Das Hartz IV-Klischee und die erfolgreichen Lügner

Wieder einmal zeigte eine repräsentative Befragung von mehr als 10.000 Hartz-IV-Beziehern durch das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB), wie wenig das Klischee des faulen "Sozialschmarotzers" der Realität entspricht:
Jeder zweite Hartz-IV-Empfänger geht einer nützlichen Tätigkeit nach Mehr als die Hälfte der Arbeitslosengeld-II-Empfänger zwischen 15 und 64 Jahren geht mindestens 20 Stunden pro Woche einer nützlichen Tätigkeit nach. Sie erziehen Kinder unter sieben Jahren, pflegen Angehörige, arbeiten und benötigen dennoch ergänzendes Arbeitslosengeld II, bilden sich weiter oder befinden sich in einer Fördermaßnahme.

Sicher entspringen die weit verbreite Vorurteile gegenüber "Hartzies" auch dem Hang, auffällige Extremfälle zu verallgemeinern - "jeder" kennt "jemanden", der sich mit ALG II plus Schwarzarbeit "ein flottes Leben macht" oder "jemanden", der die Tage bei Billig-Bier mit Dauernfernsehn verbringt und dabei die eigenen Kinder vernachlässigt. Solche Menschen geben natürlich mehr Gesprächsstoff her als der unauffällige Nachbar, der schon zwei Jahre lang eine vergebliche Bewerbung nach der Anderen losschickt.
Sicher hat die beflissene Abgrenzung gegen die "Unterschichtler" seitens der "Mitttelschichtler" sehr viel mit verdrängten Abstiegsängsten zu tun. Zugespitzt und stark verallgemeinert: sehr viele angsterfüllte "kleinbürgerliche" Deutsche sehen sich von "unten" von "Sozialschmarotzer" und von "oben" von "Heuschrecken" bedroht. Ihre Hoffnungen setzen sie dabei auf "anständige Menschen" aus der "Oberschicht"; einer Gruppe, zu der die meisten "Mittelschichtler" ohnehin gerne aufsteigen würden, und mit der sie sich gern solidarisieren - mit den "nicht heuschreckigen" "Oberschichtlern" (die es, z. B. durch ererbten Reichtum, gar nicht nötig haben, sich durch unseriöse Geschäftspraktiken zu bereichern) gegen die "Unterschichtler".
Das Dumme ist nur: Es ist gesamtgesellschaftlich und gesamtwirtschaftlich wenig relevant, ob jemand, der zur Elite gehört, "anständig" oder ein Kotzbrocken ist. Noch dummer ist, dass manch ein Kotzbrocken dank geschickter Öffentlichkeitsarbeit als "anständiger Kerl" dasteht.
Es hat auch sehr viel mit moralischer Selbstentlastung zu tun. Wenn die Armen und Arbeitslosen etwas falsch machen, unfähig sind, Charakterfehler wie Faulheit haben, kurz: selber Schuld an ihrer Lage sind, dann kann es ja nicht an den fleißigen und ehrgeizigen "Leistungsträgern" der "Mittelschicht" liegen, wenn es der "neuen Unterschicht" dreckig geht (und wohl auch nicht an den Fehlern der Eliten, der Entscheider in Wirtschafts- und Politik). Ein prima Mittel gegen schlechtes Gewissen wegen der eigener Rücksichtslosigkeit, und ein Betäubungsmittel für Bedenken wegen der eigenen Selbstausbeutung und Selbstoptimierung - und vor der Angst vor dem Abstieg.

Wie die Stimmungsmache bzw. Hetze gegen "Unterschichtler" und "Außenseiter" funktioniert, verrät in dankenswerter Offenheit der "Medienliebling", Feind moslemischer Einwanderer und mit guten Ratschlägen an Arme wie "kalt duschen" und "Pullover tragen, wenn die Bude nicht geheizt werden kann" großzügige Thilo Sarrazin. Sie funktioniert mit Halbwahrheiten, Lügen, Ablenkungsmanövern; einem "taktischen Verhältnis zur Wahrheit".

