Montag, 9. Januar 2006

Wohl doch kein Kelten-Komet

Am Sonntag, dem 8. Januar 2006 zeigte das ZDF eine Terra X-Sendung: Der Chiemgau-Komet -
Stunde Null im Keltenreich


Gelungenes Infotainment, allerdings wurde m. E. der Außenseitercharakter der "Kometensturz"-Hypothese zu wenig herausgestellt.

Sehr kritisch berichtete das "Hamburger Abendblatt" über diese Hypothese:
Der Komet aus dem Nichts
Begonnen hatte der Streit um den außerirdischen Brocken vor fünf Jahren, als die Hobbyarchäologen in einem Waldgebiet bei Burghausen winzige Metallkugeln im Boden fanden. Darin waren seltene Mineralien wie Xifengit und Gupeiit, die 1984 auch in einem Meteoriten in China nachgewiesen wurden. Prof. Ernstson von "Impact Team" ist überzeugt, daß es sich dabei um präsolares, also nicht irdisches, Gestein handelt. "Eine Sensation", jubelt "Terra X", "versuchte doch bisher selbst die Nasa vergeblich, im All präsolares Material zu gewinnen."

Angeblich veränderte das Gestein des bayerischen Kometen die antike Welt, da die Kelten extra harte Schwerter aus dem Metall schmiedeten und an die Römer verkauften. Dadurch hätten die Römer ihr Weltreich mit Waffengewalt begründen können. Der Komet als Lieferant für Waffenschmiede? "Ein Komet besteht nicht aus Gestein, sondern aus gefrorenem Wasser, Methan und Staub", sagt Faßbinder.

Die Wissenschaftler haben inzwischen durch Blei-Isotopenanalysen nachgewiesen, daß es sich bei den Gesteinsfunden keineswegs um präsolare Metallkugeln handelt. "Die Gesteine sind das Produkt natürlicher Verwitterungsvorgänge und finden sich an vielen Orten im Alpenvorland", sagt Dr. Erwin Geiss vom Bayerischen Landesamt für Umwelt.
Mir fiel außerdem unangenehm auf, dass der Umbruch von der Hallstatt-Kultur zur La Téne-Kultur um 450 v. u. Z. nur mittels zahlreicher Zusatzannahmen durch einen Kometeneinschlag "erklärt" werden könnte.

Samstag, 7. Januar 2006

Kerben in Wikingerzähnen

Die schwedische Archäologin Caroline Arcini fand bei
Untersuchungen an mehr als 500 Skeletten von vier schwedischen Wikingerfriedhöfen rätselhafte Einkerbungen auf den Zähnen.

Zehn Prozent der Männerskelette wiesen diese tiefen, meist horizontale Einkerbungen der oberen Schneidezähne auf. Die Einkerbungen an den Zähnen der 24 Männerskelette bestanden häufig aus doppelten oder gar dreifachen horizontalen Linien. Frauenskelette mit derartigen Veränderungen fanden sich hingegen nicht. Die Einkerbungen sind mit großer Fingerfertigkeit tief in den Zahnschmelz eingefeilt worden, berichtet Arcini.
Die genaue Bedeutung der Kerben ist allerdings noch nicht bekannt.

Arcini schließt nicht aus, dass die Einkerbungen ein Zeichen der Fähigkeit sein könnten, Schmerzen zu ertragen. Sie stellt die Hypothese auf, dass die Wikinger durch Einkerbungen ihrer vorderen Schneidezähne ihre Zugehörigkeit zu einer Gilde oder einem militärischen Rang angezeigt hätten.

Artikel ->Kauen mit Kerben
Gefunden bei wissenschaft.de

Freitag, 6. Januar 2006

Blöde Liste - aber irgendwie faszinierend

Bei Anarchistelfliege fand ich eine ziemlich alberne Liste von Dingen, die ich schon mal oder noch nicht gemacht hätte. Irgendwie stimuliert sie meinen Drang zur Selbstdarstellung:

