Dienstag, 7. Februar 2006

Aufklärungsfundamentalismus?

Eines der absurdesten Argumente im absurden "Kulturkampf" um ein paar Mohammed-Karrikaturen ist der Vorwurf eines "Aufklärungsfundamentalismus".

Was wäre, wenn wir "Aufklärer" wirklich so reagieren würden, als wären die "Werte der Aufklärung" ein "heiliges" religiöses Dogma?
"Aufklärer", die so denken, die Kritik gegenüber nicht offen und zur Selbstkritik nicht fähig sind, sind schlich und definitionsgemäß gar keine! Selbst wenn sie sich bei passender Gelegenheit auf die "Werte der Aufklärung" berufen.

Man vergesse nicht, dass das, was wir Aufklärung nennen, anderen vielleicht Verfinsterung scheint.
Adolph Freiherr Knigge: "Über den Umgang mit Menschen"

Eine sehr schöne Glosse zum Thema gibt es in der TAZ:
Was nun, ferner Bärtiger?

Und was ist mit dem viel zitierten, angeblichen "Kampf der Kulturen"?
Da zitiere ich doch mal die FAZ:
Du bist Mohammed
Samuel Huntingtons „Kampf der Kulturen” ist eine intellektuelle Kippfigur: Wenn man ihn einmal im Sinn hat, deutet man alle Ereignisse nach diesem Muster. Huntington selbst ist ja, wie er unlängst im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung bewies, stets dazu bereit, auch die Unpünktlichkeit mexikanischer Handwerker zu einem zivilisatorischen Graben von säkularer Dimension umzudeuten.
Es geht Vieles: um Macht, um Einfluß, um Profite, um gekränkte Eitelkeiten (auch "Prestige" genannt und gern mit "Ehre" verwechselt), um Korruption - ja, und um Auflagenhöhen und Profilierungen auf dem Medien. Damit fing die Sache ja an, mit einer "rechten" dänischen Zeitung, die sich in einer innerdänischen Auseinandersetzung ihr "Minderheitenkritisches" bzw. "dänisch-nationales" Profil zu schärfen. Und ins Rollen kam die selbst in Dänemark weitgehend unbeachtet Affäre erst vier Monate später, als ein profilierungssüchtiger, aber unter dänischen Moslems ob seiner reaktionärer Ansichten weitgehend isolierter Iman sich zum "Sprecher der Moslems in Dänemark" aufspielte und seinen "großen Bruder" in Ägypten rief - wobei er außer den "echten" JP-Karrikaturen auch einige Fakes und vor allem jede Menge Horrorgeschichten über das böse rassistische "Kreuzfahrerland" Dänemark im Reisegepäck hatte.

Es ist nicht zu übersehen, dass der Aufruhr kräftigt angeheizt wird. Und zwar von verschiedenen Seiten, jeweils aus eigenem Interesse. Die Machthaber in den islamischen Ländern, weil äußere Feinde immer gut sind, um von inneren Mißständen abzulenken, Journalisten, die auf spektakuläre Bilder aus sind, Islamisten, um mehr Anhänger zu gewinnen, dänische Politiker, die der "Dansk Folkeparti" nicht die Wähler am "rechten Rand" überlassen wollen,
Spindoktoren überall, die den Krieg der Kulturen herbeireden, usw..

Es sei auch daran erinnert, dass die "Fronten" im mutwilligen herbeiinszenierten "Kampf der Kulturen" etwas anders verlaufen, als es uns manche "Hüter der Werte des Abendlandes" weismachen wollen:
Der gegenwärtige Skandal kommt einigen zensurwilligen Politikern in Deutschland (aber auch in anderen westlichen Ländern) sehr gelegen. Seit vielen Jahren schon versuchen Teile der CDU/CSU-Bundestagsfraktion mit Rückenwind der Kirchen, den sog. „Gotteslästerungsparagraphen“ 166 des Strafgesetzbuches zu verschärfen. Zwar scheiterten bislang noch sämtliche christlichen Versuche, die „freche Kritik an der Religion“ gänzlich zu verbieten, aber dank der tätigen Unterstützung islamischer Fundamentalisten könnte dieser Anschlag auf die bürgerlichen Freiheiten in absehbarer Zeit nun doch gelingen. (Hieran erkennt man übrigens, dass die entscheidenden Fronten im „Kampf der Kulturen“ nicht zwischen islamischer und christlicher Welt verlaufen, sondern zwischen den „Vertretern von Humanismus und Aufklärung“ einerseits und den diversen „Feinden der offenen Gesellschaft“ andererseits!)
Zitat aus: GBS-Petition zur Verteidigung der Meinungs-, Kunst-, und Pressefreiheit

