Samstag, 29. April 2006

Keltengarten und Keltentempel

In Steinbach am Donnersberg (Rheinland-Pfalz), wurde 2004 ein aus sechs originalgetreuen Gebäuden bestehehendes Keltendorf eröffnet. Es ist die Rekonstruktion eines typischen Flachlanddorfs der "spätkeltischen" Zeit unmittelbar vor der Eroberung durch die Römer. Besucher können sich dort nach Anmeldung über das Leben der Kelten informieren und sich unter anderem im Bogenschießen oder Lehmbau üben. Am Donnersberg befand sich eine der mit ca. 8 km Umfang größten keltischen Ringwallanlagen.
Keltendorf Steinbach
Am 29. April erhielt das Freilichtmuseum eine einmalige neue Attraktion: den "Keltengarten", ein Projekt des Naturschutzbundes. Auf einer über sechs Hektar großen Fläche wurden Pflanzen angebaut, die von den Kelten für Heilzwecke, in der Küche sowie zur Herstellung oder zum Färben von Textilien verwendet wurden. Auf Schautafeln wird über die Bräuche und Lebensgewohnheiten der vorrömischen Kelten informiert. In einer Allee der "magischen Bäume" wurden Baumarten gepflanzt, die zur Zeit der Kelten vor mehr als 2.000 Jahren heimisch waren.
sdr:"Keltengarten" lädt ein

Aus etwa der gleichen Zeit vor etwas über 2000 Jahren stammt eine "gallorömische" Tempelanlage auf dem Martberg bei Treis-Karden an der Mosel. Sie wurde noch in vorrömischer Zeit errichtet und in römischer Zeit weitergenutzt.
Am Samstag, dem 29. April 2006 wurde die Rekonstruktion zweier Bauten der Anlage eröffnet: der zentrale Haupttempel und eines der zahlreichen kleineren Nebengebäude.
2000 Jahre alte Kultstätte wieder aufgebaut

Layoutanpassung

"Stammleser" werden bemerkt haben, dass ich mein Senfblog optisch seinem Namen anpaßte und mich am Layout zuschaffen gemacht habe. Bei der Gelegenheit habe ich auch ein wenig bei den Themen aufgeräumt.

Tag der "Erneuerbaren Energien"

Heute. am 29. April, ist der "Tag der erneuerbaren Energien". (Siehe: Ernergietag.de.) Die Kampagne hat das durchaus wörtlich zu verstehende Motto: "Unendlich viel Energie". Es ist im Prinzip mittelfristig möglich, den gesamten Energiebedarf der Menschheit aus "regenerativen Quellen" (also in letzter Konsequenz: Sonnenenergie und Erdwärme) zu decken. (Langfristig bleibt ohnehin kaum eine andere Möglichkeit.) Dieses Ziel ist übrigens ohne Weiteres ohne Einschränkungen des Lebensstandards, geschweige denn Rationierungen, zu verwirklichen - also "Wohlstand für alle" (auch in den heute armen Ländern) statt "energieoptimierten Erziehungsanstalt" und "asketischer Weltgemeinschaft" unter der gütigen Führung irgendeines "ökologischen Wächterrates" (oder Grundwerte-Parlament, Rat der Weisen oder "Weltzukunftsrat").

Schon jetzt sind die "erneuerbare Energien", obwohl sie teilweise noch arg am Subventionstropf hängen (was bei neu eingeführten Technologien aber eher die Regel als die Ausnahme ist), eine Erfolgsgeschichte. Allein in Deutschland beschäftigt die Branche gegenwärtig 170.000 Menschen und will bis 2012 etwa 70 Milliarden Euro investieren. Das Wort von der "Jobmaschine erneuerbare Energie" ist so falsch nicht, "Exportschlager" ist sie schon jetzt, in einigen Jahren könnte sie statt Subventionsempfänger Konjunkturmotor sein.

