Dienstag, 27. Dezember 2005

Brot knallt nicht ...

Ich fand, obwohl ich zu Silverster nicht "baller", den Apell "Brot statt Böller" immer schon sauertöpferisch, lustfeindlich und als Apell ans schlechte Gewissen kontraproduktiv für wirkliche Hilfsbereitschaft. Gut, dass ich damit nicht allein bin:
Die „Aktion 3.Welt Saar“ (A3WS) fordert Hilfsorganisationen auf, den Appell ‚Brot statt Böller’ einzustellen. „Der Aufruf trägt eine gehörige Portion Lustfeindlichkeit zur Schau. Mit seinem Appell an das schlechte Gewissen richtet er zudem politischen Flurschaden an“, so Roland Röder, Geschäftsführer der „Aktion 3.Welt Saar“. Der damit unterstellte Zusammenhang zwischen dem Sylvesterfeuerwerk sowie Hunger und Armut in der Welt ist beliebig gewählt und existiert nicht. Genauso gut könnte man dazu aufrufen, keine Bücher, Weihnachtsbäume und Handys zu kaufen oder Fußball-Hallenturniere ausfallen zu lassen. „Der Einsatz für
Gerechtigkeit und Solidarität führt ins Leere, wenn er mit einer
Leidensmine und dem moralischen Zeigefinger einher geht“, so Röder. Zum Wesen des Menschen gehört in allen Kulturen das Feiern, der Rausch, die Verausgabung – für manche eben auch die Freude am Sylvesterfeuerwerk. Der Aufruf „Brot statt Böller“ ist dabei ungeeignet, um den Spendenrückgang bei Hilfsorganisationen aufzufangen. Dass Menschen hungern, liegt an der Verteilung und an der Verwendung von
Nahrungsmitteln als Viehfutter. Hunger ist kein Schicksal, sondern wird gemacht.

Sonntag, 25. Dezember 2005

Was jeder weiß II

"Jeder weiß doch, dass alles immer schlechter wird und wir in einer Niedergangszeit leben"

In der nicht unbedingt meiner Anschauung entsprechenden, jedoch hin und wieder lesenswerten "Welt" erschien pünktlich zum Weihnachtsfest eine Kolumne der von mir (meistens) geschätzten Journalisten Maxeiner & Miersch.

Zuerst ein heißer Tipp für kühle Tage:
Falls es ihnen jedoch zu beschaulich wird und Sie etwas Schwung ins festlich geschmückte Wohnzimmer bringen möchten, dann hätten wir einen Tipp (wir haben ihn letztes Jahr ausprobiert): Behaupten Sie einfach, die Welt werde immer besser. Zunächst wird ein Stakkato der Katastrophen der letzten Monate auf sie einprasseln: Vogelgrippe, Irak, CIA, große Koalition, verregneter August. Dann wird einer der Älteren am Tisch erzählen, welches Unbill es zu seiner Zeit nicht gegeben hat: Mobbing, Stalking, dicke Kinder, Mobilfunkstrahlen, Schmuddel-TV und Hartz IV. Schließlich wird man Sie für komplett übergeschnappt halten, und ermahnen, dass Sie mit solchen albernen Provokationen den anderen das Fest verderben.
M & M stellen in ihren Kolumne das Buch "The Progress Paradox“ von Gregg Easterbrook vor.
Darin hat der amerikanische Wissenschaftsautor einen Berg von Daten zusammengetragen, mit denen er für so ziemlich alle Bereiche des menschlichen Lebens belegen kann, dass die Welt nun schon seit mehreren Jahrzehnten immer besser wird. Egal welcher Fortschritts-Indikator in ihrer munteren Weihnachtsrunde abgefragt wird, bei Easterbrook finden Sie ihn und können den aktuellen Sachstand in Relation zur Vergangenheit vortragen. Ob Krieg, Hunger, Analphabetentum, politische Unterdrückung oder Umweltverschmutzung.
Der ganze überaus amüsante Artikel ist nachzulesen im Weblog Die Achse des Guten: ->Das Fortschrittsparadox

Persönliche Anmerkung: Ich schätze M & M als Kritiker der allgegenwärtigen "die Welt ist schlecht und wir stehen am Abgrund"-Einschätzung sehr. Allerdings neigen sie meines Erachtens mitunter dazu, ins andere Extrem zu fallen, bzw.
dem Lager der in letzter Zeit immer mehr aus ihren Nischen hervorkommenden "Verharmloser" (ungewollt?) verbale Munition zu liefern.
Das die Welt im Großen und Ganzen eine "bessere" ist als vor 100 oder 50 oder nur 25 Jahren verdanken wir nicht simplem Glück, "göttlicher Vorsehung" (incl. dem "Wassermannzeitalter") und schon gar nicht einer Ideologie.