Sehr lesenswert sind Svens Ansichten und Einsichten in seinem Blog: Streit der Kulturen? Blödsinn!

Nachtrag: sz: Jyllands-Posten
Publizistischer Begleitschutz
Das Blatt, das den Karrikaturen-Streit ausgelöst hat, hilft der rechten dänischen Regierung indem sie deren ausländerfeindliche Ansichten unterstützt.
Sehr gute und faire Darstellung des innerdänischen Hintergrundes, ohne den es nie zur Karrikaturenaffäre gekommen wäre.

Nachtrag, 11.2.: Kaum zu glauben, aber wahr: Eine ägyptische Zeitung druckte schon am 17. Oktober (im Ramadan!) 6 Mohammed-Karikturen aus "Jyllands Posten" ab - eine davon sogar auf der Titelseite. Es gab keine Proteste. Quelle (mit eingescannten Zeitungsseiten): Egyptian Newspaper Pictures that Published Cartoons 5 months ago

Von wegen "spontane Empörung"! Von wegen "Kampf der Kulturen"!

Montag, 6. Februar 2006

Von Anhaltern und Illuminaten

Wer Science Fiction (& Fantasy) mag, kennt ihn bestimmt: Den Vorwurf des Eskapismus, der "Flucht in irreale Traumwelten".

Für mich hat sich diese Frage noch nie ernsthaft gestellt. Weil die Welt nämlich so phantastisch, bizarr, überraschend und voller Wunder ist, dass jeder, der darauf beharrt, die Welt und den Menschen "sachlich" zu sehen und immer "auf dem Boden der Tatsachen" zu stehen, unweigerlich bei realitätsfernen und (ziemlich öden) Weltanschauungen landet. Wobei es nichts zu Sache tut, dass erstaunlich viele jener selbsternannten Realisten zum utopischen Denken neigen.

Interessanter ist schon die Frage, welcher "phantastische" Roman wohl "die Wahrheit da draußen" am Besten beschreibt.
Jens schrieb irgendwo (die Stelle finde ich gerade nicht), sie sähe wie "Per Anhalter durch die Galaxis" aus, und nicht wie "Illuminatus!".

Bezeichnend übrigens, dass beide Romanzyklen nicht nur aus dem Bereich der phantastischen Literatur stammen, sondern auch noch ziemlich heftige Satiren sind. Anders läßt sich wahrscheinlich der Irrwitz unserer Welt nicht treffend beschreiben.
Das "Anhalter" Universum beschreibt m. E. ziemlich genau, wie wichtige Entscheidungen in Politik, Wirtschaft und Verwaltung tatsächlich getroffen und umgesetzt werden. Wenn die Unterlagen über die bevorstehende Vernichtung der Erde für eine Hyperraum-Umgehungsstraße völlig vorschriftsmäßig auf Alpha Centauri ausliegen, oder der Regent des Universums einsam in einer Hütte auf einem unbedeutenden Planeten in Nirgendwo lebt - und sich gar nicht bewußt ist, dass er das Universum regiert - dann ist das nur eine geringfügige Übertreibung jener Vorgänge, die wir täglich beobachten, aber oft nicht wahrhaben wollen.