Es liegt aber nicht nur an technischen und ökonomischen Anlaufschwierigkeiten, dass die erneuerbaren Energien sich schwer tuen. Kurzfristig gibt es nämlich Leidtragende einer "Energiewende", und zwar die energieintensiven Industrien, denen vor allem an "billiger Energie" gelegen ist.
Siehe dieser Artikel bei "Lobby Control"
Europäische Energiepolitik von der Industrie dominiert

Z. B. wird die "Europäische Kommision für Wettbewerbsfähigkeit, Energie und Umwelt" von wirtschaftlichen Interessen dominiert, besonders der energieintensiven Wirtschaft.
Neben vier Mitgliedern der EU-Kommission, vier nationalen Wirtschafts- und Handelministern und vier Europaparlamentariern gibt es 18 externe Mitglieder. Zwölf davon kommen aus der Wirtschaft (inklusive eines Vertreters der Lobbygruppe World Business Council on Sustainable Development, der von der EU-Kommission als NGO-Vertreter gezählt wird …). Dazu kommen zwei Vertreter von Regulierungsbehörden, je ein Vertreter von Verbrauchern und Gewerkschaften und zwei Vertreter von Umweltverbänden (WWF-USA und das Europäische Umweltbüro EEB). (...) Auch innerhalb der Wirtschaft ist die Zusammensetzung einseitig: energieintensive Industrien wie Zement, Aluminium, Stahl, Papier und Chemie sind stark vertreten. Dagegen fehlen Vertreter aus dem Sektor regenerative Energien oder die neuen Konkurrenten der traditionellen Energieversorger völlig.
Es gibt aber durchaus erklärte Lobbyisten der "Erneuerbaren Energien", wie z. B. e5.
Ein Hoffnungsschimmer? Nicht unbedingt - denn selbstverständlich leiden auch diese "guten" Lobbyisten unter den üblichen Begleiterscheinungen des Lobbyismus und der PR-Branche. So läuft die Arbeit der e5 fast ausschließlich über die Schiene "Klimaschutz" - "Climate is business" - was zweifellos öffentlichkeitswirksam ist, aber Probleme aufwirft. Selbst wenn man Lobbyisten, die ein Interesse an möglichst schlimmen Klimaprognosen haben, als notwendiges Gegengewicht gegen Lobbyisten (z. B. aus der Öl- und Kohlelobby) sieht, die ein Interesse an möglichst "harmlosen" Klimaprognosen haben, bleibt ein fahler Nachgeschmack. Mit der Freiheit der Wissenschaft und sachlicher, möglichst wahrheitsgemäßer Information der Bürger hat beides nichts zu tun. Und vor der Illusion, e5 würde in erster Linie die Interessen der "mittelständischen Wirtschaft" im Auge haben, sollte man sich auch hüten: Members.

Freitag, 28. April 2006

Bloggen gegen AIDS

Normalerweise übernehme ich keine Beiträge, aber diese Aktion halte ich für so wichtig, dass ich den Text einfach von Sven kopiere.
Die UNICEF ruft Blogger zur Unterstützung einer Unterschriftenaktion im Rahmen der Kampagne "Du und ich gegen AIDS" auf, mit der von Regierung und Industrie stärkere Anstrengungen im Kampf gegen AIDS gefordert werden soll.
AIDS bedroht Kinder in ganz besonderem Maße. Die tödliche Immunschwäche macht nicht nur Millionen von Minderjährigen zu Waisen. Durch die Übertragung des HI-Virus im Mutterleib und bei der Geburt kommen zudem unzählige Neugeborene todkrank auf die Welt.
Unterschriftenaktion
Unterschreiben Sie die Forderungen von UNICEF and die Pharmaunternehmen und die deutsche Bundesregierung. Sie können auch einen Satz formulieren, warum Sie mit UNICEF gegen AIDS kämpfen.
Auf der Aktionsseite der UNICEF gibt es Infos und für den der's mag auch Material zum auf die eigenen Seiten friemeln, z.B. einen Counter, der den Stand der Unterschriftenaktion zeigt oder ein Kasten, der zufällig ausgewählte Statements von Unterzeichnern auf die eigene Seite schaufelt.

