Freitag, 10. Februar 2006

Einige Zitate zum "Kampf der Kulturen"

Vorbemerkung: ausdrücklich zum Selberdrübernachdenken bestimmt!

Achte dich selbst, wenn du willst, dass andere dich achten sollen!
Adolf Freiherr Knigge

Demokratie beruht auf drei Prinzipien: auf der Freiheit des Gewissens, auf der Freiheit der Rede und auf der Klugheit, keine der beiden in Anspruch zu nehmen.
Mark Twain

Manche meinen, sie seien liberal geworden, nur weil sie die Richtung ihrer Intoleranz geändert haben.
Wieslaw Brudzinski

I am here to defend the right to offend.
Ayaan Hirsi Ali, niederländische Parlamentsabgeordnete, auf einer Pressekonferenz in Berlin am 9.2.2006

Gewalt ist die letzte Zuflucht des Unfähigen.
Isaac Asimov

Keinem vernünftigen Menschen wird es einfallen, Tintenflecken mit Tinte, Ölflecken mit Öl wegwaschen zu wollen. Nur Blut soll immer wieder mit Blut abgewaschen werden.
Bertha von Suttner

Zivilisation lässt sich definieren als eine Gewohnheit, dem einzelnen gewisse Gelegenheiten zu barbarischen Betragen vorzuenthalten.
Aldous Huxley

Zivilisation ist die erzwungene Tierzähmung des Menschen.
Friedrich Nietzsche

Unsere Zivilisation befindet sich in einem Zwischenstadium; nicht mehr das vollständig vom Instinkt geleitete Tier, noch nicht der vollständig von der Vernunft geleitete Mensch.
Theodore Dreiser

Kultur ist, wenn man aus dem Schädel seines Feindes eine hübsche Trinkschale anfertigt, Zivilisation, wenn man dafür ins Gefängnis kommt.
unbekannt

Derjenige, der zum ersten Mal anstatt eines Speeres ein Schimpfwort benutzte, war der Begründer der Zivilisation.
Jean Paul

Da gibt es rauchende Köpfe. Aber Geist ist geil!
Die Singvøgel

Nachgedanke am 11. Februar:
Ich finde es bemerkenswert, dass Samuel Huntingtons so folgenreiches Buch im Original "The Clash of Civilizations" heißt, und im Deutschen zum "Kampf der Kulturen" wurde. Offensichtlich knüpft der deutsche Titel an den "Kulturkampf" im wilhelminischen Kaiserreich an (preußisch-protestantische gegen katholische "Kulturgesittung"), an Oswald Spenglers "Der Untergang des Abendlandes", aber auch an den "deutsch-nationalen" Kampfbegriff der "deutschen Kultur" gegen die "französische (angelsächsische, römische) Zivilisation". Anders ausgedrückt: diese Wortwahl holt die deutschen Rechtskonservativen sozusagen mit in Huntingtons neo-konservatives Boot.

Donnerstag, 9. Februar 2006

Hans Albert wird 85

Mir fällt gerade ein, dass Hans Albert heute, am 8. Februar, 85 wird.

Vielen wird der Name nicht viel sagen, aber Albert ist einer der bedeutensten zeitgenössischen deutschen Philosophen.

Außerdem vertritt er eine philosophische Richtung der auch ich (weitgehend) anhänge: dem Kritischen Rationalismus.

Neben Karl Popper war und ist Albert vermutlich der wichtigste Vertreter eines modernen Skeptizismus, sowohl in der Wissenschaftstheorie als auch zu gesellschaftlichen und politischen Fragen. Außerdem schreibt er witzig, ironisch und verständlich - eine Seltenheit unter den modernen Philosophen.

wikipedia: Hans Albert
Noch mehr über Albert: opensociety: Hans Albert

(Wenn sich jemand wundert, wieso mein Geburtstagsgruß um einen Tag zu spät kommt: Ich hatte gestern Nacht den falschen Button gedrückt.)