Das "Illuminatus!"-Universum, beherrscht von mächtigen Verschwörungen, karrikiert dagegen die Weltsicht jener, die den täglichen Irrwitz der realen Welt einfach nicht glauben können oder wollen und deshalb mit Verschwörungstheorien die Löcher in ihren "realistischen" Weltsicht flicken.
Die eher alberne "die-Apollo-Mondflüge-waren-im-Studio-inszeniert"-Verschwörungstheorie ist ein "gutes" Beispiel, wie schieres Unglauben in abenteuerliche "Erklärungsmodelle" umschlägt. Weniger albern, aber gefährlicher, sind die "Theorien" jener, die sich einfach nicht vorstellen können, dass die "allmächtigen" und "alles kontrollierenden" FBI, CIA und NSA nicht die Anschläge des 11. September 2001 verhindern konnten. Die nicht glauben wollen, dass es bei diesen mystisch überhöhten Diensten Schlampereien, Büro-Intrigen, Machtkämpfe, abenteuerliche Vorurteile, Profilierungssucht, schlichte Unfähigkeit, noch schlichtere Pannen usw. gibt - dass es also im "wirklichen Leben" so zugeht wie im "Anhalter".

Shea & Wilson, die Autoren der "Illuminatus!"-Trilogie, beschreiben meines Erachtens zwar nicht die Welt, wie sie "da draußen" ist, aber sehr wohl die Welt "da drinnen", in den Köpfen der Menschen, die die irrwitzigen Entscheidungen treffen und sie in irrwitziger Weise umsetzen. Und sie suchten sich nicht von ungefähr die an weitesten verbreitete und folgenschwerste, die "böseste", aller Verschwörungstheorien als zentrales Element ihrer Satire aus:
Die "Theorie" der "jüdisch-freimaurerischen Weltverschwörung", die die Welt regiert, der plump gefälschten "Protokolle der Weisen von Zion" alias "Illuminaten", dem bevorzugten Welterklärungsmodell (leider nicht nur) antisemitischer Rechtsextremisten. (Siehe auch mein Beitrag Demokratie-Dilemma.)

Überspitzt könnte man sagen: die Welt wird nicht von den "Illuminaten" kontrolliert, aber sehr wohl von den paranoiden Phantasien über die Macht der "Illuminaten" in den Köpfen zahlloser Menschen.

Sonntag, 5. Februar 2006

Die Moschee im Dorf lassen 3

Vor Jahren las ich in einem Science Fiction Roman vom "Bananenschalen-Krieg" - einer Verkettung aberwitziger Fehlreaktionen, die damit anfangen, dass der Oberkommandierende der US-Airforce auf einer Bananenschale ausrutscht - und mit einem weltweiten Atomkrieg enden.
Im Moment läuft, scheint mir, ein ähnlicher Prozess ab - hoffentlich nicht bis zum beschrieben bitteren Ende.

Die Instrumentalisierung der an sich eher banalen Affäre um die Mohammed-Karrikaturen hat inzwischen ein abenteuerliches Niveau erreicht, dass ich mir vor einigen Wochen noch nicht hätte vorzustellen gewagt hätte.
Einen sehr lesenwerten Beitrag über die Hintergründe, die zur Veröffentlichung jener Karrikaturen in Jyllands Posten geführt hatten, fand ich bei Spindoctor -> Mohammed-Karikaturen: Provokation von allen Seiten.
Bedrückend die Tatsache, dass der Ausgangspunkt der in ihren Konsequenzen unabsehbaren Eskalation der Versuch des auch in Deutschland bekannten dänischen Kinderbuchautoren Kåre Bluitgen war, ein aufklärendes Kindersachbuch über den Islam zu veröffentlichen.
Im vergangenen Sommer war bekannt geworden, dass Bluitgen keinen Illustrator für sein jüngstes Buchprojekt finden konnte: das Leben des Propheten Mohammed, für Kinder erzählt. Den Propheten abzubilden ist im Islam untersagt, doch erstens ist Dänemark ein säkulares Land, zweitens hatte Bluitgen beste Absichten. Trotzdem hatten die angefragten Zeichner verängstigt abgewinkt. Der Mord an dem niederländischen Islamkritiker und Filmemacher Theo van Gogh durch einen islamischen Fundamentalisten hatte auch die dänische Künstlerszene verunsichert. So viel Zaghaftigkeit rief Flemming Rose auf den Plan, den Kulturchef der größten dänischen Tageszeitung Jyllands-Posten. Rose bat die namhaftesten Karikaturisten des Landes, den Propheten Mohammed zu zeichnen. Er habe in Erfahrung bringen wollen, sagt Rose, »wie weit die Selbstzensur in der dänischen Öffentlichkeit geht«. Vierzig Zeichner wurden angefragt, zwölf sandten Karikaturen ein, die Ende September in der Wochenendausgabe der Zeitung veröffentlicht wurden. Die provokanteste Karikatur zeigte den Propheten mit einem Turban in Form einer Bombe. Auf einer anderen werden verdutzte Selbstmordattentäter beim Eingang ins Paradies mit den Worten abgewiesen: »Uns sind die Jungfrauen ausgegangen.« Wieder andere verspotteten die Motive der Zeitung. »Die Kulturredaktion der Jyllands-Posten ist ein Haufen konservativer Provokateure«, lautete eine Unterzeile.
(Aus dem "Zeit"-Artikel Allah und der Humor)

