Donnerstag, 2. März 2006

Was jeder weiß: Dresden

Ich nehme die bevorstehende Ausstrahlung der rührseligen Kriegsschmonzette des historischen TV-Films "Dresden" im ZDF zum Anlass, meine lockere Reihe "Was jeder weiß stimmt garantiert nicht" fortzusetzen.

Im Falle Dresden geht es um populäre Irrtümer bzw. Geschichtslegenden, die längst und gründlich widerlegt sind, und trotzdem nicht aus den Köpfen vieler Deutscher verschwinden. Was heißt Legenden - eigentlich sind es faustdicke Geschichtslügen, die da fortbestehen. Woran, vermute ich mal, Dokudramen mit Drall in Richtung "Selbstviktimisierung" nicht ganz unbeteiligt sind.

Nachtrag: "Selbstviktimisierung" meint in diesem Zusammenhang: das unbestrittene Opfersein der bombadierten Deutschen wird als Schuld-Schutzschild vor dem voraufgegangenen Tätersein aufgebaut. Viele "Dokudramen" und "historische Dokumentationen" über den 2. Weltkrieg räumen zwar bereitwillig eine deutsche "Schuld" ein, aber die zahlreichen toten deutschen Soldaten und Zivilisten erscheinen als "Sühneopfer" für diese "Schuld". Eugen Kogon beschrieb das schon kurz nach Kriegsende als "Schaffen von Notausgängen": Sie sollen die Flucht vor der eigenen Geschichte ermöglichen, sobald unwillkommene Fragen gestellt werden. "Wir sind durch den Bombenkrieg doch gestraft genug, warum dann immer noch die Frage nach deutscher Schuld?" Wobei der Schuldbegriff in diesem Zusammenhang besonders fragwürdig ist Schuld – die Rückkehr ins Paradies

Nun zu den drei wichtigsten, immer noch gern geglaubten, Legenden über Dresden, am 13., 14. und 15. Februar 1945. Dabei folge in im wesendlichen Martin Blumentritt, auch wenn ich seine "antideutsche" Sicht nicht teile. Dresdenlügen

1. Legende "Die Zahl der Opfer der Bombadierung Dresdens ist einzigartig und beispiellos"
Es kursieren bis heute abenteuerliche Opferzahlen. 135.000 Tote (David Irving, Nazi-Apologet), 300.000 (Hans Loch, DDR-Politiker) oder gar 350.000 bis 400.000 (Axel Rodenberg). Sie suggerieren ein welthistorisch einmaliges Massaker. Auch die vergleichsweise zurückhaltenden Zahlen von 35.000 Toten (DDR-Geschichtsbücher) oder 30.000 Toten (mein altes Schulgeschichtsbuch, BRD) sind zu hoch. Die tatsächliche Opferzahl dürfte etwa bei 25.000 Toten liegen:
In der "Schlußmeldung über die vier Luftangriffe auf den LS-Ort Dresden am 13., 14. und 15. Februar 1945 des Höheren SS- und Polizeiführers Elbe" heißt es unter Punkt E:
Personenschäden.
Bis 10.3.1945 festgestellt: 18.375 Gefallene, 2.212 Schwerverwundete, 13.718 Leichtverwundete... Die Gesamtzahl der Gefallenen einschl. Ausländer wird auf Grund der bisherigen Erfahrungen und Feststellungen bei der Bergung nunmehr auf etwa 25.000 geschätzt.
Im Dezember 1993 wurden vom Stadtarchiv Dresden bisher unerschlossene Akten aufgefunden, die diese Angaben bestätigen. Es handelt sich hierbei um die Bestattungslisten der städtischen Friedhöfe. Demnach wurden auf den beiden Hauptfriedhöfen bis zum 12.Juli 1945 insgesamt 21.271 Leichen registriert. Selbst wenn man ca. 2.000 bis 3.000 "wilde" Bestattungen oder Bestattungen auf kleineren Friedhöfen im Umland hinzurechnet, bestätigen diese Angaben die Zahl von ca. 25.000 Bombentoten. Eine hohe, aber für den Bombenkrieg beinahe "normale" Opferzahl, auch z. B. bei den Bombenangriffen auf Hamburg kamen so viele Menschen um. (Man vergleiche das nur mit den 700.000 Toten im belagerten Leningrad. Wobei anzumerken wäre, dass zur Sowjetzeiten eher zu geringe Opferzahlen auf Seiten der Sowjetbürger angegeben wurden.) Es gab in Dresden auch deshalb viele Tote, weil zahlreiche Flüchtlinge und Kriegsgefangene im Stadtgebiet untergebracht waren - eine im Rückblick unverantwortliche Entscheidung der wohl noch an der Illusion vom "Luftschutzkeller des Reiches" festhaltenden deutschen Führung.
Dresden war auch nicht ungewöhnlich stark zerstört: mit 60 Prozent zerstörten Wohnungen nahm Dresden den 22. Platz unter den deutschen Städten ein. Selbst die auf Dresden abgeworfene Bombenlast von 7.000 Tonnen ist geradezu lächerlich verglichen mit Köln (44.700 Tonnen) oder Essen (37.900).
Die einzige Besonderheit "Dresdens" ist, dass die
Stadt erst in den letzten Kriegsmonaten zum Ziel der alliierten Angriffe geworden war. Zuvor waren Flächenbombardements im Südosten Deutschland aufgrund der strategischen Lage und aus technischen Gründen noch nicht möglich gewesen.

