Aus der Wunderwelt der gut-doofen Filme: Liane, das Mädchen aus dem Urwald

Nach längerer Zeit und an die Nackedei-Zensur-Sache, die Wirr-Licht passiert ist, anknüpfend, stelle ich wieder einen "gut-doofen" Film vor. Dieses Mal einen deutschen Film aus den 1950er Jahren, der nicht unbedingt repräsentativ für die deutschen Filme der 1950er Jahre ist. Liane, das Mädchen aus dem Urwald

Liane Plakat

Zur Handlung:
Eine Expedition findet im Südosten Afrikas eine junge weiße Frau. die die weibliche Ausgabe Tarzans sein könnte, wenn sie einige Mädchenklischees weniger erfüllen würde. Thoren, der Kameramann der Expedition verguckt sich in sie. (Thoren wird gespielt von Hardy Krüger, später einer der wenigen deutschen Schauspieler, die eine internationale Filmkarriere machten.) Er fängt das "wilde Mädchen" buchstäblich ein. Anhand eines Foto wird sie als Liane identifiziert. Ihr einziger lebender Verwandter ist der sehr reiche Reeder Amelongen, der sich zur Ruhe gesetzt hat. Die Reederei wird von seinem Neffen, dem skrupelosen Viktor Schöninck, geleitet, den sein Onkel zu seinem Universalerben eingesetzt hat, da er nicht wusste, dass seine Enkelin Liane noch lebt. Schöninck fürchtet, Liane könnte ihm sein Erbe und seinen ertragreichen Geschäftsführerposten streitig machen und intrigiert gegen sie. Nach vielen vergeblichen, von Schönrick angeleierten, Versuchen, das Mädchen als Schwindlerin zu entlarven, findet der alte Amelongen einen eindeutigen Beweis für die Herkunft Lianes. Doch bevor das öffentlich bekannt wird, wird der alte Reeder ermordet aufgefunden. Die Indizien deuten auf Lianes Begleiter, den Wo-Do-Krieger Tanga, als Mörder hin. Es stellt sich jedoch heraus, dass Schöninck den alten Mann umgebracht hat.
Liane kommt mit der Zivilisation nicht zurecht, und kehrt an der Seite von Thoren in ihren Urwald zurück.

Auch wenn es Ansätze zu einer flotten Mischung aus Abenteuerfilm und Krimi gibt, erstickt "Liane" streckenweise geradezu in Klischees. Aus heutiger Sicht ist der Film frauenfeindlich und streckenweise rassistisch. Hardy Krüger nannte "Liane" nicht von ungefähr später den schlechtesten Film, den er jemals gedreht hätte.

Ein dünner Tarzan-Aufguss mit Softporn-Einlage? Nicht ganz. Im direkten Vergleich zeigt sich, dass einige Tarzan-"Klassiker" genau so klischeehaft, albern und oft weitaus rassistischer sind.

Die meisten Tarzan-Filme etwa ab Mitte der 30er Jahre sind ausgesprochen prüde und in erotischer Hinsicht geradezu klinisch "sauber" - was bei einem gut gebauten Helden im Lendenschurz in gewisser Hinsicht wieder eine reife Leistung ist. Diesen Vorwurf kann man "Liane, das Mädchen aus dem Urwald" gewiss nicht machen.
So leicht bekleidet wie die 1956 erst 16 Jahre alte Hauptdarstellerin Marion Michael - im Lendenschurz und "oben ohne" - traute sich damals außerhalb des "Sittenfilms" niemand auf die Leinwand. So viel Nacktheit - auch die Darstellerinnen der Afrikanerinnen trugen nicht viel mehr am Leib als Marion Michael - wäre in den USA damals und auch später noch absolut undenkbar gewesen, und ist auch für bundesdeutsche Verhältnisse der 50er Jahre ein kleines Wunder - der Film war, leicht geschnitten, sogar "ab 10" freigegeben.