Religion - ein moralischer Kompass?

Viele religiöse Menschen sind der Ansicht, dass es ohne Religion, ohne das Befolgen göttliche Gebote, kein moralisches Handeln gäbe. Wir bräuchten die Religion, um der Lasterhaftigkeit unsere Natur Zügel anzulegen.
Betrachten Sie die folgenden drei Situationen. Ersetzen Sie für jedes von ihnen die Leerstelle durch „Pflicht“, „zulässig“ oder „verboten“.

1. Ein außer Kontrolle geratener Güterwaggon ist kurz davor, fünf auf den Gleisen befindliche Personen zu überrollen. Ein Eisenbahnarbeiter steht neben einem Schalter, mit dem er den Waggon auf ein Nebengleis verschieben kann. Dabei würde eine Person getötet, die fünf anderen jedoch würden überleben. Das Umlegen des Schalters ist _______.

2. Sie kommen an einem flachen Teich vorbei, indem gerade in kleines Mädchen ertrinkt. Sie sind die einzige andere Person in der Nähe. Falls Sie das Mädchen aufheben, wird es überleben, aber Ihre Hosen sind ruiniert. Das Kind aufzuheben ist _______.

3. Fünf Menschen wurden gerade in kritischem Zustand in ein Krankenhaus eingeliefert. Jeder von ihnen benötigt eine Organtransplantation, um zu überleben. Die Zeit reicht nicht aus, um die betreffenden Organe von außerhalb des Krankenhauses anzufordern, aber im Wartezimmer des Krankenhauses befindet sich ein Gesunder. Falls der Chirurg dessen Organe entnimmt, so wird er sterben, aber die Fünf auf der Intensivstation werden überleben. Die Entnahme der Organe der gesunden Person ist _______.

Falls Sie Fall 1 als zulässig, Fall 2 als Pflicht und Fall 3 als verboten bewertet haben, so urteilen Sie wie jene 1500 Teilnehmer aus aller Welt, die sich im Rahmen unseres Internettests zum Moralempfinden (http://moral.wjh.harvard.edu/) zu diesen Dilemmata geäußert haben. Wäre die Moral Gottes Schwert, so müssten Atheisten diese Fälle anders beurteilen als religiöse Menschen, und ihre Antworten müssten auf anderen Begründungen beruhen.
Der ganze extrem spannende Artikel: Gottlose Moral

Ein kleiner Einwand: Leider unterscheidet der Artikel nicht zwischen "ethischem Handeln" und "moralischem Handeln". Das überrascht nicht, weil da im alltäglichen (und oft selbst im philosophischen) Sprachgebrauch die Begriffe Ethik und Moral gern als Synonyme verwendet werden.

In der Moral geht es um die subjektive Wertigkeit von Menschen vor dem Hintergrund vermeintlich vorgegebener metaphysischer Beurteilungskriterien (gut und böse). Ein Beispiel für einen moralischen Maßstab mit religiöser Begründung sind die "10 Gebote". In der Ethik hingegen geht es um die objektive Angemessenheit von Handlungen anhand intersubjektiv festgelegter und immer wieder neu festzulegender Spielregeln (fair oder unfair). Ein Beispiel für ein ethisches Gebot ist die Wicca-Rede: "Tu, was Du willst, aber schade niemanden". (Wobei "Tu was du willst" übrigens nicht heißt: "Mach, wozu Du gerade Lust hast.") Interessanterweise ist die "goldene Regel" der Ethik: "Was Du nicht willst, dass man es Dir antut, das füge keinem anderen zu" in allen Zivilisationen zu finden.
Die "Ganovenehre" mancher krimineller Vereinigungen, z. B. der Mafia, ist notwendigerweise weitgehend unethisch (es wird anderen Menschen absichtlich geschadet), kann aber hochgradig moralisch sein.

Die Internet-Studie untersuchte m. E. weniger das moralische als das ethische Empfinden.

