Donnerstag, 4. Februar 2010

"What shall we do with a drunken sailor?" - Vom Ursprung eines Klischees

Vor einige Monaten, da ging ich der Frage nach, woher denn das Klischee des Piraten mit der Augenklappe her käme.
Woher das Klischee des rumsaufenden und Rum saufenden alten Seebären kommt, ist vergleichsweise naheliegend. Es gab, vor allem in der britischen Royal Navy, eine Praxis, die geradezu epidemische Alkholholabhängigkeit unter befahrenen Teerjacken und Salzhäuten hervorgerufen haben musste: Die tägliche Grogration. "Grog" steht dabei für "mit Wasser verdünnter Rum".
Bis 1970 (!) wurde in der britischen Marine an jeden Mann über 20, der nicht unter einer Disziplinarstrafe stand, jeden Tag eine Grogration ausgegeben, die 1/8 pint Rum enthielt. "Navy Rum" (es gibt ihn noch heute, aber nicht mehr als Schnapsration) ist 95.5 proof, das heißt, er enthält 47,75 % Alkohol. Ein "Imperial pint" sind 0,570 Liter, die Rumration betrug also rund 0,07 Liter. Ich habe hier einmal ein achtel Pint Rum abgemessen und in ein Whiskyglas gegeben - das ist schon ein kräftiger Schluck:
Ration
Ein Whiskyglas fasst, bis zum Rand eingeschenkt, 10 fluid ounces, also 1/2 pint. Da das abgebildete Glas (ein "Tumbler") eigentlich für amerikanischen Bourbon bestimmt ist, und das US Pint kleiner ist als das britische ("Imperial") Pint (1 US liquid pint = 0,473 l ), ist das Glas zu mehr als einem Viertel gefüllt.

Nun ist diese tägliche Alkoholmenge für einen erwachsenen, kräftigen, gesunden Mann durchaus verkraftbar (ob sie noch gesund ist, steht natürlich auf einem anderen Blatt). Aber In der Zeit der hölzernen Segelschiffe, in der 1. Hälfte des 19. Jahrhunderts, war die Rumration doppelt so hoch - bis 1850 wurde in der Royal Navy taglich 1/4 Pint Rum pro Tag ausgegeben.
Noch höher war sie zu Zeiten Admiral Vernons (genannt "Old Grogham", daher "Grog"), der 1740 auf den ihm unterstehenden Schiffen die Regel einführte, dass die Rumration nur noch im Verhältnis 1 : 2 mit Wasser verdünnt ausgegeben werden sollte. Zu dieser Zeit gab es noch zwei tägliche Rationsausgaben, vormittags und abends, so dass ein Seemann auf eine tägliche Ration von 1/2 Pint Rum kam. Zwar konnte statt Grog auch ein Pint Wein oder Bier ausgegeben werden, aber die tägliche Alkoholmenge war in etwa gleich. An Feiertagen gab es eine Extraration.

Im allgemeinen sahen die Kapitäne der Royal Navy den Alkoholkonsum ihrer Untergebenen pragmatisch, solange die Disziplin nicht gefährdet war. Ein bezeichnendes Beispiel:
Sir Joseph Banks, der als Wissenschaftler an James Cooks erster Weltumseglung teilnahm, notierte am 25. Dezember 1768 in sein Tagebuch:
Christmas day; all good Christians that is to say all hands get abominably drunk so that at night there was scarce a sober man in the ship, wind thank god very moderate or the lord knows what would have become of us.
("Weihnachtstag; alle guten Christen, will sagen, alle Besatzungsmitglieder betranken sich fürchterlich, so dass es am Abend kaum noch einen nüchternen Mann auf dem Schiff gab, Wind Gott sei dank sehr mäßig, was sonst aus uns geworden wäre, weiß nur der Herr.")
Im Kontrast dazu James Cooks Logbucheintragung vom 26. Dezember:
(...) yesterday being Christmas day the people were none of the Soberest .
( ... da gestern Weihnachten war, waren die Leute nicht die Nüchternsten.)
Da das Expeditionsschiff HM Bark "Endeavour" auf See von einer sehr kleinen Mannschaft gesegelt werden konnte, dürften Banks Befürchtungen unbegründet und Cooks Gelassenheit angemessen gewesen sein. Es war keineswegs so, dass jeder Seemann ein starker Trinker gewesen wäre. Ein regelmäßiges Problem war, dass die Nicht-Trinker ihre Ration bei trinkfreudigen Kameraden gegen andere Dinge (Tabak, Kleidung, Süßigkeiten usw.) eintauschten, die dann wegen der Extraportion Rum zu voll zum Arbeiten waren. Auch für Todesfälle durch Trunkenheit gibt es Beispiele von Cooks erster Weltumseglung: ein Bootsmannsmaat trank sich mit eingetauschtem Rum buchstäblich zu Tode, zuvor waren auf Feuerland zwei persönliche Diener Banks schwer alkoholisiert an Unterkühlung gestorben, nachdem sie sie in Banks Abwesenheit den gesamten Rumvorrat des Landetrupps ausgetrunken hatten.

Warum wurde auf Schiffen Alkohol ausgeschenkt? Einer der Gründe liegt darin, dass sich auf See alkoholhaltige Getränke besser hielten als das in Fässer gelagerte Trinkwasser. Das Wasser schmeckte schon bald abgestanden, und in tropischen Gewässern verwandelte es sich nach einige Wochen auf See in eine faulig-grünliche Algensuppe. Deshalb wurde ein Teil des Trinkwassers in Form von Dünnbier mitgeführt, auch Starkbier und Wein gehörten zum Proviant. Nach der Eroberung von Jamaika im Jahr 1655 stand mit dem aus Zuckerrohr gewonnenem Rum eine ziemlich hochwertige und dabei im Vergleich zu Wiskey oder Brandy preiswerte Spirituose zur Verfügung - weshalb statt Bier oder Wein immer öfter der "platzsparend" stärkere Rum ausgeschenkt wurde. Damit verstärkten sich auch die alkoholbedingten Disziplinprobleme.
Auf Handelsschiffen gab es zwar keine täglichen Grogrationen, jedoch gehörten wegen der besseren Haltbarkeit alkoholische Getränke zum normalen Proviant. Es ist bezeichnend, dass es ernstzunehmende Bemühungen, die Grogration abzuschaffen oder wenigstens zu kürzen, erst ab etwa 1830 gab, als fäulnissichere Trinkwassertanks eingeführt worden waren. In dieser Zeit wurde der Alkoholismus von Seeleuten und ehemaligen Seeleuten auch nicht mehr nur als moralisches, sondern auch als soziales Problem begriffen.
Ebenfalls aus dieser Zeit stammt der bekannteste Shanty der das Alkohol-Problem an Bord thematisiert:

Wie bei echten Volksliedern üblich gibt es unterschiedliche Textfassungen. Die Titelzeile lautet in den meisten Fassungen, die ich fand, "What Shall We Do with a Drunken Sailor?" oder "What Shall We Do with the Drunken Sailor?", auch "What to do with a Drunken Sailor?" und, wie oben, "What Will We Do with a Drunken Sailor?" kommen vor.

Der Text erschien erstmals 1839 in Olmsteads "Incidents of a Whaling Voyage", die Melodie lehnt sich an das irische Volkslied "Oró Sé do Bheatha" an und wurde 1824–25 in "Cole's Selection of Favourite Cotillion" veröffentlicht.

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