50 Jahre Sputnik und die Geburt der Raumfahrt aus dem Geist der Barbarei

Gedanken zu einem Jubiläum.

Mit blutigen Händen nach den Sternen greifen?
Der Start des ersten künstlichen Erdsatelliten hat erst am 4. Oktober Jubiläum. Aber abgesehen davon, dass ich morgen keine Zeit zum Bloggen habe, könnte man, mit einigem Recht, auch den 3. Oktober den "Geburtstag der Raumfahrt" nennen. Den 65. Geburtstag.

Am 3. Oktober 1945 starte die erste erfolgreiche Großrakete, und sie war das erste gesteuerte Fahrzeug, dass sich technisch gesehen im Vakuum des Weltalls bewegte. Es war eine A4, als Terrorwaffe unter der Propagandabezeichnung V2 bekannt, sie hob vom Prüfstand 7 der Heeresversuchanstalt Peenemünde ab. Sie stieg auf 90 km Höhe auf, erreichte mehr als fünffache Schallgeschwindikeit und flog etwa 200 km weit.

Eine problematische Geburt - die Geburt der Raumfahrt aus dem Geist der Barbarei, um den Untertitel von Rainer Eisfelds großartigen kritischen Biographie Wernher von Brauns, des Chefkonstrukteurs sowohl der A4 wie 25 Jahre später der "Mondrakete" Saturn V zu zitieren. Lassen sich die Ambivalenzen, die damit verbunden sind, das Sputnik 1 von einer Interkontinentalrakete gestartet wurde, die zum Transport einer Wasserstoffbombe konstruiert wurde, lassen sich die brutale Umstände, unter denen die A4 "geboren" wurden, selbst in einer so tief von Verdrängung, Selbstbeweihräucherung und Selbstbetrug geprägten Kultur wie der Deutschen nicht unter den Teppich kehren.

Im Zusammenhang mit dem Ausbau der unterirdischen Waffenfabrik unter dem Kohnstein im Südharz und der anschließenden Fertigung der A4-Rakete sowie der Flugbombe V1 und von Teilen eines Düsenjägers kamen nach offizieller Zählung in den SS-Akten etwa 12.000 Zwangsarbeiter ums Leben. Aller Erfahrung nach ist das ein Mindestwert.
Dem Einsatz der A4, die - noch unausgereift und ungenau wie sie war - nicht militärisch sinnvoll eingesetzt werden konnte, und deshalb eine reine Terrorwaffe gegen die Zivilbevölkerung war, fielen etwa 8.000 Menschen zum Opfer. Fast ausschließlich Zivilisten.

Trennung, was nicht zu trennen ist
Eine noch heute beliebte Verdrängungsstrategie ist es, zwischen den "sauberen" A4 Entwicklern in Peenemünde und der unmenschlichen Fertigung in den Stollen des KZs "Dora" zu trennen. Aber das ist nicht nur deshalb Unsinn, weil es auch in Peenemünde eine KZ-Aussenstelle für die "Versorgung" der Vorserienproduktion mit "entbehrlichen" Sklavenarbeitern gab, sondern, weil die "Peenemünder" selbstverständlich in die Serienproduktion einbezogen, und deshalb über die mörderischen Lebensbedingungen im Kronstein informiert waren, und sie zumindest billigend in Kauf nahmen.

Darüber, dass die Großraketenentwicklung sich nicht von der Entwicklung von Massenvernichtungswaffen trennen lässt, brauche ich wahrscheinlich kein Wort zu verlieren.

Um der quälende Ambivalenz zu entgehen, wurde und wird auch verschiedentlich die entscheidende Rolle der A4 / V2 für der Raumfahrtentwicklung geleugnet. In der sowjetischen R7, die den Sputnik ins All brachte, steckte einiges an A4-Technik, sie kann als indirekte Weiterentwicklung der A4 bezeichnet werden. Die Redstone / Jupiter C, die den ersten amerikanischen Satelliten Explorer beförderte, ist eine Konstruktion Wernher von Brauns und eine direkte Weiterentwicklung der A4. Die Vanguard-Rakete, die vorgesehen war, den ersten amerikanischen Satelliten zu starten, profitierte dagegen nur indirekt von "Peenemünder" Erkenntnissen. Sie war kein Trägersystem für Massenvernichtungswaffen und kam ohne "Nazi-Ingenieure" aus - und wurde deshalb der aussichtsreicheren und erprobten Jupiter C vorgezogen. Ohne den ehrenwerten Versuch, "sauber" zu bleiben, wären es wohl die USA gewesen, die den ersten Satelliten gestartet hätte. Nach dem "Sputnik-Schock" war alles egal, der ehemalige SS-Mann von Braun durfte "seine" Raketen in den Dienst der Raumfahrt stellen.

