Sonntag, 10. April 2011

Politsprech im Orbit - die "Raumfahrtstrategie" der deutschen Bundesregierung

Anlässlich des 50 Jubiläums des ersten bemannten Raumflugs sah ich mir auch mal an, was Deutschland so im All vor hat - das Raumfahrt-Programm der deutschen Bundesregierung. Da sprachliches Aufbrezeln spätestens seit dem nach eigenen Angaben mit "Bild, Bams und Glotze" regierenden "Medienkanzler" Gerhard Schröder zum Regierungsgeschäft gehört, ist es kein schlichtes "Programm", sondern natürlich eine "Stategie":
Raumfahrtstrategie der Bundesregierung (2010).

Nüchtern ökonomisch betrachtet ist an dem Programm wenig auszusetzen. (Auch wenn ich einiges daran auszusetzen hätte, aber ich denke zugegebenermaßen gern über die nüchterne Ökonomie heraus.) Es ist ein klassisches Programm zur Technologieförderung, nicht mehr, aber auch nicht weniger. Es fördert Projekte, die eine "high-tech"-orientierte Industrienation unterstützen muss, wenn sie, was das eingestandene Ziel der Bundesregierung ist, weiterhin eine überaus erfolgreiche Exportnation bleiben will. (Ob das Ziel, weiterhin kräftige Außenhandelsüberschüsse zu erwirtschaften, überhaupt sinnvoll ist, lasse ich mal außen vor.)
Egal mit welcher Begründung: das, was die Bundesregierung gefördert sehen will, ist allemal vernünftig. Telekommunikation, Robotik, Navigation, Katastrophen-Warnung und -Überwachung (Desaster Monitoring), Erdbeobachtung und Umweltschutz. Alles notwendig, alles vernünftig. (Dass die Bundesregierung auch weniger vernünftige Satelliten-Anwendungen, nämlich solche für militärische Zwecke, fördert, lasse ich ebenfalls mal außen vor.)

Alles schön und gut, aber wo bleibt die Grundlagenforschung? Das, was an der Raumfahrt wirklich "spannend" und mehr als reine Nutzanwendung ist, die Erforschung des Weltalls? Die Raumsonden, Forschungssatelliten, Weltraumteleskope? Es gibt sie, immerhin, und Deutschland will im Rahmen der ESA eine unbemannte Mondmission immerhin weiter prüfen, aber die Raumforschung geht irgendwie ziemlich unter. Jedenfalls im Vergleich zu den langen Ausführungen, wie man mit Raumfahrt ein Geschäft machen kann. Ehe nun der Eindruck entsteht, das Programm sei arg konservativ und vom Geist kleinkarierten Krämerseelen durchdrungen: auf einem Gebiet wird tatsächlich Pionierleistung gefordert, jedenfalls kann man die Aussagen zur künstlichen Intelligenz so verstehen. Der Aussage, dass "intelligente Roboter die Zukunft der Raumfahrt nachhaltig verändern" werden, kann ich nur zustimmen, auch wenn ich nicht so recht begreife, was das Adjektiv "nachhaltig" in diesem Zusammenhang soll. Ich hätte es gestrichen. Klar ist, dass die Autoren dieser "Strategie" Adjektive wie "nachhaltig", "effektiv", "effizient", "innovativ" , "global" und "umweltbewusst" offensichtlich lieben. Mit der "Raumfahrtstrategie" lässt sich vortrefflich Buzzword-Bingo spielen. Der Begriff "nachhaltig" stammt, zur Erinnerung, aus der Forstwirtschaft, und bedeutet, dass nicht mehr Holz geschlagen wird als nachwachsen kann. Entsprechend: "nachhaltige Landwirtschaft", "nachhaltige Fischerei" usw. - aber so etwas wie "nachhaltige Veränderung" ist Geschwurbel.
Natürlich darf auch der "Klimawandel" nicht fehlen, und zwar nicht nur dort, wo er hingehört (Erdbeobachtung usw.), sondern überall, wo er halbwegs plausibel eingebaut werden kann. Es gilt auch für diese "Strategie": Wäre die Bundesrepublik Deutschland mit Taten auch nur halb so eifrig wie mit Worten, es wäre viel für das Weltklima gewonnen.
Was auch auffällt: es fehlen Langzeitprojekte, etwa neue Raumtransportsysteme oder neue Antriebe.
Es ist offensichtlich tatsächlich so, wie ein ESA-Manager es vor einige Jahren ausdrückte: die Deutschen fördern nur Projekte, die in spätestens vier Jahren "marktreif" sind.

Da wir gerade ein halbes Jahrhundert bemannte Raumfahrt feiern: Wie hält es die Bundesregierung damit? Schließlich ist Deutschland (und damit der deutsche Steuerzahler) an der ISS beteiligt, betreibt also bemannte Raumfahrt.
Wie leider nicht anders zu erwarten, fehlt ein klares "Ja", und auch zu einem klaren "Nein" konnte sich die Bundesregierung letztes Jahr nicht durchringen:
Die westliche Welt muss die Fähigkeiten zur bemannten Raumfahrt behalten, solange robotische Systeme bei Aufgaben im All die menschliche Präsenz nicht vollständig ersetzen können. Wir werden darüber mit unseren Partnern in Europa, Amerika und Japan im Gespräch bleiben.
Immerhin könnte man daraus ableiten, dass die Bundesregierung die bemannte Raumfahrt für ein Auslaufmodell hält, aber wirklich klar sagt sie es nicht, denn es ist keineswegs ausgemacht, dass es in absehbarer Zukunft Roboter mit starker künstlicher Intelligenz, die selbstständig forschen und auf unvorhergesehene Ereignisse einfallsreich reagieren könnten, geben wird, so wie es keineswegs ausgemacht ist, dass Deutschland sich überhaupt an Raumfahrtprojekten beteiligen wird, die starke KI erfordern würden. Für Satelliten in der Erdumlaufbahn reicht schwache KI aus - ist kreatives Denken gefragt, kann die Bodenstation angerufen werden.

Oder, was man diese und ähnliche "Strategiepapiere" auch interpretieren könnte, hält die Bundesregierung generell kreatives Denken für überflüssig.

Diese "Raumfahrtstrategíe" ist, wie vieles in der deutschen Politik, von Angst bestimmt. Nicht der Angst vor konkreten Gefahren (Stichwort: Atomkraftwerke) oder einer diffusen "Technikangst", sondern aus Angst vor inhaltlich bestimmten politischen Auseinandersetzungen. Mit anwendungsnaher Technologieförderung kann die Bundesregierung nichts verkehrt machen, während die Lobby für langfristige oder gar zweckfreie Forschung schwach ist.
Angst hat man offensichtlich vor der zur Zeit relevantesten Oppositionspartei, den "Grünen" - daher ist in der "Raumfahrtstrategie" wohl so viel von "Umweltschutz" die Rede. Vor dem Vorwurf der Geldverschwendung scheint sie besonders viel Angst zu haben, denn das Papier liest sich streckenweise wie eine Verteidigungsschrift gegen einen Vorwurf, den - auf diesem Gebiet ! - niemand der Bundesregierung ernsthaft macht.

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