Donnerstag, 9. März 2006

Feuer frei auf den Naturschutz

Arme Kormorane! Erst die Vogelgrippe - und jetzt schießwütige Fischer, die dank des Kieler Umweltministeriums freies Feuer haben.
In Schleswig-Holstein geht es den Kormoranen an den Kragen. Die schwarzen Tauchvögel dürfen künftig in unbegrenzter Zahl und ohne förmliche Genehmigung geschossen werden. Das gestattet eine neue Kormoran-Verordnung, die das CDU/SPD-Kabinett gestern in Kiel trotz aller Proteste verabschiedete. Naturschützer fürchten, daß die Fischfresser im Norden erneut aussterben.
Hamburger Abendblatt: Kiel gibt Kormorane zum Abschuß frei

Wohl gemerkt: Der Kormoran ist ein unter EU-Artenschutz stehender Vogel!
Das ist kein Ausreißer, denn das Schleswig-Holsteiner Umweltministerium legt die Axt an den Naturschutz. Hierzu wieder das "Hamburger Abendblatt":
Kiel - Die schleswig-holsteinische Regierung will den Naturschutz schleifen. Das schwarz-rote Kabinett stimmte gestern dem Entwurf eines neuen Landesnaturschutzgesetzes (LNG) zu, mit dem viele Öko-Standards gesenkt oder gestrichen werden. Erklärtes Ziel der Reform ist, den "Wirtschaftsstandort zu stärken". Die SPD-Fraktion nannte den Entwurf "mangelhaft" und will Änderungen durchsetzen. Kritik übten auch Grüne und der SSW: "Der Entwurf ist mit der Axt geschrieben und wird tiefe Schneisen in den Naturschutz schlagen."
Weiter:Kiel stutzt Naturschutz

"Hat man Gewalt, so hat man Recht"

Wie schützt man auf gute deutsche Art die Bürgerrechte? Indem man alles verbieten, was Unruhe verbreiten könnte! Was ist der wesentliche Rechtsgrundsatz? "Gleiches Verbot für alle" - wenn Nazi-Konzerte verboten sind, gehören auch Anti-Nazi-Konzerte verboten, wenn Nazi-Symbole verboten sind, gehören auch Anti-Nazi-Symbole gefälligst verboten.

Die skandlöse Rückratlosigkeit Halberstädter Würstchen*) Kommunalpolitiker ist dabei nur die Spitze des "Ruhe ist die erste Bürgerpflicht"-Eisberges.

Interview mit Wecker auf Spiegel.de:Spiegel.de
Tagesschau.de: NPD verhindert Wecker-Konzert

Oder ist ein einfach nur die nackte Angst, das Einknicken von der Gewaltbereitschaft? Die NPD hat zwar nirgendwo realen Einfluß, aber wenn die Nazis ankündigen, selbst mal beim Konzert vorbeizuschauen und für "Stimmung" zu sorgen, dann kuscht man man als verantwortungsbewußter deutscher Kommunalpolitiker eben im vorauseilenden Gehorsam - schließlich sind Ruhe und Sicherheit unheimlich wichtige Standortfaktoren. Da macht sich Krawall schlecht, und wer gegen Nazis demonstriert, der macht die böse Welt womöglich darauf ausmerksam, dass es hier doch noch Nazi geben könnte. Es ist ja gute Tradition, den Überbringer der schlechten Botschaft zu bestrafen.

Das gilt nicht "nur" für den Umgang mit unseren "braunen Freunden". Auch gewaltbereite religiöse Fanatiker genießen Kraft ihrer Gewaltbereitschaft Privilegien. RTL läd die Gruppe "Oomph!" von der Echo-Show aus: Wegen Gottes-Song: RTL lädt Oomph! aus.
"Oomph" trällert nämlich ein eher banales Liedchen, in dem einige Textzeilen vorkommen, die eventuell als blasphemisch aufgefasst werden könnten. Das könnte ja Ärger geben, irgendwelche fanatische Monotheisten könnten da vielleicht auf die Straße gehen. (Oder (*schauder*) einen Werbevertrag kündigen?)

Auch der Fall "www.euroislam.info" paßt ins Schema. Die Website stellt sehr explizit verschiedene Verbrechen, die im Namen des Islam verübt wurden und werden, dar. Darauf reagiert der Betreiber seines Servers, indem er die Seite vom Netz nimmt.

Zugegeben, die Website war selbst reichlich vernagelt & fanatisch und ich trauere ihr keine Träne nach - zu deren Feindbild gehören neben bösen Moslems z. B. auch Abtreibungsbefürworter, Pornographen und atheistische Politiker. (Heiden wie ich bestimmt auch.) Aber meiner Meinung nach gehört auch das noch zur Meinungsfreiheit. (Wenn auch zähneknirschend.) Und die dargestellten islamistischen Verbrechen dürften leider nicht auch nicht frei erfunden sein.
Das Kündigungsschreiben deutet jedenfalls darauf hin, dass es dem Provider darum geht, vorsorglich jeden Streit mit den radikaleren Vertretern der angegriffenen glaubensgemeinschaft zu vermeiden.
(Um es auch dem Letzten bzw. meiner Haustrollin (Kommentar gelöscht) klar zu machen: Ja, ich hätte nichts dagegen, wenn die fanatischen fundi-christlichen Brandstifter von "euroislam" die Welt mit ihrem Hass verschonen würden. Aber das macht weder die Sperrung der Website noch die vom Webhoster angegebenen Gründe besser.)

Das Problem beim Aufbau dieser Harmoniekulissen mittels Verbannung der Unbequemen: Konflikte werden nicht mehr ausgetragen, es entstehen immer mehr Tabuzonen für die öffentliche Auseinandersetzung. Und die Tabuzonen werden von denen definiert, die zum harmoniestörenden Krawall, zur Gewalt, bereit sind. Z. B. von der NPD oder von militanten Islamisten.

