Sonntag, 30. August 2009

Evolutionsbiologie in Deutschland - auch ein Trauerspiel

Wer hierzulande an Kreationisten denkt, denkt meisten an den "Bible Belt" der USA. Allerdings gibt es auch bei uns Kreationisten - und sie sind keineswegs einflusslos.

Der Kreationismus (eingedeutscht aus engl. creationism von creation = Schöpfung, nicht zu verwechseln mit Kretinismus, abgeleitet von frz. crétin = Idiot) hat mehrere Richtungen. Ihnen gemeinsam ist, dass sie die Evolutionstheorie des Lebens ablehnen, eine abrahamistischen Religion angehören und die Schöpfungsgeschichten des Buches Genesis als ihre Primärquelle ansehen. Dem "Schöpfungsbericht", wie sie die beiden Schöpfungsgeschichten (Gen.1 und 2,1-4 sowie Gen. 2 5-25) nennen, billigen sie den Wert einer (wissenschaftlichen) Tatsache zu. Daraus ergibt sich, dass längst nicht jeder, der an eine Schöpfung glaubt, Kreationist ist.
Seinen Ursprung hat der "moderne" Kreationismus tatsächlich im "Bible Belt" der USA, vor allem im südlichen Mittleren Westen, den Staaten Kansas, Missouri, Kentucky, Tennessee und Oklahoma, in denen gut 9/10 der Bevölkerung Baptisten, Methodisten oder Angehörige evangelikaler Freikirchen sind. Von dort aus breitete sich der Kreationismus auch auf die Angehörigen anderer Konfessionen und auf andere Regionen der USA aus. Während extreme Formen des Kreationismus, z. B. der "junge Erde Kreationismus" (dessen Anhänger glauben, die Erde sei nur rund 6000 Jahre alt) auf Fundamentalisten beschränkt sind, gibt es gemäßigtere Kreationisten (die nicht alles aus dem Buch Genesis wortwörtlich nehmen) auch unter nicht-fundamentalistischen Anhängern abrahamitischer Religion. Die wichtigste Spielart des um wissenschaftlich Plausibilität bemühten Neokreationismus ist "Intelligent Design". Neokreationisten legen Wert darauf, keine Fundamentalisten zu sein und nennen sich meistens nicht selbst Kreationisten. Gemäß dem auch als "Kreationismus light" verspotteten "Intelligent Design" (ID) soll ein "intelligenter Designer" (gemeint ist selbstverständlich Gott) die Evolution angeregt und gesteuert haben, wobei ID-Anhänger die Ansicht vertreten, dass Komplexitätskriterien zwingend beweisen oder sehr wahrscheinlich machen würden, dass das Leben auf ähnliche Weise entstanden sein muss wie vom Menschen für einen Zweck geschaffene Nutzgegenstände. Theologische Kritiker werfen dem ID vor, er reduziere Gott zum Lückenbüßer (meiner Ansicht nach zurecht), während Kritiker von naturwissenschaftlicher Seite die Wissenschaftlichkeit von I.D. bestreiten, weil sie ihre Behauptungen mit den Methoden der Wissenschaft nicht überprüft und gegebenenfalls falsifiziert werden können. (Womit sie meiner Ansicht nach voll und ganz Recht haben!)
science defenders
Wie sieht es in Deutschland aus? Wenn man dem Biologiedidaktiker Christoph Lammers folgt, trübe: Die gedankliche (Er)Schöpfung... (hpd). Achtzehn Prozent der Deutschen glauben nicht, dass es einen gemeinsamen Vorfahren von Menschen und Affen gäbe. Auch deutsche Kreationisten wollen, dass ihre Kinder auf evangelikalen Schulen unterrichtet werden, die sich vor allem an der Bibel orientieren (z. B. in der Georg Müller Schule in Bielefeld). Auch der Einfluss kreationistischer Bücher sei nicht zu vernachlässigen. Diese würden zuhauf an Schulen verschenkt, beispielsweise ein Biologiebuch von R. Junker und S. Scherer, welches an seriösen Schulbüchern orientiert sei und sich eines wissenschaftlichen Sprachduktus’ (ID) bedient. Im Vorwort der Ausgabe von 2002 hatte der heutige Thüringer Ministerpräsident Althaus ein positives Vorwort formuliert, welches allerdings bis zur nun 6. Auflage zurückgezogen wurde.
Gott oder Darwin? - Der Kreationismus auf dem Vormarsch (scinexx)
Im April 2007 brachte eine Umfrage unter Studienanfängern der Universität Dortmund erschreckendes zu Tage: 1.228 Lehramtsstudenten, darunter 148 angehenden Biologielehrer, sollten zu insgesamt 108 Aussagen pro und Kontra Evolution Stellung nehmen. Immerhin jeder achte Studienanfänger zweifelte daran, dass überhaupt eine Evolution der Arten stattgefunden hat und konnte sich nicht vorstellen, einen gemeinsamen Vorfahren mit den Schimpansen zu teilen.
Da Deutschland an und für sich nicht als Hochburg der christlichen Frömmigkeit gelten kann, und der Fundamentalismus in den großen Kirchen eher eine Randerscheinung ist, beruht der Vormarsch des ID hierzulande vermutlich eher auf einer Schwäche der Evolutionsbiologie in Deutschland als auf der Stärke der Kreationisten. Damit stellt sich die Frage:
Warum hat der "Darwinismus" in Deutschland einen so schlechten Stand?