(Fund via fdog)

Mittwoch, 8. Februar 2006

In Reykjavík wird neuer Ásatrú-Tempel gebaut

In Islands Hauptstadt Reykjavik sollen innerhalb der nächsten Jahre drei neue Gebetshäuser errichtet werden, berichtete die Zeitung Fréttabladid.
Drei Religiongemeinschaften wurden städtische Grundstücke zugesagt: Der Russisch Orthodoxen Kirche, der Vereinung der isländischen Muslime und der Vereinigung der (neu heidnischen) Ásatrú.

Für die Ásatrúar ist ein 1.500 - 2.000 Quadratmeter großes Grundstück vorgesehen, auf dem ein 700 Quadratmeter großer Tempel errichten werden soll.

Quelle Iceland Review:
New places of worship erected in Reykjavík

Via:Witchvox

Dienstag, 7. Februar 2006

Aufklärungsfundamentalismus?

Eines der absurdesten Argumente im absurden "Kulturkampf" um ein paar Mohammed-Karrikaturen ist der Vorwurf eines "Aufklärungsfundamentalismus".

Was wäre, wenn wir "Aufklärer" wirklich so reagieren würden, als wären die "Werte der Aufklärung" ein "heiliges" religiöses Dogma?
"Aufklärer", die so denken, die Kritik gegenüber nicht offen und zur Selbstkritik nicht fähig sind, sind schlich und definitionsgemäß gar keine! Selbst wenn sie sich bei passender Gelegenheit auf die "Werte der Aufklärung" berufen.

Man vergesse nicht, dass das, was wir Aufklärung nennen, anderen vielleicht Verfinsterung scheint.
Adolph Freiherr Knigge: "Über den Umgang mit Menschen"

Eine sehr schöne Glosse zum Thema gibt es in der TAZ:
Was nun, ferner Bärtiger?

Und was ist mit dem viel zitierten, angeblichen "Kampf der Kulturen"?
Da zitiere ich doch mal die FAZ:
Du bist Mohammed
Samuel Huntingtons „Kampf der Kulturen” ist eine intellektuelle Kippfigur: Wenn man ihn einmal im Sinn hat, deutet man alle Ereignisse nach diesem Muster. Huntington selbst ist ja, wie er unlängst im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung bewies, stets dazu bereit, auch die Unpünktlichkeit mexikanischer Handwerker zu einem zivilisatorischen Graben von säkularer Dimension umzudeuten.
Es geht Vieles: um Macht, um Einfluß, um Profite, um gekränkte Eitelkeiten (auch "Prestige" genannt und gern mit "Ehre" verwechselt), um Korruption - ja, und um Auflagenhöhen und Profilierungen auf dem Medien. Damit fing die Sache ja an, mit einer "rechten" dänischen Zeitung, die sich in einer innerdänischen Auseinandersetzung ihr "Minderheitenkritisches" bzw. "dänisch-nationales" Profil zu schärfen. Und ins Rollen kam die selbst in Dänemark weitgehend unbeachtet Affäre erst vier Monate später, als ein profilierungssüchtiger, aber unter dänischen Moslems ob seiner reaktionärer Ansichten weitgehend isolierter Iman sich zum "Sprecher der Moslems in Dänemark" aufspielte und seinen "großen Bruder" in Ägypten rief - wobei er außer den "echten" JP-Karrikaturen auch einige Fakes und vor allem jede Menge Horrorgeschichten über das böse rassistische "Kreuzfahrerland" Dänemark im Reisegepäck hatte.

Es ist nicht zu übersehen, dass der Aufruhr kräftigt angeheizt wird. Und zwar von verschiedenen Seiten, jeweils aus eigenem Interesse. Die Machthaber in den islamischen Ländern, weil äußere Feinde immer gut sind, um von inneren Mißständen abzulenken, Journalisten, die auf spektakuläre Bilder aus sind, Islamisten, um mehr Anhänger zu gewinnen, dänische Politiker, die der "Dansk Folkeparti" nicht die Wähler am "rechten Rand" überlassen wollen,
Spindoktoren überall, die den Krieg der Kulturen herbeireden, usw..

