Donnerstag, 8. Mai 2008

Albanische Horrorshow

Zugegeben, die - zeitweilig von deutschen Politikern als "Befreiungsbewegung" hofierte - UÇK war mir nie sonderlich sympathisch. Allzu sehr verschwimmt bei ihr die Grenze zwischen politischer und krimineller Sphäre - dass die Hälfte der UÇK-Gelder aus Drogenhandel stammen könnte, halte ich für zumindest nicht ausgeschlossen.

Da passt dieser Artikel auf "telepolis" gut ins unvorteilhafte Image: Es steht ein Haus in Albanien.
Human Rights Watch fordert die Untersuchung von Entführungsfällen. Die Menschenrechtsorganisation sieht den Verdacht erhärtet, dass die UCK Handel mit Organen von Verschleppten betrieb.
Die Geschichte, dass nach dem Einmarsch der NATO 100 bis 300 Menschen aus dem Kosovo nach Albanien verschleppt wurden, halte ich für einigermaßen plausibel. Ihren besonderen "Thrill" bekommt die Story allerdings durch die Behauptung:
Die jüngeren und gesünderen Opfer seien aussortiert und in die Nähe der albanischen Kleinstadt Burrel gebracht worden. Dort seien ihnen Organe entnommen worden, die anschließend ins Ausland geflogen wurden. Laut Del Ponte wurden die Ermittler in einem "gelben Haus" fündig: Mittels eines chemischen Sprays konnten an den Wänden und am Boden gewaltige Blutflecke als Beweismittel sichergestellt werden. Zusätzlich habe man in der Nähe des Hauses Gerätschaften und Utensilien gefunden, die für Operationen gebraucht werden, u.a. Spritzen, Verbandsmull, Infusionsbeutel und Ampullen für Muskelentspannungsmittel.
Ein ungeheuerlicher Verdacht. Allerdings macht mich die Aussage, mittels eines "chemischen Sprays" konnten "gewaltige Blutflecken" als Beweismittel gesichert werden, stutzig.
Sicherlich gibt es einen Schwarzmarkt für Transplantationsorgane. Die meisten in Indien verpflanzten Nieren stammen von Lebenden, die nicht selten aus Armut zu "Spendern" wurden. Da liegt der gedankliche Sprung von "ethisch fragwürdigen" zu "verbrecherischen" Methoden nahe - wenn nur die Profite hoch genug sind.
Allerdings ist die fachgerechte Extraktion eines inneren Organs eine komplizierte Sache, auch wenn der "Spender" nicht überleben braucht. Das Organ muss fachgerecht entnommen werden, sonst ist es für Transplantationszwecke unbrauchbar. Zum Beispiel muss unter völlig sterilen Bedingungen gearbeitet werden.
Da passen "größere Blutflecke" ("gewaltig" steht nicht im Bericht auf der HPW-Website) einfach nicht ins Bild. Es passt auch nicht ins Bild, wenn ein einfacher Schnelltest mit einem "chemischen Spray" (Luminol) als "Beweis" herhalten soll. Dass die Dinge bei Blutflecken nicht so einfach sind, dürfte dank Krimiserien wie C.S.I. selbst blutigen Laien klar sein. So ist es ohne serologische Untersuchung praktisch unmöglich, zwischen menschlichem Blut und dem z. B. eines schwarz geschlachteten Schweines zu unterscheiden. Selbst wenn das Blut von Menschen stammen sollte, ist ein "simpler" Mord weitaus wahrscheinlicher als eine noch so hastig ausgeführte operative Organentnahme.
Was die "Operationsutensilien" angeht - Spritzen, Verbandsmull, Infusionsbeutel und Ampullen für Muskelentspannungsmittel finden sich in jedem Rettungswagen, in jeder Apotheke und in den meisten Arztpraxen. Da die UÇK-Kämpfer damals noch jederzeit mit bewaffneten Auseinandersetzungen rechnen mussten, ist es mehr als nur plausibel, wenn sie ordentliches Sanitätsmaterial in Bereitschaft hatten. Nebenbei würden große Blutflecken an den Wänden und am Boden, wenn man schon einmal davon ausgeht, dass das Material auch benutzt wurde, besser zur Notversorgung schwer verletzter Kämpfer als zu einer Organentnahme passen. Außerdem mag die Frage erlaubt sein, wozu ein "ausgeschlachteter" Leichnam noch Verbandsmull braucht.

Ich traue der UÇK Einiges zu, und zwar wenig Gutes. Allerdings halte ich die "Organräuber-Story", wenn nicht erheblich bessere Indizien auftauchen, bis auf Weiteres für eine Horrorgeschichte aus den Balkankriegen.

Sonntag, 4. Mai 2008

"Runen sind BÖSE!" - Sind Runen böse?

Bekanntlich haben Nazis (Original- und Neo-) und "Deutsch-Völkische" ein Faible für Runen.
rune-08-02
"Tiwaz"-Rune an einem Wohnhaus aus den 1930er Jahren.

Daraus ergeben sich für alle, die Runen (z. B. künstlerisch) öffentlich verwenden, (zumindest in Deutschland) einige Probleme. Damit meine ich jetzt nicht Runen und runenähnliche Symbole, die wegen ihrer Verwendung als Symbole verbotener Organisationen ebenfalls verboten sind (z. B. die "SS-Runen").
Der Legende nach wurde alles was König Midas berührte zu Gold. Leider keine Legende ist der Fluch des "Braunen König Midas". Was die Nazis und ihre allzu zahlreichen (un)geistigen Erben anrührten, wurde zu ekelhafter brauner Scheiße, die kein aufrechter Demokrat aufgreifen - und schon gar nicht in den Mund nehmen! - wird. Allerdings ist unter den Gegner der Nazis und ihrer gefährlichen Erben höchst umstritten, was denn nun von Anfang an braune Scheiße war, was durch die Berührung der Nazis unrettbar zu brauner Scheiße geworden ist, und was vielleicht nur beschmutzt wurde, aber durch Reinigung wieder gut, harmlos und nützlich werden kann. In den Augen vieler gutmeinender, von brauner Scheiße zurecht angeekelter, Deutscher ist alles, was mit den Germanen und vieles, was mit den Kelten zu tun hat, unrettbar verseucht. Runen zum Beispiel. Allenfalls Fachwissenschaftler dürfen sich, sozusagen im Hochsicherheits-Labor, damit beschäftigen. Es sind bei weitem nicht nur betriebsblinde Antifas, die so denken. Verbotene und suspekte heidnische Symbole.

