Dienstag, 9. Mai 2006

Cäsium-137, Jod-131, Strontium-90, Lüge-86 - und die Spätfolgen

Was treibt Organisationen wie "Ärzte gegen den Atomkrieg" zum Realitätsverlust? Was trieb anerkannte Fachleute dazu, sich einer Verschwörungstheorie zu verschreiben, die aus "Akte X" stammen könnte? Wobei die "Geheimforschungs"-Theorie nicht unbedingt dem Ziel "Atomausstieg" förderlich ist, denn nimmt man sie ernst, sind sogar kritische Forschungsinstute wie das Öko-Institut, selbst "GRÜNE" Politiker, die erklärtermaßen lieber gestern aus heute alle kerntechnischen stillegen würden, sogar einige gestandene Anti-Atom-Aktivisten mit 25 Jahren Castorblockadeerfahrung nichts als gekaufte Marionetten der "Atomlobby".
Meine Vermutung: diese angsterfüllte bis paranoide Haltung, die niemandem traut, der nicht das Allerschlimmste annimmt, ist eine Spätfolge einer schweren Kontamination mit Lüge-86. (Anders ausgedrückt: durch die Desinformationspolitik damals wurde extremes Mißtrauen gesäht, dessen Spätfolgen die paranoide Grundhaltung einiger Atomkraftgegner ist.)

Im Umfeld des Reaktorunfalls von Tschernobyl wurde kräftig Lüge-86 freigesetzt, und zwar nicht nur in der damaligen UdSSR. (Siehe z. B. dieser Telepolis-Artikel vom 8. Mai 2006: Frankreichs wolkendichte Grenzen.) Die Folgen sind nicht nur bei reichlich verstrahlten Atomkraftgegner erkannbar, sondern auch z. B. in den Medien und - als Gegenreaktion - auch bei den Freunden der Kernenergie.

1. Vor dem Unfall
Typisch für die damalige UdSSR war eine im Prinzip nicht völlig unberechtigte Spionage- und Sabotageangst, die sich allerdings systembedigt zu einer flächendeckenden Paranoia ausweitete: Nicht nur, dass die linke Hand nicht mehr der Rechten traute, es mißtraute auch der rechte Daumen dem rechten Zeigefinger. Eine der Folgen war eine ins Absurde gesteigerte Politik der Geheimhaltung und Desinformation.
Über die Konstruktion der Reaktoren vom Tschernobyl-Typ, der RBMK, war im Westen wenig bekannt. Das Wenige war aber schon alarmierend. Bekannt war, dass es sich um graphitmoderierte Druckröhrenreaktoren handelte. Graphitmoderierte Reaktoren haben einen positiven Dampfblasenkoeffizienten: Bei Leistungs- und Temperatursteigerungen nimmt auch die Kettenreaktionsrate immer schneller zu, der Reaktor kann "durchgehen". Das passiert auch bei Wasserverlust, da das Wasser nur Kühlmittel, aber nicht Moderator ("Neutronenbremse", die die Kettenreaktion erst ermöglicht) ist. Wassermoderierten Reaktoren haben einen negativen Dampfblasenkoeffizienten, bei "Überhitzung" nimmt die Kettenreaktion ab, bei Wasser- (und damit Moderatoren-)verlust bricht sie ab. Man kann einen Leichtwasserreaktor sogar stoppen, indem man ihn "trockenlegt" - was bei einem Kernkraftwerk wegen der Resthitze allerdings zur Reaktorkernschmelze mit möglicherweise äußert unangehmen Folgen für die Umgebung führen würde. Immerhin: ein Unfall a la Tschernobyl, bei dem auch entfernte Landstriche schwer radioaktiv kontaminiert werden, kann aus physikalischen Gründen ausgeschlossen werden.
Eine zweite Risikoquelle beim RBMK ist das Graphit selbst: Es brennt ausgesprochen gut. Ein Brand eines graphitmoderierten Reaktors im britischen Windscale (heute Sellafield) im Jahre 1958 war der folgenschwerste "westliche" Reaktorunfall. Wikipedia: Windscale-Brand.
Außerdem war im Westen bekannt, dass man beim RBMK auf eine Sicherheitshülle, ein "Containment", verzichtet hatte - die Reaktoren stehen in unverstärkten Hallen, die im Prinzip normale Fabrikgebäude sind.
Dass über die Konstruktion der RBKM im Ausland kaum etwas bekannt war - im Gegensatz z. B. zu den Druckwasserreaktoren sowjetischer Bauart - dürfte daran gelegen haben, dass RBMK-Reaktoren auch zur Herstellung von waffentauglichem Plutonium benutzt wurden. Auch diese Tatsache war natürlich Staatsgeheimnis.

Geheimgehalten wurden haarsträubende Konstruktionsmängel des RBMK. So wurde verheimlicht, dass diese Reaktoren auch im Normalbetrieb über das Kühlwasser radioaktive Stoffe abgeben. Dass beim RBMK gewaltigen Kühlwassermengen eingesetzt werden, ist einerseits technisch bedingt, hat aber auch den "vorteilhaften" Effekt, dass durch die starke Verdünnung die Grenzwerte besser eingehalten werden können. Auch nicht bekannt war, dass eine Schnellabschaltung im Notfall immerhin 18 - 20 Sekunden benötige - bei westlichen Reaktoren sind 0,5 bis 1 Sekunde üblich. Außerdem waren die Abschalt- und Regelstäbe fehlerhaft konzipiert: Beim Einfahren aus dem völlig gezogenen Zustand reduzieren sie zunächst nicht die Reaktivität, sondern beschleunigen sie sogar. Betätigt man die "Bremsen" des Reaktors, führt das konstruktionsbedingt zu einem kurzzeitigen "Gasgeben". Dieses wichtige Detail wurde nicht einmal den Bedienungsmannschaften mitgeteilt (!), obwohl es nach einem Beinahe-Unfall im Kraftwerk Ignalina (heute Litauen) den Betreibern bekannt war.

