Mittwoch, 7. Juli 2010

Psychologie der sexuellen Askese - ein historisches Beispiel

Augustinus von Hippo (354 - 430) ist einer der bedeutendsten christlichen Kirchenlehrer und einer der einflussreichsten Philosophen und Theologen (das lässt sich bei Augustin nur selten trennen) der "christlich-abendländischen" Tradition. Seine Theologie beeinflusste sowohl die katholische wie die protestantisches Lehren. Zum Beispiel sind die theologischen Schriften Joseph Ratzingers (Benedikt XVI.) wesentlich von seiner Lehre durchdrungen.

Für die Geschichte des Christentums so entscheidende Begriffe wie "Erbsünde" und "Prädestination" begründete Augustin in seiner umfangreichen theologischen Schrift De civitate Dei (Der Gottesstaat).
Im 14. Buch des "Gottestaates" befasst er sich eingehend mit seinem "Lieblingsthema", der Sünde, vor allem in Hinblick auf das, was wir erst seit dem 19. Jahrhundert "Sexualität" nennen.

Adams "Sündenfall" würde den ewigen Tod, das heißt, die ewige Verdammnis (in der Hölle) aller Menschen bedeuten, hätte Gottes unverdiente Gnade nicht viele davon ausgenommen. Die Ursache der Sünde ging aus der Seele hervor, nicht aus dem Fleisch. Die ganze Menschheit für die Sünde Adams zu bestrafen, wäre gerecht, denn Gott hätte Adam nicht mit zahlreichen oder ungeheuerlichen oder schwierigen Geboten beladen, sondern ihm lediglich mit einem ganz einfachen und leichten Gebot unter die Arme gegriffen, um das Geschöpf daran zu erinnernd, dass Gott der Herr sei. Zu seinem eigenen Besten hätte der Mensch freiwillig unterwürfig sein sollen. Infolge seiner Sünde wurde der Mensch, der geistig im Fleisch hätte sein sollen, fleischlich im Geiste.

Dass wir der geschlechtlichen Lust (libido) unterworfen sind, gehört nach Augustins Ansicht zu unserer Bestrafung für Adams Sünde. Er räumt ein, dass der Geschlechtsverkehr in der Ehe keine Sünde wäre, aber nur dann, wenn er dazu dienen soll, Kinder zu zeugen. Ein tugendhafter Mensch wird aber den Wunsch haben, dabei ohne Lustempfindung auszukommen. Aber selbst in der Ehe, wo Geschlechtsverkehr erlaubt und ehrbar ist, haben wir das Verlangen, ihn ohne Zeugen zu vollziehen. Warum? Augustin meint: Weil das, was von Natur aus völlig in Ordnung ist, doch bei seinem Vollzug aus Strafe zugleich die Scham (über Adams Tat) zur Begleiterin hat.

Nach der Lehre der Kyniker - über die sich Augustin in markigen Worten empört - sollte man keine Scham über als natürlich empfundene Gegebenheiten haben. Diogenes hätte angeblich keine Scham empfunden und aus Eitelkeit den Beischlaf öffentlich vollzogen, aber die Kyniker hätten nach diesem einen Versuch davon Abstand genommen. Augustin vermutet, dass Diogenes und andere, von denen das behauptet wird, das nur vorgetäuscht hätten. Sie hätten nicht wirklich unter den Augen von Menschen die geschlechtliche Lust auszuüben vermocht. (Ich kann mir die Bemerkung nicht verkneifen: man merkt, dass es zu Augustins Zeit noch keine Pornovideos gab.)

Das Beschämende an der geschlechtlichen Lust sei, dass der Wille darauf keinen Einfluss hat. Vor dem Sündenfall hätten Adam und Eva ohne Lustempfinden miteinander verkehren können - laut Augustin taten sie das übrigens nicht. Ohne den Sündenfall würden die Menschen sich der Zeugungsglieder zur Gewinnung von Nachkommenschaft in derselben Weise bedient haben, wie der übrigen Glieder, nämlich nach dem Machtspruch des Willens.
Handwerker empfinden beim Gebrauch ihrer Hände ja auch keine Lust, und wenn uns der Gebrauch der Hände Freude bereitet, dann könnten sie wir immerhin noch willkürlich beherrschen. (Augustins gibt das beeindruckende Beispiel eines Priester namens Restitutus, der sich willkürlich in einen todesähnlichen Zustand versetzen konnte, in dem er keinen Kniff und Stich spürte und sich sogar ohne Schmerzgefühl, vom Feuer brennen lassen konnte, nur dass nachher die Wunde schmerzte.) Anders als etwa die Hände oder die Zunge hätten die Geschlechtsorgane die Lust sozusagen in Eigenrecht genommen, in einem Maße, dass sie nicht in Bewegung gesetzt werden können, wenn die Lust sich versagt und wenn sie nicht von selbst oder auf Anreiz hin sich erhebt.