Natürlich sind Runen keine Erfindung der Nazis - was sie wirklich sind, steht u. A. beim Runenprojekt der Uni Kiel - etwas auch in der Wikipedia.
Tatsächlich bedeutet das, dass man bei jeder Verwendung von Runen differenzieren muss, wer diese Schriftzeichen warum in welchem Kontextverwendet. Ich schrieb neulich, dass ich ich Anregungen der Art, man möge, im Zuge der "Null-Toleranz" und einer Politik der Nadelstiche, einige von Nazis und Neonazis verwendete Runen "verbieten" (auf welcher Grundlage?) für abwegig und sinnlos halte - aber anderseits das Unbehagen gegenüber vorgeblich "naiver" Verwendung von Runen, bei der ein NS-nostalgischer oder "völkischer" Hintergrund zumindest nahe liegt, teile.

Nun schriebt Burkhard Schröder für die "taz" einen Kommentar zur Modemarke "Thor Steinar", der am 3. Mai 2008 unter der Überschrift “Blümchenshorts des Bösen” erschien. Da das ursprüngliche Manuskript verschlimmbessert und ein wenig “entschärft” wurde, verlinke ich das Original: "Kauft nicht bei Kopelke!".
Zugegeben: Diejenigen, die sich an den Kampagnen gegen Thor Steinar beteiligen, meinen es gut. Das ist aber keine Ausrede: Die Zeugen Jehovas meinen es auch gut. In Wahrheit schlummert hinter der Attitude, eine clevere und politisch zynische Geschäftsidee mit Mitteln des Strafrechts oder gar mit Gewalt bekämpfen zu wollen, der typisch deutsche Obrigkeitsstaat, den auch die Linken und Lichterkettenträger allzugern immer wieder herbeiwünschen: Der Staat muss doch gegen das Böse, hier: Thor Steinar, hart durchgreifen?! Melde gehorsamst: Nazi-Kleidung und gefährliche ultrabraune Symbole entdeckt! Bitte Verbot durchführen!
Da kann ich Burks nur beipflichten. Auch wenn ich Einiges ein klein wenig anders sehe als er - z. B. hat meines Wissens "Mediatex" Verbindungen zur "braunen Szene", so dass jeder, der die (nicht ganz billigen) Thor Steinar-Klamotten kauft, gewollt oder ungewollt rechtsextreme Strukturen mitfinanziert. (Die Wirkung von Symbolen wäre ein Thema für sich.)

Nun ist es leider so: wenn Runen und andere von unseren "braunen Freunden" geschätzte, aber nicht erfundene Dinge, vom Thorshammer bis zu Wagner-Oper, um ein "Zeichen zu setzen", "Nadelstiche anzubringen", "im Zuge der Null-Toleranz" oder "um Missverständnisse durch Ausländer auszuschließen" geächtet werden, dann überlässt man diese Dingen genau jenen, die sie missbrauchen.
Bei Dingen, die direkt der Nazi-Ideologie oder ihren Vorläufern entsprangen liegt der Fall allerdings anders. Das gilt sogar für ein "Runenalphabet", das "Armanen-Furthark".

Der Ausweg liegt darin, erst einmal die deutsche Neigung zur symbolischen Ersatzhandlungen zu vergessen - und bestimmte oberflächliche Formen der "Political Correctness" gleich dazu. Also z. B. Runen in einem Kontext zu verwenden, wo klar ist: hier hinterlassen keine Neonazis oder "Völkische" ihre Duftmarken.

Die zur Zeit meist verwendete "echte" Rune ist übrigens eine "Binderune" aus Hagalas (in der Sternform des jüngeren Futhark, Lautwert "H") und "Berkano" (Lautwert) "B" - die Initialen Harald Blåtands als Symbol für "Bluetooth". Niemand (außer vielleicht einigen Verschwörungstheoretikern der besonders abgedrehten Sorte) vermutet deshalb, dass Sony-Ericson ein rechtsextrem unterwandertes Unternehmen wäre.
Es ist auch nicht so, dass jeder Laden für z. B. Mode, der Runen verwendet, von "irgendwie rechten" Leuten betrieben würde - hier ein Beispiel für einen garantiert nicht "braunstichigen" Online-Shop dieser Art: Trollmode.

Man kann den Spieß spaßeshalber auch umdrehen:
Runenpulli
(Die Runen auf dem Pulli bedeuten: ""NAZIS VERPISST EUCH", wobei ich als kleinen orthographischen Kompromiss statt des im älteren Futhark nicht vorhandenen "Vs" ein "Fehu" verwendet habe.)

Aber bitte nicht vergessen: Die Runen können zwar nichts durch ihre Verwendung durch Nazis, aber es wäre fatal, zu vergessen, dass Runen auch "beliebte" Nazi-Symbole sind!