Das AKW Tschernobyl galt wegen seiner hohen Verfügbarkeit als Musteranlage. Ein Jahr vor dem Unfall wurde sogar ein Filmteam der ARD durch die Anlagen geführt, wobei die Kommentatoren, soweit ich mich erinnern kann, den verharmlosenden Angaben ihrer "Fremdenführer" völlig vertrauten.
Der "Informationsdienst Kernenergie" der Kernkraftwerksbetreiber erwähnte zwar den vergleichsweise schlechten Sicherheitsstandard der meisten osteuropäischen Kernkraftwerke, allerdings meistens eher um die hervorragenden Sicherheitseinrichtungen westdeutscher Reaktoren zu loben, als auf mögliche Risiken durch unsichere Reaktoren einzugehen.

In der westdeutschen Anti-Atom-Bewegung gab es zwei gegensätzliche Meinungen über das Risiko durch "östliche" AKWs. Eine Gruppe (zu der ich gehörte) war der Ansicht, dass die graphitmoderierten sowjetischen Reaktoren der gefährlichste zivile Reaktortyp überhaupt wären. Die Leichtwasserreaktoren im Ostblock wären vergleichsweise sicherer, allerdings würden auch ihre Sicherheitseinrichtungen in der Regel nicht westlichen Standards entsprechen.
Eine weitaus größere Gruppe hielt "westliche" und "östliche" Reaktoren etwa für gleich gefährlich, ihre Anhänger warfen der ersten Gruppe gelegentlich vor, der Propaganda der westlichen Kraftwerksbauer auf den Leim gegangen zu sein.
Es gab noch eine dritte, kleine, meistens aus DKP-Anhängern bestehende Gruppe, die gern betonte, dass "sozialistische" Kernkraftwerke sicherer seien als die auf Profitmaximierung ausgelegten "kapitalistischen" Anlagen. Auf den Einwand, dass die Ost-Reaktoren in Sachen Sicherheit ziemlich spärlich ausgerüstet wären, antwortete mir ein DKPler damals, die sozialistischen Kernkraftwerkskonstrukteure würden eben auf einfachere, dafür aber sehr robuste und entsprechend betriebssichere Technik setzen, anstatt mit nachgeschalteter Sicherheitstechnik Störfälle zu beherrschen zu versuchen. In Anspielung auf die Bedienungsfehler, die zur Kernschmelze beim US-amerikanischen Kernkraftwerk Three Miles Island geführt hatten, verwies er auf den seiner Ansicht nach sehr hohen Ausbildungsstand osteuropäischer Reaktorführer.

Teil 2: die sowjetische (Des-)Informationspolitik
Teil 3: das deutsche Informationschaos
Die Folgen - Panikreaktionen, Verniedlichung und Sensationsmache

Montag, 8. Mai 2006

8. Mai ...

Am 8. Mai 1945 endete der bisher brutalste Vernichtungskrieg der Menschheitsgeschichte mit der völligen Niederlage des Agressors.
Die Kapitulation
Nicht endete der 2. Weltkrieg - aber das ist ein anderes Thema.

Ich weiß nicht, wie ich diesen Tag nennen soll -"Tag der Befreiung" ist politisch korrekt, hat aber aus deutschem Munde einen üblen, heuchlerischen Beigeschmack, denn um "befreit" zu werden, muß man gefangen sein - und mindestens vier Fünftel der Deutschen waren selbst 1945 eher "Täter", "Mittäter" und "Nutznießer" als "Opfer". Darunter auch alle meine damals erwachsenen Ahnen, und zwar auch jene, die von den Nazis überhaupt nichts hielten - aber bestrebt waren, den Kopf unten zu behalten, damit der Kopf daranblieb. Menschlich verständlich, manchmal ohne irgendeine "Schuld", aber in der Konsequenz un-menschlich. Und auf die Konsequenzen des Handelns kommt es an, die "Schuldfrage" ist allein eine juristische Qualität.
Auch ich wäre wohl "Mittäter" oder "Nutznießer" gewesen, und hätte es deshalb sehr wohl verdient, von einem Rotarmisten erschossen oder von den wirklich Befreiten kurzerhand an den nächsten Baum geknüpft zu werden. Auch ohne "persönliche Schuld", geschweige denn "Kollektivschuld".
Nein, ich bin nicht "antideutsch" - wir haben ja nicht mehr ´33 - ´45. Und daran, dass "wir Deutsche" etwas "Besonderes" sind, glaube ich einfach nicht. Auch eben nicht "besonders gewaltätig" oder "besonders herrschsüchtig" oder "besonders xenophob", oder auch nur "tradionell expansionistisch" oder "traditionell obrigkeitshörig" - selbst "traditionell autoritär" lehne ich ab, denn Traditionen kann man beenden.
"Tag der glückhaften totalen Niederlage" wäre vielleicht eine angemessene Bezeichnung.