Es sei auch daran erinnert, dass die "Fronten" im mutwilligen herbeiinszenierten "Kampf der Kulturen" etwas anders verlaufen, als es uns manche "Hüter der Werte des Abendlandes" weismachen wollen:
Der gegenwärtige Skandal kommt einigen zensurwilligen Politikern in Deutschland (aber auch in anderen westlichen Ländern) sehr gelegen. Seit vielen Jahren schon versuchen Teile der CDU/CSU-Bundestagsfraktion mit Rückenwind der Kirchen, den sog. „Gotteslästerungsparagraphen“ 166 des Strafgesetzbuches zu verschärfen. Zwar scheiterten bislang noch sämtliche christlichen Versuche, die „freche Kritik an der Religion“ gänzlich zu verbieten, aber dank der tätigen Unterstützung islamischer Fundamentalisten könnte dieser Anschlag auf die bürgerlichen Freiheiten in absehbarer Zeit nun doch gelingen. (Hieran erkennt man übrigens, dass die entscheidenden Fronten im „Kampf der Kulturen“ nicht zwischen islamischer und christlicher Welt verlaufen, sondern zwischen den „Vertretern von Humanismus und Aufklärung“ einerseits und den diversen „Feinden der offenen Gesellschaft“ andererseits!)
Zitat aus: GBS-Petition zur Verteidigung der Meinungs-, Kunst-, und Pressefreiheit

Sehr lesenswert sind Svens Ansichten und Einsichten in seinem Blog: Streit der Kulturen? Blödsinn!

Nachtrag: sz: Jyllands-Posten
Publizistischer Begleitschutz
Das Blatt, das den Karrikaturen-Streit ausgelöst hat, hilft der rechten dänischen Regierung indem sie deren ausländerfeindliche Ansichten unterstützt.
Sehr gute und faire Darstellung des innerdänischen Hintergrundes, ohne den es nie zur Karrikaturenaffäre gekommen wäre.

Nachtrag, 11.2.: Kaum zu glauben, aber wahr: Eine ägyptische Zeitung druckte schon am 17. Oktober (im Ramadan!) 6 Mohammed-Karikturen aus "Jyllands Posten" ab - eine davon sogar auf der Titelseite. Es gab keine Proteste. Quelle (mit eingescannten Zeitungsseiten): Egyptian Newspaper Pictures that Published Cartoons 5 months ago

Von wegen "spontane Empörung"! Von wegen "Kampf der Kulturen"!

Montag, 6. Februar 2006

Von Anhaltern und Illuminaten

Wer Science Fiction (& Fantasy) mag, kennt ihn bestimmt: Den Vorwurf des Eskapismus, der "Flucht in irreale Traumwelten".

Für mich hat sich diese Frage noch nie ernsthaft gestellt. Weil die Welt nämlich so phantastisch, bizarr, überraschend und voller Wunder ist, dass jeder, der darauf beharrt, die Welt und den Menschen "sachlich" zu sehen und immer "auf dem Boden der Tatsachen" zu stehen, unweigerlich bei realitätsfernen und (ziemlich öden) Weltanschauungen landet. Wobei es nichts zu Sache tut, dass erstaunlich viele jener selbsternannten Realisten zum utopischen Denken neigen.

Interessanter ist schon die Frage, welcher "phantastische" Roman wohl "die Wahrheit da draußen" am Besten beschreibt.
Jens schrieb irgendwo (die Stelle finde ich gerade nicht), sie sähe wie "Per Anhalter durch die Galaxis" aus, und nicht wie "Illuminatus!".