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Freitag, 2. Mai 2008

"Die Aggression und nackte Gewalt ging von rechter Seite aus" - Nachlese zur Demo

"Die Aggression und nackte Gewalt ging von rechter Seite aus",
sagte Polizei-Einsatzleiter Peter Born am Freitag vor Journalisten.
Hamburg: Schuldsuche Schuldsuche nach den Mai-Krawallen - Viele Verletzte, viele Festnahmen und viele Fragen Wobei: die Suche nach "Schuldigen" - abgesehen von den Neonazis, ohne die der Krawall nie stattgefunden hätte - ist keine gute Idee, jedenfalls nicht, solange es dringendere Probleme gibt.

Interessanter ist schon die Suche nach den Ursachen. Und die liegen m. E. ziemlich deutlich zu Tage:
Dass die Nazis brutal und auf Krawall aus sind, war bekannt. Neu waren der sogenannte autonomen nationalistischen Block - man kann auch sagen: organisierte Schlägertrupps, die hauptsächlich in den neuen Bundesländern regelrecht rekrutiert wurden. Sie machte zwar "nur" 200 der rund 1.500 in Hamburg versammelten Rechtsextremisten aus, rissen aber sicherlich viele "Nazi-Deppen" durch ihr Beispiel mit.
Zur Eskalation beigetragen haben leider auch "Randalekids", nach eigenem Verständnis auf Seiten der Gegendemonstranten, und jene "Testosteronbolzen" (distelfliege) die "revolutionäre" Gewalt romantisieren bzw. Selbstbestätigung im Kampf suchen. Diese dürfen auf keine Fall mit den (überwiegend schon ein paar Jahre älteren) "klassischen Autonomen" verwechselt werden, die zwar vor der gewaltsamen Auseinandersetzung nicht zurückschrecken, aber erst denken und dann zuschlagen. Im Grund spielten die Randalekids den Nazi-Schlägern in die Hände bzw. Fäuste. Allerdings: ohne die Nazidemo wäre auch die Randale der Randale-Kids nicht eskaliert. Die Blockade der Bahnstrecke kann z. B. auch als verzweifelte Abwehrmaßnahme gesehen werden.

Die Planung der Gegendemonstration war gut, und gegen einen "herkömmlichen" Naziaufmarsch wäre die Taktik, öffentliche Räume buchstäblich zu "besetzen" auch aufgegangen. Die Kritik an der OLG-Entscheidung ist m. E. überzogen - und nach der ursprünglichen Planung hätten Schlägertrupps unter Umständen in Barmbek-Nord (einem dicht bewohnten Stadtteil mit hohem Einwanderanteil, der allerdings kein "verarmtes Ghetto" ist) freie Bahn gehabt.

Bemerkenswert erscheint mir, dass in der Nähe vom Barmbeker Bahnhof (einem wichtigen Verkehrsknotenpunkt) schon lange vor der Nazi-Demo und der Gegenveranstaltung mehr als 100 Nazis sich mit eine etwa gleich großen Gruppe teils linker Autonomer, teils wohl auch kampfgeiler Randalekids heftig prügelten. "Wenn sich die Polizei nicht dazwischengeworfen hätte, dann hätte es Tote gegeben", sagte Einsatzleiter Born, und damit hat er wohl leider recht. (Auch wenn die Polizeitaktik nach Angaben von Leuten, die näher dran waren als ich, nicht ganz "ohne" war. Die typischen Gummiknüppel-Kopfplatzwunden haben sich verletzte Demonstranten kaum selbst zugefügt.) Subjektiv mag es ja ehrenwert sein, den Nazis eine Tracht Prügel verpassen zu wollen, aber: klug handeln geht anders. Und ich fürchte, die Toten hätte es nicht auf Seiten der Nazis gegeben.
Eigentlich hätten schon dann die Nazi-Kundgebung mit dem Hinweis auf die nicht zu gewährleistende öffentliche Sicherheit abgesagt werden müssen.

Obwohl ich schon ein paar "heftige" Demos mitgemacht habe, habe ich so etwas noch nicht erlebt - brennende Autos schon, aber regelrechte brennende Barrikaden noch nicht. Sinnlose Aktionen, wie das Anzünden des Reifenlagers (damit im Hintergrund auch was brennt, wie man es aus Action-Filmen kennt?) oder das Anzünden von Autos "aus Verdacht" (wenn das einzige Indiz, es mit einem Nazi-Auto zu tun zu haben, eine Autonummer mit "1488" ist, dann sind "Fehlgriffe" unvermeidlich) zeugen eher von Hysterie und purer Lust auf Gewalt, als von politischem Bewusstsein.

Auch, dass große Helikopter zusätzliche Polizeihundertschaften z. B. aus Berlin einflogen und dass die Feuerwehr, um nicht selbst in Gefahr zu geraten, nicht zum Löschen durchkam (und sogar von Nazis direkt angegriffen wurde!) habe ich noch nicht erlebt.

Was mich selbst angeht: ich war nicht "mittendrin", sondern "nur dabei" und wollte eigentlich nur an einer friedlichen Gegendemo teilnehmen. In unmittelbarer Gefahr befand ich mich nicht. Trotzdem war ich froh, als ich weg war.

Zur Berichterstattung in den Medien: mir ist aufgefallen, dass bei im großen und ganzen friedlichen Demos gern von "Randale" berichtet wird, sprich dramatisiert wird. (Den einsamen Spitzenplatz erreichte in dieser Beziehung das "Bocholt-Borkener Volksblatt", das nach einer völlig friedlichen Anti-Nazi-Demo titelte: "Nach der Demo die Randale" - wobei grade mal ein Ei geflogen war.)

Dieser Dramatisierung steht im Falle der Straßenschlachten am 1. Mai eine gewisse Zurückhaltung bzw. ein in vielen Medien sichtbares Bestreben, die Sache niedrig zu hängen, gegenüber.

