Samstag, 24. April 2010

"Da fass' ich mir doch an 'n KOPP!"

Jutta Ditfurth warnte schon vor gut 15 Jahre, dass eine faschistoide Bewegung, die in Deutschland regierungsfähig wäre, nicht von den offen auftretenden Neonazis und auch nicht von der Neuen Rechten getragen würde, sondern von der "verbürgerlichten" früheren Alternativ-Szene. Als Bindeglied zwischen nach eigenen Verständnis "eher linken" Alternativlern und "rechten" Ideen von Ungleichheit, Führerprinzip, Sozialdarwinismus, Ausgrenzung von Minderheiten, Auserwähltheitsdenken, Elitenkult, Selbstoptimierung usw. sah sie die "Esoterik-Szene" an.
Ich bin - das wissen die Götter - nicht in vielen Dingen einer Meinung mit Frau Ditfurth, und teile ihre sehr negative Einschätzung von allem, was mit "Esoterik" auch nur entfernt zu tun hat, nicht. In Hinblick auf das Verlagswesen muss ich ihr allerdings recht geben. Nicht ausgesprochene Rechtsextremisten-Verlage sind das Problem, auch wenn sie - wie z. B. der Arndt-Verlag (deutlich erkennbare Zielgruppe: NS-Nostalgiker) auch scheinbar seriöse Schwesterverlage wie z. B. Orion-Heimreiter unterhalten. (Hierzu: Unverlangte Buchbesprechung eines Buches aus dem "Arndt"-Verlag.)
Auch ausgesprochene Esoterik-Verlage erreichen nur "ihre" Szene. In der vielziertierten "Mitte der Gesellschaft" dürften die meisten dort erschienenen Bücher und Videos als "Spinnereien" abgetan werden.
Für wirklich bedenklich halte ich Verlage wie den KOPP-Verlag, den ich, als bei weitem größten der Szene, herausgreife. Die Bücher, die bei Kopp erscheinen, sind, weil sie an die Vorstellungswelt "normaler" Leser, Zuhörer und Zuschauer anknüpfen, deutlich wirksamer als z. B. die erzrassistischen Schriften von Ariosophen wie Guido von List oder Jörg Lanz "von Liebenfels" (die leider auch in unkommentierter Neuauflage und begleitet von sensationsheischender Werbung zu haben sind).
Kopp ist - oberflächlich gesehen - nicht einer bestimmten Weltanschauung zuzuordnen. Bei Kopp erscheinen sowohl Bücher, deren Autoren christlich-fundamentalistische Positionen vertreten, wie solche, in denen alles Übel der Welt von den "Wüstenreligionen" (Christentum, Islam, Judentum) stammt. Bücher, deren Autoren "beweisen", dass die Mondlandung 1969 technisch nicht möglich gewesen wäre, finden sich neben solchen, in denen "bewiesen" wird, dass die "Reichsdeutschen" schon so um 1945 zum Mond – und weiter – fliegen konnten.

Ich rechne den Kopp-Verlag zur "Esoterik"-Szene, weil der überwiegende Teil des Sortiments aus grenzwissenschaftlichen (bis pseudowissenschaftlichen) Sachbüchern und "Esoterik" besteht. Auch die Bücher und Medien, die Kopp als Versandbuchhandlung vertreibt, gehören überwiegend in diese Richtung. Für seriöse Sachbuchautoren kann es eine unangenehme Überraschung sein, ihre Bücher auf einmal im Kopp-Katalog etwa an der Seite des meines Erachtens ebenso paranoiden wie antisemitischen Verschwörungstheoretikers "Jan van Helsing" wiederzufinden. Wer allerdings bei Kopp selbst veröffentlicht, dürfte wissen, was sie oder er da tut.

Meine Einschätzung, der Verlag sei "braunstichig", ist wegen der scheinbaren Vielfalt der weltanschaulichen Ansätze nicht ganz so leicht zu belegen. Eine auffällige Gemeinsamkeit vieler bei Kopp erschienenen Bücher ist der behauptete "Tabubruch" - wobei das angebliche "Tabu" meistens ein Strohmann ist, denn es fehlt ja z. B. weder an seriösen israelkritischen Bücher, Sendungen und Artikeln, noch an solchen, in denen die z. B. die Gefahr des Islamismus beschrieben oder auf Unzulänglichkeiten des Weltfinanzsystem hingewiesen wird. Das gebrochene "Tabu" besteht meines Erachtens oft darin, ungehemmt z. B. antisemitische, antiislamische oder nationalistische Behauptungen zu verbreiten.

Das Bindeglied zwischen den "tabubrechenden Enthüllungsbüchern" mit Anschluss an gerade unter sich für kritisch haltenden Menschen weit verbreiteten Vorstellungen aus der "Mitte der Gesellschaft" und dem Bereich für Esoteriker und UFO-Gläubige liegt im bei Kopp auffällig gut vertretene Bereich der "Nazi-Esoterik", wo über "Reichsflugscheiben", außerirdische "Arier" und anderen unterirdischen Unfug schwadroniert wird.

