Sonntag, 17. Oktober 2010

Doping ist systemimmanent

Ralf Meutgens, Fachjournalist für Radsport, sagte 2007 gegenüber Spiegel online
Doping ist systemimmanent, eine Reinigung würde den Austausch nahezu aller im professionellen Radsport agierenden Personen voraussetzen.
Wie hoch ist die Dopingquote im professionellen Radsport - mal so eine "Hausnummer"? Ich vermute, dass die Dopingquote bei 100% liegt - wer nicht "stofft", der braucht erst gar nicht anzutreten. Unterschiede gibt es bei den Methoden und - allenfalls - beim Umfang des Dopings.

Ich hatte auch einmal die Illusion, es handele sich bei dopenden Radsportlern um "schwarze Schafe". Es war ein Kommentar von Köppnick eigentlich zum Thema Super Size me, der mir diese Illusion nahm:
Bei extremen sportlichen Beansprungen wie der Tour de France kann man ohne Anabolika nicht vorn mitfahren. (Das ist keine Behauptung von mir, sondern eine Schlussfolgerung, die vor etwa 10 Jahren, also vor dem Beginn der heutigen Skandale, auf einem Sportmedizinerkongress diskutiert wurde. Möchte man eine saubere Tour de France, muss man die Streckenlängen verringern oder nur jeden zweiten Tag fahren o.ä..
Der Radsport ist dabei nur ein besonders herausragendes Beispiel: inzwischen gehe ich davon aus, dass, bei welcher Sportart auch immer, auf Leistungsebene fast immer "nachgeholfen" wird.

Ein anderes, offensichtliches, Beispiel für eine Sportart, in der selbst im Amateurbereich von flächendeckendem Doping auszugehen ist, ist selbstverständlich Bodybuilding.
Tatsächlich wurde beim Bodybuilding sowohl im Profi- als auch dem Amateurbereich eine hohe Zahl von dopingbedingten Todesfällen wissenschaftlich dokumentiert (Luitpold Kistler: Todesfälle bei Anabolikamissbrauch - Todesursache, Befunde und rechtsmedizinische Aspekte. Dissertation, 2006).
Im Bodybuilding muss man buchstäblich die Augen verschließen, um zu übersehen, in welchen Umfang "gestofft" wird. Man vergleiche nur Fotos von Spitzen-Bodybuildern aus den 1950er Jahren mit solchen jüngeren Datums. Einen anderen Vergleichsmaßstab geben "Natural Bodybuilder", die bewusst auf Doping verzichten (auch wenn ich mir leider ziemlich sicher bin, dass, wenn es nicht gerade um "Roids" (anabole Steroide) geht, selbst dieser Bereich nicht völlig "sauber" sein dürfte).
Beim Bodybuilding ist auch das genetische Limit offensichtlicher als bei anderen Sportarten. Die um die 130 kg der "Mr. Olympia" Teilnehmer - bei einem Körperfettanteil von unter 6 % - liegen z. B. weit außerhalb des genetisch Möglichen. Schon ein 1,70 m großer Athlet mit rund 90 kg in Wettkampfform, also mit einem Körperfettanteil von ca. 4-6%, liegt außerhalb dessen, was ein ausgewachsener Mann selbst bei herausragender Genetik und besten Umfeldbedingungen auf natürliche Weise aus seinem Körper herausholen kann! Ein FFMI (Fettfreier-Masse-Index) über 25 ist nur für genetisch Bevorzugte ohne Doping zu erreichen, ab einem FFMI von 27 kann man sich völlig sicher sein: der Mann "stofft". (Siehe: Natural Bodybuilding - Genetisches Limit). Dieses genetische Limit gilt natürlich auch für andere Sportarten - viele Sportler in Sportarten, in denen viel Muskelkraft bei bei gleichzeitig möglichst geringen Fettanteil nötig ist, dürften sich mit ihrem FFMI deutlich jenseits des genetisch Plausiblem bewegen.