2. Legende: "Der Angriff war militärisch sinnlos, mithin reiner Terror gegen die Zivilbevölkerung"
Die Bombardierung Dresdens war ein Schock, der im Gegensatz zu früheren Bombenangriffen die "Heimatfront" wirklich demoralisierte.
Götz Bergander schrieb im Standardwerk "Dresden im Luftkrieg":
Zwar glaubten die meisten Deutschen nicht mehr an den Sieg, aber sie konnten sich trotzdem die bedingungslose Kapitulation nicht vorstellen. Der Schock von Dresden trug wesentlich zu einer Sinneswandlung bei. Sie äußerte sich damals in den Worten: Besser ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende. Der Schrecken ohne Ende - das war für die meisten Deutschen der Bombenkrieg.
Die Taktik des Flächenbombardements war auch auf allierter Seite nicht unumstritten, siehe z. B. die Autobiographie des damals für das britische Bomberkommando arbeitenden Physikers Freeman Dyson, dem zufolge die Allierten den Bombenkrieg praktisch verloren hätten. Die Opferzahlen - auch unter den Bomberbesatzungen - standen in keinem Verhältnis zum mageren strategischen Ergebnis - denn die kriegswichtige Produktion war entweder "ausgelagert" oder wurde - wie die Kugellagerfabriken in Schweinfurt - so hart verteidigt, dass die Angriffe für die Bomberbesatzungen ein Himmelfahrtkommando waren.
Jedoch gezielte und das taktische Moment der Überraschung ausnutzende Angriffe fügten der deutschen Kriegswirtschaft empfindliche Schäden zu: 1943 wurde die V-Waffenproduktion durch einen Angriff auf Peenemünde erheblich verzögert, 1944 kam die deutsche Benzin- und Flugbenzinproduktion nach den Angriffen auf die Hydrierwerke und Raffinierien bei Leipzig praktisch zum erliegen - womit auch der deutschen Luftverteidigung der "Sprit" ausgingt. In der Folge konnte das Verkehrsnetz systematisch zerbombt werden.
In Dresden kam die oft - auch von Dyson - bestrittene psychologische Wirkung des "Moral Bombing" voll zum Tragen, vielleicht, weil die Alternative "Ergibt Dich oder Stirb!" den meisten Deutschen bei früheren Angriffen noch nicht klar war.

