichte "Manifest der 12" an. (Hier die englische Version von Jyllands-(Kom)Posten - aber trotzdem: MANIFESTO: Together facing the new totalitarianism)

Via: Freunde der offenen Gesellschaft

Nachsatz: was für den Islamismus gilt, gilt sinngemäß auch für andere Formen des religiös begründeten Totalitarismus. Allerdings können z. B. christlich-fundamentalistische Gruppen im Moment die Demokratie nicht derart in Bedrängnis bringen. Im Moment!
Ich bin der Ansicht, dass der in Offenbarungsreligionen immanente Anspruch auf absolute Wahrheit der jeweiligen Offenbarung zu Intoleranz, Iliberalität und straffer Hierarchie (gr. "heilige Herrschaft") führt - wenn ihn nicht Einhalt geboten wird! Nur solche Religionsgemeinschaften, die bereit sind, auf den absoluten Wahrheitsanspruch ihrer Offenbarung zu verzichten, sind demokratieverträglich.
Dazu gehört, dass sie den Vorrang "weltlicher" Rechtsvorschriften jederzeit anerkennen, von ihrem religiös begründeteten moralischen Codex abweichende moralisch-sittliche Haltungen nicht bekämpfen und den Unterschied zwischen mytischen "Glaubenwahrheiten" und wissenschaftlichen Erkenntnissen kennen und respektieren.

Samstag, 11. März 2006

Feige Würstchen überall

Das Halberstädter Beispiel macht leider Schule: Auch anderswo kneifen Kommunalpolitiker vor rechtsextremen Drohungen den Schwanz ein und sagen Anti-Nazi Veranstaltungen ab. In der Gemeinde Auetal (Kreis Schaumburg) ist ein Konzert gegen Rechtsextremismus wegen befürchteter rechtsradikaler Gegenaktionen untersagt worden. Abendblatt: Konzert gegen Nazis abgesagt - Angst vor Rechts

Es geht aber auch anders: Großaufgebot der Polizei sichert Demonstrationen in Halbe

Sicher ist es kein "schönes Bild", wenn demokratische Veranstaltungen nur noch unter Polizeischutz stattfinden können. Die Illusion, alles sei in Ordnung und alle Deutschen seien brave Bürger, läßt sich nicht aufrecht erhalten. "Appeasement" gegenüber gewaltbereiten Fanatikern hat immer wieder versagt. Ich plädiere nicht für "hartes Durchgereifen" in jedem Fall oder gar "Präventiveinsätze", aber es muß jedem potenziellen Störenfried klar gemacht werden: Wie können und wollen uns wehren - notfalls auch mit Gewalt!

In diesem Zusammenhang vielleicht wichtig: mdr:Bombendrohung gegen Festival "Bunt statt Braun" in Magdeburg Das Konzert mußte wegen einer Bombendrohung für eineinhalb Stunden unterbrochen werden.
Zum Glück wurde es nicht abgebrochen, auch wenn die gute Stimmung garantiert im Eimer war!

Wichtiger Nachtrag, So. 12. März!
Ich habe die Situation in Halbe wohl falsch eingeschätzt: Netzeitung: Scharfe Kritik an Polizeieinsatz in Halbe

Anscheinend sahen die in Halbe eingesetzten Polizeikräfte in den Gegendemonstranten in erster Linie ein Sicherheitsrisiko, weshalb sie unverhältnismäßig strenge und vom Datenschutz her bedenkliche Personenkontrollen vornahmen.

Also stand leider auch hier nicht der Schutz der Demokratie, sondern der der "Ruhe und Ordnung" an oberster Stelle. (Der Theaterdonner des PDS-Landesvorsitzenden Thomas Nord ist meiner Ansicht nach dennoch übertrieben. "Kriminalisierung" sieht anders aus.)

Im Falle Halberstadt argumentiert der Landrat juristisch logisch: Konzerte für Geld dürfen in Schulen grundsätzlich nicht stattfinden. Zwar ist das Wecker-Konzert nichtkommerziell, weil die Gewinne an das soziokulturelle Zentrum fließen, aber genau das schafft den Präzendenzfall, durch die die NPD erzwingen könnte, dass für sie gleiche Bedingungen herrschen: Sonderregelungen für "politisch relevante" Veranstaltungen.
Das heißt, schon im Vorfeld der Veranstaltung ist so viel schief gelaufen, dass mir das Vorgehen des Landrats angesichts etlicher von der NPD gewonnenen Prozesse resignierend-realistisch (fatalistisch?) erscheint. Ich kann diese Argumentation verstehen, wenn auch mit Bauchgrimmen. Klammheimlich Sympathie oder simples "Kuschen" vor den "braunen Kameraden" kann ich nicht erkennen. Wecker im "Spiegel"-Interview:
Der örtliche Landrat Henning Rühe hat sich allerdings noch sehr bemüht, einen Ausweichort für das Konzert zu finden.
Angesichts dessen fällt es mir schwer, Herrn Rühe wirklich mangelnde Zivilcourage zu unterstellen. Allerdings stellt sich die Frage, ob er auch ohne die implizierte Gewaltandrohung der NPD und deren juristische "Erfolge" auf diese traurigen Konsequenzen gekommen wäre. Was für ein politisches Klima muß am nördlichen Harzrand (und nicht nur dort!) herrschen, dass man sich auf solche Winkelzüge einlassen muß?

Immer wieder zum kotzen

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