Bezeichnend übrigens, dass beide Romanzyklen nicht nur aus dem Bereich der phantastischen Literatur stammen, sondern auch noch ziemlich heftige Satiren sind. Anders läßt sich wahrscheinlich der Irrwitz unserer Welt nicht treffend beschreiben.
Das "Anhalter" Universum beschreibt m. E. ziemlich genau, wie wichtige Entscheidungen in Politik, Wirtschaft und Verwaltung tatsächlich getroffen und umgesetzt werden. Wenn die Unterlagen über die bevorstehende Vernichtung der Erde für eine Hyperraum-Umgehungsstraße völlig vorschriftsmäßig auf Alpha Centauri ausliegen, oder der Regent des Universums einsam in einer Hütte auf einem unbedeutenden Planeten in Nirgendwo lebt - und sich gar nicht bewußt ist, dass er das Universum regiert - dann ist das nur eine geringfügige Übertreibung jener Vorgänge, die wir täglich beobachten, aber oft nicht wahrhaben wollen.

Das "Illuminatus!"-Universum, beherrscht von mächtigen Verschwörungen, karrikiert dagegen die Weltsicht jener, die den täglichen Irrwitz der realen Welt einfach nicht glauben können oder wollen und deshalb mit Verschwörungstheorien die Löcher in ihren "realistischen" Weltsicht flicken.
Die eher alberne "die-Apollo-Mondflüge-waren-im-Studio-inszeniert"-Verschwörungstheorie ist ein "gutes" Beispiel, wie schieres Unglauben in abenteuerliche "Erklärungsmodelle" umschlägt. Weniger albern, aber gefährlicher, sind die "Theorien" jener, die sich einfach nicht vorstellen können, dass die "allmächtigen" und "alles kontrollierenden" FBI, CIA und NSA nicht die Anschläge des 11. September 2001 verhindern konnten. Die nicht glauben wollen, dass es bei diesen mystisch überhöhten Diensten Schlampereien, Büro-Intrigen, Machtkämpfe, abenteuerliche Vorurteile, Profilierungssucht, schlichte Unfähigkeit, noch schlichtere Pannen usw. gibt - dass es also im "wirklichen Leben" so zugeht wie im "Anhalter".

Shea & Wilson, die Autoren der "Illuminatus!"-Trilogie, beschreiben meines Erachtens zwar nicht die Welt, wie sie "da draußen" ist, aber sehr wohl die Welt "da drinnen", in den Köpfen der Menschen, die die irrwitzigen Entscheidungen treffen und sie in irrwitziger Weise umsetzen. Und sie suchten sich nicht von ungefähr die an weitesten verbreitete und folgenschwerste, die "böseste", aller Verschwörungstheorien als zentrales Element ihrer Satire aus:
Die "Theorie" der "jüdisch-freimaurerischen Weltverschwörung", die die Welt regiert, der plump gefälschten "Protokolle der Weisen von Zion" alias "Illuminaten", dem bevorzugten Welterklärungsmodell (leider nicht nur) antisemitischer Rechtsextremisten. (Siehe auch mein Beitrag Demokratie-Dilemma.)

Überspitzt könnte man sagen: die Welt wird nicht von den "Illuminaten" kontrolliert, aber sehr wohl von den paranoiden Phantasien über die Macht der "Illuminaten" in den Köpfen zahlloser Menschen.

Sonntag, 5. Februar 2006

Die Moschee im Dorf lassen 3

Vor Jahren las ich in einem Science Fiction Roman vom "Bananenschalen-Krieg" - einer Verkettung aberwitziger Fehlreaktionen, die damit anfangen, dass der Oberkommandierende der US-Airforce auf einer Bananenschale ausrutscht - und mit einem weltweiten Atomkrieg enden.
Im Moment läuft, scheint mir, ein ähnlicher Prozess ab - hoffentlich nicht bis zum beschrieben bitteren Ende.