Es kann kaum ein Zweifel daran bestehen, dass das Kokettieren mit nackter, weiblicher Haut und der Appell an männliche Sexualfantasien eiskalt kalkuliert war, um einen Film mit deutlichen Drehbuchschwächen kommerziell zu retten. Seit jeher gelang es dem "exotischen" Abenteuerfilm, Nacktheit durch angebliche "Natürlichkeit" an der Zensur vorbeizuschmuggeln, so dass das vielleicht weniger gewagt war, als es im Nachhinein wirkt. Der Film ist zwar tatsächlich so harmlos, wie es die Freigabe nahe legt, aber was sich im "Kopfkino" junger, männlicher Kinobesucher abspielte, die in der sexuell miefigen Atmosphäre der Adenauer-Zeit aufwuchsen, lässt sich denken. Ich vermute, dass auch die unfreiwilligen Werbung der katholischen Kirche, die den "Sittenverfall" anprangerte, von vornherein einkalkuliert war - auf den "Beißreflex" des katholischen "Filmdienstes" bei "unzüchtig" bekleideten Darstellern war Verlass.
Finanziell war der Film jedenfalls ein großer Erfolg. Liane, die fast nackte "verführerisch-unschuldige Kindfrau", machte ihn zum ersten deutsche Kultfilm der Nachkriegszeit.
Gut an "Liane, das Mädchen aus dem Urwald" ist, dass er etwas für die Durchlüftung der miefigen bundesdeutschen Moralverstellungen der damaligen Zeit tat.

Allerdings hat die Produktion auch eine "dunkle Seite" - nicht im Sinne der "öffentlichen Moral" als im Sinne der privaten Moral des Filmproduzenten Gero Wecker. Er band seine "Entdeckung" mit einem über sieben Jahre laufenden Knebelvertrag an seine Filmgesellschaft und zwang sie in eine Laison, von der sie verzweifelt versuchte loszukommen. Das Leben der sozial engagierten, wahrscheinlich sehr idealistischen Frau glich einer tragischen Achterbahnfahrt, 2007 starb die Film- und Theaterschauspielerin. Schauspielerin Marion Michael - Das "Mädchen aus dem Urwald" ist tot (Spiegel)

Im "Wikipedia"-Artikel Liane, das Mädchen aus dem Urwald stehen aufschlussreiche Angeben über die Freigabepraxis:
Liane, das Mädchen aus dem Urwald wurde vom Arbeits- und Hauptausschuss der FSK (AA: 1. Oktober 1956, HA: 19. Oktober 1956) zunächst mit drei Schnitten ab 10 Jahren freigegeben.

Der Film erregte bei seinem Erscheinen erhebliches Aufsehen, da die Hauptdarstellerin Marion Michael darin, wie auch die afrikanischen Statisten und Statistinnen, teilweise nur mit einem Lendenschurz bekleidet war. Die Szenen sind aus heutiger Sicht harmlos, sorgten damals aber für große Entrüstung. Auch deswegen wurde der Film ein großer finanzieller Erfolg.

Die Obersten Landesjugendbehörden (OLJB) bemühten daraufhin ein Wiederaufnahmeverfahren, das wegen Verfahrensmängeln wiederholt werden musste. Der Arbeitsausschuss legte den Film in seiner Sitzung vom 1. Oktober 1956 auf ab 12 Jahren fest, der Hauptausschuss gab den bereits seit vier Monaten laufenden Film schließlich am 13. Februar 1957 mit knapper Mehrheit ab 16 Jahren frei. Der letztinstanzliche Rechtsausschuss bestätigte aber am 6. April 1957 die Freigabe ab 10 Jahren. Umstritten war dabei, ob sich auch eine leicht beschürzte Weiße unter oberkörperfreien Afrikanerinnen bewegen könne. Bei letzteren unterstellten die Prüfer keine sexuelle Reizwirkung.[1]

Die FSK senkte in der Prüfung vom 8. Juli 1974 die Altersgrenze auf ab 6 Jahre, erhöhte sie in der Prüfung vom 22. März 1990 aber auf ab 12 Jahre.
Die Angabe, dass die Prüfer bei oberkörperfreien schwarzen Frauen keine "sexuelle Reizwirkung" unterstellten, stammt aus: Jürgen Kniep: „Keine Jugendfreigabe!“. Filmzensur in Westdeutschland 1949-1990, Wallstein Verlag Göttingen 2010 ISBN 978-3-8353-0638-7

Ich neige dazu, zu vermuten, dass es dabei weniger um die "sexuelle Reizwirkung" ging - ich wüsste nicht, wieso dunkelhäutige Frauen für Weiße generell sexuell unattraktiv sein sollten. Ich bin mir ziemlich sicher, dass den Prüfern das klar war - so weltfremd sind nicht einmal FSK-Prüfer, selbst nicht in den 50ern.
Es ging wohl um das Klischee, dass "Negerinnen" und andere "Wilde" im Urwald natürlich barbusig herumlaufen könnten, was bei einer zivilisierten Frau aber unmoralisch wäre.

