Donnerstag, 30. März 2006

Universalmaßnahme: "(hier passenden neumodischen Kram eintragen) Verbieten!"

Was passiert in Deutschland zuverlässig, wenn die Kinder nicht so "funktionieren", wie sie "sollen"? Agressiv, unkonzentriert und lehrnunwillig sind? Richtig, es wird nach Verboten gerufen! Egal, ob Schnürstiefel, Luxusklamotten, Videospiele und neuerdings Handys, egal ob das Verbot weitgehend sinnlos oder völlig unsinnig ist: "So was gehört VERRR-BOTT-ENNN!" kommt bei deutschen Spießern (vor allem denen ohne schulpflichtige Kinder) stets gut an.

Ein wirklich treffender Artikel zum Thema im Redaktionsblog der "Süddeutschen": 10 Gründe gegen ein Handyverbot an Schulen

Vollkommen merkbefreit

Und schon wieder hat jemand nicht kapiert, dass es auch andere Kommunikationsformen mit Kunden und Kritikern gibt, als Abmahnungen und anwaltliche Drohschreiben. Dass das Recht auf freie Meinungsäußerung ein so hochstehendes Grundrecht ist, dass man schon einen verdammt guten Grund haben sollte, um gegen eine Meinungsäußerung juristisch vorzugehen - dass einem Kritik nicht gefällt, reicht da nicht aus. (Aber vielleicht läßt sich das Opfer ja einschüchtern; wäre ja peinlich, wenn es sich mit juristischen Mitteln wehrt, man würde in diesem Fall höchstwahrscheinlich den Prozess verlieren.)
Und auch schon wieder geht diese brachiale Kommunikationsform einher mit weitgehender Unkenntnis der Funktionsweisen von Webblogs, Suchmaschinen (in diesem Falle Google) und der Kommunikation im Internet als solchem.

Der "Krisenkommunikationsspezialist" ist in diesem Fall ein mittelständisches Unternehmen namens Flyerpilot, ein sich betont dynamisch gebender Werbematerialen-Discounter.
Er wurde von einem bloggenden Kunden noch halbwegs höflich, aber auf alle Fälle sachlich, kritisiert Erfahrungen mit Flyerpilot. Wie das so geht, landete die Kritik bei Google sehr weit oben. (Auch mein bescheidenes Senfblog landet bei einigen Stichworten ziemlich weit vorn bei Google, ohne mein Zutun.)
Die Folge aus Kritik und guter Googleposition: eine Abmahnung!
Wann spricht sich endlich herum, dass man sich mit solchen Aktionen innerhalb kürzester Zeit seinen Ruf gründlich ruinieren kann?

Gefunden beim "Handelsblatt: Indiskretion Ehrensache:Geistige Tiefflieger
Weitere Blogs zu diesem Fall: boocompany:flyerpilot mahnt Blogger ab
jens scholz:Flyerpilot.de
I:rrhoblog:die Welle schwappt weiter
Eie gute Idee zum Problem bei don: Mal eine Frage wegen Abmahnungen

Nachtrag:
Via jens: Update Flyerpilot
Offensichtlich ging es in diesem Fall noch um etwas Anderes. Wie der Martin Schunk, Vertreter der Firma Printgroup, zu der flyernet.de gehört, auf dem FNP-Weblog
schrieb:
Wir sind natürlich für freie Meinungsäußerung, aber das bedeutet nicht, die Privatadresse der Geschäfstführerin auf einer Internetseite zu veröffentichen und damit ein Stalking und eine Belästigung loszutreten.
Andressen ohne Zustimmung veröffentlichen, bzw. solche Adressen in den Kommentaren eines Blogs einfach stehen zu lassen, geht wirklich nicht! Merkwürdig allerdings: Herrn Schunk behauptete, man mache sich weder etwas aus der Googleposition noch aus der Kritik von Hessi selbst - aber genau das wurde abgemahnt! Ich persönlich finde den Versuch, es so darzustellen, als ginge es nur um die Adressen in den Kommentaren, nicht sehr überzeugend. Wie kommt da ein "ein Gegenstandwert von 250.000 Euro zustande"?