Die Instrumentalisierung der an sich eher banalen Affäre um die Mohammed-Karrikaturen hat inzwischen ein abenteuerliches Niveau erreicht, dass ich mir vor einigen Wochen noch nicht hätte vorzustellen gewagt hätte.
Einen sehr lesenwerten Beitrag über die Hintergründe, die zur Veröffentlichung jener Karrikaturen in Jyllands Posten geführt hatten, fand ich bei Spindoctor -> Mohammed-Karikaturen: Provokation von allen Seiten.
Bedrückend die Tatsache, dass der Ausgangspunkt der in ihren Konsequenzen unabsehbaren Eskalation der Versuch des auch in Deutschland bekannten dänischen Kinderbuchautoren Kåre Bluitgen war, ein aufklärendes Kindersachbuch über den Islam zu veröffentlichen.
Im vergangenen Sommer war bekannt geworden, dass Bluitgen keinen Illustrator für sein jüngstes Buchprojekt finden konnte: das Leben des Propheten Mohammed, für Kinder erzählt. Den Propheten abzubilden ist im Islam untersagt, doch erstens ist Dänemark ein säkulares Land, zweitens hatte Bluitgen beste Absichten. Trotzdem hatten die angefragten Zeichner verängstigt abgewinkt. Der Mord an dem niederländischen Islamkritiker und Filmemacher Theo van Gogh durch einen islamischen Fundamentalisten hatte auch die dänische Künstlerszene verunsichert. So viel Zaghaftigkeit rief Flemming Rose auf den Plan, den Kulturchef der größten dänischen Tageszeitung Jyllands-Posten. Rose bat die namhaftesten Karikaturisten des Landes, den Propheten Mohammed zu zeichnen. Er habe in Erfahrung bringen wollen, sagt Rose, »wie weit die Selbstzensur in der dänischen Öffentlichkeit geht«. Vierzig Zeichner wurden angefragt, zwölf sandten Karikaturen ein, die Ende September in der Wochenendausgabe der Zeitung veröffentlicht wurden. Die provokanteste Karikatur zeigte den Propheten mit einem Turban in Form einer Bombe. Auf einer anderen werden verdutzte Selbstmordattentäter beim Eingang ins Paradies mit den Worten abgewiesen: »Uns sind die Jungfrauen ausgegangen.« Wieder andere verspotteten die Motive der Zeitung. »Die Kulturredaktion der Jyllands-Posten ist ein Haufen konservativer Provokateure«, lautete eine Unterzeile.
(Aus dem "Zeit"-Artikel Allah und der Humor)

Neben all den fahrlässigen, mutwilligen und eiskalt berechnenden Provokateuren finde ich übrigens auch die "Appeasement-Experten", die für die "aufgebrachten Moslems" irgendwie Verständnis haben, zum kotzen.

Als ob a) die paar Fanatiker, die sich ursprünglich darüber aufregten, "die Muslime" seien (die Gemeinde des Iman Abu Laban, ohne die die Karrikaturen-Affäre schon September letzten Jahres von der Weltöffenkeit unbeachtet versandet wäre, hat nur einige hundert Mitglieder und war als "Hardliner" innerhalb der dänischen Muslime weitgehend isoliert) und b) die Botschaft solcher "verständnisvoller" Töne nicht wäre: "Je heftiger und gewaltiger man auf etwas reagiert, was einem nicht paßt, desto eher wird man respektiert, desto besser kann man seine Interessen durchsetzen"!

Noch etwa für all jene, die selbstgerecht mit dem Finger auf die "rassistische Politik" und den "den ideologischen Kulturkampf" der Dänen zeigen: Es trifft zu, seit der Regierungsübernahme vor 5 Jahren hat die Regierung Anders Fogh Rasmussen eine diskriminierende Sozialgesetzgebung für in Dänemark lebende Ausländer durchgesetzt, die europaweit (noch) nicht ihresgleichen hat. Und es stimmt auch, dass es in der dänischen konservative Presse seit Jahren ziemlich widerliche Kulturkampf-Kampagnen gegen die "rückständige" Moslems gibt. Aber: angesichts dessen, was deutsche Politiker, auch solche in höchsten Staatsämtern, in Sachen Einwanderpolitik so von sich geben und angesichts der in Deutschland mindestens so weit wie bei unseren nördlichen Nachbarn verbreiteten "Ausländerfeindlichkeit" möge man sich einmal vorstellen, im Bundestag säße eine rechtpopulistische Partei, vielleicht vom Schlage der glücklicherweise verblichenen "Schill-Partei", und die Regierung Merkel wäre darauf angewiesen, von den "Rechten" tolieriert zu werden.
Ich gehe jeder Wette ein, dass wir kurz über lang Ausländergesetze vom "dänischen Zuschnitt", wenn nicht noch schärfer, hätten - und diese Gesetze bei einer soliden Mehrheit der Deutschen durchaus populär wären.