Neben all den fahrlässigen, mutwilligen und eiskalt berechnenden Provokateuren finde ich übrigens auch die "Appeasement-Experten", die für die "aufgebrachten Moslems" irgendwie Verständnis haben, zum kotzen.

Als ob a) die paar Fanatiker, die sich ursprünglich darüber aufregten, "die Muslime" seien (die Gemeinde des Iman Abu Laban, ohne die die Karrikaturen-Affäre schon September letzten Jahres von der Weltöffenkeit unbeachtet versandet wäre, hat nur einige hundert Mitglieder und war als "Hardliner" innerhalb der dänischen Muslime weitgehend isoliert) und b) die Botschaft solcher "verständnisvoller" Töne nicht wäre: "Je heftiger und gewaltiger man auf etwas reagiert, was einem nicht paßt, desto eher wird man respektiert, desto besser kann man seine Interessen durchsetzen"!

Noch etwa für all jene, die selbstgerecht mit dem Finger auf die "rassistische Politik" und den "den ideologischen Kulturkampf" der Dänen zeigen: Es trifft zu, seit der Regierungsübernahme vor 5 Jahren hat die Regierung Anders Fogh Rasmussen eine diskriminierende Sozialgesetzgebung für in Dänemark lebende Ausländer durchgesetzt, die europaweit (noch) nicht ihresgleichen hat. Und es stimmt auch, dass es in der dänischen konservative Presse seit Jahren ziemlich widerliche Kulturkampf-Kampagnen gegen die "rückständige" Moslems gibt. Aber: angesichts dessen, was deutsche Politiker, auch solche in höchsten Staatsämtern, in Sachen Einwanderpolitik so von sich geben und angesichts der in Deutschland mindestens so weit wie bei unseren nördlichen Nachbarn verbreiteten "Ausländerfeindlichkeit" möge man sich einmal vorstellen, im Bundestag säße eine rechtpopulistische Partei, vielleicht vom Schlage der glücklicherweise verblichenen "Schill-Partei", und die Regierung Merkel wäre darauf angewiesen, von den "Rechten" tolieriert zu werden.
Ich gehe jeder Wette ein, dass wir kurz über lang Ausländergesetze vom "dänischen Zuschnitt", wenn nicht noch schärfer, hätten - und diese Gesetze bei einer soliden Mehrheit der Deutschen durchaus populär wären.

(Die Hamburger PRO alias "Schill-Partei" orientierte sich stark am Vorbild der "Dansk Folkeparti" aus dem nicht allzu weit entfernten Dänemark. Das andere "große Vorbild" Schills war übrigens die bayrische CSU.)

Nachtrag: Fundsache bei "Fakten & Fiktionen": Sind diese Fotos aus Nahost? Nein, aus Londonistan! Nur was für starke Nerven!
Was leider auch für etliche der Kommentare gilt.

