Sonntag, 12. November 2006

Illuminismus (Teil 1) - die Illuminaten-Panik

Um die Illuminaten ranken sich zahlreiche Verschwörungstheorien. Bis heute. Wie schwer es ist, diesen Theorien aus dem Weg zu gehen, mußte das US-amerikanische "Information Awareness Office" erfahren, das sich - vermutlich unbeabsichtigt - ein Logo gab, das allzu genau in das Weltbild der Verschwörungstheoretiker passte:
IAO-Logo
Auch wenn das IAO der DARPA keine Illuminaten-Organisation ist, heißt das noch lange nicht, dass ich auch nur einen Hauch von Verständnis für diese tief in die Bürgerrechte eingreifende Überwachungsbehörde und ihre Nachfolger und europäischen Gegenstücke hätte.

Der historische Illuminatenorden, auch "Bayrische Illuminaten" genannt, ist gut erforscht. Ich verweise der Einfachheit halber an den (zur Zeit der Abfassung dieses Artikels) sehr informativen Eintrag in der "Wikipedia" (ungeachtet der Tatsache, dass selbst "gemäßigte" Verschwörungstheoretiker der Wikipedia äußerst misstrauen): Illuminatenorden - und allen, die sich für Verschwörungstheorien interessieren, sei das "Verschwörungen"-Wiki empfohlen: Illuminaten und Illuminatenorden.

Tatsächlich war der radikal-aufklärerische Illuminatenorden Adam Weißhaupts zu seiner Zeit "umstürzlerisch" - er war gegen die absolutistischen Monarchien gerichtet und gegen den Einfluß der Jesuiten. Von daher war der Orden Ziel des Mißtrauens der Obrigkeiten. Nach dem Verbot des Ordens und der Veröffentlichung bei Hausdurchsuchungen beschlagnahmter Papiere des Ordens brach eine erste Illuminatenhysterie aus - überall witterte man nun die Umtriebe des radikalaufklärerischen Geheimbunds. 1785 erklärte sogar Papst Pius VI. in zwei Briefen (vom 18. Juni und 12. November) an den Bischof von Freising die Mitgliedschaft im Orden als unvereinbar mit dem katholischen Glauben.
Eine zweite, deutlich heftigere Welle dieser Hysterie setzte nach der Französischen Revolution ein, als die Furcht vor den Jakobinern mit der älteren vor den Illuminaten zu einer einzigen Angstphantasie verschmolz. Die Französische Revolution erschien nicht wenigen Zeitgenossen als "Umsturz der gottgewollten Ordnung".
Die eigentliche Illuminaten-Verschwörungstheorie entstand einige Jahre später. Unabhängig voneinander versuchten zu Beginn des 19. Jahrhunderts der französische ehemalige Jesuit Abbé Barruel und der schottische Gelehrte John Robison nachzuweisen, dass nur eine Verschwörung (und nicht etwa die andauernde Unterdrückung der Bürger und Bauern, die Verbreitung der Ideen der Aufklärung, vor allem der Idee der Menschen- und Bürgerrechte, Missernten, eine schwelende Wirtschaftskrise und nicht zuletzt schlechtes "Krisenmanagement") die Revolution ausgelöst haben könnte. Die ohnehin beargwöhnten Freimaurer standen im Zentrum des Misstrauens, aber es fehlte ihnen eine zentrale Organisation, die den Umsturz von 1789 organisiert haben könnte. Die erklärtermaßen gegen die "göttliche Ordnung" (absolute Monarchie, Gottesgnadentum des Herrschers, starke Stellung des Klerus als "1. Stand") abeitenden lluminaten boten sich als "böse Drahtzieher" an.
Ihre "Beweise":
  • Fast alle bedeutenden Führer der Französischen Revolution (und auch die amerikanischen Revolutionäre von 1776) waren Freimaurer.
  • In Frankreich gab es kurz vor der Revolution tatsächlich eine Freimaurerloge die sich "Les Illuminés" nannte. Diese Gruppe war aber sehr klein und wenig einflussreich, und ging eher in eine mystische Richtung, hatte also mit der Radikalaufklärung à la Knigge und Weishaupt nichts im Sinn.
  • Johann Christoph Bode, Komponist, einflußreicher Journalist und Verleger, Freund Lessings, Radikalaufklärer, prominenter Freimaurer sowie führende Persönlichkeit bei den Illuminaten, war 1787 nach Paris gereist. Bode war zu einem Freimaurerkonvent eingeladen, der aber bei seiner Ankunft schon beendet war.
Die Illuminaten eigneten sich besonders gut für die Rolle als "böse Drahtzieher" hinter den "harmlos tuenden" Freimauerer, weil sie ein explizit politisches Programm hatten, wohingegen bei Freimaurern etwa konfessionelle, religiöse oder parteipolitische Streitgespräche bis heute unerwünscht sind. Zwar waren die meisten Illuminaten zugleich auch Freimauer, aber der Orden selbst gehörte der Freimaurerei nicht an. In den landesweiten Organisationen der Freimaurer, den Großlogen oder Groß-Orienten, arbeiteten die Illuminaten nicht mit. Tatsache war, dass die Illuminaten versuchten, die Freimaurerei zu unterwandern. Unterwandern, das, was man später den "langen Marsch durch die Institutionen" nannte, war die bevorzugte politische Taktik Weißhaupts und Knigges. Eine Taktik, die die Phantasie ängstlicher Naturen bis heute anregt.