Entweder stimmt da was nicht - oder die Kommunikation zwischen Anwalt und Mandant klappt überhaupt nicht. Das Problem liegt wohl nicht nur beim in Internetdingen völlig ahnungslosen Anwalt. Die in den Kommentaren genannten Adressen wären sich aller Erfahrung nach nach einem freundlichen Anruf oder Schreiben ohne weiteres gelöscht worden. Deshalb liegt ein Teil des Problems bei der weit verbreiteten Mentalität, sofort zum "größtmöglichen Knüppel" zu greifen.

Mit Angst arbeiten
Abmahnung - weiter gehts

Nachtrag 2:
Erfolg. Warum denn nicht gleich so? uff!

Dienstag, 28. März 2006

Eigentlich müßte ich Folgendes Bloggen ...

... aber ich fühle mich gerade müde & erschöpft. (Weshalb ist Privatsache!)

- Einen Nachruf auf einen Science Fiction Autor, dessen Werke ich sehr schätze - deshalb einen Link zu cynx: Stanislaw Lem verstorben

- Einen Bericht über ein Asatru-Treffen, bei dem ich einen Heidenspaß hatte - deshalb einen Link zu Homomagi: Ostara

- Eine Meldung über staatliche Willkür und alltäglichen Rassismus - deshalb einen Link zu che:
Unser alltäglicher Rassismus, heute: Szenen aus Oberfranken


Wenn ich wieder "fit" bin, schreibe ich auch wieder eigene Beiträge zu Dingen, die mir wirklich wichtig sind, versprochen!
schnarch

Montag, 27. März 2006

Xenu rulez!

... und noch ein "me too"-statement: Offensichtlich kommt man als religiöser Fanatiker mit jeder Drohung durch, wenn man sich beleidigt fühlt. Auch wenn man nur Mitglied einer eher lächerlichen Sekte ist.
We have a new cartoon-blasphemy scandal. No, it’s not Islamists burning down Kentucky Fried Chicken stores in Pakistan because a few Danish cartoonists had the gall to draw the prophet Muhammad. Now it’s Scientology versus the popular and hilarious cartoon television programme South Park. And the Scientologists, like the Islamists before them, are winning.
Die ganze Meldung bei Sunday Times online: Hey Chef, these guys are killing free speech

Xenu ist übrigens ein böser galaktischer Herrscher aus - nein, nicht etwa einem besonders trashigen SciFi-Cartoon der alleruntersten Qualitätsstufe, sondern aus der religiösen Lehre der "Church of Scientology" (tm). alien

(Via fdog.)

Übrigens: im sekteninternen Sprachgebrauch von Scientology bedeutet "ethisch" soviel wie "den Interessen der Scientology-Organisation dienlich". Diese Sprachregelung scheint auch bei anderen Organisationen gebräuchlich zu sein.

Urheberrecht? Ethikbeauftragte?

Über den ungeheuerlichlichen Fall "Transparency International gegen moni haben sich schon andere Blogger so ausführlich geäußert, dass ich mir ein reines "Me too"-Statement spare. (unter vielen Anderen: ix, Sven Scholz, don, Londo.)

Was mich dann doch zur Tastatur greifen läßt, ist die weitere "Umdrehung" an Ungeheuerlichkeit, die sich ausgerechnet eine NGO, die sich für Transparenz in Politik und Wirtschaft einsetzt und Korruption bekämpfen will, einfallen läßt. Es agiert dabei ausgerechnet der "Ethikbevollmächtigte" und Justiziar von "Transparency International Deutschland" in einer Weise, die weder "ethisch" noch "juristisch" einwandfrei zu nennen ist.

Moni hat heute nämlich erneut einen unverschämten üblen Bluff eine erneute böse Mail vom Justiziar und Ethikbeauftragten von Transparency International bekommen.

Absurd ist die Forderung, sie (Moni) solle bitte den Blogeintrag mit seiner ersten Mail löschen, denn das Posten der Mail verstoße gegen das Urheberrecht. Wenn man ganz Winkeladvokatisch haarspalterisch denkt, entbehrt diese Ansicht nicht einer gewissen Logik. Aber nur dann. Denn für Normalmenschen hat ein Anwaltsbrief (eigenlich nur eine E-Mail, also eine elektronische Postkarte) mit geistigen Schöpfungen wie Gedichten, Romanen, Liedtexten etc., für die das Urheberrecht gemacht wurde, eher wenig zu tun. Und da die Mail ausdrücklich an Moni gerichtet war, dürfte sie sie ohne das Briefgeheimnis zu verletzen, veröffentlichen. Abgesehen davon ist mehr als fraglich, ob eine lapidare ErpresserAnwalts-Mail die laut Gesetz erforderliche "Schöpfungshöhe" erreicht.
Ich bin kein Jurist, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass "Transparency" International damit vor Gericht durchkäme. Zumal Moni meines Wissen Anspruch auf Prozeßkostenhilfe hat, und sich sehr wohl einen Anwalt leisten könnte. Es gibt, denke ich, durchaus Anwälte, die der Fall als solcher interessieren dürfte.