Wir verdanken sie Schweiß, Tränen und Blut - jeder Fortschritt wurde hart erarbeitet, oft gegen erbitterten Widerstand erkämpft.

Unserer Welt und uns kann es nur dann weiterhin besser gehen, wenn weiterhin kritisiert, gekämpft, nachgedacht, verbessert und wieder und wieder kritisiert wird. Reale und drohende Mißstände gibt es genügend.

Freitag, 23. Dezember 2005

Was jeder weiß ...

... stimmt garantiert nicht!

Eine nützliche Faustregel.

Ein Beispiel aus der Medizin:
"Jeder" weiß, dass immer mehr Menschen am Melanom, dem bösartigen "schwarzen Hautkrebs" erkranken. Die Schuld wird, je nach Interessenlage, dem Ozonloch oder dem Sonnenbaden gegeben.
Eine Analyse der Medical School Hanover (New Hampshire) ergab, dass die Melanomrate in den letzten Jahren konstant geblieben ist. Melonome würden bloß häufiger aufgespürt werden als früher.
Im Jahr 2000 wurde in den USA bei mehr als doppelt sovielen Amerikanern ein Melonom entdeckt als 1986. Sieht man sich die Daten genauer an, dann fällt auf, dass fortgeschrittene Melanome genau so häufig (oder besser: selten) sind wie 15 Jahre zuvor, und auch die Zahl der Hautkrebstoten blieb annähernd konstant.
Die gleichbleibende Todesrate bei doppelter Erkranktenrate kann nicht durch Fortschritte in der Medizin erklärt werden, denn so stark hätten sich die Behandlungsmöglichkeiten nicht verbessert.
(Quelle: bild der wissenschaft, 1-2006)

Die originale Publikation als pdf-Dokument: Skin biopsy rates and incidence of melanoma: population based ecological study

Der "bedrohliche Anstieg der Hautkrebsrate" - nichts als ein statistisches Artefakt? Auch da bin ich skeptisch. Es gab meines Wissens einige kleine Fortschritte bei der Melonomtherapie, auch ist anzunehmen, dass die verbesserte Früherkennung und Früh-Behandlung dazu führt, dass prozentual weniger Melanome ein gefährliches Stadium erreichen.

Vermutlich gab es tatsächlich einen leichten Anstieg der Melanomrate, der allerdings, auch aufgrund der relativen Seltenheit dieser Hautkrebsart, niemanden ernstlich beunruhigt hätte. Für die Sonne gilt wohl der alte Satz von Paracelsus, dass die Dosis das Gift macht.

Den Verdacht, dass da im Hintergrund der eine oder andere absichtlich erzeugte "Spin" wirkt, ist nicht von der Hand zu weisen. Ein Beispiel für Legenden-Lobbyismus im Gesundheitswesen wären die Cholesterin-Legenden, die vor allem der wirtschaftlichen Gesundheit der Pharma-Industrie nützen.
... gesponsort von den Pharmaindustrie

Wenn man sich einen Film der Lipid-Liga zur Cholesterin anschaut, kann man aber durchaus einen andern Eindruck bekommen: Nur Medikamente schützten wirklich, die Änderung der Lebensweise bewirke zwar etwas, doch das reiche meist nicht aus. Produziert hat den Film der Pharma-Gigant Pfizer, der 2003 über 9 Milliarden Dollar mit Cholesterinsenkern umsetzte. Die Lipid-Liga informiere trotzdem neutral, so Weizel: "Die (Sponsoren) haben aber keinerlei Einfluss auf das, was wir sagen."
(zitiert aus:
W wie Wissen: Cholesterin – Mythos oder Gefahr?
)

Weitere interessante Informationen zum Cholesterin, auch vom WDR: Rundum gesund: Cholesterin - Mythos oder Risiko?