Die Kampagne fordert u.a., die Preise für Medikamente zu senken, Medikamente für Kinder entwickeln, Aufklärung und Schule für alle und eine Aufstockung der Entwicklungshilfe.

(Achso, nicht nur bloggen, auch Unterschreiben nicht vergessen? ;-) )
Kleiner Nachtrag, mit Dank für die Anregung an Pantoffelpunk: Auch wenn die katholische Kirche neuerdings bei AIDS-Kranken ein Kondom nicht mehr in jedem Fall für ein Ticket Richtung Hölle zu halten scheint:
Stop AIDS

(Die repressive und tabugeladene katholische Sexualmoral - wie auch die vergleichbare Sexualmoral anderer Religionsgemeinschaften - ist im Falle AIDS-Bekämpfung nämlich extrem kontraproduktiv! Trotz der bescheidenen Ansätze für eine etwas realistischere Haltung des Vatikans.)

Übrigens, liebe Trolle - ich bin ja kein atheistischer Popenfresser. Auch ich bin durchaus spirituell und sogar "religiös" - auf meineWeise:
Pagan

Geht doch - Anti-Nazi-Austellung findet statt

Gerade in der Morgenzeitung (dem "Hamburger Abendblatt") gelesen und zum Glück auch online verfügbar: Harburg zeigt umstrittene Ausstellung

Es geht dabei um eine von der Bundesregierung geförderte Ausstellung der DGB-Jugend "Rechte Jugendkulturen - zwischen Lifestyle, Clique und Partei", die nun doch Hamburg-Harburg und wahrscheinlich auch im Herbst im Bezirk Eimsbüttel gezeigt werden wird.
Im März hatte der Harburger Bezirksamtsleiter Torsten Meinberg die Ausstellung im Harburger Rathaus aus angeblich "technischen und räumlichen" Gründen abgelehnt. Zur Absage aus dem Harburger Rathaus kam es laut "Abendblatt", weil dem Bezirksamt das Programm zur Ausstellung als "zu aufwendig" erschien. Die DGB-Jugend vermutete dagegen eher politische Gründe für die Ablehnung.

Donnerstag, 27. April 2006

"lechts" und "rinks"

(Angeregt durch die Diskussion: "Was ist linksliberal"?)
Wie che, mit dem ich nicht immer einer Meinung bin, würde ich gern das politische Koordinatensystem dreidimensional gestalten: Nicht nur "rechts-links", sondern auch "vorne-hinten" oder "oben-unten". So ähnlich, wie in der Französischen Revolution schon einmal üblich gewesen war.

Einen ersten Schritt in diese Richtung unternimmt dieser politische Selbsttest, nicht aus dem Heimatland der Revolution, aber aus der (Wahl-)Heimat der (echten) Querdenker - Britannien.
Political Compass
Der Ansatz ist zweidimensional. In der "Horizontalen" gibt es eine ökonomische Skala - "rechts - links", wobei "rechts" für einen ungebremsten Kapitalismus steht, "links" für eine konsequente Kollektivwirtschaft. Die Extremwerte sind "Kommunismus" und "Neo-Liberalismus".
In der "Vertikalen" liegt die soziale Skala - "autoritär - libertär", grob gesagt ein Maßstab der Freiheit des Einzelnen gegeüber der Zentralgewalt. Die Extremwerte sind "Faschismus" und "Archarchismus". (Entgegen der üblichen politischen Einordnung, dass das Gegenteil von "Faschismus" "Kommunismus" sei.)
Sehr erhellend ist die Einordnung bekannter Personen auf dieser Skala: Hitler steht z. B. auf der sozialen Skala ganz "oben", da ultra-autoritär, aber ökonomisch relativ nahe bei der Mitte. Stalin liegt ganz "links oben". George W. Bush steht ökonomisch sehr weit "rechts" und sozial ziemlich weit "oben" (autoritär), was niemanden überraschen wird, aber auch Tony Blair (theoretisch Sozialdemokrat) steht mitten im rechten oberen Quadranten.

