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Persönliches

Sonntag, 4. Oktober 2009

Erinnerungen an ´82

Eine persönliche Ergänzung zu Die Herrschaft der ´82er.
1982 war das Jahr, in dem ich mein Abi "baute". (Wie sich daraus mühelos schließen lässt, bin ich nicht mehr der Jüngste.) Übrigens mit einem Schnitt von 2.0, was angesichts der Tatsache, dass ich zwar hochmotiviert lernte, aber vorzugsweise Dinge, die nicht zum abfragbaren "Stoff" gehörten, und mich zwar immer konzentrierte, aber nicht immer auf den Unterricht, keineswegs selbstverständlich war.

Ich erwähnte die Popper von damals, die in vielen Fällen die Politiker, Top-Manager und Meinungsmacher von heute sind. Ich war keiner. Das lag einerseits daran, dass ich beim Wort "Popper" schon damals eher an Karl Raimund Popper dachte, als an junge Menschen mit asymetrischen Föhnfrisuren, Kaschmir-Pullovern, Rolex-Uhren (manchmal sogar echt) Karottenhosen und Schuhen, die, anders als die Bezeichnung "Pennyloafer" vermuten ließ, sauteuer waren. Anderseits natürlich auch daran, dass mir für diesen teuren Lebensstil sowohl die nötige Kohle wie die nötige Eitelkeit fehlte.
Meine Schule zeichnete sich durch eine sozial und politisch extrem gemischte Schülerschaft aus - in meiner Jahrgangsstufe gab es sowohl jemanden, der in einem besetzten Haus in der Hafenstraße wohnte, wie auch Töchter und Söhne von erfolgreichen mittelständischen Unternehmern, die, wenn sie auf Angeber-Uhren Wert legten, nicht auf Rolex-Imitate zurückgreifen mussten. Das verhinderte ziemlich wirksam die Cliquenbildung - es gab von jeder Herkunftsgruppe und Subkulturgruppe dazu einfach zu wenige. Es gab bei uns einige, die im Popper-Stil herumliefen, die sich aber nicht "poppermäßig" verhielten - womit ich extreme Angeberei, Rücksichtslosigkeit, Konsumgeilheit, Karrieregeilheit, Oberflächlichkeit meine. Waren meistens ganz gute Kumpel, nur eben besonders modebewusst. Anderseits gab es da einen, den wir den "Punkpopper" nannten - jemanden, der in Kleidung und Auftreten extrem provokativ war, aber eben nur äußerlich "Rebell", innen karrierebewusst und selbstbezogen. Ich war nicht im Mindesten erstaunt, als ich Jahre später sein Gesicht und seinen Namen auf einem CDU-Wahlplakat sah. Inzwischen ist er nicht nur Dozent an der Universität Berlin, sondern war auch lange Jahre in führenden Management-Positionen in großen Medienunternehmen tätig. Immerhin: Internet-Ausdrucker ist er nur wirklich nicht ...

Im Rückblick erscheint mir das damals in der BRD herrschende gesellschaftliche Klima extrem polarisiert. Einerseits herrschte bei sehr vielen Menschen eine extreme Angst vor Krieg - vor allem nach dem NATO-Doppelbeschluss und der im Rahmen dieses Beschlusses 1982 stationierten, nuklear bestückten us-amerikanischen Marschflugkörpern vom Typ BGM-109 Tomahawk. Die (m. E. berechtigte) Angst, dass durch "eurostrategische" mobile - und daher im Präventivschlag kaum zu vernichtende - extrem zielgenaue nukleare Waffensysteme wie die Tomahawk, die Pershing II-Rakete oder auf östlicher Seite die RSD-10 (besser bekannt unter dem NATO-Kürzel SS 20) ein auf Europa "begrenzten" Atomkrieg möglich und sogar "führbar" wäre, war der Hauptauslöser der sehr breiten Friedensbewegung. Eine andere Angst, die zehntausende Menschen auf die Straßen trieb, war die vor der Umweltzerstörung.
Ohne diese (nicht grundlosen) Ängste hätte es die "GRÜNEN" nicht gegeben, und wären umweltpolitische Themen in Medien und Politik Randthema geblieben. Auch der "bewährte" Versuch, die Friedensbewegten als "Marionetten Moskaus" darzustellen, schlug fehl - und das, obwohl es tatsächlich an Versuchen der "realsozialistischen" DKP, die Proteste in ihrem, einseitig anti-westlichen Sinne, zu instrumentalisieren, nicht mangelte. Ja, und dann gab es noch die Lambsdorf-FDP - es waren wenige, die aber von Anfang an massiven medialen "Feuerschutz" für das Vorhaben "schlanker Staat" genossen.

Computer. Es gab zwar schon das Internet, aber kaum jemand, der nicht gerade Informatik studierte, wusste das. Noch im Fischer-Taschenlexikon "Computer", Auflage 1986, fehlte dieses Stichwort. Mein erster Computer war übrigens kein C-64, sondern ein Sinclair ZX81, der unter dem Namen "Timex Sinclair 1000" für nur 99 DM bei "Allkauf" verramscht wurde. Ein Jahr später leistete ich mir einen "Basic"-programmierbaren Taschenrechner, der irgendwie praktischer war. Woran ich mich noch gut erinnern kann, waren die Trauben Jugendlicher in den Computer-Abteilungen der Warenhäuser. Und schon damals gab es besorgte Pädagogen und Erziehungs-Politiker, die mit markigen Worten vor verrohenden Computerspielen warnten. 1984 wurde erstmals dann ein "Ballerspiel", River Raid, von der BPjS indiziert. (Einiges zu dieser absurden Indizierung schrieb ich unter Die Tücken der virtuellen Realität.)