Dienstag, 20. Dezember 2005

Unsicherheit gut für Demokratie

Sichere Lebensbedingungen ließen in den Stammeskulturen sowohl der australischen Ureinwohner wie im alten Amerika Hierarchien entstehen, unsichere prägten demokratische Strukturen.
Häufige Wetterkapriolen und eine unsichere Nahrungsversorgung begünstigen demokratische Strukturen in einer Gesellschaft, wie sie in vielen Jäger- und Sammlerkulturen zu finden sind. Strenge Hierarchien und Rangordnungen bis hin zu Sklaventum entstehen hingegen vor allem dann, wenn sichere und beständige Nahrungsquellen vorhanden sind, erklärt der australische Forscher Ian Keen.
Die ganze Meldung bei wissenschaft.de:
Häuptling der vollen Speisekammer

Diese Erkenntnis steht im Widerspruch zu weit verbreiteten Legende, dass "Krisenzeiten" beinahe zwangsläufig autoritäre Strukturen hervorbrächten - und das nur eine "harte, entschlossene Führung" mit existenziellen Krisen fertig werden könnte.

Dienstag, 13. Dezember 2005

Fräulein Smillas mangelndes Gespür für Fiktion

Am 20. Dezember wird sie wieder einmal im Fernsehen gezeigt werden, jene bizarre, wenn auch unterhaltsame, Mischung aus einem sozialkritischem Krimi skandinavischer Schule und „Akte X“-Folge in Überlänge, namens „Fräulein Smillas Gespür für Schnee“.

Vorbild ist Peter Høegs ungewöhnlicher Thriller, der vor allem durch seinen Detailreichtum auffällt. „Was die Welt heute über Grönland weiß, hat ihr Smilla mitgeteilt, die Ich-Erzählerin in Høegs Buch“, behauptet Reto U. Schneider in der NZZ. Damit dürfte er, zumindest was den deutschen Sprachraum angeht, durchaus recht haben. Obwohl Grönland – gemessen an der Bevölkerungszahl – gar nicht einmal schlecht in den Medien vertreten ist, ist das übliche Grönlandbild von wenig Wissen und vielen Klischees geprägt. Was durchaus typisch ist für viele Regionen der Erde, die in Alltag, Schule, Medien als „nicht wichtig“, allenfalls „exotisch“ wahrgenommen werden. Also für z. B. die meisten Länder Afrikas, Innerasiens, Ozeaniens. Länder, deren Bild in der Öffentlichkeit durchaus von einem einzigen Buch geprägt werden kann – wie das Grönlands durch „Smilla“. Ich denke nur daran, wie sehr der Fantasy-Roman (!) „In den Fesseln von Shangri-La“ das „westliche“ Tibet-Bild verzerrte.

Peter Høegs hat fraglos seine Verdienste als engagierter sozialkritischer Autor, der auf gern verdrängte „koloniale“ Altlasten im blitzsauberen dänischen Sozialstaat hinwies. Ebenso fraglos hat er sehr viel recherchiert. Ob er auch gut recherchierte, wage ich allerdings zu bezweifeln. Seine wichtigste Gewährsfrau war die in Kopenhagen lebende Grönländerin Kassaaluk Qaavigaq, die in mancher Hinsicht das Vorbild für Smilla Qaavigaaq Jaspersen ist – in mancher anderer Hinsicht nicht. Darüber hinaus sammelte Høeg offensichtlich eifrig Zeitungsausschnitte, Buchzitate und Gerüchte, bis er einen riesigen Karton voll hatte. Mit diesen oft verblüffenden Details stattete er sein Buch aus. Hinzu kommen etliche „Fakten“, die Høegs dichterischer Fantasie entsprangen. Was völlig legitim ist, schließlich schrieb er einen Thriller, kein Sachbuch und auch keinen „Roman nach Tatsachen“.
Leider scheinen das viele Leser nicht zu bemerken, obwohl der „Mystery-Teil“ des Romans unschwer erkennbar ziemlich wilde Sci-Fi ist: Ein Wärme abstrahlender Meteorit mit Lebenskeimen, ein wieder zum Leben erweckter Killer-Parasit aus dem Mesozoikum und eine Verschwörung von ehrgeizigen Wissenschaftlern, einer Bergbaugesellschaft in Liquidation und Drogenhändlern, die zu allem Überfluss durch staatliche Stellen gedeckt wird.