Allerdings ist Bodybuilding in der öffentlichen Wahrnehmung die große Ausnahme, denn grundsätzlich gelten die meisten Sportarten als "sauber" und die überführten Dopingsünder als vereinzelte "schwarze Schafe". Bodybuilding ist der einzige Sport, in dem die veröffentlichten Meinung durchgehend davon ausgeht, das Doping der Regelfall sei.

Bei z. B. Leichtathleten ist Doping nicht so offensichtlich. Es sei denn, es kommt zu so seltsamen Vorgängen wie bei den Olympischen Spielen 2008: Den "WundersprinterInnen aus Jamaica" gelang gleich zwei Mal ein "Asterix-Einlauf". Im Comic Asterix bei den Olympische Spielen spielen Asterix und Miraculix der römischen Mannschaft heimlich Zaubertrank zu. Die mit Zaubertrank gedopten Römer laufen alle gleichzeitig über die Ziellinie. SpOn am 15.08.2008:
Der 200-Meter-Olympiasiebte von Athen kam im zehnten Vorlauf als Vierter in 10,46 Sekunden erst nach Auswertung der Tausendstelsekunden in den Zwischenlauf am gleichen Tag. Dabei waren drei Sprinter auf die Hundertstelsekunde gleich schnell gewesen.
(Hockeys Blog: Asterix in China.)
Gleichzeitige Zieleinläufe können eigentlich nur unterhalb der individuellen Leistungsgrenzen, z. B. im Training vorkommen, bei Wettkämpfen wäre die "der Jackpot im Lotto". Der Grund: das individuelle Leistungsvermögen hängt von so vielen Faktoren ab, dass es praktisch ausgeschlossen ist, dass zwei Läufer, die das Maximum aus ihre Tagesform herausholen, genau gleich schnell sind. Geschweige denn drei. Wenn man aber unter dem Maximum läuft, dann können gleiche Leistungen vorkommen. Und wenn Läufer gar absichtlich langsamer laufen, als sie könnten, dann werden sich die Läufer unwillkürlich in ihrer Geschwindigkeit angleichen. Aber auch in Vorläufen läuft normalerweise keiner "im Schongang", auch wenn die Athleten erst im Endlauf das Letzte aus sich herausholen. Absichtlich langsamer als möglich laufen ist nur möglich, wenn die "Reserven" groß sind.
Ich habe mir den 100-m Lauf von Usain Bolt nochmal in Zeitlupe angesehen. Nach weniger als 6 Sekunden ging er in Führung.
Bei 7,9 Sekunden schaute er bereits um sich und bei 8,0 Sekunden riss er die Arme hoch - noch gut 20 Meter vom Ziel entfernt!
Noch eine Beobachtung: Im Endlauf geben Sprinter normalerweise alles, und sie sind nach dem Endlauf normalerweise fix und fertig, total erschöpft. Bolt wirkte, im Vergleich zu den anderen Läufer, auffällig frisch. Ich vermute, dass er auch auf eine Zeit unter 9,5 Sekunden hätte kommen können - aber solche Leistungsexplosionen machen misstrauisch.
Aber das hat bestimmt mit seiner ganz besonderen Genetik zu tun ... (Es gab da einige Kommentare, die geradezu rassistisch waren - etwa, dass er von Sklaven abstammt, die geradezu auf körperliche Höchstleistung gezüchtet worden wären.) Wenn schon Genetik, dann vermute ich da eher Gen-Doping.

Ein oft übersehenes Problem ist die Grauzone zwischen Versorgung einer Verletzung, dem "Fitspritzen" von verletzten Sportlern und leistungssteigernden Medikamenten: Verletzungen im Fußball: Sportärzte und Hütchenspieler

Doping ist systemimmanent, nicht nur für das System "Leistungssport", sondern für unsere Gesellschaft als Ganzes.
Im Sport wird lediglich das besonders deutlich, was im normalen Berufsleben eher im Verborgenen geschieht: Die Instrumentalisierung und Zurichtung des Menschen für seine Funktion. Und natürlich die geradezu verzweifelte Selbstoptimierung - ob jemand Privatleben, Lebensstil, Freundeskreis usw. einer "normalen" beruflichen Karriere oder der als Leistungssportler unterordnet, ist allenfalls im Ausmaß unterschiedlich, nicht in der dahinter stehenden Mentalität.