1. Ein One-Night-Stand gehabt (ja)
2. Für Sex bezahlt oder bezahlt worden (nein)
3. Sich über das Internet verliebt (nein)
4. Einen luziden Traum gehabt (ja)
5. Den nackten Hintern fotokopiert (nein)
6. Heimlich im Schwimmbad nackt gebadet (nein)
7. Einen Striptease vorgeführt (nein)
8. "Ich liebe Dich" gesagt und so gemeint (ja)
9. Candlelightdinner mit einem lieben Menschen gehabt (ja)
10. Ein Buch von Frater V.D. gelesen (ja, leider)
11. Geheiratet (nein)
12. Ein Haus gekauft (nein)
13. Einen Baum gepflanzt (ja)
14. Kinder gezeugt oder bekommen (nicht das ich wüßte)
15. Geschieden worden (nein)
16. Eine Affäre gehabt (ja)
17. Im Regen geküsst (ja)
18. Im Regen getanzt (ja)
19. Heimlich in der Öffentlichkeit gevögelt (nein)
20. Ein Tamagotchi besessen (nein)
21. Sich verliebt und das Herz nie gebrochen bekommen (nein)
22. Jemandem das Herz gebrochen (ja)
23. Jemanden vergeblich geliebt (ja)
24. Jemanden geliebt, den man nicht lieben darf (nein)
25. Jemanden über 20 Minuten nonstop geküsst (nein)
26. Länger als einen Monat um eine alte Liebe getrauert (ja)
27. Hosenträger oder eine Latzhose getragen (ja)
28. In einem besetzten Haus übernachtet (ja)
29. Blumen von einem Fremden bekommen (nein)
30. Auf einer Demonstration von einem Wasserwerfer getroffen worden (ja)
31. von den Eltern auf dem Polizeirevier abgeholt worden (nein)
32. Mit Pfeil und Bogen geschossen (ja)
33. Auf einem Pferd geritten (ja, aber frag nicht, wie)
34. mit einem Hundeschlitten gefahren (nein)
35. In einen Kampf verwickelt worden, weil man jemandem helfen wollte (ja)
36. Die Nacht durchgemacht und den Sonnenaufgang beobachtet (ja)
37. Eine Nacht unter freiem Himmel verbracht (ja)
38. Mond und Sterne durch ein Teleskop betrachtet (ja)
39. Einen Sternschnuppenregen beobachtet (ja)
40. Ein Sonnenfinsternis live gesehen (ja)
41. Mitternacht am Strand spaziert (ja)
42. Ein Tattoo machen lassen (nein)
43. Ein Piercing stechen lassen (nein)
44. Ein Intimpiercing stechen lassen (nein)
45. Eine Schönheits-OP gehabt (nein)
46. Im Restaurant zu Fremden gesetzt und mit ihnen gegessen (nein)
47. Ein gutes Gespräch mit einem Bettler geführt (ja)
48. Drogen genommen (ja)
49. Mit Drogen erwischt worden (nein)
50. Einen 800-Seiten-Roman gelesen (ja, hunderte ;) )
51. Bei einer TV-Show mitgespielt (ja, wenn man Talkshows mitzählt)
52. In einem Film mitgespielt (ja)
53. Ein eigenes Buch geschrieben (ja)
54. Einen Artikel in einem großen Medium veröffentlicht (ja)
55. Auf einem Siegertreppchen gestanden (nein)
56. Das eigene Bild in der Zeitung gesehen (ja)
57. Bei irgendeinem Wettbewerb den allerletzten Platz belegt (ja)
58. Etwas wertvolles an einen dir Fremden mit Freuden verschenkt (ja)
59. Ein Musik-CD aufgenommen (nein)
60. Die CD-Sammlung alphabetisch sortiert (nein)
61. Über sechs Stunden lang PS2 gespielt (nein)
62. In einem Chor mitgesungen (nein)
63. Laut im Auto/Fahhrad/auf der Strasse unterwegs gesungen (und nicht aufgehört sobald Passante es bemerkten) (ja)
64. Entdeckt, dass jemand Dein Blog kennt, der es nicht kennen sollte (nein)
65. einen von dir geschriebenen Artikel auf einer fremden Internetseite vorgefunden (ja)
66. mit Kleidern aus Plastiktuetten durch die Stadt gelaufen (nein)
67. Ein völlig neues Leben in einer anderen Stadt begonnen (nein)
68. In ein anderes Land gezogen dessen Sprache du noch nicht kanntest (nein)
69. Die Haarfarbe gewechselt (ja, von braun zu grau-melliert ;) )
70. Den Namen gewechselt (nein)
71. Das Geschlecht gewechselt (nein)
72. Ein Tier selber geschlachtet (ja)
73. Einmal bei einer Ernte in der Landwirtschaft geholfen (ja)
74. Einen Berg bestiegen (ja)
75. Die Nordlichter gesehen (ja)
76. Ein Weltreise gemacht (nein)
77. Eine Wildwasserfahrt mitgemacht (ja)
78. Mit einem Rucksack und zu Fuss herumgereist (ja)
79. Den Tampon nicht wieder rausgekriegt (für jungs: ein anal eingeführtes sexspielzeug nicht wieder rausgekriegt) (nein)
80. dorthin gereist wo du schon immer mal hinwolltest (ja)
81. Fallschirm gesprungen (nein)
82. Bungee-Jumping gemacht (nein)
83. Gläserrücken gemacht (ja *schäm*)
84. Mit einem Heißluftballon gefahren (nein)
85. Tauchen gewesen (wenn Schnorcheln mitzählt: ja)
86. Süchtig nach einer TV-Serie gewesen (ja)
87. Bei einer religiösen Zeremonie unangenehm aufgefallen (ja)
88. In einem aktiven Kriegsgebiet gewesen (nein)
89. Mit einer scharfen Schusswaffe geschossen (ja)
90. Auf einem Kreuzfahrtschiff gereist (ja)
91. Mehr als eine Fremdsprache gelernt (ja)
92. Eine Fahrradtour gemacht (ja)
93. Ein Feuer ohne Streichhölzer und Feuerzeug angemacht (ja)
94. die beste freundin/Freund verloren (ja)
95. Im Winter in einem natürlichen Gewässer gebadet (ja)
96. Deine Festplatte formatiert ohne daß es Absicht war (nein)
97. Jemandem das Leben gerettet (ja)
98. von jemandem ausgenutzt worden ohne es zu merken (ja)
99. zur Starwars Trilogie oder den Episoden nicht ins Kino gegangen (nein)
100. hier bitte einen eigenen punkt einsetzen
Mein 100. ist, wie die Distels: So eine beknackte Liste ins blog gesetzt (jetzt ja)

