Von was der "Homöophathie-Glaubenskrieg" ablenkt

In diesem Beitrag geht es nicht um die Wirksamkeit / Unwirksamkeit der Homöophatie. Wer sich für meine Position in dieser Frage interessiert: Homöopathie und Immunisierung (gegen Kritik)

Der Schockwellenreiter (Sündenbock Homöopathie) ist der Ansicht, dass die öffentliche Debatte über Homöopathie und deren Bezahlung (bzw. der Bezahlung der vorangehenden Arztgespräche) seitens der Krankenkassen ein Ablenkungsmanöver ist.

Sven Scholz bemerkt den "religösen" Charakter der Debatte und stellt heraus, dass das Ablenkungsmännover im Prinzip plump und völlig durchsichtig ist - und dennoch funktioniert. Denn beim Schockwellenreiter waren die ersten Kommentare auf den Hinweis, dass da ein Ablenkungsmanöver gestartet wurde, solche, die genau dieses "wer hat die alleinige Wahrheit"-Spiel mitmachen.

Es ist deprimierend wie einfach es ist selbst intelligente Menschen in einen "Glaubensstreit" zu manipulieren, wenn man ein eine im "Abendland" seit der Spätantike tief verankerte Denkstruktur appelliert: die Auffassung, es gäbe "die" allgemeingültigen Wahrheit, die stets nur "entweder - oder" kennt. In diesem Sinne kann man statt eines Ablenkungsmanövers auch von einer Stellvertreterdebatte reden - wie bei der spätmittelalterlichen theologischen Frage, ob Jesus Eigentum hatte oder nicht, bei der es in Wirklichkeit natürlich darum ging ob die Kirche berechtigt sei Reichtümer anzuhäufen.

Damit stellt sich die Frage: Welchen Zweck hat dieses Ablenkungsmännover bzw. diese Stellvertreterdebatte?

Die naheliegend Annahme wäre, dass sie vom Desaster der "Gesundheitsreform" ablenken soll. Nicht aufgrund eines finsteren, im Hinterzimmern ausgeklüngelten Geheimplanes, wie es sich die Fans von Weltverschwörungstheorien gerne ausmalen.
Nein, hier liefert eines Erachtens eine ganz einfache Pressekampagne interessierten Gesundheitspolitikern und -Funktionären eine Steilvorlage. Um bei der Fußball-Metapher zu bleiben: was die "Angespielten" daraus machen, ob und wie sie "das Ding 'reinmachen", das bleibt ihnen überlassen.

Um das Ablenkungsmannöver besser zu durchschauen, helfen einige Homöopathie-Fakten, die strapatto zusammengestellt hat.
Das Wichtigste steht gleich am Anfang:
2008 hatten 15.000 Patienten der Techniker Krankenkasse sich für eine homöopatische Behandlung auf Kosten der Kasse entschieden. Bei angenommenen 90 Euro für die Erstanamnese, einer langen Folgeanamese für 45 Euro einer kurzen Folgeanamnese für 22,50 Euro und Repertorisation für 20 Euro wären das geschätzte Ausgaben von 2,6 Millionen Euro - bei Leistungsausgaben von 11,1 Milliarden Euro, davon 2,3 Milliarden an niedergelassene Ärzte. Damit machten homöopathische Leistungen 1,1 Promille der Honorare an niedergelassene Ärzte aus.
Das illustriert die "Größenordnung", um die es geht. Für die Kosten des Gesundheitssystems ist die Homöophatie von sehr geringer Bedeutung. (Wobei die ausführliche Anamnese des homöopathisch tätigen Arztes gar nicht so selten einer konventionellen Behandlung zu Gute kommt.)
Auch strapatto stellt in seinem Beitrag Homöopathie-Gedanken fest, dass die Diskussion um die Homöopathie eine Stellvertreterdebatte ist. Er stellt fest:
Im Grunde geht es um die Frage, was die gesetzliche Krankenversicherung angesichts der von den Medien dramatisierten Lage in Zukunft bezahlen soll.
Es liegt der Verdacht nahe, dass die Homöopathie ein Versuchballon für andere "umstrittene Verfahren" von Physiotherapie bis Psychoanalyse sein könnte, die dann gestrichen werden können. Oder dass "selbstverschuldete Erkrankungen" künftig gesondert versichert werden könnten. (Da könnte man z. B. bei Bedarf sowohl dem Bewegungsmuffel wie dem aktiven Sportler eine Risikoprämie aufdrücken: dem einen, weil Bewegungsmangel Risikofaktor für viele Krankheiten ist, dem Anderen wegen des gesteigerten Verletzungsrisikos.) Er hat recht, das ist ein Fass ohne Boden, und am Ende kann die Solidargemeinschaft mit den Bach runter gehen.

