Die Hammaburg war nicht die Keimzelle Hamburgs

In den meisten historischen Darstellungen gilt die "Hammaburg" als Keimzelle Hamburgs. Diese Burg soll, glaubt man den Chroniken, um 817 als fränkischer Brückenkopf nördlich der Elbe errichtet worden sein. Besonderen Wert legten der Chronist Rimbert, um 880 Erzbischof von Bremen, auf das Wirken seines Amtsvorgängers Ansgar, einem von der fränkischen Kirche beauftragten Missionar, der die Hammaburg als Ausgangspunkt für die Missionierung nordelbischen Germanen nutzte. Im Jahr 845 überfielen dänische Wikinger die Hammaburg, die sie anscheinend mühelos einnahmen, plünderten und zerstörten. Bischof Ansgar soll mit knapper Not entkommen sein. Die wiederaufgebaute Hammaburg führte, folgt man diesen Darstellungen, nach dem Wikingerüberfall lange Zeit nur noch ein Schattendasein.

Seit 1948 fanden in der Hamburger Altstadt umfangreiche Grabungen unter der Leitung Dr. Reinhardt Schindlers statt. Damals glaubte man in den für frühmittelalterliche Verhältnisse beachtlichen Wallanlagen - ein Quadrat mit abgerundeten Ecken, ca, 130 Meter Seitenlänge, mit 5–7 Meter hohen und 15 Meter breiten, oben durch Palisaden erhöhten Erdwällen - die Hammaburg gefunden zu haben. Außerhalb der Wälle gab es eine "Vorstadt" mit den Unterkünften der Kaufleute und Handwerker. Sie grenzte an einen Hafen, der an einem der Nebenarme der Alster (oder einer Mündung der Bille) lag, dem 1866 zugeschütteten Reichenstraßenfleet.
Aber schon damals gab es erste Ungereimtheiten: Warum wurde die Kaufmannsiedlung, die ja außerhalb der Wallanlage lag, nicht von den Wikingern geplündert und zerstört? Die spärlichen Funde von Wikinger-Waffen wollten auch nicht so recht zu den 600 Schiffen und 24000 Wikinger-Kriegern passen, die nach Angaben der Chronisten die Hammaburg stürmten - es dürften allerhöchstens 60 Schiffe und 2400 Mann gewesen sein, wahrscheinlich weniger. Zu wenig, um so eine mächtige Festung im Handstreich zu erobern, viel zu wenig für eine erfolgreiche Belagerung.
Datiert wurde die Wallanlage mittels Keramikscherben, die die für die Westslawen typischen Wellenmuster aufwiesen. Es schien zu passen: im Zuge der Sachsenkriege ließ Karl "der Große" Oboriten als "Puffer" zwischen den Sachsen und den mit ihnen verbündeten jütländischen Dänen ansiedeln. Das slawische Siedlungsgebiet muss um 800 bis in das heutige Hamburg gereicht haben.
Spätere wissenschaftliche Erkenntnisse ergaben jedoch, dass die bei den Grabungen gefundene Keramik aus der Burganlage nicht der früh-, sondern der mittelslawischen Zeit entstammte. Daraus lässt sich schließen, dass die Burg frühestens am Ende des 9. Jahrhunderts gebaut wurde - mindestens 50 Jahre nach dem Untergang der von Rimbert bezeugten Hammaburg.

Bei Grabungen in den Jahren 1980 bis 1987 fand man unterhalb der ersten eine zweite, kleinere Wallanlage. Diese entspricht dem Typ einer sächsischen Burg und stammt aus dem 8. Jahrhundert, aus der Zeit vor den "Sachsenkriegen" und der christlichen Missionierung. Sie ist damit zu alt, um die Hammaburg zu sein, die laut Rimbert 817 errichtet wurde.

Seit 2005 wird durch Archäologen des Helms-Museums unter der Leitung von Karsten Kablitz das Domplatz-Areal erneut untersucht. Dabei wurden Wallanlagen gefunden, die dem Augenschein nach Überreste der Hammaburg sein könnten.
Nähere Untersuchungen lassen aber den Schluss zu: Wenn es die Hammaburg überhaupt gab, dann befand sie sich nicht am heutigen Hamburger Domplatz. Das ergaben die C-14-Untersuchungen des Wallkörpers. Zwei Gräben wurden auf die Zeit zwischen 650 und 750 datiert, als die Hammaburg noch nicht existierte. Die großen Wallanlagen, die man nach 1948 für die Hammaburg hielt, datierte man nach Holzresten auf die Jahre 891 und 983 - was gut zu der Datierung durch mittelslawischen Keramikfunde passt.
(Hierzu auch im "Hamburger Abendblatt": Hammaburg - der große Irrtum. Weitere Informationen auf der Website des Helms-Museums.)

Ich vermute, dass die Hammaburg allenfalls eine eher kleine, abseits des Domplatz-Areals gelegenen Anlage war, die durchaus von ein paar entschlossenen Wikingerkriegern im Auftrag des sich bedrängt fühlenden Dänenkönigs Horich (Hørik) "plattgemacht" werden konnte. Es ist aber auch eine andere Deutung möglich: Hamme oder Hamm bezeichnet auf altniedersächsisch "festes Land in einem Sumpf oder Moor". Der Geesthang, auf dem später die Hamburger Altstadt entstand, war durch natürliche Gegebenheiten so gut geschützt, dass die Bewohner ihn als "Hammaburg " bezeichnet haben könnten. Eine tatsächliche "Burg" hätte es somit gar nicht gegeben - zumindest nicht in der Zeit zwischen der Zerstörung der sächsischen Burg und dem Bau der Wallanlage im späten 9. Jahrhundert.
Davon, dass Hamburg 817 mit der Hammaburg gegründet worden sei, kann ohnehin keine Rede sein. Die ältesten festen Behausungen im Gebiet der heutigen Hamburger Altstadt datieren auf das 4. Jahrhundert v. u. Z.. Eigentliche "Keimzelle" Hamburgs war wohl eine befestigte Siedlung der sächsische Nordalbingier (Nordludi), im 6. Jahrhundert auf einem Geestrücken bei der Alstermündung angelegt, ein Dorf namens Hamm.

Die Burg aus dem späten 9. Jahrhundert, zu dem die auf das Jahr 891 datierten Funde passen, wird als Domburg gedeutet, erbaut zum Schutz des neuen erzbischöflichen Mariendoms. Sie wird aber auch (oder hauptsächlich) eine Festung des "Limes Saxoniae" gewesen sein, der militärisch gesicherten Grenze zwischen dem mittlerweile ins Ostfrankenreich eingegliederten und christianisierten nordelbischen Sachsen und den noch heidnisch gebliebenen Slawen. Bereits 915 wurde die Burg beim ersten dokumentierten Überfall der slawischen Obodriten erobert, aber wohl nicht "dem Erdboden gleichgemacht". 983 wurde die Burg von der Armee des Obodritenfürst Mistui im Jahre 983 zerstört oder erheblich beschädigt. Die auf 983 datierten Holzstücke gehören wahrscheinlich zum Wiederaufbau. Die Hartnäckigkeit, mit der die Festung bis ins 11. Jahrhundert berannt, zerstört, wieder aufgebaut und mehrfach erweitert wurde, lässt auf eine gewisse strategische und wirtschaftliche Bedeutung Hamburgs schließen. Jedenfalls kann von einem "Schattendasein" Hamburgs zwischen 845 und dem Aufleben des Nordseehandels im 12. Jahrhundert wohl keine Rede sein.

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