Die Zeit heilt keine Wunden

Was übrigens nicht weiter schlimm ist, wenn man bereit ist, Wunden tatsächlich zu behandeln. Und was schon gar nicht bedeutet, dass die Rauchschwaden der Öfen von Auschwitz noch in Jahrhunderten nicht verweht sein werden.

Heute, am "Holocaust-Gedenktag" - eigentlich: Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus - werden wieder mehr oder weniger gehaltvolle Reden gehalten. Leider bestehen viele aus den üblichen Textbausteinen.
Vor 64 Jahren, am 27. Januar 1945, hatten Truppen der Roten Armee Auschwitz befreit, das größte deutsche Konzentrations- und Vernichtungslager. Die wichtigste, alles entscheidende Frage - und der einzige wirklich sinnvolle Textbaustein - ist, wie ein neues "Auschwitz" verhindert werden kann. (Es ist übrigens bezeichnend, dass die Veranstaltung im Bundestag ohne Zentralrat der Juden stattfindet.)
Außerdem gibt es ja immer noch und immer wieder, leider nicht nur von den "üblichen Verdächtigen" auf der extremen politischen Rechten erhoben, die berühmte Schlußstrichforderung: Es gebe keine Schuld, oder wenn es eine gegeben haben sollte, sei sie längst verjährt. Jetzt müsse endlich einmal Schluss sein!

Aus meiner Sicht ist die Schuldfrage tatsächlich irrelevant. Nicht, weil die meisten Täter verstorben sind und sich Schuld nicht vererbt, sondern, weil die Frage "wer ist daran schuld" noch nie zu Lösungen geführt hat, sondern sie behindert. (Das ist kein Plädoyer für Nachsicht mit den Tätern - im Gegenteil!) Im Normalfall ist die Schuldfrage eng mit Strategien, Verantwortung zu Verdrängen, verknüpft, denn bekanntlich sind immer "die Anderen", oder, wenn man sonst nichts findet, die ominösen "Umstände" schuld.

Das heißt für uns heute: sehen, wo wir heute verantwortlich handeln können. Nachträglicher Widerstand gegen die alten Nazis ist schwerlich möglich.
Zum verantwortlichen Handeln heute gehört es selbstverständlich, die geistigen Erben der Nazis zu bekämpfen. Das ist aber nicht genug, denn Neonazis sind nicht die Ursache, sondern ein Symptom für das was sich jenseits des rechtsextremistischen politischen Randes abspielt. Ich wies neulich darauf hin, dass Adolf Hitler intellektuell gesehen eine typische Nazi-Dumpfbacke, eine Null, war - und kein Genie des Bösen.
Der "Aufstieg" der Nazis zur Macht war auch nicht unaufhaltsam, im Gegenteil, noch im Januar 1933 hätte Hitler gestoppt werden können.
Ich bin außerdem der Ansicht, dass viele (zum Glück nicht alle!) der die Nazis hervorbringenden und begünstigenden gesellschaftlichen, ökonomischen, politischen und mentalen Strukturen von damals heute noch weiter wirken. (Ganz im Sinne Brechts: "Der Schoss ist fruchtbar noch ... ).
Es reicht nicht aus, zu erkennen, dass Neonazis und andere "Extremisten" aus der "Mitte der Gesellschaft" stammen. Tatsächlich müssen zum Beispiel die deutschen bzw. europäischen Gesetze gegen "illegale" Einwanderung und die Abschiebeknäste in einem Atemzug mit "rassistischen Vorurteilen der Bevölkerung" genannt werden.

Im Anschluss an Dukes Aufsatz bin ich der Ansicht, dass etwas, das geschehen ist, nicht etwa deshalb aufhört, ins Heute zu wirken, weil es vielleicht "lange her" ist. Es ist also nie "die Zeit", die "Wunden heilt", sondern nur die tatsächliche und aktuelle Behandlung der Wunde.
Man kann leider auch fahrlässig Wunden aufreißen, wie es z. B. gerade der (manchmal allzu) deutsche Papst gerade tut, wenn er einen Holocaust-Leugner rehabilitiert.