Es gibt aber noch einen weiteren Grund, weshalb den Verschwörungstheoretikern um 1800 "die Illuminaten" schier allgegenwärtig und völlig rätselhaft, nicht in die "natürliche Ordnung der Dinge" passend erschienen. "Illuminaten", "Erleuchtete" wurden nicht nur den geheimnissvollen Freimauer gleichgestezt, sondern auch den "Illuministen", den Anhängern einer bemerkenswerten "Nebenströmung" der Aufklärung - dem Illuminismus. (Wobei die meisten Illuminaten nicht nur auch Freimauerer, sondern auch Illuministen gewesen sein dürften.)

Es ist, auch in Lehrbüchern und Lexika, üblich, dem überkommenen irrationalen, autoritätsgläubigen, abergläubischen und unkritische "alten Denken" den "Vernuftglauben" der Aufklärer des 17. und 18. Jahrhunderts entgegenzusetzen. Üblich ist es auch, der Spätaufklärung Gegenbewegungen entgegenzustellen. So hätte die extreme Betonung von Ratio und Objektivität der Aufklärung die Romantik hervorgebracht, die Individualität und subjektive Erfahrung betonte und die Menschen in einer Welt, in der Werte und Regeln einzig nach Kriterien der Vernunft bestimmt wurden, als Gefangene gesehen hätte. Auch die nicht-rationalen Bewegungen im "Zeitalter der Aufklärung", wie der Okkultismus und der gegen Ende des 18. Jahrhunderts populäre Mesmerismus, werden gemeinhin als Gegenbewegungen gesehen.
Es gab demzufolge für das Zeit unmittelbar vor der Französischen Religion drei geistige Hauptströmungen: die auf Vernunft und objektive Erkenntnis bauende "nüchterne" Aufklärung, das "konservative christliche Denken" der "althergebrachten" Gesellschaft, das auf religiöse Traditionen vertraute, und schließlich die Gegenströmungen, wie die Romantik.

Nur: schon die Freimaurerei als humanitäre Initiationsgemeinschaft, die sich bewußt des "Irrationalen", der Kraft der Symbole, der mystischen Erfahrung öffnete und eine der treibenden Kräfte der Aufklärung im 18. Jahrhundert war, paßt nicht in dieses simple, zwischen "Rationalisten" und "Irrationalisten" unterscheidende Schema. Ebensowenig kann man den "Sturm und Drang" als Gegenbewegung zur Aufklärung sehen. Eher ging es dieser u. a. von Johann Wolfgang von Goethe und Friedrich Schiller vertretenen literarischen Epoche darum, die bloße Vernunft, die "kalte Ratio" zu ergänzen.

Im Geistesleben des 18. Jahrhunderts vermischten sich tatsächlich zwei scheinbar gegensätzliche Strömungen. Einerseits die Emanzipation von Wissenschaft und Philosophie aus den Fesseln religiöser Bevormundung, anderseits ein Hang zur Mystik, ja zur Magie. Manchmal bestand das Nebeneinander mystischer und wissenschaftliche Neigung in ein und derselben Person.
Die geistige Heimat vieler dieser Grenzgänger zwischen den geistigen Strömungen war eine heute weitgehend vergessenen, aber machtvollen Unterströmung der Geistesgeschichte des 18. Jahrhunderts, der bereits erwähnte Illuminismus.
Einer zu Unrecht vergessenen Strömung, denn nicht zuletzt durch den Illuminismus wurden auch die modernen Naturwissenschaften und die technischen Entwicklungen in den Kulturbegriff einbezogen.

Wegen ihres sich den üblichen Schublade verweigernden "Grenzgängercharakters" und weil es so viele "geheimnisvolle Persönlichkeiten" unter ihnen gab, die sich sagar mit Magie beschäftigten, wurde die Illuministen oft beargwöhnt.