Und noch was: Ich schließe mich Distel an:Jeg elsker Danmark!

Und noch ´n Nachtrag - weil erst jetzt entdeckt: Ein Sturm der Empörung, gezielt entfesselt Süddeutsche Zeitung, vom 3. Februar
Sehr lesenswert!

Nachtrag, 6. Februar: Offensichtlich hatten sich doch Illustratoren für das Kinderbuch über das Leben Mohammed von Kåre Bluitgen gefunden. Auf einem dänischen Blog wurden einige der Zeichnungen online gestellt:
Billeder fra Kåre Bluitgens bog om Mohammed

Freitag, 3. Februar 2006

Die Moschee im Dorf lassen 2

Was ich schon lange befürchtet hatte, wurde bittere Realität:
telepolis:Das jüdische Webmagazin HaGalil wurde gehackt

Die Spuren gehen - offensichtlich - in Richtung Kathar:
Wegen Mohammed-Karikaturen: Internet-Portale gehackt. Ob die Täter letzten Endes doch Nazis (oder weltanschaulich ähnlich gestrickte Antisemiten) waren, oder "Islamisten" (nicht zu verwechseln mit "Moslems"), ist meines Erachtes zweitrangig. Es gibt da ohnehin Überschneidungen.(Siehe auch: Demokratie-Dilemma.)

Bezeichnend auch die "offiziellen" Reaktionen aus der arabischen Welt:
Aber auch jetzt steht die Forderung nach Sanktionen im Raum. Auf einer Konferenz in Tunis verlangten arabische Innenminister von der dänischen Regierung, die Urheber der Karikaturen zu bestrafen.
Heute.de: Dänemark steht Kopf
Anschlagsdrohungen, Polizeischutz, anonyme SMS
.
Offensichtlich können (oder wollen) sich diese Innenminister eine von der Regierung unabhängige Presse nicht vorstellen. (Wobei auch "westliche" Innenminister dazu neigen, ein angespanntes Verhältnis zu Bürgerrechten zu haben.) "Was berechtigt eigentlich jeden Zeitungsmenschen, ungefragt seine Meinung abzusondern?"

Etwas zum Hintergrund, das in der momentanen Aufregung gern vergessen wird:
In Dänemark fanden die umstrittenen Karrikaturen in der "Jylland Posten" den uneingeschränkten Beifall der dortigen Rechtspopulisten und Rechtsextremisten - was durchaus als "Beifall von der falschen Seite" zu werten ist, denn die JP gilt zwar als "rechter Lappen", steht aber den Rechtspopulisten der Dansk Folkeparti nicht unbedingt nahe, geschweige denn den zahlenmäßig winzigen, aber lautstarken, dänischen Ultra-Nationalisten & Neo-Nazis.
Die "Dansk Folkeparti" tritt für strenge Ausländergesetze ein. Unter ihrer Mitwirkung wurde die Ausländergesetzgebung in Dänemark massiv verschärft. Auf deutsche Verhältnisse übertragen hat die "Dansk Folkeparti" einige Ähnlichkeit mit dem rechten Flügel der CSU, auch was die betonte Nähe zum Christentum, das im Vergleich zu "Neokonservativen" und "Neoliberalen" sozialere Profil und die Vorliebe fürs Folkloristische angeht. Die DF ist allerdings strikt europafeindlich. Zur Zeit toleriert die DF eine liberal-konservative Koalition im dänischen Parlament (Folketing) - wobei die "Toleranz" mitunter leicht erpresserische Züge animmt, die DF also de facto mitregiert, obwohl sie für die Liberalen als nicht koalitionsfähig gilt.
Die DF machte den "drohenden" EU-Beitritt der Türkei erfolgreich zum Wahlkampfthema und schlug dabei schrill anti-islamische Töne an. Deshalb, und wegen der zuungunsten vor allem muslimischer Einwanderer verschärften Ausländergesetze, sind die dänischen Muslime gegenüber wirklich oder vermeindlich anti-islamischen
Äußerungen ausgesprochen dünnhäutig.