Donnerstag, 13. August 2009

S.Y. Woodstock

Es war vom 15. August bis 17. August 1969 geplant, dauerte dann bis zum 18. und fand nicht bei Woodstock statt:
Das "Woodstock Music and Art Festival", das berühmteste Open-Air Musikfestival überhaupt. Es markiert den Zeitpunkt, an dem eine vormalige Minderheitenkultur den Pop-"Mainstream" eroberte.
Wahrscheinlich war "Woodstock" auch deshalb legendär, weil es trotz der unkontrollierten und unkontrollierbaren Menschenmenge zu keinen nennenswerten Gewalttätigkeiten kam.
Wie auch immer: die Legende "Woodstock" überlebte und gewann beinahe mythische Züge.

Was könnte auch dem Mythos werden? Eine nicht ganz ernst gemeinte "Zukunftsvision" sieht so aus:
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Die Raumyacht S. Y. WOODSTOCK.
Angesiedelt im "Star Trek"-Universum. Das Modell baute ich für den Star Trek Con "Con Course 3" im Jahre 1993.
Das Modell sollte ursprünglich ein "Heavy Shuttlecraft" der "Wostok"-Klasse darstellen, im "Star Trek"-Universum der Vorgängertyp der bekannten "Runabouts" der Fluss-Klasse, bekannt aus "Deep Space 9". Leider sah dann die "offizielle" Wostok-Klasse doch anders aus, so dass ich mein Modell zur "Wos'chod-Klasse" umdefinierte.
Meine Idee war, dass ein von Star Fleet ausrangiertes Kleinraumschiff von Privatleuten in Eigenarbeit wieder flott gemacht und im "Hippie-Bus"-Manier bemalt und ausgestattet wurde. Anregung war die originale "Star Trek"-Folge "The Way to Eden" aus dem Jahre 1969 (deutscher Titel: "Die Reise als Eden") in Fankreisen besser als "die Folge mit den Weltraum-Hippies" bekannt. Der Gedankensprung von Wos'chod zu WOODSTOCK entbehrte dann, wie Spock sagen würde, nicht einer gewissen Logik.
(Nein, es hat keine Plüschborten an den Fenstern - aber das Cockpit ist innen mit rotem Kunstfell verkleidet.)
Später erfand ich eine Geschichte um die Raumyacht WOODSTOCK, auf die ich heute allerdings wenig stolz bin. Fan-Fiction ist sowieso wegen der Urheberrecht eine heikle Sache.

Freitag, 10. Juli 2009

Endlich gefunden ...

... der legendäre Vorspann von Heinz Edelmann ("Yellow Submarine") zur ZDF-Reihe "Der phantastische Film" (1970er und 1980er Jahre):

(Das heißt: wirklich gefunden hat ihn helimars. Danke!)

Sonntag, 10. Mai 2009

Den "Hafengeburtstag" lehne ich inkonsequent ab!

Es gibt von mir eine Fotogalerie von der Einlaufparade zum "Hafengeburtstag" am 8. Mai.
Sie ist ein Dokument meiner Inkonsequenz.

Denn ich lehne die Feiern des "Hamburger Hafengeburtstags" ab.

Vor zwei Jahren schrieb ich Hafengeburtstag in Hamburg: "He lücht!". Kurz zusammengefasst: Der "Hafengeburtstag" gründet sich auf eine mittelalterliche Urkundenfälschung. Die "Tradition des Hafengeburtstags" wurde 1939 begründet - als typische Nazi-Feier. 1977, als genügend Gras über diese peinliche Veranstaltung gewachsen war, regte der damalige Wirtschaftssenator Wilhelm Nölling mit Blick auf den Tourismus den "Hafengeburtstag", wie wir ihn heute kennen, an.

Mit Nils von Magerfettstufe bin ich einer Meinung: der Hafengeburtstag ist uninteressant. Die "Festmeile" zwischen St.Pauli Landungsbrücken und Fischmarkt ist zum größten Teil eine austauschbare Fress- und Saufmeile. Die Unterschiede zum "Alstervergnügen" oder zum "Weihnachtsmarkt" sind marginal. Alles wie gehabt: Rummelplatz mit viel Gedränge am Wasser. Standard-Attraktionen wie das "Schlepperballett" waren mal originell. Sicher, es gibt Lifemusik umsonst und draußen, und auch Schiffbesichtigungen interessieren mich. Aber sowohl Lifemusik wie Schiffsbesichtigungen gibt es zu anderen Gelegenheiten ohne viel Gedränge und Remmidemmi.
Kein Wunder, dass mich, wie anscheinend immer mehr Hamburger der "Hafengeburtstag" kalt lässt. Nach einer (nicht repräsentativen) Umfrage des "Hamburger Abendblattes" wollen 79 % der Befragten nicht zum "Hafengeburtstag" gehen.

Alles wie immer? Nö, denn dieses Mal gab es eine unglaublich blöde, überflüssige, extrem belästigende Idee: das Partnerland des 820. "Hafengeburtstags", die Schweiz, schickt, in Ermangelung schöner Schiffe, die Kunstflugstaffel "Patrouille Suisse". Eine Kunstflugstaffel - mit Kampfjets vom Typ Northrop F-5 Tiger II. Hieß es nicht nach der Flugkatastrophe von Ramstein, Kunstflugvorführungen mit Jets seien selbst bei verbesserten Sicherheitsregeln zu gefährlich, um je wieder genehmigt zu werden? Am Sonnabend mussten nicht allein die vielleicht noch interessierten Besucher des "Volksfestes", sondern auch zehnttausende Anwohner eine Viertelstunde lang ohrenbetäubendem Lärm über Elbe und Innenstadt ertragen: Schweizer Flieger ärgern Hamburger.