Hiezu auch:
Sven
semmel
Stadler & Waldorf
rebellmarkt
Singvøgel
Zum "islaminfo":
fdog
und unbedingt auch das: fdog2
Zu "Oomph!":
Gjallarhorn

*) Ich meine die feigen Würstchen im Halberstädter Rathaus, nicht etwa diese hier, die durchaus lecker sind:Halberstädter Würstchen (natürlich mit Senf!)

Dienstag, 7. März 2006

Vogelgrippe ohne Vogelzug?

Möglicherweise hat die Ausbreitung der Vogelgrippe überhaupt nichts mit dem Vogelzug zu tun.
Die Gefahr für die Wildvögel könnte von Nutztier-Geflügelhaltung ausgehen - und nicht umgekehrt. Tierfutter und das Ausbringen der Fäkalien auf die Felder müssen als Übertragungsweg ins Auge gefasst werden. Es kann sein, dass wir mit der Vogelgrippe leben müssen.
Vielleicht tun wir das schon seit Jahren und wußten es bloß nicht. Weil tote Vögel, die es nach jedem strengen Winter in großer Zahl gibt, daraufhin nicht untersucht worden sind. Oder weil das Virus gesunden, kräftigen Vögeln weit weniger anhaben kann als dem zu Zigtausenden in der Massenhaltung zusammengepferchten Geflügel.
Der sehr interessante Aufsatz des Münchner Zoologen und Ornithologen Josef.H. Reichholf in der "Welt": Neue Pest, alte Angst

Via: Die Achse des Guten

Dazu paßt folgende Meldung bei Umweltschutz-News: Abfälle aus Geflügelfabriken als Hauptfaktoren für die Verbreitung der Vogelgrippe

Der "Blutadler" und die mystische Stadt

Bei der Lektüre des Thrillers "Blutadler" von Craig Russell stand ich vor einem Rätsel. Nein, nicht: "Wer ist der Serienmörder, der seinen Opfern bei lebendigem Leib die Lungen aus dem Brustkorb schneidet?". Auch nicht: "Wie passen die zahlreichen arg konstruierten Erzählstränge über organisiertes Verbrechen, Rotlichtmilieu, politische Intrigen, irre Odinisten, BND, BKA, BGS, Nazi-Vergangenheit, Nazi-Gegenwart auch nur halbwegs zusammen?" Und auch nicht: "Warum bezieht Russel seine Vorstellungen über alte Wikinger und moderne Odinisten / Asatru nicht aus seriösen Quellen - sondern ausgerechnet aus der alleruntersten blutdrünstigen Barbaren-Schublade?"

Nein, das Rätsel betrifft Russells Schilderung meiner Heimatstadt. Der Mann war schließlich oft in Hamburg. Und er hat recherchiert, sehr viel recherchiert sogar (was ihn dazu verleitet, ständig sein Wissen über die Geografie und Geschichte der Stadt auszubereiten, egal ob es für die Handlung relevant ist oder nicht).

Trotzdem wirkt "sein Hamburg" seltsam fremd, unwirklich, künstlich. Wie eine Filmkulisse, meint Michael Drewniok in seiner Rezension auf "Bücherwurm". Einiges zu diesem Eindruck trägt sicher bei, dass Russel zwar viel recherchiert hat, auch z. B. bei der Hamburger Polizei, das Ganze aber nicht sehr weit über Reiseführer / Lexikon-Niveau hinauskommt, was zu unstimmigen Details führt. Oder das er oft, zu oft, zu Klischees greift. Aber das machen andere Krimi-Autoren auch, ohne dass ihre Handlungsorte deshalb kullissenhaft, virtuell, tot wirken.

Eine plausible Erklärung fand ich, als ich mir auf Russels Website die Seite ABOUT HAMBURG ansah. Nur ein paar magere Fakten, die sogar zutreffen - und doch wieder nicht. Da heißt es etwa:
One of Europe's most important seaports, yet located 150 kilometres inland.
150 km? Das ist gut die doppelte Luftlinien-Entfernung bis zur Elbmündung. Aber es stimmt: so weit ist die "Revierfahrt" eines Schiffes, bis es von Hamburg aus die offene See (jenseits des küstennahen Wattenmeers) erreicht hat. Die 150 km machen die Hafenstadt "exotischer", als sie wirklich ist.
It has more waterways than Amsterdam and Venice put together and the Alster, in the heart of Hamburg, is Europe's largest city centre lake.
Stimmt auch. Allerdings sind die Wasserstraßen nicht annähernd so prägend wie in Amsterdam oder gar Venedig, und ob die Außenalster Europas größter innerstädtischer See ist, ist eine Frage der Definition von "innerstädtischer See". Praktisch über alle Fakten in den paar mageren Sätzen über Hamburg auf Russels Website läßt sich ähnliches sagen. Sie zeigen, wie der Roman, eine bizarre, außergewöhnliche, kosmopolitische Metropole, einen Schnittpunkt der Kulturen, in dem die Kontraste knallen, in dem es von exotischen Dingen, exotischen Menschen und exotischen Verbrechen geradezu wimmelt. Hamburg ist aber in Wirklichkeit eine deutsche Großstadt, die zwar einige Besonderheiten hat, aber im Großen und Ganzen völlig normal, in mancher Hinsicht sogar ziemlich provinziell und langweilig ist.

Das ist der Grund, weshalb sich die Lektüre des literarisch aufgemotzten Gruselkrimis "Blutadler" doch lohnt. Was bei Russell "Hamburg" ist, ist bei anderen Autoren "Hong Kong", "San Francisco", "Singapore", "New York City" oder irgend einer der anderen beliebten Thriller-Schauplätze. Nur fällt einem Ortfremden, selbst wenn er die eine oder andere dieser Städte als Tourist kennen sollte, gar nicht auf, wie künstlich, klischeebeladen und übertrieben die Schilderungen dieser Schauplätze gemeinhin sind. So lange die Fakten stimmen - jedenfalls halbwegs.

