Donnerstag, 11. März 2010

Die Unmoral der moralischen Verpflichtung

Vorab möchte ich mich bei meine Lesern um Entschuldigung bitten, dass ich in diesem Beitrag einige drastische und ordinären Formulierungen gebrauchen werde. Mir ist danach. Oder genauer gesagt: mir ist zum Kotzen zumute.
Mir gehen zwei Meldungen nicht aus dem Kopf, die sich wie Mehltau auf meine Laune legen.
Sie haben beide mit moralischen Verpflichtungen zu tun. Genauer gesagt: mit dem Missbrauch moralischer Appelle.

Gisela Mayer ist die Mutter eines der Opfer des "Amokschützen Tim K." Sie macht sich, als Betroffene, ihre Gedanken über "Killerspiele", die sie für ein der Ursachen des Massakers hält, ungeachtet dessen, dass Tim K. kein intensiver Computerspieler war. (Auf seinem PC gab es gerade einmal zwei Actionspiele. Das ist stark unterdurchschnittlich, nicht nur bei Jugendlichen.) Das ist für mich nachvollziehbar, ihre Tochter ist brutal ermordet worden, und sie sucht, wenn es schon nicht möglich ist, die Gründe zu erfahren (die hat Tim K. mit ins Grab genommen), wenigstens nach Ursachen. Dies heißt jedoch nicht, dass sie durch ihren Opferstatus zur Expertin geworden wäre, und mit all ihren Vermutungen und Schuldzuweisungen recht hätte. Diese Schuldzuweisungen sind gut und hilfreich für sie, und sie hat alles Recht der Welt, ihre Wut und Trauer auf die "Killerspiele" zu projizieren (oder, meines Erachtens mit mehr Berechtigung, auf die Schützenvereine) - aber dadurch werden ihre Vermutungen nicht wahr!
Besser kann man es nicht sagen. Wer auch gegen Gisela Mayer noch protestieren will, der trete vor und schweige!
Aus Winnenden und die Killerspiel-Lobby, einem Kommentar von Malte Lehming für den "Tagesspiegel".
Über diesen Kommentar hat Thomas Knüwer schon das Nötige geschrieben, und was er vielleicht noch versäumte, haben die Kommentatoren schon nachgeholt. Also kann ich es mir ersparen, auseinander zu nehmen, wieso es Hirndurchfall ist, bei Amokläufen zuerst an Killerspiele als Ursachen zu denken, und riesiger stinkende Bullshit, die (angebliche) "Killerspiel-Lobby" mit dem Militärisch-Industriellen Komplex gleichzusetzen. Und wieso das auch dann Bockmist wäre, wenn Lehming eine Glosse oder vielleicht sogar eine Satire geschrieben hätte.

Nein, es geht mir jetzt darum, was Lehming da auf der Ebene des moralischen Appells abzieht.
Er instrumentalisiert die zornig-trauernde Mutter eines Opfers, versteckt sich sozusagen hinter ihr - und stellt den Leser mit dem theatralische Schlusssatz vor ein echtes moralisches Dilemma. Denn ihr kann man wirklich nichts Böses wollen oder unterstellen, und ein an sie gerichteter Protest wäre in der Tat infam.
Lehming erzeugt schlechtes Gewissen. In diesem Falle ist das so durchsichtig, dass es nur bei wenigen Lesern funktionieren dürfte. In anderen Fällen funktioniert das - übrigens auch bei mir, ich weiß, dass ich manipulierbar bin. (Am leichtesten sind übrigens jene zu manipulieren, die sich für immun gegen Manipulation halten.)

Mich kotzen Menschen an, die mir ein schlechtes Gewissen machen wollen, vor allem, wenn ich verdammt nochmal keinen Grund habe, ein schlechtes Gewissen zu haben!

So, und nun ein Fall, in dem mir erfolgreich ein schlechtes Gewissen gemacht worden ist, in dem ich mir per Spende ein "gutes Gewissen" gekauft habe - und in dem mir noch nicht mal der Trost bleibt, auf diejenigen, die mir damals ein schlechtes Gewissen einredeten, wütend zu sein, denn auch sie sind Betrogene.

Ja, es geht um Bob Geldof und sein Projekt Band Aid. Hilfsgeld für Waffen (tagesspiegel). Er ist ein von mir sehr geschätzten Musiker, der übrigens mit "I don't like Mondays" einen wirklich guten Song über ein "School Shooting" schrob. Bekanntlich sammelte Band Aid in den 1980er Jahren Millionen Dollar Spenden, um den Hungernden in Äthiopien zu helfen. Jetzt sagen zwei Ex-Offiziere einer damaligen Rebellenarmee, dass mehr als 90 Prozent der Hilfsgelder für den Kauf von Waffen und den Aufbau ihrer Truppe verwendet worden seien. Und sieht leider nicht so aus, als ob die beiden Lügen würden. Ethiopia famine aid 'spent on weapons' (bbc).

Es ist ein Alptraum, aus dem es kein Erwachen gibt. Die Realität ist schlimmer, als ich es mir auch nur vorstellen konnte. Objektiv gesehen klebt an meine Händen Blut, denn mit meinem Geld (wenn es auch nicht allzu viel war) wurden Menschen ermordet!
Klar, mich trifft keine Schuld, und auch Bob Geldorf und seinen Mitstreitern trifft keine Schuld (außer vielleicht einer zu großen Naivität) - aber: gut fühle ich mich bei dem Gedanken daran nicht. Ganz und gar nicht. Und die Angehörigen der von Söldnern abgeschlachteten Äthiopier haben alles Recht der Welt, auf mich und meinesgleichen wütend zu sein.
Ideologischer Super-Gau (freitag.de).
Ich hatte damals das Gefühl gehabt, ein schlechtes Gewissen haben zu müssen, wenn ich mich von der Welle der Hilfsbereitschaft nicht anstecken ließe. Ich hätte ohne schlechtes Gewissen keinen Pfennig an "Band Aid" gespendet - und mich, wenn ich überhaupt gespendet hätte, an eine etablierte und erfahrene Hilfsorganisation gewandt. (Das ist generell ein guter Tipp, bei jeder Spende.)
Ich bin wütend auf mich selbst, weil ich durch einen simplen moralischen Appell manipulierbar war.

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