(Nachtrag: es gibt sie wirklich - und zwar gute: Udos Lawblog: GESTÖRTES VERHÄLTNIS Das dort zitierte Schreiben an den TI-"Ethikbeauftragten" ist GANZ GROSSE KLASSE!
applaus
)

Aber ich bin - leider! - nicht überrascht, dass ein Ethikbeauftragter von Transparency International so agiert. Nicht mehr, seitdem auch andere NGOs die von ihnen stets kritisierte “Öffentlichkeitspolitik” von Behörden und Großunternehmen bis ins i-Tüpfelchen imitieren. Transparent wie Milchglas. Außerdem: Seitem ich einen “Fachmann für Wirtschaftsethik” persönlich kennenlernen “durfte”, wundert es mich auch nicht mehr, dass der “Ethikbeauftragte” bei TI sich u. A. um unliebsame Kritiker kümmert.mad

Nachtrag, 30. März:
Erfolg für Moni - TI gibt nach (bzw. eine zufriedenstellende Erklärung ab). Einigung
Lesenswerter Kommentar bei jens:Flatsch!

Freitag, 24. März 2006

Über Demographie & Demagogie

Sehr vernünftiges Interview bei der netzeitung: «Jeder lügt - Hauptsache, es klingt dramatisch»

Hierzu auch: Tagesspiegel online: „Die Demographie ist nicht schuld“

und nochmal empfehlen möchte ich: Die demographischen Kaffesatzleser sind wieder unterwegs

Unbedingt lesen, darüber nachdenken - und die absichtlich lancierten Horror-Schlagzeilen nicht nur in der kotz!BILD schleunigst aus dem Gedankengang entfernen.

Philosophie-Slam

Ich interessiere mich sehr für Philosophie; auch wenn ich mich erdreiste, zu behaupten, ich sei Philosophie-Experte (oder gar "Philosoph"). Deshalb lese ich gerne Blogs von anderen philosophisch Interessierten. Leider gibt es davon nicht alzu viele, und von den wenigen haben einige die Attitüde mancher (vor allem deutscher) Schwerdenker übernommen, sich möglichst unverständlich auszudrücken, um so gedankliche Tiefe zu simulieren. Ärgerlich. Auch nicht unbedingt spannend sind philosophisch interessierte Blogger, die zwar gut verständliches Deutsch schreiben, aber gern und deutlich den "Bildungsbürger" heraushängen lassen. Begriffe wie "Populärphilosoph" oder "Populärwissenschaft" arten bei ihnen geradezu zu Schimpfwörtern aus: "Studiere erst mal ein paar Semester Philosophie und wälze Dich durch mindestens sechs Regalmeter philosophische Schriften (wie ich!), dann nehme ich Dich - vielleicht - ernst". Philosophische Bildung hat einen gewissen Prestigewert, der sich vielleicht auf andere Lebensbereiche übertragen läßt. Was durchaus angeberische Züge annehmen kann.
Was ist davon zu halten, wenn jemand sogar bloggt, welche gedankenschweren Bücher er zu Weihnachten zu Weihnachten bekommen hat? Ich hoffe zwar, dass das ironisch gemeint sei; ich glaube es aber irgendwie nicht. Womit ich ausdrücklich nichts gegen diese Bücher und auch nichts gegen Rezensionen dieser Bücher gesagt habe.

Da nimmt sich der Streit um einige flapsige Bemerkungen der berühmten Philosphen Popper und Albert (ja, selbst Philosophen tun so was!) über die ebenfalls berühmten Philosophen Adorno und Habermas ausgesprochen erfrischend aus. Er wurde begonnen vom liberalen Blog Statler & Waldorf Flachköpfe und andere, aufgegriffen vom eher linken Blog Metalust & Subdiskurse Zu mehr als "gnihihihi" reicht's nicht mehr??, weiter ging's mit Flachköpfe reloaded und dann Flower-Power, Eine kurze Korrektur vermeindlicher Irrtümer.