(Die Hamburger PRO alias "Schill-Partei" orientierte sich stark am Vorbild der "Dansk Folkeparti" aus dem nicht allzu weit entfernten Dänemark. Das andere "große Vorbild" Schills war übrigens die bayrische CSU.)

Nachtrag: Fundsache bei "Fakten & Fiktionen": Sind diese Fotos aus Nahost? Nein, aus Londonistan! Nur was für starke Nerven!
Was leider auch für etliche der Kommentare gilt.

Und noch was: Ich schließe mich Distel an:Jeg elsker Danmark!

Und noch ´n Nachtrag - weil erst jetzt entdeckt: Ein Sturm der Empörung, gezielt entfesselt Süddeutsche Zeitung, vom 3. Februar
Sehr lesenswert!

Nachtrag, 6. Februar: Offensichtlich hatten sich doch Illustratoren für das Kinderbuch über das Leben Mohammed von Kåre Bluitgen gefunden. Auf einem dänischen Blog wurden einige der Zeichnungen online gestellt:
Billeder fra Kåre Bluitgens bog om Mohammed

Freitag, 3. Februar 2006

Die Moschee im Dorf lassen 2

Was ich schon lange befürchtet hatte, wurde bittere Realität:
telepolis:Das jüdische Webmagazin HaGalil wurde gehackt

Die Spuren gehen - offensichtlich - in Richtung Kathar:
Wegen Mohammed-Karikaturen: Internet-Portale gehackt. Ob die Täter letzten Endes doch Nazis (oder weltanschaulich ähnlich gestrickte Antisemiten) waren, oder "Islamisten" (nicht zu verwechseln mit "Moslems"), ist meines Erachtes zweitrangig. Es gibt da ohnehin Überschneidungen.(Siehe auch: Demokratie-Dilemma.)

Bezeichnend auch die "offiziellen" Reaktionen aus der arabischen Welt:
Aber auch jetzt steht die Forderung nach Sanktionen im Raum. Auf einer Konferenz in Tunis verlangten arabische Innenminister von der dänischen Regierung, die Urheber der Karikaturen zu bestrafen.
Heute.de: Dänemark steht Kopf
Anschlagsdrohungen, Polizeischutz, anonyme SMS
.
Offensichtlich können (oder wollen) sich diese Innenminister eine von der Regierung unabhängige Presse nicht vorstellen. (Wobei auch "westliche" Innenminister dazu neigen, ein angespanntes Verhältnis zu Bürgerrechten zu haben.) "Was berechtigt eigentlich jeden Zeitungsmenschen, ungefragt seine Meinung abzusondern?"