Weil der über eine deutsche Stadt schreibende Schotte unbeabsichtigt den Pseudorealismus "harter" "tatsachenorientierter" Thriller entlarvt, verzeihe ich ihm beinahe, dass er ebenso unbeabsichtigt die "Odinisten" zur gefährlichen Spinnern stempelt. Aber nur beinahe.

Gjallarhorn: Anmerkungen zum Blutadler (Über das Blutadler-Ritual und wie Russel es behandelt.)

Diskussion über den Roman "Blutadler"
Zum "Pseudorealimus" in einem (erheblich lesenswerteren) Thriller:
Fräulein Smillas mangelndes Gespür für Fiktion

Sonntag, 5. März 2006

Ja, ja, das Fernsehen ...

Karan machte auf der Autobahn eine ebenso bezeichnende wie bedrückende Erfahrung:
Wenn am Rand der Gegenfahrbahn (wohlgemerkt: mitten auf der Brücke!) ein Auto mit Warnblinklicht anhält, so handelt es sich dabei nicht notwendigerweise um einen ebenfalls Verunfallten. In diesem Fall ist es eine kamerabewaffnete schwarzgekleidete Gestalt, die aus dem Wagen springt, mal so eben über die Fahrbahn rennt und das (im Übrigen ziemlich unspektakuläre) Geschehen filmt - und dabei auch den Gegenverkehr erheblich zum Stocken bringt. Die Sat-1-Aufschrift auf dem Wagen wundert mich nicht wirklich.
(Mehr: Wieder was gelernt)

Sollten wir nicht dankbar sein, dass SAT.1 Reporter ihr Leben und vielleicht auch das anderer Verkehrsteilnehmer für die Information und Aufklärung des Bürgers riskieren? Man kann ja ohne solche Bilder schlecht über das "Verkehrchaos nach den überraschenden Schneefällen" berichten. (Ja, Schnee im Spätwinter ist die Überraschung!) Es heißt ja schließlich auch "Fernsehen" und nicht "Ferndenken".

Apropos "Denken" - Fundsache aus einem Forum, in dem es um das leidige Thema: "Überall Kinderschänder - wie schütze ich nur mein Kind?" ging:
Und es ist ja nicht so, dass es früher weniger Pädophile gegeben hätte. Es gab nur kein Privatfernsehen.

Schade um den Verein!

Obwohl ich, aus Gründen, die ich hier nicht ausbreiten möchte, vor gut einem halben Jahr aus dem "Rabenclan - Arbeitskreis für Heiden in Deutschland e. V" ausgetreten bin, liegt mir der Verein nach wie vor sehr am Herzen. Immerhin war ich mehrere Jahre lang aktives Mitglied.

Insgeheim hatte ich gehofft, dass der Verein, nun in ruhigerem Fahrwasser und mit neuem Vorstand, sich wieder berappelt.

Offensichtlich trog diese Hoffnung. In seinem Weblog "Oileán na mBeo" zieht Mat Bilanz über die ersten 100 Tage des neuen Rabenclan-Vorstands.
Rabenclan e.V. - Vorstand 100 Tage im Amt

Bis vor etwa 2 Jahren war der "Rabenclan" ein in der Öffentlichkeit sehr präsenter und politisch gut profilierter Verein. Nach außen zeigte sich das in einer aktiven Internet-Präsenz, bestehend aus einem lebhaft frequentierten Forum, einer Website, auf der es mindestens monatlich neue Artikel gab, und - allerdings unabhängig von den offiziellen Vereinsseiten - einem interessanten Webblog.
Rabenclan-Mitglieder traten an die Öffentlichkeit, es gab Interviews in Presse, Rundfunk und Fernsehen. (Einige davon habe ich gegeben.) Das verlieh dem Rabenclan auch politisches Gewicht, wichtig in einer Zeit, in der "Neuheidentum" nach wie vor entweder mit "Rechtsextremimus" oder mit "weltfremder Spinnerei" gleichgesetzt wird.

Mats Darstellung paßt meines Erachtens zur "Außenwirkung" des Rabenclans, der für Nichtmitglieder eigentlich nur noch als Veranstalter von Festen wahrnehmbar ist. Die "Rabenfeste" waren übrigens schon immer wichtiger Bestandteil der Vereinskultur, insofern deutet es meines Erachtens eher auf eine Beschränkung der Rabenclan-Aktivitäten hin, wenn sie derart in den Vordergrund treten.
Eventuelle Aktivitäten "im Hintergrund" entziehen sich naturgemäß meiner Kenntnis. Wenn der Rabenclan allerdings verstärkt Kontakte z. B. zu wissenschaftlichen Einrichtungen oder gesellschaftlichen Institutionen geknüft haben sollte, ist es für mich nicht einsehbar, warum so etwas nicht mehr der Öffentlichkeit kommuniziert wird.

Die öffentliche Erscheinung des Rabenclan steht im auffälligen Kontrast zu den vollmundigen Ankündigungen, die z. B. im Festbericht über Samhain (November 2005) gemacht wurden: Bericht Galgensprung Außerdem fällt auf, wie sehr eher unspektakuläre Erfolge und Projekte sprachlich "hochgejubelt" werden.

Es kann durchaus sein, dass der Rabenclan als Anbieter / Vermittler von "Dienstleistungen" (Kursen, Theaterveranstaltungen, Vorträgen) an Gewicht gewonnen hat.
An "gesellschaftlichem Gewicht" hat er jedoch meines Erachtens verloren.
Mats Bericht bestärkt mich in meinem Verdacht, dass der "Rabenclan" nicht (mehr) der gesellschaftlich und politisch engagierte Verein ist, der er meiner Ansicht nach sein sollte.

