Donnerstag, 3. April 2008

Rassismus - leider immer noch ein Thema

Rassismus ist für mich ein Dauerthema, spätestens seitdem ich vor fast acht Jahren einen ausführlichen Artikel darüber schrieb: „Menschenrassen gibt es nicht!" Bringen die Ergebnisse der Genforschung das Ende des Rassismus?

Der aktuelle Anlass für mich, wieder einmal auf das Thema "Rassismus" zurückzukommen, ist ein hässlicher Vorgang, der diese Woche durch die Nachrichten ging: Eine Pfarrersfamilie, die ursprünglich aus Westdeutschland stammte, hat die thüringische Kleinstadt Rudolstadt wieder verlassen. Sowohl Frau Neuschäfer als auch ihre fünf Kinder sahen sich rassistischer Anfeindungen ausgesetzt. Ihre Kinder seien wegen ihrer dunklen Haut beleidigt und verprügelt worden. Der Bürgermeister des Ortes sieht "keine Ausländerfeindlichkeit". Vielleicht hat er recht, denn Frau Neuschäfer ist Deutsche - mit einem aus Indien stammenden Vater.

Sehr aufschlussreich finde ich folgendes Interview mit Herrn Neuschäfer, das heute in der "Netzeitung" erschien: Flucht aus dem Osten: "Ich hätte meine Frau in die Psychiatrie bringen müssen"

Um rassistisch zu sein muss man es nicht unbedingt ein Rassist sein. Das klingt paradox, aber ein Rassist hat eine rassistische Ideologie, zumindest im Hinterkopf. Wobei diese Ideologie nicht zwangsläufig "rechts" sein muss und auch nicht zwangsläufig mit dem biologischen bzw. biologistischen Rassebegriff arbeiten muss. Es gibt einen "Rassismus ohne Rassen", so wie es einen "'Antisemitismus ohne Juden" gibt.
Der Alltagsrassismus muss noch nicht einmal böse gemeint sein, und selbst jemand, der nichts gegen Schwarze (Asiaten, Orientale, Inder usw.) hat, kann rassistisch sein. Rassismus fängt nicht erst beim "Rassenhass" an.
Rassismus heißt, Menschen anhand bestehender oder auch nur konstruierte Unterschiede zu klassifizieren. (Zum Beispiel: wer eine sehr dunkle Haut hat, kommt in die Schublade "Schwarzafrikaner", wer blond und hochgewachsen ist, gilt als "nordisch" usw. - auch wenn das mit der realen Herkunft nichts zu tun hat.) Diesen - oft nur vermuteten - ethnischen oder "rassischen" - Klassen werden bestimmte Eigenschaften zugeordnet, typischerweise anhand unreflektierter Vorurteile und Klischees.
Es ist rassistisch, wenn Menschen aufgrund ihrer Hautfarbe, Herkunft, Gesichtsform usw. abgewertet werden. Aber es gibt auch einen "Positivrassismus": "die" Schwarzen sind musikalisch, "die" Japaner sind fleißig, "der" Südamerikaner temperamentvoll,"der" Nordeuropäer kann gut organisieren usw. usw..
Dass solche Annahmen blanker Unsinn und kein Stück plausibler als die Vorstellung vom "vom Natur aus kulturfernen" Schwarzen sind, ist eigentlich klar. Eigentlich - denn auch ich bin dagegen nicht immun - und manchmal deshalb selber rassistisch.
Rassistische Tendenzen hat fast jeder (auch ich), es ist ein hartes Stück Arbeit, sie zu erkennen und zu versuchen, nicht mehr rassistisch zu sein.

Gerade derjenige, der von sich im Brustton der Überzeugung behauptet, doch "kein Rassist" zu sein, ist erfahrungsgemäß anfällig für rassistisches Denken. Manchmal sind solche Menschen sogar "echte" Rassisten, also mit entsprechender Ideologie.

Woher kommt der "Alltagsrassismus"?
Kein Mensch ist dagegen immun, Vorurteile und dämliche Verhaltensweisen aufzunehmen, vor allem dann, wenn sie sogar Bestandteil der Erziehung sind.