Egal, wie auch immer, aus dem "8. Mai 1945" ergeben sich für mich einige ethische Konsequenzen.
Auf eine hat der gute che hingewiesen. Mit ist es mit meinen islamkritischen Anliegen ernst - womit ich nicht die Religion, sehr wohl aber die menschenrechtsfeindlichen Tradionen in islamischen Ländern und Subkulturen meine. (Auch hier gilt: Tradionen kann man beenden.) Deshalb setze ich mich dafür ein, dass im Asylverfahren sexistische Verfolgung als Anerkennungsgrund allgemein anerkannt wird:
pro asyl
Und darüber, dass die brutale deutsche Abschiebepraxis nicht zu den wohlfeilen Bekenntnissen zu Menschenrechten und Rechtsstaatlichkeit passen, brauche ich mich hoffentlich nicht lange auszulassen. Ein gesichtertes Aufendhaltsrecht für die (nicht allzuvielen) jahrelang hier lebenden Flüchtlingen würde Deutschland nicht belasten. Aber das (Tot-)Schlagwort "Asylantenflut" kommt bei bestimmten Kreisen gut an - genau so wie das von den notorisch "faulen Sozialsschmarotzern", alias Langzeitarbeitslosen. Aua!

Mit der IPPNW habe ich aber so meine Probleme. Wieso ausgerechnet "Ärzte gegen den Atomkrieg" jenen in den Rücken fallen, die eine nukleare Bewaffnung des Iran verhindern wollen (einschließlich der IAEA) ist für mich nicht verständlich.
Es sind, vermute ich, Ideologen, bei denen das Engagement für die (vermeindlich) “gute Sache” zum Realitätsverlust geführt hat. Selbst vor dem Verbreiten absurder Verschwörungstheorien schrecken die IPPNW nicht zurück. (Siehe meine "Serie" Leukämie und Mini-Atombomben.)

Samstag, 6. Mai 2006

"Wie ham ja soooo sehr aus unserer Geschichte gelernt ..."

Eine notwendige Ergänzung zum Beitrag Antisemitismus auf Schwedisch
Ein Problem des deutschen Umgangs mit Antisemitismus ist die Konzentration auf die Vergangenheit. Das ist dann problematisch, wenn es um die Auseinandersetzung mit Antisemiten geht, die weder "Deutsche" noch "Nazis" sind.
Hendryk M. Broder läuft manchmal, wenn er nicht mit seinen persönlichen Lieblingsfeinden beschäftigt ist, zu alter Form auf. Z. B. hier: Welcome, Mr. President!
Die Deutschen, die so stolz darauf sind, sich ihrer Vergangenheit zu stellen, haben keinen Bezug zur Gegenwart. Sie rufen „Wehret den Anfängen!“ und „Nie wieder 33!“ - und sie meinen es wörtlich. Nie wieder soll die NSDAP an die Macht kommen, und nie wieder soll die Judenfrage in Deutschland gelöst werden. Hitler war ein böser Mann, und wer den Holocaust leugnet, kommt vor Gericht. Was freilich im Nahen Osten passiert, ist eine andere Geschichte. Und wenn ein iranischer Politiker, der schon eine halbe Million iranische Kinder als Minenspürhunde im Krieg gegen den Irak geopfert hat, in aller Ehrlichkeit sagt, wie er sich die nächste Endlösung der Judenfrage vorstellt, so ist das zwar nicht nett, entbindet die Deutschen aber nicht von der Pflicht, gute Gastgeber zu sein.

So ist es eben, wenn man immer nur den Anfängen wehren will und das Ende der Geschichte nicht im Auge hat.
(Die als "Minenspürhunde geopferten Kinder" spielen auf die Zeit an, als Ahmadinejad zu den Revolutionsgardisten gehörte - die sich in der Tat nicht scheuten, im Krieg gegen den Irak massenhaft Kindersoldaten einzusetzen - vor allem für Minenräumarbeiten. Die Verluste waren schrecklich.)
Noch um einiges schärfer äußert sich Liza zu diesem traurigen Thema: Welcome to Germany!.
Da läuft etwas falsch, und zwar gründlich. Eine wirksame Alternative zum drohenden Krieg der USA (und Verbündeter) gegen den Iran wären wirtschafliche Sanktionen, zumal unter einem Krieg vor allem die keineswegs durch die Bank mullahfreundliche iranische Bevölkerung leiden würde - und das Regime aller Erfahrung nach im Kriegfall sie zuerst die "Verräter in den eigenen Reihen", sprich die gar nicht wenigen Oppositionellen, vorknüpfen würde. Am besten wäre natürlich eine Kombination aus Unterstützung der Opposition und gezieltem Boykott.
Wer könnte am wirksamsten Sanktionen verhängen? Richtig, die Deutschen!
„Wenn es unter den westlichen Nationen überhaupt eine gibt, die [dem iranischen Atomwaffenprogramm] mit wirksamen Sanktionen begegnen könnte, ist es die deutsche“, führte der deutsche Politikwissenschaftler Matthias Küntzel Ende letzten Jahres im Transatlantic Intelligencer aus. „Heute ist Deutschland mit konstanten Wachstumsraten von über 20 Prozent das mit Abstand wichtigste Lieferland für den Iran. So wurden in 2004 Güter im Wert von 3,6 Milliarden Euro aus Deutschland in den Iran exportiert. Gleichzeitig ist die Bundesrepublik der größte Abnehmer iranischer Nichtölprodukte sowie der größte Gläubiger des Iran.“
Und wer macht auf Appeasement? Na klar, auch die Deutschen! Wobei langfristig gesehen sowohl ein Krieg gegen den Iran (wohl mit deutscher Beteiligung) wie auch ein dank "Bombe" zur lokalen Großmacht avancierter Iran volkswirtschaftlich erheblich teuer kämen, als ein paar "Exportausfälle" - vor allem wenn Israel als wichtiger "High Tech"-Standort und stärkste Industrienation des "nahen Ostens" "ausfällt". Von ethischen und moralischen Fragen ganz abgesehen. Aber hierzulande haben ja leider die in Kostenstellen denkenden "Betriebswirte" das Sagen, auch jene, die sich manchmal "liberal" schimpfen.
Ahmadinejad hat leider auch "richtige" deutsche Freunde. Auf der äußersten politischen Rechten aufgrund weitgreifenden ideologischer Schnittmengen Allianz zwischen Neonazis und radikalen Islamisten? und Deutsche Neonazis solidarisieren sich mit 'islamischen Völkern' - idgr: Die unheilige Allianz zwischen Hakenkreuz und Halbmond
Der ideologische Kitt, der die deutschen Neonazis und die iranischen Mullahs zu Verbündeten macht, ist der Kampf gegen "Judentum" und vermeintliche Imperialisten. (Nur eine Frage der Zeit, wann man auf Seiten der NPD zwischen "guten" und "schlechten" Islamisten unterscheiden wird - und vielleicht sogar darauf kommt, dass "Iran" "Land der Arier" bedeutet .... )
Auf der politische "Linken" schlagen sich Leute wie Werner Pirker in der "Jungen Welt" nach dem Motto "der Feind meines Feindes ..." ganz "antiimperialistisch" auf die Seite eines Regime, das reaktionärer ist als alles, was es im Westen gibt. Siehe wieder mal Che, der hat da nämlich vollkommen recht: Es pirkert mal wieder - auch damit:
"antideutscher, philosemitischer, kryptorassistischer Mythos auf der einen Seite, antiamerikanischer, antizionistischer neostalinistischer Mythos auf der anderen."
Ich hoffe sehr, dass ich mit diesem Beitrag nicht zu weit in die antideutsche, philosemitische und kryptorasstische Ecke begeben habe.
zwischen Gut und Böse