(Überarbeitete Fassung meines Beitrages vom 1. März. Die z. T. arg polemischen Kommentare zur älteren Fassung habe ich gelöscht.
MM
)

Donnerstag, 2. März 2006

Was jeder weiß: Dresden

Ich nehme die bevorstehende Ausstrahlung der rührseligen Kriegsschmonzette des historischen TV-Films "Dresden" im ZDF zum Anlass, meine lockere Reihe "Was jeder weiß stimmt garantiert nicht" fortzusetzen.

Im Falle Dresden geht es um populäre Irrtümer bzw. Geschichtslegenden, die längst und gründlich widerlegt sind, und trotzdem nicht aus den Köpfen vieler Deutscher verschwinden. Was heißt Legenden - eigentlich sind es faustdicke Geschichtslügen, die da fortbestehen. Woran, vermute ich mal, Dokudramen mit Drall in Richtung "Selbstviktimisierung" nicht ganz unbeteiligt sind.

Nachtrag: "Selbstviktimisierung" meint in diesem Zusammenhang: das unbestrittene Opfersein der bombadierten Deutschen wird als Schuld-Schutzschild vor dem voraufgegangenen Tätersein aufgebaut. Viele "Dokudramen" und "historische Dokumentationen" über den 2. Weltkrieg räumen zwar bereitwillig eine deutsche "Schuld" ein, aber die zahlreichen toten deutschen Soldaten und Zivilisten erscheinen als "Sühneopfer" für diese "Schuld". Eugen Kogon beschrieb das schon kurz nach Kriegsende als "Schaffen von Notausgängen": Sie sollen die Flucht vor der eigenen Geschichte ermöglichen, sobald unwillkommene Fragen gestellt werden. "Wir sind durch den Bombenkrieg doch gestraft genug, warum dann immer noch die Frage nach deutscher Schuld?" Wobei der Schuldbegriff in diesem Zusammenhang besonders fragwürdig ist Schuld – die Rückkehr ins Paradies

Nun zu den drei wichtigsten, immer noch gern geglaubten, Legenden über Dresden, am 13., 14. und 15. Februar 1945. Dabei folge in im wesendlichen Martin Blumentritt, auch wenn ich seine "antideutsche" Sicht nicht teile. Dresdenlügen

1. Legende "Die Zahl der Opfer der Bombadierung Dresdens ist einzigartig und beispiellos"
Es kursieren bis heute abenteuerliche Opferzahlen. 135.000 Tote (David Irving, Nazi-Apologet), 300.000 (Hans Loch, DDR-Politiker) oder gar 350.000 bis 400.000 (Axel Rodenberg). Sie suggerieren ein welthistorisch einmaliges Massaker. Auch die vergleichsweise zurückhaltenden Zahlen von 35.000 Toten (DDR-Geschichtsbücher) oder 30.000 Toten (mein altes Schulgeschichtsbuch, BRD) sind zu hoch. Die tatsächliche Opferzahl dürfte etwa bei 25.000 Toten liegen:
In der "Schlußmeldung über die vier Luftangriffe auf den LS-Ort Dresden am 13., 14. und 15. Februar 1945 des Höheren SS- und Polizeiführers Elbe" heißt es unter Punkt E:
Personenschäden.
Bis 10.3.1945 festgestellt: 18.375 Gefallene, 2.212 Schwerverwundete, 13.718 Leichtverwundete... Die Gesamtzahl der Gefallenen einschl. Ausländer wird auf Grund der bisherigen Erfahrungen und Feststellungen bei der Bergung nunmehr auf etwa 25.000 geschätzt.
Im Dezember 1993 wurden vom Stadtarchiv Dresden bisher unerschlossene Akten aufgefunden, die diese Angaben bestätigen. Es handelt sich hierbei um die Bestattungslisten der städtischen Friedhöfe. Demnach wurden auf den beiden Hauptfriedhöfen bis zum 12.Juli 1945 insgesamt 21.271 Leichen registriert. Selbst wenn man ca. 2.000 bis 3.000 "wilde" Bestattungen oder Bestattungen auf kleineren Friedhöfen im Umland hinzurechnet, bestätigen diese Angaben die Zahl von ca. 25.000 Bombentoten. Eine hohe, aber für den Bombenkrieg beinahe "normale" Opferzahl, auch z. B. bei den Bombenangriffen auf Hamburg kamen so viele Menschen um. (Man vergleiche das nur mit den 700.000 Toten im belagerten Leningrad. Wobei anzumerken wäre, dass zur Sowjetzeiten eher zu geringe Opferzahlen auf Seiten der Sowjetbürger angegeben wurden.) Es gab in Dresden auch deshalb viele Tote, weil zahlreiche Flüchtlinge und Kriegsgefangene im Stadtgebiet untergebracht waren - eine im Rückblick unverantwortliche Entscheidung der wohl noch an der Illusion vom "Luftschutzkeller des Reiches" festhaltenden deutschen Führung.
Dresden war auch nicht ungewöhnlich stark zerstört: mit 60 Prozent zerstörten Wohnungen nahm Dresden den 22. Platz unter den deutschen Städten ein. Selbst die auf Dresden abgeworfene Bombenlast von 7.000 Tonnen ist geradezu lächerlich verglichen mit Köln (44.700 Tonnen) oder Essen (37.900).
Die einzige Besonderheit "Dresdens" ist, dass die
Stadt erst in den letzten Kriegsmonaten zum Ziel der alliierten Angriffe geworden war. Zuvor waren Flächenbombardements im Südosten Deutschland aufgrund der strategischen Lage und aus technischen Gründen noch nicht möglich gewesen.