Mehr zur Philosophie und Geschichte des lluminismus im 2. Teil dieser Reihe: Gelehrte zwischen den Welten

Samstag, 11. November 2006

Streit zwischen Umweltorganisationen um "Dolphin Safe Tuna" Label

Die Überfischung der Meere ist ein ernstzunehmendes Umweltproblem. Ein wichtiges Teilproblem sind die "Beifänge" - vor allem, wenn ohnehin gefährdete Arten in die Netze geraten. Besonders gefährdet sind Meeressäugetiere, die ins Netz geraten buchstäblich ertrinken.

Vor einigen Jahren wurde das „Dolphin Safe" (bzw."Delphin freundlich")-Label für Thunfisch eingeführt, der mit für Delphine und andere Meeressäugetiere ungefährliche Methoden gefischt wurde. Nun meint der WWF Schweiz, dass das Dephinsterben in der Thunfischindustrie keine Bedeutung mehr habe und dass deshalb das Label „Dolphin Safe" nicht länger notwendig sei. Und tatsächlich sind die gefährlichen Fangmethoden überall verboten. Alllerdings: verschwunden sind sie damit nicht. Denn Schleppnetz-(raub-)fischerei "alten Stils" ist profitabel.

Das International Marine Mammal Project (IMMP) des "Earth Island Institute", die das Label vergibt, verweist darauf, dass Beobachter allein im Jahr 2005 1.469 tote Delphine verzeichneten und darauf, dass Untersuchungen von Wissenschaftlern des US National Marine Fisheries Service ergeben hätten, dass darüber hinnaus viele tausend Delphine mehr in der Fischerei sterben, deren Tot nicht festgehalten werden konnte.

Solche Siegel schaffen, wenn sie von unabhängigen Institutionen vergeben werden, immerhin Transparenz für den Verbraucher. Das Label "Dolphin Safe" hat nicht nur zur einer bemerkenswerten Reduktion der Delphinsterblichkeit geführt - nach Angaben des "Earth Island Instituts" um 98 % - sondern auch die Umstellung auf Fischereipraktiken gefördert, die kein rücksichtloser Raubbau an den Fischvorkommen sind. Mehr als 300 Thunfischproduzenten weltweit haben sich dem Programm angeschlossen.

Quelle: Pressemitteilung des "International Marine Mammal Project"
- Von daher bin ich etwas skeptisch hinsichtlich der heftigen Kritik am WWF Schweiz. Angesichts der Warnungen gerade des WWFs vor den Folgen der Überfischung wäre eine Haltung des WWF Schweiz zum "Dolphin Safe"-Label nach dem Motto: "Problem gelöst, Label überflüssig" mehr als nur überraschend: Umweltschutz-News Dramatisches Artensterben in den Ozeanen

In der Meldung fordert der WWF die Verbraucher auf, auf das "Marine Stewardship Council"-Siegel zu achten, das Fisch aus nachhaltigem Fang kennzeichnet. Es könnte also sein, dass der WWF Schweiz in Wirklichkeit der Ansicht ist, das MSC-Siegel würde das weniger umfassende, aber bewährte, "Dolphin-Safe"-Logo überflüssig machen.
Rivalitäten zwischen Umweltschutz-Organisationen wären ja leider nichts Neues.

Wer mit gutem Gewissen Fisch essen möchte, den verweise ich auf den WWF Fischführer 2006 (pdf-Datei)

Freitag, 10. November 2006

Weshalb unsere Gesellschaft so ist, wie sie ist

Ein Text, der mir aus der Seele spricht: Untod
Ich habe nämlich die Befürchtung, dass ich wirklich ein Riesenidiot werde, wenn ich zu lange einen spiele.
via: Udos Lawblog

Zu einem verwandten Thema, auf Metalust & Subdiskurse: Attitude und Habitus frisch gebügelter, weißer Hemden.

Donald Duck im Nazi-Land

Unter Ducktators habe ich bereits einen Klassiker des propagandischen Zeichentrickfilms des 2. Weltkriegs präsentiert. Dank Don stieß ich in Youtube auf einen noch berühmterer und ähnlich komischen Anti-Nazi-Cartoon: "Der Fuehrers Face" aus den Walt Disney Studios:
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Der Film gewann den ersten "Oscar", der in der Kategorie "bester animierter Kurzfilm" vergeben wurde.

Siehe "Duckipedia": Der Fuehrers Face.