Dienstag, 3. Januar 2006

Du bist ein richtiger Schmock!

Zwei junge Kreative modifizierten den Text des allseits beliebten Image hosted by Photobucket.com Werbespots:
-> Du bist Deutschland! (Download, 7 mb)

Jetzt macht der Spot wirklich Sinn!

Nachtrag: Ich hatte mich beim ersten Anhören des modifizierten Spots verhört: Es heißt darin nicht: "Du bist ein richtiger Schmock" sondern: "Du bist ein richtiger Schmonk". "Schmock" paßt allerdings auf die "Profis", die den Originalspot verbrochen haben, sowohl in der ursprünglichen Bedeutung - "Schmock" kommt aus dem Jiddischen (von "schmo") und bedeutet soviel wie Tölpel oder Idiot - wie in der durch Gustav Freitags Lustpiel "Journalisten" geprägten Bedeutung: "gewissenloser, käuflicher Zeitungsschreiber" (heute wohl: "Medienprofi").
"Schmonk" heißt allerdings auch "Trottel", insofern stimmt es wieder!

Sonntag, 1. Januar 2006

... und Physik kann er also auch nicht!

Neues Jahr - alte, abgestandene Kulturkritik von Rüdiger Suchsland, bekannt als der "ganz spezielle Filmkritiker" von "telepolis":
Ende des Mainstream?

In der thematischen Substanz eher Baujahr 1976 oder 1966 als 2006, von den Namen abgesehen. Trotzdem lesenswert, denn als Realsatire und unfreiwillige Selbstparodie ist er kaum zu toppen!
Nebenbei beweist Suchsland auch, dass er nicht nur keine Ahnung von Unterhaltungs-Filmen hat, sondern auch keine von Physik:
Mit Einsteins Relativitätstheorie beginnt die Naturwissenschaft endgültig ungegenständlich und damit ungreifbar zu werden. Schon zu Zeiten von Newton und Bohr mag alles für Nichtfachleute schwierig zu verstehen gewesen sein, mit Einstein wird es unmöglich. Nachdem schon kurz darauf, in den folgenden zwei Jahrzehnten, bildende Kunst und Kulturwissenschaft es der Physik nachmachten und ihre ähnlich kulturrevolutionären, individuellen Schritte in die Abstraktion, Ungegenständlichkeit und Nichterzählbarkeit taten, scheinen nun, lange Zeit später, Politik und Gesellschaft allmählich nachzufolgen.
Also: Zuerst die "ungegenständliche" (sprich: für Suchsland unverständliche) Physik, dann die "ungegenständliche" Kunst, schließlich die "ungeständliche" Politik und Gesellschaft? Die Kunst des frei interpretierenden an den Haaren Herbeiziehens versteht er jedenfalls meisterhaft, und Äpfel, Birnen, Orangen und Teetassen sind sowieso das Gleiche!
Niels Bohr schrieb seine bahnbrechenden Arbeiten zur Quantenmechanik übrigens nach Einsteins Relativtätstheorie, was auch naturwissenschafliche Totallaien mühelos nachschlagen können -> wikipedia: Niels Bohr.