Eine mögliche Ursache, weshalb "im Osten" Deutschlands und hier besonders "in der Provinz" der Alltagsrassismus anscheinend erheblich stärker ist, als in den Metropolen und "im Westen", erwähnt Neuschäfer in seinem Interview:
Wir haben Fremdenfeindlichkeit selbst im kirchlichen Rahmen erlebt, etwa im Kinderkreis unseres Sohnes. Diese Ablehnung ist auch ein Problem der ehemaligen DDR, wo Monokultur und Kollektivismus das akzeptieren anderer Kulturen erschwerten. Da ist vieles unaufgearbeitet geblieben. Denn man gilt schnell als Nestbeschmutzer, wenn man dieses Problem anspricht.
Um eins Klarzustellen: auch "im Westen" und in Großstädten gibt es viel zu viel Rassismus. Ich thematisiere den offensichtlich tief verwurzelten "Kleinstadtrassismus" nicht, um die "Ossis" in die Pfanne zu hauen:
Der Thüringen-Monitor, eine Studie zu den politischen Einstellungen der Bürger, hatte 2007 zum Ergebnis, dass 48 Prozent der Befragten der Meinung sind, Ausländer kämen, um den Sozialstaat auszunutzen, 52 Prozent meinen gar, die Bundesrepublik würde durch Ausländer überfremdet, 19 Prozent antworten, Ausländer sollten nur unter eigenen Landsleuten heiraten.
- Thüringen ist übrigens das Bundesland, in dem es am wenigsten "Ausländer" gibt: ganze 2,0 Prozent "Ausländeranteil" - Bundesdurchschnitt: 8,8 Prozent, das Bundesland mit dem höchsten "Ausländeranteil" ist Hamburg mit 14,2 Prozent. Zahlen gemäß statistischem Bundesamt, Stand 2006.
Das entspricht einer alten Erfahrung: Rassismus gedeiht dort, wo Vorurteile und Klischees nicht durch tägliche Erfahrung korrigiert werden.
Ich sehe eine lange rassistische Tradition, die kaum unterbrochen wurde, und die buchstäblich in "Kaisers Zeiten" begann.
Die DDR war zwar offiziell antirassistisch, und auch die Alt-BRD brach nicht wirklich konsequent mit der rassistischen Tradition, aber tatsächlich konservierte die DDR-Realität viele alte Ängste und Klischees. Glaubte man den DDR-Medien, kam die Ursache aller Probleme immer "von außen", meistens aus dem Westen, aber auch aus "sozialistische Bruderländern" wie Polen. Dennoch kann man die
intolerante Staatsdoktrin schwerlich für den gesamten Rassismus in Thüringen und anderen ehemaligen DDR-Gebieten verantwortlich machen. Schließlich waren viele von denen, die sich heute rassistisch betätigen, 1990 noch nicht einmal geboren.

Rassismus ist bei uns immer noch so sehr Normalität, dass wir ihn in unseren alltäglichen Handlungen und Überzeugungen nicht einmal bemerken. Politiker - auch "im Westen", auch seitens demokratischer Parteien appellieren ungeniert an rassistische und nationalistische Vorurteile.
Mehr noch: die meterhohe Zäune um die "Festung Europa", der mit brutaler Härte geführte Kampf gegen "illegale Einwanderer", werden als "normal" wahrgenommen. (Hierzu empfehle ich: Der eiserne Vorhang steht und wird täglich neu ausgebaut von che 2001.)
Faktisch ist das Fremdenfeindlichkeit in Reinkultur, durchaus auch mit rassistischen Untertönen. Auch die faktische Abschaffung des Asylrechtes ist offen fremdenfeindliche Politik. Diesen harten Fakten stehen meistens nur "weiche" Lippenbekenntnisse gegen Rassismus gegenüber.

Noch etwas:
Wenn jemand behauptet, es gebe "kaum Rassismus", z. B. "in unserer Stadt", ist das eine schwere Beleidigung gegenüber jenen, die unter rassistischen Überbegriffen leiden. Solche Behauptungen ignoriert die Erfahrungen hunderttausender Menschen in Deutschland, die das, als Betroffene oder als Betroffenen nahe Stehende, besser als jeder Außenstehende beurteilen können.
Wer Rassismus leugnet, stellt sich auf anmassende und verletzende Art "über" die Opfer des Rassismus: es wird bestritten, dass das, unter dem sie leiden, real ist.

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