Man kann Doping als eine besondere Spielart der Korruption sehen. Korruption ist im "reifen" Kapitalismus markradikaler Bauart (fälschlich "Neoliberalismus" genannt) systemimmanent - es geht nichts mehr auf offene und ehrliche Weise. (Eine genaue Parallele übrigens zum "real existierenden Sozialismus" im Ostblock vor 1989. Der war korrupt bis in die Haarspitzen.) Im "System Doping" ist der Sportler, der "Leistungsträger" nur das letzte, wichtigste, aber durchaus austauschbare Glied einer langen Kette. Funktionäre, Politiker, Lobbyisten, Sponsoren, PR-Manager, Journalisten, Betreuer und Ärzte: Alle wollen am Erfolg teilhaben. Auch die Fans sind Teil des korrupten Systems - wenn niemand sich für Höchstleistungen, die nur mit Doping zu erreichen sind, begeistern könnte, bräche das System zusammen.

Die Versuchung und der Druck, "nachzuhelfen", wird immer größer, im Sport, im Beruf, in der Ausbildung. Die moderne Medizin stellt immer mehr Medikamente und Medizin-Techniken zu Verfügung, die nicht mehr ausschließlich therapeutisch, sondern optimierend auf den Körper und die Psyche einwirken. Das "Enhancement", etwa das "Neuro-Enhancement", ist nichts anderes als Doping. Es ist meiner Ansicht nach grob verharmlosend, wenn etwa der Einsatz von Amphetaminen ("Speed") mit einem starken Kaffee oder einem Glas Club-Mate gleichgesetzt wird, weil auch das ja schon "Selbstoptimierung" sei. Es gibt eine Grenze, und die heißt: "Der Zweck heiligt die Mittel". Wenn es auf die Risiken und Nebenwirkungen der (Arznei-)Mittel nicht mehr ankommt, um den Zweck zu erreichen, ist sie überschritten. (Das kann sogar beim Kaffee passieren, ist aber schwierig. Mit Koffeintabletten ist diese Grenze leichter zu überschreiten. Mit Speed ist es gefährlich einfach, die Grenze zum Raubbau am eigenen Körper zu ignorieren.)
Eine Gefahr bei Doping, auch und gerade dem "Braindoping", ist die über noch über Selbstinstrumentalisierung hinausgehende Selbstverdinglichung. Wer die pharmazeutische oder technische "Verbesserung" seines Körpers und seines Verstandes für gerechtfertigt hält, sieht sich selbst so, als ob er eine Maschine sei.

Es wäre schön, wenn Sport nur noch aus Spaß an der Freude betrieben würde. Ohne Hintergedanken. Klar, Bewegung ist gesund (wenn man's nicht übertreibt), aber schon Sport mit dem alleinigen Zweck der Fitness ist, denke ich, eine traurige Angelegenheit. Vor einigen Jahren behauptete einer dieser "Schluss mit Lustig"-Propagandisten, dass es verfehlt sei, körperliche Betätigung als Spaß zu sehen: niemand würde schließlich erwarten, dass Zähneputzen Spaß bringen sollte. Das täte man allein der Gesundheit zuliebe, und das wäre auch die richtige Einstellung zum Freizeitsport. Anders gesagt: Sport als Training, um Gesundheitsschäden vorzubeugen, und um beruflich leistungsfähiger zu werden. Spaß ist dabei nicht wichtig, im Gegenteil: wer sich jeden Morgen mit viel Willenskraft und zusammengebissenen Zähnen zum Joggen zwingt, würde es richtig machen.

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