Da paßt auch das hier:
Merkel betreibt Politik wie ein Physiklaborant: Im Kanzlerkittel mischt sie rote und schwarze Substanzen, achtet darauf, dass nichts explodiert, und lobt die "Kunst des Machbaren".
Äh, Physiklaborant? Irgendwie werde ich den Verdacht nicht los, dass Rüdiger Suchsland es irgendwie geschafft hat, in seiner Schulzeit den gesamten naturwissenschaftlichen Unterricht zu schwänzen.

Samstag, 31. Dezember 2005

Divination zum Jahreswechsel

Silvester ist traditionell ein Anlass, mittels diverser Orakelmethoden die "Zukunft" zu erkunden.
Dazu gehören solche Scharlatanerien wie "das große Jahreshoroskop" (in fast allen Illustrierten und Boulevardblättern) und im Vergleich dazu seriösen Methoden wie Bleigiessen und Kaffeesatzlesen.

Wozu anzumerken wäre, jedenfalls in meiner Sicht der Wirklichkeiten, dass es keine Zukunft gibt. Es gibt immer nur Möglichkeiten unterschiedlicher Wahrscheinlichkeit, die sich unterschiedlich stark von uns beeinflussen lassen. Und "Wirklichkeiten" gibt es nur im Plural. Aber das führt jetzt zu weit ...

Ich gehöre zu jenen Menschen, die offensichtlich die Gabe - oder den Fluch - haben, ein Stück weiter in das Netz der Möglichkeiten schauen zu können, als es in unserer Kultur gemeinhin üblich ist. Über viele vermeindlich spektakuläre Beispiele von "Prophetie", Präkognition, "Remote Viewing" usw. wie sie durch die "Esoterik"-Literatur, aber auch durch die seriöser(e) Psi-Forschung geistern, kann ich nur lachen. Erst einmal, weil ich persönlich Ähnliches erlebt habe - dann auch, weil ich gemerkt habe, dass das "Schicksal" niemals "unabänderlich in Stein gemeisselt" ist, und nicht zuletzt, weil nur jene Prognosen geglaubt werden, die in den "persönlichen Wahrnehmungstunnel" passen. (Oft genug habe ich meinen eigenen Prognosen nicht getraut.)

Und dann stimme ich Lazarus Long bzw. seinem Schöpfer Robert A. Heinlein zu:
"Ich habe nichts gegen eine Wahrsagerin, die den Leuten etwas vorflunkert. Eine echte Seherin sollte man abknallen wie einen tollen Hund. Kassandra bekam viel zu wenig ab."
Bob Heinlein wußte, wovon er schrieb. Er zog es deshalb vor, den Leuten etwas von der Zukunft vorzuflunkern, indem er Science Fiction schrieb. Heinleins "Geschichte der Zukunft" aus den 1940ern liegt, was die Abläufe der Weltgeschichte betrifft, meilenweit neben der "Realität". Allerdings gibt es kaum einen SF-Autoren, dem so viele "beiläufige" Pronosen gelangen, die sich später als zutreffend erwiesen.
Er könnte mein "Leidensgenosse" gewesen sein. Deren gibt es anscheinend viele in der Zunft der Schreiberlinge "phantastischer" Literatur. Die beste Beschreibung dessen, wie es mir beim "Prophezeihen" ergeht, stammt übrigens vom dieses Jahr verstorbenen deutschen SF-Autoren Walter Ernsting ("Clark Darlton") - es sind die (frühen) Erlebnisse des "Teletemporariers" Ernst Ellerts aus "Perry Rhodan". Übrigens treffen auch die Beschränkungen, die Walter seinem "literarischen Alter-Ego" zuschrieb, auf mich zu.
Die Paralellen zu etnographischen Beschreibungen schamanischer Reisen sind ebenfalls nicht zu übersehen, obwohl ich mich hüte, mich für einen "Schamanen" zu halten.