Weil halte es für unangemessen am 8. Mai etwas anderes zu feiern, als die Befreiung der Menschheit vor Deutschland am 8. Mai 1945 - wo lautes Feiern für uns Deutsche, zumal mit Kriegsschiffen und Militärjets (auch wenn sie aus der neutralen Schweiz kommen) schlicht geschmacklos ist. (Nebenbei: Auch wenn "Tag der Befreiung" gegenüber "Zusammenbruch" oder "Stunde Null" ein echter Fortschritt war: es ging bei der Bedingungslosen Kapitulation Deutschland nicht darum, Deutschland von "den Nazis" zu befreien. Wie denn auch, wenn Hitlers Mörderregime auf über 80% Zustimmung rechnen konnte? Wo klar war, dass es Deutschlands gesellschaftlichen, politischen, ökonomischen und auch kulturellen Strukturen waren, die Vernichtungskrieg und Holocaust möglich machten? Um befreit zu werden, muss man gefangen sein, und die überwiegende Mehrheit der Deutschen stand, selbst wenn sie keine Täter waren, auf Seiten der "Gefängniswärter" und "Henker. Gefangene Deutsche, das waren ausschließlich die politischen Gegner, die Angehörige von Minderheiten in Gefängnissen, KZ, Strafbattalionen, und jene, die täglich vor der Gestapo und ihren denunziationsfreudigen Mitmenschen bedroht waren - deutsche Juden kaum noch, die hatten entweder noch rechtzeitig ihr nacktes Leben durch Flucht gerettet oder waren ´45 längst ermordet.
Vielleicht sollte es "Tag der Gnade" heißen: die Sieger, einschließlich Stalins brutaler Diktatur, gegen unendlich viel gnädiger mit den Deutschen um, als sie es umgekehrt mit ihren "Feinden" taten. Und "Tag des unverdienten Glücks", denn nach Ausbruch des "Kalten Krieges" war ab 1947 im Westen, ab etwa 1949 auch im Osten von "Deindustalisierung" und wenig später auch von "Demilitarisierung" nicht mehr die Rede.)

Wie auch immer: Es ist bezeichnend, dass der 8. Mai in Deutschland nur in Mecklenburg-Vorpommern Feiertag ist. (In Österreich, dem Opferland, das schnell und willig zum Täterland wurde, ist er auch kein Feiertag.)
Beifreites Lachen steht uns am jenem Festtag, als die Welt von der tödlichen Bedrohung durch uns befreit war, dennoch wohl an - ich kenne da jemanden, der hat zur Bedingungslosen Kapitulation 1945 nur gelacht. Wie er auch heute über seine falschen Freunde mit dem braunstichigen Innenleben nur höhnisch lachen kann. Auf das ihnen, ihren Gesinnungsgenossen und auch den unsäglichen Nazi-Relativierern, Schlussstrich-Ziehern und Freunden autoritären "Durchgreifens" das Lachen vergehen möge!

Aber dennoch bin ich von Schiffen, vor allem Segelschiffen, fasziniert. Während ich die Festmeile meide, genieße ich es, bequem im Finkenwerder "Gorch Fock-Park" (benannt nach einem Dichter, der im Dienst der Kaiserlichen Marine elendiglich ersoffen ist), mit einem kühlen Bier in Griffweite zu sitzen, und die prachtvollen Schiffe vorbeisegeln zu lassen.

Inkonsequent? Ja. Unmoralisch? Vielleicht. Schlechtes Gewissen? Bestimmt nicht! Das sollten lieber andere haben ... jene, die es in der Hand hätten, den "Hafengeburtstag" wieder verschwinden zu lassen. Vielleicht zugunsten eines Hafenfestes wie der Rostocker "Hanse Sail", bei dem es etwas mehr um Seefahrt und weniger um Rummel geht. Zum einem anderen Termin als ausgerechnet dem 8. Mai.

Freitag, 1. Mai 2009

Frühling in Finkenwerder

Hamburg-Finkenwerder - was fällt einem dabei ein?
Vielleicht die "Finkwarder Speeldeel", die - wie ich finde, zu Unrecht - den Ruf hat, "Volkstümliche Musik" zu sein. ("Volkstümliche Musik", nicht zu verwechseln mit Volkslieder bzw. Folklore, verstehe ich als einen gängigen Euphemismus für sentimentale Schlager für Menschen über 70 - womit man zugleich den meisten Menschen über 70 hinsichtlich ihres Musikgeschmacks bitter Unrecht tut.)
Vielleicht die berühmte "Finkenwerder Kutterscholle", die nicht mehr aus Finkenwerder kommt, wegen des Niedergangs der Hochseefischerei - ein einziger Kutter fischt noch von Finkenwerder aus in der Nordsee. Immerhin - die Elbe ist wieder sauber genug, dass es wieder Flussfischerei gibt.
Vielleicht kennt man auch das Airbus-Werk mit Werksflughafen, unter Umweltschützern berüchtigt durch die teilweise Zuschüttung des Mühlenberger Lochs mit seinem ökologisch wertvollen Süßwasser-Watt.

Ich könnte, wenn ich wollte, einen sehr kritischen Artikel über Finkenwerder Probleme schreiben.
Ich will es aber nicht. Weil ich diesen Stadtteil mag, so wie er ist - mit seinen Ecken, Kanten, Widersprüchen. Mit seinem hohen Einwandereranteil, seiner Überalterung, seiner Hafen- und damit Industrienähe, seinen Industriebrachen.

Glattgehobelte Wohnquartiere gibt es schon zu viele. Deshalb ein wenig Idylle, aufgenommen bei einem Besuch Ende April.