Der Kopp-Verlag unterhält auf seiner Website ein Nachrichtenblog dessen enthüllungsjournalistischer Anspruch einem schon aus der Titelzeile Informationen, die Ihnen die Augen öffnen! in die Augen sticht.
Hierfür schreiben Autoren, die meistens auch schon bei Kopp Bücher veröffentlichten, und unter denen einige früher einmal als seriöse Journalisten galten, z. B. Eva Hermann, Udo Ulfkotte, Gerhard Wisnewski und hin und wieder auch Jürgen Elsässer.
Wisnewski, Autor erfolgreicher Weltverschwörungsbücher (z. B. "Lügen im Weltraum") veröffentlichte bei Kopp das Buch "Jörg Haider – Unfall, Mord oder Attentat?", das vor allem unter österreichischen und deutschen Rechtsextremisten auf breite Zustimmung stieß, woraus sich schließen lässt, dass der ehemalige ehemals angesehene Fernsehjournalist ziemlich weit "rechts" angekommen ist.
Dagegen ist Jürgen Elsässer ein "Linker", der früher für "konkret" und das "Neue Deutschland" schrieb, bis ihm Populismus, Nationalismus und Homophobie vorgeworfen wurde (meines Erachtens zurecht) und er eine "Volksinitiative gegen das Finanzkapital" gründete, die in meinem Augen unangenehm nach "Querfront" mit "völkisch" denkenden "Antikapitalisten" / "nationalen Sozialisten" aussieht.
Udo Ulfkotte, bis Ende 2003 außenpolitischer Redakteur der FAZ und bis zu seinem im selben Jahr erschienenen Buch "Der Krieg in unseren Städten" ein geschätzter Fachjournalist für Sicherheitsfragen und gefragter Islamexperte, ist eher im christlich-konservativen Feld zuhause - ein selbst ernannter "Verteidiger des christlichen Abendlandes". Ebenfalls deutlich christlich konservativ ist die Kopp-Autorin und ehemalige Tageschausprecherin, Talkshow-Moderatorin und Fernsehjournalistin Eva Herman.

Gemeinsam ist diesen so verschiedenen Autoren, dass sie nach einem Fauxpas ihr bisheriges journalistisches Wirkungsfeld verloren. Ihre weiteren Gemeinsamkeiten sind eine (verkürzte) Kapitalismuskritik, ein Hang zum "Sündenbockdenken" und ein Weltbild, das am ehesten als "antiliberal" umschrieben werden kann. Und ganz entschieden: Angst. Es sind, da bin ich mir ziemlich sicher, Menschen, die selbst von Ängsten geplagt werden, die aber auch ganz bewusst Angst schüren. Und die - wie der Kopp-Verlag - mit Angst Geld verdienen.

Was die von mir genannten Autoren noch gemeinsam haben, ist ihr Hang zu "(Welt-)Verschwörungstheorien".
Nicht Verschwörungen (die es in begrenzte Umfang sehr wohl gibt), sondern eher "gegenseitige Instrumentalisierung", Klüngeln, Günstlingswirtschaft, "Eliten", die "unter sich bleiben" (über die Häfte des deutschen Top-Managements stammt aus dem winzigen 0,5 % Segment der reichsten deutschen Familien), Schmalspurdenken / TINA-Denken ("There Is No Alternative!") und vor allem utopisches Wunschdenken / Realitätsblindheit, sind unabhängig von der jeweiligen konkreten Ideologie (die kann marktradikal-"neoliberal", konservativ, religiös, fallweise sogar "sozialistisch" sein), die Gefahren für eine offene, demokratische und halbwegs gerechte Gesellschaft.
Statt auf hypothetische Verschwörungen (etwa in dem Sinne, dass die "Bilderberger" die "wirkliche Regierung" wären) sollte der aufklärerische Fokus eher auf den (keineswegs hypothetischen) Kampagnien liegen. Die angebliche Massenvernichtungswaffen im Irak, die den Angriff der "Koalition der Willigen" rechtfertigten, existierten bekanntlich nur in der Propaganda - irgendwelche "Inside-Jobs", "false flag operations" oder "Inszenierungen" waren dazu nicht nötig - ein paar geschickt lancierte Lügen und etliche unkritische Journalisten reichten aus. Und die Bertelsmann-Stiftung übt ihren problematischen Einfluss nicht etwa im Mafia-Stil aus - wozu heimlich Fäden ziehen, wenn man ganz offen beraten kann?

Der Kopp-Verlag ist ein Bindeglied zwischen verschiedenen, aber in entscheidenden Fragen übereinstimmenden Szenen. Kritische, unabhängige und unbequeme, unterdrückte Informationen sind wichtig, sogar überlebenswichtig für die gefährdete Demokratie. Allerdings ist Kopp eine denkbar schlechte Quelle für Aufklärung und Enthüllungen.

Übrigens habe ich mich mal an einer Parodie auf einen rechtsesoterischen und verschwörungsorientierten Verlag versucht - versucht, denn es ist praktisch unmöglich, das Angebot so eines Verlages satirisch zu überhöhen.
ARIO-Verlag.

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