Dass das, was es so sagt und schreibt, nicht der Wahrheit entspricht, erfährt man sogar schon bei Tagesschau.de Was ist dran an Sarrazin Thesen? (In einem Satz zusammengefasst: Fast gar nichts!)
Bisher hieß es noch "Traue keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast." Sarrazin ist noch ein Stück weiter: er erspart sich die mühsame Arbeit des Frisierens statistischer Daten und erfindet nach Gutdünken die zu seiner Ideologie passenden Zahlen, was er sogar offen zu gibt. Ich sage: Guido, Thilo - Maul halten (sz-magazin)
Warum er so frech ist und sich so weit aus der Deckung der wohlklingenden Phrasen traut, ist relativ einfach zu beantworten: Die geschickte Vermarktung des Thilo Sarrazin - Thilo Sarrazin: Maßlose Kritik an Hartz-IV-Empfängern oder „Wie verkaufe ich mein Buch?“
Weniger einfach ist die Frage zu beantworten, wieso Sarrazin mit seinen offen eingestandenen Lügen durchkommt. Ich vermute, weil sich zu wenige Menschen die Mühe machen, das, was er und andere Propagandisten behaupten, zu überprüfen. Selbst Journalisten hinterfragen zu selten, was "wichtige" Menschen und "Experten" in die Welt setzen. Aber danke Thilo Sarrazin, dass Sie in diesem Punkt ehrlich sind!

Auch sonst ist Sarrazin ehrlicher als die meisten anderen Stimmungsmacher: er hält sich nicht mit "Sozialgedöns" auf, er ist kein Kreidefresser. Wer Sarrazin (und mehr noch "Öchsperten" wie Gunnar Heinsohn) aufmerksam liest, der merkt, was Sache ist: Der Wert eines Menschen hängt für sie davon ab, wie ökonomisch nützlich dieser Mensch ist. In dieser Hinsicht bricht er wirklich Tabus: er weigert sich, der Menschenwürde wenigstens geheuchelten Respekt zu erweisen.
Er (Sarrazin) sagt, mit Schule kann man weder Menschen noch soziale Schichten verändern. Doch das ist falsch. Sonst würden alle Arbeiterkinder immer noch auf dem gleichen Stand sein wie ihre Eltern seit Beginn der Industrialisierung. Bildungsaufsteiger und eine wachsende Mittelschicht hätte es dann in den letzten Jahrzehnten nicht gegeben.
Wer das sagt, ist ausgerechnet Heinz Buschkowsky, Bezirksbürgermeister von Berlin-Neukölln, und als Vertreter der These "Multikulti ist gescheitert" oft in einem Atemzug mit Thilo Sarrazin gennnt. (Zu Unrecht, wie SteffenH Karsten darlegt: Buschkowsky statt Sarrazin.)

Andere Hartz-Propagandisten lügen geschickter. Einige der Tricks wie man aus Opfern Übeltäter macht und aus Übeltätern famose Menschen beschreibt Holdger Platta: Die Psychotricks der Hartz-IV-Parteien Die Tricks stammen nicht zufällig aus der Produktwerbung.

Es widert mich an, angelogen zu werden. Und es schockiert mich, wie einfach es hier und heute ist, mit infamen Lügen durchzukommen - wenn man in der richtigen Position ist.
tanteti - 28. Aug, 00:05

was um himmels willen ist denn eine "nützliche" tätigkeit ....??
wem ist sie von nutzen ?
dem der sie ausführt oder dem, der damit kohle macht ???
lg...

MMarheinecke - 28. Aug, 00:15

Ich habe diesen Ausdruck wörtlich aus der Pressemeldung des IAB übernommen und es ist mir klar, dass er zwiespältig ist.
Neben der Kindererziehung oder der Pflege von Angehörigen versteht das IAB darunter die Teilnahme an Fördermaßnahmen oder Berufstätigkeit - berufstätig sind immerhin gut 30% der "Hartz-IV-er" die aber als sogenannte "Aufstocker" ALG-II-Leistungen beziehen. Weitere 10% gaben an, sich in Schule oder Ausbildung zu befinden. Ehrenamtliche Tätigkeiten oder Hobbies wurden nicht erfasst, auch wenn das sicherlich für den Einzelnen nützlich ist - im Falle der Ehrenämter meistens auch gesellschaftlich nützlich.
Karsten (Gast) - 28. Aug, 14:55

Ich sage mal: Bücher zu schreiben, in denen das, was wahr ist, nicht neu ist, das, was neu ist, hingegen hetzerisch, ist jedenfalls keine nützliche Tätigkeit. ;)
Karsten (Gast) - 28. Aug, 14:53

Ich weiß nicht, ob SteffenH meinem Beitrag zustimmen würde. Aber geschrieben hat er ihn jedenfalls nicht. :)

Und mit Sarrazin ist es so, dass er mich extrem anwidert, weil er eben nicht nur auf Probleme aufmerksam machen will, sondern sie mit Theorien vererbbarer Intelligenz und völkischer Produktivität garniert, die dem Ganzen eine völlig andere Qualität geben.

