Montag, 28. März 2011

Energie und Askese

Harald Welzer machte sich in der FAZ vom 20. März 2011 einige Gedanken, die mich zum Widerspruch reizen.
Nach Fukushima - Abschaffung der Komfortzone
Nicht, weil Welzer grundsätzlich unrecht hätte. Oder weil ich mich an seiner "konservativen", kulturpessimistischen Weltsicht stoßen würde. Tatsächlich stoße ich mich an Behauptungen, die meiner Ansicht einfach nicht zutreffen.
Und zwar deswegen, weil das hier der zweite GAU war und schon der erste nichts verändert hatte, weil die Sogwirkung eines Wirtschafts- und Gesellschaftsmodells, das die unablässige Steigerung von Glück durch die unablässige Ausweitung der Konsumzone anbietet, so stark ist, dass sich ihr kaum noch jemand entziehen mag.
Der "erste GAU" (gemeint ist wohl der katastrophale Unfall in Tschernobyl) hat sehr wohl etwas verändert. Seitdem ist Kernenergie ein Auslaufmodell, in dem Sinne, dass sie nur noch gegen erhebliche Widerstände politisch durchsetzbar ist. Das wiederum führt dazu, dass der Neubau eines AKW im Grunde unkalkulierbar ist: ob überhaupt, wenn ja, wann, und mit welchen (teurer) zusätzlichen Sicherheitsauflagen das Kraftwerk ans Netz gehen kann, ist nicht mehr absehbar. Die angebliche ändert, sieht man sich nur die Zahlen an, daran wenig. Die Renaissance der Kernkraft beschränkt sich auf Länder, in denen staatliche Betreiber oder Geldgeber das Risiko tragen, mit anderen Worten: wo Kernkraftwerke, auch entgegen ökonomischen Erwägungen, politisch gewollt sind.