(Mehr davon hier.)

Sonntag, 26. April 2009

Piratin - ein Versuch

Ein kleines Medienexperiment, erst mal "quick & dirty"



Samstag, 11. April 2009

Illuminaten unter Dampf?

Ein Zug, mit dem Verschwörungsparanoiker wohl nicht fahren würden:
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Foto: Londo42
Mehr Bilder und Kurzvideos: Noch einmal Museumszug Bensheim-Worms und zurück

Samstag, 14. März 2009

"Auf den Spuren des Schema-Fs - ein Gruselkrimi"

In "Schreiben nach Schema F" erwähnte ich, dass MomoRulez richtig wütend wäre, irgendwann beim Stöbern in einer Buchhandlung bei so vielen Büchern immer wieder auf die gleiche Skizze zu treffen.

Ob tatsächlich 98% der Bücher nach den immergleichen Mustern geschrieben sind, wie MomoRulez vermutet, mag ich zwar nicht bestätigen, aber für abwegig halte ich diese Vermutung nicht. Ich habe nicht den Eindruck, dass die "98% Schema-F"-Formel auf alle innerhalb der letzten 5 Jahre veröffentlichten Bücher zutrifft. Aber mein Eindruck ist sehr stark, dass 98% der abverkauften Auflage aus Büchern besteht, die einem erprobtem Rezept folgen (um es mal positiv auszudrücken).

Es ist zum Glück auch nicht so, dass "Schema F"-Bücher automatisch langweilig wären. Gekonnte Schreibe und ironischer Umgang mit den üblichen Klischees können viel retten. Es gibt ja auch genießbares und gesundes Fast-Food. Man muss nur wissen, wo.
Mir fällt, als Leser, der ab und an zu literarischem Fast-Food greift, aber auf, dass es literarische Parallelen zu geschmackserdrückendem Salatdressing oder ranzigem Frittierfett gibt, also Zutaten, die unweigerlich genusstötend und brechreizstimulierend wirken. Das sind, im Roman, z. B. Charaktere, die so glaubwürdig sind wie eine Schlange mit Schuhen, oder Klischees, die es an Abgegriffenheit mit einer Haltestange aus einem ausrangierten Linienbus aufnehmen können - und die dann zu allem Überfluss auch noch mit der spritzigen Ironie einer Umsatzsteuererklärung präsentiert werden. Wirksame Genusskiller sind für mich Recherchen von BILDhafter Oberflächlichkeit - ich weiß, andere stören sich nicht an sachlichen und logischen Fehler, und es gibt sogar Kritiker, die selbst Dan Brown oder "Mr. Anachronism" Noah Gordon für "glänzende Rechercheure" halten.

Allerdings - Autoren haben es nicht leicht, vor allem, wenn sie es sich nicht zu leicht machen.

Nehmen wir mal an, ich würde einen Verschwörungs-Thriller nach bewährtem Rezept schreiben. Ist ja auch nichts dagegen zu sagen. Kann man ja auch machen, ohne ein gewisses Niveau zu unterschreiten. Immerhin sind solche Romane, wegen (oder trotz?) Dan Brown sehr populär, und immerhin eignen sich Verschwörungstheorien hervorragend dazu, Spannung zu erzeugen. Wie, steht sogar schon in der Wikipedia.
Der Held dringt mit dem Leser immer tiefer in die Geheimnisse einer ungeheuerlichen Konspiration ein, gerät eben dadurch mehrfach in größte Gefahr und entkommt den finsteren Geheimbündlern nur knapp, wenn überhaupt.
Das Problem dabei - ich will ja ein gewisses Niveau nicht unterschreiten: Wenn man es nicht bei brownschen Munkelmännern belässt, ergeben sich hinsichtlich der Art der Verschwörung und Auswahl der Verschwörer und ihrer Helfershelfer Probleme, die sich in ähnlicher Form auch bei Krimis ab einer gewissen Realitätsnähe ergeben.
Es ist normalerweise - gerade in Deutschland - nicht ungefährlich, reale Personen, Unternehmen, Institutionen oder Orte in schlechtem Licht darzustellen.
Stellen wir uns vor: Die Fäden der finsteren Verschwörung scheinen im Bundesministerium des Inneren zusammenzulaufen. Der Held dringt, um ein paar Dinge zu aufzuklären, in das Haus des Bundesinnenministers ein. Dabei bleibt ihm nichts übrig, als den Wachhund mittels eines Big Mac, in dem er einige Rohypnol-Tabletten eingearbeitet hat, außer Gefecht zu setzen.
Damit hätte ich aller Wahrscheinlichkeit das Innenministerium, die CDU, McDonalds, Roche, und todsicher auch den Tierschutzverein am Hals - und vielleicht auch noch die Behinderten-Vertreter.
Ein um Realismus bemühter Thriller-Autor steht also immer mit einem Bein im Gerichtssaal, und sei es wegen unerlaubter Benutzung von Markennamen.

Deutschland ist ein besonders schlechtes Pflaster für allzu realistische Krimis oder Politthriller. Was sich auch daran ablesen lässt, dass sozialkritische Krimis bei uns zumeist aus Schweden und Politthriller aus den USA kommen.
Da das auch den Verlage nicht verborgen bleibt, benutzen sie die Kopfscheren ihrer Außenlektoren, und sondern Manuskripte aus, die in irgendeiner Form Ärger machen könnten.
Nun kann man, nach der in unzähligen "Tatort"-Krimis bewährten Methode, Namen vermeiden und allzu offensichtliche Bezüge verschleiern. Das funktioniert aber nicht immer, und vor funktioniert es nicht sicher. "Sicher" ist das entscheidende Wort.

