Alternativweltromane mit Tücken

Der "Alternativweltroman" gilt zurecht als die "hohe Schule" der Science Fiction bzw. hier wohl besser: Speculative Fiction. Spekulationen, wie die Welt hätte sein können, wenn es z. B. 1917 in Russland keine Oktoberrevolution gegeben hätte, wenn Abraham Lincoln nicht ermordet oder Adolf Hitler doch ermordet worden wäre, sind nicht nur reizvoll, sondern erfordern sehr viel historisches Wissen und noch mehr Gespür dafür, wie eine "alternative Realität" glaubwürdig gestaltet werden kann.

Verlagstexte gelten zurecht als wenig aussagekräftig für einen Roman - vor allem, wenn es um so ein anspruchsvolles Genre wie den Alternativweltroman geht.
Dennoch vermute ich, dass eine alternativhistorische Romanreihe, deren Prämisse auf der Verlagswebsite so vorgestellt wird, nichts taugt - zumindest nicht als Alternativhistorie:
Im Jahre 1918 schlägt „Die Schwarze Macht“ mit nie da gewesener Härte die Arbeiter- und Soldatenaufstände in Deutschland nieder. Das unterversorgte deutsche Heer entscheidet im Frühjahr 1919 mit der Eroberung von Paris den ersten Weltkrieg für sich.
Nach drei Jahrzehnten des Friedens entdecken deutsche Satelliten im Jahre 1949, dass die USA Anreicherungsanlagen für Uran bauen, um Atomwaffen herzustellen. Kaiser Friedrich IV. entschließt sich zur Bombardierung. Der Zweite Weltkrieg beginnt… und damit eine neue Zeitrechnung in der Geschichtsschreibung der Alternativweltromane.
Ausgangspunkt ist, dass Deutschland den ersten Weltkrieg gewonnen hätte. Das ist eine nicht ganz einfache Annahme angesichts der Tatsache, dass der Stabschef Erich von Falkenhayn den deutschen Reichskanzler Bethmann-Hollweg schon im Dezember 1914, also kein halbes Jahr nach Kriegsausbruch, darüber informierte, dass der Krieg nicht mehr zu gewinnen wäre. Die Regierung Bethmann-Hollweg (und wahrscheinlich auch der Kaiser) lehnten einen Verhandlungsfrieden trotzdem als "unannehmbar" ab. Das war das Todesurteil für einige hunderttausend Menschen. Es wurde nämlich nach 1914 nicht besser: je länger der Krieg sich hinzog, desto unwahrscheinlicher wurde ein deutscher Sieg. Spätestens ab 1917 war es dann praktisch unmöglich, auch nur halbwegs glimpflich aus dem Krieg herauszukommen. Schließlich musste auch die Oberste Heeresleitung zugeben, dass der Krieg verloren war, wobei die de facto Militärdiktatoren Ludendorf und Hindenburg sich aus der Verantwortung stahlen.
Alles in allem: wer das Deutsche Kaiserreich im Ersten Weltkrieg siegen lassen will, muss sich etwas einfallen lassen.
Der Autor, der unter dem bezeichnende Namen "Heinrich von Stahl" schreibt, macht es sich hingegen offensichtlich einfach. Die Annahme, der Krieg hätte doch noch gewonnen werden können, wenn nur die Aufstände im Jahr 1918 energisch niedergeschlagen worden wären, ist nur dann plausibel, wenn man die "Dolchstoßlegende" zumindest für teilweise wahr hält. (Das deutsche Heer sei "im Felde unbesiegt" geblieben und habe erst durch oppositionelle "vaterlandslose Gesellen" aus der Heimat einen "Dolchstoß von hinten" erhalten.)
Zwar räumt "von Stahl" ein, dass das deutsche Heer "unterversorgt" war (die Nachschubsituation war in Wirklichkeit im Oktober 1918 so verzweifelt, dass das Heer praktisch kampfunfähig war), aber dass das abgekämpfte Heer trotzdem irgendwie in der Lage gewesen wäre, Paris einzunehmen, riecht verdächtig nach nationalistischem Wunschdenken.
Noch mehr nach Wunschdenken riecht die Handlung 1949. Wie aus der Verlagswebsite hervorgeht, unterstellt "von Stahl", dass das Deutsche Kaiserreich zu diesem Zeitpunkt etwa ein technisches Niveau hätte, das dem der USA 1969 entspräche (es wird gerade ein bemannter Mondflug vorbereitet). Wichtiger ist aber für einen nationalen Wunschdenker, dass es einen "anderen" 2. Weltkrieg gibt, und dass es dieses Mal ein "gerechter Krieg" ist - schließlich basteln die Amerikaner an der Atombombe.

Ich habe mich dafür entscheiden, die Website des in Rede stehenden Verlages nicht zu verlinken, und auch seinen Namen und den der Romanserie nicht zu nennen, weil ich für ihn nicht noch mehr Werbung machen möchte.
Wirr-Licht - 1. Mär, 09:47

igitt

gut hingegen wird das hier sein, schätze ich:

//io9.com/5482310/the-church-of-lunologys-moon-city-conspiracy

MMarheinecke - 9. Mär, 23:54

Noch nicht mal der Name des Kaisers stimmt bei "von Stahl"

Mir ist heute in einem ganz anderen Zusammenhang (Recherche zum Kaiser Friedrich III., der am 9. März 1888 die Regierung übernahm)aufgefallen, dass Kronprinz Friedrich Wilhelm von Preußen (1882 - 1951), nach dem Tode seines Vaters, dem Ex-Kaiser Wilhelm II. im Jahre 1941 Chef des Hauses Hohenzollern, stets Kronprinz Wilhelm genannt wurde. (Und ich schlug natürlich nach, welchen Titel er getragen hätte, wenn sich die Monarchisten in Deutschland durchgesetzt hätten: Wilhelm III.) Unter den Anti-Hitler-Verschwörern des "20. Juni" waren viele Monarchisten bzw. Anhänger des deutschen Kaiser- und preußischen Königshauses, die beabsichtigten, im Falle eines Erfolges wieder zur Monarchie zurückzukehren. Deutscher Kaiser wäre, wäre es nach ihren gegangen, Kronprinz Wilhelm als Wilhelm III. geworden, der das Amt aber an seinen Sohn Louis Ferdinand weitergegeben hätte, der zum Kreis der Verschwörer gehörte.
Auch wenn ich die "Verschwörer des 20. Juni" eher kritisch sehe, und nun wirklich kein Monarchist bin - ein Alternativuniversum, im dem 1949 Kaiser Louis Ferdinand I. deutsches Staatsoberhaupt gewesen wäre, wäre sicherlich nicht die schlechteste aller möglichen Welten gewesen.

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