Bleibt die Frage, wieso gerade Karl Lauterbach (SPD) das Thema Homöopathie aufgriff.
Ein Blick in die Wikipedia verrät:
Die wichtigsten von Lauterbach vertretenen Thesen zur Gesundheitspolitik sind:
  • Einführung einer Bürgerversicherung im Gesundheitswesen.
  • Bekämpfung von Tendenzen in Richtung einer Zwei-Klassen-Medizin.
  • Ausrichtung der medizinischen Versorgung an Evidenz und Kosten-Effektivität.
  • Berücksichtigung von distributiven Ergebnissen neben den allokativen Ergebnissen von Gesundheitsprogrammen.
In Vielem ist das das genaue Gegenteil vom dem, was die schwarzgelbe Regierung gerade betreibt. So wie die typische an Machtfragen orientierte "Unpolitik" gerade in der Dauerbaustelle Gesundheitswesen abläuft, wäre es für einen Oppositionspolitiker doch eher ratsam, keine "konstruktiven Vorschläge" zu machen, die womöglich von der Regierung freudig umgesetzt werden - und ihr damit zu helfen, ansonsten weiterhin eine Politik zu betreiben, die er ablehnt. Es könnte natürlich sein, dass Lauterbach tatsächlich an Sachfragen interessiert ist - immerhin ist er ja Fachpolitiker, da kommt so was schon mal vor. Trotzdem ist es interessant zu wissen, aus welchem "Stall" er kommt, und welche möglichen Eingeninteressen er hat.

Und er hat welche:
Lauterbach ist Mitglied des Aufsichtsrats der privaten Krankenhauskette Rhön-Klinikum AG. Da er sich im Rahmen der Gesundheitsreform für die ebenfalls von der SPD befürwortete Neuausrichtung der Zulassung von Leistungsanbietern zur ambulanten Behandlung einsetzt, können gemäß diesen Vorstellungen auch Krankenhäuser möglicherweise stärker an der ambulanten Versorgung teilnehmen.
Es gehört nicht viel Phantasie dazu, wo jemand mit dieser Interessenlage wahrscheinlich am Liebsten den Rotstift ansetzt: bei den niedergelassenen Ärzten. Die Homöopathie bietet sich als Einstieg für Leistungskürzungen geradezu an.
Bodecea - 15. Jul, 17:17

Danke für den interessanten Artikel!

Ich habe auch schon gerätselt - was soll das Geschiss um die Homöopathie, das sind doch Peanuts im Gesundheitsetat, und eingespart wird damit sicher nix - wenn wenn die Kasse nicht mehr die Globuli bezahlt, bekommt man halt konventionelle Pillen, die eher teurer sind und mehr Nebenwirkungen haben, die dann wiederum behandelt werden müssen usw.

Bodecea

Sven (Gast) - 16. Jul, 10:02

Die Kasse bezahlt die Globuli schon jetzt nicht. Nur das Arztgespräch.
Sven (Gast) - 19. Jul, 12:45

Cui bono

Wie immer: folge dem Geld...

MMarheinecke - 19. Jul, 14:09

So primitiv denke ich da nicht. Nur selten hängt so eine Kampagne - ich halte das für eine - von nur einem einzigen Faktor ab, und oft sind bei der "Meinungsmache" nichtmonetäre Faktoren viel wichtiger als Geld.
Auch wenn es manchmal erhellend ist, sich anzusehen, welche persönlichen Interessen - die auch nicht unbedingt finanzieller Art sein müssen - politische Entscheider so haben.

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