Ich finde, ohne Hähme und Ironie, dass das spannender als jeder Boxkampf ist:boxen. Geistreicher sowieso, denn sowohl Stadler wie Momo verstehen wirklich was von Philosophie und können sogar selbstständig denken. (Zumindest Momo hat sogar Philo studiert, ohne in seinem Blog auch nur annähernd auf "bildungsbürgerlich" & "elitär" zu machen.)

Donnerstag, 23. März 2006

Gedanken anläßlich eines bevorstehenden "Wikingerüberfalls", Teil 2: Bullerbü ist überall!

Bekanntlich steht mir demnächst der Besuch dreier "Jungwikinger" und ihrer stolzen Mutter ins Haus. Gedanken anläßlich eines bevorstehenden "Wikingerüberfalls", Teil 1: Gedanken zur Kinderfreundlichkeit. Diese zeigt, für stolze Mütter nicht untypisch, gerne bei jeder sich anbietenden Gelegenheit Fotos ihrer prächtvollen Sprößlinge in allen möglichen Situationen vor.
Bei einer dieser Gelegenheit - einem Grillfest, wenn ich mich richtig erinnere, bei denen besagte Jungwikinger auch "life" zu bewundern waren - fiel das entscheidende Stichtwort: "Bullerbü". Geäußert von einer großmütterlich anmutenden Frau, die wahrscheinlich tatsächlich Großmutter ist, und als Bestandteil eines schier endlosen Redeschwalls, in dessen Verlauf sie immer wieder erwähnte, wie glücklich die Kinder sich schätzen dürften, so aufwachsen zu können.
Sicher sind die Kinder gut dran, vergleicht man ihre Lebensumstände mit den Verhältnissen, in denen die meisten Kinder aufwachsen müssen, aber besagte großmütterliche Frau sah das, wie sie zu betonen nicht müde wurde, nicht relativ, sondern absolut: Aufwachsen im Kinderparadies. Und dieses Paradies hat einen Namen: "Bullerbü"! (Eigentlich: "Bullerby", die Schreibweise mit "ü" stammt aus der deutschen Übersetzung der Bullerby-Geschichten Astrid Lindgrens. Für Besserwisser: "Bullerbyn", mit dem angehängten Artikel.)
Nun schätze ich Astrid Lindgren schon seit allerfrühster Kindheit sehr; ich habe mit ihren Werken praktisch lesen gelernt. Auch im Erwachsenenalter behielten diese Bücher - anders als fast alle anderen Kinderbücher - ihren Reiz. Bullerby (bleiben wir mal bei der schwedischen Schreibweise) ist ein wunderschönes, idyllisches Dörfchen, eine heile Welt. Allerdings: Bullerby ist mehr als die idealisierte Kindheit Astrid Lindgrens; es weckt Sehnsucht nach einem Frieden, den die Menschen vielleicht noch nie hatten, aber den es sich zu erträumen lohnt. Man merkt immer wieder, dass der winzige südschwedische Ort nur eine Oase in einer Welt ist, die alles andere als heil ist. Bullerby ist außerdem auf subtile Weise realistisch, ohne den Zeigefinger zu heben: Es klingt vielleicht seltsam, aber die den Verhältnissen in den 1920ern nachgezeichneten Rollenverteilungen zwischen den Geschlechtern waren mein erster "Denkanstoß", mal über die Rollenklischees nachzudenken. (Und nicht etwa die mit dem Zaunpfahl winkenden "pädagogisch wertvollen" Kinderbücher, die meine "progressive" Tante immer anschleppte.)
Zurück zum Grillfest. Die großmütterliche Frau hob, soweit ich mich erinnere, nicht etwa auf die Inhalte ab, die Astrid Lindgrens Bücher über gefälligen Kitsch hervorheben, sondern fuhr völlig auf - nun ja - Schwedenkitsch jeder Preislage ab. Die simple Tatsache, dass die prächtigen Jungen echte Schwedenkinder sind, und ein paar Fotos von schönen südschwedischen Sommerlandschaften mit blonden barfüßigen braungebrannten Kindern reichten als Trigger aus, um eine endlose Schleife aus Klischee-Vorstellungen eines nordischen Kinderparadieses ablaufen zu lassen, das altmodische ländliche Idylle mit hypermodernem Schul- und Kindertagesstättensystem verbindet.
Vorsichtige Hinweise, von der "Jungwikinger"-Mutter, mir und anderen, dass auch in Schweden nicht alles ideal ist, prallten an einem dicken Panzer aus Klischees ab.