Zumal er damit Gift in eine durchaus wichtige Diskussion schüttet: Was machen wir denn mit diesen Bevölkerungsteilen, die sich von der Gesellschaft völlig abkoppeln und sich damit vor allem auch selbst schaden? Wie kommen wir an die Menschen ran, wie kann man sie integrieren? Jedes Gespräch darüber wird durch Typen wie Sarrazin verdorben.

MMarheinecke - 28. Aug, 15:04

Entschuldige, da habe ich mich vertan. Ist korrigiert.
MMarheinecke - 28. Aug, 15:13

Da hast Du recht

Denn die sich selbst "abkoppelnden" / in ihre Subkulturen zurückziehenden Menschen gibt es ja wirklich. (Nicht alle sind Einwanderer.) Ich kenne religiöse / quasireligöse Subkulturen, die völlig unter sich bleiben. Was das für Kinder aus diesen - meist fundamentalistischen - Subkulturen bedeutet, wage ich mir gar nicht auszumalen.
Zia - 31. Aug, 10:33

Ich muß sagen, daß ich ohne diesen ganzen Medienrummel auf dieses Buch nie aufmerksam geworden wäre. (Warum kriegen in Deutschland eigentlich die schlechten Bücher immer mehr Aufmerksamkeit als die guten?)
Um mir mal ein eigenes Bild zu machen hab ich mir gestern mitten in der Nacht Beckmann reingezogen.
Es fiel mir schwer einem nuschelnden alten Sack zuzuhören, der nicht mal in ganzen Sätzen reden kann. Die Thesen, die er aufstellt sind ganz leicht als Blödsinn zu entlarven. Mein Urteil: Nicht der Rede wert! Ab in die Tonne mit dem Dünnpfiff und vergessen.

Janus (Gast) - 22. Mrz, 13:48

Arbeitsmarkt

Eines ist und sollte klar werden es sind nicht genug Arbeitplätze vorhanden und in Zukunft ist weiterer Abbau von Arbeitplätzen vorgesehen.
Das dies im gegenwertigen Zeitpunkt durch Geld motiviert wird ist hierbei eigentlich das bedauerlich doch vermeiden wollen wir den Abbau von Arbeit ja nicht.
Die nächsten Arbeitplätze die wegfallen sind Postboten, Verkäufer, Bankangestellte, Lagerristen und Kraftfahrer wer bzw welche neuen Berufe sollen die neu dazu kommenden Arbeitlosen denn auffangen?

MMarheinecke - 22. Mrz, 15:40

Arbeit wäre mehr als genug vorhanden

Wenn die Post, wie noch vor wenigen Jahren üblich, für jeden jeden Vormittag ausgeteilt würde, dann bräuchte man auch annähernd so viele Postboten wie früher - auch bei gesunkenem Briefaufkommen. Das Problem der Dienstleistungsgesellschaft ist in der Tat ein Finanzierungsproblem (wer zahlt für Arbeit?) nicht eines der "fehlenden Arbeit".
Janus (Gast) - 23. Mrz, 08:07

Wer zahhlt

Jeder unternehmer will Sparen da Menschen eben zu teuer sind wird er mehr und mehr durch Automatisierung ersetzt.
Was natürlich dazu führt das die Kaufkraft singt. Weiter führt es aber dazu das wir nach tausenden von Jahren endlich von der Sklaverei weg kommen. Problem ist nur das Geldsystem was uns bei diesem Schritt in eine Welt ohne Sklaverei ausbremst.

Wenn mehr Menschen sehen würden das die Dinge die wir für Wohlstand halten durch Automatisierung bereit gestellt werden würden sich wohl auch mehr Menschen fragen ob ein Tauschmittel wie Geld überhaupt noch bestand hat.

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