Sehr gut, wie immer, wenn es um Nazideppen geht - Pantoffelpunk: Randalekiddies.
Besonders schön - Peltos Kommentar:
Ach, hin oder her, das war schon ein schöner Tag. Die ganzen Poster in den Barmbeker Fenstern! Die sich über die Nazispacken empörenden Kleingärtner! 10.000 gegen 700, na, wenn die Blizbirnen immer noch glauben, das Volk zu sein: Nazis - mehr Haare als Verstand.
Ich fand zwar, der Tag hätte schön sein können - aber Pelto hat recht: die Unterstützung der Barmbeker gegen den Nazi-Aufmarsch war schon erfrischend. (Mehr als 700 Nazideppen waren es dann leider doch.)

Nachtrag: Darauf, dass die Krawalle wenig mit den Autonomen, aber sehr viel mit Randalekids und Krawallniks mit Testosteronüberschuss zu tun hat, deutet auch dieser Bericht in der taz hin: 1. Mai-Krawalle in Hamburg
Auch die nächtliche Randale im Szenestadtteil Schanzenviertel im Verlauf eines Antifa-Konzerts im autonomen Stadtteilzentrum Rote Flora unter dem Motto "Erst die Arbeit, dann das Vergnügen" hatte nichts mit autonomer Politik zu tun. Bei Auseinandersetzungen mit der Polizei flogen Steine auf die Einsatzkräfte, und bei einem anschließenden Katz-und-Maus-Spiel mit der Polizei gingen 20 Müllcontainer und zwei Autos in Flammen auf. "Die Leute von der Roten Flora haben noch versucht, beruhigend einzuwirken", so Einsatzleiter Born. "Das Konzert war auch völlig friedlich." Ein Rotflorist bestätigt: "Wir hatten auf den Scheiß keinen Bock."
Noch ein Nachtrag: Burkhard Schröder Betrachtungen (wie immer lesenswert) auf telepolis: Die Lehre aus den Krawallen in Hamburg.
Ein Absatz gibt mir zu Denken:
Der voyeuristische Unterhaltungswert aber für Leute, die Gewalt und Straßenkampf nur aus Filmen kennen, ist hoch, weil die Authentizität mehr interessiert als die Medienberichte, deren Bilder und Filmsequenzen nur das wiederholen, was ohnehin schon oft und genau so vorgekommen ist. "Die schlimmsten Krawalle seit 30 Jahren": Wer dabei war, kann und will etwas davon erzählen.
Was die Teilnehmer der Gegendemo angeht, hatte ich nicht den Eindruck, dass unter uns viele darauf scharf waren, Straßenschlachten und brennende Autos "live" zu sehen. Was die "Randalekids" angeht, hat Burks wohl Recht. Endlich mit den alten Knackern, die so von Brokdorf ´77 oder Hafenstraße ´82 so erzählen, wie Opa von der Ardennen-Offensive, gleichziehen! Und was werden die Kumpels in Buxtehude, Wismar oder Güterloh staunen!
Straßenkampf als Adoleszenzritual und Abenteuerurlaub. Distel, Du hast ja so recht!
Und Burks hat wohl auch recht, wenn er meint: Die Krawalle sind jedoch langfristig politisch bedeutungslos.

Donnerstag, 1. Mai 2008

Gedanken über Magie (1)

"Magie ist die Kunst, die Sinnenwelt willkürlich zu gebrauchen." Novalis

"Magie ist die Wissenschaft und Kunst, das Bewusstsein willkürlich zu Verändern."Dion Fortune

Gestern war Walpurgisnacht - oder Beltaine, wie dieses "Hexenfest" bei Neuheiden unter Rückgriff aufs Keltische genannt wird. Anlass für mich, einige meiner Gedanken zu Magie und Zauberei (das sind ähnliche, aber nicht ganz deckungsgleiche Begriffe) kund zu tun.

Vorweg muss ich eins klarstellen: weder Magie noch Zauberei - so wie ich diese Begriffe verstehe - haben auch nur das Geringste mit "Übernatürlichem" Geschehen, mit "Wundern", die zeitweilig die Naturgesetze außer Kraft setzen, oder mit "unerklärbaren Fähigkeiten, die nur Eingeweihten zukommen" zu tun. Womit geschätzte 95 % der "Esoterik"-Literatur und geschätzte 80 % der "PSI"-Literatur vom Tisch bzw. Regal wären. Und ca. 9 von 10 Fernsehsendungen und Internet-Seiten zu diesem Thema.

Wer eine "Einführung in die Magie" erwartet, den muss ich ebenfalls enttäuschen. Ich empfehle zu diesem Thema einen schon älteren Text von Jens Scholz, der glücklicherweise nicht in den Weiten des Webs verschollen gegangen ist: "Einführung in die Magie". Einer der wenige Internet-Texte über Magie, die mit Sinn für Ironie und einer gehörigen Portion Skepsis gelesen sein wollen. (Man sollte jeden Text über Magie mit Sinn für Ironie und einer gehörigen Portion Skepsis lesen - auch diesen hier!) Sehr empfehlenswert, obwohl ich in einigen Details anderer Ansicht bin als Jens, und ich vermute, dass er manches heute anders oder gar nicht schreiben würde.