Donnerstag, 4. Mai 2006

Yahoo im Dienst der Diktatur

don ruft zum Yahoo Boykott auf. Nach einigem Zögern machte ich Nägel mit Köpfen und löschte alle meine Flickr-Bilder - meine Yahoo-Freemail Adresse habe ich sowieso seit Monaten nicht mehr benutzt.
Wieso das? Deshalb:
Es klingt unglaublich: „Jeder Internet-Dissident in China, der einen Yahoo-Account hat, kann sicher sein, daß ihn der amerikanische Internet-Konzern an die chinesischen Behörden ausliefert“, sagt Julian Pain, Internetexperte der Organisation „Reporter ohne Grenzen“.
Der ganze Artikel der FAZ: Vor denen ist niemand sicher

Internationale Yahoo-Boykott-Gruppe: Boo Yahoo!

Auch übrigens: Anschleimen an die chinesischen Diktatoren ist in der Branche Usus - auch wenn die Kollaboration meistens "nur" bis zur Zensur reicht. Hier gibt es einen sehr aufschlußreichen Vergleichstest zwischen Google.com und Google.cn (China)
Google China Search Comparison

(Übrigens: auch in Deutschland ist Google zensiert, zwar mit einiger Berechtigung (Nazi-Seiten), aber trotzdem: Wenn es zu Recherchezwecken erforderlich sein sollte, solche Dreckseiten anzusufen, schafft ein Proxy mit US IP-Adresse da Abhilfe. Interessanterweise auch einer mit schwedischer IP.)

Antisemitismus auf Schwedisch

Eigentlich wäre es eine Marginalie: die schwedische Luftwaffe zieht sich von einer gemeinsamen Übung mit den Luftwaffen befreundeter Nationen zurück. Wäre da nicht die übel klingende Begründung: Schweden macht nicht mit, weil die Israelis auch dabei sind - womit Israel offensichtlich nicht mehr zu den befreundeten Nationen gezählt wird.
Verteidigungsministerin Leni Björklund sagte, sie habe ihre Entscheidung wegen der Teilnahme ‚eines Staates, der sich nicht an internationalen Friedenssicherungs-Einsätzen beteiligt’ geändert. Ein anderes schwedisches Regierungsmitglied argumentierte weniger diplomatisch: ‚Israel handelt nicht im Namen des Friedens und sollte nicht an einer solchen Darbietung teilnehmen!’
Liza äußert in seinem Blog den üblen, und wohl zutreffenden, Verdacht, dass diese Entscheidung nicht zuletzt dem in Schweden weit verbreiteten "Antizionismus" geschuldet ist. Alter Schwede!

Antisemitismus im friedlichen Musterland im Norden?
Über das rosarote Schwedenbild mancher Deutscher habe ich mich ja schon mal ausgelassen: Bullerbü ist überall. Meine schwedische Freundin äußerte einmal den Verdacht, der gute Ruf Schwedens in Deutschland würde auch daher kommen, dass man "als Schwede" Dinge sagen dürfte, die in Deutschland wegen der Nazivergangenheit "politisch inkorrekt" sind. Soweit es um Dinge wie Sonnenwendfeiern geht, wünsche auch ich mir etwas "nordische Lockerheit" bei angeblichen "Tabuthemen". Im Falle des Antisemitismus vermisse ich den "unbefangenen" Umgang vieler Schweden mit "NS-belasteten" Themen nicht im Geringsten.
Erst vor knapp zwei Monaten hatte eine Studie zutage gefördert, dass 36 Prozent der schwedischen Bevölkerung „eine mindestens ‚teilweise ambivalente‘ Haltung gegenüber Juden“ hat. Mehr als ein Viertel bejahten die Frage, ob „die Juden großen Einfluss auf die Weltwirtschaft haben“, genauso viele möchten „keinen Juden als Ministerpräsidenten“. Die Dunkelziffer ist vermutlich noch weit höher – derlei Umfragen fassen die Definition von Antisemitismus zumeist ziemlich eng.
Die Umfrageergebnisse sind in Deutschland übrigens nicht wesendlich besser. Der Unterschied: eine offen anti-israelische Position, die mit alten anti-semitischen Klischees arbeitet, ist in Deutschland, der "Auschwitz-Keule" sei Dank, die Sache von Rechtsextremisten und schäbigen Populisten. Im nicht "belasteten" Schweden ist diese Haltung tief im politischen Establishment verankert. Und auch um diese "Unbefangenheit" beneiden, fürchte ich, nicht wenige Deutsche ihre nördlichen Nachbarn.