Ein Blick auf die deutsche Parteienlandschaft erklärt so Einiges. Der oberer linke Quadrant (autoritär, links) ist leer (hier würde ich die DDR-Nostalgiker innerhalb der PDS einordnen), im unteren linken Quadranten finden sich, die "Linken" (deutlich links, leicht libertär), rechts von ihnen (leicht links, leicht libertär) die "Grünen". Der untere rechte Quadrant ist wieder leer, was heißt, dass sich fast alle deutschen Parteien im rechten, oberen Quadranten ballen. Am autoritärsten natürlich die NPD, die ökonomisch allerdings in der Mitte steht. Die CDU ist deutlich autoritär und ökonomisch recht weit "rechts". Die SPD ist weniger autoritär, aber immer noch erkennbar über der Mitte, und liegt ökonomisch erkennbar rechts der Mitte. Die FDP schließlich ist nur leicht autoritär, dafür ökonomisch stramm "rechts", sprich kapitalistisch.

Sonderlich überrascht hat mich das Ergebnis nicht, aber die graphische Darstellung macht deutlich, wie leicht es z. B. ist, von eine vermeindlich "linken" Postion zu einer vermeindlich "rechten" Position zu kommen - und das "überraschende" Koalitionen und Zweckbündnisse im Lichte dieses zweidimensionalen Darstellung gar nicht so unplausibel sind, wie sie nach konventioneller "Gesäßgeographie" sind. (Und bezogen auf Dr. Dean "linksliberale" Blogroll: die gelisteten Blogger scheinen, vorsichtig formuliert, "links unten" zu stehen. Jedenfalls dem Augenschein nach.)

Völlig zufrieden bin ich mit dem 2-D-System noch nicht. Ich schlage statt dessen folgende Koordinaten vor:
x-Achse - "ökonomische Selbstbestimmung" - (Maximalwert: Anarchokapitalismus - Minimalwert: totale Planwirtschaft)
y-Achse - "persönliche Selbstbestimmung" - (Maximalwert: "alles geht", keine Verbote (auch nicht von harten Drogen), keine Tabus, Minimalwert: "Überwachungsstaat".)
z-Achse - "Gleichheit" - (Maximalwert - völlige Egalität - Minimalwert - "Maximierung der Ungleichheit" (Ständestaat mit starrer Hierarchie und "Führerprinzip".)
Das ist natürlich nur eine erste Skizze, daran ist noch viel Arbeit notwendig

(Auch übrigens: ich stehe laut Testergebnis ziemlich weit "links" und ganz weit "unten".)

Mittwoch, 26. April 2006

Ein schöner Frühlingstag, vor 20 Jahren,

Am Samstag, dem 26. April 1986, dem Tag, als der Reaktor im Block IV des Atomkraftwerks Tschernobyl explodierte, wußte ich noch nichts von der größten Katastrophe in der Gesichte der zivilen Kernenergienutzung. Erst am Montag, dem 28. April, erfuhr ich davon. Deshalb erinnere ich mich nur an ein schönes Frühlingswochende.

Als die Angestellten des schwedischen Atomkraftwerks Forsmark - 1300 km von Tschernobyl entfernt - beim Schichtbeginn am Morgen des 28. Aprils 1986 die Kontrollschleusen passierten, schlugen die Strahlungsmonitore Alarm. Aber die Strahlung kam nicht, wie zuerst vermutet, aus dem Inneren des Reaktorgebäudes, sondern von außen. Das war der erste Hinweis auf eine nukleare Katastrophe, irgendwo im damaligen Ostblock, der die Weltöffentlichkeit erreichte. Am Abend folgte eine dürre Meldung der amtlichen Moskauer Nachrichtenagentur TASS, im ukrainischen Kernkraftwerk Tschernobyl habe sich eine Havarie ereignet. Über Art und Ausmaß des Unfalls wurde nichts mitgeteilt.