Ich beginne meine Überlegungen mit dem Thema "schwarzmagische Angriffe" und einem Blick nach Indien. Während hierzulande Menschen, die behaupten, "magische" (im Sinne von "übernatürliche") Fähigkeiten oder "PSI"-Kräfte zu haben, sich z. B. damit begnügen, Löffel zu verbiegen und dazu Geschichten zu erzählen, bei denen sich die Balken biegen, sind die Behauptungen der Kollegen im an "Wunder" und "Wundertäter" gewöhnten Indien von ganz anderem Kaliber. Es gibt Tantriker, die behaupten, auf magische Weise töten zu können.
Tantra ist bei uns im "Westen" eher im Zusammenhang mit Sexualpraktiken bekannt. Dennoch töten Tantiker nicht etwa dadurch, dass sie ihr Opfer mit viel Ausdauern in den Herztod durch sexuelle Überanstrengung treiben. Auch sollte man die indischen Tantriker nicht mit ihren esobärmlichen europäischen Gegenstücken verwechseln - die hiesigen Traurigen Tantriker sind schlimstenfalls tödlich langweilig.
Nein, ich meine indische Tanktriker vom Format eines Pandit Surinder Sharma. Sharma behauptet, im Auftrag hochrangiger Politiker zu stehen und für sie zu zaubern - unter anderem als "magischer Auftragskiller". Nach eigenen Angaben ist er in der Lage, jeden beliebigen Menschen innerhalb von drei Minuten durch Gedankenkraft töten zu können.
Sanal Edamaruku, Präsident von Rationalist International, war da skeptisch und forderte am 3. März dieses Jahres auf India TV den vorgeblich mächtigsten Tantriker des Landes heraus, seine Kräfte zu beweisen:

Hier einige Ausschnitte aus der über zweistündigen Live-Sendung. (Schon an dieser Dauer ist zu erkennen: Das mit den "drei Minuten" war wohl nichts!) Immerhin haben die vergeblichen Bemühungen des Schwarzmagiers einen großen Unterhaltungswert:
Sanal Edamaruku Challenges Tantra Part 1
Sanal Edamaruku Challenges Tantra Part 2

Sanal Edamaruku überlebte, obwohl der Tantriker sogar unfaire Mitteln (körperliche Angriffe) anwendete. Er wirkte sogar sehr amüsiert. Der Moderator brach das Experiment schließlich ab und erklärte den Tantriker zum Verlierer. Noch in selben Nacht gewährte Sanal dem Schwarzmagier eine Revanche beim "Tantra der absoluten Zerstörung".
Sanal Edamaruku Challenges Tantra Part 3.
Im Grunde unnötig zu erwähnen: Pandit Surinder Sharmas schwarzmagisches Killer-Ritual - das aus der Bollywood-Version eines Voodoo-Gruselfilms stammen könnte - bleibt abermals erfolglos.

Ein ausführlicher Bericht bei "Rationalist International": Bulletin Nr. 171 (10. März 2008) - Die Große Tantra-Herausforderung.
(Gefunden über hpd bzw. GWUP: Skeptiker vs Magier: Tod durch Tantra?)

Nun gingen die vollmundigen Behauptungen Pandit Surinder Sharmas nicht allein auf seinen Größenwahn zurück. Uma Bharati (ehemalige Ministerpräsidentin des indischen Staates Madhya Pradesh) beschuldigte ihre politischen Gegner in einer öffentlichen Erklärung, ihr mittels Tantra Schaden zugefügt zu haben. Tatsächlich hatte die unglückliche Frau innerhalb weniger Tage ihren Lieblingsonkel verloren, sich an ihrer Autotüre den Kopf gestoßen und ihre Beine mit Wunden und Pusteln bedeckt gefunden.

Wie kann ein Killer-Tantriker erfolgreich sein, auch wenn sein Hokospokus einer experimentellen Prüfung nicht standhält? Es gibt keinen Grund, herablassend über die "abergläubischen Inder" zu lachen, denn die grundlegende Mechanismen funktionieren auch bei uns.
Es geht hierbei nicht um Magie (und schon gar nicht um irgendwelche "übernatürlichen Kräfte") als vielmehr um psychologische Tricks. Jens Scholz erklärt es so:
Nun gibt es aber auch noch ganz andere "magische Angriffe": Du findest einen toten Frosch unter deiner Fußmatte oder eine Rune auf dem rechten Hinterrad. Oder jemand ruft an und raunt ein "der Teufel wird dich morgen holen!" in den Hörer. Oder du weißt, wer dich zu seinem Opfer erkoren hat und der macht jedes mal so komische Handbewegungen, wenn er dich sieht und geht dann böse grinsend davon.

Das ist dann wirklich etwas, wogegen du dich wehren musst. Allerdings geht es hier nicht um Magie, sondern um psychologische Kriegsführung. Denn was derjenige versucht, ist klar: Er setzt bedrohlich wirkende Signale, die dich beunruhigen und dadurch unkonzentriert machen sollen. Und wenn du unkonzentriert bist, passieren dir immer öfter kleine Missgeschicke, die dich um so mehr davon überzeugen, dass hier etwas nicht stimmt. Nun ist das Ego leider ein wenig doof, denn es kombiniert leider ein wenig zu einfach: Der Typ da hat gesagt, dass es mir übel ergeht, mir ist heute das Butterbrot zweimal runtergefallen, ergo der hat Schuld und beeinflusst mich (hat er ja auch gesagt). Das führt zum nächsten Schritt: Die Missgeschicke werden immer mehr, die Unsicherheit immer größer, die Überzeugung, dass dich der Kerl dort "magisch angreift" immer gewisser und so weiter. Irgendwann marschierst du über die Straße und übersiehst vor lauter Zappeligkeit den Laster, der dich prompt auf den Kühler nimmt...
Tantriker würden eine eine solch furchterregende Atmosphäre schaffen, dass selbst Menschen, die wüssten, dass nichts an der schwarzen Magie dran sei, aus Angst zusammenbrechen könnten, kommentierte ein Wissenschaftler in der Sendung. Es würde enormen Mut und starkes Selbstvertrauen erfordern, sie herauszufordern, indem man tatsächlich sein Leben aufs Spiel setzt. Indem er das tat, hätte Sanal den Bann gebrochen und denen, die seinen Triumph erlebt haben, viel von ihrer Angst genommen.