Wieso hatte "Tschernobyl" nicht stärkere Auswirkungen?
Der eine Grund ist betriebswirtschaftlicher Natur: ein AKW ist teuer, es gibt also ein starkes Interesse der Betreiber, die Kraftwerke so lange am Netz zu lassen, bis sie sich amortisiert haben. Ist dieser Punkt erst einmal erreicht, ist für privatwirtschaftliche Kraftwerksbetreiber der Anreiz groß, die Anlagen so lange im Betrieb zu lassen, wie technisch möglich: da die alten Kraftwerke ihrer Erstellungskosten längst eingefahren haben, fallen im wesentlichen nur noch Brennstoff-, Personal- und Wartungskosten an. Ein "Alt-AKW" ist wegen des geringen Brennstoffanteils an den Betriebskosten ein besonders profitables Kraftwerk - auch weil die eigentlich "unbezahlbaren" Versicherungs- und Entsorgungskosten größtenteils von staatlicher Seite, also vom Steuerzahler, übernommen werden.
Der zweite Grund liegt darin, dass der Unfall von Tschernobyl sich in dieser Form nur bei einem bestimmten Reaktortyp (graphitmoderierter wassergekülter Reaktor), der außerdem sicherheitstechnisch auf einem erbärmlichen Stand war, ereignete. Auf der propagandistischen Ebene wurde daraus ein "sowjetischer Schrott-Reaktor", während "unsere Reaktoren" sicher seien. (Obwohl bei viele heute im Betrieb befindlichen AKW die heute geforderten Sicherheitsstandards nicht erfüllen.) Tatsächlich hätte sich ein "Tschernobyl-Unfall" in den Siedewasserreaktoren von Fukushima nicht ereignen können: Ein Erdbeben, das stärker als bei Bau berücksichtigt war, und ein Tsunami, der höher war, als berücksichtigt, traf eine sicherheitstechnisch veraltete Anlage, die schlechter gewartet war, als vorgesehen. Verkettungen unglücklicher Umstände sind im Prinzip überall möglich.
Eine künftige Lebens- und Überlebenskunst kann nur darin bestehen, das erreichte zivilisatorische Niveau in Sachen Bildung, Gesundheit, Sicherheit, Gleichheit, Rechtsstaatlichkeit zu halten und die Fehlentwicklungen – zukunftsfeindliche Energienutzung, grenzenlose Mobilität, die Kultur der chronischen Verfügbarkeit von allem – radikal zurückzunehmen.
Zustimmung - bis auf die falsche Definition der Fehlentwicklungen:
Es ist ja nicht die Energienutzung, die "zukunftsfeindlich" ist - die kann man allenfalls einschränken und effizienter machen. Es sind die Energiequellen, auf die es ankommt. Wobei einzig regenerative Träger auf Dauer zukunftssicher sind.
Auch die grenzenlose Mobilität ist an und für sich kein Problem. Es kommt "nur" auf das Verkehrsmittel an, bzw. die Energie, mit der das jeweilige Verkehrsmittel betrieben wird. Zum Beispiel ist ein dichtes, voll elektrifiziertes Bahnsystem, dessen Strom zu 100% aus regenerativen Quellen stammt, technisch keine Utopie. (Die Schweiz kommt diesem Ideal schon recht nahe.) Die tatsächlichen ökologischen Problembereiche sind der Autoverkehr und der Flugverkehr. Ökologisch problematisch ist im Güterverkehr, dass es betriebswirtschaftlich sinnvoller sein kann, ein benötigtes Gut unter hohem Energieeinsatz von weither zu beschaffen, als es aus der Region zu beziehen.
In einer "Kultur der chronischen Verfügbarkeit von allem" lebt ohne nur eine winzige Minderheit der heutigen Menschheit. In der leben nur diejenigen, die das nötige Geld haben. Eine Kultur, in den allen lebensnotwendigen Güter für jeden jederzeit verfügbar sind, z. B. gutes Trinkwasser, Grundnahrungsmittel, wetterfeste Unterkunft, ist ein bisher nicht annähernd erreichtes Ziel.
Eine reale Dystopie. Ich bin in den vergangenen Tagen oft gefragt worden, ob ich glaube, dass nun endlich der Punkt erreicht sei, an dem die Menschen aufhören, an die Versprechen des unaufhörlich wachsenden Wohlstands zu glauben, den Preis für dieses Versprechen zu hoch finden und umkehren zu einem anderen, vielleicht nicht ganz so bequemen und fremdversorgten Lebensstil. Ich glaube das nicht, leider.
Ich bin, hinsichtlich "des Systems", ebenfalls pessimistisch, nämlich eines System, in dem politische Entscheidungen von betriebswirtschaftliche Kriterien - in gar nicht so seltenen Fälle schlicht die Kapitalrendite - abhängen. (Das ist übrigens nicht nur eine Schwäche eines Kapitalismus, in dem faktisch die "freie Marktwirtschaft" nicht existiert, geschweige denn eine wirksame Kontrolle der monopolartigen "Marktbeherrscher" durch die Öffentlichkeit, sondern war auch eine des "real existierenden Sozialismus", in dem der Staat als Monopolist auftrat.)
Einem Denkfehler, den ich für fatal halte, unterliegt auch Welzer - der "Askesefalle". Wir - jetzt gesprochen für die großen Mehrheit der Menschen in den Industriestaaten - müssten, im Falle eines "Umbaus" auf rein regenerative Energieversorgung, auf wenig "verzichten", sondern "nur" anders konsumieren.

Ein großes "Nur". Rudolf Maresch schriebt dazu im November letzten Jahre in Reaktionäre westlicher Länder vereinigt euch! (telepolis)
[...] Darum mag es durchaus auch viele gute und gewichtige Gründe für eine Abschaltung der Atomkraftwerke geben, die Sicherheitsfrage ebenso wie die ungeklärte Frage der Endlagerung. Doch auch die Atomkraftgegner vermögen nicht zu sagen, wie der stetig wachsende Energiebedarf, etwa für all die annoncierten E-Autos, Speicher- und Rechenkapazitäten etc. in den nächsten Jahrzehnten herkommen soll.