2. Legende: "Der Angriff war militärisch sinnlos, mithin reiner Terror gegen die Zivilbevölkerung"
Die Bombardierung Dresdens war ein Schock, der im Gegensatz zu früheren Bombenangriffen die "Heimatfront" wirklich demoralisierte.
Götz Bergander schrieb im Standardwerk "Dresden im Luftkrieg":
Zwar glaubten die meisten Deutschen nicht mehr an den Sieg, aber sie konnten sich trotzdem die bedingungslose Kapitulation nicht vorstellen. Der Schock von Dresden trug wesentlich zu einer Sinneswandlung bei. Sie äußerte sich damals in den Worten: Besser ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende. Der Schrecken ohne Ende - das war für die meisten Deutschen der Bombenkrieg.
Die Taktik des Flächenbombardements war auch auf allierter Seite nicht unumstritten, siehe z. B. die Autobiographie des damals für das britische Bomberkommando arbeitenden Physikers Freeman Dyson, dem zufolge die Allierten den Bombenkrieg praktisch verloren hätten. Die Opferzahlen - auch unter den Bomberbesatzungen - standen in keinem Verhältnis zum mageren strategischen Ergebnis - denn die kriegswichtige Produktion war entweder "ausgelagert" oder wurde - wie die Kugellagerfabriken in Schweinfurt - so hart verteidigt, dass die Angriffe für die Bomberbesatzungen ein Himmelfahrtkommando waren.
Jedoch gezielte und das taktische Moment der Überraschung ausnutzende Angriffe fügten der deutschen Kriegswirtschaft empfindliche Schäden zu: 1943 wurde die V-Waffenproduktion durch einen Angriff auf Peenemünde erheblich verzögert, 1944 kam die deutsche Benzin- und Flugbenzinproduktion nach den Angriffen auf die Hydrierwerke und Raffinierien bei Leipzig praktisch zum erliegen - womit auch der deutschen Luftverteidigung der "Sprit" ausgingt. In der Folge konnte das Verkehrsnetz systematisch zerbombt werden.
In Dresden kam die oft - auch von Dyson - bestrittene psychologische Wirkung des "Moral Bombing" voll zum Tragen, vielleicht, weil die Alternative "Ergibt Dich oder Stirb!" den meisten Deutschen bei früheren Angriffen noch nicht klar war.

Davon absehen war Dresden durchaus ein militärisch bedeutendes Ziel. Der britische Militärhistoriker Joseph W. Angell geht davon aus, dass der Bombenangriff auf Dresden als direkte Unterstützung für die heranrückende Rote Armee gedacht war. Zur gleichen Zeit, schreibt er, habe Marschall Konjew mit seinen Armeen ungefähr 110 Kilometer ostwärts der Stadt gestanden, in einer für deutsche Gegenangriffe höchst verwundbaren vorgeschobenen Position - vorausgesetzt, die Deutschen könnten Verstärkung durch Dresden bringen; dies sollten die Bombardements verhindern. Ob dieses Ziel vorrangig angestrebt wurde, ist innerhalb der Fachliteratur umstritten - dagegen spricht, dass der Rangierbahnhof nicht dauerhaft zerstört wurde. Immerhin: etwas dringend benötigte "Luft" wird "Dresden" den sich unter horrenden Verlusten vorkämpfenden Soldaten Konjews verschafft haben. Vielleich zwei- oder drei Wochen weniger bis zur Kapitulation der "Reichshauptstadt" Berlin.
Da aber sich ein großer Teil der noch intakten Rüstungsproduktion im "sicheren" Dresden befand, wurden "enorme Auswirkungen auf die Rüstungsproduktion" (Stadtarchivar Friedrich Reichert) erzielt. Im größten Rüstungsbetrieb, der Firma Zeiß Ikon, waren vor dem Angriff 10.837 Arbeiter tätig, danach nur noch etwa ein Viertel(2.508). Zeiß Ikon stellte vor allem das bei allierten Soldaten als "Hitlersense" gefürchtete, im Häuserkampf und aus Hinterhalten heraus besonders "wirksame" Sturmgewehr MP 43 her. Ohne Gewehre kein "Volkssturm bis zum letzten Mann" ...

Nicht zuletzt werden die allierten Bomberpiloten angesichts der bis zum März 1945 anhaltenden, strategisch sinnlosen "V-Waffen"-Angriffe auf London und Antwerpen wenig Anlaß gesehen haben, "kurz vor Schluß" den "Bombenterror" aufzugeben.

3. Legende: "Die Zerstörung Dresdens ist ein bewußtes Kalkül der Westalliierten gewesen, um den Vormarsch der Roten Armee zu behindern und die künftige sowjetische Besatzungszone zu schwächen."

Unschwer ist diese Behauptung als östliche Propaganda aus dem "Kalten Krieg" erkennbar, dennoch wird sie nicht nur von alten SED-Kadern, sondern auch von jungen "antiimperialistischen" Linken gern nachgebetet.

Noch 1969 hieß im "Neuen Deutschland":
An diesem Tag gedenken die Dresdner der vielen unschuldigen Opfer, die sterben mußten, weil einige Politiker und Generale die untaugliche Idee hatten, den Vormarsch des Sozialismus mit Bomben und Tränen aufzuhalten.
Dem steht die unübersehbare Tatsache gegenüber, dass das Gebiet von Deutschland, das schließlich von den Westalliiierten besetzt werden sollte, insgesamt weitaus länger und schwerer angegriffen worden als das Gebiet der späteren sowjetischen Besatzungszone. Eine "antisowjetische" Stoßrichtung der Angriffe auf Köln, Essen oder Hamburg ist schwer vorstellbar. (Außer vielleicht für jene Stalin-Fans, die glauben, die ruhmreiche Rote Armee hätte ganz Europa "befreien" können, hätten sich die perfiden Westmächte nicht quergestellt.)
Dass die Bombadierung Dresdens die vordringenden Roten Armee entlastete, wurde schon erwähnt. Der Angriff auf Dresden wurde der sowjetischen Führung durch die US-Militärmission in Moskau vorab mitgeteilt, es gab keine Einwände.
Erst nach 1948 schwenkte die Darstellung der Bombadierung Dresdens in den "östlichen" Medien in anti-amerikanische / anti-britische Richtung um. 1952 griff DDR-Volkskammerpräsident Dieckmann sogar auf Goebbels Wortprägung von "anglo-amerikanischen Luftgangstern" zurück. In den folgenden Jahren klang die anti-amerikanische und anti-britische Demogogie ab, bis in den 80er Jahre allgemein gehaltene Friedensappelle, in denen allenfalls vor "dem Imperialismus" (natürlich nur dem auf westlicher Seite) gewarnt wurde, die Dresden-Gedenkfeiern dominierte.