Wie kommt so etwas bei einer ansonsten nicht naiven Frau zustande? Wobei sie ja kein Einzelfall ist; so wie es eine "Toskanafraktion" gibt, gibt es auch eine "Schärenfraktion" von unbeirrbaren Skandinavienfans. (Ein sehr interessanter und treffender Aufsatz über die deutsche Nordlandleidenschaft von Susanne Gaschke: Die Schären-Fraktion - Nokia, Volvo, Pippi Langstrumpf: Warum Millionen Deutsche alles Skandinavische lieben) Ein Faktor, den Frau Gaschke erwähnt, ist die Unzufriedenheit mit deutschen Verhältnissen. Der trifft auf die großmütterliche Frau voll zu, ohne jetzt auf persönliche Details einzugehen.
Sie gehörte zu jener Sorte Schwedenfans, die bei beiläufigen kritischen Bemerkungen z. B. über das kühle, kontaktarme schwedische Sozialklima oder über schwedischen Bürokratismus / Reglementierungswahn das Bild eines lichten, landschaftlich und menschlich bezaubernden Landes hervorholen. Schließlich war sie schon mal für 14 Tage in Småland gewesen, alles hätte so ausgesehen, wie sie es sich ausgemalt hätte (auch die in die Landschaft geklotzten Industrieparks?) und auch Schloß Gripsholm würde sie kennen, ja, an Tucholskys Grab sei sie gewesen. Nun ja, bekanntlich ist Tucholsky an zwei Ländern zugrunde gegangen: an Deutschland, aus dem er floh, um sein Leben zu retten, und an Schweden, in dem er sein Leben verlor (man lese außer "Schloß Gripsholm" auch seine "Briefe aus dem Schweigen").

Nein, ich will die gute Frau nicht verurteilen. Sie hat sich, vermute ich, nur in den Schlingen einer mediale Rückkopplung verfangen, die bestehende Klischees und Vorurteile immer weiter verstärken, bis alle nuancierten Töne in kreischendem Kitsch ungegangen sind. Das Publikum nimmt eine vermeidliche Idylle war, und verlangt Bildern diese Idylle, das Fernsehen (als Leitmedium der platten Klischees) liefert sie, in fernsehtypisch überzeichneter Form, diese Überzeichnung "kommt an", das Publikum verlangt nach dieser überzeichneten Idylle, das Fernsehen liefert sie usw. usw..

Am konkreten Beispiel "Schweden" läßt sich das an den klischeeüberfrachteten ländlichen Idyllen der im ZDF hohe Einschaltquoten erzielende Filmen nach Drehbüchern einer gewissen Inga Lindström zeigen. Nun: "Inga Lindström" heißt in Wirklichkeit Christiane Sadlo, kommt aus Ravensburg und hat niemals längere Zeit in Schweden gelebt: ZDF.de: Inga Lindström. Das sozusagen im Medienlabor designte Projekt "Lindström-Filme" ist auf den deutschen Publikumsgeschmack zugeschnitten, "schwedisch" sind nur die Drehorte. Auf den Spuren von Inga Lindström.
Unbedingt lesenswert ist ein Bericht von Sveriges Radio über die Dreharbeiten, der auch auf Deutsch vorliegt: Schweden weichgespült fürs deutsche Fernsehen. Ein wichtiger Aspekt der Filme ist Schleichwerbung für Schweden, bzw. schwedische Produkte, weshalb sie trotz ihrer völligen Realitätsferne von schwedischer Seite unterstützt werden.
Soviele Superlative auf einmal. Natürlich ist in solchen Romanzen nicht gefragt, das sich in Schweden viele Menschen die teure Zahnarztbehandlung nicht leisten können, viele monatelang auf eine Operation warten müssen und feste Arbeitsplätze Mangelware sind, weil viele Stellen immer nur befristet besetzt werden. Wer möchte das schon sehen, am Sonntagabend um 20.15 Uhr.
Für alle, die ein wenig Schwedisch lesen können, empfehle ich auch diesen schwedischen Blick auf die deutsche Schweden-Schmonzette:SvD: Tysk tv-romantik spirar i svensk skärgårdsmiljö Der Reiseunternehmer Andreas Bunkus ist jedenfallls begeistert:
Sverige skildras på ett positivt vis genom vackra sommarlandskap och vackra människor. Det är inte den negativa bild som till exempel Henning Mankell ger av ett novembergrått Ystad, säger Andreas Bunkus.
Schweden wird da positiv dargestellt, mit seinen hübschen Sommerlandschaften und hübschen Menschen. Das ist nicht das negative Bild, dass zum Beispiel Henning Mankell mit seinem novembergrauen Ystad gibt, sagte Andreas Bunkus.
Nichts gegen Nordland-Begeisterung (leide ja selber darunter). Aber ein kleiner Realitätsschock so ab und an wäre heilsam.