Bezeichnend finde ich auch, das die 1974 auf sechs Jahre gesenkte Altersfreigabe 1990 auf 12 Jahre erhöht wurde. Ich sehe darin ein Indiz für die beginnende "Neo-Prüderie", wobei die FSK dem allgemeinen Trend um Jahre voraus war.
MMarheinecke - 28. Jun, 12:05

Die "Prüderie" der Tarzanfilme

zwischen ca. 1935 bis ca. 1980 brachte Hellmuth Karasek 1984 treffend und sarkastisch auf den Punkt:
Bisher mußte der Film-Tarzan sechs "essentials" gehorchen. Die hießen:
  • körperliche Gewandtheit,
  • erotische Enthaltsamkeit,
  • moralische Integrität,
  • ein Sprachschatz von maximal zehn Wörtern,
  • der Urschrei (auiauiiii ...),
  • Verzicht auf tagespolitische Ambitionen.
Aus: Tarzans Wiederkehr (Der Spiegel 50/1984)

Wirr-Licht - 2. Jul, 09:05

natürlich nackt...!?

ich persönlich bringe nacktheit und natürlichkeit schon in verbindung, insofern ist die nacktheit als stilmittel, um natürlichkeit auszudrücken, völlig legitim. IMHO. insofern wüsste ich nicht, warum tarzan oder liane mehr als notwendig bekleidet sein sollten.

aber hey, schlecht ist der film bestimmt trotzdem.

MMarheinecke - 2. Jul, 15:00

Er ist amüsant ...

... Teilweise unfreiwillig, teilweise freiwillig. Trash eben, der letztendlich aber den Reiz dieses Films ausmacht. Unterhaltungswert hat der Steifen ja auf jeden Fall. Mit "natürlicher Nacktheit" haben die kurzen fast-nackten Szenen wenig zu tun, auch wenn Lianes Mikro-Schurz plausibel ist. Ansonsten ist der Film handwerklich halbwegs ordentlich gemacht, und inhaltlich ernst nehmen durfte man ihn weder damals noch heute.

Das Drehbuch des Films entstand übrigens nach einem Fortsetzungsroman einer gewissen Anne Day-Helveg, der in der "Bild" erschien. (Es war auch danach.) Drehbuchautor war Ernst von Salomon, ein "Rechtsradikaler", der nicht in die übliche Rechtsradikalen-Klischees passt: als junger Mann Freikorpskämpfer, im Alter Friedenspreisträger, "Nationalbolschewist" (oder vielleicht eher: Nationalanarchist). An sich ein guter Schriftsteller, der aber auch schnell mal Schund zusammenschrieb. Er hatte schon ein Drehbuch für einen seltsam ambivalenten Afrika-Film geschrieben: "Carl Peters" (1941) ein Abenteuergarn frei nach dem Leben des deutschen Kolonialisten Peters. Einerseits ist "Carl Peters" ein Nazi-Propagandafilm, in dem die deutsche Kolonialgeschichte verherrlicht / beschönigt wird und der antibritische Töne hat - aber dabei doch irgendwie "anglophil" wirkt. Anderseits eben ein Abenteuergarn im Karl-May-Stil und trotz dämlicher "Negerklischee" für einen NS-Film erstaunlich wenig rassistisch - die Schwarzen sind primitiv, aber sympathisch. Carl Peters-Darsteller Hans Albers spielt mit gewohnter Selbstironie vor allem Hans Albers - und der Film-Peters ist als abenteuerlustig-rebellischer Typ angelegt, der mit dem skrupellosen Eroberer Peters allenfalls die Disziplinlosigkeit gemeinsam hat. Typisch Nazifilm: einige der Gegenspieler sind Juden - typisch von Salomon: die deutschen Gegenspieler sind Sozialdemokraten.
Wieso der Film nach 1945 im "Giftschrank" landete und lange "Vorbehaltsfilm" blieb, ist meiner Ansicht nach am ehesten dadurch erklärbar, dass Zensoren mit Ambivalenzen nichts anfangen können.

Der Film "Liane, das Mädchen aus dem Urwald" war ja damals nicht zuletzt ein Kultfilm der rebellischen "Halbstarken". Das liegt wohl nicht nur an Liane im Lendenschurz, denn "Liane" ist auch ein Film über und für die "aufmüpfige Jugend": die sympathischen Hauptfiguren sind der ruppige Thoren und die wilde Liane, die nicht nur aus Unkenntnis gegen "anständige" bürgerliche Konventionen verstößt. Es ist zwar nur die Pose des Aufbegehrens gegen die bürgerliche Ordnung, aber das war für 1956 nicht wenig - und bestimmt im Sinne Ernst von Salomons.

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