Dafür machten sich Teile der "westlichen" "Antiimperialisten", auch solche, die nichts von "real existierenden Sozialismus" hielten, einstige Ostblock-Propaganda zu Eigen - und näherten sich in ihrem Amerikahass unbeabsichtigt immer mehr traditionell "rechten" Positionen an. Dabei blieb es - bis heute.

Angenehme Überraschung auf der ZDF-Website: Bomben auf Dresden - Eine Chronik der Ereignisse

Keine Überraschung, aber trotzdem unangenehm, ist, was der Drehbuchautor Stefan Kolditz auf der ZDF-Website von sich gibt: Die Bombe demokratisiert das Sterben

Dienstag, 28. Februar 2006

Die Vogelgrippe-Verschwörung

Fundsache bei Lizas Welt: Neues aus Entenhausen

Gerhard Wisnewskis (ja, der mit der Mondlandungslüge) neueste Verschwörungstheorie, nach dem Prinzip: "Wem nützt die Vogelgrippe?" Klar, der Pharmaindustrie! Und da Donald Rumsfeld Aktionär beim Hersteller des Grippemittels Tamiflu ist, stimmt auch das Feindbild.

Wer glaubt, "Lizas Welt" würde nur polemisieren, sehe sich auf Wisnewskis Website um: EXKLUSIV: Vogelgrippe-Virus von der Seuchen-Insel? (Irgendwie merkt man, dass Wisnewski mal bei der "BILD" gearbeitet hat ... )
Der Countdown zur Vogelgrippe: Ein Tagebuch der Seuchen-Insel

Leider keine Satire. Der Mann meint es ernst.

Vor 20 Jahren: Olof Palme ermordet

Abenteuerliche Verschwörungstheorien ranken sich um den Mord am international angesehenen Schwedischen Staatsminister (Primierminister) Olof Palme.
wikipedia: Olof Palme
netzeitung: Zeugen im Mordfall Palme werden neu befragt

Wobei es ebensowenig wie im "Mordfall John F. Kennedy" Zufall ist, dass sich um gerade um dieses Attentat Legenden bildeten. Dass es wirklich der drogenabhängiger Einzeltäter Christer Pettersson war, ist nicht auszuschließen, auch wenn der 2004 verstorbene Pettersson mangels Beweisen freigesprochen wurde.
Ansatzpunkt der meisten Theorien ist die schier umfassbare Tatsache, dass die Suche nach dem Täter nur äußerst schleppend verlief, da sich die Stockholmer Stadtpolizei und die Sicherheitspolizei SÄPO zunächst lange um die Zuständigkeit stritten. Bei den Ermittlungen wurde offensichtlich geschlampt, z. B. wurden die Patronenhülsen von Passanten und nicht von der Polizei gefunden.
Rechnet man hinzu, dass die SÄPO bis in die 1960ern voller Leute steckte, die ihre "Fachausbildung" in den 30er und 40er Jahren bei der deutschen Gestapo absolviert hatten, und dass bei der schwedischen Linken immer der Verdacht herrschte, der schwedische Sicherheitsapparat sei in dieser unrühmlichen Tradition "heimlich faschistisch", wäre es geradezu ein Wunder, wenn Spekulationen, die SÄPO betreffend, ausgeblieben wären.
Die autoritäre "wir wissen besser als Ihr, was für Euch gut ist" Mentalität, die die schwedischen Ermittlungsbehörden später im ebenfalls von Verschwörungstheorien überwucherten Fall "Estonia" an den Tag legten, hielten das latente Mißtrauen gegenüber der SÄPO wach. Allerdings gab es auch in der Stockholmer Stadtpolizei nachweislich Rechtsextremisten.
Die populärste - und meines Erachtens plausibelste - Theorie ist, dass hinter dem dem Palme-Mord der Geheimdienst des damals noch rassistischen Südafrikas stand. Sie setzt allerdings voraus, dass Attentäter Unterstützer bei der schwedischen Polizei hatten. (Es ist, die SÄPO und die Stadtpolizei betreffend, eine sog. passive Verschwörung. Sie waren nicht am Attentat beteiligt, sondern schaute "nur" weg.) Wenn es nicht doch, in einer Verkettung unwahrscheinlicher, aber sehr wohl möglicher, Zufälle, der Einzeltäter Pettersson war.

Wie in solche Fällen üblich sind die bizarrereren Verschwörungstheorien öffentlichkeitswirksamer. Etwa die aus dem Kriminalroman (!) "Zwischen der Sehnsucht des Sommers und der Kälte des Winters" des Kriminalistikprofessors Leif G. W. Persson. Persson spekuliert darin, dass Olof Palme als Geheimagent für die USA arbeitete.
Die Trauerrede auf Palme hielt übrigens die spätere Außenministerin Anna Lindh. 2003 wurde sie ebenfalls ermordet. Anders als im Fall Palme konnte der Fall Lindh aufgeklärt werden. Dennoch ranken sich auch um dieses Attentat Verschwörungstheorien.
Nornirs Ætt Forum:Verschwörungen: Heidpark weiß bescheid

Samstag, 25. Februar 2006

Jesus statt Odin?