Festzuhalten bleibt: die dänische "Rechte Szene" ist ziemlich strikt antiislamisch, während es in Deutschland deutliche Überschneidungen zwischen rechtsextremen und islamistischen Kreisen gibt. (Ich hoffe heimlich, dass die Affäre einen Keil zwischen dänische und deutsche Rechtsextremisten treibt; einen Keil zwischen "christlich-abendländische" und "islamistenfreundliche" rechte Szene dürfte sie schon jetzt getrieben haben.)

Ach übrigens, da machen sich gerade ein paar Karnevals-Narren zum Narren - aus der online-Ausgabe der Rheinischen Post: Narren-Furcht vor Islamisten
Andere hochrangige Karnevalisten, die nicht mit Namen zitiert werden wollen, erklären: „Man will doch nicht enden wie dieser Filmemacher in Holland!“ (Gemeint ist der Regisseur van Gogh, der von einem radikalen Moslem erstochen wurde)…
Ich glaube, da überschätzen ein paar Karnevalisten ganz gewaltig sich und die Bedeutung des Karnevals. Es sei denn, sie hätten ersthaft geplant, Hetz-Wagen vom Kaliber "Mohammed mit Bombe im Turban" im Rosenmontagszug mitfahren zu lassen. Oder sind sind einfach feige.

Donnerstag, 2. Februar 2006

Rituale verstärken offenbar Placeboeffekt

Die Stärke des Placeboeffekts hängt offenbar stark von der Art der Behandlung ab.
Forscher der Harvard Medical School, Boston, verglichen die schmerzlindernde Wirkung einer Scheinakupunktur mit der einer wirkstofffreien Tablette. Die Patienten, die mit der Placebo-Akupunktur behandelt worden waren, berichteten nach dem Ende der Studie von einer deutlicheren Besserung als die Probanden aus der Medikamentengruppe.
Diese Ergebnisse deuten daraufhin, dass das Ritual bei der Verabreichung einer Therapie einen zusätzlichen Effekt verursacht, der den eigentlichen Placeboeffekt verstärkt.
In weiteren Studien wollen die Wissenschaftler nun testen, welche Faktoren außerdem noch zur Placebowirkung beitragen und wie ausgeprägt die jeweiligen Effekte bei verschiedenen Krankheiten sind. Davon erhoffen sie sich Erkenntnisse über die neurologischen und biochemischen Grundlagen der Erkrankungen, die wiederum helfen sollen, effektivere Therapien zu entwickeln.

Aus wissenschaft.de: Gold für Schein-Nadeln, Silber für Stärkepillen


Auch die Wirkung "echter" Medikamente und Therapien kann offensichtlich durch geeignete Rituale verstärkt werden - ein Effekt, den sich Schamanen und traditionelle Heiler seit Urzeiten zunutze machen.

Mittwoch, 1. Februar 2006

Überwachungsstaat - privatisiert

"Homeland Security" - unter diesem Stichwort läuft der Abbau der Bürgerrechte im Namen der Sicherheit in den USA. Die technische Umsetzung ist ein Riesengeschäft für die beteiligten Unternehmen.

Klar, dass der IT-Branchenverband Bitkom (zu dem Großunternehmen wie Accenture, Cisco Systems, IBM, Siemens und Vodafone gehören) auch in Deutschland so etwas gerne hätte: er stellte in Berlin sein neues "Premiumprojekt Homeland Security" vor. Und wenn der deutsche Staat sich noch ziert, muß die am Verkauf von Überwachungssystemen interessierte Privatindustrie eben mit einem "Leuchtturmprojekt" zeigen, wo es lang gehen soll - geradewegs in den Überwachungsstaat.
Während der Staat sich um die innere wie äußere Sicherheit kümmert, sollen Bartsch zufolge IT-Firmen die kritischen Infrastrukturen absichern und Informationsverbünde planen, die bei Naturkatastrophen, Großschadenslagen und terroristischen Anschlägen schnell aktiviert werden können. Ein leistungsfähiges ITK-System soll nach den Vorstellungen des Bitkom dabei die Basis eines virtuellen Informations- und Leitsytems bilden, das die Gesellschaft bis in das letzte Nervenende alarmiert. Durch die zunehmende Verschmelzung von innerer und äußerer Sicherheit sei ein Fall eingetreten, in dem die ITK als zentrales Bindeglied agiere und vor allen Dingen für eine "angemessene Mittelallokation" sorge.
heise: IT-Branchenverband will Homeland Security in Deutschland koordinieren