Die UdSSR, die "ihre" "Beutedeutschen" schon Anfang der 1950er zurück schickte, steht zwar formal-moralisch "besser", aber keineswegs "sauber" und "unschuldig" da. Von der Waffenentwicklung einmal abgesehen: Sergej Koroljow, der "Vater" der R7 und des Sputniks ist auch eine ambivalente Figur. Ein ehemaliger GULAG-Zwangsarbeiter, der hinnahm, dass für den Bau der Startanlagen in der Steppe Kasachstans auch Zwangsarbeiter eingesetzt wurden - von denen viele bei den harten Arbeitsbedingungen umkamen. Ein Mann, der den Stiefel leckte, der ihm zuvor die Zähne eingetreten hatte.

Wie man es auch nimmt: die Raumfahrtpioniere, selbst wenn sie nicht so fanatisch, rücksichtslos und opportunistisch waren wie von Braun, hatten einen "Teufelpakt" geschlossen. Sie griffen mit blutigen Händen zu den Sternen.

Der Weg ins All - auf dem Rücken von zu Tode gemarterten Sklaven!
Die Raketen - gebaut, um millionenfachen Massenmord zu begehen.

Welche moralische Folgen ergeben sich daraus?
Moral hängt steht von einem (ungeschriebenen) Moralkodex einer Kultur ab. Legt ich z. B. einen christlich-fundamentalistischen Moralkodex an, ist die Raumfahrt schon durch die Umstände ihrer "Geburt" aus der Technik der Massenvernichtungswaffen und der offensichtlichen Amoral, dem "faustischen Geist", ihrer "Väter", abzulehen. Raumfahrt ist "Teufelswerk".

Lege ich einen pragmatischen Moralkodex zugrunde, dann sich die Umstände der Raumfahrtentstehung zwar zu bedauern, aber nun mal nicht zu ändern. Was die Raumfahrt heute bringt - und sie ist ohne Zweifel von großem Nutzen - sollte im Vordergrund stehen. Denn: es wurden viel mehr Menschenleben durch die Satellitentechnik gerettet, als durch Großraketen bisher starben.

Wie ich darüber denke? Pragmatisch. Was nicht mehr zu ändern ist, ist nicht mehr zu ändern. Der Verzicht auf Raumfahrt bringt keine toten KZ-Häftling mehr ins Leben zurück.

Außerdem: es stimmt einfach nicht, dass die Raumfahrt ohne den 2. Weltkrieg, den Wahnsinn des Hitlerreiches, das Wettrüsten der Großmächte nie entwickelt worden wäre. Es hätte vielleicht "nur" etwas länger gedauert. Es gibt nicht ohne Grund inzwischen einen starken privaten Sektor in der Raumfahrt.

Ich gehe sogar so weit, zu behaupten, dass die Entwicklung der Raumfahrt eine Notwendigkeit ist. Aus pragmatischen und auch aus ethischen Gründen.
hari (Gast) - 19. Okt, 21:42

Verrate doch mal diese Gründe!

Für die unbemannte Raumfahrt kann ich mit einigem guten Willen noch Gründe erkenne. Bemannte Raumfahrt ist ein teueres und überflüssiges Abenteuer. Anstatt hunderte von Milliarden Euros für Raumstationen und Marsmissionen zu verschwenden, sollte man das Geld lieber dafür verwenden, das eigene Haus zu kehren: Halten wir also unsere gute alte Mutter Erde menschenwürdig bewohnbar!

MMarheinecke - 20. Okt, 16:50

Man kann das Eine tun ohne das Andere zu lassen

Es sei denn, man überschätzt die Aufwendungen für die Raumfahrt in grotesker Weise. (Bei den Rüstungsausgaben wäre ich schon bei Dir.)
Bei der unbemannten Raumfahrt brauchst Du gar nicht so viel guten Willen: ganz praktisch hilft Satellitentechnik bei der Umwelt-Überwachung, vom globalen Messungen (Temperaturen, Eisbedeckung, Wolkenbedeckung, Stärke der Ozonschicht usw.) bis hinunter zu solchen Detailfragen, ob in geschützten Waldgebieten abgeholzt wird oder ein bestimmtes Schiff auf hoher See Altöl über Bord gehen lässt. (Dass das leider oft ohne juristische oder politische Folgen bleibt, liegt nicht an den Satelliten.)
Zur Raumfahrt im Allgemeinen verweise ich noch einmal auf diesen Artikel bei heise: Sputnik und die Ökologisierung des Weltbildes.

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