In Ergänzung zum Duckipedia-Artikel etwas zum propagandistischen Hintergrund: Der Film wurde 1942 produziert, die Produktion bekann unmittelbar nach Kriegseintritt der USA. Er stellte den Alltag eines Durchschnittsdeutschen so negativ wie möglich dar - und konterte damit die bis Ende 1941 in die USA hineinwirkende Selbstdarstellung Nazideutschlands. Die "sozialen Losungen" des NS-Programms entsprachen den Forderungen, Wünschen und Sehnsüchten der internationalen Arbeiterbewegung bzw. waren dort abgeschaut. Die NS-Variante des Sozialstaates war schon im Inland erfolgreich gewesen, indem sie viele vormals "rote" Arbeiter an die "Volksgemeinschaft" band, sie war offensichtlich aber auch für Arbeiter in den USA und sogar im längst im Krieg mit Nazi-Deutschland befindlichen Großbritannien attraktiv.
Es waren Errungenschaften wie die "KdF"-Urlaubsreisen, die relativ hohen Löhne für deutsche Arbeiter, die für damalige Verhältnisse großzügigen Freizeitregelungen und auch das in der NS-Zeit weiter ausgebaute Sozialversicherungssystem, die in der NS-Auslandpropaganda Nazi-Deutschland wie ein "Paradies der kleinen Leute" wirken ließ.
Geschickt greift der Disney-Film diese Versprechen auf: unter Kriegsbedingungen waren KdF-Urlaub und früher Feierabend nichts als blanke Theorie. Auch der ständige Druck, die dauernde Kontrolle und die Allgegenwart der NS-Symbolik, die "Der Fuehrers Face" so treffend Karrikiert, waren keine antideutschen Klischees, sondern bittere Realität. Hinzu kamen auch von deutscher und pro-deutscher Seite nicht zu leugnende Versorgungsschwierigkeiten: die kostbare und deshalb im Safe verschlossene Kaffeebohne, das synthetische Schinken-mit-Ei-Aroma und das steinharte Brot waren von der Realität des deutschen "Normalverbrauchers" 1942 / 43 gar nicht einmal so weit entfernt. Auch die spürbare Ironie, in der die dick aufgetragene heile amerikanische Welt sich dem aus dem Nazi-Alptraum erwachten Donald präsentiert, hatte ihren propandistischen Sinn: die Zuschauer spürten ja am eigenen Leib, dass die USA kein Paradies waren, und auch in den USA gab es Lebensmittelrationierungen (wenn auch nie so einschneidend wie in Großbritannien oder in Deutschland nach 1942 - von der buchstäblich verhungernden Sowjetbevölkerung ganz zu schweigen).

Nach dem Krieg war die Botschaft des Filmes nicht nur überholt, sie war auch fragwürdig, weil sie der (falschen) Ansicht, letzten Endes wären "die einfachen Deutschen" auch Opfer des NS-Regimes gewesen, Vorschub leistete. Da in "Der Fuehrers Face" Donald zeitweilig als Nazi dargestellt wurde, sperrte der stets um ein sauberes Image bemühte Walt Disney den Film nach 1945 für die öffentliche Vorführung.

Ein großartiger, weil beklemmend inszenierter und inhaltlich wahrheitsgemäßer Anti-Nazi-Cartoon aus den Disney-Studios ist der Cartoon "Education for Death", ebenfalls 1942 produziert und im Januar 1943 veröffentlicht. Er zeigt die Erziehung eines deutschen Kindes unter der Herrschaft der Nazis. Der kleine Hans wird gegen seinen anfänglichen Willen zum Nazi erzogen - und tötet und stirbt am Ende für das "Dritte Reich". Der Film entstand unter Mitarbeit deutscher Emigranten und ohne staatlichen Auftrag. Die Darstellung der NS-Erziehung trifft sogar in den bizarrsten Details zu, es gab wirklich propagandistisch umgedichtete Kindermärchen und es gibt einen NS-Unterrichtsfilm, der genau dem Schema der pseudo-darwinistischen "nur der Stärkere hat ein Recht auf Leben"-Biologie-Stunde entspricht. Das Gemälde, das Hitler als rettenden Prinz zu Pferde in glänzender Rüstung zeigt, ist kein satirischer Einfall, es war als Kunstdruck in den 30er Jahren sehr populär.
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"Education for Death" beruht lose auf dem gleichnamigen Buch von Gregor Ziemer, der von 1928 bis 1939 die "American School" in Berlin leitete und das NS-Erziehungswesen aus nächster Nähe kannte.