Also doch sicherheitshalber "brownsche Munkelmänner" - wobei wahrscheinlich so mancher deutscher Lektor wegen der Dinge, die Brown der katholischen Kirche unterstellt, so phantastisch sie auch seien mögen, abgelehnt hätte. (Im deutschen Fernsehen, stets um Imagepflege für die Kirchen und um ein gutes Verhältnis selbst zu völlig paranoiden Moslems bemüht, läuft so etwas erst recht nicht. Weshalb dann etwa ein Kinderschänderring lieber im Satanisten-Milieu statt - was nur realistisch wäre, siehe diverse Skandale - im Kirchenmilieu angesiedelt wird.)

Dann gäbe es noch ein weiteres, oft unterschätztes Problem: Wenn man nicht gerade einen der so beliebten "Kinderkrimis" schreibt, gibt es kaum ein vernichtenderes Urteil für einen Schreiber als das Wort "Jugendbuch".
Das kann nämlich bedeuten, jemand (wenn man als Schreiber Pech hat, der Lektor) argwöhnt eine "pädagogische Absicht" in dem Roman. (Ungeachtet der Tatsache, das echte Jugendbücher seit Jahren nicht mehr den erzieherischen Zeigefinger weit und sichtbar erheben, weil die Kids, die so was schnell merken, sonst den Stinkefinger zeigen würden.)
"Jugendbuch-Autor" kann aber auch heißen: "Der Autor wird wohl nie richtig erwachsen." Bei Fantasy-Schreibern lässt man eine gewisse Verspieltheit und Weltflucht noch gelten, aber im Verschwörungs-Thriller? Da müssen die "erwachsen sein"-Klischees erfüllt werden, da sind die Männer noch richtige Männer, die Frauen noch richtige Frauen und ... nein, kleine pelzige Wesen von Alpha Centauri wären Science Fiction. Dafür darf ein Verschwörungs-Thriller alberne Behauptungen, z. B. über die Fähigkeiten von Computer-Hackern, enthalten, über die jeder aufgeweckte Teenager kichert.

Ich habe da eine Vermutung. Ich vermute schon lange, dass "komplettes Erwachsensein" - sprich: völlige Abwesenheit von "kindlichen" oder "pubertären" Verhaltensweisen - eine Persönlichkeitsstörung ist.
So gesehen ist ein über jeden Verdacht, ein "Jugendbuch" zu sein, erhabener Unterhaltungsroman ein Roman für Leser mit gestörter Persönlichkeit.

Samstag, 21. Februar 2009

Käpt'n Konny und die Nordsee ist Mordsee

Bei Ulysses fand ich einen Hinweis auf Martina Kausch, die eine interessante Frage stellt: Wer sind die Helden Eurer Kindheit?

Ich kann nicht sagen, wer die Helden meiner frühen Kindheit waren, und meine Helden, die ich so als fünf- oder sechsjähriger hatte, wechselten beinahe täglich.

Im Schuljungen-Alter - so ab Klasse 3 - hatte ich eindeutig einen "Helden": Käpt'n Konny (aus den Büchern von Rolf Ulrici).
konny
Ja, die ersten vier Bände besitze ich tatsächlich als Ausgabe aus den 1950er-Jahren - ich hatte sie bei einem Onkel abgestaubt. Die folgenden vier Bände schrieb Ulrici erst in den frühen 1970er Jahren, also auch zu der Zeit, als ich sie las. Erstaunlicherweise schaffte er irgendwie den Übergang ganz gut - damals hatte ich den Eindruck, zwischen den alten und neuen Abenteuern lägen nur etwa zwei und nicht gut 20 Jahre.
Es geht übrigens um die Erlebnisse von einigen segelbegeisterten Jungs von der Ostseeküste. Irgendwann auch für's Fernsehn verfilmt, die Verfilmung fand ich doof.

Warum Käpt'n Konny? Das kann ich heute auch nicht mehr so recht sagen. Wieso sie mich "ansprachen", als ich sie unter den anderen alten Jugend- und Kinderbüchern meines Onkels entdeckte, hingegen schon. Segelschiffe und Boote fand ich schon immer spannend. Dass ich auch die Folgebände haben "musste", war klar.
Die Faszination, die diese Schmöker dann auf mich ausübten, ist für mich aus Erwachsenensicht nicht mehr ganz nachvollziehbar.
Ich kann nur aus der Erinnerung sagen, dass sie mit dem nur unzureichend mit "Schuljungen-Fluchtphantasie" umschriebenen Gefühl zusammenhing, einer Sehnsucht, die Udo Lindenberg mal treffend im Titelsong von "Nordsee ist Mordsee" so betextete:
"Ich träume oft davon / ein Segelboot zu klau'n / und einfach abzuhau'n"
Diese Sehnsucht erfüllen andere Schreiber besser als Ulrici. Einige davon kannte ich auch schon als Schuljunge.
Auch wenn "Käpt'n Konny schnuppert Seeluft" tatsächlich damit beginnt, dass Konny mit seinen Freunden Papis Segeljacht klaut. Die zwar, vorhersehbar, "Bruch bauen", aber doch glimpflich davonkommen. Vielleicht machte das einen Teil der Faszination aus: der in den damaligen Kinderbüchern obligatorische "pädagogische Zeigefinger" war zwar pflichtgemäß vorhanden, aber erkennbar nicht ernst gemeint: Konny und seine Freunde können sich gegen Erwachsene behaupten, und zwar sogar dann, wenn sie etwas ausgefressen haben. Das haben sie sogar ihren "Nachfahren" TKKG voraus. Irgendwo ist Käpt'n Konny ein ferner Odysseus-Nachfahre im Schuljungen-Format.
Vielleicht lag die Faszination daran, dass Konnys Abenteuer "realistisch" genug waren, dass ich mir vorstellen konnte, sie selbst erleben zu können - und un-alltäglich genug, um nicht unter die Kategorie der unsagbar langweiligen "pädagogisch wertvollen" Kinder- und Jugendbücher zu fallen, die von den ganz alltäglichen Problemen aus dem ganz alltäglichen Leben ganz alltäglicher Leute handeln.