Zugegeben, der Titel ist geklaut - bei "Indimedia": "Jesus statt Odin" in Thüringen. In dem Artikel geht es darum, dass der Thüringer Ministerpräsident Dieter Althaus (CDU) nun gemeinsam mit den Kirchen gegen Rechtsextremismus vorgehen will. Wie das allerdings konkret aussehen soll blieb offen.

Aus gleich mehreren Gründen hat Althaus Ansinnen einen merkwürdigen Beigeschmack.
Im Sommer 2004 übernahm er die Patenschaft für das sechste Kind der bekannten Neonazi-Aktivistin (und Neuheidin) Silvia Berisha. Da Frau Berishas rechtsextreme Haltung sich im Verfassungschutzbericht findet und auf zahlreichen Stellen im Internet mühelos recherchierbar ist, war Althaus medienwirksamer Auftritt mitten im Wahlkampf zumindest fahrlässig.
Zum Beigeschmack trägt auch der vom Thüringer Innenministerium festgestellte angebliche exorbitante "Anstieg linksextremer Straftaten in Thüringen" bei. Tatsache ist: Es wurde gegen 220 linksextreme und 1031 rechtsextreme Tatverdächtige ermittelt. Die Ermittlungen gegen "Linke" standen in 126 Fällen im Demostrationen wie der Gegendemo gegen den Nazi-Aufmarsch in Erfurt. Das heißt: ohne rechtsextreme Demos würden die linksextremen Delikte sofort drastisch zurückgehen.
Dass Althaus auf ein Bündnis mit den Kirchen setzt, paßt durchaus in das Bild, dass der demonstrativ fromme konservative Christ in der Öffentlichkeit bietet. Besonders auffällig ist Althaus' Schützenhilfe für Kreationisten im bisher vor allem aus den USA bekannten "Kampf" Darwins Evolutionslehre contra biblische Schöpfung.

Jungle World:Evangelikales 68
indeymedia:Kreationist Scherer referiert an der Uni Jena
Spiegel.de:CDU-Politiker Althaus bietet Kreationisten ein Forum
Ja, und bei mir:Kreationisten - auch bei uns auf dem Vormarsch

Selbstverständlich ist es zu begrüßen, wenn die Kirchen gegen Rechtsextremismus Stellung beziehen.
Im Falle von Althausens angestrebten Bündnis mit den Kirchen stellen sich aber im Lichte der oben genannten Fakten einige Fragen nach der Motivation des Thüringer MPs. Der Verdacht, dass er auf ein konservatives, unter Umständen sogar religiös fundamentalistisches, Christentum als Bollwerk gegen die "neuheidnischen" Neonazis setzt (das auch gegen die "atheistische" Evolutionsbiologie und die "gottlosen" Linken taugt) ist nicht von der Hand zu weisen.
Dass Silvia Berisha tatsächlich Neuheidin ist, ist in diesem Zusammenhang eher eine Marginalie, denn die weitaus meisten Rechtsextremisten sind keine Heiden und die meisten Heiden keine Rechtextremisten. Althaus dürfte es aber geärgert haben, dass er fahrlässigerweise Patenonkel eines kleinen Odinsjüngers geworden ist.

Mittwoch, 22. Februar 2006

Die Schwäche der "nordischen Kombination"

Ein lesens- und bedenkenswerter von Christian Schütte in der FTD: “Mullahs in Bullerbü“
(Bitte nicht von dem dämlichen Titel abschrecken lassen!)

Typisch für die "skandinavischen" Staaten ist das sehr erfolgreiche “Flexicurity”-Konzept (hohes Niveau staatlicher Absicherung bei sehr flexiblen Märkten). Dieses Modell wird machmal ironisch "nordische Kombination" genannt.
Bestes und viel gerühmtes Beispiel ist die besondere dänische Verbindung von minimalem Kündigungsschutz mit hohen Unterstützungszahlungen für Arbeitslose. Ein Konzept, mit dem die Arbeitslosigkeit tatsächlich wirksam reduziert wurde.

Schütte behauptet, dass das viel gelobte skandinavische Modell eine offene Flanke hätte: Es tauge nicht für Einwanderungsländer.
Ökonomen diskutieren seit langem die These, dass das skandinavische Modell vor allem in Ländern funktioniert, die ethnisch und kulturell gleichförmig sind. In kaum einer anderen Weltregion sind die Gesellschaften schließlich historisch so homogen gewachsen wie in Skandinavien. (...)
In solch homogenen Gesellschaften kann womöglich eine vergleichsweise geringe Zunahme an Multikulti zu Verwerfungen führen. Für Deutschland ist das ein zentraler Punkt: Wenn wir uns langfristig als ein wirkliches Einwanderungsland verstehen wollen, könnte der gleichzeitige Aufbruch zum skandinavischen Etatismus in einer gefährlichen Sackgasse enden.
Folgt man Schütte, dann ist die in Dänemark festzustellende Islam-Feindlichkeit (die die rechtpopulistische Dansk Folkeparti immerhin zur zweitstärksten Partei gemacht hat), Folge des nach Schütte Ansicht aus der sozialen Homogenität resultierenden Bürgersinns. Üppige Anreize, das Sozialsystem auszunutzen, seinen so lange kein Problem, wie starke gemeinsame Normen dagegenwirken. Wer sich seinem Nachbarn ähnlich fühlt, sich Gedanken um dessen Meinung und Wohlergehen macht, fällt der Gemeinschaft ungern zur Last. Dort, wo Nachbarn einander fremd sind oder häufig wechseln, bricht diese (Selbst-)Kontrolle irgendwann zusammen.