Nachtrag: Amüsante Forums-Diskussion über "Inga Schwachström Lindström": da staunen die Schweden

Mittwoch, 22. März 2006

Treffende Antworten...

auf das Quiz: "Wer wird Staatsbürger? den
Fragebogen für Einbürgerungswillige, geplant vom Land Hessen, finden sich bei den
Singvøgeln

Dienstag, 21. März 2006

Das Richtige falsch gemacht

Die die heute zurückgetretene schwedische Außenministerin Laila Freivalds hatte etwas, was ich bei anderen Politikern vermisse: den Mut, politische Moral über juristische Bedenken zu stellen. Feige Würstchen überall.
Das erwarte ich von keinem Politiker, und ich verstehe, dass niemand gern seine Karriere für solches Handeln aufs Spiel setzt, aber gerade deshalb schätze ich diese Art Courage umso mehr.

Tagesschau.de: Schwedens Außenministerin tritt zurück

Dass sie eine gezielte Provokationsaktion der rechtsextremen "Sverigedemokraterna" unterband, für die der "Karikaturenstreit" und die Frage, wie weit die Meinungsfreiheit gehen darf, nur äußerer Anlaß / Vorwand war, ist ihr hoch anzurechnen. Der Aufruf, Karikaturen des Propheten Mohamed für die Website der Ultra-Nationalisten einzusenden, hätte bei den bekannt anti-islamischen und ausländerfeinlichen Anhängern der Sverigedemokraterna mit großer Wahrscheinlichkeit Karikaturen zutage gefördert, die im Gegensatz zu den überwiegend eher harmlosen Jyllandsposten-Karikaturen wirklich hetzerisch gewesen wären. Die Folgen - nicht nur für Schweden - mag sich jeder selbst ausmalen.

So weit, so gut. Gelinde gesagt problematisch war, dass auf ihre Veranlassung hohe Beamte des Außenministeriums und der schwedischen Sicherheitspolizei beim Internetbetreiber vorstellig geworden waren. Der ließ daraufhin die SD-Website abschalten. Und durch die leider bei Politikern übliche Verleugnungstaktik machte sie ihr problematisches Handeln noch schlimmer.

Sie machte etwas Richtiges, was sehr viel politischen Mut erfordete - sie stellte den Geist der Verfassung über die Buchstaben. Aber sie ging zu weit, handelte zu eigenmächtig. Und sie verhielt sich schäbig, leugnete und log, um ihren Kopf doch noch aus der Schlinge zu ziehen.
Schade!

Tolle Nachwuchspolitiker!

Kaum zu glauben, aber leider wahr: Die Firma Quelle nimmt nach einem Schreiben der Jusos Papenburg sämtliche Artikel der Firma Lonsdale (seit eh und je auch von schwarzen Boxern getragen, z. B. Muhammad Ali, Mike Tyson) aus ihrem Programm. Damit liegt Ihr ungewollt 100% auf der Linie der Nazis mit ihrer Strategie der Vereinahmung! Leute wie Euch nennt man in Fachkreisen, glaube ich, "nützliche Idioten", nicht wahr?
Eine Suche bei "Google" nach "Lonsdale" hätte Euch eines Besseren belehrt: MUT gegen rechte Gewalt: Alltagskultur Lonsdale. Oder auch nur ein Blick in die Wikipedia. So was nennt man in Fachkreisen "Recherche", glaube ich.

Die ganze Info gibt es bei Sven: Wenn Antifa-Aktion zum Aktionismus wird.