Nachtrag: Schweden hat am 5. 5. als erstes europäisches Land einem Hamas-Minister, nämlich Atef Odwan. eine Einreisegenehmigung erteilt – Anlass ist eine von Palästinensern organisierten Konferenz in Malmö. Schweden bewilligt Hamas-Minister Visum

Und eine Klarstellung:
Nicht jeder Unterstützer der Palästinenser ist auch Antizionist. Nicht jeder Antizionist ist zwangsläufig Antisemit. Aber jeder Antisemit ist auch Antizionist.
Von daher ist mir jeder Palästina-Unterstützer äußerst suspekt, der es mit dem Existenzrecht Israels und der Ablehung des Terrorismus nicht so genau nimmt. Geschweige denn, jemanden zu einer Konferenz einzulande, der das Existenzerecht Israels offen ablehnt und in der Vergangenheit Terrorismus befürwortet hat.

Noch etwas: Ich finde die "Ausschwitz-Keule" - der Hinweis auf die besondere deutsche Verantwortung wegen des millionenfachen Mordes - ist ein zwar Wirksames, aber zu grobes Instrument, um Antisemiten zu stoppen. Zumal sie hat keinen Bezug zur Gegenwart hat.

Zur Frage, wie viele Antisemiten es in anderen europäischen Ländern gibt: Antisemitismus sinkt, Israelfeindschaft steigt in Europa. Deutschland liegt mit traurigen 36% der Befragten, die antisemitische Ressentiments an den Tag legten, ganz vorn.
Vielleicht noch schlimmer: 45 % der befragten Europäer glauben, dass Israel keinen Frieden im Nahen Osten wolle (und nur 7 % glauben, dass Palästina keinen Frieden will).

Nachtrag vom 17. Mai:
Da hamma den Salat: Hamas-Minister widerrechtlich in Europa.
Mit einem schwedischen Visum hat ein Mitglied der radikalen palästinensischen Hamas-Regierung mehrere europäische Länder besucht - trotz eines Verbots der Europäischen Union.

Dienstag, 2. Mai 2006

"Die Apokalyptische Matrix"

Es sieht so aus, als ob der apokalyptische Wahn zu einer globalen Kulturströmung geworden ist - und das die Gefahr eines weltweiten "Krieges der Religionen" (gern fälschlich als "Krieg der Kulturen" bezeichnet) durchaus real ist.
Die scharf religionskritische Giordano Bruno Stiftung weist in diesem Zusammenhang auf die Arbeit von Victor und Victoria Trimondi hin. Die als Kritiker der tibetischen Buddhismus bekannt gewordenen Trimondis zeigen in ihrem Buch "Krieg der Religionen", wie Fanatiker die Legitimation für Gewalttaten aus der apokalyptischen Literatur ihres jeweiligen Glaubens ableiten.

In einem vorab auf der Website der Giordano Bruno Stiftung veröffentlichten Artikel für die Zeitschrift MIZ fassen die Trimondis ihre Forschungsergebnisse und Ansichten auf wenigen Seiten zusammen.
Download des Artikels "Die Apokalyptische Matrix" (pdf)
Zusammenfassung der Buches auf der Website von Victor und Vitoria Trimondi: DIE APOKALYPTISCHE MATRIX - Kommt es zu einem Krieg der Religionen?

Das interessante am Ansatz der Trimondis ist, dass sie eine gemeinsame Struktur, eben die "apokalyptische Matrix", bei "fundamentalistischen", fanatischen Anhängern aller "Weltreligionen" finden:
Die apokalyptischen Matrix hat die Form eines „Dramas“ vom Untergang der Welt und ihrer Neuerstehung. Sie weist in allen Glaubensrichtungen die folgenden gleichen Inhalte, Handlungsabläufe und Zielrichtungen auf:
1. Die Geschichte der Menschheit ist der irdische Ausdruck eines kosmischen Krieges zwischen Gut und Böse, zwischen Licht und Finsternis. In diesem universellen Kampf stehen sich Gott und Satan, Engel und Teufel, Oberwelt und Unterwelt als unversöhnliche Feinde gegenüber. Wenn sich die Weltgeschichte der apokalyptischen Entscheidungsschlacht nähert, ist jeder Mensch gezwungen, sich für oder gegen Gott zu entscheiden.
2. Die gegenwärtige Periode in der Menschheitsgeschichte ist gekennzeichnet durch die zunehmende Herrschaft des Bösen, die sich ausdrückt im sittlichem Verfall und sexuellen Exzessen, in Ungläubigkeit, Korruption, Krieg, Gewalt, Ungerechtigkeiten, Verbrechen, Seuchen, Naturkatastrophen und Wirtschaftskrisen. Die Gegenwart, so wie sie ist, wird radikal abgelehnt.
3. Ein Dämon, der Satan oder dessen Stellvertreter, ergreift die Gewaltherrschaft über diese Welt der Niedertracht. Mit Vorspiegelungen, Betrug, Hinterhältigkeit, Manipulation, Terror und Mord zwingt er einen Großteil der Menschheit unter sein Kommando und wird zum Weltenherrscher. Dann versucht er nach dem Throne Gottes zu greifen.
4. Kurz bevor der satanische Welt-Imperator alle seine Ziele erreichen kann, inkarniert sich im letzten Augenblick das Gute in der Gestalt eines „Militanten Messias“, der als Anführer einer „kosmischen Armee“ aus Menschen und Überwesen (Engeln, Göttern, Heroen) mit extremer Härte, mit Zorn und mit gnadenloser Grausamkeit gegen die „Koalition des Bösen“, den Teufel und sein Pandämonium antritt und diese dann endgültig vernichtet. Beide Parteien kämpfen mit allen Arten von Massenvernichtungswaffen und setzen auch Naturkatastrophen und Seuchen als Kampfmittel gegeneinander ein.
5. Die Anhänger des „Militanten Messias“ bezeichnen sich als „Gotteskrieger“, die bereitwillig das Martyrium auf sich nehmen, um dadurch sofortige „Erlösung“ zu erlangen.
6. Vernichtet werden am Ende alle, die nicht den „wahren“ Glauben haben, erlöst werden dagegen alle Rechtgläubigen. Diejenigen, welche die apokalyptischen Kriege überleben, müssen sich einem Gericht stellen, das die restlichen Rebellen und Ungläubigen zu unsäglichen Höllenqualen verurteilt.
7. Nach seinem triumphalen Sieg über das Böse errichtet der „Militante Messias“ einen weltweiten, autoritativen „Gottesstaat“ (eine Theokratie oder eine Buddhokratie) mit dem eigenen Glauben als einziger Religion. Ein totalitärer Staat, in dem alle Gesetze von „Gott“ und nicht von den Menschen erlassen werden, in dem die absolute Macht durch ein militantes Priesterkönigtum ausgeübt wird und in dem die Frauen eine untergeordnete Rolle spielen, ist das Ziel jeder traditionellen Endzeitvision. Dieser religiöse Machtstaat wird in den apokalyptischen Schriften als das „Paradies auf Erden“ beschrieben.
8. 1000 Jahre (ein Millennium) lang dauert dieses paradiesische „Reich des Guten“. Danach geht es ebenfalls unter und der gesamte Planet Erde wird vernichtet.