Davon absehen war Dresden durchaus ein militärisch bedeutendes Ziel. Der britische Militärhistoriker Joseph W. Angell geht davon aus, dass der Bombenangriff auf Dresden als direkte Unterstützung für die heranrückende Rote Armee gedacht war. Zur gleichen Zeit, schreibt er, habe Marschall Konjew mit seinen Armeen ungefähr 110 Kilometer ostwärts der Stadt gestanden, in einer für deutsche Gegenangriffe höchst verwundbaren vorgeschobenen Position - vorausgesetzt, die Deutschen könnten Verstärkung durch Dresden bringen; dies sollten die Bombardements verhindern. Ob dieses Ziel vorrangig angestrebt wurde, ist innerhalb der Fachliteratur umstritten - dagegen spricht, dass der Rangierbahnhof nicht dauerhaft zerstört wurde. Immerhin: etwas dringend benötigte "Luft" wird "Dresden" den sich unter horrenden Verlusten vorkämpfenden Soldaten Konjews verschafft haben. Vielleich zwei- oder drei Wochen weniger bis zur Kapitulation der "Reichshauptstadt" Berlin.
Da aber sich ein großer Teil der noch intakten Rüstungsproduktion im "sicheren" Dresden befand, wurden "enorme Auswirkungen auf die Rüstungsproduktion" (Stadtarchivar Friedrich Reichert) erzielt. Im größten Rüstungsbetrieb, der Firma Zeiß Ikon, waren vor dem Angriff 10.837 Arbeiter tätig, danach nur noch etwa ein Viertel(2.508). Zeiß Ikon stellte vor allem das bei allierten Soldaten als "Hitlersense" gefürchtete, im Häuserkampf und aus Hinterhalten heraus besonders "wirksame" Sturmgewehr MP 43 her. Ohne Gewehre kein "Volkssturm bis zum letzten Mann" ...

Nicht zuletzt werden die allierten Bomberpiloten angesichts der bis zum März 1945 anhaltenden, strategisch sinnlosen "V-Waffen"-Angriffe auf London und Antwerpen wenig Anlaß gesehen haben, "kurz vor Schluß" den "Bombenterror" aufzugeben.

3. Legende: "Die Zerstörung Dresdens ist ein bewußtes Kalkül der Westalliierten gewesen, um den Vormarsch der Roten Armee zu behindern und die künftige sowjetische Besatzungszone zu schwächen."

Unschwer ist diese Behauptung als östliche Propaganda aus dem "Kalten Krieg" erkennbar, dennoch wird sie nicht nur von alten SED-Kadern, sondern auch von jungen "antiimperialistischen" Linken gern nachgebetet.

Noch 1969 hieß im "Neuen Deutschland":
An diesem Tag gedenken die Dresdner der vielen unschuldigen Opfer, die sterben mußten, weil einige Politiker und Generale die untaugliche Idee hatten, den Vormarsch des Sozialismus mit Bomben und Tränen aufzuhalten.
Dem steht die unübersehbare Tatsache gegenüber, dass das Gebiet von Deutschland, das schließlich von den Westalliiierten besetzt werden sollte, insgesamt weitaus länger und schwerer angegriffen worden als das Gebiet der späteren sowjetischen Besatzungszone. Eine "antisowjetische" Stoßrichtung der Angriffe auf Köln, Essen oder Hamburg ist schwer vorstellbar. (Außer vielleicht für jene Stalin-Fans, die glauben, die ruhmreiche Rote Armee hätte ganz Europa "befreien" können, hätten sich die perfiden Westmächte nicht quergestellt.)
Dass die Bombadierung Dresdens die vordringenden Roten Armee entlastete, wurde schon erwähnt. Der Angriff auf Dresden wurde der sowjetischen Führung durch die US-Militärmission in Moskau vorab mitgeteilt, es gab keine Einwände.
Erst nach 1948 schwenkte die Darstellung der Bombadierung Dresdens in den "östlichen" Medien in anti-amerikanische / anti-britische Richtung um. 1952 griff DDR-Volkskammerpräsident Dieckmann sogar auf Goebbels Wortprägung von "anglo-amerikanischen Luftgangstern" zurück. In den folgenden Jahren klang die anti-amerikanische und anti-britische Demogogie ab, bis in den 80er Jahre allgemein gehaltene Friedensappelle, in denen allenfalls vor "dem Imperialismus" (natürlich nur dem auf westlicher Seite) gewarnt wurde, die Dresden-Gedenkfeiern dominierte.

Dafür machten sich Teile der "westlichen" "Antiimperialisten", auch solche, die nichts von "real existierenden Sozialismus" hielten, einstige Ostblock-Propaganda zu Eigen - und näherten sich in ihrem Amerikahass unbeabsichtigt immer mehr traditionell "rechten" Positionen an. Dabei blieb es - bis heute.

Angenehme Überraschung auf der ZDF-Website: Bomben auf Dresden - Eine Chronik der Ereignisse

Keine Überraschung, aber trotzdem unangenehm, ist, was der Drehbuchautor Stefan Kolditz auf der ZDF-Website von sich gibt: Die Bombe demokratisiert das Sterben

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