Einen ebenso deftigen wie treffenden Kommentar dazu gibt es bei "boocompany": "Homeland Security" bald in Deutschland?!
Die Bitkom will also tatsächlich wieder - mittels solch unlegitimiert-undemokratischer Grundideen - eine Art 'Neue Gestapo' einführen? Ist dem so?

Bartsch muss einen Sockenschuss haben, wenn er glaubt, damit durchzukommen. Denn eine Privatisierung IT-gestützter Sicherheit innerhalb eines Staatengebildes wäre mit Sicherheit der absolute Super-Gau und die endgültige Aufhebung jeglicher Grundrechte, wie wir sie vormals einmal kannten. Aber wer weiss: Es fehlen eigentlich nur noch privatisierte Internierungslager für kritisch Denkende, wie sie unter Umständen auch grad in Amerika vorgesehen sein könnten. Und Privatknäste werden ja auch bereits in Deutschland flächendeckend "erprobt"...

Dienstag, 31. Januar 2006

"Geschlossene Gesellschaft"

Es scheint was dran zu sein an dem bösen antideutschen Klischee, die Deutschen würden mehrheitlich eine "Wohlfühl-Diktatur" den Zumutungen einer "offenen Gesellschaft" vorziehen. Oder liegt es eher am "internationalen Trend", dem (angeblichen und auch mit größten Aufwand nicht zu verwirklichenden) "Grundrecht auf Sicherheit" alle (tatsächlichen) Grundrechte nach belieben zu opfern?
Jedenfalls ist es erstaunlich, wie wenig Empörung sich regt, wenn das Machbare "aus Sicherheitsgründen" einfach mal so gemacht wird: "Kontoüberwachung ist ein Hit"
(Via Sven)

Mal die Moschee im Dorf lassen

Offensichtlich hat die dänische Jyllands-Posten etwas ganz, ganz Schreckliches getan, das den geballten Zorn zahlreicher rechtschaffenden Muslime unstillbar herausfordert:
Auch nach einer Entschuldigung der Zeitung am Montagabend und einer Distanzierung des dänischen Regierungschef Anders Fogh Rasmussen hielten die Straßenproteste am Dienstag an. In Tunis verlangten 17 Außenminister der Arabischen Liga von Dänemark die Bestrafung der Verantwortlichen der Zeichnungen. Die dänischen Muslime nahmen dagegen die Entschuldigung an. Ein Sprecher der islamischen Glaubensgemeinschaft in Dänemark sagte: «Wir danken dem dänischen Ministerpräsidenten und der 'Jyllands-Posten' ausdrücklich für das, was sie getan haben.»
Aus: netzeitung: Bombendrohung gegen dänische Zeitung Die Reaktion der dänischen Muslime zeigt übrigens, dass die Empörung, wie in solchen Fällen üblich, mit wachsender Entfernung und abnehmender Kenntnis des Sachverhalts drastisch wächst.
(Und dass fast alle Muslime keine mordlüsternen Fanatiker sind, dürfte sich inzwischen selbst in christlich-konvervativen Kreisen herumgesprochen haben.)

