Sonntag, 17. April 2011

Die Legende vom Abendland

Ursprünglich war mit dem heute wieder so gern zitierten "christlichen Abendland" nur Westeuropa gemeint. Genauer gesagt: jenes Gebiet, in dem bis zur Reformation die römisch-katholische Kirche herrschte.

Heute wird "Abendland" meistens gleichbedeutend mit "dem Westen" verwendet - also als eine kulturelle Traditions- und Wertegemeinschaft, die sich grob mit "judäo-christliche Religion, griechische Philosophie, römisches Recht, ferner Humanismus, Aufklärung, offene Gesellschaft und Demokratie " umreißen lässt. Also ein weiter, offener Kulturraum, mit fließenden Übergängen zu und regem Austausch mit anderen Kulturräumen.

Wenn man sich aber die Abendland-Ideologie, die nach dem Zweiten Weltkrieg in konservativen Kreisen (West-)Europas in den 1950er-Jahre ausgebrütet wurde, ansieht, dann ist deren "Abendland" weitaus enger und begrenzter. "Abendland" bedeutet für die Christlich-Konservativen vor allem Wiederbelebung des Christentums und Abgrenzung gegenüber Kulturen auf anderer Grundlage, (damals) der Sowjetunion, heute eher gegenüber islamisch geprägten Kulturen - insgesamt jedoch gegenüber allem, was nicht christlich geprägt ist. "Europa" ist für diese Kreise nur auf christlicher Grundlage denkbar - womit die Türkei automatisch außen vor steht. Immerhin: das Bekenntnis zur Demokratie ist schon ein Fortschritt, die "Abendländer" der 1950er und 1960er Jahre hatten keine Probleme, die Diktatur Francos in Spanien als "vollwertig abendländisch" einzubeziehen ...

Der "Westen" im "Clash of Civilisation" á la Huntington nähert sich dem alten Verständnis des "Abendlandes" an - er besteht nur aus West- und Mitteleuropa sowie Nordamerika, die russisch-orthodox und griechisch-orthodox geprägten Gebiete Osteuropas stehen außen vor, allerdings auch Lateinamerika - was Huntigtons stark ökonomisch geprägte Sichtweise von der der christlich-konservativen "Abendländern" abhebt.

"Momo Rulez" sinnierte auf Metalust & Subdiskurse, was Europa außer Weltkriegen, Genoziden, der Zwöftonmusik, ein paar guten Büchern (und selbstverständlich dem FC St. Pauli) überhaupt zustande gebracht hätte in den letzten 100 Jahren ohne Input von außen, von anderen Kulturen. "Woher da die kulturelle Arroganz stammt?" - Ich vermute, aus einem Gemisch aus Ahnungslosigkeit und kulturellem Tunnelblick - in dem z. B. die Zwölftonmusik als hohes Kulturgut gilt (wohl zurecht, auch wenn sie mir quer im Ohr liegt) und der Blues als "reine Unterhaltungsmusik" abqualifiziert wird (obwohl zutiefst christlich, wenn man die Tradition verfolgt).

Im Gedankenexperiment drehen wir einmal den Kalender um 1000 Jahre zurück. Der damals zivilisatorisch unstreitig am meisten entwickelte Raum Europas war die moslemisch beherrschte iberische Halbinsel (obwohl der Mythos vom "goldenen Zeitalter el Andalus'" die Realität weit überstrahlt). Ebenfalls auf recht hohem Niveau, wenn auch schon lange stagnierend, war der von den Überresten des oströmischen Reiches beherrschte Südosten. Das "christliche Abendland" war sowohl in der Sachkultur, wie in Philosophie und Wissenschaft weit hinter "Islam-Europa" und "Byzanz-Europa" hinterdrein. Erst im Hochmittelalter machte es, unter massiven Einflüssen aus der islamischen Welt, sichtbare Fortschritte.
Eine "dunkles Zeitalter" war das Mittelalter vor 1100 nur für Westeuropa. Von den deutlich weniger finsteren Teilen Europas war schon die Rede. In China fällt in diese Periode die Zeit der Tang-Dynastie, eine Zeit höchster kultureller Blüte, in der viele wichtige Erfindungen gemacht wurde (z. B. Papier, Schießpulver, Porzellan). Die Kultur Arabiens und Persiens stand ebenfalls in voller Blüte.
Ironischerweise war in diesen "dunklen Jahrhunderten" Westeuropas ein Gebiet "Kerze der Zivilisation", das an der äußersten Peripherie lag: Irland. Und der gerade eben eher oberflächlich christianisierte Norden war (noch) der wirtschaftlich prosperierendste Teil Europas, mit Handelsbeziehungen nach Byzanz, Iberien und Arabien (unter Umgehung des kontinentalen Westeuropas). Erst in der Zeit der
Kreuzzüge wurden die Normannen und ihre Nachfahren ins Abendland integriert.
Bertrand Russel schrieb in seiner "Philosophie des Abendlandes", dass es zwischen Boethius und Anselm von Canterbury, also in einem Zeitraum von über fünfhundert Jahren, nur einen hervorragenden westeuropäischen Philosophen gegeben hätte, Duns Scotus (Johannes Scottus Eriugena), ein irischer Gelehrter des 9. Jahrhunderts.

Ohne Einflüsse von außen wäre Kern-Westeuropa alias "christliches Abendland" unter einer dunklen Glocke zivilisatorischer Rückständigkeit geblieben. Dass unter dieser Glocke auf die Kirchenglocken mehr gehört wurde, als zuvor und später, und die Kirche quasi ein Bildungsmonopol hatte, mag allenfalls für eine extrem "katholizentrische" Geschichtsschreibung als Vorzug dieser Epoche gelten.

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