Schon einige Jahre vorher stolperte ich zum ersten Mal über die Abkürzung "RBMK" und den Ortsnamen "Tschernobyl". Ich befasste mich mit der bereits 1979 veröffentlichten Deutschen Risikostudie Kernkraftwerke (Phase A), jener beunruhigenden Studie, die für einen Kernschmelzunfall in einem Kernkraftwerk, bei dem der Reaktorkern vollständig in die Umwelt entweicht, bis zu 17 000 Soforttote und 110 000 tötliche Erkrankungen infolge der Strahlenwirkung errechnete.
Zu dieser Studie gehörte, als Anhang, eine Einschätzung des Gefahrenpotenzials der verschiedenen Reaktortypen. Dabei stach ein Reaktortyp als gerade abenteuerlich riskante Konstruktion hervor: der "Reaktor Bolschoj Moschnostij Kanalnij", der "Kanalreaktor großer Leistung. Ich dachte bei mir: Wenn es den "Supergau" irgendwann mal gibt, dann wahrscheinlich bei dieser Bauweise. Und hoffentlich nicht am Standort Leningrad (heute: St. Petersburg), am Rande einer Millionenstadt! (Dieses RBMK-AKW ist übrigens immer noch im Betrieb.)

Der Risiko-Reaktor RBMK resultierte übrigens aus dem Bestreben, einen möglichst wirtschaftlichen Reaktor zu bauen. Kein anderer Kernkraftwerkstyp liefert so billigen "Atomstrom" - und als willkommenes "Nebenprodukt"waffenfähiges Plutonium - wie diese konstruktionsbedingt unsichere Reaktorlinie.
Was auch der Grund sein dürfte, dass noch 1994 - acht Jahre nach "Tschernobyl" - ein neuer RBMK ans Netz ging.

Wikipedia: RBMK
Sicherheit von Kernkraftwerken

Der Reaktortyp von Tschernobyl:
Der RBMK-Reaktor und seine Konstruktionsfehler


Kernkraftwerke in Osteuropa (mit Risikoeinschätzung)

Nachtrag: Ein bezeichnendes Zitat aus der Website Tschernobyl - Chronik einer technischen und menschlichen Katastrophe
Alla Jaroshinskaja, die diese Vernebelungstaktik der Machthaber am eingehendsten untersucht hat, dokumentierte den verharmlosenden, ja realitätsfernen Satz der Machthaber: Nichts bedroht die Gesundheit unserer Kinder.Die von ihr im April 1992 heimlich kopierten Unterlagen aus dem Kreml beweisen, daß die Machthaber selber erstklassig informiert wurden. Das gefährlichste Element, schrieb Jaroshinskaja damals in der Berliner "Tageszeitung", das der Reaktor in Tschernobyl ausgekotzt hat, fehlt in der Periodentafel der Elemente: Sein Name ist Lüge-86

Dienstag, 25. April 2006

Wer das Weltbild stört, wird gekillt!

Ich war nie in Dahab, deshalb überlasse ich das Wort besser denen, die diesen Ort kennen und lieben:
Che: Zu Dahab
Klaus N Punkt: Scheißblödes Gefühl

Warum dieses Attentat gegen einen ägyptischen Touristenort? Es wird, seitens der Sympatisanten der mutmaßlich fanatisch islamistischen Attentäter, sicher nicht an scheinlogischen Begründungen fehlen. Und nicht an rationalisierenden Erklärungsversuchen. Klar, Tourismus ist eine wichtige Einnahmequelle Ägyptens, also ist es "logisch" für einen Feind der ägyptischen Regierung, diese Einnahmequelle zu vernichten. Dass darunter zuerst und vor allem die einfache Bevölkerung leidet, tut diesen Überlegungen kein Abbruch, denn: Je schlechter (es den Leuten geht) desto besser (für uns gewaltätige "Revolutionäre"). (Seit Lenin denken auch nicht-kommunistische terroristische "Revolutionäre" mit Vorliebe "dialektisch".) Der Terror trifft ein armes Land an seiner empfindlichsten Stelle.
Klar auch, egal ob die Attentäter aus dem Ausland kommen oder zur einheimischen islamofaschistischen Gamma Islamija gehören: ihr "Feindbild" ist der "Westen" an sich.