Plaktiv und überspitzt: Wer dem Sozialstaat "nordisch kombinierter" Bauart gegenüber nicht loyal ist, wird mit hoher Wahrscheinlichkeit zum "Schmarotzer" werden. Weil nach skandinavischen Selbstverständnis von Einwanderern aus fremden Kulturkreisen diese Loyalität nicht zu erwarten ist, führt dies zur "Ausländerfeindlichkeit". Deshalb rät Schütte Deutschland von einer Kopie des "skandinavischen Modells" mit hohen Sozialleistungen ab. Er setzt statt dessen auf den freien Markt, der laut Friedman "Leute, die sich hassen und die vollkommen verschiedene religiöse und ethnische Wurzeln haben, dazu in die Lage versetzt, wirtschaftlich zusammenzuarbeiten."

Wie "homogen" ist das reale "Skandinavien"? Ethnisch und kulturell sind die Länder Nordeuropas genau so wenig "homogen" wie andere Staaten auch. Nur von Außenstehenden wird "Skandinavien" als die Einheit wahrgenommen, die es nicht ist. (Und selbst der Begriff "Skandinavien" ist strenggenommen falsch.)
Auch das kulturell und sprachlich z. B. von Schweden oder Dänemark enorm unterschiedliche Finnland praktiziert erfolgreich das "skandinavische Modell" und selbst innerhalb der einzelnen Staaten kann von kultureller Homogenität keine Rede sein.

Was allerdings zutriffen dürfte, ist der Eindruck, dass "Skandinavier"
"zueinander passen wie die Legosteine". (Zumindest gewann ich diesen Eindruck, und ich scheine damit unter Deutschen mit "Norderfahrung" nicht allein zu stehen.) Die sozialen Konventionen sind - aller scheinbarer Lockerheit zum Trotz - ziemlich streng, es gibt eine Unmenge "ungeschriebener Gesetze", die egoistisches Verhalten ächten.
Solange die soziale Norm, dass "Gerechtigkeit über alles" geht, aufrechterhalten wird, und der "erfolgreiche Egoist" verachtet und nicht etwa ob seines Erfolgs bewundert wird, funktioniert die "nordische Kombination". Einer der (vielen) Gründe, weshalb das dänische Modell des "Fordern und Förderns" in Deutschland nicht funktioniert, liegt im institutionellen Misstrauen der Arbeitsagentur gegenüber den Arbeitslosen - die Angst vor "Leitungsmissbrauchern" zieht sich durch das ganze System. Das "Fördern" erstickt in Deutschland oft im Mißtrauen, das "Fordern" entartet zur Gängelei, nicht selten zur Schikane.

Es gibt allerdings speziell in Schweden (in Dänemark bin ich mir dessen nicht sicher) ein ziemlich genaues Equivalent der deutschen Idee einer "Volksgemeinschaft", die bekanntlich zentraler Bestandteil der NS-Ideologie war. Dass heißt, viele Schweden nehmen an, sie würden nicht aufgrund allgemein geteilter sozialer Werte so gut zusammpassen, sondern aufgrund eines tief in ihrer Volkseele verankerter Gemeinschaftsgefühls, das stark von Vorstellungen von "uralter Tradition", "Blut" (gemeinsamer Abstammung) und selbstverständlich auch "Boden" geprägt ist. Eine Vorstellung zwischen Mythos und Ideologie.
(Ansatzweise ist dieses Denken auch in Deutschland noch weit verbreitet.) Daraus erwachsen Vorstellungen wie die, dass das "skandinavische Modell" nur deshalb funktioniert, weil die jeweiligen Länder so ethnisch homogen seien, und jedermann die "ungeschriebenen Gesetze" praktisch mit der Muttermilch aufgesogen hätte. Einem Zuwanderer wird oft nicht zugetraut, dass er das "nordische Wertesytem" übernehmen und sich den sozialen Normen anpassen könnte. Dieses kulturelle Vorurteil gilt manchmal schon für Deutsche, mitunter sogar für Norweger in Schweden oder Schweden in Dänemark. Erst recht gilt es für Einwanderer aus außereuropäischen Ländern, vor allem Moslems. (Nicht alle "Skandinavier" denken so, in Stockholm, Malmö oder Kopenhagen dürften diese Vorurteile aufgrund praktischer Erfahrung eher selten sein. Aber immerhin reícht das für zahlenmäßig große Anhängerschaften rechtpopulistischer Ideen.)

Ich bin tatsächlich der Meinung, dass die "nordische Kombination" aus hohen Sozialleistungen bei sehr flexiblen Märkten in Deutschland nicht funktionieren würde. Jedoch wohl nicht deshalb, weil wir so viele Einwanderer hätten, die, weil sie der "deutschen Volkgemeinschaft" gegenüber keinerlei Loyalitäten hätten, hemmungslos "abzocken", sondern weil die (hier trifft der Begriff wirklich zu) deutsche Leitkultur anders funktioniert als (zurzeit noch!) die "skandinavische".
Und das die Gefahr für die "nordische Sozialharmonie" nicht in ein paar nicht integrationswilligen Einwanderern liegt, sondern darin, dass das tradierte System ungeschriebener Anstandsregeln auch bei den "Ureinwohnern" immer mehr erodiert.

Die Hoffnung in den "Markt", den Schütte in Anlehnung an Friedman äußert, vermag ich nicht ganz zu teilen. Damit ein freier Markt überhaupt funktioniert, sind gegenseitiger Respekt und gemeinsame Vorstellungen von Fairness unverzichtbar. Eine weit verbeitete "Abzockermentalität" tötet den freien Markt auf mittlere Sicht ebenso sicher wie den Sozialsstaat. Er ist lediglich etwas robuster.

Hagalil ist wieder da ...

... und zwar gleich mit einem Artikel, der wichtig und ziemlich
heftig ist: Spektakulärer Mord bei Paris:
"Die Gang der Barbaren"


Ich schätze die Hagalil als Stimme der Vernunft und Aufklärung dort, wo Vorurteile, Desinformation, oft unbewußt wirkende antisemitische Klischees und Verschwörungslegenden immer mehr das öffentliche Klima bestimmen.

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