Einige handlungsrelevanten „Fakten“ über Grönland, die schlicht nicht stimmen:
Høeg behauptet z. B. es gäbe in Grönland keine Gefängnisse - es gibt sehr wohl ein Gefängnis in Grönlands Hauptstadt Nuuk.
Es gibt heute, 2005, in grönländischen Gewässern keine Ölförderung in größeren Stil, die gewaltige Förderplattform „Greenland Star 1“ im im Jahre 1994 handelnden Roman ist reine Fiktion.
Die linkssozialistische, separatistische Partei Grönlands, die Inuit Ataqatigiit, dürften wohl nur ganz stramme „Rotenfresser“ als „aggressiv marxistisch“ ansehen, sie ist z. Z. in der grönländischen Regierung an einer großen Koalition mit den sozialdemokratischen Siumut und der liberal-konservativen Atassut beteiligt.
Die Atassut fordert zwar hin und wieder die Wiederannäherung an die EU, aus der Grönland 1985 nach einer Volksabstimmung austrat, aber dass Grönland 1993 wieder der EU beigetreten wäre, ist Quatsch.
Kein Grönländer, der auf Jagdreise in kanadisches Hoheitsgebiet gelangt, riskiert ein Verfahren, wie es Smilla angeblich drohte. Die Einreise von Grönland nach Kanada ist nämlich visafrei, es herrscht völlige Reisefreiheit. (Vielleicht hat sie ja Drogen geschmuggelt oder in Kanada Eisbären gewildert?)
So viele Versäumnisse und Fehler der früheren dänische Verwaltung in Grönland auch unterlaufen sind, und so viele soziale Probleme, vom Alkoholmissbrauch über die hohe strukturelle Arbeitslosigkeit bis zur hohen Suizidrate, es auch gibt: Die von Høeg geschilderten „Indianerreservationsverhältnisse“, mit offenem Elend und ständiger kultureller Missachtung der Einheimischen durch die Dänen, sind überzeichnet, selbst für die 1960er Jahre, als Grönland noch nicht autonom war. Heute ist der Lebensstandard ähnlich hoch wie in Europa, die Sozialhilfe in Grönland ist den Lebenshaltungskosten voll angepasst.

Die Liste ließe sich noch erheblich verlängern – und die „Fehler“ bzw. „dichterischen Freiheiten“ sind nicht auf Grönland beschränkt.

Es ist schon bizarr, dass ein Buch, das so wenig mit der Wirklichkeit zu tun hat, nebst seiner Verfilmung, die noch weniger realistisch ist, dass Bild einer Region derart stark bestimmt. Da Grönland eine bei uns noch relativ gut bekannte Gegend ist, vermute ich, dass „Smilla“ nur die Spitze eines Eisbergs ist: Unser Bild der Welt beruht wahrscheinlich zu großen Teilen auf literarischen Fiktionen, die nie als etwas anderes gedacht waren.

Sendetermin des Films "Fräulein Smillas Gespür für Schnee": 20.12.2005, 20:15, kabel eins

Tipp: Am 1. und 2. Weihnachtstag bringt WDR 5 jeweils um 17:05 die unter Kennern beinahe legendäre 2. teilige Hörspielfassung von "Fräulein Smillas Gespür für Schnee". Beeindruckendes Ohrenkino, das dem Roman weitaus näher kommt als der Film.

Donnerstag, 8. Dezember 2005

Kreationisten - auch bei uns auf dem Vormarsch

Bisher nahm ich an, "Kreationisten", die die Schöpfungsgeschichte der Bibel wörtlich nehmen, seien bei uns eine Erscheinung am sektiererischen Rand des Christentums.
Auch die Lehre von "Intelligent Design", von fundamentalistischen Christen in den USA als angeblich "wissenschaftliche" Theorie und Alternative zum "Darwinismus" gepriesen, hielt ich für eine "Ami-Spinnerei" - in Deutschland hätten die Kirchen wenig zu melden, und außerdem hätten sie längst ihren Frieden mit der Wissenschaft gemacht.