Übrigens: All das ist reine Metaphysik. Im Alltag und auch sonst vertraue ich lieber dem "kritischen Rationalismus". Der gleicht zwar auch dem Versuch, auf ständig versinkenden Halzbohlen einen Sumpf zu überqueren, aber da weiß ich wenigstens, dass es einen Sumpf gibt - und wahrscheinlich sogar Bohlen.

Um "Butter bei die Fische zu legen": Ja, ich habe eine Idee, wie 2006 werden wird. Ja, meine Vorstellungen, wie 2005 werden würde, haben sich größtenteils bestätigt - wenn auch manchmal auf unerwartete Weise.
Nein, ich werde nicht verraten, was ich "gesehen" habe. Weil ich glaube, meine Grenzen zu kennen. Der einzige Grund, den ich mir vorstellen kann, öffentlich eine echte Prophezeihung bekannt zu geben, ist die, zu verhindern, dass sie "Wirklichkeit" wird.

Divination, egal ob mit Tarot-Karten, Runen, I Ging, Astrologie usw. hat übrigens nichts damit zu tun. Ein Skeptiker nannte "Spielkartenprophetie" eine Methode
Wie man seine eigenen Ängste liest und für die Zukunft hält.
Er hat recht.

Wenn man sich hütet, das Resultat einer Tarot-Legung usw. für "die" Zukunft oder "die" Wahrheit zu halten, kann Divination ein wertvolles Hilfsmittel der (metaphischen) (Selbst-)Erkenntnis sein.

Was ergab das Tarot für mich? Davon verrate ich hier nur, dass bei mir "Schwerter" und "Kelche" endlich im harmonischen Gleichgewicht liegen, ich aber arg "Stäbe" und "Scheiben" vernachlässigt habe, obwohl ich oft genug sozusagen mit der Nase darauf gestoßen wurde.

Ich wünsche Euch viel Glück. Wir alle können es brauchen.

Martin

Von der Abschaffung des schönen Wetters

"Scheibenwischer", Sendung vom 29.12.2005:
Früher hieß das Winter oder weiße Weihnacht, heute spricht man von Schneekatastrophe.
Ja, füher gab es auch richtig schöne Sommer, heute gibt's überhöhte Ozonwerte, drohende Dürre, bedrohlich steigende Hautkrebsraten! Und wenn der Sommer mal verregnet war, wie dieses Jahr, steht die heimische Tourismusindustrie vor dem Ruin, wie natürlich auch die deutsche Landwirtschaft - zumindest, wenn man Pressetexten glaubt.

Heute ist auch jedes außergewöhnliche Hochwasser eine "Jahrhundertflut" (stimmt irgendwie auch, da Jahrhundert ist ja schließlich erst 5 Jahre alt), jeder tropische Sturm ein "Killerhurrikan" (peinlich, wenn dann ein Hurrikan wirklich schlimme Folgen hat, dann fehlen inflationsbedingt die Worte), und ein sonniger, milder Oktober ist nichts als ein Besorgnis erregendes Zeichen der Klimakatastrophe.

Weshalb gibt es nur noch schlechtes Wetter? Vermutlich, weil es (noch?) niemanden gibt, der sich "schönes Wetter" als Resultat erfolgreicher Regierungspolitik / Unternehmensaktivität / Behördentätigkeit /Reformmaßnahmen / Vereinsarbeit usw. zuzuschreiben traut. Vermutlich auch, weil "schlechtes Wetter" eine unversell verwendbare Ausrede für die fehlende Fehlertoleranz überoptimierter und über-rationalisierter Verkehrs- und Energieversorgungssysteme ist. Weil "Naturkatastrophen" oft durch fehlende Umsicht und Vorsicht erst katastrophal werden.
Vermutlich aber auch, weil "gute Nachrichten" für Sensationsverkäufer (früher "Journalisten" genannt) nun mal schlechte Nachrichten sind.