In dem Schreiben heißt es:
Jedem Jugendlichen ist klar, dass durch das Tragen dieser Artikel eine gewisse politische Einstellung transportiert wird.
Und das ist falsch! Lonsdale ist eine Marke, die nur wegen der zufällig im Namen enthaltenen Buchstabenkombination nsda für Nazis interessant ist, und wegen nichts, aber gar nichts anderem! Gerade der Sportartikelhersteller Lonsdale ist in den letzten Jahren durch Aktionen gegen Rassismus und gegen die Vereinahmung der Marke durch Rechtextremisten aufgefallen.
Infolgedessen ist Lonsdale bei unseren "braunen Freunden" inzwischen so ziemlich out. Aber anner Ems gehen wohl die Uhren anders (am Hamburger Zollkanal wohl auch - siehe die Reaktion bei
SpOn

Bravo, Jusos in Papenburg, das habt Ihr Klasse hinbekommen! Zuerst ganz großen Bockmist bauen und dann alles weichspülen, verschlimmbessern, abwälzen! Und sich dann über die Parteienverdrossenheit wundern! doing, doing, doing

Aktion Lonsdale Loves all Colours

Nachtrag:
Inzwischen ist Quelle zur Vernunft gekommen. Ich verweise auf den Komentar bei Sven, dem ich mich inhaltlich voll anschließe: Quelle nimmt Entscheidung gegen Lonsdale-Produkte zurück

Was verteidigt die Bundeswehr am Hindukusch?

Etwa das hier?!? confused

Da ist etwas ganz schwer schief gelaufen beim Demokratisierungsprozess in Afghanistan!

Nachtrag, 22.3.: Sorry für die Stammtischparole in der Titelzeile, das war ein unreflektierter Wutausbruch.
Es war meiner Meinung nach durchaus sinnvoll, das Taliban-Regime mit militärischen Mitteln zu beseitigen. (Was wahrscheinlich überflüssig gewesen wäre, wären selbige Taliban nicht seinerzeit seitens der USA, China, Pakistans und des Iran -eine heute kaum noch vorstellbare "Achse der Sowjetgegner- gegen die "bösen Russen" unterstützt worden.) Und ohne ausländische Truppen würde in Afghanistan vermutlich sofort der offene Bürgerkrieg ausbrechen und die halbwegs legitime Regierung Karzei blutig gestürzt werden.

Guter Kommentar zur Affäre von Claus Christian Malzahn bei Spon: Die Freiheit des Abdul Rahman

Gedanken anläßlich eines bevorstehenden "Wikingerüberfalls", Teil 1: Gedanken zur Kinderfreundlichkeit

Gestern erhielt ich einen netten Brief: Eine alte Freundin und ihre drei wilden Jungwikinger (7, 5 1/2, im Mai 2) wollen so um Ostern ´rum Hamburg und bei der Gelegenheit auch mich besuchen. Wobei "wilde Jungwikinger" ihre Söhne an sich gut beschreibt, andererseits Assoziationen nahelegt, die auf die drei Jungen überhaupt nicht zutreffen. Barbar
Die drei sind lebhaft, aber nicht hyperaktiv, selbstbewußt, aber nicht agressiv. Sie gehören zu den (anscheinend selten gewordenen) Kindern, die spätestens nach einer halben Stunde den Gameboy gelangweilt in die Ecke pfeffern und lieber selber was machen: Toben, selbst erfundene Spiele spielen, basteln (überraschend geduldig) und Erwachsenen Löcher in den Bauch fragen. Sie sind intelligent, selbstbewußt, selbständig und strotzen geradezu vor Gesundheit.

Kinder, wie sie sich jeder eigentlich nur wünschen kann? Offensichtlich nicht! Zwar beklagen sich viele besorgte Erwachsene zurecht über die "Generation Gameboy", über mit Fast-Food fehlernährte Kinder, über Bewegungsmangel, aggressives Mobbing schon unter Grundschülern, Lernunwilligkeit, Respektlosigkeit.
Allerdings habe ich den Verdacht, dass "Jungwikinger" nicht sonderlich erwünscht sind, weil sie anstrengen. Am liebsten hätten wir wohl Kinder mit einer Pausentaste. Außerdem haben solche Kinder einen eigenen, ziemlich dicken, Kopf. Hochbegabt und sehr kreativ, sprachbegabt - aber "faul", d. h. nicht zu Leistungen bereit, deren Sinn ihnen nicht einleuchtet. Keine Musterschüler, mit denen sich angeben ließe, die sich schon im Grundschulalter in die Karrierepläne ihrer Eltern einfügen. Sportlich, kräftig, agil, aber anscheinend der Alptraum jedes "leistungsorientierten" Sportlehrers oder Trainers. Ohne Bock darauf stellvertretend für ihre Eltern sportliche Lorbeeren zu sammeln.