Dass zum Geschlechtsverkehr Lust gehören muss, ist also eine Strafe für Adams Sünde. Ohne Sündenfall hätte das Geschlecht von der Lust getrennt werden können.

Psychologisch gesehen ist diese Begründung für sexuelle Enthaltsamkeit - denn darauf zielt Augustin ja ab - bemerkenswert. Offensichtlich ist er der Ansicht, dass zur Tugend die vollständige willkürliche Kontrolle über sich selbst gehört. Dem Ausspruch "der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach" hätte Augustin nicht zugestimmt: ein williger, moralisch denkender, Gott gehorsamer Geist hat gefälligst das Fleisch zu beherrschen! Dass das auf der sexuellen Ebene nicht funktioniert, ist ein Zeichen für Sündhaftigkeit und eine verdiente Strafe Gottes. Weil das bei allen Menschen so ist, muss wohl die ganze Menschheit Adams Sünde geerbt haben.

In seiner Autobiographie (Confessiones) ergeht er sich sieben Kapitel lang in heftigsten Selbstanklagen, weil er als Junge zusammen mit einigen gleichaltrigen Freuden Birnen vom Baum des Nachbar geklaut hätte, obwohl er nicht hungrig war und seine Eltern bessere Birnen daheim hatten. Es wäre nicht schlimm gewesen, wenn er Hunger oder keine andere Möglichkeit gehabt hätte, zu Birnen zu kommen. Deshalb ist der Birnendiebstahl ein Akt der reinen Schlechtigkeit, eine unsagbar böse Tat, eine Bosheit der Bosheit willen, inspiriert von der Liebe zum Bösen.
Was ihn nach Jahrzehnten heftig beschämt, ist offensichtlich die Erinnerung daran, nicht vernünftig, kontrolliert und im Einklang mit den moralischen Regeln gehandelt zu haben.

Aus all dem folgt, dass der Geschlechtsakt und alles, was damit zusammenhängt, mit einem vollkommen tugendhaften Leben nicht vereinbar ist. Jedenfalls wenn man wie der "Kirchenvater" denkt.

Zusatz, da ich nach meiner Meinung gefragt wurde
Augustins Einfluss auf die "abendländische Geschichte" und die heute auch bei nichtchristlichen "Abendländern" übliche sittenchristliche Mentalität halte ich für verheerend.
(Die völlig verkorkste Sexualmoral der katholischen Kirche ist meines Erachtens ohne den Einfluss Augustins genauso wenig erklärbar, wie der verklemmte Puritanismus vieler Protestanten.)

Was ihn selbst angeht: ich denke manchmal in ähnlichen Bahnen wie er. Er hatte (wie ich auch) eine Neigung zur gegen sich selbst gerichtete Aggressivität, einen Hang zur Selbstanklage und offensichtlich ständig ein schlechtes Gewissen - mit und ohne Grund.

Bei ihm mündete diese Neigung in - anders kann ich es nicht nennen - Versündigungswahn. Augustins Wahn schlug in eine ungeheuerliche Selbstgerechtigkeit um. Ich nehme an, dass er sich vom quälenden Gefühl, sich versündigt zu haben, entlastete, indem er die ganze Menschheit zu schlimmen Sündern erklärte. Mir fällt auch auf, wie selbstverständlich er davon ausging, dass sein (im Alter) extremes Schamgefühl der Normalfall sei - und das, obwohl er in seiner Jugend sehr viel weniger schamhaft war.

Da er außerdem hochintelligent war, sämtliche rhetorische Tricks der langen römischen Rednertradition beherrschte, und gute Beziehungen zu den Mächtigen seiner Zeit hatte, setzten sich seinen Furcht erregenden theologischen Doktrinen (Erbsünde, ewige Verdammnis aller ungetauften Kinder, Prädestination bei gleichzeitiger Möglichkeit, aus freiem Willen schuldig zu werden, extremer moralischer Dualismus, die Lehre vom gerechten, moralisch und theologisch gebotenen Krieg, um nur einige zu nennen) gegen weniger fanatische Auffassungen durch.

Wegen des Bildungsmonopols des katholischen Klerus bis zum hohen Mittelalter gab es in Westeuropa jahrhundertelang keine Alternative zur Theologie und Philosophie des Kirchenvaters Augustinus. Außerdem waren und sind viele seiner Positionen für politische Machthaber ausgesprochen nützlich.

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