Es ist meines Erachtens auch kein Zufall, dass es gerade den Sinai trifft, gerade die ziemlich undogmatischen und sehr gastfreundlichen Beduinen.

So wenig, wie es ein Zufall war, dass damals, während der Fußball-WM 1994, ein Bombenattentat einen Pub traf, in dem katholische und protestantische Fußballfans gemeinsam ein Spiel der irischen Mannschaft verfolgten. Wer sich als "Ire" fühlt, und erst dann als Prostestant, der ist, in der Logik der Attentäter, "ehrloser Verräter". So wenig, wie es ein Zufall ist, dass Antisemiten sich mit Vorliebe auf "assimilierte" Juden stürzen. So wenig es Zufall ist, das Rechtextremisten leugnen, dass die Integration von Einwanderer funktioniert. So wenig es Zufall ist, dass "Ehrenmorde" vor allem jene Frauen zum Opfer fallen, die erfolgreich vorleben, dass (islamische) Religiösität und ("westlicher") selbstbestimmter Lebensstil durchaus zusammengehen.

Ideologen (egal welcher politischen Ausrichtung) stützen sich aller Erfahrung nach ausschließlich auf die Denkfigur der Ja-Nein-Logik, auch da, wo dies von der Sache her nicht begründet ist. Das heißt, ein Ideologe kann weder kritischen Widerspruch noch gar eine Form von Neutralität zulassen. Wo er sie wahrnimmt, muß er sie "entlarven": Wer nicht für ihn ist, ist gegen ihn.
Das Prinzip geht über die Realität.
Wenn es in der Realität Moslems gibt, die friedlich mit den verachtenswerten "Kreuzrittern" zusammenleben, dann können es keine wahren Moslems sein, sondern müssen ehrlose Verräter sein! Wenn "Kreuzritter" die Kultur und die Menschen eines islamischen Landes schätzen und lieben, dan kann das kein Respekt oder Liebe sein, sondern der hinterhältige Versuch, sich einzuschmeicheln. Sowohl die "Kreuzritter" wie ihre Sympatisanten sind Verbrecher, die umzubringen für einen "frommen Moslem" und "Freiheitskämpfer" völlig legitim ist.

Es ist vielleicht auch kein Zufall, wenn ausgerechnet ein Deutscher äthiopischer Herkunft, der perfekt integriert ist und erfolgreich Karriere macht, Hassobjekt rasstischer Schläger wird. Menschen wie ihn "darf" es im rassistisch-nationalistischen Weltbild nicht geben, also "stimmt mit dem was nicht". Das gilt übrigens nicht nur für die Schläger selbst.

Sonntag, 23. April 2006

Linksliberal?!?

Dr. Dean, Betreiber des linksliberalen Blogs Der Morgen, hat eine Blogroll aus seiner Ansicht nach ebenfalls linksliberalen Blogs zusammengestellt:
Update Blogroll: Linksliberale Blogs und Internationales

Ich akzeptiere dankbar, dass ich auf dieser Liste stehe, zumal ich mich selbst gern "linksliberal" nenne. Allerdings besagt dieses Etikett, wie ein Blick auf die Liste zeigt, herzlich wenig ...
Distelfliege eine Linksliberale? Pantoffelpunk hat sich ob dieser Bezeichnung sogar erschrocken.