Wenig später kam ein Held dazu, der auch ein Kindheitsheld Ulysses' ist: James T. Kirk, Captain der U.S.S. Enterprise, NCC 1701 - Später fand ich Spock cooler - mit ihm konnte ich mich, so seltsam es klingt, sehr gut identifizieren. Nicht weil ich glaubte so intelligent wie der Vulcanier zu sein, geschweige denn so selbstbeherrscht. Eher das Gefühl der Fremdheit unter den Menschen, das Gefühl, irgendwie ein "Alien" zu sein - das mich übrigens nie ganz verlassen hat.

Ulrici schrieb übrigens auch Science Fiction-Jugendbücher. Von dem ersten Band aus seiner "Raumschiff Monitor"-Serie, "Geheimer Start", war ich hin und weg und begeistert. Mit jedem Band der Serie schrumpfte die Begeisterung, bis sie völlig ausbrannte. Der Grund ist einfach: von Band zu Band wurden die Abenteuer unglaubwürdiger, konstruierter, "hingedrehter".

Ich erwähnte schon den Film "Nordsee ist Mordsee", der 1976 in die Kinos kam, wo ich ihn mir auch promt ansah - was nur ging, weil Regisseur Hark Bohm, der eigentlich Rechtsanwalt ist, noch eine Freigabe ab 12 Jahren durchsetzen konnte. Die FSK fürchtete den "Nachahmungseffekt" und wollte den Film erst ab 16 Jahren freigeben. (Damals sahen viele "Experten" in Film und Fernsehen eine wesentliche Ursache der Jugendkriminalität - heute hat sich die Diskussion mit im wesentlichen identischen Argumenten in Richtung "Killerspiele" verschoben. Noch früher verdarben Comics und Schundromane die Jugend.)

Ein ganz anderes Kaliber, eine andere Welt, als "Käpt'n Konny", hart, realistisch - und ohne Helden, aber mit glaubwürdigen Charakteren. Ein Film, der zwar von den alltäglichen Problemen aus dem alltäglichen Leben alltäglicher Leute handeln, aber eben Probleme, die ich wirklich beinahe jeden Tag sah, und zum Glück nicht am eigenen Leib erleben musste. Ich kannte Jungs wie den "jugendlichen Kriminellen" Uwe mit dem saufenden Vater oder den ausgegrenzten "Kanaken" Dschingis, und endlich machte mal jemand einen Film ohne Betroffenheitslyrik, Sozialkitsch und erhobenen Zeigefinger über sie.
Ich mag ich diesen Film auch heute noch, auch weil er sich Zeit für die Charakterentwicklung nimmt (andere halten ihn deshalb für Langweilig).

Donnerstag, 8. Januar 2009

Fragebogen - mal nicht als Stöckchen, sondern aus einem Buch

Um die Zeit des Jahreswechsels kursieren verstärkt Fragebögen, unter Bloggern oft in Form sog. Stöckchen.

Einen interessanten Fragebogen fand ich in einem
bemerkenswertem Buch eines bemerkenswerten (und zu früh verstorbenen) Autoren, dem Zettelkasten von Michael Ende.

Vierundvierzig Fragen an den geneigten Leser

Wenn Sie ein Buch wie dieses hier zusammenstellen sollten, nach welchen Kriterien würden Sie Ihre Auswahl treffen?
Danach, ob die Texte für mich wichtig sind, dann, ob ich vermute, dass sie für den Leser wichtig sein könnten. Dann erst die literarische Qualität.

Gibt es Bücher oder Stellen aus Büchern, die Ihr Leben verändert haben?
Ja, sogar eine ganze Reihe Bücher. Ein Beispiel: Hoimar von Ditfurth - Der Geist fiel nicht vom Himmel - und damit zusammenhängend: Das Ich und sein Gehirn (Karl Popper gemeinsam mit John C. Eccles). Hätte ich diese Bücher nie gelesen, hätte ich eine schwere psychische Krise vielleicht nicht bewältigt.

Halten Sie es für Zufall, wenn Sie, von Lebensfragen bedrängt, genau im richtigen Augenblick genau das richtige Buch in die Hand bekommen, es genau an der richtigen Stelle aufschlagen und genau die richtige Antwort finden?
Da mir das schon einige Male passiert ist: Nicht mehr.

Gehört die Bibel, die von Engeln, Dämonen und Wundern berichtet, zur phantastischen Literatur?
Wenn, wie üblich, Mythen und Sagen zur "phantastischen Literatur" gezählt werden, dann ja. Die Tatsache, dass die Bibel für viele Gläubige "heilige Schrift" ist, hebt sie in keine andere Kategorie wie z. B. die Epen Homers.

Gibt es eine Stadt namens Moskau, so wie Tolstoi sie beschreibt, eine Stadt namens Berlin, von der Fontane erzählt, eine Stadt namens Paris, wie Maupassant sie schildert, wirklich, oder hat es sie jemals gegeben?
Tolstois Moskau, Fontanes Berlin oder Maupassants Paris sind Städte, die es, historisch-kritisch gesehen, nie so gegeben hat. Das heißt jedoch noch lange nicht, dass es diese Orte überhaupt nicht gibt.