Mit regenerativen Energien allein, mit Energieeffizienz, der stetigen Erhöhung des Strompreises und Vakuum verpackter Gebäuden wird er jedenfalls nicht zu decken sein. Zumindest nicht der eines Exportweltmeisters, der die soziale Wohlfahrt nur auf diese Weise gewährleisten kann. So schlau und schöngerechnet sich Prognosen der Solarlobby bis ins Jahr 2050 auch geben und darstellen lassen.[...]
Ich zitiere Maresch, weil er, vielleicht unbeabsichtigt, den entscheidenden Punkt berührt: der Energiebedarf eines "Exportweltmeisters" (verallgemeinert: einer stark exportabhängigen Industriegesellschaft ohne nennenswerte Rohstoffvorkommen - wie sie z. B. auch Japan ist), bei dem die Wohlfahrt durch hohe Wachstumsraten finanziert wird (und der zunehmende Reichtum einer kleine Oberschicht), dürfte damit nicht zu decken sein. Nebenbei macht er den Fehler vom heutigen Stand der Technik auszugehen. Das ist jetzt kein "Glaube an den Fortschritt" meinerseits, sondern ergibt sich aus der Kenntnis sich bereits in der Entwicklung befindlicher Technologien, auch wenn nicht alle die "Marktreife" erreichen werden.

Prognose wie diese: Wissenschaftler zeigen, wie eine Vollversorgung mit erneuerbaren Energien möglich ist sind nur dann "schöngerechnet", wenn die Bedarfsstrukturen in Zukunft die selben sind, wie heute.
"Bedarf" ist, im Sinne der Ökonomie, ein mit Kaufkraft versehenes Bedürfnis, ein "nachfragewirksames" Bedürfnis. Jemand, der von ALG II leben muss, hat folglich weniger Bedarf als ein gut verdienender leitender Angestellter, auch wenn er oder sie vielleicht die selben Bedürfnisse hat. Dem ALG II- Empfänger wird sogar vorgeschrieben, wie hoch sein / ihr Bedarf sein darf, damit er die ihm (oder ihr) zugestandenen Bedürfnisse erfüllen kann.

Als Beispiel nehmen wir das Bedürfnis nach Mobilität. Gehe ich zu Fuß oder benutze das Fahrrad, kann ich dieses Bedürfnis mit extrem wenig Energieeinsatz befriedigen - um den Preis einer sehr geringen Reisegeschwindigkeit. Oder noch deutlicher: Fahre ich mit dem Segelschiff, dann ist eine Reise auf die Kanarischen Inseln mit 100 % regenerativer Energieversorgung kein Problem. Die Problem bei der Mobilität ergeben sich im Falle der Kanarenreise daraus, dass der Jahresurlaub für diese sicherlich interessante und erholsame Form des Reisens nicht ausreicht.
Beim Auto ist das noch deutlicher. Ein gut ausgebautes öffentliches Verkehrssystem würde die meisten Autofahrten überflüssig machen - in vielen Fällen sogar mit kürzeren Reisezeiten. Hier spielen weitere Bedürfnisse eine Rolle, die nach Komfort und - bei Auto nach wie vor wichtig - nach Prestige. (Der Faktor "Prestige" dürfte auch bei vielen Geschäftsreisen entscheidend sein.)

Aus der Perspektive der wirklich Armen kann der Umbau der Ökonomie auf eine ausschließlich mit erneuerbaren Energiequellen betriebenen "Kreislaufwirtschaft" sogar erheblich mehr an Lebensstandard bringen. Aber unser Wirtschaftssystem würde, wie
Manfred Max-Nee zurecht sagt, ohne Armut (womit er vor allem die Armut in sog. Schwellenländern meint) sofort kollabieren. In seinem Interview für die "taz" skizziert er eine Gegenbewegung:Wer überlebt, kann nicht dumm sein. Auch er drückt aus, dass die Verbindung zwischen Lebensstandard ("Wie viele meiner Bedürfnisse werden befriedigt?") und Umfang des Konsums falsch ist:
Wird in den reichen Ländern der Lebensstandard sinken?