Auch in der Duckipedia: Die Disney-Studios im Krieg

Donnerstag, 9. November 2006

9. November - Tag der deutsche Lügen und Legenden

Heute ist der 9. November. Wie kein anderer Tag ist er geeignet, an die deutsche Geschichte zu erinnern. Denn er ist das Datum, in dem im 20. Jahrhundert in Deutschland Geschichte gemacht wurde. Trotzdem ist das Datum 9. November kein geeignetes Datum für einen Nationalfeiertag, ein nationales Jubelfest. Denn zwei der der vier wichtigen Ereignisse sind Tiefpunkte der deutschen Geschichte, der Hitler-Ludendorf Putschversuch 1923 und die antisemitische Pogrome ("Reichskristallnacht") von 1938. Die beiden anderen Ereignisse - Ausrufung der Deutschen Republik 1918 und Öffnung der Berliner Mauer 1989 - sind ambivalent.

Um den 9. November ranken sich viele Legenden. Legenden im Sinne historisch nicht haltbarer, aber gern geglaubter, Erklärungsmuster. Die meisten dieser Legenden sind nicht spontan entstanden, sondern das Produkt bewußter Propagandalügen.

Die erste Legende ist die vom "Schicksalstag der Deutschen", durchaus auch im Zusammenhang mit astrologischen (eher harmlos) und verschwörungstheoretischen (eher gefährlich) Spekulationen. Ob Konrad der I. wirklich als der erste "deutsche Kaiser" anzusehen ist, ist Ansichtssache. (Zumal er ja nie zum Kaiser gekrönt wude.) Ob er wirklich am 9.11. 911 zum König des vormaligen Ostfrankenreichs gewählt wurde, ist fraglich.
Das zweite "magische Datum" liegt schon in der jüngeren Vergangenheit, es ist der Mord am Abgeordneten der Nationalversammlung Robert Blum in Wien 1848. Sie soll den Anfang vom Ende der "Märzrevolution" in den Staaten des Deutschen Bundes markieren. Tatsächlich war der Mord an Blum eher Folge als Auslöser, schon gar nicht Ursache, des Scheiterns der Revolution. Man könnte zahlreiche Daten herausgreifen, ab denen es "mit der Revolution bergab" ging.
Die Geschehnisse von 1923 bauen bewußt auf auf denen von 1918 auf, der Putsch war als Revanche der Nazis für die Novemberrevolution geplant. Die antisemitischen Pogrome von 1938 wurde anläßlich der Feierlichkeiten zum 15. Jahrestag des Hitler-Ludendorf-Putschversuches inszeniert.
Rein zeitlich gesehen sind die Ereignisse von 1918 und 1989 zufällig, allerdings waren sie selbst keine "Zufallsprodukte".

Karl Liebknecht, 1918
Karl Liebknecht im Berliner Tiergarten, 11. November 1918
Um die Novemberrevolution von 1918 ranken sich so viele Legenden und Propagandalügen, dass ich sie in einem Blogartikel nicht einmal aufzählen kann. Historisch wichtig ist vor allem die "Dolchstoßlegende", die besagte, das deutsche Heer sei im Ersten Weltkrieg "im Felde unbesiegt" geblieben (es stand Ende 1918 in einer militärisch völlig ausweglosen Notlage - nur durch Kapitulation konnte eine Besetzung Deutschland durch allierte Truppen abgewendet werden) und hätte durch die Novemberrevolution von 1918 einen "Dolchstoß von hinten" , also aus der Heimat, erhalten. Eine andere, folgenschwere Legende ist die, dass die Deutschland kurz davor stand, eine Räterepublik nach russischem (sowjetischen) Vorbild zu werden. Diese Legende wird – unter jeweils umgekehrten Vorzeichen - sowohl von der politischen extremen Linken (Kommunisten und Post-Kommunisten) wie von der Rechten (bis weit in "gutbürgerlich-konservative" Kreise hinein) bis heute gepflegt. Bei genauerer Betrachtung wurde eine von Sozialdemokraten getragene revolutionäre Bewegung von den sozialdemokratischen Politikern aufgrund einer (blamablen) Fehleinschätzung und fehlender politischen Moral niedergeschlagen.