Ist der Mond, den Goethe duzte ("Füllest wieder Busch und Tal ..."), und der Klumpen aus Schlacke und Staub, auf dem die beiden Astronauten herumtaumelten, ein und derselbe Himmelskörper?
In gewissen Hinsicht: Ja. Auch wenn es den Mond, so wie ihn Romantiker besangen, in der (astronomischen, physikalischen) "Wirklichkeit" nicht gibt. Nebenbei mag ich auch den per Raumflug erreichbaren Himmelskörper Mond nicht als "Klumpen aus Schlacke und Staub" abqualifizieren. In gewisser Hinsicht halte ich die Raumfahrt für ein sehr romantisches Unterfangen.

Kann die Schilderung von Kriegsgreueln einen Menschen belehren oder gar verändern, der diese Kriegsgreuel unbelehrt und unverändert erlebt hat?
Es kann. Zum Beispiel, weil sie Dinge aufdeckt, die die (anscheinend) unbelehrten und unveränderten Kriegsüberlebenden verdrängt hatten. Aber ich bin nicht so optimistisch, anzunehmen, dass diese Schilderungen bei vielen Kriegsüberlebenden so aufdeckend wirken.

Ist das Leiden von tausend Menschen mehr Leiden als das eines einzelnen?
Nein. Es ist nicht mehr Leiden - es leiden mehr Menschen.

Ist eine rote Fläche von einem Quadratkilometer röter als eine gleichfarbige Fläche von einem Quadratmeter?
Nein. Die große rote Fläche ist ein Million mal größer, aber genau so rot.

Wenn unsere Vorstellungen von der Welt sich ändern, ändert sich dann auch die Wirklichkeit?
Ja. Zumindest bei der sozialen Wirklichkeit bin ich mir dessen sicher.

Können Sie etwas denken, wofür es kein Wort gibt?
Ja.

Was meinen Sie damit, wenn Sie sagen, dass Sie ein Gedicht 'verstanden' haben?
Ein "Aha"-Erlebnis; das Gefühl, dass das Gedicht in mir eine "innere Resonanz" auslöst. Die Textinterpretation tritt dahinter zurück, die Schulfrage: "Was will uns der Dichter damit sagen?" ist irrelevant.

Halten Sie es für möglich, daß die Menschen in hundert oder zweihundert Jahren über unsere Vorstellungen von der Welt den Kopf schütteln werden?
Ich halte es nicht nur für möglich, ich bin mir dessen sicher.

Was treibt wohl einen Nihilisten dazu, andere Menschen von seiner Ansicht, daß alles sinnlos sei, überzeugen zu wollen?
Kein Mensch ist wirklich konsequent - am wenigsten die Anhänger einer so radikalen Weltsicht wie dem Nihilismus.

Erwartet man zu Recht von einem Maler, der ein gutes Christusbild malt, daß er selbst eine Art Christus sein sollte?
Zu Unrecht. Man erwartet von einem Maler, der ein gutes Pferdebild malt, auch nicht, dass er selbst eine Art Pferd sein sollte.

Was rechtfertigt die Darstellung eines entsetzlichen Foltertodes durch ein schönes Bild, durch schöne Musik oder in schönen Versen?
Wenn es nur darum geht, ein "schönes" Kunstwerk im Sinne vom "ästhetisch gefällig" zu schaffen: Nichts! In einem Kunstwerk, das die Menschen berührt, sie zum Nachdenken und Einfühlen bringt, kann auch die Darstellung eines entsetzliches Foltertodes angemessen sein.

Ist Schönheit eine objektive Tatsache oder ein subjektives Erlebnis, oder ist die Frage so überhaupt falsch gestellt?
Die Frage ist falsch gestellt - bzw. es fehlt die Definition, was unter "objektiv" und "subjektiv" zu verstehen sei. "Objektive Tatsache" ist ohnehin ein höchst fragwürdiger Begriff.

Wenn man die Hände zusammenschlägt - welchen Ton macht dann eine Hand?
Eine Frage, auf die ich keine eindeutige Antwort weiß, egal, wie lange ich über sie nachdenke. Deshalb ist sie ja auch ein klassischer Zen-Koan.

Liegt die Kraft, die eine Kompassnadel dazu veranlasst, immer nach Norden zu zeigen, in der Nadel oder im Erdball?
In beiden. Auch der Kompass wirkt sich ein klein wenig auf das Magnetfeld der Erde aus.

Wenn mehrere Menschen das gleiche Buch lesen, lesen sie dann wirklich dasselbe?
Nein.

Wo geschieht das, was zwischen einem Leser und seinem Buch vorgeht?
Im Verstand / Vorstellungsvermögen des Lesers (räumlich in dessen Gehirn).

Kann man ohne Geist den Geist leugnen?
Bestimmt. Ich kann mir problemlos ein K.I.-System auf einem Computer vorstellen, das anhand den dem System vorliegenden Daten zur Schluss kommt, dass es Geist nicht gäbe. Wobei die in Rede stehende künstliche Intelligenz (K.I.) weit davon entfernt ist, so etwas wie Bewusstsein oder Geist zu haben.

Warum schreiben Leute dicke Romane darüber, dass es nicht mehr möglich sei, Romane zu schreiben?
Neben der allgemein menschlichen Inkonsequenz ist es wohl Eitelkeit. Manche Menschen gefallen sich eben in der Rolle des Nörglers.

Wer denkt sich wohl die Geschichten derjenigen Autoren aus, die behaupten, keine 'allwissenden' Erzähler zu sein?
Die Autoren - wer sonst? Das gilt sogar für Geschichten nach Tatsachen.

