Wie im Katastrophenfilm - von Vulkanen und Airlines

Die Aschenwolke des Vulkans unter dem Eyarfjallajökull und die Reaktionen mancher Fluglinien-Manager auf die Flugverbote erinnern lebhaft an einen typischen, klischeehaften Katastrophenfilm. (Da gebe ich Sven Scholz recht, bei dem ich das irgendwo auf seiner facebook-"Wand" fand:
... weil da ja nichts ist, wie schon wieder manche "Entscheider" zu glauben wissen (Wozu gibts denn bitte seit den 70gern regelmäßig Katastrophenfilme, die stets damit beginnen, dass irgendwelche Geld-Denker irgendwas völlig unterschätzen und deshalb tausende Leute in die Scheiße reiten)
Wie im klassischen Katastrophenfilm regiert auch bei der Aschewolke des Vulkans unter dem Eyjafjallagletscher "Murphies Law": Was schiefgehen kann, geht schief. Denn offensichtlich hat der Vulkanausbruch Europa mit heruntergelassenen Hosen erwischt - auf so ein Ereignis war man offensichtlich nicht im Mindesten eingestellt. Das gilt auch und vor allem in Deutschland: bis hinreichend zuverlässige Informationen über die Aschenverteilung vorliegen, werden wohl noch einige Tage vergehen. Heute startet ein Testflug der DLR - eher ging es nicht, da in die Maschine erst die notwendigen Geräte installiert werden mussten. Die stationären Messstationen des Deutsche Wetterdiensten werden ebenfalls erst umgerüstet. Die Idee "die müssen doch nur ein paar Wetterballons steigen lassen, um Bescheid zu wissen" krankt daran, dass sie auch erst mit geeigneten Instrumenten ausgerüstet werden müssen. Es scheint so, dass in Europa allenfalls die italienischen Vulkane, nicht aber die isländischen "auf der Rechnung" waren. Ganz so wie im Katastrophenfilm: zuerst wird die Gefahr völlig übersehen.
Forscher bereiten Flug in die Aschewolke vor (Spon).
Es ist kein Katastrophenfilmklischee, sondern die Lebenserfahrung, die lehrt, in Situationen, in denen offensichtlich "Murphy" das Sagen hat, also in denen schon viel schief gegangen ist, auf keinen Fall irgendwelche unnötigen Risiken einzugehen: "Wird schon schiefgehen" bedeutet in solchen Lagen oft: "Es wird schief gehen".
Das ist in solchen Ausnahmesituationen kein finsterer Pessimismus, sondern einfach nur realistisch: auf unzureichender Grundlage gefällte Entscheidungen neigen nun einmal dazu, falsch zu sein. Aber die Flugsicherung hat recht, wenn sie im wesentlichen aufgrund einer - vielleicht unzutreffenden - Computersimulation den Luftraum sperrt.
Die Aschenwolken sind kaum zu sehen und können durch das Bordradar nicht geortet werden. Daher entschied die Flugsicherung völlig zurecht: in Gebieten und Flughöhen, in denen auch nur theoretisch gefährliche Aschenkonzentrationen herrschen könnten, hat ein Passagierflugzeug nichts verloren. Diese unbefriedigende Lage, in der man besser übervorsichtig ist, wird sich, wenn bessere Daten vorliegen, ändern, aber erst dann.
Wer von den Verantwortlichen will das Risiko eingehen, den Luftverkehr freizugeben, und dann passiert doch ein Unglück?
Bisher ist noch kein Mensch durch die Aschenwolke umgekommen. Aber das könnte sich ändern, wenn die Airlines, die aus finanziellen Gründen (in einige Fällen geht es um die Existenz des Unternehmens) bereit sind, etwas mehr zu riskieren, sich politisch durchsetzen.

Die Gefahren durch die Vulkanasche sind, entgegen einiger vollmundiger Behauptungen, nicht aus der Luft gegriffen. Untersuchungen an Jets der finnischen Luftwaffe, die durch die verdünnte und kaum zu sehende Aschenwolke flogen, zeigen erhebliche Triebwerksschäden: Finnish F-18 engine check reveals effects of volcanic dust (flightglobal).
Auch bei mehreren Kampflugzeugen der NATO vom Typ F-16 wurden Triebwerksschäden durch Vulkanasche entdeckt: NATO: F-16 fighters damaged by volcanic ash (ap).
Die US-Airforce bestätigte, dass bei auch bei einer US-amerikanischen F-18 Glas an den Turbinenschaufeln gefunden wurde, das auf die Vulkanasche zurückzuführen sei. Der Jet habe sich zuvor auf einem Testflug über Europa befunden. Dabei sei die Asche in das heiße Triebwerk gelangt. Man könne fliegen, aber es sei sehr gefährlich.
Auch Forscher der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) Zürich bestätigten nach Messungen, dass die Vulkanasche gefährlich ist:
Forscher bestätigen Gefahr für Flugzeug-Triebwerke (tagesschau.de).

Obwohl es bisher so ablief wie im Katastrophenfilm, hoffe ich doch sehr, dass es nicht wie im Kino weitergeht.

Übrigens, an die Fluggesellschaften, die fürchten, dass das Flugverbot an ihre finanzielle Substanz geht: Eine "risikofreudige" Airline, der ein Flugzeug wegen der Vulkanasche abstürzen würde, könnte einpacken. (Man denke z. B. an den Fall der Crossair.)

(Dank auch an Karan Troubadoura.)
Köppnick - 19. Apr, 19:24

Die beeindruckendste Schilderung, die ich gelesen habe: Hoffentlich zerschellen wir an einem Berg. Die beiden letzten Abschnitte:
Ich weiß im Nachhinein auch warum. Als ich später die Bilder der Boeing 747 sah, bemerkte ich erst, dass große Teile der Lackierung von der Vulkanasche einfach abgeschliffen worden waren. Die Tragflächen, der obere Teil des Rumpfes. Doch nicht nur der Lack hatte gelitten: Von den Aschepartikeln war die Scheibe des Cockpits total zerkratzt - der Pilot konnte bei der Landung so gut wie nichts sehen. Außerdem waren Sensoren für wichtige Instrumente verstopft, Höhenmesser und auch das Radar funktionierte nicht mehr richtig. Nur an einer Stelle der Scheibe war ein kleiner Streifen von oben nach unten geblieben, durch den man noch hindurchsehen konnte. Der Pilot erzählte uns später, er habe praktisch gestanden beim Landen, um durch den schmalen Schlitz an der Seite der Cockpitscheibe rauszugucken. Er hat das Flugzeug im Stehen gelandet. Es war irre.

Einen Tag später traf ich den Piloten Eric Moody. Und er sagte einen Satz, den ich nie vergessen werde: "Mädchen, du brauchst kein Lotto mehr zu spielen. Das war dein Lottogewinn."
Das zeigt, dass die Szenarien in den Katastrophenfilmen (u.a. den halbdokumentarischen über den Vulkanausbruch im Yellowstone-Nationalpark) physikalisch ziemlich nahe an der (möglichen) Realität liegen.

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