Es hätte also durchaus sein können, dass ein Probant, der sich nicht wie Sanal absolut sicher war, dass der Magier ihm nichts anhaben könne, entweder irgendwann so viel Angst bekommen hätte, dass er aufgegeben hätte oder psychisch zusammengebrochen wäre.

Es gibt, außer der völligen und bis tief in Unterbewusstsein reichenden Überzeugung "der Typ kann mir nichts anhaben", verbunden mit ausgeprägtem Selbstbewusstsein, noch andere Methoden, sich vor vermeintlichen und tatsächlichen "magischen Angriffen" zu schützen. Jens schlägt eine Art "Schutzschirmvisualisierung" vor, die auch bei Alltagsärger wirkt. (Sie wirkt tatsächlich.) Auch die von Außenstehenden gern belächelten Schutzkreisrituale haben in diesem Kontext einen Sinn - weniger als Schutz gegen "schwarze Magie" denn als Trick zur psychologischen Selbstverteidigung. Fromme Menschen können es auch mit Beten versuchen - in solchen Fälle hilft Beten wirksam und sofort!

Ein Rezept, das auch aus Märchen und Mythen bekannt ist, hilft besonders gut, und Sanal wendete es intuitiv mehrmals gegen den "Schadenzauber" Sharmas an:
Lachen bannt!
Wenn man die bösen, bösen und ach so mächtigen Schwarzmagier / böse Hexe / Killer-Tantriker einfach nicht ernst nimmt, sie als die lächerlichen Figuren erkennt, die sie sind, dann haben sie kein Quentchen Macht.

Das gilt nicht nur für die Möchtegern-Schwarzmagier dieser Welt, sondern zum Beispiel auch für "dämonische", suggestive, ihr Publikum zuerst gefangen nehmende und dann an der Nase herumführende Redner.

Meisterhaft setzte Charlie Chaplin diese Mittel in seinem Film "Der große Diktator" ein, und zwar in seiner berühmten Parodie auf eine typische Hitler-Rede, gehalten in einer wage deutsch und sehr nach Hitler klingenden, grotesken Phantasie-Sprache. Damit lenkt Chaplin die Aufmerksamkeit auf die perfekt nachgeahmte Körpersprache und auf die im Grunde einfachen schauspielerischen Tricks Hitlers.
Wer einmal richtig über diese Parodie gelacht hat, der wird wahrscheinlich später auch das "Original" so lächerlich finden, wie es tatsächlich war.
Wenn heute Hitlers Redestil, und damit auch der Stil seiner zahlreichen Nachahmer, bei den meisten Zuhörern eher lächerlich als "ergreifend" oder "dämonisch" wirkt, dann ist das zum großen Teil Chaplins Können zu verdanken.

In meinem Sinne ist Chaplins ein genialer Magier - ohne Tricks und doppelten Boden, ohne Psi-Phänomene und übernatürliche Kräfte.

Das war mir doch zu heiß ...

Im nüchternen Nachrichten-Deutsch heißt es:
Am Rande der Demonstration gegen einen Aufmarsch von rund 1.000 Neonazis in Hamburg ist es (...) zu schweren Ausschreitungen gekommen. Die Polizei sprach von einer "zeitweise recht unübersichtlichen Lage". Ein Streifenwagen und sechs andere Autos standen in Flammen. Es kam zu Zusammenstößen zwischen Linken und Rechten sowie linken Demonstranten und der Polizei.
NDR Online: Ausschreitungen bei Protest gegen rechten Aufmarsch

Das ist allerdings nur die halbe Wahrheit, was man vielleicht daran ersehen kann, dass heute Nachmittag sämtliche S-Bahn-, U-Bahn- und Buslinien um Barmbek herum unterbrochen waren. Schon am Vormittag brannte ein Reifenlager auf dem Gelände einer Tankstelle an der Habichtstraße. Feuer auf der Bahnstrecke brachten den Verkehr der S-Bahn-Linie zwischen Hauptbahnhof und Ohlsdorf zum Erliegen. Die Polizei war offensichtlich unterbesetzt und überfordert: sie hatte zu wenig Kräfte, um Barmbek in der Fläche zu kontrollieren, es gab viele Kleinbrände in Seitenstraßen. Es wird auch von Übergriffen seitens der Polizei gegen offensichtlich friedliche Demonstranten berichtet; ich vermute, die Polizei griff einfach da zu, wo sie noch Zugriff hatte.

Ich muss gestehen, dass ich mich kurz nach zwei auf "Schleichwegen" (ich kenne die Gegend recht gut) verkrümelt habe. Mag sein, dass das feige war, aber die Sache wurde mir zu unübersichtlich und buchstäblich zu heiß - brennende Barrikaden kannte ich der Form nur aus dem Fernsehen. Und schließlich bin ich nicht mehr der Jüngste ...

Ein paar (ungefilterte und sicherlich nicht immer "wasserdichte") Eindrücke von der Situation in Hamburg-Barmbek: de.indymedia.org: 1 mai 08 hamburg - aktuell

Und das Allerletzte: Hamburgs Noch-Innensenator Udo Nagel (parteilos) gab dem Oberverwaltungsgericht eine Mitschuld an den Ausschreitungen. Es hatte einige Demonstrationsauflagen gelockert und die Fuhlsbütteler Straße für die Gegendemonstration freigegeben. M. E. hätten strengere Auflagen und eine andere Route an den Auseinandersetzungen nichts, aber gar nichts geändert, wer brennende Barrikaden errichtet, der hustet auf Auflagen und Ordnungsdienst!
Abgesehen davon wären Anwohnerinnen und Anwohner nach der von der vom Innensenator vorgeschlagenen Route des Neonaziaufmarsches regelrecht "umschlungen" worden. Eine Taktik, die den Verdacht nahe legt, als würden die Gegendemonstranten als die eigentliche Unruhestifter gelten. (Wobei ich die gewalttätigen Krawallniks und Randalekids auf "Antifa"-Seite keine Sekunde in Schutz nehmen will. Randalierende Nazis und jede Menge friedlicher Gegendemonstranten - das wäre deutlich gewesen! *Sarkasmus* Aber eine richtige Straßenschlacht macht sich auch toll in den Nachrichten. Danke, Jungs, habt Ihr prima hingekriegt!*/Sarkasmus*)