Die allgemeine Gültigkeit der apokalyptischen Matrix für alle Glaubensrichtungen zeigt jedoch die ganze Absurdität des messianischen Endzeit-Wahns. Obgleich sie sich in einen gegenseitigen „Heiligen Krieg“ verstricken und sich in einer Konkurrenz um die Erlangung der Weltenherrschaft befinden, teilen die Apokalyptiker aller Religionen sehr ähnliche traditionalistische Wertvorstellungen insbesondere in ihrer konservativen Haltung gegenüber der Geschlechterfrage. Auch in ihren politischen Visionen ähneln sie sich. Vertreter der amerikanischen Christlichen Rechte, religiöse Zionisten, revolutionäre Islamisten, Hindu-Fundamentalisten und Dalai Lama Anhänger alle träumen von einer globalen Theokratie (bzw. Buddhokratie) ihres jeweiligen Höchsten Wesens. Insofern ist es im eigentlichen Sinne falsch vom „Kampf der Kulturen“ zu sprechen, denn die sich gegenseitig bekriegende „Kultur-Muster“ decken sich inhaltlich, strukturell und programmatisch in vielen Punkten. Die „Guten“ und die „Bösen“ im apokalyptischen Welttheater sind einander sich bekämpfende „Brüder“, die vom selben zerstörerischen dualistischen Geist, wenn auch jeweils mit umgekehrtem Vorzeichen, getrieben werden.
Interessant ist übrigens, dass sich Elemente dieser "apokalyptischen Matrix" auch bei "Fundamentalisten" weltlicher Heilsbewegungen, wie z. B. dem Kommunismus, finden lassen.
Die Gefahr religiöser Gewalt stammt nach Ansicht der Trimondis aus den Religionen selbst, aus ihrer blutigen Vergangenheit, insbesondere jedoch aus ihren Heiligen Texten. Das heißt, Toleranz und Friedfertigkeit sind nur Oberflächenphänomene, die jederzeit von "authentischeren", fanatischen, kriegerischen religiösen Strömungen hinweggeschwemmt werden können.

Mir stößen allerdings schon bei der Zusammenfassung zwei Dinge unangenehm auf:
Die Trimondis kultiviren wieder einmal ihr bevorzugtes Feindbild, den tibetischen Buddhismus, eine in der Praxis ausgesprochen friedfertige Religion. Wie schon in ihren umstrittenen Buch "Der Schatten des Dalai Lama" stellen sie dabei das Kalachakra-Tantra-Ritual in den Mittelpunkt, in dessen Mittelpunkt in der Tat ein apokalyptischer Text steht, in dem von einer "Letzten Schlacht zwischen Buddhisten und Muslimen" die Rede sein soll. Das wirkt sich allerdings weder auf die Rhetorik des Dalai Lama, noch auf die auf eine parlamentarische Demokratie und gewaltfreier Kompromiss-Lösung des Tibet-Konfliktes hinarbeitende tibetische Exilregierung, noch auf die von Dalai Lama in der Öffentlichkeit vertetenenen philosophischen, sprituellen und religiösen Lehren aus. Es ist gut möglich, dass es einen militanten buddhistischen Fundamentalismus gibt - die Trimondis nennen den „apokalyptischen Terrorismus“ des japanischen Sekten-Gurus Shoko Asahara (der allerdings schwerlich dem tibetischen Buddhismus nahestand - und auch vom japanischen Zen-Buddhismus nur das übernahm, was ihm in den Kram passte).
Es ist meines Erachtens aber ziemlich paranoid, den tibetischen Buddhisten und dem Dalai Lama zu unterstellen, sie wären insgeheim gewaltbereite Streiter für eine weltweite "Buddhokratie".