Im Gegenteil, unser Lebensstandard wird besser sein. Warum brauchen wir mehr und mehr Konsum? Jeder sollte mal eine Liste machen mit den Dingen, die er wirklich braucht - und denen, die im Grunde überflüssig sind. Welche Liste wird wohl länger sein?
Das ist, so formuliert, fast eine Binsenwahrheit. Warum aber wird sie nicht erkannt?
Meiner Ansicht nach hat das sehr viel mit unserer geistige (und geistlichen) Kultur zu tun.
In unser Bewusstsein hat sich die Vermutung eingeschrieben, dass es immer nur zwei Möglichkeiten gäbe, eine richtige und eine falsche. (Dualistisches Denken, angefangen bei Platon und Aristoteles, von Augustinus vergröbert und verallgemeinert, in dieser Form seit der geistige Vorherrschaft der auf augustinäischem Denken aufbauenden katholischen Kirche im Mittelalter für das "abendländische Denken" charakteristisch, trotz Aufklärung). Der Kapitalismus ist, gemäß diesem Schwarzweißdenken, trotzt aller Fehler alternativlos, weil der Sozialismus versagt hätte. Weitere Möglichkeiten "dazwischen", "darüber hinaus" oder "daneben" sind nicht vorgesehen.
Die zweite Denkfalle entstand gerade während der Aufklärung. Es ergibt sich aus der damals geboren Vorstellung, dass jede Regel unversalierbar sein müsse, also immer und überall gälte. Besonders bei Kant kommt ein starker Rigorismus der Moral dazu: moralisches Verhalten duldet keine Ausnahmen. Kommt das von der katholischen Kirche übernommen dualistische "entweder-oder" Weltbild und die protestantische Pflicht-Ethik (die auch Kant stark prägte), dann ergibt sich daraus, dass freiwilliger Verzicht als "totale Entsagung", als Askese, verstanden wird.
Da außerdem aus ideologischem Denken die ökonomischen Grundlagen gesamtgesellschaftlich gesehen "unvernünftiger", aber im Sinne einer "instrumentellen Vernunft" (zweckrationaler) Entscheidungen verkannt werden, erscheinen die "Kollateralschäden" zweckrationaler Entscheidungen (etwa der, Koste es was es wolle, eine gute Zwischenbilanz zu erreichen, weil der gute Managerjob und die Prämie davon abhängen) als "menschliche Schwächen", und Habgier, "dummer" Konsum und Verdrängung von Risiken als anthropologische Konstanten. (Die "Erbsündelehre" verstärkt dieses fatalistische Denken sogar noch.) Es gibt sicherlich egoistische Manager, aber wir leben in einer Welt, in der sich Nicht-Egoisten nicht auf Managerposten halten können: das Problem liegt in der Struktur, und Manager gehen, Strukturen bleiben. In der Politik stimmt es zwar, dass Macht korrumpiert, aber die bestehenden Strukturen, etwa in den Parteien, verhindern, dass Menschen, die nicht korrumpierbar sind, überhaupt politische Karriere machen.

All dies führt dazu, dass sich viele eine "ökologisch nachhaltige" Gesellschaft gar nicht ohne erheblichen Druck auf die Einzelmenschen, die ja gut leben wollen, vorstellen können.
Oder anders gesagt, hat diese "grüne" Gesellschaft den Charakter eines Umerziehungslagers. "Öko-Diktatur" mit erzwungener Askese als "einzige Hoffnung" oder - häufiger - als Schreckgespenst.

Es geht anders, ich denke sogar, es wird anders gehen. Kein "Utopia", denn gerade utopisches Denken führt zur Diktatur und neuer Ungerechtigkeit, weil die Wirklichkeit da draußen sich nicht um unsere Pläne schert. Kein "idealer Endzustand", denn Wandel gibt es ständig. Eine "schmuddelige", konfliktreiche - soll es doch, solange die Konflikte nicht mit Waffen ausgetragen werden - dezentrale Welt, geprägt vom sich ständig pragmatisch durchwursteln. Kein "Einklang mit der Natur" (sowieso illusorisch, da es ein "ökologische Gleichgewicht" im Sinne perfekter Balance sowieso nicht gibt), sondern ein nachhaltiges Wirtschaften.
Nicht für jeden eine bessere Welt. Aber ein Welt, in der die Mehrheit besser leben kann, als jetzt.

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