Um die organisierten antisemitischen Pogrome 1939 gibt es eine Legende um die Bezeichnung "Reichskristallnacht". Sie sei abzulehnen, weil das der offizielle Euphemismus der Nazis gewesen sei. Das stimmt nicht. Es ist zwar eine böswillig-verharmlosende Bezeichnung, die in der Geschichtsschreibung nichts zu suchen hat und in der politischen Diskussion allenfalls in anti-antisemitischen Polemiken legitim ist. Es ist eine "volkstümliche" Bezeichnung aus der damaligen Zeit, kein offizieller Nazi-Euphemismus - denn der Begriff legt ja nahe, dass der angebliche "spontane Aufstand aus Volkswut gegen die Juden" organisiert und "von oben" angeordnet war. Eine verräterische volkstümliche Bezeichnung, denn sie weißt nicht nur darauf hin, wie wenig offiziellen Propagandabehauptungen geglaubt wurde, sondern auch auf eine fatale Verharmlosung - als ob wirklich nur Fensterscheiben jüdischer Geschäfte eingeworfen worden wären.
Tatsächlich gibt es kaum ein historisches Ereignis in der deutschen Gesichte, in dessen Umfeld es so viele und so infame Lügen gibt, wie um die Novemberpogrome. Eine besonders hartnäckige Lüge sind die bewußt verharmlosenden Zahlen über die Opfer in Folge des 9.11.1938, die sich bis in heutige Geschichtsdarstellungen gehalten haben - hierzu: shoa.de Die "Kristallnacht"-Lüge. Ebenfalls auf shoa.de zu finden ist eine Darstellung der Inzenierung hinter den "spontanen Unruhen": Die Pogromnacht am 9./10. November 1938.

Selbst um den historisch erst relativ kurz zurückliegenden und sehr gut dokumentierten Fall der "Mauer" wuchern die Legenden.
Legendenhaft ist die Vorstellung von der zufälligen Verkettung von Umständen, die zur Öffnung der Grenzsperranlagen der DDR führten - der "Mauerfall" als eine Art Lottogewinn der Geschichte. Zwar haben die Umstände des Geschehens am Abend des 9. Novembers 1989 etwas Bizarres, allerdings wäre eine ähnliche Verkettung von Mißverständnissen, wie die auf und nach der Pressekonferenz mit Günter Schabowski, fast zu jedem anderen Zeitpunkt folgenlos geblieben. Umgekehrt wäre es eher früher als später für die DDR-Regierung unvermeidlich gewesen, die Grenzen zu öffnen, da eine "chinesische Lösung" unter Einsatz massiver militärischer Gewalt mangels Unterstützung durch die UdSSR nicht möglich gewesen wäre. Es war trotztdem ein Glücksfall, dass der "Fall der Mauer" völlig unblutig ablief.
Überraschend viele Menschen, auch solche, die unmittelbar dabei waren, glauben heute, am 9. 11. 1989 wäre die Mauer plötzlich "offen" gewesen. Das stimmt nicht: Die Mauer und die Grenze zur BRD wurde nach dem 9. November zunächst weiter in unveränderter Intensität bewacht - oder genauer gesagt: sie sollte so bewacht werden, in der Praxis wurde das Grenzregime immer laxer gehandhabt. In der DDR gab es damals offenbar noch die Vorstellung, das Grenzregime in irgendeiner Form auf unbestimmte Zeit weiterzuführen. Bundesbürger und West-Berliner durften erstmals am 24. Dezember 1989 ab 0:00 Uhr visafrei in die DDR einreisen; bis zu diesem Zeitpunkt hatten (auf dem Papier) noch die alten Regelungen mit Visumpflicht und Mindestumtausch gegolten.
Erst am 1. Juli 1990, dem Tag des Inkrafttretens der Währungsunion, wurden die Bewachung der Mauer und sämtliche Grenzkontrollen eingestellt.

"Stern"-Wissenstest: Der 9. November in der deutschen Geschichte

Mittwoch, 8. November 2006

Meinungsfreiheit und Rücksichtnahme auf religiöse Gefühle

In der aktuellen Ausgabe der "Zeitschrift für neuen Lifestyle" U_mag (11/06) wurde der kritisch-rationalistische Philosoph Michael Schmidt-Salomon zum Thema "Meinungsfreiheit" interviewt. Auszugsweise
kann der Artikel auch im Internet gelesen werden:
Wer A sagt ... Thema Meinungsfreiheit

Meinungsfreiheit ist die Basis einer funktionierenden Demokratie. Nach der Ansicht Schmidt-Salomons nehmen wir uns dieses Grundrecht zunehmend selbst. Der Grund liegt in religiösen Auseinandersetzungen - nicht nur mit dem fundamentalistischen Islam - die von Angst und falscher Rücksichtnahme geprägt sind.
Wir müssen uns klarmachen, was religiöse Gefühle überhaupt sind und warum sie verletzt sind. Es hat was damit zu tun, dass hier Menschen sind, die meinen, dass das, was der Prophet XY oder die Gottheit Z gesagt hat, heilig ist und unantastbar für alle Zeiten. In einer säkularen Gesellschaft ist das aber nicht so. Da treten Leute auf, die sagen: Ich stimme dem, was XY gesagt hat, nicht zu! Damit wird das Unantastbare angetastet. Es kommt also nur zur Verletzung religiöser Gefühle, weil manche glauben, sie könnten ihre Weltanschauung unter Denk-mal-Schutz stellen.
(Hervorhebung von mir, MM.)