Und noch was zum bitteren Lachen: "Polizeisprecher Ralf Meyer sagte, auf beiden Seiten seien Demonstranten schon lange nicht mehr so aggressiv vorgegangen. Es sei aber gelungen, Rechte und Linke weitgehend auseinanderzuhalten, so Meyer."
Da war wohl der Wunsch Vater des Gedanken, Herr Meyer, das war eine ausgewachsene Straßenschlacht, Polizei und Feuerwehr waren total überfordert.

Guter Bericht auf dem NPD-Watchblog: Überforderte Polizei bei Nazi-Aufmarsch in Hamburg. Interessant übrigens, dass so was nicht im Radio (NDR!) kommt:
“Autonome Nationalisten” attackierten zudem ein NDR-Kamerateam, traten eine Journalistin und einen Kameramann mehrmals, zudem griffen sie andere Reporter an und schlugen offenbar einen Fotografen zusammen. Die Polizei griff nicht ein.
Immerhin, NDR online berichtet über den Übergriff auf das NDR-Team aber ohne zu erwähnen, dass die Polizei passiv blieb!

Nachtrag: aufschlussreich, was der "Störungsmelder" schreibt (auch die Kommentare beachten!): Chaos in Hamburg - Autonome Nationalisten verprügeln Polizisten und Journalisten.

Mittwoch, 30. April 2008

Albert Hofmann (1906 - 2008)

Vor gut zwei Jahren bloggte ich das erste Mal von ihm und seinem "Sorgenkind" Albert Hofmann zum 100. Geburtstag, dann immer wieder mal von diesem "Sorgenkind", dem LSD.
Gestern starb Albert Hofmann im Alter von 102 Jahren an einem Herzinfarkt, wobei er noch bis vor einiger Zeit wissenschaftlich gearbeitet hatte. (Kein Argument für die Anhebung des Rentenalters, aber eines dafür, dass Denken - als "geistige Arbeit" und als Meditation - das Gehirn fit hält - und z. T heftige Selbstversuche mit Hallozinogenen ihm nicht weiter schaden.)

Via: cynx.

Montag, 28. April 2008

Update: Gegendemo gegen Nazikundgebung in Hamburg am 1. Mai

Das Hamburger Bündnis gegen Rechts (HBgR) organisiert am 1. Mai eine Gegendemonstration gegen die von der NPD und den "Freien Nationalisten" (überwiegend Neonazis, denen die NPD noch "zu lau" ist) geplante Kundgebung in Hamburg Barmbek.
Getragen wird die Gegendemo von einem breiten Spektrum aus Gewerkschaftlen, AnwohnerInnen- und Bürgerintiativen, politischen Parteien und politischen Gruppen und Organisationen.

Das Ziel: Es sollen sich so viele Menschen in Barmbek versammeln, dass es den Neonazis nicht möglich wird, ihre menschenverachtenden und rassistischen Parolen zu verbreiten. Auch der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) begrüßt die angekündigten Proteste und verurteilt den Aufmarsch der Neonazis.
Antifaschisten protestieren gegen den bundesweiten Naziaufmarsch in Barmbek.

Noch einmal hinweisen möchte ich auf das Freiluft-Konzert mit Deichkind, Samy Deluxy, Jan Delay, Plemo usw. am 29. April (also morgen abend!) am Busbahnhof Barmbek. Info

Update: Es gibt Probleme mit der Genehmigungsbehörde hinsichtlich der Route für die Gegendemonstration am 1. Mai - die Fuhlsbüttler Straße, wichtigste Einkaufs- und Gastronomiestraße in Barmbek, soll für den stark gesicherten Naziaufmarsch reserviert werden, während die Gegendemo deutlich räumlich getrennt auf Nebenstraßen verwiesen wird.

Deshalb haben verschiedene Gruppen vorgeschlagen, sich nach der Demonstration an und in den zahlreichen geöffneten Cafés und Bars der Fuhlsbüttler Straße zu versammeln, in der Hoffnung, dass sich dort so viele Menschen versammeln, dass kein Platz mehr für die Neonazis. Ab 13.00 Uhr lautet also das Motto “Barmbek nimmt Platz!”

Treff für die Gegendemo in Barmbek: 1.Mai 2008, 10 Uhr Wiesendamm.

Noch ein Nachtrag: Wieso schreibe ich das alles hier, es steht doch längst auf dem npd-blog: "Barmbek nimmt Platz!"?

Samstag, 26. April 2008

Kitsch?

"Kitsch" ist einer der schwammigsten Begriffe der deutschen Sprache - und der Kitschvorwurf ein geradezu klassisches Totschlagargument gegen Kunst, die man aus irgendeinem Grunde für minderwertig hält. Oft kann man daher "Das ist keine Kunst, sondern Kitsch!" mit "Das entspricht nicht dem von mir für gültig gehaltenen Kunstkanon" übersetzen.
Den Kitschvorwurf habe ich einige Male "am eigenen Leibe" erleben "dürfen". Ich bestreite gar nicht, dass das, was ich als (Amateur-)Künstler zustande bringe, künstlerisch nicht viel wert ist - und auf dem Kunstmarkt noch weniger.
U.S.S. Enterprise 1799
"Die unsäglichen Schinken mit Segelschiffen auf bewegter See sind das hanseatisch-gutbürgerliche Gegenstück zum berüchtigtem röhrenden Hirsch in Öl." - Folglich ist dieses von mir gemalte Bild Kitsch.