Dittmar Graf, Professor für Didaktik der Biologie und Leiter der Dortmunder Umfrage ist der Ansicht, dass schon bei Schülern vielfach das Wissen über die Schöpfungslehre ausgeprägter als das über die Evolutionstheorie: "Wenn Schüler zum ersten Mal mit dem Thema Evolution konfrontiert werden, haben sie bereits eine Vielzahl eigener Konzepte generiert, die oft stark mit religiösen Ansichten durchdrungen sind." An den meisten Schulen wird die Evolutionstheorie erst ab der neunten, in vielen sogar erst in der elften Klasse, vorher wird die Thematik allenfalls gestreift. Mit der Folge, dass die nach der zehnten Klasse abgehenden Schüler ihre Schullaufbahn schlimmstenfalls "evolutionsfrei" beenden. Graf hofft, dass sich sich die Einstellung besonders bei den Biologie-Studenten während des Studiums noch ändert.

Womit wir bei einem weiteren Problem wären: Laut dem Aufruf der VolkswagenStiftung zum Ideenwettbewerb "Evolution heute" aus dem Jahr 2008 seien selbst viele Biologen beim Thema Evolution auf einem veralteten Wissensstand.
Ein Grund dafür könnte sein, dass es an deutschen Universitäten vergleichsweise wenige Evolutionsbiologen gibt.

Der Ruf des "Darwinismus" leidet in Deutschland immer noch sehr unter der biologistischen Ideologie der Nationalsozialisten. Ab 1933 konnte neben der biologistischen, aber biologisch nicht gestützten Rassenideologie der Nazis kaum noch seriöse Evolutionsforschung betrieben werden. Aber auch der brutale Sozialdarwinismus eines Adolf Hitlers, eines Alfred Rosenbergs oder Heinrich Himmler kam nicht aus dem Nichts: schon vor 1933 hatte die aufklärerische Haltung Darwins gegenüber den Sozialdarwinisten einen schlechten Stand. Zum Teil mag das daran liegen, dass die Evolutionstheorie im deutschen Sprachraum vor allem von Ernst Haeckel popularisiert wurde. Haeckel war ein hervorragender Biologe, er gilt als Begründer der Ökologie (auch der Begriff wurde von ihm geprägt), und erarbeitete er eine ausführliche embryologische Argumentation für die Evolutionstheorie. Allerdings vertrat er auch sozialdarwinistische Ansichten, neigte zum Rassismus, war ein Befürworter von Eugenik und "Rassehygiene" und sein Nationalismus wurde im Alter immer chauvinistischer und polemischer.
Auch wenn Haeckels Werke wohl zu "sperrig" für den ideologischen Gebrauch der Nazis waren, und es in Nazideutschland nicht zu einer einheitlichen festgelegten Einschätzung Haeckels kam, beriefen sich Nazi-"Rassehygeniker" oft auf ihn. Haeckel trieb den "naturalistischen Fehlschluss" auf die Spitze, indem er die Kulturgeschichte mit der Naturgeschichte gleichsetzte, da beide seiner Meinung nach den gleichen Naturgesetzen gehorchten. Damit dürfte er das Denken der Nazis beeinflusst haben. David Gasmann und unabhängig davon Richard Weikart sehen in Haeckel sogar einen Vordenker des Nationalsozialismus.
Wie auch immer: nicht nur Sozialwissenschaftler denken beim Wort "Darwinismus" sofort an "Sozialdarwinismus". Der für weite Teile der deutschen Gesellschaft typischen Hang zum "nachgeholten moralischen Widerstand" - je länger das nazideutsche Reich untergegangen ist, desto stärker wird es im heutigen Deutschland "bekämpft" - führt meines Erachtens dazu, dass Evolutionsbiologie und übrigens auch Genetik in Deutschland als "prolematisch" gelten.

Einen weiteren, überraschenden, Grund für die Unbeliebtheit der Evolutionsbiologie gaben in "Bild der Wissenschaft"-Beilage bdw-plus zum Thema "Evolution" gleich zwei der befragten Forscher an: Es gäbe in Deutschland so wenige Evolutionbiologen, weil es so viele Neurobiologen gäbe.
Nico Michiels, Professor für Evolutionsökologie in Tübingen, meint, das läge daran, dass die Deutschen technikbesessen seien, und entsprechend mechanistisch gedacht würde. Professor Manfred Milinski vom Max-Plank-Institut für Evolutionsbiologie in Plön, verwies auf die Dominanz der Neurophysiologie in Deutschland und deren mechanistische Sicht.
Ob Neurobiologen wirklich mechanistisch denken, sei einmal dahingestellt. Für einen angehenden Biologen, dem oder der es auf großes Prestige ankommt, ist die Neurobiologie jedenfalls attraktiv, und nicht nur, weil da die tollen High-Tech-Geräte benutzt werden, während Evolutionsbiologen der Ruf, ihre Arbeitszeit mit "Käfersammlern", "Blättervergleichen" und "Bakterienzählen" zu verbringen, anhaftet. Über einen Genforscher, der das "Schwulen-Gen" entdeckt haben will, empören sich - zurecht - große Teile der deutschen Öffentlichkeit. Nicht minder fragwürdige Ergebnisse der Neurobiologie, etwa über den Sitz soziophatischer Neigungen im Gehirn, werden nach meiner Beobachtung deutlich freundlicher aufgenommen.

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