Was Dr. Dean unter "linksliberal" versteht? Er geht von einigen ganz vernünftigen Minimalkriterien aus:
Nun, hmmja, Freiheitsliebe, Humanismus, Pazifismus, Anti-Rassismus, etwas Bildung und gelegentliche Intelligenzbeweise gehören schon mal dazu.
Allerdings reichen diese hinten und vorne nicht, eine politische Richtung zu definieren - und so finden sich finden sich z. B. AnarchistInnen neben demonstrativ bildungsbürgerlichen Intellektuellen jener Sorte, die auf Anarchos erfahrungsgemäß wie ein Brechmittel wirken. (Ich fürchte, auch ich wirke auf rebellische Anarchos manchmal wie ein klassischer "Scheißliberaler".) Auch meine eigene Einordnung ist so klar nicht, ich könnte mich ohne weiteres als "(liberaler) demokratischer Sozialist" bezeichnen, und habe das in der Vergangenheit auch getan. Inzwischen ist der Begriff "demokratischer Sozialismus" auch im "Westen" von den "Linken" (PDS & assimilierte WASG) vernutzt, im Sinne eines ganz strammen Etaismus ("Starker Staat") assimilated. Außerdem schätze ich Karli Marx sehr, aber Karli Poppers Kritik an Marx ebenfalls. "Sozialdemokrat", was unter Umständen auch passen würde, mag ich mich nicht nennen, da ich die "alte Tante" zwar respektiere, aber nicht so sehr, dass ich der SPD beitreten würde.

In einer Diskussion mit einem amerikanischen "Libertarian" (der, anders als es Ches polemischer, aber im Großen und Ganzen treffender Artikel nahelegt, kein Anarchokapitalist, sondern ein "typischer Späthippie" ist) kam ich auf die Formel "Neither Big Gouverment nor Big Buisiness should rule". Eine Definition, die mühelos Leute wie mich und die meisten AnarchistInnen unter einen Hut bekommt.

Momo präsizierte in einem Kommentar Dr. Deans Minimalkriterien in, wie ich finde, sinnvoller Weise:
Ich glaube, wenn man jene Positionen, die Du als "linksliberal" klassifizierst, näher kennzeichnen will, sind's solche, die

a.) Freiheitsrechte nicht in Opposition zu solidarischem Handeln begreifen, sondern einen unauflöslichen Zusammenhang, ein wechselseitiges Bedingungsverhältnis zwischen beidem nicht nur belegen können, sondern auch leben, und die

b.) Individualität wirklich ernst nehmen, also sich wenig um Gruppenzugehörigkeit, Fraktionszwang und Ideologiehaftigkeit kümmern, sondern lieber selbst denken und die deshalb

c.) Kollektividentitäten, die als a priori behauptet werden und mit WERTUNGEN versehen werden, zurückweisen - Klasse, "Rasse" (die's ja nicht gibt im Falle des Menschen), Nation im vorpolitischen Sinne etc. -, aber auf die Kritik gesellschaftlicher Verhältnisse trotzdem nicht verzichten wollen (...) .

Insofern ist Selbstbestimmung auf allen Ebenen das Zentrum dieses Denkens - und allein sich selbst bestimmen geht nicht.

Die Möglichkeit zur Selbstbestimmung will man allen gleichermaßen zugestehen, nicht etwa, wie die Wirtschafts-Liberalen, nur den "Unternehmern". (...)
Allerdings müßten, nach meiner Formel und erst recht nach Momos Präzisierung, so einige Kandidaten hochkant von Dr. Deans Liste fliegen.

Samstag, 22. April 2006

Wer hat's erfunden?

Aktueller Anlaß: Das am 20.04.2006 vorgestellte 'Bündnis für Erziehung', initiiert von Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen, soll Massnahmen zur 'besseren' Kindererziehung auf der Basis 'christlicher Werte' erarbeiten. Nicht er seit Kurzem, sondern seit eh und je verbreiten selbst liberale, demokratisch gesonnene und kritische Christen immer wieder die alte Legende:
Ohne Kirche würden wir noch Menschen fressen und uns gegenseitig umbringen. (Von den illiberlalen, undemokratisch gesonnenen und unkritischen Christen, die nach wie vor die Kirchenhierachien dominieren, will ich schweigen. Ebenso von den televangelilkalen Sturmtruppen und Fundamentalisten jeglicher Bauart.)