Allerdings habe ich den Eindruck, dass jene, die leicht angewidert von "Kitsch" oder "Trivialkultur" reden, das in erster Linie zwecks Distinktionsgewinn machen. Dabei gibt es eine regelrechte "Distinktionsgewinnhühnerleiter" - in der Literatur geht das z. B. so: Der Simmel-Leser sieht auf die Leser von Heftromanen herab ("Niveauloses Zeugs"), während der Süßkind-Leser auf den Simmel-Leser herabblickt, und ein, sagen wir mal, Grass-Leser nicht selten auf den Süßkind-Leser herabblicken wird, dem seinerseits von einem Kafka-Jünger eine bodenlose Niveaulosigkeit seines literarischen Geschmacks unterstellt wird. (Was mich angeht: ich lese sowohl "Perry Rhodan" wie Kafka. Simmel, Süßkind und Grass zählen hingegen nicht zu meinen Lieblingsschriftstellern.)

Da tut es gut, wenn jemand den Kitschbegriff etwas anders, und zwar treffender, gebraucht:
Und das allerschlimmste ist: Die Grünen wird das gar nicht stören. Ein wenig Öko kreischen und Kultur-ist-auch-wichtig-Rhetorik, und ansonsten geht’s vor allem um die Sicherung der Eigenstumswohnung in Eimsbüttel und die Karrierechancen der Kids des je eigenen Milieus. Und für die Besserverdienenden auch um die Abschottung gegen alle den Kitsch störenden Elemente in Ottensen, dieser Biedermeiner-Idylle für die Etablierten in der Kreativwirtschaft und Waldorfschullehrer.
momorulez in “Eine prominente Front von Gegnern gibt es nicht”: Die Koalition der Friedhofsgärtner
Ich weiß nicht genau, was momorulez unter "Kitsch" versteht. Ich bin da etwas altmodisch und folge einer laut "Wikipedia" "älteren Definition". Kitsch ist falsch:
  • falsch im Ort (etwa: Erzeugnisse der Musikindustrie werden als Volksmusik ausgegeben)
  • falsch in der Zeit (etwa: besungen wird eine heile Welt, die es nicht gibt)
  • falsch im Material (etwa: Verwendung von Klischees statt echter Gefühle)
(Falsch im Material kann auch wörtlich gemeint sein, wenn z. B. ein Stück Polystyrol-Spritzguss so tut, als sei es eine Schnitzerei in Holz. Umgekehrt sollte man sich hüten, alles, was aus Plastik ist, gleich für Kitsch zu halten.)

Genial finde ich Adornos Definition, der Kitsch als etwas "dümmlich Tröstendes" bezeichnete - auch wenn ich mich hinsichtlich dessen, was ich kitschig nenne, keineswegs seiner Meinung anschließe. Adorno schätzte das Wohlgefühl des Distinktionsgewinns für meinen Geschmack zu sehr.

Bezogen auf Wohn-Milieus ist "Kitsch" schlicht Verlogenheit. Konflikte werden aus dem Umfeld herausgehalten oder geleugnet. Eine Form der Wirklichkeitsflucht, in der das "gute" Wohnquartier als Oase der Geborgenheit wirkt. Die (eventuell) in einer gentrifizierten Gegend wie Ottensen vorhandene kulturelle "Szene" ist aus dieser Sicht eher "Service" oder "Deko" - und wird so entwertet.

Was halte ich für kitschig?
Ich finde das Werk zweier Maler, die verschiedener nicht sein könnten,ausgesprochen kitschig - was etwas anderes ist, als dass ich ihre Gemälde für durchweg schlecht halte.
Der eine ist Bernard Buffet. Dieser Maler hat das Pech, sehr früh im Leben sehr erfolgreich gewesen zu sein. Seine gigantische Produktion von mehr als 150 Bildern pro Jahr führte nicht nur dazu, dass seine Gemälde etwas sehr beliebiges hatten - er malte so ziemlich alles, und zwar in einem Stil, dem man schnell überdrüssig wird. Weshalb Buffet, nachdem der Hype (bzw. die Kunstmarktblase) infolge totalen Überdrusses um 1970 geplatzt war, den Ruf hatte, nur ein Fließbandmaler kitschiger Elendsbildern zu sein. Auch wenn Buffet jetzt "wiederentdeckt" wird, bin ich nach wie vor der Meinung, dass Buffet diesen Ruf zurecht hat. Wenngleich einzelne Bilder Buffets im richtigen Zusammenhang durchaus ihren Reiz haben können.

Der andere ist der Fantasy-Maler Boris Vallejo. Ich halte ihn für kitschig, obwohl ich das bei "Gebrauchskünstlern" - Vallejo malt vor allem für Buchtitel und für die Werbung - nicht so eng sehe. Vallejos handwerkliche Fähigkeiten sind beachtlich, der Mann kann malen und zeichnen, und ab und an schafft er surrealistische und phantastisch-realistische Werke, an denen ich mich kaum satt sehen kann. Allerdings: meistens malt er klischeehafte Bilder muskulöser Helden und wenig bekleideter, junger und "gut gebauter" Frauen. Eine mir persönlich bekannte Künstlerin und Kunstdozentin meinte, Vallejos "verschwendet sein Talent", ungeachtet des großen kommerziellen Erfolges seiner Bilder, denn er bedient immer dieselben ausgelutschten Klischees, obwohl man sieht, dass er auch anders könnte.
Besonders stört mich an Vallejo die "Konsum-Erotik" - Motto: Sex sells, aber nur dann, wenn die erotisierende Darstellung nicht verstört und die Grenzen der (in diesem Fall amerikanischen) üblichen Prüderie eingehalten werden.

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