Der zweite Punkt ist die fast zur Quasi-Religion geronnene Religionsfeindschaft der Trimondis (bei der Lektüre ihres Dalai Lama-Buches kam mir der Begriff "strenggläubige Atheisten" in den Sinn). Genauso, wie einige militante "Muselfresser" den Islam an sich für eine gefährliche, menschenverachtende und gewaltigbereite Ideologie halten, so halten die Trimondis offensichtlich alle Religionen für gefährliche, menschenverachtende und gewaltigbereite Ideologien. Wobei sie sich in ihrem Pessimismus und ihrer Kompromisslosigkeit ironischerweise gar nicht mehr so sehr von religösen Apokalyptikern unterscheiden.

(Ich nehme die Gelegenheit war, auf diese meiner Ansicht nach sehr unterstüzenswerte Petion der Giordana Bruno-Stiftung hinzuweisen: "Nicht den Bock zum Gärtner machen!“ GBS-Petition gegen die religiöse Fundierung von Bildung und Erziehung . Amüsantes Detail: ich stehe auf der Unterschriftenliste genau unter dem Schriftsteller Max Kruse ("Urmel aus dem Eis").

Montag, 1. Mai 2006

Von beliebten Maibäumen und beliebten Geschichtsklischees

Mein lieber Mai, wie schon seit Jahrzehnten ("neuerdings") entdeckt die Presse bei passender Gelegenheit wieder mal, dass "neuerdings" altes und neues folkloristisches "Brauchtum" "wieder beliebter" wird. Anlaß dieses von zahlreichen Zeitungen übernommenebn dpa-Artikels war die prosaische Mitteilung des Hauptverband der Deutschen Holzindustrie, dass dieses Jahr rund 38 000 Maibäume aufgestellt werden, so viele wie schon seit Jahren (wie vielen Jahren?) nicht mehr.
Maibäume wieder beliebter

So eine holzige Nachricht paßt nicht zum Frühlingsfest, das der 1. Mai außer dem "Kampftag der Arbeiterklasse" bzw. der passenden Gelegenheit für Gewerksschaftsfunktionäre, Basisnähe zu demonstrieren / vorzutäuschen, ja immer war und ist. Also fragt man einen Volkskundler. Und der hat in der Tat Interessantes zu vermelden:
Entgegen weit verbreiteter Meinung wurzelt der Maibaum aber nicht in germanisch-heidnischen Bräuchen. "Das ist alles Unfug und Fantasiererei", erläuterte Döring. So gehe auch die Geschichte, bei den Germanen habe der 1. Mai als Hochzeitstag Wotans und der Göttin Freia gegolten, auf die "nationalromantische Mythologie" des 19. Jahrhunderts zurück. Damals sei krampfhaft versucht worden, Bräuche auf die germanisch mythische Vorzeit zurückzuführen.
So weit, so gut. Nun aber kommts:
Der 1. Mai sei eigentlich erst durch den fränkischen König Pippin im 8. Jahrhundert zu etwas Besonderem geworden. Dieser habe die Heerschau vom 1. März auf den 1. Mai verlegt. Im Anschluss daran wurden Ritterspiele ausgetragen und auf den Plätzen ein Baum errichtet, als Mittelpunkt und Zeichen dieser Feste, erklärte Döring. Dies sei vermutlich die historische Wurzel des Maibaums. Seit dem 13. Jahrhundert seien so genannte Mairitte oder Maiumzüge bekannt. Dabei seien die Wege mit frischem Grün geschmückt worden. Auch in der Minnelyrik hätten Maibaum und frisches Grün als Zeichen für die Liebe dem Forscher zufolge Eingang gefunden.
Äh, mhm - also der König Pippin war's also. (Welcher? Pippin war unter den Karolingern ein überaus beliebter Name! Nehmen wir mal an, das "Pippin der Kurze" gemeint ist, der mit "Bertha der Großfüssigen" einen Sohn hatte, der als "Karl der Große" in die Geschichtsbücher einging.) Wobei Urkunden aus dem frühen Mittelalter mit Vorsicht zu genießen sind, gerade wenn ihnen irgend einem Herrscher irgend etwas Volkstümliches zugeschrieben wird. Nebenbei: "Ritterspiele" wären für das 8. Jahrhundert anarchronistisch, jedenfalls wenn man darunter so etwas wie die hoch- und spätmittelalterlichen Tourniere vorstellt. Selbst wenn die historische Anekdote wahr sein sollte: Wie und warum kam Pippin dann ausgerechnet auf die Idee mit dem Baum?

Döring hat damit recht, dass die Nationalromantiker des 19. Jahrhunderts krampfhaft versuchten, Bräuche auf die "germanisch mythische" Vorzeit zurückzuführen. Sogar bei an sich seriösen Forschern wie Jakob Grimm ("Die deutsche Mythologie") finden sich Mutmaßungen zur frühgeschichtlichen Herkunft vielen Volkbräuche, die einer kritischen Überprüfung nicht standhalten. Allerdings muß man Grimm zugute halten, dass er Vieles noch nicht wissen konnte, und das er keineswegs, wie die "völkischen" Germanentümler des 19., 21. und frühen 21. Jahrhunderts, alles und jedes den "alten Germanen" zuschrieb. Slawische und baltische Mythologien flossen in seine Betrachtungen ebenso selbstverständlich ein wie indische, altgriechische oder hebräische Überlieferung.
Anders bei den Nationalromantikern, die in der Tat alle "fremdländischen Bräuche" aus dem "deutschen Volkskörper" entfernen wollten - und wenn ein Brauch tief im Volke verwurzelt war, dann mußte er nach "völkischer" Überzeugung notwendigerweise germanisch sein, egal, wie viele Quellen in die römische, keltische, slawische oder - der Horror jedes "Nationalromatikers" vom rechten Schrot und Korn! - in die jüdische Richtung wiesen.