Jeder, der oder die sich auch nur überflächlich mit Kirchengeschichte befasst hat, der oder die auch nur mal die Bibel wirklich gelesen hat, müßte eigentlich wissen:

Alles, was am Christentum nicht jüdisch ist, ist heidnisch.

Nur zur Erinnerung: Das Christentum war, schon als es vom jüdischen Renegaten Paulus gegen den Widerstand der noch lebenden Jesus-Jünger, einschließlich Petrus, gegründet wurde, zutiefst anti-jüdisch. Weil seine Glaubensinhalte aber unzweifelhaft jüdisch waren, folgte ein dreister Diebstahl: schon die frühen Christen klauten, pardon übernahmen, zuerst die jüdische Bibel, die Moral, die Gesetze - um dann "die Juden" pauschal dafür zu versdammen, dass sie die "Göttlichkeit" des Juden Jesus, der selbst laut Evangelien niemals behauptet hatte, Gott zu sein, nicht anerkennen wollte.
Da ich kein Christ bin, gehe ich nicht darauf ein, inwiefern die besagte Initiative christlich legimiert ist. Es gibt durchaus Christen, die, wie Momo meinen: "Wohlverstandenes Christentum ist Glaube, nicht Indoktrination" und aus dieser Position heraus das "Bündnis für Erziehung" kritisieren Die Mutterkreuzlerin und die Bischöfin

Aber es soll hier nicht nur um Glaubensinhalte gehen.

Was meint Frau von der Leyen mit "christlichen Werten"?
Werte wie Respekt, Verlässlichkeit, Vertrauen und Aufrichtigkeit sind Leitplanken, die unseren Kindern helfen, ihren Weg ins Leben zu finden.
Dazu ist zweierlei zu sagen: Erst einmal, dass die genannten Begriffe keine (moralischen) Werte, sondern Sekundärtugenden sind. Sinnvolle Sekundärtugenden, sicherlich, aber auch solche, mit denen sich auch eine Diktatur betreiben ließe. Zweitens, dass die "Leitplanken" schwerlich originär oder gar exklusiv christlich sind.

Hinzu kommt die sowohl in den christlichen Kirchen wie in der deutschen politische Traditon tief verwurzelte Auffassung, Werte von oben herab, per "Gebrauchsanweisung" vermitteln zu können. Zwei verwandte Formen des utopischen Denkens sind wohl, zumindest in Deutschland, unausrottbar: Der feste Glauben an die Macht der Erziehung sämtliche sozialen Probleme lösen zu können und das durch häufiges Versagen ungetrübte Vertrauen in "Top down"-Ansätze: hier die Elite der "Entscheider" die sagt, wo es lang geht, dort das dumme Volk, das zur Einhaltung der moralischen Vorschriften und Sekundärtugenden programmiert erzogen werden muss.

Zurück zur Ausgangsfrage: Wer hat's Erfunden? Woher stammen die Grundlagen der westlichen Demokratie, des politischen Systems der Bundesrepublik Deutschland, von der Frau von der Leyen irrtümlich meint, die ersten 19 Artikel seiner Verfassung seien nur eine "Zusammenfassung der 10 Gebote"?

Pauschalisiert läßt sich sagen:
Die Perser erfanden die föderalistische Regierungsform, die Griechen die Demokratie, die Juden die Gleichheit vor dem Gesetz, die Phönizier die Marktwirtschaft, die Römer die offene Gesellschaft, die Chinesen den Beamtenstand, die Isländer den Parlamentarismus. (Keine der genannten Kulturen war christlich geprägt.)
Gewaltenteilung ist eine Errungenschaft der Aufklärung und der amerikanischen und der französischen Revolution, ebenso die universalen Menschenrechte (einschließlich Religionsfreiheit). Sie mußten bekanntlich gegen den Widerstand der eng mit dem Feudalsystem verbundenen Kirchen durchgesetzt werden.

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