Das "Korpus delicti" sind einige nicht sonderlich gelungene, allerdings auch - nach "europäischen" Maßstäben - nicht sonderlich provokative Karrikaturen. Gefunden habe ich sie u. A. bei "Antibürokratieteam": Die Freiheit von Jyllands-Posten ist auch meine Freiheit(Lesenswert auch die Kommentare, z. T. aus Dänemark.)
Die Hintergründe lassen sich u. A. hier nachlesen: Der dänische Fall Rushdie Entsprechende Jesus-Karrikaturen würden vermutlich nicht einmal evangelikale Christen zu Protestaktionen hinreißen. Die Reaktionen der dänischen Muslime waren entsprechend (überwiegend) zivilisiert: Sie kritisierten die Karrikaturen als geschmacklos und wies darauf hin, dass gemäß der religiösen Grundsätze des Islams jede Darstellung des Propheten Mohammed verboten sei. Jyllands-Posten entschuldigte sich, die Entschuldigung wurde angenommen.

Die Reaktionen in arabischen Ländern - und in der eigentümlicher Parallelwelt europäischer "Islamisten" - verlief bekanntlich anders - und wie zu vermuten ist, seitens der meisten eifrig Protestierenden und Boykottierenden in völliger Unkenntniss des tatsächlichen Sachverhalts. Andere wissen, dass sie aus einer Mücke einen antiislamischen Kampfelefanten machen - zwecks Propaganda. "Jamaat-e-Islami", eine in Pakistan ansässige mächtige islamofaschistische Organisation, machte aus dem dänischen Sturm im Wasserglas einen Hurrikan "dänischer Kreuzritter", ihre Jugendorganisation lobte sogar ein Kopfgeld zur Ermordung der Journalisten aus.

Was mich an der ganzen Sache stört: allzu viele europäische Politiker, Schriftsteller und Journalisten bringen für die verletzten Gefühle der Muslime allzu viel Verständnis auf. Damit unterstützen sie, hoffentlich ungewollt, die Position der kompromißlosen Fanatiker und schaden den liberalen Muslimen, die den Wert der Redefreiheit kennen und schätzen.

Nachtrag: Zum Vergleich einige besonders "schöne" Karrikaturen aus dem arabischen Raum - die meisten übrigens aus Blättern, die direkt von den jeweiligen Regierungen kontrolliert werden: Cartoons from the Arab World
via: Die Achse des Guten

Nachtrag (mit Bitte um Entschuldigung):

Alle Jyllandsposten-Karrikaturen sind auf dieser Website zu finden:
http://www.gegenstimme.net/2006/01/26/defending-freedom-of-opinion-speech-and-press/

Noch ein Nachtrag: Henryk M. Broders sehr lesenswerter Kommentar auf SpOn:
Einen bedrohen, eine Million einschüchtern

Nachtrag vom 1. Februar:
Unterdessen hat der Deutsche Journalistenverband (DJV) den Nachdruck der Mohammed-Karikaturen auch in deutschen Zeitungen kritisiert.

Entscheidend sei die Ziffer 10 des Pressecodex, sagte DJV-Sprecher Hendrik Zörner. Danach seien „Veröffentlichungen in Wort und Bild, die das sittliche oder religiöse Empfinden einer Personengruppe nach Form und Inhalt wesentlich verletzen können, mit der Verantwortung der Presse nicht zu vereinbaren“.
Erfüllen die eher banalen Karrikaturen in Jyllands-Posten diesen Tatbestand? Nach europäischen Maßstäben wohl nicht!
Meines Erachtens erfüllt der DJV den Tatbestand des Schwanzeinkneifens.

Der Presserat scheint noch halbwegs zu wissen, worum es beim "Recht auf freie Meinungsäußerng" geht - allerdings "weich" formuliert:
Der Presserat dagegen reagierte zurückhaltend. Wenn Beschwerden über die Abdrucke eingingen, werde man prüfen, ob sie gegen den Pressecodex verstoßen, so Arno Weyand vom Presserat. Da die Zeitungen aber nicht Urheber der Karikatur seien, könne man ihnen möglicherweise nichts vorwerfen. Eine Rüge des Presserats zu diesem Zeitpunkt sei auf jeden Fall ausgeschlossen.
(Beide Zitate aus der Süddeutschen Zeitung „Die anderen haben gewonnen“)

Interessanter Kommentar im Ethno:log: Kontroverse um Mohammed-Karikaturen

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