Schmidt-Salomon lehnt sowohl den Ansatz einer deutsch-christlichen Leitkultur wie dem kulturellen Relativismus ("Innerhalb ihrer Kultur soll die doch machen, was sie wollen") ab, weil durch diese Haltungen die Parallelgesellschaften erst aufgebaut werden, und tritt statt dessen für die aus der Verfassung definierten "Leitkultur Humanismus und Aufklärung" ein.

Montag, 6. November 2006

Verdränger Völkermord

Man kann nicht behaupten, der Völkermord in Dafur würde nicht vor den Augen der Weltöffentlichkeit ablaufen - regelmäßig wird darüber in unseren Medien berichtet, regelmäßig beschäftigen sich die Afrikanische Union, Arabische Liga, die Vereinten Nationen und manchmal auch die Europäer mit der Lage im Sudan, dem "Bürgerkrieg" in Dafur, dem "Flüchtlingsproblem".

Seltsam nur, dass dieser Völkermord sehr viel weniger Beachtung findet, als andere gewiß grausame, aber nicht genozidiale Kriege, Bürgerkriege, Konflikte. Wole Soyinka, nigerianischer Schriftsteller und Nobelpreisträger für Literatur, nennt einen wichtigen Grund dafür, dass der Völkermord in Dafur nicht "Völkermord" genannt wird, von entsprechenden energischen Reaktionen gegen das (nord-)sudanesische Regime ganz zu schweigen:
Aber nein, Darfur liegt nicht im Herzen Europas. Darfur ist nicht das Herz Libanons und liegt nicht an den Grenzen Israels. Darfur liegt in einem der Verachtung anheimgegebenen Land, bekannt allein als die Heimat des Mangels und – gelegentlich – als ein Ort mit großen natürlichen Vorkommen.
Der ganze höchst lesenswerte Gastkommentar Soyinkas im "Tagesspiegel" online: Wir machen uns schuldig

Via Henryk M. Broder (der doch noch mehr als ein Thema hat ;-)).

Samstag, 4. November 2006

Aufruf zur Online-Demo gegen Internetzensur

Reporter ohne Grenzen (ROG) ruf auf seiner Website zur Aktion "24-Stunden Klicken gegen Internetzensur" auf. Vom 7. November 11:00 Uhr bis zum 8. November 11:00 Uhr sind alle Internetnutzer aufgerufen durch Klicken "die Schwarzen Löcher" des Internets zu schließen.
Reporter ohne Grenzen Banner

Während der 24 Stunden gegen Internetzensur listet ROG die 13 größten Feinde des Internets auf: Ägypten, China, Iran, Kuba, Myanmar, Nordkorea, Saudi-Arabien, Syrien Tunesien, Turkmenistan, Usbekistan Vietnam, Weißrussland.
Außerdem wendet sich die Aktion gegen Yahoo! Dieses Unternehmen war das erste, das seine Suchmaschinen in China ensiert hat. Und weil es seit Jahren mit der chinesischen Polizei zusammenarbeitet und dieser ermöglicht, Internetdissidenten zu verhaften und zu verurteilen. Der Journalist Shi Tao etwa ist mit Hilfe von Yahoo für zehn Jahre hinter Gittern. Andere internationale Unternehmen haben ähnlich agiert und sind ebenfalls von ROG kritisiert worden www.internet.rsf.org

Ab dem 7. November kann dann für 24 Stunden mit einem Klick auf eine interaktive Karte, auf der ROG-Webseite, geholfen werden die Schwarzen Löcher des Internets zu schließen.

Auch Eugenik war mal Konsens

Che vergleicht in seinem Blog das Schreckgespenst der "demographischen Zeitbombe" mit dem Schreckgespenst der "eugenischen Zeitbombe" in den 1920er Jahren und deckt dabei die Parallelen auf.
Methusalem - vom Unfug einer Debatte (Unbedingt lesen!)