Ein langer und lesenswerter Artikel in ZeitWissen belehrte mich eines Besseren. Auch wenn die "Kreationisten" bei uns eine kleine Minderheit sind, sie machen gehörig Wind:

Päpstlicher als der Papst
Wer daran zweifelt, dass das Leben auf der Erde sich im Großen und Ganzen anders entwickelt hat, als es die moderne Synthetische Evolutionstheorie beschreibt, gehört einer Minderheit an. Zwar glauben laut einer repräsentativen Infratest-Umfrage im Auftrag von ZeitWissen 50,4 Prozent der Deutschen, eine höhere Macht habe die Erde und das Leben auf ihr erschaffen (Osten 34,7 Prozent, Westen 54,4 Prozent). Immerhin 28,8 Prozent glauben nicht, dass Affe und Mensch einen gemeinsamen Vorfahren haben. Bis heute aber ist in keiner seriösen naturwissenschaftlichen Fachzeitschrift ein Aufsatz veröffentlicht worden, der Belege für einen lenkenden Gestalter enthielte.
Die Umfrageergbenisse überraschten mich. Allerdings fällt mir auf, dass die Behauptung "Eine höhere Macht hat die Erde und das Leben auf ihr erschaffen" alternativ zu der wissenschaftlich gut erhärteten Theorie einer "Entwicklung von primitivsten Lebensformen hin zur Welt, die wir kennen, getrieben durch zufällige Veränderungen, beeinflusst durch Umweltbedingungen und Konkurrenzdruck" gesehen wird: Entweder Schöpfung oder Evolution. In pantheistischen und ganz allgemein "naturreligiösen" Ansätzen besteht dieser Gegensatz nicht. Es kann also sein, dass etliche der vermeindlichen "Schöpfungsanhänger" durchaus "gute Darwinisten" sind.

Obwohl es im Alltag wenig Bedeutung zu haben scheint, wie denn das Leben, das Universum und der Rest entstanden sind, ist der Kreationismus weitaus mehr als irgendeine beliebigepseudowissenschaftliche Lehre:
Das Schöpfungsbuch Creatio etwa, das Junker auf dem Klappentext lobt, prangert eine »Missachtung der Schöpfungsordnung« an, wo Alleinerziehende, Homoelternpaare, Doppelverdienereltern oder »Familien mit Hausmann« von der »von Gott gegebenen Form der Ehe« abweichen. Eben noch Genesis, plötzlich wird mit der Bibel anderer Leute Lebensstil verdammt. »Die Frage, wie der Mensch entstanden ist, hat auch Folgen für Ethik und Normen«, sagt Junker.
Umgekehrt scheint es auch so zu sein, dass ein in all seinen ethischen Implikationen ernst gemeintes Christentum auch dann zu antidarwinistischem Schöpfungsglauben führen kann, wenn man sehr wohl weiß, dass die Bibel nicht wort-wörtlich zu verstehen ist:
Was vertrackt klingt, ist zentral, will man die Motivation von Wort und Wissen verstehen. Nur zu sagen, das seien Fundamentalisten, die eben alles wörtlich nähmen, greift zu kurz. Vielmehr ist die Bibeltreue der Anfangspunkt eines Dilemmas: Erst der Sündenfall hat den Tod in die Schöpfung gebracht. Vorher war sie perfekt. So steht es geschrieben.

Zur Evolutionstheorie hingegen gehört die Auslese. Sünde wird da schnell zum Selektionsvorteil. Ein Widerspruch, so Junker: »Wie hätte Gott den Menschen dann noch zur Rede stellen können und fragen: Was hast du getan?« Ohne sündige Menschen und vergebenden Gott aber macht die Erlösungsreligion Christentum wenig Sinn - solange man die Bibel als faktentreue Offenbarungsschrift liest, darf Evolution einfach nicht der Weg sein, auf dem sich das Leben entwickelt hat.