Mittwoch, 28. Dezember 2005

Stockholm Syndrom

Unter dem "Stockholm Syndrom" versteht man ein psychologisches Phänomen, bei dem Opfer von Geiselnahmen ein positives emotionales Verhältnis zu ihren Peinigern aufbauen. Dies kann dazu führen, dass Opfer mit den Tätern Mitleid fühlen. Es kann sogar darin münden, dass Täter und Opfer sich ineinander verlieben oder kooperieren. (Wikipedia: Stockholm-Syndrom.)
Das Stockholm-Syndrom scheint deutschen Politikern und deutschen "Journalisten" weitgehend unbekannt zu sein, anders lassen sich die Reaktionen auf die Äußerungen Susanne Osthoffs auf Al Jazeera kaum erklären. Oder sollte dahinter doch eine "höhere Absicht" stecken, wie die "zufällige" Fehlübersetzung jener Passage, in der sie sich zu einer möglichen Rückkehr in den Irak eben nicht konkret äußerte. Osthoff lässt Rückkehr nach Irak offen

Es ist wohl nur noch eine Frage der Zeit, bis der “Verdacht” auftaucht, Frau Osthoff habe mit ihren Entführern kooperiert, Verschwörungstheoretiker gibt es in unter Politikern und Journalisten ja genug.

Bemerkenswert auch, wie wenig man darüber erfährt, was Frau Osthoff da eigentlich im Irak so machte. Lichtblick im trüben Mediensumpf ist das Interview, dass der Mainzer Archäologen Dr. Michael Müller-Karpe der Tagesschau gab: "Man kann ihre Arbeit nicht hoch genug einschätzen". Besonders bemerkenswert, da Osthoffs Engagement gegen die Raubgrabungen in Mesopotamien, an denen die deutsche Gesetzgebung alles andere als unschuldig ist:
Müller-Karpe: Richtig. Der Irak verbietet Raubgrabungen - wie übrigens alle Länder. Es ist nirgends erlaubt, illegal auszugraben. So etwas bedarf immer der Genehmigung. Deutschland respektiert das aber nicht. Dinge, die im Irak als Hehlerware gelten, sind in Deutschland völlig legal.

tagesschau.de: Warum ist das so?

Müller-Karpe: Da steckt eine finanzkräftige Lobby dahinter, die mit Hehlerware aus Raubgrabungen Geld verdient und die ganz offen mit dem Verlust deutscher Arbeitskräfte droht, wenn die Gesetze strenger werden.

tagesschau.de: Wer bildet diese Lobby?

Müller-Karpe: Das sind Kunsthändler, Auktionshäuser, die aufgrund dieser skandalösen Gesetzeslage hier in Deutschland handeln dürfen.

tagesschau.de: ...die in Deutschland aber nicht hunderttausende Leute beschäftigen.

Müller-Karpe: Nein, das ist ja das Absurde. Der Verlust deutscher Arbeitskräfte würde sich in einem überschaubaren Rahmen halten. Aber die Gefährdung deutscher Arbeitsplätze ist in Deutschland nun mal ein Totschlagargument.
Zu den Hintergründen der Raubgrabungen auf wissenschaft-online:Wir finanzieren die Raub-Archäologie im Irak"

Allerdings, Engagement hin, Stockholm Syndrom her, fehlt mir für eine Äußerung Frau Osthofs in ihrem "Al Jaazeera"-Interview jedes Verständnis:
She described her captors as “poor people” and said that she “cannot blame them for kidnapping her, as they cannot enter [Baghdad’s heavily fortified] Green Zone to kidnap Americans.
Noch etwas zum "Stockholm Sydrom": In Zusammenhang z. B. mit dem Massaker von Beslan, als beim Sturm auf die von Terroristen besetzte Schule 394 Geiseln umkamen, ist es mehr als verständlich, dass die Geiseln oft mehr Angst vor den Sicherheitskräften als vor ihren Geiselnehmern haben. Das galt sogar für die namensgebende Besetzung der "Kreditbanken" in Stockholm 1973, denn die schwedische Sicherheitspolizei agierte damals in einer gefährlichen Mischung aus Dilletantismus und Aktionismus. Inzwischen ist die Polizei bei uns in den meisten westlichen Ländern besser geschult, aber für den Fall eines Einsatzes z. B. der Bundeswehr in solchen Fällen sehe ich tiefschwarz.

(Via Sven und Jens.)

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