Montag, 19. Juli 2010

Heute vor 140 Jahren erklärte Frankreich Preussen den Krieg

Jeder einigermaßen historisch gebildete Mitteleuropäer (wie viele bzw. wenige das sind, soll hier kein Thema sein) hat schon mal davon gehört: beim Ausbruch des Deutsch-Französischen Krieges 1870 war Frankreich isoliert und galt als der Aggressor - eine Folge der geschickten Diplomatie des preußischen Ministerpräsidenten und Bundeskanzlers des Norddeutschen Bundes, Otto von Bismarcks und der ebenso ungeschickten Diplomatie Napoleons des Dritten.
Man muss sich das einmal vor Augen halten: Obwohl der Krieg ohne Zweifel von Bismarck "angezettelt" worden war, war Frankreich der Angreifer und würde auch nach modernem Völkerrecht als der Aggressor angesehen werden.

Wie konnte ihm das gelingen? Der entscheidende Faktor war bekanntlich die berüchtigete Emser Depesche.
Entgegen einer weit verbreitete (und unter "Weltverschwörungstheoretikern" sehr populären) Ansicht handelte es sich nicht um eine Fälschung.
Die für die Presse von Bismarck redigierte Fassung war allenfalls durch Kürzung zugespitzt. Aus der Sicht der politische Ziele Bismarcks und seiner Bundesgenossen war das ideal: niemand hätte ihn nachträglich der Lüge bezichtigen können - er hat ja nur eine Pressemitteilung zusammengestellt. Er hätte es nicht einmal nötig gehabt, sich hinter einem Pressesprecher zu verstecken, wenn die Sache schief gegangen wäre. Dadurch, dass er sich persönlich um die Pressemeldung kümmerte, was auch damals nicht üblich war, wurde die "Emser Depesche" als "Chefsache" natürlich enorm aufgewertet.

Anlass - aber nicht Ursache - der von Bismarck eiskalt ausgenutzten Spannungen zwischen Frankreich und Preußen war eine Geschichte, die heute wohl nur noch in Boulevardmedien auf Interesse stoßen würde, damals aber für politisch brisant gehalten wurde - jedenfalls von Napoleon III., seiner Regierung und vielen viel Wert auf "nationales Prestige" legenden Franzosen. In Spanien war ein Königsthron zu vergeben, nachdem Königin Isabella II. von einer Militärjunta ins Exil vertrieben wurde. Ein Bewerber um dem vakanten Thron war Leopold von Hohenzollern-Sigmaringen, ein entfernter Verwandter des preußischen Königs. In Frankreich wertete man die Bewerbung als Affront, schlimmer, als versuchte Einkreisung, denn von Hohenzollern wollte man nicht umgeben sein. Es ist nebenbei schwer verständlich, woher die französische Einkreisungs-Hysterie stammte: Leopolds Kandidatur war nämlich nicht von Preußen angestoßen worden, sondern von dem abgedankten portugiesischen König Ferdinand, dem die spanische Krone zunächst angetragen worden war und der das Angebot unter Hinweis auf seinen Schwiegersohn Leopold abgelehnt hatte.
Wie auch immer: die französische Regierung forderten König Wilhelm I. ultimativ auf, solche Anstrengungen zu unterlassen. Leopold verzichtete darauf dankend auf die Kanditatur.

Die "diplomatische Krise" war damit aber noch nicht zuende, und zwar aus innenpolitischen Gründen: das Ultimatum hatte in der französischen Öffentlichkeit die Erwartung erweckt, der Staat Preußen werde umgehend Frankreich gegenüber Genugtuung leisten. Damit hatte sich die Regierung selbst unter Druck gesetzt und stellte die Forderung, Preußen müsse für alle Zeiten auf den spanischen Thron verzichten.
König Wilhelm war spürbar verärgert, was er Bismarck in einer telegraphischen Depesche aus seinem Kurort Bad Ems mitteilen ließ. Die Depesche enthielt aber auch den Hinweis, er habe dem französischen Gesandten seine Haltung erklärt und wolle erst einmal abwarten, was denn Leopold genau zum spanischen Thron gesagt hätte.
Bismarck gab die Emser Depesche an die Presse, allerdings in stark gekürzter Form. Den Mittelteil ließ Bismarck weg, bei ihm hieß es nun: Der König habe es abgelehnt, den französischen Botschafter zu empfangen, und er habe ihm auch nichts mehr mitzuteilen.

Fünf Tage später erklärte Frankreich den Krieg, der 1871 mit einer französischen Niederlage und der Gründung des Deutschen Reichs endete. Womit übrigens die unmittelbare Ursache für den ersten Weltkrieg und die mittelbare für den 2. schon gelegt war. Das deutsche Kaiserreich wirkt heute noch weitaus stärker in Deutschland nach, als es 12 Jahre Nazideutschland vermocht hätten - wobei eine Figur wie Hitler in einer weniger verkorksten Gesellschaft als der des Deutschen Reiches keine Chance gehabt hätte.

Selbst in Bismarcks Version taugte die "Emser Depesche" vom 12. Juli 1870, nüchtern betrachte, nicht als Kriegsgrund Wortlaut der beiden Fassungen der "Emser Depesche". Allerdings betrachtete Paris sie nicht nüchtern - und Bismark kalkulierte das ein; er hatte ein gutes Ohr für die in Paris herrschende Tonlage. Als Napoleon III. von Bismarks Pressemeldung erfuhr, riskierte er, angestachelt von der seiner hysterischen Gemahlin, und ermuntert von dem das politische Kräfteverhältnis gründlich verkennenden Außenminister Gramond, vom sich selbst überschätzenden Militär und der sich in schrillen Tönen überbietenden Pariser Presse, den Sprung ins Ungewisse.

Es ist das auch heute noch immer wieder auftauchende Problem, dass in einem Machtkampf meistens derjenige gewinnt, der das zutreffendere Bild der Lage hat. Die Politik Napoleons III. baute auf Wunschdenken, dem Wunsch nach Popularität, und vor allem Angst auf. Ein gefundenes Fressen für einen so skrupellosen und intelligenten Machtpolitiker wie Bismarck!

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