Was den Maibaum angeht, fehlen meines Wissens Quellen oder archäologische Hinweise darauf, dass seine Vorgänger einst zu Ehren Wotans und Freias errichtet wurden. Allerdings: Ausschließen läßt's sich auch nicht, entsprechende unbewiesene Mutmaßungen sind eben unbewiesene Mutmaßungen, und nicht von vornherein "Unfug und Fantasiererei".
Was es allerding gab (und gibt!) war das keltische Frühlingsfest Beltaine, begangen am 2. Frühjahrsvollmond oder am 30. April und 1. Mai.
Es fand Eingang in die irokeltische Kirche, mitsamt einigen Bräuchen, in deren Mittelpunkt unzweideutig die Fruchbarkeit - sowohl der Äcker wie der Lenden - stand. Selbst überzeugte Nicht-Freudianer werden im Maibaum unschwer ein zu diesem Anlaß angemessenes Phallus-Symbol erkennen.
Es ist leicht erklärbar, wie ein keltischer (und im Kern heidnischer) Brauch in das mittelalterliche Deutschlang gelangen konnte: Einmal durch irokeltische und durch Irokelten beeinflußte angelsächsische Missionare. Zum Anderen auch durch keltische Traditionen, die in römischer Zeit "überlebt" hatten - westlich des Rheins und südlich der Donau herrschte auch nach dem Abzug der Legionen eine "gallorömische" Bevölkerung - im wesendlichen romanisierte Kelten - vor. (Während die "Germanen" auf der anderen Seite des ehemaligen Limes zum Teil germanisierte Kelten gewesen sein dürften.)

Wenn der gute König Pippin tatsächlich seine Heerschau vom 1. März (dem traditionellen Termin nach römischer Tradition) auf den 1. Mai verlegte, dann werden ihn nicht nur praktische Gründe, z. B. das Wetter, dazu bewegt haben. Für einen "Heerschautermin" liegt der 1. Mai nämlich eigentlich zu spät, von Karl "dem Großen" ist z. B. bekannt, dass er seine Feldzüge gerne möglichst früh im Jahr startete.

Die Vorstellung, bestimmt Bräuche unbedingt auf bestimmte "große" historische Persönlichkeiten zurückführen zu wollen, ist meiner Ansicht nach ebenso fragwürdig, wie die nationalromantische Alles und Jedes auf die "alten Germanen" zurückführen zu wollen. Dahinter steckt die Vorstellung, dass Alles und Jedes irgendwann einmal "von oben herab" eingeführt wurde.

Was gerade in der nationalistischen Geschichtsschreibung gang und gebe war. Das klänge im Fall "1. Mai" dann so.
"Ein deutscher König - nun gut, Pippin war fränkischer König - also: ein ur-deutscher König führt ein wahrhaft deutsches Fest ein!" (Weitergesponnen, im Sinne des deutsch-nationalen Militärkultes: "Diese gross-arrtige Trraddizzionn stammtt selpstt-verrrstänt-lich von einerr Heerrschau herr, ja-woll!")

Sonntag, 30. April 2006

Was wirklich wichtig ist ... (II)

... und da ich schon mal dabei bin. Auch so ein Thema, das von unseren Massenmedien gern "vergessen" wird, obwohl dort weitaus mehr Menschen umgebracht werden, als z. B. im Irak. Aber es ist schließlich "nur" Afrika.
liberale stimme: Online-Demo: Helft Darfur!
In Washington D. C. findet heute eine große Demonstration gegen den Völkermord in der sudanesischen Provinz Darfur statt Darfur Rally - über die in unseren Medien kaum berichtet wird.
Die bisherigen Versuche der internationalen Gemeinschaft, den im Südsudan stattfindenden Vertreibungen und Massenmorde zu stoppen, waren bei weitem nicht ausreichend. Deshalb möchte ich auch auf diese Aktion aufmerksam machen.
Siehe auch: UNICEF 'sounds alarm' for Darfur's children
(Ja, ich bin nicht immer "Pazifist"!)

Nachtrag: die Regierung des Sudan hat den von der Afrikanischen Union vorgeschlagenen Friedensvertrag formell akzeptiert: Sudan govt formally accept Darfur peace deal, rebels not yet. Immerhin ein Anfang ...

Und damit hat che vollkomen recht: Radio Africa

Noch ein Nachtrag, ein Link zur Liberalen Stimme: Friedensgespräche im Sudan stehen vor dem Aus.

Nachtrag vom 2. Mai: tageszeitung: Niemand hilft den Helfern in Darfur

Was wirklich wichtig ist ...

... schafft es oft nicht in die "mediale Öffentlichkeit".
Zum Beispiel, wenn jemand wirklich den Hintern hochkriegt, selbst Initative zeigt, ein sinvolles Konzept ausarbeitet und in Tat umsetzt - z. B. indem er Mütten nicht nur einfach (sinnvolle) Computer Kurse anbietet, sondern sich auch Gedanken um den Umstand macht, dass, wenn die Mütter solche Kurse besuchen, ja die Kinder irgendwie versorgt werden müssen. PC Mamis.
Reaktion der "Medien" bislang: Desinteresse. sagichdoch: pc-mamis.

Es ist ein kleines Beispiel, aber nicht untypisch: Dem lautstarken Lob der Eigeninitiative steht ein weitgehendes Desinteresse an wirklicher Eigeninitiative gegenüber.

Es ist für mich offensichtlich, dass wirkliche Eigeninitiative eher unbequem zu sein scheint und für die Medien wenig “Nachrichtenwert” hat - weniger jedenfalls als die beliebte "Deutsche Kombination" aus Angstmache, Selbstmitleid und Hetze.

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