Mittwoch, 7. Dezember 2005

In echten Krisenfällen werden Zuschauer eher zu Helfern

Oft schon habe ich mich über der wohl bekannten "Gaffer-Effekt" bei Unglücksfällen aller Art geärgert: Alle schauen zu, aber kaum einer mischt sich ein – vor allem dann nicht, wenn mehrere Zuschauer anwesend sind. Mindesten eben so oft haben ich Menschenansammlungen, die mir nach "Gaffern" aussahen, weiträumig umgangen - weil ich um nichts in der Welt ein "Gaffer" sein wollte, andereseits, weil ich fürchtete, helfen zu müssen, aber nicht zur Hilfe fähig zu sein.

Da wirkt das, was Experimente deutscher Psychologen um Peter Fischer zeigten, tröstlich: Menschen in einer wirklich gefährlichen Situation können in vielen Fällen auf die Hilfe unbeteiligter Dritter zählen. In früheren Studien hatten Forscher das Verhalten von Zuschauern in weniger brenzligen Situationen untersucht und dabei immer wieder den den Gaffer-Effekt beobachtet.
Die deutschen Wissenschaftler konnten nun zeigen, dass in echten Gefahrensituationen eher mit der Hilfe eines Unbeteiligten gerechnet werden kann.

Bericht in wissenschaft.de: Not macht Gaffer zu Rettern

Zum Tod zweier großer Kabarettisten

Heute starb der Kabarettist Rolf Ulrich, Gründer der "Stachelschweine", gestern Hanns Dieter Hüsch.
Tröstlich ist, das beide Zeit hatte, ihr Leben zu Leben und in Würde zu altern. Es ist nicht leicht, mit Würde und Humor zu altern. Beide schafften es.
Viele Talente auf dem Gebiet der gedankenprovozierenden Kleinkunst starben viel zu jung, manche von ihnen durch staatliche Gewalt. Direkt oder indirekt.

Gute Kabarettisten sind rar, denn ist ist schwer, ein guter Kabarettist sein, zwischen der albernen und flachen Comedy-Welle auf den einen Seite, und dem verbissenen, oft humorlosen "politische Kabarett" auf der anderen.

Ein guter Kabarettist zu sein - nein, überhaupt ein Künstler zu sein, der etwas zu sagen hat - erfordert meiner Meinung die Bereitschaft und die Fähigkeit, elegant zwischen den Stühlen sitzen zu können. Das konnten Ulrich und Hüsch.

In einer Rückschau schrieb Ulrich einmal, den "Stachelschweinen" sei abwechselnd bescheinigt worden, "Vaterlandsverräter" oder "Handlanger der Kommunisten", dann wieder, reaktionär, staatserhaltend und "Handlanger des Establishments" zu sein.

Hanns Dieter Hüsch schaffte es sogar, zugleich ein übezeugter Linker, ein Pazifist und ein gläubiger Christ zu sein, ohne sich zum Idioten zu machen. Ich habe mich oft von seinen Texten provoziert gefühlt, manchmal geärgert, war manches Mal ganz anderer Meinung - aber gut und geistreich fand ich ihn immer.

Danke!

User Status

Du bist nicht angemeldet.

Aktuelle Beiträge

Geheimauftrag MARIA STUART...
Krisenfall Meuterei Der dritte Roman der Reihe "Geheimauftrag...
MMarheinecke - 9. Apr, 19:42
Urlaubs-... Bräune
Das "Coppertone Girl", Symbol der Sonnenkosmetik-Marke...
MMarheinecke - 1. Aug, 08:34
Geheimauftrag MARIA STUART...
Ahoi, gerade frisch mit dem Postschiff eingetoffen. Der...
MMarheinecke - 26. Mär, 06:48
Kleine Korrektur. Man...
Kleine Korrektur. Man kann/sollte versuchen die Brille...
creezy - 11. Nov, 11:29
strukturell antisemitisch
Inhaltlich stimme ich Deinem Text zwar zu, aber den...
dummerle - 5. Jun, 11:12

Suche

 

Status

Online seit 7503 Tagen
Zuletzt aktualisiert: 15. Jul, 02:08

Credits


doof-aber-gut
Gedankenfutter
Geschichte
Geschichte der Technik
Hartz IV
Kulturelles
Medien, Lobby & PR
Medizin
Persönliches
Politisches
Religion, Magie, Mythen
Überwachungsgesellschaft
Umwelt
Wirtschaft
Wissenschaft & Technik
Profil
Abmelden
Weblog abonnieren