Etwas zum Hintergrund, das in der momentanen Aufregung gern vergessen wird:
In Dänemark fanden die umstrittenen Karrikaturen in der "Jylland Posten" den uneingeschränkten Beifall der dortigen Rechtspopulisten und Rechtsextremisten - was durchaus als "Beifall von der falschen Seite" zu werten ist, denn die JP gilt zwar als "rechter Lappen", steht aber den Rechtspopulisten der Dansk Folkeparti nicht unbedingt nahe, geschweige denn den zahlenmäßig winzigen, aber lautstarken, dänischen Ultra-Nationalisten & Neo-Nazis.
Die "Dansk Folkeparti" tritt für strenge Ausländergesetze ein. Unter ihrer Mitwirkung wurde die Ausländergesetzgebung in Dänemark massiv verschärft. Auf deutsche Verhältnisse übertragen hat die "Dansk Folkeparti" einige Ähnlichkeit mit dem rechten Flügel der CSU, auch was die betonte Nähe zum Christentum, das im Vergleich zu "Neokonservativen" und "Neoliberalen" sozialere Profil und die Vorliebe fürs Folkloristische angeht. Die DF ist allerdings strikt europafeindlich. Zur Zeit toleriert die DF eine liberal-konservative Koalition im dänischen Parlament (Folketing) - wobei die "Toleranz" mitunter leicht erpresserische Züge animmt, die DF also de facto mitregiert, obwohl sie für die Liberalen als nicht koalitionsfähig gilt.
Die DF machte den "drohenden" EU-Beitritt der Türkei erfolgreich zum Wahlkampfthema und schlug dabei schrill anti-islamische Töne an. Deshalb, und wegen der zuungunsten vor allem muslimischer Einwanderer verschärften Ausländergesetze, sind die dänischen Muslime gegenüber wirklich oder vermeindlich anti-islamischen
Äußerungen ausgesprochen dünnhäutig.

Festzuhalten bleibt: die dänische "Rechte Szene" ist ziemlich strikt antiislamisch, während es in Deutschland deutliche Überschneidungen zwischen rechtsextremen und islamistischen Kreisen gibt. (Ich hoffe heimlich, dass die Affäre einen Keil zwischen dänische und deutsche Rechtsextremisten treibt; einen Keil zwischen "christlich-abendländische" und "islamistenfreundliche" rechte Szene dürfte sie schon jetzt getrieben haben.)

Ach übrigens, da machen sich gerade ein paar Karnevals-Narren zum Narren - aus der online-Ausgabe der Rheinischen Post: Narren-Furcht vor Islamisten
Andere hochrangige Karnevalisten, die nicht mit Namen zitiert werden wollen, erklären: „Man will doch nicht enden wie dieser Filmemacher in Holland!“ (Gemeint ist der Regisseur van Gogh, der von einem radikalen Moslem erstochen wurde)…
Ich glaube, da überschätzen ein paar Karnevalisten ganz gewaltig sich und die Bedeutung des Karnevals. Es sei denn, sie hätten ersthaft geplant, Hetz-Wagen vom Kaliber "Mohammed mit Bombe im Turban" im Rosenmontagszug mitfahren zu lassen. Oder sind sind einfach feige.

User Status

Du bist nicht angemeldet.

Aktuelle Beiträge

Geheimauftrag MARIA STUART...
Krisenfall Meuterei Der dritte Roman der Reihe "Geheimauftrag...
MMarheinecke - 9. Apr, 19:42
Urlaubs-... Bräune
Das "Coppertone Girl", Symbol der Sonnenkosmetik-Marke...
MMarheinecke - 1. Aug, 08:34
Geheimauftrag MARIA STUART...
Ahoi, gerade frisch mit dem Postschiff eingetoffen. Der...
MMarheinecke - 26. Mär, 06:48
Kleine Korrektur. Man...
Kleine Korrektur. Man kann/sollte versuchen die Brille...
creezy - 11. Nov, 11:29
strukturell antisemitisch
Inhaltlich stimme ich Deinem Text zwar zu, aber den...
dummerle - 5. Jun, 11:12

Suche

 

Status

Online seit 7362 Tagen
Zuletzt aktualisiert: 15. Jul, 02:08

Credits


doof-aber-gut
Gedankenfutter
Geschichte
Geschichte der Technik
Hartz IV
Kulturelles
Medien, Lobby & PR
Medizin
Persönliches
Politisches
Religion, Magie, Mythen
Überwachungsgesellschaft
Umwelt
Wirtschaft
Wissenschaft & Technik
Profil
Abmelden
Weblog abonnieren