Was ist der Unterschied zwischen einer dichterischen Fiktion und einer Lüge?
Bei einer dichterischen Fiktion lassen sich Schein und Wirklichkeit unterscheiden, sie will nicht täuschen. Eine Lüge ist Schein, der als Wirklichkeit ausgegeben wird.

Wenn die Kunst im Weglassen besteht, ist es dann nicht die höchste Kunst, gar nichts zu machen?
Nein. Denn es ist eine Faustregel, wobei "Weglassen" "Stilisierung", "Vereinfachung" meint - was keineswegs immer und auf jedes Kunstwerk anwendbar ist. Auch wenn es eine Kunst ist, Muße zu genießen, ist Muße an sich keine Kunst.

Sind eigentlich die Leser verpflichtet, einen Dichter zu verstehen, oder ist ein Dichter verpflichtet, sich den Lesern verständlich zu machen?
Der Leser ist zu gar nichts verpflichtet. Ein Dichter sollte zwar in der Regel verständlich schreiben, aber das hat Grenzen - und es gibt Ausnahmen.

Wenn ich das Wort 'Baum' in Morseschrift, in gotischen Lettern, in Blindenschift und im chinesischen Ideogramm vor mir sehe, aber dieser Schriften unkundig bin, muss ich da nicht annehmen, es handle sich um ganz verschiedene Dinge?
Möglicherweise. Ich kann ich mir dessen nicht sicher sein.

Wenn Kafka uns mit seinen Romanen das sagen wollte, was seine Interpreten interpretieren, warum hat er's dann nicht gesagt?
Interpretationen hängen grundsätzlich ebenso vom Interpreten wie von Text ab - im besten Falle ist es ein "stummer Dialog". Da Kafka nicht wissen konnte, was seine Texte bei jedem Einzelnen Leser berühren könnten, konnte er es auch nicht sagen.

Was tun die Personen in einem Buch, wenn es gerade niemand liest?
Dann sind sie nichts als Buchstabengruppen. Erst die Phantasie des Lesers erwecken sie zum Leben.

Ist der Wunsch nach Schönheit der Wunsch nach Beschönigung?
Manchmal schon. Aber es gibt auch den Wunsch nach ehrlicher Schönheit, einer Schönheit ohne Täuschung und Selbsttäuschung.

Haben Sie schon jemals einen Durchschnittsmenschen kennengelernt?
Nein. Der "Durchschnittsmensch" ist ein statistisches Artefakt. Aber ich habe schon sehr viele "durchschnittliche" Menschen, Menschen, deren Verhalten dem "statistischen Mittelwert" nahe kommt. kennengelernt. Sie sind meistens ziemlich langweilig.

Ist es nicht höchst verwunderlich, dass die gesamte deutsche, englische, französische, spanische und italienische Literatur nur aus sechsundzwanzig Buchstaben besteht? Nein. Letzten Endes kann man sie sogar durch binäre Einsen und Nullen ausdrücken. (Wie dieser Blogtext hier auf Prozessorebene eine Folge aus Einsen und Nullen ist.) Das verwendete Alphabet ist für die Literatur wenig relevant.

Halten Sie es für möglich, daß Gott, wie die Kabbala lehrt, die Welt aus zweiundzwanzig Buchstaben und zehn Zahlen schuf?
Ja. Allerdings nicht wörtlich genommen. Es ist eine schöne Metapher.

Könnte es den Tanz, der die Schwerkraft überwindet, ohne die Schwerkraft geben?
Nein. Auch wenn dieser Tanz eine Metapher ist, gäbe es dieses sprachliche Bild ohne die Schwerkraft nicht.

Welcher elektrochemische Prozeß in unserem Hirn hat wohl den Gedanken hervorgebracht, dass Gedanken nichts anderes seien als elektrochemische Prozesse in unserem Hirn?
Leicht ironisch ausgedrückt: Vielleicht ein zu hoher Dopamin-Spiegel. Angeblich verleitet das zu voreiligen Schlüssen, wie dem erwähnten Reduktionismus.

Wenn Wirklichkeit etwas mit 'wirken' zu tun hat, welche Wirklichkeit hat dann ein Traum?
Ein Traum kann auf uns selbst, auf unsere Denken und Fühlen, auswirken. Insofern ist er im Wortsinn "wirklich". Träume sind nur im Sprichwort Schäume - sie können z. B. ein Zugang zu unserem Unterbewusstsein sein.

Gibt es Bücher, die einen krank oder gesund machen?
Ja. Viele "Lebenshilfe"-Bücher machen krank - buchstäblich durch falschen oder irreführenden Rat. (Seelisch) krank machen können auch deprimierende, aber überzeugende Bücher - Sachbücher wie Romane -, die die Welt als grau und grausam erscheinen lassen. Gesund machen Bücher, die Hoffnung erwecken und das Selbstbewusstsein stärken, wohlgemerkt ohne krampfhaftes "positives Denken". Auch aufklärende Bücher können sehr heilsam sein.

Haben Sie auch beobachtet, dass jedem Menschen im Lauf seines Lebens von einer Fee drei Wünsche erfüllt werden?
Direkt nicht. Aber ich habe beobachtet, dass die meisten Wünsche erfüllt werden - wenn auch nicht immer so, wie es die Wünschenden erwarten.

Was ist Ihrer Ansicht nach schwerer zu machen - das Schwere oder das Leichte?
Wenn es um "leichte Unterhaltung" geht, ist diese oft eine schwere (schwierige) Kunst. Aber es kommt immer auf den einzelnen Fall an.

Werden Sie nachzählen, ob es auch wirklich vierundvierzig Fragen waren, oder glauben Sie mir aufs Wort?
Ich habe nachgezählt. Es sind nur 41.

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