Es ist nun zum Glück nicht so, dass sich Deutsche nicht aktiv um die Behandlung der von Deutschen geschlagenen Wunden gekümmert hätte. Ein Beispiel ist die christliche Aktion Sühnezeichen Friedensdienste, deren konkrete Taten ich für wichtig und richtig halte (dass mir die Rhetorik der Funktionäre dieser verdienstvollen Organisation manchmal quer im Ohr liegt, mag man einem bekennenden Heiden nachsehen).
Ein anderes, nicht rundum gelungenes, aber bei weitem nicht gescheitertes Beispiel ist die Wiedergutmachung: Ab Ende der 1940er Jahre setzte sich, zuerst in der SPD, die Forderung nach einer Wiedergutmachung an die Juden durch. Auch katholische und linksliberale Kreise wurden in dieser Richtung initiativ. Als der Bundestag 1953 das schließlich mit Israel abgeschlossene Wiedergutmachungsabkommen ratifizieren sollte, gelang dies nur dank der Stimmen der SPD, da Bundeskanzler Adenauer in der CDU/CSU-FDP-Koalition nicht genügend Stimmen für seine Vorlage bekommen hätte.
Die materielle Wiedergutmachung, so notwendig sie ist, ist unzureichend. Sie kann - angesichts des Ausmaßes des Verbrechens - kaum mehr als eine symbolische Entschädigung sein. Aber selbst wenn ein Betrag aufgebracht werden könnte, der den realen materiellen Verlusten der Opfer entspräche, würde sie nicht ausreichen. Menschliches Leid kann nicht durch materielle Zuwendungen ausgeglichen werden.
Noch wichtiger für die aktive Heilung ist die politische Wiedergutmachung. Mit ihr haperte es, soweit es um den Staat Israel ging, lange Zeit: Die Aufnahme diplomatischer Beziehungen zu Israel schob die Adenauer-Regierung lange hinaus, um die "ökonomisch wichtigen" Beziehungen zu den arabischen Staaten nicht zu belasten. Erst 1965 wurde Israel durch die Bundesrepublik diplomatisch anerkannt. Ohnehin sollte Israel nicht mit "den Juden" und schon gar nicht mit "den Holocaustopfern" gleichgesetzt werden. Aber immerhin - im Großen und Ganzen ist auch die politische Wiedergutmachung von regierungsamtlicher Seite gelungen. (Von "inoffizieller" Seite kann man das leider nicht immer behaupten.)
Der wichtigste Beitrag zur Heilung ist aber die moralische Wiedergutmachung. Dazu gehört die historische Aufarbeitung - kein nazideutsches Verbrechen darf verschleiert, beschönigt oder unter den Teppich gekehrt werden. In dieser Hinsicht wurde gute Arbeit geleistet. Reue ist ebenfalls wichtig - damit ist natürlich kein Schuldgefühl gemeint, sondern z. B. die Bereitschaft, den Opfern und ihren Erben zuzuhören - damit hapert es manchmal.
Der wichtigste Bestandteil der moralischen Wiedergutmachung ist aber die institutionelle Selbstreform. Die politischen, gesellschaftlichen, ökonomischen und kulturellen Strukturen müssen so verändert werden, dass die deutsche Gesellschaft strukturell so beschaffen ist, dass Verbrechen gegen die Menschlichkeit nicht mehr möglich sind. Das ist im Prinzip eine Forderung an die ganze Menschheit, aber da nun einmal der Holocaust ohne "die Deutschen" - die besonderen Strukturen der deutschen Gesellschaft, aber auch der deutschen Mentalität - nicht denkbar wäre, müssen diese erkannten Strukturen und Mentalitäten verändert werden. Vieles ist bei dieser Selbstreform gelungen - aber vieles ist noch im Argen.

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