Che erkennt richtig, das die "Euthanasie" nicht der wirre Wahn der Nazi war, sondern Ergebnis eines damaligen Herrschaftsdiskurses in den Humanwissenschaften und z.T. auch in der Volkswirtschaft und der politischen Publizistik. Man mag sich an Ches sozialistischer Terminologie stoßen (ich tue es nicht!), aber es besteht kaum ein Zweifel daran, dass es beim eugenischen Gesamtprogramm nicht um das Lösen eines tatsächlichen Problems ging, sondern darum, die Bevölkerung nach den Erfordernissen "kapitalistischer Verwertungsbedürfnisse" zu optimieren. Die Parallelen zu den Programmen gegen die "vergreisende Gesellschaft" liegen auf der Hand.
Wobei solche Bevölkerungsoptimierungs-Utopien beileibe nicht auf "kapitalistische Verwertungsbedürfnisse" beschränkt waren. Auch Kommunisten waren zeitweilig sehr auf dem "Eugenik-Trip", nicht nur unter Stalin, Mao oder Pol Pot.
Man kann verallgemeinert sagen, dass eugenische Gesellschaftsutopien und auf sie gerichtet Programme dort gedeihen, wo der einzelne Mensch in erster Linie als
"Menschenmaterial"
, als "Mittel zum Zweck", als "Rad in der Maschine" gesehen wird. Von daher war es kein Zufall, dass diese Vorstellungen in Nazi-Deutschland, in einem Staat, der zugleich knallhart kollektivistisch ("Du bist nichts, Dein Volk ist alles!") und knallhart kapitalistisch auf maximale Produktivität und Effizienz gerichtet war ("Mein Mitgefühl galt allein der Produktionsziffer", Albert Speer) am grausamsten und konsequentesten realisiert wurden.

Eine weitere Hochburg der eugenische Programme war Nordeuropa, vor allem Schweden, mit und ohne rassistische Vorstellungen von der Überlegenheit der "nordischen Rasse".

In Dänemark war ein Eugenik-Gesetz schon 1929 verabschiedet worden, Schweden folgte 1935. Zuvor hatte eine staatliche Kommission die vermehrten Ausgaben für die Pflege von Schwachen und Hilfsbedürftigen bemängelt und schlußfolgerte: "Daher ist es kein großer Schritt, die Geburt von Individuen, die sich selbst und anderen zur Last fallen werden, zu verhindern."
Die Eugenik-Gesetzgebung in den nordischen Ländern folgte fast immer aus der "linken", vor allem sozialdemokratischen, Tradition der Eugenik, die nicht mit der nationalsozialistischen gleichgesetzt werden darf. Eugenik war Bestandteil eines human gemeinten, in der Folgen aber oft ziemlich inhumanen Programms der präventiven Medizin (zur Hebung der "Volksgesundheit") bis zur auch Zwangs-Eugenik gegen "unverantwortliche Minderwertige". Allerdings läßt sich diese nicht-rassistische Eugenik-Tradion vor allem in Schweden nicht sauber von der (meist uneingestanden) rasstistischen trennen.
Zwangssterilisationen gab es in Schweden bis in die 50er Jahre, noch bis 1970 wurden Sozialarbeiter und Familienfürsorger dazu angehalten, Personen, die sich ihrer Meinung nach nicht fortpflanzen sollten, zu melden
(Hierzu: Heilpädagogik in Schweden - Eugenik und Rassenhygiene
Sozialdemokratisches Reinheitsgebot (aus "jungle world").
Wikipedia-Artikel zur Eugenik)
(Diese skandinavische Eugeniktradition trug offensichtlich viel zur Diskriminierung der "Lebensbornkinder" im Nachkriegs-Norwegen bei. Siehe: Ducktators und Nachtrag zum Thema norwegische Deutschenkinder.)

Oft vergessen wird auch, dass das extrem biologistische Programm der Zwangsterilisierungen und "Gnadentode" nicht nur und nicht einmal in erster Linie von Biologen vertreten wurde. Die Bedeutung der "Erbkrankheiten" wurde völlig überschätzt. Es ist nämlich so, dass selbst bei behinderten Frauen zu 90 % kein Risiko einer Weitergabe der Behinderung besteht. Das war sogar schon um 1930 bekannt; auch aus der von Eugnikern so gern herangezogenen Tierzucht.

Wahlmaschinen, Wahlcomputer

Die Petition gegen Wahlcomputer wurde schon von 23 067 Bürgern unterzeichnet. Bis zum 28. November müssen 50 000 Unterschriften zusammenkommen, damit dieses wichtige Thema wenigstens vor dem Petitionsausschuss des Bundestages angehört wird. Ein erster Schritt, eine potenzielle Gefahr für die Demokratie auf demokratischem Wege abzuwenden.

Ich weise hierzu auf die Reihe über Wahlcomputer und Wahlmaschinen bei den B.L.O.G. hin:

MartinM über die Petition gegen Wahlcomputer (am 28. Oktober).
Stefanolix über die Begriffe Wahlcomputer und Wahlmaschine (am 29. Oktober) und das Wahl(computer)geheimnis (am 31. Oktober).
Dirk Meister über Wahlcomputer: Sicherheitsmerkmale und -Lücken (am 1. November)
MartinM über mechanische Wahlmaschinen mit Macken (am 4. November).

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