Kinderfeindlichkeit fängt sicherlich schon da an, wo man die Kinder nicht so nimmt, wie sie sind, sondern so, wie man sie sein sollen, wie "man" sie gerade braucht. Das gilt erst recht für behinderte Kinder (siehe noch mal: Die Spitze des Eisbergs. )
Wie verdreht, absurd und im Grunde menschenverachtend die derzeitige Demographie-Debatte ist, hat Barbara A. Lehner, österreichische Mutter und "Testsiegerin", sehr viel pointierter ausgedrückt, als ich es je könnte: Halbe Renten für ganze Menschen.

Die drei "Jungwikinger" haben Glück. Mit ihren Eltern, ihrem Wohnumfeld und ihrer Heimatland. Sie wachsen in Schweden auf. Nicht, das Schweden nun das Musterland der Kinderfreundlichkeit wäre. Der "schwedische Sozialsstaat" ist längst nicht das, für den ihn manche Kritiker der deutschen Verhältnisse ihn halten. Sagen wir mal so: das schwedische Erziehungswesen ist, soweit ich es beurteilen kann, nicht wirklich gut, sondern nur weniger schlecht als das deutsche. Immerhin: Erziehungsurlaub und Kindergartenplätze sind kein großes Problem und das Bildungssystem bietet zumindest Chancen für Arme und Wohlhabende gleichermaßen.
Auch hat das real existierende Schweden wenig Ähnlichkeit mit der kinderfreundlichen Bullerby-Idylle der Reiseprospekte. Und ideologisch verbiesterte Grundsatzdebatten über Erziehungsfragen, Schulsysteme und Kinderbetreuung gibt es auch mehr als genug.
Mir fällt aber der Pragmatismus angenehm auf, mit dem in Schweden auf Familien mit Kindern und deren Bedürfnisse reagiert wird. Z. B. gibt es in schwedischen Fernzügen Kinderspielabteile, weil sich dort herumgesprochen zu haben scheint, dass Kinder nicht gerne stundenlang still sitzen und das auch Familien mit Kindern Bahnkunden sind, die durchaus das Auto nehmen könnten. In Deutschland ist der Kinderhort von IKEA beispielhaft, in Schweden einfach nur das Übliche, das eben auch auf die ausländische Filialen übertragen wurde. IKEA ist entgegen seinem Image nämlich keineswegs sonderlich "sozial".

Übrigens schützt auch vorgelebte Gebärfreudigkeit Kinderfreundlichkeit nicht vor Schnappsideen. Ich hatte mich ein wenig gefreut, als eine Mutter von 7 Kinder, die es außerdem noch geschafft hat, die meiste Zeit anspruchsvoll beruftstätig zu sein, Familienministerin wurde. Endlich mal jemand, der wirklich das Leben kennt. Na, ja:
Ein Rat von der Leyen: "Eltern sollen mit Kindern beten"
Das christliche Grundvertrauen mache es leichter, ein Kind in die Welt zu setzen, sagte die Bundesfamilienministerin. Ganz große Klasse! Vielleicht sind andere Religionen noch geburtenfördernder? -> Jesus statt Odin. Das parallel dazu eine Allensbach-Umfage herausgefunden haben will, dass Höflichkeit, gutes Benehmen, Sparsamkeit und Gewissenhaftigkeit bei der Arbeit wieder Werte sind, die Kindern vermittelt werden sollten, paßt ins Bild. Nichts gegen die genannten Werte. Die "Jungwikinger" verkörpern sie, aus meiner Sicht, geradezu ideal. Ich habe aber so den Verdacht, dass zumindest einige politische Freunde von der Leyens darunter, ganz "deutsch-tradionell", etwas anderes verstehen als ich: Unterordnung, Konformität, bedingsloser Gehorsam. :(

Also genau das, was Ingers höfliche, sparsamen und beim Arbeiten (Basteln, Schule) gewissenhafte Jungwikinger echt doof finden.

Kleine Korrektur: Die Kinder wachsen zwar schneller, als man glaubt, aber ich hatte mich bei den Altersangaben um gut ein Jahr vertan: Der jüngste der Jungwikinger wird zu Beltaine erst 2! Habe das richtiggestellt.

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